1. Reformationsgeschichte.

Der Forschungsbericht über die Geschichte des deutschen Protestantismus ist drei Jahre ausgeblieben. Für denjenigen, der die so entstandene Lücke auszufüllen versucht, kann es sich nur darum handeln, unter schärfster Begrenzung der Auswahl und unter genauer Befolgung der Anlage dieser Jahresberichte, die manche das theologische Gebiet streifende Erscheinungen (z. B. die territoriale Kirchengeschichte, die christliche Sozialgeschichte) an anderer Stelle behandeln, vorzugehen. Einzelne Gebiete sollen diesmal ganz zurückgestellt werden, so z. B. die Zwingli- und Kalvinforschung, um später in einem geschlossenen Bericht nachgeholt zu werden. Durch die Jubelfeiern der letzten Jahre, die an die großen Ereignisse der deutschen Reformation anknüpfen, hat die Forschung ungemein starke Anregungen erfahren. Dazu tritt der große Einfluß, der von Holls Lutherwerk und der gegenwärtigen Lage der systematischen Theologie im deutschen Protestantismus ausgeht. Dadurch tritt auch das Historisch-biographische hinter den theologiegeschichtlichen Untersuchungen zurück. Wie sich nun aus den vielen Einzeluntersuchungen heraus die Bausteine zu Gesamtdarstellungen ineinanderfügen, das zeigt die wissenschaftliche Arbeit der letzten Zeit. Zwei große historische Werke über Reformation und Gegenreformation liegen vor, vom Göttinger Historiker Karl Brandi (1927, 787, 1930 Nr. 790) und in der Propyläengeschichte, wo der kürzlich verstorbene Münchener Historiker Paul Joachimsen die deutsche Reformation


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behandelt hat ( 772. Vgl. auch S. 178). Beide Werke ergänzen sich. Bei Brandi gibt die straffe Konzentration auf das Politische den Ausschlag, überall werden die geschichtlichen Ereignisse von der Machtpolitik der Fürsten der Zeit aus gesehen. Deshalb steht Karl V. im Mittelpunkt dieser Darstellung, dem ja Brandi auch in der Einzelforschung nachgegangen ist. Dabei will Brandi in der Reformation den bewegendsten und trotz so vieler Enttäuschungen an Menschen und Vorgängen größten Abschnitt unserer deutschen Geschichte in seiner universalen Bedeutung herausstellen. Aber das Theologische tritt hinter dem Politischen zurück. Ganz anders dagegen ist Paul Joachimsen verfahren. Hier erlebt die theologisch-kirchliche Reformation ihre Eigenwertung, und wie Rudolf Stadelmann richtig gesagt hat -- hier ist nicht der Umweg über die kulturfördernde Bedeutung gebraucht. J., der auch sonst das beste Verstehen des Luthertums gezeigt hat, erlebt in der Geschichte der Reformation wirklich die religiösen Elemente nach, auf die als letzte Kräfte alles zurückzuführen ist. Hans v. Schubert hat in seinem Vortrag über die Speyerer Protestation (s. u.) das Zusammenwirken der verschiedensten Motive in der Geschichte in folgenden Worten wiedergegeben: »Die meisten weltgeschichtlichen Entschließungen sind nicht auf ein Motiv zurückzuführen. Es ist falsch zu fragen, ist Konstantin der Große, ist Chlodwig aus politischen oder religiösen Gründen Christ geworden, ist Gustav Adolf aus Politik oder Liebe zu den protestantischen Brüdern nach Deutschland gezogen? Da ist kein Entweder-Oder. Eben das Zusammentreffen verschiedener Motive gibt der Entschließung die gesammelte Kraft, dem Ereignis die hinreißende Wucht. Auch darin besteht die Erfüllung einer Zeit.« Gewiß auch auf die deutschen Fürsten im Reformationszeitalter trifft dies zu. Aber man muß doch den einen Motiven -- und das sind hier die religiösen -- größere Bedeutung einräumen als allen anderen. -- Abgeschlossen liegt mit dem Erscheinen des 2. Bandes die neue Auflage des Lutherwerkes Scheels vor ( 1649). Noch stärker als in der ersten Auflage wird die Umgebung lebendig, in der Luther als Mönch geweilt hat: das Klosterleben in Erfurt und in Wittenberg, die Stadt Wittenberg selbst, Rom, wohin er im Auftrage seines Ordens reiste. Aber alles das bildet nur die Grundlage für die Darstellung der inneren Entwicklung Luthers, die Scheel in Auseinandersetzung mit der reichen modernen Literatur (z. B. Heranziehen der Staupitzpredigten) bis in alle Einzelheiten hinein verfolgt. Scheel ist jetzt geneigt, die religiöse Entscheidung auf das Frühjahr 1514 (vielleicht noch in die letzten Wochen von 1513) zu verlegen. Zur Ergänzung dienen die auch von ihm herausgegebenen Dokumente zu Luthers Entwicklung, die in der Neuauflage teils durch die bessere Gruppierung (1. Rückblick. 2. Zeugnisse 1501--19) und durch das Sachregister für den Forscher unentbehrlich geworden sind (1929 Nr. 1839). Recht geteilte Aufnahme hat Wendorfs Lutherbuch gefunden ( 1650 a). W. will unter Anwendung der strukturpsychologischen Methode die Persönlichkeit Luthers erfassen. Er tut es, indem er von dem zentralen Element des Religiösen ausgeht, um auf Grund dessen die soziale und politische Einstellung zu betrachten. Dabei wird die Frage gestellt, ob wirklich die in diesen beiden Gebieten eigentümlichen Gesetzlichkeiten gewahrt bleiben oder ob durch das Religiöse Modifikationen eingetreten sind. Der Psychologe, der im allgemeinen auf die richtige Anwendung der Methode reflektiert, hat über W.s Buch günstig geurteilt, so Eduard Spranger. Stärkste Bedenken haben die Theologen (vor allem Iwand) geäußert, da eben auch die

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Strukturpsychologie, die sich an die Gestalten der Kirchengeschichte heranwagt, mit den bisherigen Ergebnissen der historischen Theologie zu rechnen hat. Vor allem hätte W. die Selbstaussagen Luthers über seine Person -- was diese bedeuten, hat Karl Holl eindringlichst gezeigt -- aufs stärkste berücksichtigen müssen. Wenn er dies getan hätte, dann wären -- abgesehen von mancher Einzelheit -- die Abschnitte über die soziale (Übergang von kontemplativer zur aktiven Einstellung) und politische Struktur (Luther ein Machtmensch, aber kein politischer Mensch) wesentlich anders ausgefallen. -- Es ist ein Verdienst von H. Volz, daß er die erste Lutherbiographie, die diese Bezeichnung mit Recht trägt -- die Lutherpredigten des Johannes Mathesius --, endlich einmal einer kritischen Prüfung auf Quellen, Tendenz, historische Veranlagung des Verfassers unterzogen hat ( 1682). Daß Mathesius manchmal auf persönlichen Erinnerungen aufbaut, war auf Grund seiner Lebensumstände bekannt; daß er sich eingehend mit Luthers Schriften und mit den Tischreden befaßt hat, daß er auch andere Quellen sich zu verschaffen wußte und sie ausgeschöpft hat, das hat Volz nunmehr nachgewiesen. Dadurch erfährt das Werk eine Wertung, die ihm oft auf Grund seiner Tendenz (Kampf gegen Katholiken und Schwärmer) und seiner Überschätzung Luthers abgestritten worden ist. -- Ganz besonders fruchtbar ist die Forschung, die den verschiedensten theologischen Problemen in der Anschauungswelt Luthers nachgeht. Hier kommt meist die jüngste theologische Generation zu Wort, die in enger Begrenzung auf einen besonderen Schriftenkreis -- meist handelt es sich um den jungen Luther -- und in scharfer Herausstellung eines einzelnen theologischen Problems meist unter sachkundiger Führung Tüchtiges geleistet hat. Hierher gehören die Arbeiten von Iwand, Vogelsang, Gennrich, Hans Michael Müller, v. Löewenich und anderen mehr. Doch auch hier zeigt sich bereits die Neigung zur Synthese. Erich Seeberg plant eine vierbändige Theologie Luthers, die freilich nicht eine ausgeführte Theologie Luthers werden soll, sondern nur die treibenden Kräfte und die Zusammenhänge mit dem MA. aufzeigen will. Wie er ans Werk geht, ist aus dem 1. Band, der von Luthers Gottesanschauung handelt, erkennbar (1929 Nr. 1855). S. betont das Ideengeschichtliche, und zwar soll damit die theologische Stellung Luthers mehr durch einen Vergleich der Totalitäten als durch die Aufhellung der Einzelbeziehungen herausgestellt werden. So werden als Typen der mittelalterlichen Gottesanschauung Thomas, Biel, Tauler und Erasmus der Anschauung Luthers gegenübergestellt. Diese Methode rechtfertigt sich am Ergebnis: Wie eindrucksvoll bricht die im Inkarnationsdogma wurzelnde, in der persönlichen Heilserfahrung gegründete Gottesanschauung Luthers hervor. Ihr gegenüber steht der Intellektualismus der Aquinaten oder die areopagitische Vorstellung vom unbekannten Gott bei Tauler, die Idee vom fernen, unbegreiflichen Gott des Nominalismus, während Erasmus moralistisch-juristisch denkt. Ganz anders ist die Anlage von O. Dittrichs Werk über Luthers Ethik ( 1662). Da das Buch aus den Vorarbeiten zum 4. Band seiner Geschichte der Ethik herausgewachsen ist, verzichtet er mit Recht auf Rückblicke in das MA. und teilt deren äußere Anlage: die Zitatenhäufung, die reichen Quellen- und Literaturangaben, das vorzügliche Sachregister. Die in der Sache gegebene Disposition ist gewählt: die Theologie Luthers als Grundlage seiner Ethik und die Ethik Luthers auf Grund seiner Theologie, so daß der unauflösbare Zusammenhang zwischen Glauben und Handeln aufs schärfste herausgearbeitet ist. Fein ist, daß die

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Grundthese Luthers: Gerecht und Sünder zugleich immer wieder anklingt. Ebenso sind im systematisch-ethischen Teil die Grundbegriffe: Freiheit, Liebe, Gehorsam, Gesetz in ihrer ganzen Bedeutung erfaßt. Aber die Lektüre des Buches ist nicht leicht, da der verbindende und zusammenfassende Text des Verfassers zu stark zurücktritt.

Auf die ersten Anfänge der deutschen Reformation greifen die beiden Arbeiten von M. Burgdorf (1928 Nr. 1407) und Karl Bauer (1928 Nr. 1425) zurück. Burgdorf geht dem Einfluß der Erfurter Humanisten auf Luthers Entwicklung nach, während Bauer Luther als Hermeneut der Bibel in die Wittenberger Universitätstheologie des 2. Jahrzehnts des 16. Jhds. hineinstellt. Burgdorf spricht dem Erfurter Humanistenkreis starke Wirkungen auf Luther zu; vor allem in den Randbemerkungen Luthers zum Lombarden und Augustin glaubt er den antischolastischen Geist der Erfurter wiederzufinden. Aber man bedenke, daß Luther durch seinen Eintritt in das Kloster das neue ethische Ideal dieser Männer, das in dem Kampf gegen das mönchische Leben gipfelte, nicht anerkannte. Bauers Arbeit füllt in der Geschichte der Hermeneutik eine Lücke aus. Wie er die neue Hermeneutik Luthers im Unterschied zur scholastischen und humanistischen herausstellt, gibt seinem Buche besondere Bedeutung. Der Exeget Luther gibt die Auffassung vom vierfachen Schriftsinn auf, er fragt nach dem sensus literalis und verbindet damit die Fragen nach den practica und dem scopus des Textes. Aber Bauer greift weiter -- und hier wird die Kritik einzusetzen haben. Er wendet sich, in seinen eigenen Worten gesprochen, gegen die subjektivistische Verzeichnis des Lutherbildes, das die bisherige Forschung vom Mönch Luther entworfen habe, der seine persönliche religiöse Erfahrung als normativ angesehen hat. Der Doctor biblicus sei in seiner wissenschaftlichen Tätigkeit zum Reformator geworden. Luther wollte nicht seine eigene Weisheit verkündigen, er ist der Doctor biblicus und fühlt sich mit seinem Gewissen an das gebunden, was er mit seiner hermeneutischen Methode als Kern der Schrift gefunden hat. Aber kann man wirklich die religiöse Entwicklung des Reformators, die nach den eigenen Worten Luthers von schwersten inneren Kämpfen erfüllt war, ganz hinter seiner Theologie zurücktreten lassen, darf man Frömmigkeit und Theologie so trennen? -- In zwei Untersuchungen wird die Frage nach dem religiösen Inhalt der Bewegungen gestellt, die durch Luthers Auftreten bewogen ebenfalls den Kampf gegen das überlieferte Kirchenwesen begannen. Blochwitz ( 1658) untersucht die antirömischen Flugschriften aus der Frühzeit der Reformation vor allem auf Grund des Materials in der Berliner Staatsbibliothek. Im kirchlichen Sinn sind sie meist antirömisch, auch wird Luther hier und da genannt, aber Luthers Glaubensgut ist noch nicht durchgedrungen, das Evangelium wird als lex Christi gefaßt, der Verdienstgedanke herrscht vor u. a. Das Bild bleibt das gleiche in den durch Kl. Schottenloher herausgegebenen Flugschriften zur Ritterschaftsbewegung (1929 Nr. 801). Die Abneigung gegen die Kirche des MA. wurzelt tief. Wirtschaftliche und religiöse Gründe haben dafür den Ausschlag gegeben. -- Mehrere andere Arbeiten knüpfen an die Vorgänge aus der deutschen Reformationsgeschichte an, deren in Gedenkfeiern besonders gedacht worden ist. Da ist zunächst das Marburger Religionsgespräch, dessen Verlauf Walther Köhler auf Grund der vorhandenen Berichte zu rekonstruieren versucht hat (1929 Nr. 1880). Wenn auch sich Köhler der Unvollkommenheit eines solchen Versuches bewußt ist --


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die vorhandenen Quellen berichten nicht wortgetreu, bringen die Auseinandersetzungen meist in lateinischer Sprache, für die letzten Verhandlungen ist die beste Quelle (Itinerarium Hedios) sehr knapp -- hat er doch das Material treffend geordnet, auch die Briefe sind herangezogen, so daß die Vorgänge in ihrer Verbindung und Abfolge anschaulich hervortreten. Köhler hat auch in einem Vortrag die beste Darstellung und Wertung dieses Religionsgespräches gegeben (1929 Nr. 1881). Hier geht er von dem Urteil des Theobald Billicanus aus, das sich in dessen Brief an Ökolampad findet: »De Fide erit contentio et de mysterio divinae operationis in nobis.« Damit wird dem Streit um die Deutung der Herrenworte bei der Einsetzung des Abendmahles der Charakter eines sinnlosen Theologengezänkes genommen, den er in pietistisch-aufklärerischer Geschichtschreibung immer getragen hat, und gezeigt, wie es um das Wort ging, um das Gefangennehmen des Verstandes unter den Gehorsam Christi. Köhler sagt: »Die Polarität des Glaubens tritt in Luther und Zwingli in dem Sinn auseinander, daß hier der subjektive, dort der objektive Pol primär wird, hier die Mystik, dort das Wort.« -- 1529 ist auch das Jahr des Speyerer Reichstages, dessen Verlauf durch Johannes Kühn, der die Akten für die jüngere Reihe der Reichstagsakten bearbeitet, aber noch nicht herausgegeben hat, geschildert worden ist (1929 Nr. 805). An diese Veröffentlichung knüpft Hans v. Schubert in seinem Vortrag »Die Protestation von Speyer im Lichte der neuesten Forschung« an (Christentum und Wissenschaft 5, 1929, 233--40), und damit werden die kirchengeschichtlich wichtigsten Fragen herausgegriffen. In Übereinstimmung mit Kühn sieht v. Schubert in dem Ausschreiben des Reichstages ein Erzeugnis der Kanzlei Ferdinands: Dieses Denkmal des Absolutismus und Katholizismus zugleich war auch inhaltlich eine politische Torheit, deren sich Karl V. nicht schuldig gemacht haben würde. v. Sch. verfolgt die einzelnen Stufen der Speyerer Verhandlungen, in denen sich Ferdinand schließlich durchsetzte, so daß die Protestation notwendig wurde. Die Protestation wird in diesem Vortrag gewürdigt als Dokument des politischen Territorialismus, der religiösen Fürsorge für das Seelenheil der Untertanen und der Sorge für die freie Ausbreitung des Evangeliums in Deutschland. -- 1529 ist schließlich das Erscheinungsjahr von Luthers Kleinem Katechismus. Dies gab Johann Michael Reu, dessen großes, noch nicht abgeschlossenes Werk Quellen zur Geschichte des religiösen Unterrichtes in der evangelischen Kirche Deutschlands von 1530--1600 (seit 1904) ihn als besten Kenner der katechetischen Literatur jener Zeit erwiesen hat, Veranlassung, die Geschichte des Kleinen Katechismus zu verfolgen -- manchmal freilich fast in statistischer Übersicht (1929 Nr. 1852). Entstehung, Ausgaben, Übersetzungen, Auslegungen, Verbreitung in der ganzen Welt sind behandelt. Selbst der gegenwärtige Kampf um den Katechismus ist einbezogen. Aus der Fülle des Stoffes sei ausgewählt, daß Reu in den Nürnberger Kinderpredigten von Andreas Osiander und Dominicus Sleupner die weitverbreitetste Auslegung des Kleinen Katechismus nachweist. Dann wird Speners Bedeutung für den Katechismusunterricht stark eingeschränkt, da bereits im Zeitalter der Orthodoxie nach dem Dreißigjährigen Krieg die Wendung zum Katechismusunterricht zu beobachten ist. Aufs beste wird Reus Werk durch den »Historischen Kommentar zu Luthers Kleinem Katechismus« ergänzt, den Johannes Meyer 1929 herausgebracht hat. Es handelt sich nicht um eine katechetische Handreichung für den Pfarrer, sondern um

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eine »historische« Erklärung, die Luthers Gedanken bei der Auswahl des Stoffes und sein Verstehen der einzelnen Artikel dem Leser nahebringt. Daher der Titel: Historischer Kommentar. Wertvoll ist auch die Schilderung der Entstehungsgeschichte des Katechismus, besonders die Verbindung zum Mittelalter ist klar herausgearbeitet. -- Aus der großen Zahl der Einzelarbeiten seien zwei hervorgehoben. H. Werdermann entwirft ein Bild von Luthers Wittenberger Gemeinde aus der Zeit um 1530 (1929 Nr. 1846). Zugrunde gelegt sind die 194 Predigten, die Georg Buchwald aus dem Jahre 1528--1532 veröffentlicht hat. Es handelt sich um gut überlieferte Predigten: Rörers Nachschrift, lateinische Bearbeitung, Aufzeichnungen Lauterbachs. Wertvoll ist, daß unter Benutzung eines begrenzten, gut überlieferten Materials Luther als Gemeindeprediger dargestellt ist, wie es W. im 2. Teil seiner Arbeit tut. Ob aber aus den gelegentlichen Bemerkungen ein richtiges Bild der Gemeinde zusammengesetzt werden kann -- darin sieht W. seine Hauptaufgabe --, erscheint mir sehr fraglich. --Ludwig Pfandl greift in dem Aufwerfen der Frage nach dem spanischen Lutherbild des 16. Jhds. in ein kaum bearbeitetes Forschungsgebiet ein. Freilich, auch er gibt nur eine Vorarbeit. Aus zwei spanischen Berichten vom Wormser Reichstag (der erste anonym, abgedruckt in: Reichstagsakten II, 632, Nr. 88 und der zweite im Brief des kaiserlichen Sekretärs Alfonso de Valdés an den spanischen Humanisten Petrus Martio Anglerius, abgedruckt in deutscher Übertragung in Lessings Werken ed. Lachmann-Muncker 5. Bd.) wird die spanische Beurteilung Luthers gegeben. Auch ein älterer Brief des Valdés, auf den übrigens auch Lessing in seiner Rettung des Cochlaeus ( 1754) aufmerksam gemacht hat, ist herangezogen. Die beiden Berichte geben -- sich gegenseitig ergänzend -- ein anschauliches Bild der Wormser Verhandlungen, aber verraten zugleich, wie verständnislos die Spanier der deutschen Reformation als einer religiösen Bewegung gegenüberstanden.

Was schließlich die Herausgabe von Luthers Werken anlangt, so geht es mit der Weimarer Ausgabe zur Zeit rüstig vorwärts. Ihre Hauptreihe ist fast abgeschlossen. Im 54. Bd. (1928 Nr. 1399) sind die Schriften der letzten Jahre von verschiedenen Herausgebern veröffentlicht. Die noch ausstehenden Bände der Hauptreihe werden nachgeholt. So bringen Bd. 21 (1928 Nr. 1399) und Bd. 22 (1929 Nr. 1848) Stephan Roths Winterpostille von 1528 und Caspar Crucigers Sommerpostille von 1544, veröffentlicht durch Georg Buchwald, womit die Postillenreihe abgeschlossen ist. In Bd. 40 Abt. 3 hat A. Freitag ( 1668) die Vorlesung über die Stufenpsalmen aus den J. 1532/33 herausgegeben. Die Reihe Deutsche Bibel beginnt mit dem 6. Bd. die Neuausgabe des Drucktextes, und zwar der Septemberbibel (Evangelien und Apostelgeschichte), eine historische Einleitung von O. Albrecht ist vorangeschickt (1929 Nr. 1848). In einer angefügten Abhandlung hat A. Freitag über die Zainerbibel als Quelle der Lutherbibel gehandelt und damit die große Bedeutung des mittelalterlichen deutschen Bibeltextes für Luther gezeigt. Er nimmt damit die Einwände auf, die er schon an anderer Stelle (Theol. Studien u. Kritiken 100, 1927/28, 444 ff. und 1929 Nr. 1849) gegen Em. Hirschs Überschätzung der sprachlichen Leistung Luthers in dessen Buch »Luthers Deutsche Bibel« (1928 Nr. 1413) erhoben hatte. Schließlich ist durch O. Clemen als letztes Stück die Ausgabe der Briefe Luthers in Angriff genommen worden ( 1664). Der 1. Band (1501--Anfang 1520) nimmt nochmals zu Degerings Brieffunden erschöpfend Stellung. Die Deutung Degerings


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verfällt der Ablehnung. -- Am stärksten freilich wird die Forschung die so lange erwartete Veröffentlichung der Hebräerbriefvorlesung Luthers aus der entscheidungsvollen Zeit 1517/18 beschäftigen (1929 Nr. 1853, 1854, 1930 Nr. 1665--67). Da nun gleich zwei voneinander unabhängige Ausgaben vorliegen, ist notwendig die Frage nach ihrem Verhältnis gegeben. Beide legen die 1899 entdeckte Vatikanische Handschrift (Glosse zum ganzen Hebr., Scholien zu c. 1--11) zugrunde. Es handelt sich um eine an Fehlern reiche Abschrift einer studentischen Kollegnachschrift (so Hirsch-Rückert). Ficker hat außerdem aus der Dessauer Bibliothek eine studentische Nachschrift, die Scholien zu Kap. 1--5 enthält, und Amsdorfs Hebräerbriefexegese herangezogen. Daß tatsächlich beide Ausgaben nebeneinander benutzt werden müssen, hat Heinrich Bornkamm in eingehender Vergleichung gezeigt (Theol. Lit. Zeit. 56, 1931, 487--94). Von den deutschen Ausgaben ist Vogelsangs Arbeit vorzuziehen. Über die theologische Bedeutung, die doch nicht so groß zu sein scheint, wie man hätte annehmen können, hat Vogelsang in einem knappen Vortrag gehandelt. Teilweise tiefer greifen schon die Anmerkungen Otto Ritschls (Zeitschr. f. Kirchengesch. N. F. XII, 1930, 108--111). -- Schließlich sei darauf hingewiesen, daß in den Schriften des Vereins für Reformationsgeschichte Buchwald ein Lutherkalendarium zusammengestellt hat und Kaweraus Verzeichnis von Luthers Schriften in neuer Auflage vorliegt. Das letztere hat O. Clemen auf Grund der seit 1917 erschienenen Bände der Weimarer Ausgabe und der Briefsammlung von Enders- Kawerau ergänzt (1929 Nr. 1835).


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