Siebenbürgen.

Mit der Frage eines alten Zusammenlebens von Germanen und Urrumänen, die seinerzeit Diculescu von den Gepiden her zu lösen versucht hatte, beschäftigte sich G. Kisch ( 35), der die Goten hierbei in den Vordergrund stellt. Seine Zusammenstellung romanischer Lehnwörter im Gotischen des Ulfilas zeigt eine nicht unbeträchtliche vulgärlateinische Beeinflussung, die den mösischen Provinzialen zuzuschreiben sein wird. Auch die Etymologien rumänischer Wörter, die K. teils als altgermanisch, teils als siebenbürgisch-sächsisch in Anspruch nimmt, dürften in einer Anzahl von Fällen wohl zutreffend sein. Ein anderer Teil hält allerdings einer schärferen Kritik nicht stand. Die Schwierigkeiten auf diesem Betätigungsfeld der Linguistik, das nicht nur germanistische und romanistische sprachwissenschaftliche Schulung, sondern zugleich auch slawistische und magyarische verlangt, sind doch zu groß gewesen. Einzelne offensichtliche Irrtümer hätten hierbei durch Heranziehung von Arbeiten wie der von Treml (Ung. Jbb. 1928 u. 1929) und Jokl (ebd. 1927) wohl vermieden werden können.

In der sächsischen Herkunftsfrage standen wieder die sprachgeschichtlichen Forschungen Scheiners im Mittelpunkt des Interesses. Scheiner selbst trug seinen -- bereits in früheren Jberr. skizzierten -- Standpunkt in mehreren Aufsätzen


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erneut vor ( 36--38): An der Bildung des siebenbürgisch-sächsischen Volkes seien alle deutschen Stämme beteiligt, und zwar besonders ostmitteldeutsche Elemente, die die Lücken der Mongolenverwüstungen von 1241 auszufüllen bestimmt waren. Der inzwischen verstorbene Sachsenbischof Friedrich Teutsch meldete Bedenken gegen einzelne Punkte der Theorie an, an die K. K. Klein weitere Ausführungen knüpfte, vor allem den Hinweis, daß noch im 16. Jhd. die ostmitteldeutschen Gegenden nicht zum »sächsischen« Sprachgebiet gerechnet wurden ( 39). In philologischen Untersuchungen verfolgte K. ferner die Geschichte der Herkunftsfrage von ihren Ansätzen bei Planus Carpinus im 13. Jhd. über die Gotenableitung der Humanisten, die »wittenbergische« Herleitung von den verpflanzten Sachsen Karls des Großen, die deutsche Ableitung des Reformators Honter »vom Rhein und Sachsen«, dessen Brief an S. Münster in seinem Verhältnis zu den Angaben Reichersdorffers geklärt wird, bis zur Ableitung vom Kindergefolge des Rattenfängers von Hameln ( 40).

Einen bedeutsamen Beitrag zur sächsischen Verfassungsgeschichte gab Georg Müller ( 41) durch die Untersuchung des Charakters der Institution der Gräven (gerebiones, comites, judices), die in Dörfern und Marktgemeinden Träger richterlicher und administrativer Befugnisse waren und von den untergeordneten bäuerlichen Dorfrichtern (Hannen, villici) zu scheiden sind. M. zeigt die adelsartige Stellung der Familien dieser deutschen Gräven, von denen er einen Teil schon als Adel aus der Urheimat eingewandert sein lassen möchte. Ganz klar werden wir allerdings in diesen Dingen wohl nicht sehen, bevor nicht eingehende Untersuchungen über die Anwendung des Comestitels im gesamten ma.lichen Ungarn vorliegen. -- Zum Teil führt auch die Untersuchung Reinerths ( 44) über das Stundengebet in der vorreformatorischen sächsischen Kirche bis in die Urheimat zurück: Die mitgebrachten Überlieferungen sind der Entwicklung der Gesamtkirche entsprechend umgestaltet worden. -- Die Verschiedenartigkeit der Gemeindeorganisationsformen der einzelnen christlichen Bekenntnisse in ihren Auswirkungen auf das Volkstum verfolgt Friedrich Müller ( 45) in einer gedankenreichen Studie, die in die Untersuchung der besonderen sächsischen Verhältnisse einmündet und vor der Grenzverwischung oder Verschmelzung von kirchlichen und Volkstumsgemeinden warnt. -- H. Brandsch ( 46) zeigt in Fortführung seiner früheren Untersuchungen, daß die überwiegende Mehrzahl der sächsischen Dörfer -- darunter solche mit zwölf Hauswirten -- bereits im 15. Jhd. Schulen im Sinne der reichsdeutschen ma.lichen Stadtschulen gehabt hat und sucht die Anfänge dieses Schulwesens bis in die Einwanderungszeit zurückzuführen. -- Der um die sächsische Kunstgeschichtsforschung hoch verdiente V. Roth ( 47) entwirft ein reiches Programm für die künftige Arbeit, die über die Bestandaufnahme und die Frage nach der nationalen Zuweisung hinaus kunstgeographische Prinzipien auf die Forschung anwenden soll. Besonderes Gewicht wird mit Recht u. a. auf eingehende Vergleichung siebenbürgischer mit oberungarischen Kunstdenkmälern gelegt. In den Mitteilungen aus dem Baron Brukenthalischen Museum ( 49) wurde unter der Leitung von R. Spek ein gutausgestattetes Organ geschaffen, das vor allem der kunstgeschichtlichen Durchforschung und Bearbeitung der reichen Bestände des Museums dienen wird.

Eine recht brauchbare Arbeit zur Bevölkerungsgeschichte und zur Religionspolitik


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des 18. Jhds. ist die Dissertation von Nowotny ( 56), die auf Grund des Aktenmaterials im Hofkammerarchiv und im Staatsarchiv in Wien sowie im sächsischen Nationsarchiv in Hermannstadt eine Darstellung der Zwangsverpflanzung oberösterreichischer, kärntnischer und steirischer Lutheraner nach Siebenbürgen gibt. Die Transferierungen fallen zum kleineren Teil noch in die Regierungszeit Karls VI., zum größeren in die Zeit Maria Theresias. Das äußere Bild des Verlaufs der Transmigration und der Schicksale der Transmigranten wird, wie wir auf Grund einer genauen Kenntnis des Archivmaterials bestätigen können, in einwandfreier und übersichtlicher Weise geboten. In der Frage der bevölkerungs- und religionspolitischen Bewertung der Aktion, die der Verf. gern in positivem Sinne geben möchte, werden wir unsere abweichende Anschauung in anderem Zusammenhang begründen. -- Einer in einem gewissen Zusammenhang hiermit stehenden Bewegung des gleichen Zeitraums, den herrnhutischen Versuchen, in Siebenbürgen Fuß zu fassen, widmet H. Jekeli ( 57) eine eindringende und lebensvolle Darstellung, die hauptsächlich auf Briefsammlungen, Diarien und Berichten im Unitätsarchiv in Herrnhut und dem Material der Untersuchungsakten im Brukenthalmuseum in Hermannstadt aufgebaut ist. Den Ansatzpunkt bildete die mährische Brüdergemeinde in Unterwinzendorf und die Sendung der Brüder Jäschke und Hirschel im Jahre 1740, die Beziehungen zur Walachei anknüpfen sollten, tatsächlich aber statt dessen in einigen sächsischen Gemeinden Fuß faßten. Den Höhepunkt erreichte die Bewegung durch die Tätigkeit Michael Singers in den 50er und zu Beginn der 60er Jahre. Die Verfolgung von 1763/64 und vielleicht mehr noch das Vordringen des Rationalismus brachte die Bewegung im folgenden Jahrzehnt zum Erlöschen. Die Arbeit zeigt, daß die nüchtern-rationalistische Religiosität den Sachsen nicht unbedingt arteigen ist, da die Herrnhuter ebenso wie vor ihnen die Pietisten sehr rasch Widerhall im Lande zu wecken vermochten. Da durch den Verzicht auf die Benutzung des Staatsarchivs in Wien die Haltung der Regierung und die Rolle, die die Bewegung in den prinzipiellen religionspolitischen Erwägungen der Staatsleitung gespielt hat, unberücksichtigt bleibt, gedenken wir, gelegentlich noch eine Ergänzung in diesem Sinne zu geben. Eine Episode aus dem habsburgischen Kampf um die Katholisierung Siebenbürgens beleuchtet G. A. Schuller ( 58) durch die Publizierung und geschichtliche Einordnung einer Denkschrift des Grafen Hadik, der sieben Jahre nach seinem kühnen Vorstoß auf Berlin zum kommandierenden General und Gubernator Siebenbürgens ernannt worden war. Er hält sich ungefähr im Rahmen dessen, was von katholischer Seite zum »Schutze« des »unterdrückten« Katholizismus gemeinhin gefordert wurde, ist aber von den Feinheiten des großen Boriéschen Rekatholisierungsplanes weit entfernt. -- Die Bedeutung des protestantischen Gegenspielers, Samuels von Brukenthal, und seine Stellung in der kulturellen Entwicklung Siebenbürgens sucht Pomarius ( 59) durch die Herausarbeitung der in ihm sich stoßenden und zu einer Synthese ausgeglichenen Gegensätze der bürgerlich-sächsischen Volksverbundenheit und des klerikal-dynastischen österreichischen Absolutismus zu kennzeichnen.

Einen bedeutsamen Versuch, die Ergebnisse biologischer Forschung auf die Geschichte des deutschen Volksbestandes in Siebenbürgen anzuwenden, stellt Siegmunds »Deutschendämmerung« dar ( 60). Im Zentrum des Buches steht die These, daß die zahlreichen dem Deutschtum im Laufe der Jahrhunderte


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ganz oder teilweise verlorengegangenen Gemeinden nicht eigentlich durch äußere Katastrophen, wie Krieg und Pest, ihren Untergang fanden, sondern durch langsame Verdrängung durch einsickerndes fremdes Volkstum, das in den jeweiligen Zeitverhältnissen lebensfähiger war. Mögen auch die Quellenbelege für den älteren Volks- und Raumbestand des Sachsentums nicht immer einwandfrei sein und in ihrer Auswertung hier und da methodische Mängel zeigen (vgl. die Rezension von K. K. Klein in Siebenbürg. Vjschr. 1932 und die daran anknüpfende Kontroverse), so können wir aus unserer Kenntnis des Quellenmaterials die Anschauungen und Ergebnisse der Deutschendämmerung in den Hauptpunkten durchaus nur unterschreiben, mit Einschluß der volkstumspolitischen Forderungen, die daraus abgeleitet werden.


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