§ 73. Vereinigte Staaten von Amerika

(F. Schönemann)

(Die in Winkelklammern gesetzten Zahlen beziehen sich auf die Bibliographie S. 815.)

Das Deutschtum in Amerika feierte am 6. Oktober 1933 den Tag der Gründung von Germantown in Pennsylvanien. Vor 250 Jahren kam nach William Penns Kolonie die erste Gruppe deutscher Einwanderer, nachdem vorher schon Deutsche vereinzelt als Pioniere erschienen waren. Aber erst die Gruppensiedlung unter der Führung von Franz Daniel Pastorius machte den Anfang der deutschen Geschichte in Nordamerika. Pastorius widmet denn auch der Pionier- Historiker des Deutschamerikanertums A. B. Faust seinen Vortrag, den er am 29. Oktober 1933 in Cincinnati gehalten hat < 1>.


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Das Vorwort betont die Bedeutung Cincinnatis für die deutschamerikanische Tradition. Der Text arbeitet die Persönlichkeit Pastorius' heraus, der nicht einfach »ein Produkt des Pietismus« war. Er ist »eher ... ein verwandter Geist, der durch dieselbe Evolution des Großen Religiösen Erwachens ging, wie es die zweite Hälfte des 17. Jh.'s kennzeichnete« (S. 9). Seine Leistungen als Schulmeister, Schriftsteller und im ganzen als verantwortungsvoller Mann des öffentlichen Lebens werden eindrücklich dargestellt. Endlich betrachtet Faust das Soll und Haben des Deutschamerikanertums, ein gewisses Versagen in der Politik Amerikas und in der Erhaltung der deutschen Kultur, vor allem der deutschen Sprache als Tor zur deutschen Volkskultur.

Pfund < 2> berichtet kurz über 1. Germantown, 2. den 2. Deutschamerikanischen Kongreß vom 6. 10. 33 und 3. die lokalen Germantown-Feiern. --Meynen < 3, 4> stellt alles bekannte Material über die Geschichte und amerikanische Bedeutung von Germantown zusammen. Für die deutschamerikanische Geschichte besonders wichtig war diese Siedlung; denn über ihre Hauptstraße zogen bis Ende des 18. Jh.'s etwa 70_000 deutsche Einwanderer landeinwärts; hier bildete sich ein gewisser geistiger und wirtschaftlicher Mittelpunkt für die benachbarten deutschen Landbezirke; hier entstand auch ein reges koloniales Kulturleben (Drucker Christoph Sauer; Mutterkirchen der deutschen Mennoniten und Baptisten; Denkmal des lutherischen Patriarchen Melchior Muehlenberg). »Als Graf Zinzendorf, der Herrenhuter, 1741 die in viele Religions- und Kirchengemeinden zersplitterten Deutschen des Landes in eine deutsche protestantische Kirche Pennsylvaniens zu einen plante, bildete wiederum Germantown den Ausgangspunkt der Predigten.«

Kolonie und Staat Pennsylvanien bleiben von größter Bedeutung für die deutschamerikanische Geschichte. Das deuten nicht allein Germantown und »Concord« und der Name »Pennsylvania Dutch« an, der amerikanisches Gemeingut geworden ist und tatsächlich ein überaus merkwürdiges Weiterleben deutscher Religiosität, Sitte und Geisteskultur zeigt. Das wird jetzt auch durch eine große dreibändige Veröffentlichung von Dr. Ralph Beaver Straßburger, dem Präsidenten der Pennsylvania German Society, über die »Pennsylvania German Pioneers« erwiesen < 5>. Das Werk ist jenen deutschen Pionieren und ihren Nachkommen gewidmet, »die sich durch die Vereinigten Staaten verstreut haben, und deren Fleiß, Patriotismus und Leistungen eine wichtige Rolle bei dem Aufbau unserer (amerikanischen) Nation gespielt haben«. Es ist eins der wichtigsten Quellenwerke der deutschamerikanischen Geschichtsforschung und auch für die deutsche Auswanderungs- und Familiengeschichte von unschätzbarem Werte. Als Herausgeber zeichnet Dr. William John Hinke vom Auburn Theological Seminary, eine Autorität für die deutschpennsylvanische Forschung, der sich nach Herrn Straßburger das größte Verdienst um diese Veröffentlichung erworben hat.

Straßburgers Vorwort unterstreicht die Wichtigkeit der vollständigen Schiffspassagierlisten des Hafens von Philadelphia, weil hier von allen Kolonien und Häfen allein solche Listen geführt wurden. Sie waren dem Mißtrauen der Engländer zu verdanken, die als Penns Agenten und Beamten mit einer gewissen Unruhe sehen mußten, wie auf Penns Einladung eine so große Masse Europäer einwanderten, die nicht ihre Sprache redeten und nicht an ihre Regierungsform gewöhnt waren. Schon Gouverneur William Keith hatte 1717 eine


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Art Einwanderungsgesetz dagegen angeregt, aber erst 1727 wurde es durchgeführt, dergestalt daß alle ankommenden Europäer bei ihrer Ankunft einen Eid der Treue gegen die britische Krone leisten mußten. Der wurde zwei Jahre später noch durch einen besonderen Eid der Treue gegen den Besitzer der Kolonie (proprietor) und deren Gesetze erweitert. Und zwar galt das für männliche Ankömmlinge über 16 Jahr. Diese eidlichen Erklärungen wurden vor Amtspersonen abgegeben und von ihnen registriert. Die Urlisten mit den Unterschriften befinden sich noch heute im Besitz des Staats Pennsylvanien. Sie werden hier zum erstenmal vollständig veröffentlicht und bilden zusammen mit den sogenannten Kapitänslisten die Grundlage für alle pennsylvanischen Genealogien.

Hinkes Einführung gibt die Geschichte der abgedruckten Einwandererlisten im einzelnen und damit zugleich eine Darstellung der Anfänge der deutschen Einwanderung in Pennsylvanien. Damit präzisiert er auch die oft wiederholten Tatsachen der Germantown-Gründung < 1--4>. -- Des Lutheraners Henry Melchior Muehlenbergs ausführlicher Bericht nach Halle vom 9. Juli 1754 (in: Hallesche Nachrichten, N. A. II 194 ff.) wird zum Ausgangspunkt genommen und durch interessante Tatsachen ergänzt. Jener Gouverneur Keith z. B. wurde 1717 durch die Ankunft von 3 Schiffen mit 363 Pfälzern beunruhigt, und auf Verfügung seines »Council« mußten zwei Tage später die Kapitäne der drei Schiffe mit den Listen der eingeführten Passagiere erscheinen. Zehn Jahre später kam es zu der systematischen Aufnahme der Ankunftslisten. Die Angst vor den Eingewanderten (»a government scare« nach Hinke) legte sich. Hinke (XXII) zitiert nach den »Colonial Records« sogar den Gouverneur George Thomas 1738, der ausdrücklich feststellt, »that the present flourishing condition of it (i. e. der Provinz) is in great Measure owing to the Industry of those people«, eben der Protestanten des »Palatinate and other parts of Germany«.

Die Kapitänslisten sollten nach der genauen Vorschrift des Council alle eingeführten Personen enthalten, außerdem deren Berufe und die Herkunftsorte. Leider haben sich die wenigsten Schiffsführer daran gekehrt, sondern die Listen nach eigenem Geschmack hergestellt. Bis 1740 mußten die Kapitäne sogar die Richtigkeit der Listen vor dem Provincial Council bestätigen, nachher unterblieb das wieder. Bis 1736 wurden diese Listen den Akten des Council beigefügt, später aber nicht mehr, und so gingen die meisten der Listen verloren. Von 324 Schiffen zwischen 1727 und 1775 sind nur noch die Kapitänslisten von 138 vorhanden. Ähnliches Schicksal erfuhren die Listen derer, die ihren Treueid mit Namensunterschrift bestätigt hatten, auch davon sind nur 138 Listen erhalten geblieben, und zum Glück nicht alle von denselben Schiffen der Kapitänslisten.

Aber noch eine dritte Sorte Listen ist zutage gekommen. Seit 1729 wurde von allen Eingewanderten ein Abschwören jeder katholischen Absicht oder Loyalität verlangt (oath of abjuration, S. XXVI; 13 ff.). Diese Unterzeichnerlisten sind in gebundenen Büchern sorgfältig bewahrt worden. Sie sind bis zum 9. Oktober 1775 vollständig. Nach Hinkes Zählung ergibt sich für die Zeit von 1727 bis 1775 eine Gesamtzahl von 65_040 in Philadelphia eingewanderten Deutschen.

Nach dem amerikanischen Revolutionskrieg wurden neue gesetzliche Regelungen gemacht, und 1785 wurde Col. Lewis Farmer als erster »Register of German passengers« in Philadelphia bestimmt. Sogar ein Gesundheitsbeamter


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wurde im Zusammenhang damit bestellt. Die neuen Kapitänslisten sind nach Belieben mager oder reich an Information: das Alter und Aussehen der Passagiere wird manchmal beschrieben, manchmal wieder der Beruf, der Geburtsort, das Herkunftsland, der Familienstand, aber auch der Kontrakt zwischen Kapitän und Fahrgast! Die Listen des III. Bandes (1785--1808) verzeichnen 175 Schiffe mit 9263 Namen.

Der Abschluß der Listen mit dem Jahr 1808 erklärte sich z. T. aus der politischen Weltlage und Amerikas Stellung zur englisch-französischen Auseinandersetzung. Amerikas »Selbstblockierung« (Embargo von 1807 ff. ...) unterband praktisch jede Einwanderung. Außerdem aber hatte die Bundesverfassung (9. Sektion des 1. Artikels) ab 1808 eine Kopfsteuer von ^$ 10.-- für jeden Einwanderer verfügt. 1819 kam das erste Bundesgesetz zur Einwanderungsregelung zustande, und damit gelangte die Listenführung aller Einwanderer von der einzelstaatlichen Kontrolle in die der Bundesregierung.

Von den Dokumenten im Besitz der Eingewanderten werden einige interessante veröffentlicht (I Einführung XXVIII ff., III Einführung XVI f.), so verschiedene Pässe und pastörliche Empfehlungsschreiben und ein Geleitbrief des reformierten Pastors in Essenheim (Pfalz) für Johann Michael Paulus und seine Ehefrau Katharine. Dieser Paulus langte am 3. September 1742 mit Johann Andreas Straßburger in Philadelphia an. Noch heute besteht die reformierte Familie Paulus, und der Nachkomme jenes Straßburger ist der Herausgeber des vorliegenden Werks. -- Kulturgeschichtlich aufschlußreich ist ein Freilassungsbrief des Erzbischofs von Mainz für Johann Valentin Griesheimer (aus Lamperheim) vom 28. April 1730, worin bei der Rückkehr in die Heimat »Selbiger alsdann ipso facto mit voriger Leibeigenschafft wieder afficiret und ohne weitere Erkanntnus Uns zugethan seyn solle.« Und ebenso bemerkenswert ist ein Auswanderungserlaubnisschein vom Fürsten zu Isenburg und Büdingen für Heinrich Gerhard Diener aus Birstein vom 13. Mai 1751. Ob solche Erlaubnis wirklich oft erteilt oder oft nachgesucht wurde? Die Zeit der eigentlichen Auswanderungs verbote ist aber später. So besitze ich z. B. »Serenissimi Edict, gegen das Auswandern der Unterthanen in fremde Lande, und insonderheit nach Amerika«, d. d. Braunschweig, den 29. März 1784. Darin wird noch ein Kayserl. Edict vom 14. Jun. 1770 angezogen, daß alles Auswandern »hart verboten«.

Straßburgers Werk ist musterhaft gedruckt und würdig ausgestattet. Die Listen mit ihren zahllosen oft unleserlichen Namen wurden mit geradezu rührender Sorgfalt zusammengestellt und im II. Band sogar mit Faksimile-Unterschriften (1727--1775) veröffentlicht. Eine Reihe wertvoller Illustrationen wie die Karte der Pfalz (Homann-Atlas v. J. 1716), Porträts der verschiedenen Penns und Gouverneure, des Philadelphier Hafens, einige Auswandererschiffe und pennsylvanische Orte und Bauten veranschaulichen den Text höchst wertvoll. Und nicht zuletzt gebührt den Indices von fast 500 S. Umfang mit 50_000 Namensreferenzen höchstes Lob.

Straßburger hat 1930 einen Jahrespreis von eintausend Dollar für das jeweils beste deutsche Amerika-Buch des Jahres gestiftet und sich damit sehr um die Freundschaftsarbeit zwischen Deutschland und Amerika verdient gemacht. Aber für seine Herausgabe der »Pennsylvania German Pioneers« gebührt ihm der bleibende Dank der deutschen Geschichtsforschung. --


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Angesichts des geringen Wissens, das wir über die katholischen Deutschamerikaner immer noch haben, verdienen die Arbeiten von Schrott und Roemer < 6, 7> besondere Beachtung. 1634 gilt als der Anfang der katholischen Kirche in Maryland, und sehr bald danach haben sich auch Deutsche um diesen Anfang verdient gemacht. Ein Deutschböhme Augustin Herrmann war Landvermesser in Maryland und entwarf dessen erste Karte. Genau so wie in der amerikanischen Union das deutsche Element nur dem angelsächsischen nachsteht, haben Deutsche Wesentliches zum Wachstum des amerikanischen Katholizismus beigetragen. Leider fehlt es hier auch wie bei der allgemeinen Geschichte des Deutschtums in Amerika an gründlichen Quellenstudien. Viel ist bereits versäumt, und wertvolles historisches Material unwiederbringlich verloren. Aber es ist immer noch genug vorhanden und harrt der Forschung, wie Schrott im Vorwort zu seiner Studie schreibt, die ihrerseits nicht mehr sein will als »a coherent compilation«, aber mit vielen wertvollen Literaturnotizen und Anmerkungen.

Schrott behandelt in 8 Kapiteln die deutschkatholischen Berührungen mit Nordamerika (1600--1767), die Gründe für die Auswanderung, die Lage der deutschkatholischen Auswanderer in Amerika, das Wirken der Deutschen in Louisiana (1718--1803), die Ankunft deutscher Pionierpriester 1741, die Arbeit der deutschen Geistlichkeit, deutschkatholische Erziehungsprobleme und endlich das Laientum von 1734 bis 1784. Das soll auf dem Hintergrund der deutschen Geschichte gegeben werden, aber da bleibt der Verf. gelegentlich in einer engkonfessionalen Auffassung hängen (sein Hauptgewährsmann ist J. Janssen!).

Wichtig für die koloniale Kirche in Amerika erwies sich das Jesuitenkolleg in Lüttich (1614 gegründet), das entscheidend von Kurfürst Maximilian von Bayern unterstützt wurde. Daraus entstanden verschiedene interessante bayrisch-amerikanische Beziehungen, u. a. auch Kolonisationspläne des Kurfürsten Ferdinand Maria in Manhattan Island und Nachbarschaft (1664). Ehe aber Holland verkaufen konnte, hatte sich England das Land angeeignet, und New York entstand aus New Amsterdam. -- Deutsche Jesuiten spielten bald eine Rolle in der kolonialen Kirche. Hervorragten z. B. der Pfälzer Theodor Schneider (1703--1764), der Westfale Wilhelm Wappler (1711--1781) und der Rheinländer Jakob Pellentz (1728--1800). -- Die Frage, ob der berühmte Pater Kino (1645 bis 1711) ein Deutscher war, wird von Schrott (S. 6 ff.) als sicher hingestellt, aber nicht bewiesen, wohl aus fehlender Einsicht in die Jesuiten-Archive, die »Indipetae« (1661--1730). -- Deutsche haben auch »den katholischen Weg« von Maryland, das sich bald den »Päpstlichen« verschloß, nach dem allein toleranten Pennsylvania mitgemacht, wo sie vielfach in Berührung mit deutschen Protestanten kamen. Im großen und ganzen zeigten beide Konfessionen denselben deutschen Charakter und dasselbe kulturelle Streben, wenn auch den Katholiken so bedeutende geistige Führer wie Pastorius, Graf Zinzendorf, die Muehlenbergs u. a. fehlten. Auch in William Penns Kolonie mußten alle Katholiken von 1692 bis 1775 auf öffentliche Ämter verzichten, was ihr geringes Hervortreten in der Öffentlichkeit und ihre entsprechend geringe Beachtung durch die Historie genügend erklärt.

Schwieriger als in Penna. ist die Erforschung des deutschkatholischen Elements in Louisiana, wo viele deutsche Namen verunstaltet oder einfach französiert


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wurden, wo aber die »German Coast« noch 1803 durch den letzten französischen Kolonialpräfekten Laussat höchste Anerkennung erhielt (la plus industrieuse, la plus peuplée, la plus aisée, la plus honnête, la plus estimée ...; Schrott, S. 32). Im ganzen ist Schrott der Nachweis gelungen, daß der Anteil der Deutschen an der katholischen Kirche in Amerika groß war, und daß ihr geschichtliches Verdienst hinfort unmöglich übersehen werden darf.

Roemer behandelt die Begründung und Leistung der Wiener Leopoldinen- Stiftung (1829--1839). Sie wurde von dem deutschen Priester (späteren Bischof von Detroit) Rese angeregt und von Kaiser Franz I. großzügig begründet. In den ersten zehn Jahren brachte sie über 170_000 Dollar auf, die verschiedenen Bischöfen zu verschiedenen Zwecken dienten (S. 155, 158). Im Jahre 1835 wurde sie angegriffen durch den amerikanischen Erfinder des Telegraphen Morse, der eine alarmistische und »nativistische« Schrift veröffentlichte: »Imminent Dangers to the Free Institutions of the United States through Immigration and the Present State of Naturalization Laws«. Er unterschob jener Stiftung geheime politische Pläne der kaiserlichen Regierung Österreichs (Metternich!). Roemer kann durch sorgfältige Auswertung der »Berichte« der L.-St., von zeitgenössischen Berichten amerikanischer Bischöfe und von Briefen amerikanischer Priester die Morseschen Unterschiebungen leicht ad absurdum führen. Seine Untersuchung »firmly establishes the fact that the Society was not Austrian nor German in spirit, but entirely Catholic. The benefits it bestowed were benefits for the Catholic Church« (S. 205). Das ist wichtig zu wissen, für jeden, der sich für die Geschichte des katholischen Deutschtums in Amerika interessiert.

Roemer ist seinem Sondergebiet mit seiner ausgezeichneten Doktorarbeit über den Ludwig-Missionsverein treu geblieben. Er folgte dabei Anregungen von Dr. Peter Guilday, dem Biographen des Bischofs John England. Auf Grund eines umfassenden Materials im Archiv des Vereins (u. a. etwa 2300 amerik. Briefen) und in den Münchner und Einsiedler »Annalen« behandelt er die Begründung (1838) und mannigfaltige Wirkung des L.-M.V., seine Beziehungen zu Amerika, zur deutschamerikanischen Priesterschaft, zur Seminarbildung, zu den religiösen Orden und Schwesterschaften, zur Weltgeistlichkeit, endlich zum Wachstum der Kirche in den Vereinigten Staaten.

Alleiniger Zweck des Vereins lag in der Sammlung und Verteilung von Geldmitteln zur Förderung katholischer Missionen in Asien und Amerika. Anreger war wieder Bischof Rese. Von 1844 bis 1916 wurde ungefähr eine Million Dollar nach Amerika gespendet (S. 138 ff.). König Ludwig I. wachte eifersüchtig darüber, daß die Gelder in erster Linie Deutschen zugute kamen. Deshalb geriet er in einen Gegensatz zu irisch-amerikanischen, meist bischöflichen Bestrebungen, die Deutschkatholiken alle Missionsalmosen versagen wollten, um sie in englischsprechende Gemeinden und eine möglichst schnelle Vermischung mit andern Katholiken zu zwingen, was sich aber viele deutsche Katholiken nicht gefallen ließen, während andere sich lieber mit deutschsprechenden Protestanten verbanden und eher ihren katholischen Glauben als ihre Muttersprache aufgaben. Es zeugte auch für das unbeirrbare Deutschtum König Ludwigs, daß er sich von der »Society of the Propagation of the Faith« in Lyon nicht von seiner klaren Linie abbringen ließ. Selbstverständlich sorgte er schließlich auch für die allgemeinen religiösen Belange der katholischen


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Kirche in Amerika, wenn er deutschen Auswanderern die deutsche Kirche und Schule erhielt und ihnen so einen lebendigen Zusammenhang mit der alten deutschen Heimat sicherte. Seine besonderen Freunde waren dabei die Redemptoristen, die Benediktiner, später die Franziskaner und Kapuziner und sämtliche Schulorden und Schulschwestern, aber selbst die Jesuiten (bes. der österreichische Pater Franz Xaver Weniger) gingen nicht leer aus, wofern sie nur den Deutschen seelsorgerisch, erzieherisch und praktisch halfen.

Wotschke < 8> bespricht die geistliche Versorgung der protestantischen Pfälzer in Amerika an der Hand von Briefen aus dem 17. Jh. über die Ausreise einiger Priester nach Pennsylvanien über England. Zu den Pioniermühsalen wird auch die schwierige Beschaffung geistlicher Lektüre gezählt. Unter den Pietisten werden besonders Schneider Johann Berndt von Düren und David Falckner erwähnt.

Hartnack < 9> setzt frühere Studien über die Siegerländer Auswanderung fort (s. Siegerland, Bd. VIII, S. 4--18; 49--57) und skizziert an der Hand neuen Materials die mutmaßliche Siedlung von Germania in Pennsylvanien. Im ganzen findet er mehr Spuren Wittgensteiner als Siegerländer Auswanderung. Er nennt auch den amerikanischen Begriff »Palatine« (Pfälzer) mit Recht irreführend. Es ist ein bequemer Sammelbegriff, unter dem sich ein gut Teil andersartigen Deutschtums verbirgt. -- Familiengeschichtliche Einzelheiten bringt seine Studie über Johann Heinrich und Johann Friedrich Häger (1684--1721?). Der jüngere Häger war ein Pionier der Reformierten Kirche in Amerika. -- Der Verf. stellt noch fest, daß »drüben« viel Familienkunde, wenn auch manchmal in romantischer Weise, getrieben wird. (Im Staat Pennsylvanien allein halten über 300 Familienverbände ihre Jahresversammlungen ab.) So wollte eine Familie Hüster (Hister) adligen Ursprungs sein, stammte aber in Wirklichkeit von Wittgensteiner Leibeigenen ab. Ähnlich steht's mit einer Familie Kemper. In diesem Zusammenhang wird sehr richtig die Wichtigkeit der pennsylvanischen Treueids- und Schiffkapitänslisten erkannt, was nunmehr durch die Straßburger-Veröffentlichung erhärtet ist. -- Von sonstigen Einzelheiten noch die Geschichte eines Schiffsunfalls, der Strandung der »New Era« i. J. 1854, bei der von 427 Personen an Bord über 300 verlorengingen. Gerettet wurde u. a. ein David Strahl mit Frau, gebürtig aus Siegen in Preußen. -- Schließlich ein kurzer Lebensabriß von Joh. Gerlach Brühl, einem katholischen Pfarrer (geb. 1802), der 1835 nach Baltimore ging. Sein Neffe Gustav Brühl in Cincinnati genoß unter dem Namen »Karl Georg« einen gewissen schriftstellerischen Ruf.

Die von A. Busse < 10> mitgeteilten sechs Briefe Gottfried Kinkels an Karl Schurz sind zwischen 29. 8. 1852 und 2. 3. 1868 geschrieben. Sie behandeln außer vielem Persönlichen u. a. in I: amerikanische Reisepläne von Schurzens Vater, der sich in London befand, in II: die Möglichkeit einer preußischen Amnestie, in III: englische und amerikanische Anleihen und die Unterstützung des an Kinkels Befreiung beteiligten Gefängniswärters, in IV: (1858) antienglische Stimmungen anläßlich des indischen Aufstands. England wird mit Rußland und Deutschland vor 1848 verglichen. Auch der V. Brief v. J. 1868 ist gleich den ersten vier aus London geschrieben. Kinkel zeigt sich über Schurzens politische Agitationstätigkeit unterrichtet. Der Plan seiner Züricher Professur hat sich zerschlagen. »In Deutschland ist wohl viel Regierung, aber keine Hoffnung. Die Nation will mit Preußen an der Spitze gehen, und Preußen


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will nicht an der Spitze gehen.« Anleihegelder sollen an Garibaldi gesandt werden, was Kinkel ablehnt. Im VI. Brief v. J. 1868 aus Oberstraß bei Zürich wird Schurzens Erscheinen in Deutschland kurz erwähnt, dann die amerikanische Politik besprochen. Präs. Johnson wird würdelos genannt. »Allein die große Republik übt jetzt auf Europa den gewaltigen moralischen Eindruck nicht, den man ohne diesen Merry Andrew nach Eurem großen Waffensieg hätte erwarten sollen.«

Ibrüggers Buch < 11> hat ein Motto, das sich auch jeder Chronist der Deutschen Geschichte in Amerika vorbehaltlos zu eigen machen kann: »Es gibt nur eine Sünde: Vergessen!« Soweit es die vielartigen Erlebnisse eines deutschen Kriegsgefangenen in einem amerikanischen Lager auf französischem Boden schildert oder in eigenen Worten: den Weg vom Toten Mann zum Sternenbanner, so weit ist es echt und wertvoll. Es ist ergreifend zu lesen, wie der schlichte Deutsche unter seinen amerikanischen Feinden immer mehr Deutschsprechende findet: »Deutsche gegen Deutsche ... Weltgeschichte, wo bleibt dein Sinn?« (S. 85, auch 101). Aber darüber hinaus kommt es zu hastigen Verallgemeinerungen, z. B. »Die (?) Amerikaner selbst wollen von Versailles nichts wissen« (S. 234), und zu unhaltbaren Behauptungen, von dem ziemlich oberflächlichen geschichtlichen »Rückblick« ganz zu schweigen. Die für das Nachwort benützte Literatur verrät eine gewisse Halbheit, die zu der kernigdeutschen Gesinnung und der einfachen Wahrheit des Tatsachenberichts nicht stimmt.

F. Schönemanns historisch-kritisch fundierter Bericht < 12> von seiner amerikanischen Vortragsreise im Winter 1933 soll u. a. auch zum besseren, und zwar nüchterneren Verständnis des Deutschamerika von heute anleiten.

1 Faust, Albert B.: Francis Daniel Pastorius and the 250th Anniversary of the Founding of Germantown. Philadelphia, Carl Schurz Memorial Foundation, Inc., 1934, 22 S.

2 Pfund, H. W.: 250 Jahre Deutschamerika. In: D. Auslanddeutsche, Jg. 16, S. 591--593.

3 Meynen, E.: Germantown, Pennsylvanien 1683--1933. In: Deutsche Arbeit, Jg. 34, H. 4.

4 Meynen, E.: Germantown, Pennsylvanien 1683--1933. In: Die Heimat (Krefeld), Jg. 13, S. 105--112. Auch als Sonderdruck erschienen, Berlin 1934, mit 10 Bildern vom ursprünglichen Gemeindeplan und verschiedenen Gebäuden und Denkmälern Germantowns.

5 Straßburger, Ralph Beaver: Pennsylvania German Pioneers. A Publ. of the Original Lists of Arrivals in the Port of Philadelphia from 1727 to 1808. Ed. by William John Hinke. Vol. 1--3. -- Norristown, Pa.: Pennsylvania German Soc. 1934. 4. 1. 1727--75. 2. Facs. signatures 1727--75. 3. 1785--1808. Indexes.

6 Schrott, Lambert, O. S. B. -- Pioneer German Catholics in the American Colonies (1734--1784). By Lambert Schrott. -- The Leopoldine Foundation and the Church in the United States (1829--1839). By Theodore Roemer. -- New York: Soc. 1933. XVIII, 211 S. 8. (U. S. Catholic Historial Soc. Monograph Series. 13.)

7 Roemer, Theodore: The Ludwig-Missionsverein and the Church in the United States (1838--1884). Diss. -- Washington: Univ. 1933. XII, 161 S. 8. (The Catholic Univ. of America. Studies in American Church History. 16.) Bespr. Rev. hist. eccl. T. 30, S. 921 (E. A. Ryan)



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8 Wotschke, T.: Von der geistlichen Versorgung der Pfälzer in Amerika. In: Bll. pfälz. Kirchengesch., Jg. 10, S. 164--175.

9 Hartnack, K.: Heimat und Welt. Einige Beiträge zur Geschichte der Siegerländer Auswanderung nach Nordamerika. In: Siegerland, Bd. 16, S. 128--134.

10 Kinkel, Gottfried: Briefe an Karl Schurz. Mitget. von A. Busse. In: Quellen u. Darst. <S. 75 Nr. 1430> S. 247--267.

11 Ibrügger, Fritz: Deutsche auf beiden Seiten. Sternenbanner über deutschem Schicksal. West-Ost-Verlag, Berlin 1934. 304 S.

12 Schönemann, Friedrich: Amerika und der Nationalsozialismus. Berlin, Junker & Dünnhaupt, 1934. 32 S.


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