§ 72. Vereinigte Staaten von Amerika

(F. Schönemann)

(Die in Winkelklammern gesetzten Zahlen beziehen sich auf die Bibliographie S. 650)

Schnitzer <S. 54, Nr. 1017> behandelt auf Grund einer umfassenden Literatur die Beziehungen zwischen dem Erstarken des deutschen Nationalgefühls und dem Entstehen des Kolonialgedankens und der Deutschtumsfürsorge. War es im Sinne des Merkantilismus, der Auswanderung mit polizeilichen Verboten und Beschränkungen entgegenzutreten, so rechnete »das Zeitalter des aufkommenden Nationalgefühls« mit der Auswanderung als »einer unabänderlichen Gegebenheit«, d. h. echt liberalistisch förderte man sie nicht und hinderte sie nicht. Pläne einer inneren Kolonisation blieben in den Anfängen stecken. Der Staat versagte so oder so, und selbst als sich private Auswanderungsvereine bildeten, ließen ihnen einige wenige Staatsregierungen im Deutschen Bund nur »eine zurückhaltende Förderung« zuteil werden. Die Auswanderung war eben nach Sturz (1862) »die Fortsetzung der inneren Zerfahrenheit nach außen«. Tatsächlich war eine wirksame Unterstützung des Deutschtums in Übersee nur von einem geeinten und machtpolitisch erstarkten Deutschland zu leisten. Das sollte sich an den Versuchen deutscher Staatsgründungen in der nordamerikanischen Union erweisen, an der Gießener Auswanderungsgesellschaft (1833), der German Settlement Society of Philadelphia (1836) und am Mainzer Adelsverein (1842-46). Allen diesen Unternehmungen gemeinsam waren eine unglaubliche Unkenntnis Amerikas und seines angelsächsischen Bevölkerungselements und eine Illusionspolitik, die den Mangel an politischem Willen und praktisch-politischer Überlieferung durch Kolonialromantik und menschenfreundlichen Liberalismus


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ersetzen wollte. Besonders unheilvoll erwies sich das beim Mainzer Adelsverein, der bis 1846 nicht weniger als 7380 Auswanderer ins Texaselend schickte. Ebenso erging's allen nationalen Bestrebungen der Deutschen in Amerika, denen ihre »deutsche Aufgabe« nicht klarer war als der deutschen Heimat. An Ergebnissen zeitigten sie einige »Deutsche Gesellschaften«, bes. in Penna., hauptsächlich für Einwanderungsfürsorge, und die Gründung von New Ulm in Minnesota (1855). Pläne einer deutschen Universität in Amerika waren ebenso interessant wie unmöglich. Karl Follen z. B. wollte dort 1819 zuerst eine Universität und davon ausgehend einen deutschen Staat errichten! Aber der Verf. will alles Versagen doch nicht auf Kosten des deutschen Charakters erklären (S. 108 ff.). Der Erfolg z. B. von Johann Rapps mystisch-kommunistischer Kolonie Harmony in Pennsylvanien (1804) beweist ihm, daß die Deutschen sehr wohl zum zielsicheren Zusammenstehen imstande waren, wofern sie nur im Bann einer starken Idee blieben. »Allerdings schien eine Idee an religiösen Wahn grenzen zu müssen, um diese Kraft auszuüben. Die nationale Idee in ihrer Verbindung mit freisinnigen Gedanken ... vermochte jedenfalls die Massen der deutschen Auswanderer nicht in ihren Bann zu ziehen, geschweige denn zu Opferfreudigkeit zu bewegen.«

Scheben <S. 84, Nr. 1605> sieht die geschichtliche Erforschung der deutschen Auswanderung als eine Aufgabe für die geschichtliche Landeskunde. Nach ihm ist die Geschichte der Deutschen in Amerika bisher zu einseitig durch die amerikanische oder deutschamerikanische Wissenschaft untersucht worden, und zwar eigentlich nur im Hinblick auf die oberen Schichten, aus denen sich die »Emigranten« (aus politischen und religiösen Gründen) zusammensetzten. Weiter ist der Auswanderung auch nicht allein durch wirtschaftswissenschaftliche oder gar »reinhistorische« Forschung auf den Grund zu kommen. Sie muß im Zusammenhang der allgemeinen deutschen Bevölkerungsgeschichte erfaßt werden (Kulturraumforschung!). Die deutsche Massenauswanderung ist (S. 179) »nicht eine Folge zufälliger, willkürlicher und isolierter Antriebe«, sondern wurzelt in gemeindeutschen Lebenstatsachen der Neuzeit, in der »mehr und mehr herausgebildeten kulturellen Differenzierung des deutschen Lebensraumes«. Im einzelnen kritisiert er mit Recht die Überbetonung der Achtundvierziger (Anm. 9, 15) und stellt die Bedeutung der (hier bes. rheinischen) Agrarverhältnisse für die Auswanderung heraus, z. T. in Anlehnung an Friedrich Lists Abhandlung über »Die Ackerverfassung, die Zwergwirtschaft und die Auswanderung« (1842). Damit erscheint der deutsche Bauer- Pionier (vgl. schon Jos. Ochs, Diss. über den deutsch-amerikanischen Farmer, Freiburg i. Br. 1913!) in neuem Licht. Andererseits unterstreicht der Verf. aber auch (Anm. 16) die Leistungen des sog. »Kirchendeutschtums« in Amerika.

Aus Friedrich Kapps Lebensbild (1824--84) von seiner Urenkelin Edith Lenel <S. 55, Nr. 1042> lernen wir den einzigen der bekannten Achtundvierziger kennen, der trotz äußeren Lebenserfolgs nach 20jährigem Aufenthalt in Amerika 1870 wieder in die Heimat zurückkehrte. Solch bewußtes Deutschtum war das ganze Gegenteil der Haltung von Carl Schurz (S. 83 ff.) und H. A. Rattermann (S. 90 Anm. 1). Friedrich Kapp diente dem neugeeinten Deutschen Reich: als Stadtverordneter von Berlin, nationalliberaler Abgeordneter im Reichstag und als politischer Schriftsteller. Vom radikalen Republikanertum von 1848 wurde er in Amerika gründlich geheilt, auch die Grenzen eines zügellosen


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Individualismus lernte er begreifen, aber er blieb fortschrittsgläubiger Liberaler, nur daß seine Amerikajahre ihn praktischer, wesentlicher, national und sozial sicherer gemacht hatten, als die meisten seiner Fraktionskollegen waren. So zeitgebunden sein Wirken war, so ahnte er doch schon eine Art deutschen Volksstaat, forderte eine energische Siedlungspolitik im Osten, um die Auswanderung überflüssig zu machen (S. 150 f.), und bemühte sich um eine einheitliche Reichsregelung des Konsulatswesens und der gesamten Auswanderung. Er war aber auch Pionier der deutschamerikanischen Geschichtsforschung, sah die schicksalhafte Bedeutung der deutschen Einwanderung in Amerika für beide Länder, schrieb das erste Leben Steubens und Kalbs und behandelte die verschiedensten Amerikathemen vom deutschen Standpunkt aus. Als bewußter Deutscher wollte er der amerikanischen Umwelt zeigen, was das deutsche Element für sie bedeute, und der deutschen Heimat an der Leistung ihrer ausgewanderten Söhne ihre Fähigkeit zum Einheitsstaat beweisen (S. III ff., 125, 128). Die Vorworte zu Kapps Geschichte der deutschen Einwanderung, besonders zur 3. Auflage, gehören mit zu den schönsten Bekenntnissen eines Nationaldeutschen der Bismarckzeit. Die Bewahrung seines eigenen Deutschtums öffnete ihm die Augen über das nationalpolitische Problem des Deutschamerikaners: Rückwanderung oder Aufgehen im amerikanischen Volkstum (»der Deutschamerikaner ist nur ein Übergang, der in der zweiten Generation verschwindet. Wer deutsch sein will, der bleibe entweder zu Hause oder kehre in die Heimat zurück; denn die Auswanderung ist für den einzelnen ... der nationale Tod«, vgl. Lenel, S. 126 ff.). Trotzdem forderte er für den in Amerika eingewanderten Deutschen ein Festhalten »an dem, was Deutschland der Welt Großes und Schönes gegeben hat«, keine »Absonderung von den amerikanischen Bildungselementen«, sondern Mitarbeit auf Grund der Festigung des deutschen Selbstbewußtseins innerhalb der deutschen Einwanderung, keine unmögliche politische Utopie, aber eine bewußte deutsche Arbeit (S. 128--129)! Lenel gibt auch wertvolle Aufklärung über andere Mitglieder der Familie Kapp, so vor allem Ernst Kapp (S. 14 ff.), der in Texas Farmer wurde, aber wie Friedrich nach Deutschland zurückkehrte. Im Bürgerkrieg stand er im Gegensatz zu den meisten Deutschen in Amerika auf seiten der Konföderierten (S. 23 f.). Dieser Kapp macht uns auch die Tatsache klar, daß um 1848 Deutsche nicht nur aus politischen Gründen (im engeren Sinne) auswanderten. Das ist entgegen Lenel, S. 21! Ernst Kapp liebte ganz einfach einen gewissen geistigen Zwang nicht. Andere wieder wurden von der allgemeinen Unruhe der Zeit ins Ausland getrieben, und selbstverständlich fehlten immer auch wirtschaftliche Gründe nicht, so daß mit dem Begriff der »Achtundvierziger« vorsichtig umzugehen ist.

Um 1850 setzte dann auch das deutsche Goldfieber, der Drang nach Kalifornien ein. Darüber haben wir jetzt den authentischen Bericht eines Schwarzwälder Bauernsohns, Dorus Kromer (1829--1905) < 1>. Das war »ein unruhiger Kopf voll Unternehmung«, bei dem schon ein kleiner Bruderzwist den Entschluß zur Auswanderung 1851 herbeiführte. Seine schlichtanschaulichen Beschreibungen behandeln die erste schwere Pionierzeit in Neu-Braunfels (1851: 300 Einwohner!) in Texas und zehn Jahre Goldgräbertum in Kalifornien. Im ganzen ein kulturgeschichtlich wertvoller Beitrag zur Entwicklung der westlichen


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Pionierdemokratie. Auch dieser Deutsche kehrte wieder heim: als »Umgetriebener« in den engen Kreis eines Schwarzwaldbauern. Er machte noch weitere Amerikafahrten, insgesamt vier, wie das Nachwort des Herausgebers berichtet.

Hauptsächlich familiengeschichtlichen Zwecken dient Hauths Darstellung < 2> der »Latin Farmers« in und um Belleville als dem Mittelpunkt des St. Clair County im südlichen Illinois. Aus der dortigen »Freiheitskolonie« finden besondere Beachtung die Familien Engelmann und Hilgard, die 1782 durch die Heirat von Jakob Hilgard mit Maria Dorothea Engelmann verbunden wurden. Der 2. Sohn von Theodor Hilgard (1808--71) war Ferdinand Heinrich Gustav, der, 1835 geb., 1900 als Henry Villard und Präsident der Northern Pacific starb < 3>. Ein Theodor Engelmann begründete 1874 den »Belleviller Beobachter«, 1879 die »Belleviller Zeitung«. Zu Engelmanns trat u. a. auch Gustav Philipp Körner (1809--96) in Beziehung, der Sohn eines Frankfurter Buchhändlers, der nächst Carl Schurz einer der einflußreichsten Führer des mittelwestlichen Deutschamerikanertums wurde. Weiter kamen zahlreiche der »Frankfurter Attentäter«, so außer Bunsen, Lindheimer und Reuß u. a. Philipp Anton Schott (1805--70), der als Schuldirektor in Belleville die Bibliotheksgesellschaft gründete. Über Gottfried Duden, der in Missouri ein Paradies für seine Siedlungstheorie suchte und eine der verhängnisvollsten deutschen Schriften zur Auswanderungspropaganda (1829) verfaßte, finden sich bei Schnitzer und Hauth ein paar Bemerkungen. Er verdient einmal eine erschöpfende Darstellung.

Heinz Lehmann < 4>, dem wir eine gute »Geschichte des Deutschtums in Kanada« (I. Bd. Ostkanada, 1931) verdanken, hat es mit einem uneinheitlichen evangelischen Deutschkanadiertum zu tun: meist Lutheranern, daneben sehr wenigen Reformierten, Baptisten usw., aber fast 90_000 Mennoniten. In Neu-Schottland stellt er die ständige Vernachlässigung durch die heimatlichen Landeskirchen fest, die dazu geführt hat, daß die deutschen Kirchen der U.S.A. Kanada als ihr ausschließliches Feld betrachten. Da aber die amerikanischen Kirchen weitgehend amerikanisiert sind, ist das evangelische Deutschkanadiertum in Gefahr, beschleunigt aufgesogen zu werden. Aus der 3. Religionsstatistik von 1931 ergibt sich die aufschlußreiche Tatsache, daß mit dem deutschen Volkstum auch die spezifisch deutsche Konfession der großen Masse verloren gegangen ist. »Die gegenseitige Bedingtheit von Volkstum und Kirche zeigt sich auch hier.« Am Deutschtum Ontarios wird das große Problem der Assimilation (S. 20 ff.) erläutert. Religiöse Orthodoxie ist mit politischem und kulturellem Liberalismus gepaart, was für Lutheraner wie Mennoniten u. a. m. gilt und für den Osten ebensogut wie für den Westen.

Schneider < 5> stützt sich z. T. auf die Ergebnisse des norwegisch-amerikanischen Kirchenhistorikers J. O. Evjen (Scandinavian Immigrants in New York. 1916), der für die Zeit von 1638--1683 bereits 186 deutsche Einwanderer oder Einwandererfamilien mit Sicherheit, oft mit genauen biographischen Daten, allein in New York feststellt. Da in der deutschamerikanischen Frühgeschichte fast nie zwischen Dutch (Holländer) und German (Deutsche) unterschieden wird, gilt heute noch vieles in der New Yorker Geschichte für holländisch, was eigentlich deutsch war. Die Siedlungen der Salzburger in Georgia und den Carolinas (1734) gingen dem Deutschtum schnell verloren. Schuld daran war das


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Fehlen eines wirklich organisierten Geistlichennachschubs und einer planmäßigen Gemeindebildung von Deutschland aus. Die eigentliche Entscheidung für das deutsche Luthertum in Amerika fiel aber in Pennsylvanien, insofern Zinzendorfs ernste völkische Bemühungen um eine deutsche Kirche der Reformation in Amerika auf dem Hintergrund einer civitas Germanico-Indica (1741) scheiterten. Ihm fiel ein Deutscher in den Rücken: Heinrich Melchior Mühlenberg, der am 6. September 1741 in Halle nach Pennsylvania gesandt wurde, der nicht an eine deutsche evangelische, sondern eine amerikanisch-lutherische Kirche dachte. »In wahrhaft brutaler Weise hat er zunächst nur die Beseitigung Zinzendorfs im Auge« (S. 206 f.). Eine maßlose Hetze bricht aus. Leider ist Zinzendorf keine Kämpfernatur, er kehrt nach Deutschland zurück und gibt damit alle Hoffnungen auf eine deutsche evangelische Kirche in Amerika auf. Die Mühlenbergs aber werden feurige amerikanische Patrioten! Schneider betrachtet im einzelnen 1. die Lutheraner, 2. die Reformierten, 3. die Täufer, 4. die Brüdergemeinde. Aufschlußreich sind auch die in der Anmerkung ausgewerteten Quellen für Zinzendorf, besonders die Synodalprotokolle von 1742.

Zur Genealogie des deutschamerikanischen Generals Baron de Steuben ist nachzutragen, daß den jahrelangen Lokalforschungen von Dr. Hermann Stöbe (Jena) <1932, S. 702> sich jetzt auch das neue Gothaische Genealogische Taschenbuch der Adeligen Häuser (Teil B. Jg. 27. 1935) angeschlossen hat. Es heißt S. 557: »Steube(n) erloschen. Reformiert. -- Das Geschlecht stammt aus der Gegend des mittleren Werratals (Name hier seit 1427 ständig vorkommend) und beginnt die sichere Stammreihe mit Klaus Steube, 1595--1635, Müller in Heldra, wo ein bürgerlicher Sippenzweig noch jetzt im Mannesstamme blüht. Augustin Steube, Heldra 1661, † Brandenburg a. d. H. 11. Januar 1738, zuletzt O.-Prediger in Brandenburg, erscheint seit 1708 als »von Steube(n)«, welcher Name, von seiner Nachkommenschaft als »adeliger« geführt, in Preußen und Dänemark nicht beanstandet wurde. Das Wappen ist »gleich dem der mansfeldischen uradeligen von Steuben, mit denen ein genealogischer Zusammenhang nicht nachweisbar« ist. Danach ist der deutsche Kamerad General Washingtons bürgerlicher Herkunft und sein Adel allein aus einem gewissen Gebrauchsrecht herzuleiten.

1 Kromer, Dorus: Aus den Goldgräberjahren eines Schwarzwälder Bauernsohns. Hrsg. v. Heinrich E. Kromer. Leipzig, Staackmann, 1935, 185 S. RM. 4.--.

2 Hauth, W.: Deutsche Pioniere im Staate Illinois der USA. In Familiengesch. Bll., Jg. 33, Sp. 137--142, 223--232, 263--270.

3 Engelmann, T.: Eisenbahnkönig und Menschenfreund. Der Pfälzer H. Hilgard-Villard, 1835--1900. (Seine Tätigkeit in Amerika.) Pfälz. Mus., 49, S. 301--305.

4 Lehmann, H.: Das evangelische Deutschtum in Kanada. In: Auslandsdeutschtum u. ev. Kirche, 1935, S. 218--252.

5 Schneider, C.: Studien zur Anfangsgeschichte des deutschen Protestantismus in den Vereinigten Staaten von Nordamerika (1638--1750). In: Auslandsdeutschtum u. ev. Kirche, 1935, S. 202--217.


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