VI. Liberalismus, Sozialismus.

Die Schrift von Gerth < 1785> will der Ursprungslage des liberalen Denkens in Deutschland nachgehen und leistet in diesem Sinne, sofern sie als Beitrag zur Soziologie des deutschen Frühliberalismus und nicht als abschließende Untersuchung gewertet sein will, gute Arbeit. Die Kernfrage, was die deutsche Intelligenz in stetig wachsendem Maße bereit machte, bürgerlich-liberales Gedankengut von England und Frankreich aufzunehmen, wird beleuchtet durch Untersuchungen über die soziale Herkunft und besonders ausführlich über den Bildungsgang auf Schulen und Universitäten


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und die derzeitige Lage des Unterrichtswesens, wobei auch der Stellung der Hofmeister eine besondere Betrachtung gewidmet wird. Daran schließen sich Ausführungen über das Literatentum, den Buchmarkt, die öffentliche Meinung, die Zensur; schließlich wird die soziale Lage und geistige Struktur des Beamtentums beleuchtet und in dessen Lösung von Geburtsstand und Geburtsstätte das in diesem Betracht Wesentliche herausgefunden. Die Frage, wie es kam, daß die liberalisierenden Faktoren sich gerade in Preußen durchsetzen konnten, wird etwas flüchtig und ohne rechten Abschluß behandelt. --Winkler < 1803> weist eingehend nach, daß das Kommunistische Manifest in so weitem Maße Gedanken und Ausdrücke von Lorenz Steins 1842 geschriebenem Werke, Der Sozialismus und Kommunismus des heutigen Frankreich, verwendet hat, daß man von einer Abhängigkeit sprechen müsse. Das Manifest wäre nicht oder sicher nicht in der vorliegenden Form entstanden ohne dieses Werk, denn jenes verarbeite oder verwende fast ausschließlich in diesem niedergelegte Sätze und Meinungen, natürlich um sie als Waffe in der dem ursprünglichen Zweck entgegengesetzten Richtung zu gebrauchen und ohne jene Hauptquelle zu nennen. Da die Tatsache von marxistischer Seite stets entschieden bestritten wurde, so ist der Nachweis, verbunden mit dem Vorwurf des Plagiats, besonders wesentlich. W. klärt auch die Verfasserschaft des Manifests: dieses sei nicht gemeinsam von Marx und Engels in Brüssel geschaffen, seine Ausfertigung stamme allein von jenem, der eine nicht veröffentlichte Besprechung des Steinschen Buches als Unterlage benutzt habe. --Schiebe < 1800> betrachtet in seiner umsichtig und scharfsinnig zergliedernden Schrift einmal den Wandel des marxistischen Sozialismus: Realisierungs-, Anpassungs-, Aufspaltungsphase, dann die Neuformung im deutschen Sozialismus. Die Zeitgebundenheit und Zwiespältigkeit des Marxschen Lehrgebäudes, die Kompromißnatur der Sozialdemokratie wie auch der verschiedenen Sozialismen, etwa Naumanns, werden beleuchtet; wahrer Sozialismus ist nur der deutsche, weil er 1. im organisch gewordenen Universalismus gründet, während der Marxismus denkmethodisch nur eine pseudo-universalistische Stufe erklommen hat; 2. eine Gemeinschaft, nicht, wie jener, eine kollektivistische Interessengesellschaft erstrebt; 3. in seiner Rechtsvorstellung am Sozialprinzip orientiert ist, während der Marxismus am Individualprinzip haftenbleibt. -- Was Roesler darstellt < 2046>, ist nicht weltanschauliche Entwicklung, sondern vorwiegend äußerer Werdegang und Wandlungen der Kreditgenossenschaften und Konsumvereine, wobei mehr als nötig in das Allgemeingeschichtliche abgeschweift wird. Brauchbar sind die statistischen Erläuterungen; die nationalsozialistische Neuordnung ist am Schluß äußerlich angehängt und wird auf wenigen Seiten abgetan.


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