§ 27. Bevölkerungsgeschichte

(E. Pfeil)

Das Jahr 1938 hat uns eine »Bevölkerungsgeschichte Deutschlands« gebracht aus der Feder Erich Keysers (Leipzig, Hirzel 1938, XI, 360 S.), der seit langem die Notwendigkeit systematischer Bevölkerungsforschung erkannt und ihre Aufgaben und Forschungsziele in mehreren grundsätzlichen Arbeiten erörtert hat. Ein seit 20 Jahren gesammeltes Material wird nun vorgelegt, um den Gesamtverlauf der Bevölkerungsbewegung im deutschen Raum und in der deutschen Geschichte darzustellen; soweit es auf Grund der bis heute vorliegenden Einzelforschungen überhaupt möglich war, ist das Bild der deutschen Bevölkerungsentwicklung hier gezeichnet worden; dabei wurde allen Zeitabschnitten der deutschen Geschichte grundsätzlich der gleiche Platz eingeräumt, um zu zeigen, daß die Rolle der Bevölkerung in allen das gleiche Gewicht hat. Trotzdem ließ sich eine gewisse Ungleichmäßigkeit der Behandlung nicht ganz vermeiden; wenn etwa die Städte des MA.'s hinsichtlich der Bevölkerung besser durchforscht sind als das übrige Land, so liegt das einfach daran, daß die Quellen hier ergiebiger sind. Es sind ja auch vorwiegend städtische


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Quellenwerke, die v. Inama-Sternegg und Jastrow seinerzeit, als die bevölkerungsgeschichtliche Forschung den ersten Anlauf nahm, als Quellen für die Bevölkerungsgeschichte bezeichneten. Dennoch wird man annehmen dürfen, daß, wenn erst einmal die gesamten ma.'lichen Quellen systematisch unter bevölkerungswissenschaftlichen Gesichtspunkten durchgesehen werden, sich noch vieles aus ihnen herausholen lassen wird. So macht J. C. Russell < 1567>, der eine Übersicht über die Möglichkeiten einer Bevölkerungsgeschichte des MA.'s, die über Beloch hinausführen würde, gibt, z. B. auf die Ausnutzung der Viten zur Berechnung der Lebenserwartung aufmerksam. Die Forschung bekommt eben eine Antwort nur auf das, wonach sie fragt. Es wäre eine recht reizvolle Nebenaufgabe, einmal ein bedeutendes Quellenwerk daraufhin zu betrachten, was die verschiedenen Forschergenerationen und -naturelle aus ihm herausgefragt haben.

Keysers Augenmerk gilt nun vor allem der Gliederung der Bevölkerung in Gruppen, in Stämme und Stände. Dabei werden außer dem zahlenmäßigen Bevölkerungswandel auch die Strukturwandlungen der Bevölkerung beachtet, Verschiebungen im Altersaufbau, in der Geschlechterproportion, in der rassischen Zusammensetzung. Die Auswirkungen der Heiratsordnungen, wie sie sich aus Sitte und Gesetz ergeben, der Kriege und Seuchen, der Besitz- und Wirtschaftsverhältnisse werden herausgearbeitet, vor allem aber die unablässige Bevölkerungsbewegung, die sich durch die ganze deutsche Geschichte hindurch in der Binnenwanderung und der Ausweitung des deutschen Raumes nach Osten vollzieht. Der Verf. hat als Danziger aus eigener Anschauung die Probleme des Ostens sehen gelernt. Es ist selbstverständlich, daß dieser erste Überblick über den Gesamtverlauf den Charakter des Vorläufigen trägt: nach dem Vorwort des Verf. sieht das Buch seine Hauptaufgabe darin, zu weiteren Forschungen anzuregen, indem es zeigt, was Bevölkerungsgeschichte ist, was in ihre Darstellung hineingehört und was aus ihr fortgelassen werden soll. Man wird über diese Grenzziehung im einzelnen verschiedener Meinung sein können, ich würde den Kreis der bevölkerungsgeschichtlichen Aufgaben weiter ziehen. Wenn man davon ausgehen würde, die Kultur (in weitestem Sinne, also auch staatliche Ordnung und soziales Gefüge umfassend) als Ergebnis der Auseinandersetzung von Mensch und Umwelt zu betrachten und zu untersuchen, einer Auseinandersetzung, die der Mensch in gesellschaftlicher Gemeinsamkeit, also in Bevölkerungsgruppen vollzieht, und die sich in Ausmerze-, Auslese- und Siebungsvorgängen an der Bevölkerung abspielt, dann wäre die Brücke von der Bevölkerungsgeschichte zur Kulturgeschichte geschlagen. Kultur -- das Ergebnis eines Anpassungsvorgangs, Kultur andererseits aber auch (als vorhandene konkrete Kultursituation) das Siebungssystem, das aus den vorhandenen Erbanlagen der Bevölkerung, ihrer Leistungsbereitschaften, bestimmte Menschen herausholte, um sie den vorhandenen Leistungsplätzen zuzusieben und ihnen mit der verschiedenen Stellung im sozialen Gefüge verschiedene Fortpflanzungsaussichten zu geben -- diese Gesichtspunkte, die W. Mühlmann in seiner »Rassen- und Völkerkunde« (eigentlich einer Sozialbiologie) 1936 herausgestellt hat, geben der Bevölkerungsgeschichte Aufgaben anderer Art. Indem biologische Gesetzmäßigkeiten im Leben der Bevölkerung beachtet werden, ergeben sich z. B. Wahrscheinlichkeitsüberlegungen auch für die Historie. Welche Wahrscheinlichkeit das Auftreten bestimmter Leistungen in einer bestimmten Bevölkerungs- und Kultursituation hat, das etwa wäre eine Frage, die,


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nach F. Keiter, »Rasse und Kultur«, Bd. 1, 1938, in einer biologischen Kulturbetrachtung gestellt werden müßte. Wenn auch die Geschichtswissenschaft ihre eigene Fragestellung und Methodik hat und ihr Interesse stets vornehmlich dem Einmaligen gelten wird, so wird sie doch -- und gerade auf dem Gebiete der Bevölkerungsgeschichte -- künftighin mehr als bisher auch nach dem Typischen fragen. Es ist anzunehmen, daß Keyser sich in dem zweiten angekündigten Band seines Werkes mit diesen Dingen auseinandersetzen wird; dort soll ja auch der methodische Weg und der begriffliche Ansatzpunkt seiner Arbeit (z. B. sein Volksbegriff -- er spricht vom »Volk der Indogermanen«) dargelegt werden.

Es mag symptomatisch für die gegenwärtige Wissenschaftslage sein, daß im gleichen Jahr noch ein zweites Buch die ganze neuere deutsche Bevölkerungsentwicklung zum Gegenstand hat. H. Banniza v. Bazan gibt in seiner Arbeit »Das deutsche Blut im deutschen Raum« »sippenkundliche Grundzüge des deutschen Bevölkerungswandels in der Neuzeit« < 1568>. Es werden die Bevölkerungsverschiebungen durch Wanderbewegungen in dreifacher Hinsicht betrachtet: 1. der Bevölkerungswechsel zwischen Stadt und Land, 2. die weltanschaulich-politischen und 3. die beruflich-wirtschaftlichen Wanderungen im deutschen Volksraum. Der Überblick ist ungleich summarischer als die Keysersche Darstellung, neues Material wird der Historiker nur in den recht eindrucksvollen Beispielen aus der Familienforschung finden. Es ist ja auch der Sinn des Büchleins, aufzuzeigen, welchen Beitrag der Sippenforscher für die Volksgeschichte leisten kann und wie sich die deutsche Geschichte ansieht, wenn sie mit seinen Erfahrungen betrachtet wird. Auch dieses Buch will in der Hauptsache anregen zu weiterer Forschung und wird dies Ziel wohl erreichen. Daß die Gesichtspunkte des Heiratskreises, der Blutsverflechtung, der Auslese und Siebung in die Betrachtung eingeführt sind, daß etwa die Rolle, welche die Handwerks- und die Oberschicht zur Querverbindung über die Stammesgrenzen hinweg gespielt haben, herausgearbeitet wird, das alles bedeutet den Anschluß der Sippenforschung an die Bevölkerungsgeschichte. Es mag bei dieser Gelegenheit auf ein Buch hingewiesen werden, das nicht eigentlich ein bevölkerungsgeschichtliches ist und dennoch eine Fülle von Erkenntnissen auf dem Gebiet der Bevölkerungsgeschichte enthält, A. Bachs »Deutsche Volkskunde« < 1519>. Gerade die Frage der blutsmäßigen und kulturellen Einfügung der Teilräume in den deutschen Gesamtraum ist dort einsichtig (im vollen Sinn des Wortes) behandelt. Wir befinden uns ja überhaupt in der seltsamen Lage, daß die stärksten Anregungen für die Bevölkerungsgeschichte von Nichthistorikern wie W. Scheidt, W. Mühlmann, F. Keiter, A. Bach ausgehen. Sache des Historikers ist es nun, den biologischen Verfahrensweisen brauchbare Instrumente für die Geschichtswissenschaft zu entnehmen; eine gewisse Auswahl und gewisse Umbildungen werden dazu nötig sein.

Die Frage der Heiratsverflechtung ist inzwischen durch Ilse Schwidetzky weiter vorwärtsgetrieben worden als es bisher möglich war: im Arbeitskreise des Anthropologischen Instituts von Professor v. Eickstedt bestand die Möglichkeit, eine bevölkerungswissenschaftliche Untersuchung nicht nur quantitativ und soziologisch, sondern zugleich in rassischer Hinsicht durchzuführen, weil dort erstmalig die Bevölkerung eines deutschen Gaues systematisch durchuntersucht wird. Der Zusammenhang von Heiratskreisen und Formkreisen dürfte


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ja von größtem bevölkerungsgeschichtlichen Interesse sein. Die Ergebnisse der in der »Zeitschrift für Rassenkunde« (Jg. 6, 1937, S. 311--331) vorgelegten Untersuchung »Heiratskreise in Oberschlesien« sind allerdings gerade in dieser Hinsicht nicht groß: es ergaben sich keine eindeutigen Beziehungen, dagegen gelang es, den verschiedenen Wirkungsgrad von politischer Grenze, Volkstumsgrenze, Konfessionsgrenze, landschaftlicher Gliederungen (oder ihrer Kombinationen) als Heiratsgrenzen herauszuarbeiten und zeichnerisch und prozentmäßig darzustellen. Wieweit ein Dorf mit seiner Umgebung verwachsen ist, inwiefern sich im Gesamtvolkskörper oder Stammeskörper kleinere Blutsverbände herausheben, das wird stets in Zusammenhang mit der weiteren Frage nach der Paarungssiebung gefragt werden müssen. Von Paarungssiebung spricht man dann, wenn sich bestimmte Eigenschaften bei den Ehegatten häufiger finden, als bei zufälliger Zusammenwürfelung zu erwarten gewesen wäre. J. Müller hat im »Archiv für Bevölkerungswissenschaft« (Jg. 8, 1937, S. 359--370) die Eheschließungen zwischen 1840 (bzw. 1830) und 1936 in sechs mainfränkischen Dörfern daraufhin untersucht, ob die Ehepartner gleichen oder verschiedenen Begabungsstufen angehörten. Es ergab sich ein weit höheres als das zufallsmäßige Zusammenfinden gleich begabter Ehepartner, d. h. die Ehewahl (vor allem in der bäuerlichen Schicht) wurde mitbestimmt durch das geistige Niveau. Eine Rolle spielt die Paarungssiebung in großem Maße bei der Herauszüchtung von Sonderbegabungen, man lese darüber bei Mühlmann nach (a. a. O.), dort findet man alles Grundsätzliche wie auch eine Fülle von Beispielen aus der Bevölkerungsgeschichte.

Von soziologischer Seite her ist der Bevölkerungswechsel zwischen Land und Stadt und zwischen kleineren und größeren Städten grundsätzlich erörtert worden von R. Heberle und F. Meyer < 1570>, wenn auch Zeitraum und Gebiet der Untersuchung begrenzt sind. Methodisch schlägt das Buch insofern neue Wege in der Wanderungsstatistik ein, als nicht nur die Wanderungssalden aufgegliedert werden, sondern auch die Mobilität, d. h. die Zahl der Ortsveränderungen aufs Tausend der Bevölkerung einer Stadt ins Auge gefaßt wird, und zwar unter Ausnutzung der Einwohnermeldestatistik. Die Folgerung, die R. H. aus den Untersuchungen über das Verhältnis von Mobilität und Konjunktur, Mobilität und Stadtgröße für den Verstädterungsvorgang zieht (in sehr vorsichtiger Weise zieht), sind von bevölkerungsgeschichtlichem Interesse, denn der Grad der Beweglichkeit und Seßhaftigkeit bestimmter Alters- und Berufsgruppen der Großstädter, ihr Bevölkerungsaustausch mit anderen Städten, die Richtung und Schärfe der mit der Wanderung verbundenen Auslesevorgänge (die nach H. keineswegs immer in gleicher Richtung laufen), kurzum die »Die Großstädte im Strome der Binnenwanderung«, wie der Titel lautet, deuten auf innervölkische Bevölkerungsvorgänge von großer Wichtigkeit. Der großen Ost- Westwanderung, die in den letzten 60 Jahren vom Osten Deutschlands ins Ruhrgebiet gegangen ist, gilt die Untersuchung von E. Franke < 1585>, »Das Ruhrgebiet und Ostpreußen«. Sie ist als erste größere Veröffentlichung aus der »Forschungsstelle für das Volkstum im Ruhrrevier« hervorgegangen, die sich unter der Leitung von W. Brepohl die Aufgabe der bevölkerungswissenschaftlichen Erforschung des Industrievolkes an der Ruhr gesetzt hat, und zwar unter Fragestellungen wie diesen: Wieweit und in welcher Zeit sich die Zugewanderten bestimmter Art in das westfälische Volkstum (Sprache, Brauchtum, Sitten


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und Lebensgewohnheiten) eingefügt haben, wieweit andererseits das westfälische Volkstum durch den Zustrom anderer Stämme abgewandelt worden ist. Wohn- und Siedlungsweise, Heiratsgewohnheiten, Einheirat in alteingesessene Familien, Zusiebung bestimmter Stammesangehöriger zu bestimmten Arbeitsplätzen werden beachtet, also das Zusammenspiel von Rasse und Lebensraum, Rasse und Volkstum; das Problem Mensch und Umwelt tut sich in seiner ganzen Breite auf an dieser in einem Umschmelzungsvorgang begriffenen Bevölkerung; die Entstehung eines neuen Heimatbewußtseins zu beobachten ist keine theoretische Angelegenheit, ihre praktische Verwertbarkeit zur Steuerung der Vorgänge, die sich bei jeder Stammesvermischung im Gefolge einer Industrieentwicklung abspielen, liegt auf der Hand. (Vgl. den Bericht, den W. Brepohl in den Rhein. Vjsbll. < 1532> gegeben hat.) Die Arbeit Frankes hat nun die ostpreußischen Zuwanderer nach Herkunft, Ansiedlung in bestimmten Zonen und Heiratsverflechtung hin untersucht. Die Frage der rassischen Bedeutung dieser Wanderungsbewegung wird angeschnitten (Verf. vermutet eine Rückwanderung westfälischen Blutes in die Urheimat), kann aber, wie ihm selbst klar ist, erst durch anthropologische Untersuchungen gelöst werden.

Eine Ergänzung zu dieser Arbeit stellt die von H. Rogmann < 1576> insofern dar, als hier die gleiche Wanderungsbewegung von der anderen Seite, von Osten her gesehen wird. Auch hier wird, wie bei Heberle-Meyer, das übliche Verfahren der Wanderungsstatistik als unzulänglich erkannt, eigene Erhebungen erwiesen sich als notwendig. Über die Abwanderung hinaus untersucht der Verf. den Bevölkerungswechsel zwischen Stadt und Land. In dem selbst gesteckten Rahmen: nur die quantitative Seite zu beachten -- ist die Arbeit eine vorbildliche bevölkerungsgeschichtliche Untersuchung.

In dem Überblick, den H. Banniza gegeben hat, war neben der Binnenwanderung auch die Einwanderung fremder Volksgruppen in den deutschen Raum erschienen. Ein groß angelegter Versuch »Die Hugenotten in Deutschland« < 1578> von H. Erbe ist aus dem Kreise von M. H. Boehm hervorgegangen. Die Untersuchung steht unter dem Gesichtspunkt des Minderheitenrechts. Es wird deshalb dem kulturellen und staatlichen Einschmelzungsvorgang die meiste Aufmerksamkeit gewidmet, seine Bedingungen werden recht fein (manchmal nur durch Wiederholungen ermüdend) herausgearbeitet. Man würde vielleicht gern noch mehr über die biologische Entwicklung der hugenottischen Familien im deutschen Raum hören, aber da müssen wohl Einzeluntersuchungen einsetzen. Was der Verfasser über die rassische Beschaffenheit der Einwanderer sagt, auf Grund einer etwas einseitigen Literaturbenutzung -- ihm ist ein Teil des Schrifttums zur französischen Rassenfrage unbekannt geblieben -- das ist nicht gesichert genug, um die Bedeutung dieser Einwanderung für die deutsche Volkswerdung abschätzen zu können.

Eine Bilanz der gegenwärtigen bevölkerungsgeschichtlichen Situation der europäischen Völker gibt F. Burgdörfers neues Buch »Völker am Abgrund« < 1569>. Auf dem Internationalen Kongreß für Bevölkerungswissenschaft, der im August 1937 in Paris stattfand, wurde es deutlich, wie sehr alle Nationen sich der bevölkerungspolitischen Gefahrenlage bewußt geworden sind. Selbst in England, das so lange unter dem Einfluß der Malthusschen Theorie gestanden hat, erwägt man heute die Einführung bevölkerungspolitischer Maßnahmen; man wird sich dort über die Gefährdung der Dominions


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durch den Geburtenrückgang der weißen Bevölkerung klar (vgl. das Buch von G. F. Mc Cleary, »The Menace of British Depopulation«). Die Bilanz der innerdeutschen Bevölkerungslage und der ersten Auswirkungen der bevölkerungspolitischen Maßnahmen des Dritten Reiches hat Burgdörfer auf eben diesem Kongreß vorgelegt (veröffentlicht in der 2. Aufl. seines Buches »Aufbau und Bewegung der Bevölkerung« und als Einzelaufsatz im »Archiv für Bevölkerungswissenschaft« 1937, S. 321--347). Es ist ihm gelungen, auf Grund der von ihm eingeführten familienstatistischen Erhebungen, den Geburtenanstieg seit 1933 aufzugliedern in denjenigen Zuwachs, den wir den vermehrten Eheschließungen verdanken (»nachgeholten Ehen«) und denjenigen Zuwachs, der auf einer echten Zunahme der Gebärfreudigkeit beruht. Zwei Drittel von den 900_000 zusätzlichen Geburten können auf diese echte Zunahme zurückgeführt werden.

Damit wäre der Kreis der Bücher abgeschritten; eine Reihe von kleineren Arbeiten, Dissertationen zumeist, lieferten brauchbare Einzelsteine für das Mosaikwerk, in dem der deutsche Volkskörper dereinst im Bilde erscheinen soll. So hat J. Krauße das Auf und Ab der Bevölkerung des sächsischen Dorfes Reinhardtsgrimma < 1601> von der Mitte des 16. Jh.'s ab aufgezeigt, J. Amrhein »Die bevölkerungspolitische Lage der beiden Rhöndörfer Geroda und Platz« < 1602>. Diese Untersuchung, die nach den Methoden erfolgt ist, die W. Scheidt in seiner »Bevölkerungsbiologie der Elbinsel Finkenwärder« angegeben hat, wird ergänzt durch die von L. Schmidt-Kehl in Heft 3 der gleichen Schriftenreihe < 1830>: die gleichen Dörfer werden hier qualitativ untersucht, auf Grund des Scheidtschen erbbiologischen Bevölkerungsschemas. Schm.-K. stellt eine allmähliche Entnordnung der Dörfer durch die einseitige Ausleserichtung bei der Abwanderung fest; eine kritische Erörterung des dabei befolgten Verfahrens wird im Jg. 1938 des »Archivs für Bevölkerungswissenschaft« erscheinen.

Wichtige grundsätzliche Arbeiten sind ferner als Zeitschriftenaufsätze herausgekommen. Das »Deutsche Archiv für Landes- und Volksforschung«, das seit Anfang 1937 erscheint, hat mit großem Zuge eingesetzt, gerade auf bevölkerungsgeschichtlichem Gebiete. Wenn es das Ziel dieser Zeitschrift ist, das deutsche Volk in seinen Berührungen mit anderen Völkern wissenschaftlich zu erforschen, so ist damit ein wesentlicher Teil des bevölkerungsgeschichtlichen Aufgabengebietes in Angriff genommen. Aus Heft 1 führen wir H. Aubin an, der in einer programmatischen Abhandlung < 1571> der »Erforschung der deutschen Ostbewegung« den Weg weist. Er verlangt eine Betrachtung in der Vollständigkeit von Raum, Zeit und Inhalt und erweist an einzelnen Beispielen die Abwegigkeit isolierender, die Notwendigkeit ganzheitlicher Betrachtung. Die Verlagerung etwa des Schwerpunktes der Kolonisationsbewegung von den alten deutschen Ländern auf die Jungländer, die nun ihren Bevölkerungsüberschuß weiter nach Osten abgeben -- sie wird erst deutlich bei allseitiger und allzeitlicher Betrachtung. Aus ihr auch erst ergibt sich, daß die deutsche Ostwanderung eine durch alle Jahrhunderte zusammenhängende Bewegung ist -- oft nur Spitzenwanderung einer deutschen Binnenwanderung -- gerade dies dürfte bevölkerungshistorisch wichtig sein. In 2 Fortsetzungen seines Aufsatzes wird die Forderung nach gesamträumlicher Betrachtungsweise und inhaltlicher Ganzheit (geistes-, sozial-, wirtschaftsgeschichtlich) ebenso an Beispielen demonstriert


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wie die Forderung nach zeitlicher Konstanz. -- Eine zweite Arbeit aus der gleichen Zeitschrift von N. Krebs < 1574> gilt den Bevölkerungsverschiebungen an der Ostgrenze des deutschen Volkstums. Es ergibt sich eine Verdichtungszone für die ländliche Bevölkerung ungefähr längs der deutschen Ostgrenze, eine Zone zwischen Mittel- und Osteuropa, wo Landnahme und Betriebsintensivierung noch bis in die letzte Zeit hinein möglich war. Die Darstellung geschieht an Hand einer Karte aus dem »Atlas des deutschen Lebensraums« < 1434>, indem nach der absoluten Methode Zu- und Abnahme der Bevölkerung in Tausend eingetragen sind. In glücklicher Weise ergänzt dieses Verfahren die von W. Haufe benutzte relative Methode. <Vgl. 1936, S. 327.> Übrigens waren in gewissen Gebieten Ostdeutschlands auch noch Bevölkerungsverdichtungen möglich. Schleinitz < 1588> zeigt, daß im Gebiete der Grenzmark im 19. Jh. durch den Übergang zur Dreifelderwirtschaft und durch Separation die Dichteunterschiede ausgeglichen werden, die bedingt waren durch die den einzelnen Siedlungsperioden eigenen Flurverteilungen: die Gewannedörfer mit Gemengelage konnten jetzt den Vorsprung der Waldhufendörfer und Holländerdörfer hinsichtlich der Bevölkerungskapazität aufholen. So wirken siedlungsgeschichtliche Unterschiede bis in die neueste Zeit hinein.

Im »Archiv für Bevölkerungswissenschaft« finden sich ebenfalls einige grundsätzliche Arbeiten. R. Heberle ist hier (Jg. 8, S. 1--33) den »wirtschaftlichen und soziologischen Ursachen des Geburtenrückgangs« nachgegangen; eine Vielfältigkeit von Ursachen wird genau analysiert und zusammengefaßt zu einer Begleiterscheinung des Spätkapitalismus. Das ist für den Bevölkerungshistoriker insofern eine beachtenswerte Einsicht, als er dadurch gewarnt wird, den Geburtenabstieg von heute in Analogie zu gewissen Abwärtsbewegungen im Laufe der Bevölkerungsgeschichte zu sehen und anzunehmen, daß, wie schon oft, dem Wellental automatisch ein Wellenberg folgen werde. Wenn der Geburtenrückgang mit dem Nachlassen der kapitalistischen Dynamik in Zusammenhang steht, kann ein Wiederanstieg nur durch bewußte Bevölkerungspolitik und die Herausbildung neuer gesellschaftlicher Lebensformen erreicht werden. -- Eine Arbeit über »Bevölkerungsgeschichte und Raumforschung« < 1531> in der gleichen Zeitschrift kommt aus dem »Institut für wirtschaftliche Raumforschung« der Universität Rostock, das damals noch unter der Leitung von H. Weigmann stand, dessen Raumbegriff bei dieser grundsätzlichen Arbeit seines Assistenten H. Tscharnke Pate gestanden hat, der Begriff des wesenseigenen, des gestalthaften Raumes, der sowohl geographische wie staatliche und wirtschaftliche Qualitäten hat, wobei jeweils ein anderes Element das Bestimmende und Gestaltgebende sein mag, je nach der besonderen Lagerung des Einzelfalls. Hier wird nun die Methodik und Materialkritik zu einer historisch-statistischen Untersuchung der Bevölkerungsentwicklung im Raume Mecklenburg gegeben. Es ist vorgesehen, in einem Kartenwerk die Bevölkerungsdichten an bestimmten Stichdaten, und zwar für die kleinste Raumeinheit, die Gemeinde, darzustellen, um alle Besonderheiten in der landschaftlichen, geographischen, geologischen, verkehrsmäßigen und politischen Situation zu erfassen. Dann sollen die Zonen gleicher Struktur sich herausheben, somit größere Räume am Material selbst gewonnen werden: die Bevölkerungsstreuung soll in Vergleich gesetzt werden zur geographischen Raumgliederung und zur politisch-sozialen Raumgliederung, zuletzt zum Verkehrsbild als dem


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faßbarsten Bild des Wirtschaftslebens. -- Ebenfalls aufs Grundsätzliche gerichtet ist der im gleichen Heft des »Archivs für Bevölkerungswissenschaft« (Jg. 8, S. 111--129) abgedruckte Vortrag von E. Pfeil auf der Arbeitstagung der Gesellschaft für Geopolitik in Heidelberg über »Bevölkerung und Raum«, der erörtert, wie die Auswirkungen des Raumes auf die Bevölkerung vor sich gehen, woran sie ansetzen und worin sie bestehen.


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