II. Zur Geschichte des Nationalsozialismus und des Deutschen Reiches (seit 1933).

Es fehlt bisher noch immer eine umfassende Geschichte der nationalsozialistischen Bewegung. Daher ist es doppelt zu begrüßen, daß einer ihrer führenden Männer, Reichsleiter Ph. Bouhler -- von 1925 bis 1934 Reichsgeschäftsführer der NSDAP. --, erneut (bereits 1932 veröffentlichte er eine kurze Biographie des Führers <vgl. 1932, S. 282 f.>) zur Feder gegriffen hat, um in gedrängter Form und lebendiger Darstellung den schweren Kampf der Bewegung von ihren Anfängen bis zur Machtübernahme vor unserem geistigen Auge aufs neue erstehen zu lassen < 1471>. Dieses aus eigenem Miterleben geschriebene Buch, das der Verf. als ein »Lesebuch für die deutsche Jugend« bezeichnet, »verdankt seine Entstehung dem Führer. Auf einem Spaziergang in den Wäldern des Obersalzberg im Herbst 1936 hat der Führer davon gesprochen, wie notwendig die deutsche Schule eine Geschichte der NSDAP. braucht, die in knapper Form der deutschen Jugend Bilder vom Kampf der Bewegung vor Augen führt. Mit vorliegenden Blättern habe ich versucht, diese Aufgabe zu lösen« (S. 7). -- In erster Linie für Schulungszwecke ist das von J. von Leers zusammengestellte Kompendium »Die geschichtlichen Grundlagen des Nationalsozialismus« < 1472> bestimmt. Im ersten Teil werden »die Feinde des deutschen Volkes« wie Judentum, Konfessionalismus, Partikularismus usw. nach Entstehung, Wesen und Auswirkung behandelt, während der zweite Teil, der bis zum Herbst 1938 reicht, in rein chronologischer Folge, zusammenhangslos und ohne große Linie »Werden und Sieg des Nationalsozialismus« behandelt. Vor allem ist bei diesem Buche zu bemängeln, daß der Verfasser den Nationalsozialismus hier nur als Abwehrbewegung darstellt, ohne daß er ihn zugleich auch als Aufbruch positiver Kräfte wertet. -- Bereits in 10. Auflage sind die von H. Volz zusammengestellten »Daten der Geschichte der NSDAP.« < 1473> erschienen. Diese Schrift, die nunmehr gleichfalls den Zeitraum bis zum 1. Oktober 1938 umfaßt, ist gegenüber den früheren Auflagen <vgl. 1933/34, S. 384> nicht nur einer gründlichen Durchsicht unterzogen und noch übersichtlicher gegliedert, sondern vor allem auch um das Kapitel »Die NSDAP. in Österreich von 1926 bis 1938« und um die »Ehrenliste der Ermordeten der Bewegung« vermehrt worden. Je ein ausführliches Personen- und Sachregister erschließen den reichen Inhalt. Ein durch zahlreiches interessantes statistisches und Bildmaterial illustrierter Auszug aus der 7. Auflage dieser Datenzusammenstellung erschien unter dem Titel: »Das Werden der Partei« im »Schulungsbrief« < 1474>. -- Ebenfalls wegen seines reichen Bildmaterials, das der Sammlung Rehse (Archiv für Zeitgeschichte und Publizistik) in München entstammt, kommt dem von F. Maier-Hartmann verfaßten und von Hauptamtsleiter A. Dresler herausgegebenem Buche »Dokumente der Zeitgeschichte« < 1475> eine besondere Bedeutung zu. Während der erste Abschnitt die Zeit des Weltkrieges und die ersten Jahre der Nachkriegszeit behandelt, befaßt sich der zweite, wesentlich umfangreichere mit der Geschichte der NSDAP. bis zum 30. Januar 1933. Störend sind jedoch bei diesem Buch die zahlreichen chronologischen Fehler. -- Aus Anlaß des Erscheinens des 100. Heftes der »Nationalsozialistischen Monatshefte«, deren Schriftleitung bis zum April 1935 in den Händen des Reichsleiters Alfred Rosenberg lag (seitdem Herausgeber), sind dort ein gutes Dutzend von lose aneinandergereihten »Dokumenten aus dem Kampf der Bewegung« < 1477> veröffentlicht. Sie geben »ein Bild aus dem Kampf um die Weltanschauung,


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deren Ausgestaltung für immer mit dem Namen Alfred Rosenbergs verbunden ist.«

Eine einzelne, jedoch politisch besonders wichtige Episode aus dem Kampf der Bewegung um die Macht, nämlich die Vorgeschichte der Landtagswahl in Lippe (15. Januar 1933) seit dem 6. November 1932, schildert Tag für Tag der damalige Gaupresseamtsleiter der NSDAP., Hauptschriftleiter des lippischen Gauorgans und verantwortlicher Leiter des Pressehauptquartiers während des Wahlkampfes, A. Schröder < 1479>. Seine auf eigenen Erlebnissen, Tagebuchaufzeichnungen, Pressestimmen und Aktenmaterial beruhende sorgfältige und ausführliche Darstellung bildet eine ausgezeichnete Ergänzung zu der Behandlung dieses Themas in den bereits 1934 <vgl. 1933/34, S. 385 f.> erschienenen Werken von J. Goebbels, »Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei«, O. Dietrich, »Mit Hitler in die Macht« und H. Seehofer, »Mit dem Führer unterwegs«. -- Ebenfalls auf eigenem Erleben, und zwar als nationalsozialistischer Redner der Kampfzeit fußt das Buch von Friedrich Christian, Prinz zu Schaumburg-Lippe < 1476>, in dem der Verf. seine aufreibende Rednertätigkeit lebendig schildert, seine Erfahrungen als Propagandist der Bewegung darlegt und aus ihnen »für den weiteren Auf- und Ausbau unserer Bewegung gültige Erkenntnisse« herleitet. -- Seine vielfältigen Erlebnisse und seine Arbeit als Redner und Journalist im Dienste der nationalsozialistischen Bewegung bis zum Jahre 1928 schildert im Rahmen einer Selbstbiographie H. Hinkel, der bereits 1921 den Weg zu Adolf Hitler fand, in seinem Buche »Einer unter Hunderttausend« (Verlag Knorr & Hirth G. m. b. H., München).

Handelte es sich bei den bisher schon erschienenen Geschichten einzelner Gaue der NSDAP. wie z. B. Berlin (von J. Goebbels <1932, S. 285>), Braunschweig (von K. Schmalz <1933/34, S. 387>), Hamburg (von H. Okraß <1933/34, S. 387 f.>), Kurmark (von G. Rühle <1933/34, S. 388>) usw. meist nur um kürzere Abrisse, die im wesentlichen mehr aus dem Miterleben schöpften, als daß sie auf den vorhandenen Quellen aufgebaut sind, so ist mit der Gaugeschichte des Gaues Westfalen-Süd der NSDAP. aus der Feder von F. A. Beck < 1480> die erste Geschichte eines Gaues der NSDAP., die diesen Namen wirklich verdient, geschaffen worden. Sie unterscheidet sich nicht nur durch den Umfang (von mehr als 600 Seiten) von den oben erwähnten Abrissen der Geschichte einzelner Gaue, sondern vor allem auch durch den großen Stoffreichtum, der in bald sechsjähriger mühsamer Arbeit hier zusammengetragen ist, und durch ihre wissenschaftlich einwandfreie Bearbeitung. Alle irgendwie erreichbaren Quellen sind hier erschlossen, und nur, wer selbst einmal auf diesem Gebiete gearbeitet hat, kann voll ermessen, mit wieviel Schwierigkeiten verschiedenster Art der Bearbeiter eines solchen Themas zu ringen hat. Der Darstellung der allgemeinen Geschichte des Gaues, die von den ersten Anfängen des Nationalsozialismus in diesem Gebiet bis zum 30. Januar 1933 geführt wird, folgt die Schilderung der Entwicklung der verschiedenen Gliederungen der Partei innerhalb dieses Gebietes sowie des Aufstieges der Bewegung in den einzelnen Städten und Kreisen wie Bochum, Hattingen, Siegerland usw. Weiterhin werden dann in einem besonderen Kapitel mehr als ein Viertelhundert bedeutsamer Einzelereignisse aus der Gaugeschichte geschildert, und den Abschluß bildet ein umfangreicher Anhang, in dem eine Auswahl wichtiger Quellen zur Gaugeschichte wie Aufrufe, Protokolle, Briefe, Zeitungsartikel, Reden und


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dgl. wörtlich abgedruckt sind. Umfaßt dieses ausgezeichnete Buch, dessen Wert durch eine Zeittafel und ein Personenregister noch erhöht worden wäre, die Entwicklung eines ganzen Gaues, so behandelt F. Buchner < 1481>, der zunächst als Ortsgruppen- und dann als Bezirksleiter der Partei an den von ihm geschilderten Ereignissen hauptbeteiligt war, aus eigenem Miterleben in außerordentlich lebendiger Form den mit ungeheuren Schwierigkeiten und vielen Kämpfen verbundenen Werdegang des Kreises Starnberg der NSDAP. in dem halben Jahrzehnt von 1925 (Neugründung der Partei) bis 1930 (Reichstagswahl vom 14. September). -- In erster Linie den Kampf um Nürnberg schildert in seiner »Die Anfänge der völkischen Bewegung in Franken« betitelten Dissertation H. Preiß < 1452>, der alle irgendwie erreichbaren Quellen herangezogen hat. Die Darstellung endet mit dem Ausgang des Jahres 1923.

Einen wertvollen Beitrag zur Geschichte der SA. -- auch hier fehlt noch immer eine Gesamtgeschichte -- liefert die im Auftrage des Führers der SA.- Gruppe Berlin-Brandenburg, Obergruppenführer von Jagow, von Obersturmbannführer J. K. von Engelbrechten < 1482> verfaßte Geschichte der Berlin-Brandenburger SA. von ihren Anfängen bis zum Ende des Jahres 1936. Wenn es der Verf., der selbst jahrelang als SA.-Mann in der Reichshauptstadt gekämpft hat, als seine Absicht bezeichnet, »dem politischen Soldaten an einem der schwersten und entscheidensten Frontabschnitte im Kampf um das Dritte Reich ein geschichtliches Denkmal zu setzen« (S. 9), so hat er dies Ziel vollauf erreicht. Dabei sei hervorgehoben, daß auch er bestrebt war, alles irgendwie vorhandene Material an Akten, Presseartikeln usw. und die Berichte der noch erreichbaren alten Mitkämpfer heranzuziehen und auszuwerten. Besondere Schwierigkeiten bereitete es, die äußerst komplizierte organisatorische Entwicklung und vielfache Umgliederung und Umbenennung der SA. in allen Einzelheiten genau festzulegen. Ein umfangreicher Bildanhang enthält zahlreiche historische Bilder und Dokumente aus der Kampfzeit.

Über die Hitler-Jugend sind im Berichtsjahre zwei Veröffentlichungen historischen Charakters erschienen. Der jetzige Kreisleiter der NSDAP. H. Bolm < 1483> schildert -- nach einem Rückblick auf die deutsche Jugendbewegung der Vorkriegszeit und ihren Zusammenbruch -- als alter Mitkämpfer ausführlich und mit zahlreichen Einzelheiten (auch statistischen und organisatorischen Inhalts) die Entwicklung der niedersächsischen HJ. von ihren Anfängen bis zum 30. Januar 1933, während die wesentlich kürzere Schrift G. Hempels, des Gründers und Führers der Kieler HJ. < 1484>, den Werdegang der Hitler-Jugend einschließlich des Jungvolks und BDM. in dieser Stadt und ihrer Umgebung in den Jahren von 1928 bis Ende 1933 behandelt. Die Arbeit unterscheidet sich von Bolms Werk -- abgesehen davon, daß es sich im einen Fall um eine ganze Landschaft, im anderen Fall nur um ein begrenztes Stadtgebiet handelt -- auch dadurch, daß bei Hempel die eigentliche Chronik (mit einer ausführlichen Zeittafel) nur sehr knapp gefaßt ist, aber durch eine größere Zahl von Einzelberichten über die Kampfzeit und die ersten Monate nach der Machtübernahme ergänzt wird.

Höher als in den vergangenen Jahren ist die Zahl der in diesem Berichtsjahr veröffentlichten Biographien führender Männer der Bewegung. Über Adolf Hitler selbst lieferte G. Krüger < 1498> im »Handwörterbuch des Grenz- und Auslanddeutschtums« einen sehr stoffreichen, mit dem Frühjahr 1938 abschließenden


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biographischen Abriß, der auf dem vorhandenen Schrifttum aufbaut und in drei Kapiteln (Jugend und Lehrjahre, Jahre des Kampfes und der Formung, Volksführer und Staatsmann) Lebensweg, Entwicklung und Leistung des Führers aufzeigt. -- H. Fabricius, der in seiner 1933 erschienenen (1934 neuaufgelegten) Biographie des Reichsinnenminister Dr. Frick <1933/34, S. 391> mit Rücksicht auf den Entstehungstermin seiner Darstellung ihr Schwergewicht auf Fricks Tätigkeit vor 1933 (als Abgeordneter und Fraktionsführer der NSDAP. im Reichstag sowie als thüringischer Innenminister) gelegt hatte, berücksichtigt in Ergänzung dieser Arbeit in dem jetzt veröffentlichten Lebensbilde Fricks < 1503> nunmehr vor allem dessen Leistungen als Reichsinnenminister. Stellen die beiden soeben genannten Schriften nur verhältnismäßig kurze Abrisse dar, so sind die Werke über Göring, Epp und Ley sehr viel umfangreicher. Allerdings handelt es sich in diesen Fällen -- im Gegensatz zu den früher erschienenen Büchern von M. H. Sommerfeldt <1932, S. 286> über Göring, W. Frank <1933/34, S. 390> über Epp und von Role <ebd.> über Ley -- nicht um Biographien im eigentlichen Sinne. »Mit Bewußtsein«, so schreibt ausdrücklich H. Gritzbach, der als Chef von Görings Stabsamt zu dessen engsten Mitarbeitern gehört < 1500>, »ist dieses Buch nicht als Biographie geschrieben, weil Abschließendes nicht zu sagen ist und weil das große Geschehen unserer Zeit endgültig erst klargelegt werden kann, wenn weitere Zukunft den historischen Abstand gewinnen läßt« (S. 8). Infolgedessen gibt der Verf. -- allerdings meist aus eigener genauer Kenntnis -- in seinem Göringbuch nur skizzenhafte, aber sehr lebendige und eindrucksvolle Einzelbilder über das »Werk« (Preuß. Ministerpräsident und Innenminister, Reichsforstmeister und Reichsjägermeister, Reichsminister der Luftfahrt und Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Beauftragter für den Vierjahresplan) und den »Menschen« (Gefolgsmann und Politiker, Soldat und Staatsmann, Arbeiter und Arbeitskamerad, Mensch und Künstler). -- Auch das von J. H. Krumbach herausgegebene Werk über den General von Epp < 1505>, das eine willkommene Ergänzung zu W. Franks schon erwähnter Darstellung bildet, unterscheidet sich von einer Biographie vor allem dadurch, daß es keine in sich geschlossene Gesamtdarstellung enthält, sondern nur eine Reihe von lose aneinandergereihten Einzelkapiteln, die teilweise auch von verschiedenen Verfassern herrühren: Sippe und Jugend, 36 Soldatenjahre (von G. Gilardone), Epp an der Front (von F. von Lossow), Der Nationalsozialist (von A. Dresler), Der Kolonialsoldat und Kolonialpolitiker. Bedeutsam ist, daß hier erstmalig Epps Tagebücher über die Feldzüge in China und Deutsch-Südwestafrika benutzt worden sind. -- »Keine trockene Biographie, kein lückenloser Lebenslauf« ist schließlich auch das Sammelwerk »Mann an der Fahne« < 1504>, das Ausschnitte aus den vielfältigen Lebensschicksalen des Reichsorganisationsleiters der NSDAP. und Leiters der Deutschen Arbeitsfront Dr. Ley enthält. Die mit einigen wenigen Reden und Artikeln Dr. Leys untermischten Berichte, die dessen Pressereferent Walter Kiehl nach Kameradenerzählungen niederschrieb, sind in fünf größeren Gruppen zusammengefaßt: die erste behandelt Jugend und Kriegszeit, die zweite (»Kameraden-Spiegel«) und dritte (»In der Kampflinie«) die Kampfzeit, die vierte (»Das Exempel«) und fünfte (»Notizen von gemeinsamer Fahrt«) Erlebnisse und Leistungen seit 1933. Gerade diese beiden letzten Abschnitte ergänzen in ausgezeichneter Weise die bereits in den Jahren 1935/37 erschienenen Sammlungen von Dr. Leys Reden und Aufsätzen

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<1935, S. 315; 1937, S. 319>, zu denen im Berichtsjahr noch eine vierte (»Soldaten der Arbeit«, München, Zentralverlag der NSDAP.) getreten ist (vgl. dazu auch unten s. 297).

Werden in diesen soeben behandelten Werken noch lebende führende Nationalsozialisten gewürdigt, so liegen außerdem zwei Arbeiten über bereits verstorbene Männer vor, die in der Kampfzeit der Bewegung eine gewisse historische Rolle gespielt haben: Einmal handelt es sich um das Lebensbild des an der Feldherrnhalle am 9. November 1923 gefallenen Deutschbalten Max von Scheubner-Richter aus der Feder seines Kriegskameraden P. Leverkuehn < 1508>. Den breitesten Raum in dieser Darstellung nimmt Scheubners abenteuerliche und politisch äußerst wichtige Mission in den Orient während des Weltkrieges (1915/16) ein. Dagegen sind seine Jugendschicksale nur beiläufig erwähnt; auch seine Tätigkeit in Riga und Ostpreußen (u. a. als »Obmann des Ostdeutschen Heimatdienstes«) 1917/19 wie sein Wirken als »Antibolschewist« und seine Beziehungen zu Hitler und zur NSDAP. sind nur äußerst knapp, ja geradezu dürftig behandelt. In dieser Beziehung hätte sich bei genauerem Studium noch weit mehr an aufschlußreichem Material auffinden lassen. Die Darstellung des Verf., der selbst an der Orientexpedition teilgenommen hatte, beruht sowohl auf seinen eigenen Erlebnissen als auch »auf Scheubners und seiner Mitarbeiter Mitteilungen und Briefen, auf den Tagebüchern, Berichtsentwürfen und Papieren seiner Expedition«, auf Akten des Auswärtigen Amtes sowie schließlich auf Mitteilungen von Scheubners Gattin. -- Das andere Buch, von G. von Pölnitz verfaßt < 1507>, schildert packend das Leben des am 31. Januar 1935 tödlich verunglückten Wilhelm Freiherrn Marschall von Bieberstein. Weltkrieg, Baltikum, Kapp-Putsch und Oberschlesien sind die entscheidenden Etappen seines Werdeganges, ehe er zur Bewegung stieß. Besondere Verdienste erwarb er sich in der Führung der SA. während der Verbotszeit nach dem 9. November 1923 sowie im Kampfe für die Partei auf badischem Boden 1924/26 und -- nach einer Unterbrechung durch eine Asienexpedition -- seit 1929. Das mit viel Liebe und unendlicher Sorgfalt von allen Seiten her zusammengetragene reiche Material hat der Verf. zu einem prachtvollen Lebensbilde vereinigt, und gerade für die Kenntnis der Vorgänge innerhalb der NSDAP. nach dem Partei- und SA.-Verbot vom 9. November 1923 wie auch der Anfänge der Partei in Baden ist diese Darstellung von wesentlicher Bedeutung.

Ebenso wie in der Öffentlichkeit immer wieder der Wunsch geäußert wird, persönliche Einzelheiten über die führenden Männer der Bewegung zu erfahren, so wird auch sehr oft eine Zusammenfassung ihrer bisher entweder nur an sehr verstreuten Stellen veröffentlichten oder bisher überhaupt noch nicht gedruckten Aufsätze und Reden gefordert. Diesem Verlangen tragen auch in diesem Berichtsjahre verschiedene Werke Rechnung. Der Sammlung von Aufsätzen aus den Jahren 1927/30, die Dr. J. Goebbels 1935 in dem »Der Angriff« betitelten Buche <1935, S. 315> erscheinen ließ, ist nunmehr ein zweiter (diesmal von G.-W. Müller besorgter) Band unter der Überschrift: »Wetterleuchten« < 1502> gefolgt. Er enthält außer einer kleinen Nachlese von 13 Aufsätzen aus den Jahren 1928/30 vor allem 148 Leitartikel, die Dr. Goebbels in dem letzten und entscheidenden Abschnitt der Kampfzeit, den Jahren 1931 (»Jahr der Sammlung«) und 1932 (»Weg zur Macht«) im Berliner Gauorgan »Der Angriff« veröffentlicht hat. Den Abschluß bilden 9 im »Jahr des Sieges«


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1933 erschienene und 3 spätere Aufsätze (1934/37). Auch diese Zusammenstellung bildet -- wie schon der erste Band -- ein wertvolles Dokument für die damalige Zeitgeschichte im allgemeinen und den Endkampf der Bewegung um die Macht im besonderen. Leider vermißt man aber wiederum bei heute nicht mehr allgemein bekannten Ereignissen und Namen kurze erläuternde Anmerkungen, die durch die kurzen Einleitungen am Beginn jedes neuen Jahres nicht ersetzt werden können. Einen Fortschritt bedeutet es indessen, daß nunmehr von der sachlichen Anordnung zugunsten der chronologischen Reihenfolge abgewichen wurde.

Eine Ergänzung zu dem Göringbuche von H. Gritzbach (vgl. oben S. 295) bildet die ebenfalls von Gritzbach besorgte Auswahl aus H. Görings Reden und Aufsätzen < 1501>. Diese 35 Stücke, die aus den Jahren 1933/38 stammen -- den Abschluß bildet die für die Lösung der sudetendeutschen Frage hochbedeutsame Nürnberger Parteitagsrede vom 10. September 1938 --, sind in ihrem Inhalt außerordentlich mannigfaltig (besonders hervorgehoben sei die Rede über die Aufgaben des Vierjahresplanes vom 28. Oktober 1936 und über den Aufbau der deutschen Ostmark vom 26. März 1938). Sie berühren die verschiedensten Gebiete der deutschen Politik ebenso wie auch die in den Jahren 1933/37 gehaltenen Reden und Ansprachen des Stellvertreters des Führers, Rudolf Heß, die jetzt -- 29 an der Zahl -- gleichfalls in einem Sammelbande, teils in vollem Wortlaut, teils auszugsweise, veröffentlicht worden sind < 1499>. In beiden Bänden sind die Stücke rein chronologisch angeordnet. -- Zu der neuen fast 30 Reden und Aufsätze des Reichsorganisationsleiters Dr. Ley aus dem Jahre 1937 umfassenden Sammlung vgl. oben S. 296.

Zur Geschichte des Deutschen Reiches liegen vier periodische Veröffentlichungen vor. »Schultheß' Europäischer Geschichtskalender« < 1488>, auch dieses Mal von R. Suchenwirth eingeleitet (»Deutscher Aufbau im Jahre 1937«) und wiederum von U. Thürauf bearbeitet, behandelt das Jahr 1937. Einer Chronik der wichtigsten politischen Ereignisse dieses Jahres folgt das nach Ländern geordnete Kalendarium und dann der Abschnitt: Völkerbund. Der »diplomatische Anhang« gliedert sich in die fünf Kapitel: Westpaktfrage, Nichteinmischung in Spanien, Mittelmeerkonferenz in Nyon, Fernostkonferenz in Brüssel und Kollektive Handelspolitik. Im übrigen zeichnet sich dieser Jahrgang durch die gleichen, für ein derartiges Werk unbedingt erforderlichen Vorzüge wie seine Vorgänger aus: Übersichtlichkeit, Zuverlässigkeit und Materialreichtum.

Von den von P. Meier-Benneckenstein herausgegebenen »Dokumenten der deutschen Politik« <über Bd. 1--4 vgl. 1935, S. 311; 1936, S. 310; 1937, S. 321>, deren Bearbeitung nunmehr in die Hand von H. Volz übergegangen ist, erschien im Berichtsjahr der außerordentlich starke (inzwischen bereits in 3. Auflage gedruckte) Jahrgang 1937 (»Von der Großmacht zur Weltmacht«) < 1489>. Ist auch die Kapiteleinteilung im wesentlichen die gleiche wie in den vorhergehenden Bänden geblieben, so sind als Neuerungen -- abgesehen von einer stärkeren Zusammenfassung zusammengehöriger Stücke und der Übersicht über sämtliche Reden des Führers im Jahre 1937 -- vor allem (an Stelle des bisherigen unzulänglichen Sachregisters) je ein ausführliches Personen- und Sachregister zu verzeichnen, durch die der reiche Inhalt des Bandes -- es handelt sich um fast 100 im Wortlaut abgedruckte Dokumente -- erst wirklich erschlossen


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wird. Ebenso ist größerer Nachdruck als früher auf die erläuternden Anmerkungen und die Einleitungen zu den einzelnen Kapiteln gelegt. Entsprechend der immer stärkeren Verschiebung des Schwergewichtes der Politik des Reiches von der Innen- auf die Außenpolitik seit 1933 tritt in diesem Bande die Außenpolitik -- insbesondere im Hinblick auf die Spanienfrage, das deutsche Verhältnis zu Italien und Japan sowie auf Deutschlands Kolonialforderung -- sehr in den Vordergrund. Aber auch die übrigen Kapitel, die der Innenpolitik mit allen ihren verschiedenen Gebieten gewidmet sind, weisen einen reichen Inhalt auf, so daß der Band in seiner Gesamtheit ein eindrucksvolles Bild von dem Aufstiege Deutschlands zur Weltmacht vermittelt. -- Den gleichen Zeitraum wie dieser Dokumentenband, nämlich das Jahr 1937, behandelt auch der wiederum mit Unterstützung des Deutschen Reichsarchivs bearbeitete 5. Band von G. Rühles »dokumentarischer Darstellung«: »Das Dritte Reich« < 1490; über Bd. 1--4 vgl. 1933/34, S. 387; 1935, S. 311; 1936, S. 310 f.; 1937, S. 321>. Ist es die Aufgabe der »Dokumente der deutschen Politik«, ohne Anspruch auf irgendwelche Vollständigkeit die jeweils wichtigsten Dokumente des Jahres zusammenzustellen, so liegt bei Rühles ebenfalls wissenschaftlich einwandfreier Arbeit das Bestreben vor, unter Einflechtung von zahlreichen mehr oder minder ausführlichen Zitaten aus Dokumenten ein möglichst umfassendes und vollständiges Bild der Ereignisse des betreffenden Jahres auf allen Gebieten der deutschen Politik (Außen-, Innen-, Wirtschafts-, Sozial-, Kulturpolitik usw.) zu geben. Gegenüber den früheren Bänden ist Methode und Aufbau des vorliegenden die gleiche und bewährte geblieben (der gesamte riesige Stoff ist nach sachlichen Gesichtspunkten in 23 Abschnitte gegliedert); ebenso ist am Schlusse auch wiederum eine Zeittafel (mit Verweisungen auf die Darstellung), ein sehr vielfältiger Bildanhang von fast 100 Seiten Umfang sowie ein Sachregister beigegeben. -- Im Vergleich mit den eben besprochenen Veröffentlichungen trägt W. Bades Chronik »Der Weg des Dritten Reiches« <über Bd. 1--3 vgl. 1933/34, S. 386 f.; 1935, S. 311 f.; 1936, S. 311> mehr journalistischen Charakter. Der 4. Band < 1486> umfaßt abweichend von der bisher dort üblichen Periodisierung den Zeitraum vom Ende des Parteitages der Freiheit (September 1935) bis zu dem vierten Jahrestag der Machtübernahme, dem 30. Januar 1937. Die Ereignisse sind hier wiederum in streng chronologischer Folge aneinandergereiht. --

Die wichtigsten politischen Geschehnisse der Jahre von 1933 bis 1938, von der Machtübernahme durch den Nationalsozialismus bis zur Heimkehr Österreichs und dem Italienbesuch des Führers, schildert als Journalist A.-I. Berndt in seinen »Meilensteinen des Dritten Reiches« < 1485>. Ausdrücklich betont er, daß sein Werk, von ihm als »Reportagebuch« bezeichnet, »nicht Anspruch erhebt, Geschichtsschreibung zu sein« (S. 10). Trotzdem haben die bisher nur zum Teil in der Presse veröffentlichten Erlebnisberichte und »Stimmungsbilder von den großen Tagen der ersten fünf Jahre nationalsozialistischer Staatsführung« auch für den Historiker als Quellen eine besondere Bedeutung, und zwar deswegen, weil es dem Verf., der durch mehrere Jahre das Amt des stellvertretenden Pressechefs der Reichsregierung bekleidete, »vergönnt war, alle wichtigen Tage im Leben unseres jungen Staates mitzuerleben« (S. 10).

Über die beiden Nürnberger Parteitage der Jahre 1937/38, den »Parteitag der Arbeit« und den »Parteitag Großdeutschland«, liegen einmal die mit je einem Bildanhang ausgestatteten (seit 1934 erscheinenden) »offiziellen Berichte«


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vor, die zugleich auch sämtliche Kongreßreden in vollem Wortlaut enthalten < 1491 und 1494>. Der Übersichtlichkeit und schnellen Orientierung würde eine genaue Zeittafel der verschiedenen Veranstaltungen dienen. Sonderdrucke aus diesen Publikationen bilden die (ebenfalls alljährlich veröffentlichten) Sammlungen der sämtlichen Führerreden auf diesen Parteitagen < 1493 und 1496>. Ferner treten neben die amtlichen Parteitagsberichte wiederum die entsprechenden (schon seit 1933 erscheinenden) Bände des von Reichsminister H. Kerrl herausgegebenen und von K. Maßmann bearbeiteten, mit Bildern reich ausgestatteten Prachtwerkes »Reichstagung in Nürnberg« < 1492 und 1495>, die außer dem vollen oder auszugsweisen Abdruck der wichtigen Reden auch eine ausführliche Schilderung der vielen Einzelereignisse enthalten.

Die beiden wichtigsten Ereignisse der deutschen Politik des Jahres 1938, die Heimkehr Österreichs ins Reich und die Lösung der sudetendeutschen Frage, haben auch in der historischen Literatur bereits ihren Niederschlag gefunden.

Was die Ostmark anbelangt, so behandeln zwei Bücher, von H.-H. Welchert < 1509> und K. S. von Galéra < 1510> verfaßt, die österreichische Geschichte von der Thronbesteigung des Verräterkaisers Karl (1916) bis zum Anschluß im Frühjahr 1938. Wesentlich ausführlicher als Welcherts mehr skizzenhafte Darstellung -- insbesondere im Hinblick auf den Kampf des Nationalsozialismus gegen das Dollfuß- und Schuschnigg-System -- ist die Arbeit Galéras, der bereits 1933 eine bis zum Herbst jenes Jahres reichende (allerdings höchst mangelhafte) Nachkriegsgeschichte Österreichs veröffentlicht hat <1935, S. 308 f.>. Wenn auch in seinem neuen -- mit schlechten Zeichnungen ausgestatteten -- Buche manche der damals kritisierten Fehler beseitigt sind, so ist es trotzdem auch wieder recht mäßig ausgefallen. Flüchtigkeiten und Fehlern begegnet man auf Schritt und Tritt. Beispielsweise heißt der österreichische Staatssekretär und Bundeskanzler nicht Mayer (S. 61), sondern (wie auf derselben Seite auch richtig steht) Mayr. Alfred Proksch war nicht Gau-, sondern Landesleiter der NSDAP. (S. 179; richtig auf S. 146). Die Einladung des nationalsozialistischen Landesinspekteurs Habicht zu Dollfuß schlug nicht am 1. Januar 1934 der Führer dem österreichischen Gesandten Tauschitz vor, sondern vielmehr trug dieser am gleichen Tage den Plan einer solchen Zusammenkunft dem Reichsaußenminister von Neurath vor. Weiterhin fand der Besuch des Erbprinzen zu Waldeck und Pyrmont bei Gauleiter Frauenfeld in Wien nicht schon am 8., sondern erst am 11. Januar 1934 statt (S. 183). Der Nationalrat stimmte am 30. April 1934 nicht 47, sondern 471 Notverordnungen zu (S. 199). Der Ministerrat am 25. Juli 1934 war bereits beendet, als das Bundeskanzleramt von den Nationalsozialisten besetzt wurde (S. 207). Am schärfsten zu beanstanden ist jedoch die in keiner Weise der Wirklichkeit entsprechende Darstellung, die der Verf. von der Vorgeschichte der nationalsozialistischen Erhebung vom 25. Juli 1934 gibt und die in dem Satze gipfelt: »Durch ein raffiniertes Lockspitzelsystem werden Persönlichkeiten, die dem Nationalsozialismus nahestehen oder gar angehören, zu einer Aktion verleitet(!)« (S. 205 f.). An anderer Stelle bezeichnet der Verf. Fey und Starhemberg als die »Provokateure des 25. Juli« (S. 220). Eine derartige, durch nichts bewiesene Behauptung stellt eine üble Geschichtsfälschung dar, die sich auf genau der gleichen Linie wie die Bezeichnung: »Wiener Operettenputsch« hält, die Galéra an anderer Stelle <vgl. 1936, S. 312> für die mit schwersten nationalsozialistischen Blutopfern verbundene


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Erhebung vom 25. Juli 1934 geprägt hat. -- Eine ganz ausgezeichnete Arbeit ist dagegen die umfangreiche historische Darstellung der politischen Entwicklung in Österreich vom März 1933 bis März 1938, die W. von Hartlieb unter dem Titel »Parole: Das Reich« (Ad. Luser Verlag, Wien-Leipzig) veröffentlichte. Dieses fünf Monate nach der Heimkehr Österreichs ins Reich abgeschlossene Buch ist nach dem Zeugnis des Verf. (S. 9) »zum größten Teil in den Jahren des ostmärkischen Kampfes und Leides entstanden. Es ist Zeugnis und Anklage zugleich«. Als Material dienen in erster Linie zahlreiche Äußerungen von Trägern des »Systems« in Österreich sowie viele Pressestimmen der österreichischen »System«-Presse. Es ist selbstverständlich, daß dieses noch ohne die Benutzung irgendwelcher Archivunterlagen verfaßte Werk nicht »das Gepräge einer völlig abschließenden historischen Darstellung« über diese fünf Jahre schwersten Kampfes tragen kann, aber trotzdem bildet es »eine Materialsammlung, die auch für künftige Geschichtsforscher nicht ohne Wert sein dürfte« (S. 9). Bei der Fülle der hier behandelten Ereignisse und Tatsachen ist diese Veröffentlichung zugleich auch ein wichtiges Nachschlagewerk, dessen Benutzung durch das beigegebene Personenregister sehr erleichtert wird.

Mitten hinein in die Zeit des Kampfes und der Unterdrückung führt auch die staatsrechtliche Untersuchung des Wiener Juristen H. von Frisch < 1512> über »die Gewaltherrschaft in Österreich 1933 bis 1938« und die ungeheuren Rechtsbrüche des Dollfuß- und Schuschnigg-Systems in ihren Auswirkungen auf die verschiedenen Gebiete des öffentlichen und privaten Lebens (vgl. dazu auch den Aufsatz von H. Kier, Die Verfassungsbrüche in Österreich vom Jahre 1933--1938, in: Jahrbuch der Hochschule für Politik 1939, Berlin 1939, S. 57--79). -- In Gestalt einer Sammlung volksverräterischer Äußerungen in Vorträgen, Bücher und Presseartikeln liefert der Herausgeber des illegalen »Österreichischen Beobachters« in der Kampfzeit A. Fellner < 1514> einen kleinen, aber sehr interessanten dokumentarischen Beitrag zur Kenntnis der deutschfeindlichen Politik der österreichischen Regierung und ihres Anhanges, insbesondere in der Zeit nach dem Abkommen vom 11. Juli 1936. -- Mit welch zäher Entschlossenheit und unerschütterlichem Glauben an den Endsieg andererseits gegen dieses antideutsche Regime von den Angehörigen der nationalsozialistischen Bewegung gekämpft wurde, zeigen die aus dem Zeitraum vom Februar 1934 bis Februar 1937 stammenden, vom damaligen Führer der illegalen österreichischen SA., Brigadeführer A. Persche, zusammen mit K. Megerle herausgegebenen 31 Briefe unbekannter eingekerkerter österreichischer SA.-Männer, ihrer Frauen und Mütter < 1513>. »Es ist ein Dokument des kompromißlosen Kampfes und letzter Hingabe für die Idee.« Der auf S. 13 mit dem (offensichtlich falschen) Datum: 9. August 1934 abgedruckte Abschiedsbrief stammt von dem am 22. August 1934 in Leoben unschuldig zum Tode durch den Strang verurteilten und hingerichteten SA.-Mann Rudolf Erlbacher.

Von entscheidender Bedeutung für die Befreiung der Ostmark und ihre Heimkehr ins Reich, deren geschichtliche Bedeutung der Münchener Historiker K. A. von Müller < 1519> in einem Vortrag umrissen hat, war die große Reichstagsrede des Führers vom 20. Februar 1938, die sowohl in der Ausgabe des Zentralverlages der NSDAP. wie auch als Heft 2 des 5. Jahrganges der Österreichischen Monatsblätter »Zeitgeschichte« < 1497> erschienen ist.

Über Vorgeschichte und Durchführung der nationalsozialistischen Machtübernahme


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liegen verschiedene kleinere Beiträge vor. Die »letzten Tage des Kampfes und die ersten Tage des Sieges«, die Zeit vom 10. Februar bis 14. März 1938, schildert in lebendiger Form K. Itzinger < 1515>, damals Mitglied des Stabes der illegalen SA.-Obergruppe Österreich, in seinem Tagebuch, das auf Grund von eigenem Erleben, fremden Berichten und Pressemeldungen entstanden und noch durch Wiedergabe der wichtigsten Reden erweitert ist. -- Über die geradezu dramatischen Ereignisse in der Stadt Graz, in der sich bereits seit Mitte Februar 1938 die nationalsozialistische Bewegung unaufhaltsam durchsetzte und der der Führer deswegen später den Ehrennamen »Stadt der Volkserhebung« verlieh, berichtet das die zwei Monate vom 12. Februar bis 11. April umfassende Tagebuch H. Grilliets < 1516> und das vom Gaupropagandaamt Steiermark herausgegebene Bilderwerk »Graz. Die Stadt der Volkserhebung« (Verlag Leykam, Graz), in dessen von M. Jasser geschriebener Einleitung vor allem die für die damalige politische Entwicklung entscheidende Rolle des jetzigen Gauleiters Brigadeführer Dr. Uiberreither herausgestellt wird. -- In einem ebenfalls mit Bildern reich ausgestattetem Bande schildert H. Fink < 1518> zunächst die Zwangsmaßnahmen der österreichischen »System«-Regierung gegen »die unbotmäßige Stadt« Wels anläßlich des Frontsoldatentreffens am 17./18. Juli 1937 und dann die Ereignisse in den Tagen der Befreiung mit einem Ausblick auf die ersten nationalsozialistischen Aufbauarbeiten.

Im Gegensatz zu den soeben erwähnten Darstellungen, die mehr privaten Charakter tragen, steht die von Hauptschriftleiter F. Melzer herausgegebene Sammlung der DNB-Berichte aus Österreich vom 9. bis 15. März 1938 < 1517>. Sie schildern unter dem unmittelbaren Eindruck des Geschehens die sich fast überstürzenden weltgeschichtlichen Ereignisse von der Verkündung der »Volksabstimmung« durch Schuschnigg bis zu dem gewaltigen Ausklang, der Führerparade in Wien. Wenn es auch die Art und Technik journalistischer Arbeit mit sich bringt, daß in derartigen Meldungen mancherorts Lücken vorhanden sind und oft zunächst Augenblicksbilder an die Stelle von zusammenfassenden, in allen Einzelheiten ausgefeilten Berichten treten müssen, so besitzen doch auch solche Materialien dank ihrer Unmittelbarkeit und der Wiedergabe des Stimmungsmäßigen Quellencharakter, so daß sie für die spätere Geschichtsschreibung wertvolle Anhaltspunkte bieten können.

Stand bei allen diesen soeben genannten Schriften die Machtübernahme durch den österreichischen Nationalsozialismus, d. h. der 11. März 1938 im Mittelpunkt der Darstellung, so berichtet der damalige Amts- und jetzige Hauptamtsleiter der NSDAP. H. Sündermann, der als Stabsleiter des Reichspressechefs Dr. Dietrich zusammen mit dem Führer am 12. März 1938 die österreichische Grenze überschritt, in seinem Buch »Die Grenzen fallen« (Zentralverlag der NSDAP., München) aus eigenem Miterleben zunächst über die Vollziehung des Anschlusses am 13. Vor allem aber kann er als Bearbeiter der Pressefragen im Stabe des Reichskommissars Bürckel interessante Einzelheiten über die Vorbereitung der Abstimmung vom 10. April (z. B. über die Vorgeschichte der Erklärung der österreichischen Bischöfe) und über den beginnenden Wiederaufbau der Ostmark im Sommer 1938 mitteilen. Im Schlußkapitel streift der Verf. noch kurz die sudetendeutsche Krise und ihre Lösung durch die Münchener Konferenz, die er selbst aus nächster Nähe miterlebte.


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Die im Berichtsjahr erschienene Literatur zur Sudetenfrage befaßt sich in Anbetracht der Tatsache, daß dieses Problem erst im Herbst 1938 in sein akutes Stadium trat und dann auch gelöst wurde, fast ausschließlich nur mit der Vorgeschichte dieser Frage sowie mit den führenden Männern des Sudetendeutschtums.

Dem am 6. Dezember 1933 verstorbenen sudetendeutschen Vorkämpfer des Nationalsozialismus Hans Knirsch setzte sein Freund R. Zeidler < 1521> ein literarisches Denkmal in einer biographischen Skizze, in deren Anhang er zahlreiche an ihn in den Jahren 1906/14 und 1918/33 gerichtete Briefe Knirschs (jedoch leider ohne genaue Datierung) abdruckt. -- Die Persönlichkeit des sudetendeutschen Nationalsozialisten und früheren Landesleiters der DNSAP. Hans Krebs, der im November 1938 zum Regierungspräsident in Aussig ernannt wurde, steht im Mittelpunkt einer Reihe von Aufsätzen und Erinnerungsblättern, die H. Chr. Kaergel aus Anlaß von Krebs' 50. Geburtstag (26. April 1938) in dem Sammelbande »Ein Sudetendeutscher ergibt sich nicht« < 1522> zusammengestellt hat. -- Über den Begründer und Führer der Sudetendeutschen Partei Konrad Henlein, der seit dem Frühjahr 1938 immer stärker in der Politik hervortrat, liegen zwei Arbeiten vor. Während bei Henleins Mitarbeiter R. Jahn < 1523> der Turnführer, »der Turnlehrer aus Asch«, im Vordergrund steht, dessen Schöpfung, die neue Turnbewegung in den Sudetenländern, »notwendig in die politische Einigungsbewegung münden mußte« (S. 5) -- daher bricht diese Darstellung mit dem Herbste 1933 ab, als Henlein auf die politische Bühne trat --, beschäftigt sich in Ergänzung dieses Werkes K. A. Deubner < 1524> in seinem ebenfalls noch vor Lösung der Sudetenfrage abgeschlossenen Buche vor allem mit dem Politiker Henlein. Einen ausgesprochenen Mangel weist diese Darstellung indessen in der Hinsicht auf, daß die von dem Nationalsozialismus und seinen führenden Männern -- vor allem Knirsch, Jung und Krebs -- in den sudetendeutschen Gebieten geleistete große politische Vorarbeit infolge einseitiger Hervorhebung der Sudetendeutschen Partei und ihrer Leistungen viel zu wenig gewürdigt, ja geradezu totgeschwiegen wird.

Den Ausgangspunkt für die Entwicklung und Lösung der sudetendeutschen Krise bildet die bereits erwähnte Reichstagsrede des Führers vom 20. Februar 1938 (oben S. 300). Bereits drei Wochen später war der Anschluß Österreichs eine vollzogene Tatsache. Unter seinem Eindruck stand die am 23. und 24. April in Karlsbad abgehaltene Haupttagung der Sudetendeutschen Partei, deren Höhepunkt die Schlußrede Henleins war. Von dieser Tagung liegt der offizielle Bericht mit den dort gehaltenen fünf Reden in dem Buche »Der Lebenswille des Sudetendeutschtums« < 1525> vor. Henleins Rede ist außerdem -- zusammen mit dem (allerdings gekürzten) Memorandum der Sudetendeutschen Partei vom 7. Juni 1938 -- auch in Heft 4 der von F. Berber herausgegebenen Schriften des Deutschen Instituts für Außenpolitische Forschung (»Konrad Henleins Rede in Karlsbad«, Junker und Dünnhaupt Verlag, Berlin) gedruckt. Die Verfolgung der Sudetendeutschen durch die Tschechen, die im Verlaufe des Sommers 1938 sich immer mehr steigerte, und die Entwicklung der tschechischen Innenpolitik in der Zeit vom 24. April bis zum 12. Juni 1938 (dem Schlußtag der Gemeindewahlen) beleuchtet der vor allem auf tschechische Pressestimmen aufgebaute Tatsachenbericht von Ch. Sigl < 1526>. Unmittelbar nach der Lösung der sudetendeutschen Frage erschien die Schrift »Sudetendeutscher Schicksalskampf« < 1520>, in


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der führende sudetendeutsche Politiker in 7 kurzen Aufsätzen noch einmal Grundlagen und Entwicklung des sudetendeutschen Problems seit Gründung des tschechischen Staates darstellten. Weiterhin findet sich hier auch die Nürnberger Parteitagsschlußrede des Führers vom 12. September 1938 <auch in 1494-- 1496 enthalten>, ferner Henleins Aufruf vom 15. September sowie eine sehr brauchbare Zeittafel (Ereignisse und Tatsachen zur sudetendeutschen Geschichte vom Weltkrieg bis zur Heimkehr). Die amtlichen Dokumente, die sich auf die Zuspitzung und schließliche Lösung der Sudetenkrise beziehen -- von der Führerrede vom 12. September bis zum Ergebnis der Reichstagswahl vom 4. Dezember 1938 --, wurden vom Auswärtigen Amt in einem deutschen Weißbuche »Verhandlungen zur Lösung der sudetendeutschen Frage« veröffentlicht. Fast alle fremdsprachlichen Urkunden sind hier im Urtext, einige auch mit gleichzeitiger Übersetzung wiedergegeben.


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