II. Geschichte einzelner Epochen, Ereignisse und Persönlichkeiten.

Crome < 1551 und Prussia, Bd. 32, S. 297--324> verzeichnet zunächst nach Kreisen die von ihm ermittelten rund 900 Wehranlagen Ostpreußens im Umfang von 1918 und läßt dann eine alphabetisch geordnete Beschreibung der Wehranlagen mit wertvollen Literaturangaben folgen. Ziemlich häufig muß er es freilich unbestimmt lassen, ob eine Wehranlage vorliegt, zumal ihm unter Umständen nur 100 Jahre und mehr zurückliegende Angaben zur Verfügung stehen. Das alphabetische Verzeichnis ist bisher bis G gelangt. --Horns Arbeit < 538> beruht fast ausschließlich auf den Studien von Gerullis über die altpreußischen


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Ortsnamen, d. h. auf der Überlieferung aus der Ordenszeit. Das Samland und die Mitte der Provinz (Natangen, Barten) weisen die größte Zahl altpreußischer Ortsnamen auf, während diese weiter westlich ziemlich schnell abnehmen und im Osten fast ganz fehlen. Nur für den Osten führt H. geschichtliche Ursachen für diese Erscheinung an (das Schaffen eines weiten Grenzgürtels durch den Orden), während er für den Westen auf eine Erklärung aus der Geschichte verzichtet und sich mit Hinweisen darauf begnügt, daß die Preußen gern am Wasser siedelten, Wälder noch nicht zu roden vermochten, womit bekanntlich nichts Neues geboten wird. --Tumler < 894>, der Archivar am Deutschordenszentralarchiv in Wien, hat der Widerlegung der Ausführungen Foersters in seinem Werk »Europa und die deutsche Frage« eine eingehende Untersuchung gewidmet. Aus seinen Zitaten Foersters seien einige angeführt: »Der Deutsche Ritterorden in Jerusalem war die härteste und erprobteste Verkörperung des Ausrottungskrieges im Namen Christi... Ein preußischer General verständigt sich nicht mit seinem Feinde, er vernichtet ihn. So machten es in der Tat die Deutschordensritter mit den heidnischen Pruzzis ... Vom Mittelalter an gab es zwei deutsche Tendenzen gegenüber der slawischen Welt: eine föderative, die auf Symbiose ausging, und die kriegerische des Deutschen Ordens, die nichts als vernichten und niederbrennen konnte.« Die Widerlegung solcher Geschmacklosigkeiten erübrigt sich eigentlich. Es darf daher kaum noch gesagt werden, daß sie T. gelungen ist. Verf. ist überhaupt ein ziemlich guter Kenner der Ordensgeschichte. Erstaunlich ist, daß er Memel an die Memel verlegt, Peter von Dusburg stets Dusberg nennt, den Dreizehnjährigen Krieg stets 1453 ausbrechen läßt. Wenn T. meint, zum Kriegsdienst seien nur der Adel, die mit größerem Grundbesitz ausgestatteten Bürgerfamilien und die Dorfschulzen verpflichtet gewesen, so übersieht er vor allem die Kriegsdienstpflicht der zahlreichen Freien, d. h. gerade kleiner Grundbesitzer. Er sagt mit Recht, daß die Leistungen der deutschen Bauern schon bei der Anlage der Dörfer -- richtiger wäre: bei der Erteilung der Handfesten -- festgesetzt wurden. Aber wenn es weiter heißt: »Nur bezüglich der preußischen Bauern sind wir noch zu wenig unterrichtet«, so ist T. anscheinend unbekannt, daß deren Verpflichtungen nicht begrenzt waren. Nur halb richtig ist die Behauptung, der Orden habe das Gerichtswesen nicht in eigner Hand behalten. -- »Wie die Politik des Ordens nicht von einer rein sachbezogenen Haltung aus erfaßbar ist, so wird auch das Glaubensleben selbst nicht von einer nur-gläubigen Haltung aus verständlich; denn wie die Politik nicht in einem diesseitsbezogenen System erstarrt, so ist auch die Glaubenshaltung kein objektives, geistliches System, sondern von der Spannung beherrscht, die den Menschen immer wieder aus dem Jenseits heraus in das Diesseits führt, um ihn gerade in der konsequentesten Diesseitsbezogenheit vor das Jenseits zu stellen ... Die Weltverleugnung des Mönchtums und die Weltbejahung der Staatsgründer sind geradezu die Spannungspunkte des christlichen Glaubens und der politischen Struktur des Ordens.« Diese Sätze charakterisieren zur Genüge die Absicht, die dem Buch von Kunze < 895> zu Grunde liegt und -- das Buch selbst. Es gelingt ihm, wertvolle Beiträge zur Beurteilung der Statuten des Deutschen Ordens und Hermanns von Salza als Politiker zu geben, aber es ist kein Zufall, daß er es sich versagte, seine Grundsätze an der Politik des preußischen Ordensstaats zu prüfen. --Schmid < 1550>, der beste Kenner der Ordensbaukunst, bringt nach einer kurzen Einleitung über die

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Entwicklung des Ordensbaustils, von dem Bauten aus der Zeit von 1240 bis 1450 Kunde geben, knappe und doch sehr anschauliche Schilderungen über Lage, Zweck, Entstehungszeit, Geschichte und Baugeschichte der Burgen des Ordens, der Bischöfe und Domkapitel im Bereich der Provinz Ostpreußen im Umfang von 1938, im Gebiet Danzig, in der Grenzmark Posen-Westpreußen einschl. Küstrin und im östlichen Pommern. --Link < 2687> untersucht ein um 1250 entstandenes Ordenskalender. Neben den »der römischen Kirche ureignen Heiligen, besonders der Päpste und Märtyrer« nennt das Kalendar in seiner ältesten Fassung Heilige, die auf Palästina weisen; erst in den späteren Zusätzen werden deutsche Heilige genannt. Die Hauptheiligen waren außer Maria sehr bezeichnenderweise Elisabeth und Georg. --Hein < 2490> beweist die Echtheit des dem Orden von Alexander IV. 1257 über seinen Handelsbetrieb verliehenen Privilegs, das seit Jahrzehnten als Fälschung des Ordens galt. -- Die Sprache des Ordens in Preußen war mitteldeutsch, und es ist kennzeichnend für seinen tiefgehenden Einfluß, daß die schriftliche Landessprache fast durchweg mitteldeutsch war trotz der vielfach niederdeutschen Herkunft der Einwanderer. Danzig, das im inneren Verkehr sich des Niederdeutschen bediente, schrieb im Verkehr mit dem Orden hochdeutsch, ebenso Elbing. An dem Beispiel des aus dem ersten Drittel des 15. Jh.'s erhaltenen Elbinger Kämmereibuches weist Ziesemer < 491> jedoch nach, daß schon damals ein Schwanken zwischen beiden Sprachen, selbst innerhalb eines Satzes herrschte. Vorlagen scheinen teils in ihrer niederdeutschen Fassung, teils verhochdeutscht in das Kämmereibuch aufgenommen worden zu sein. -- Niemand, der Griesers Monographie über Johann von Baysen liest, wird sich bei aller Anerkennung der reichen Anregungen und Aufschlüsse, die dies Werk bringt, des Eindrucks erwehren können, daß der Verf. der bei Abfassung von Biographien immer drohenden Gefahr nicht entgangen ist, seinen Helden in allzugünstigem Licht erscheinen zu lassen. Wendlands < 900> Stellungnahme zu diesem Werk hat sich zu einer gründlichen, sehr durchdachten Würdigung dieses Hauptes des gegen den Orden gerichteten Preußischen Bundes ausgeweitet. Er zeigt, daß Baysen eigentlich von seinem ersten öffentlichen Auftreten im Jahre 1432 an ganz konsequent gegen den Orden gearbeitet hat und zwar in außerordentlich geschickter Form, und er macht es dadurch erst begreiflich, daß dieser schwer kranke Mann an die Spitze der Opposition gelangen konnte. Baysen war gewiß »kein schäbiger Betrüger« (Weise in H. Z. 157 S. 128), wohl aber, um mit Wendland zu reden, »ein machthungriger, von vornherein mit dem Verrat spielender Intrigant ungewöhnlichen Ausmaßes«. Mit diesen Worten ist Baysen m. E. noch treffender charakterisiert als mit Treitschkes Urteil, er sei ein verschlagener und ehrgeiziger Herr gewesen. --Seeberg- Elverfeldt < 2491> veröffentlicht eine Eingabe der Stadt Königsberg-Löbenicht an Herzog Albrecht aus dem Jahre 1559, in dem sie um Rat wegen ihrer Absicht bittet, im Hinblick auf die hohen Kosten der Hansetage aus der Hanse auszutreten. Nachteile, so urteilt der Rat, habe man davon nicht zu erwarten. Der Herzog hat zu dem Gesuch nicht Stellung genommen. Der Löbenicht war übrigens stets nur eine arme Handwerkerstadt; als Handelsstädte kamen nur die Schwesterstädte Altstadt und Kneiphof in Betracht. --Seeberg-Elverfeldt < 1711> bringt nach den sehr schlecht erhaltenen Stettiner Akten Mitteilungen über die Einwanderung von Pommern nach dem durch die Pest verödeten Ostpreußen unter Friedrich

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Wilhelm I. Genaue Zahlen zu geben verbietet der Stand der Überlieferung; vielleicht hätte die Heranziehung der Berliner Akten Ergänzungen ermöglicht. Der Adel war mit einer Auswanderung ländlicher Einwohner übrigens um so weniger einverstanden, als Pommern selbst noch Bedarf an Menschen hatte. Nach den allerdings wenig aufschlußreichen Königsberger Akten zu urteilen, ist denn auch die Zahl der pommerschen Einwanderer nicht beträchtlich gewesen. --Göring < 1781> bringt eine recht aufschlußreiche Darstellung über die Schatullsiedlung im Amt Oletzko, d. h. im Südosten des Landes. Die Einrichtung von Siedlungen auf dem der landesherrlichen Schatulle, nicht der Verwaltung der Stände, unterstehenden Waldboden unter dem Großen Kurfürsten hatte einen politischen Grund: Es sollte ein Bauernstand geschaffen werden, dessen Abgaben von den Bewilligungen der Stände unabhängig waren. Diese Abgaben waren geringer als die der übrigen Bauern, wodurch ein starker Anreiz zur Annahme von Bauernstellen auf Schatullboden gegeben war. Unter Friedrich I. wurden die Abgaben allerdings erhöht. Da die Macht der Stände beim Regierungsantritt Friedrich Wilhelms I. bereits gebrochen war, unterstellte dieser 1714 die Schatullbauern der allgemeinen Verwaltung, auch um eingeschlichenen Mißbräuchen finanzieller Art durch die Forstbeamten vorzubeugen. Wie schlecht es mit dem Verantwortungsbewußtsein der preußischen Beamten im 17. Jh. bestellt war, sieht man auch daraus, daß gerade bei den von Beamten gegründeten Dörfern später sehr umfangreiche Übermaßländereien festgestellt werden mußten. Außer durch Beamte wurden solche Dörfer durch benachbarte Gutsbesitzer und durch Siedlergenossenschaften gegründet und zwar ausschließlich auf dem Wege der Binnenkolonisation. Von 1687 bis 1709 entstanden in dem allerdings sehr großen Amt Oletzko elf Schatullsiedlungen. -- Eine aufschlußreiche lebendige Studie widmet Herre < 2313> dem Oberpräsidenten Eichmann (1850--1868). Dieser konservativ-pietistischen Kreisen nahestehende Jurist war 1835 ins Finanzministerium berufen und 1840 Direktor der 2. (wirtschaftspolitischen) Abteilung des Ministeriums der Auswärtigen Angelegenheiten geworden. 1845 wurde er Oberpräsident der Rheinprovinz, im September 1848 Innenminister im Kabinett Pfuel, nach dessen Entlassung er nach Koblenz zurückkehrte. Da er aber dem demokratischen Radikalismus nicht entschieden genug entgegentrat, wurde er 1850 nach Königsberg versetzt. Als wesentliche Aufgabe sah er die Pflege einer konservativen Staatsgesinnung im Sinne eines altpreußischen Royalismus an. Seine größten Verdienste um die Provinz erwarb er sich durch Verbesserung des Schulwesens und des Verkehrswesens; unter ihm entstand die Ostbahn, die von der russischen Grenze bis Berlin führt. Den Polen gegenüber vermied er infolge einer stets vom Staat ausgehenden Auffassung schroffes Auftreten.


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