V. Kultur- und Geistesgeschichte.

Mit viel Mühe und Arbeit geht H. J. Schoenborn < 2888> in seiner Königsberger Dissertation den Spuren des


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humanistischen Zwickauer Fälschers Stella (etwa 1460--1521) nach, ohne doch bei der mangelhaften Überlieferung von dessen Leben und Werk zu voller Klarheit über ihn zu kommen oder vielmehr kommen zu können. Aus dem Gestrüpp der Vermutungen und Wahrscheinlichkeiten führt auch die stets wiederholte unschöne Doppelung »allein schon« als Begründung für einzelne Tatsachen nicht immer heraus, wenngleich auch mancher neue Ausblick geboten wird. Im ganzen sieht Sch. in Stella den literarisch ehrgeizigen Fälscher -- namentlich in den Arbeiten zur Vorgeschichte von Zwickau und Leipzig --, der als gelehriger Schüler von Annius von Viterbo aus selbstgefertigten Grabschriften, Urkunden und erfundenen Chronisten ein lückenloses Gewebe für die Vorzeit der beiden Städte herstellen will, bei Zwickau bis zu Herkules, bei Leipzig wenigstens bis zu den Cheruskern. Nicht ganz so bewußte Fälschung liegt bei den Arbeiten zur Vorgeschichte Preußens vor, in denen Stella den Nachweis ununterbrochener deutscher Besiedelung anstrebt. Politische Zielsetzung ist nur beiläufig, geldliche Habgier offenbar nirgends der Beweggrund für die Fälschungen, die schon namhafte Kritiker, darunter auch Lessing, beschäftigt haben. Sch. überbietet sie alle mit seiner Untersuchung, da er diese ebenso auf Stellas Leben und humanistische Beziehungen wie auf die Bedeutung und Nachwirkung seiner Schriften erstreckt. Methode und Kritik in dieser Erstlingsarbeit lassen viel für künftige Arbeiten Schoenborns hoffen.

Recht zahlreich sind im Berichtsjahre die Veröffentlichungen über Archive sächsischer Städte, namentlich der Lausitz. Einzelheiten darüber erübrigen sich, weil jeder Archivbenützer sich mit diesen selbst befassen muß, aber der allgemeine Hinweis dürfte nützlich sein, weil er das Herumsuchen im Schrifttumteil erspart. Es unterrichten K. Marx < 83> über das Stadtarchiv Bautzen nach dem Stande von 1938, H. Patzig < 82> über das Kamenzer Stadtarchiv, O. Staudinger < 80> über die Archivalien der Stadt Löbau bis zum Jahre 1600, R. Diezel < 85> über die Archive der vogtländischen Klöster, J. Prochno < 81> über das Archivwesen der Stadt Zittau und die Quellen zur Stadtgeschichte. J. Prochno < 211> veröffentlicht ferner die umfangreichen Regesten zur Geschichte der Stadt und des Landes Zittau 1234--1437, Teil 2, seit 1378. Zu Vorzügen und Mängeln dieser Arbeit vgl. Ohnsorge im N. Arch. sächs. Gesch., 60, II, S. 325 ff., im übrigen <1937, S. 474>. -- In Verbindung mit dieser Übersicht über archivalische Grundlagen sollen noch die meist auf ihnen beruhenden familiengeschichtlich bedeutsamen Arbeiten genannt werden, von W. Mendel < 1883> der familiengeschichtliche Wegweiser durch Stadt und Land Bautzen, die Hauptstadt des Sechsstädtebundes in der Oberlausitz, von F. Aster < 1841> die Exules Christi in Dresden und von K. Haensch < 1840> die Exulanten in den Zittauer Kirchenbüchern.


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