§ 17. Deutsche Geschichte von 1254--1519.

(P. Kirn.)

I. Quellen und Untersuchungen zur Quellenkunde.

Entsprechend der bekannten Tatsache, daß Geschichtsquellen, deren Verfasser weite historische Räume mit großem Blick überschauen, im spätmittelalterlichen Deutschland fast ganz fehlen, bieten die im Berichtsjahr erschienenen Quellenausgaben überwiegend landschaftlich Wichtiges. Leidinger ( 931) veröffentlicht den deutschen Text eines doppelseitig beschriebenen Pergamentblattes mit Nachrichten für die Zeit von 1126 bis 1308. Sie entstammen bekannten lateinischen Quellen aus Erfurt. -- Die Ausgabe der Genuesischen Annalen in den Fonti per la storia d'Italia ( 889) ist bis 1279 weitergeführt, die mit 1280 beginnende Darstellung des Jacopo d'Oria ist für einen weiteren Band aufgespart. Der Herausgeber, Cesare Imperiale di Sant Angelo, liefert dazu eine breitangelegte Einleitung: 112 S. zu 187 S. Text. Die Erläuterungen in den Fußnoten schöpfen z. T. aus Ungedrucktem, so erhalten wir z. B. S. 115--122 den Text des Vertrages Karls von Anjou mit Genua vom 12. Aug. 1269. Für die deutsche Geschichte haben besonders die Nachrichten über Manfred und Konradin Bedeutung. -- In die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts führen zwei Regestenwerke. Neu begonnen haben die von F. Martin bearbeiteten Regesten der Erzbischöfe von Salzburg ( 184). Sie schließen sich an das Salzburger U. B. an und erreichen mit der ersten Lieferung das Jahr 1270. Fortgeführt wurden die Regesten der Straßburger Bischöfe von A. Hessel und M. Krebs bis zum Jahr 1299 ( 187). Krabbos Regesten der Markgrafen von Brandenburg ( 198) haben eine die Jahre 1308--1314 umfassende Fortsetzung erhalten. Für die Reichsgeschichte ist sie zu beachten wegen der Königswahlen in den beiden Grenzjahren. --Aloys Schmidts ( 928) Untersuchungen über das Carmen satiricum occulti Erfordensis beschäftigen sich mit einer Quelle, die das 1279 vom Mainzer Erzbischof über die Stadt verhängte Interdikt zum Gegenstande hat. Sie ist zwar schon zweimal gedruckt, aber damals konnte die beste, in Hamburg liegende Handschrift noch nicht herangezogen werden, die man erst nachträglich auffand. Varianten aus dieser werden nun mitgeteilt. Der Hauptreiz des Gedichts ist die farbige Schilderung des städtischen Lebens. Heinrich von Kirchberg, der Erfurter Stadtschreiber, wird darin sehr unsanft mitgenommen. Abweichend von Grauert vermutet Schmidt, daß Conradus de Githene (= Geithain) die Satire gegen den Stadtschreiber, ein Nicolaus de Bibera die anderen Teile, vielleicht von Mitarbeitern unterstützt, verfaßt habe. -- Für die Jahre 1346--1348 liegt nun der achte Band der Constitutiones ( 204) vor, dessen Schlußlieferung, die von R. Salomon und W. Finsterwalder angefertigten Register enthaltend, im Berichtsjahre erschien. Er wird der letzte seiner Art sein, denn die folgenden werden vielfach gekürzte Texte und dazu Erläuterungen in deutscher Sprache bringen.

Über den sogenannten Fürstenspiegel Karls IV., den Steinherz 1925 herausgegeben und besprochen hat -- im vorjährigen Bericht wurde er nur unter »Geistesgeschichte des Mittelalters« (S. 442) erwähnt -- hat sich ein sehr interessanter Streit entsponnen. Novák hat in einer (tschechisch geschriebenen und mir nicht zugänglichen) Anzeige zwar die Deutung der zwei Schreiben auf Karl IV. und Wenzel und die Datierung zu 1377 gebilligt, aber das


S.287

Ganze für eine Stilübung erklärt. Auf diese Kritik erwidert nun Steinherz ( 953). Es ist ihm zuzugeben, daß er seine These ziemlich wahrscheinlich machen konnte, aber alle Zweifel sind doch noch nicht gebannt, und Nováks Einwände verdienen Beachtung. Den besten Prüfstein bieten die stilistischen Differenzen zwischen dem Fürstenspiegel und Karls Selbstbiographie. Nach Novák schließen sie es aus, beide demselben Verfasser zuzuweisen. Nach Steinherz bemüht sich Karl im Fürstenspiegel, in der Art von Cicero und Petrarca zu schreiben, aber hie und da erlahmt er in dieser Anstrengung und schreibt dann ganz wie in der Autobiographie. Während die inneren Gründe für beide Thesen ziemlich vollständig beigebracht sein dürften, lohnt vielleicht eine nochmalige, auch das Kleinste heranziehende Stilanalyse.

G. Zedler ( 930) beschäftigt sich mit den Quellen der Limburger Chronik, wobei er sich sehr weit von den Auffassungen ihres Herausgebers Artur Wyß entfernt. Mag dies auch teilweise berechtigt sein, so sind doch seine eigenen Ausführungen keineswegs überall überzeugend. -- Tileman Elhen von Wolfhagen, der Verfasser der Limburger Chronik, soll in einer anderen Arbeit Zedlers ( 929) auch als der Verfasser der nur aus der reichlichen Benutzung bei Wigand Gerstenberg bekannten Hessenchronik erwiesen werden. Auch dieses kann ich nicht überzeugend finden. Daß die Limburger Chronik vortreffliches Erzählertalent verrät, die Hessenchronik dagegen nicht, kann man doch nicht so einfach aus dem Alter des Verfassers und daraus erklären, daß er hier Selbsterlebtes, dort nur Gehörtes berichte. Bezeichnend ist, daß beide Abhandlungen den Nachweis stilistischer Übereinstimmung zwischen dem, was Zedler Tileman zuschreibt, und dessen sonstigem Werk erst an ziemlich später Stelle ohne Nachdruck und ohne Glück versuchen.

Nach Konstanz in der Zeit seiner größten Bedeutung führt der textlich schon 1913 vollendete, nun aber durch ein gründliches Orts-, Personen- und Sachregister erschlossene dritte Band der Regesta episcoporum Constantiensium ( 186), bearbeitet von Karl Rieder. -- Noch mehr bietet natürlich der im Berichtsjahre erschienene dritte Band der Acta Concilii Constantiensis ( 171 = 1918). Noch fehlen ihm die allgemeine Einleitung und die Register. Die ersten drei Abschnitte behandeln das Verhältnis je eines Papstes zum Konzil. Am reichhaltigsten ist naturgemäß der erste, Johann XXIII. gewidmete, 305 Seiten umfassend. Wir erhalten hier die Texte zum literarischen Kampf um die Union und die Person Johanns XXIII. Früher gedruckte Streitschriften werden zweckmäßigerweise nur als Regest gegeben, jedoch mit Angaben über die Entstehungszeit und Berichtigung erheblicher Textfehler. Es folgen Anklagen und Zeugenaussagen über den Papst (deren Wert in der Einleitung von Finke mit gewohnter Objektivität besprochen wird), endlich Schreiben über Johanns Flucht und Absetzung. In dem Benedikt XIII. behandelnden Abschnitt werden besonders die Vorgänge in Perpignan hell beleuchtet. Der Schlußabschnitt bringt Schriften zur Papstwahl, darunter erstmalig ganz den Traktat eines Deutschen, dessen im zweiten Teil enthaltene Reformpläne schon oft behandelt wurden (z. B. in Molitors Buch über die Reichsreform S. 46--50). -- Eine wichtige und zugleich sehr kurzweilige Quelle ist der Reisebericht des kastilischen Edelmanns Pero Tafur ( 957), den Stehlin und Thommen, soweit er die Länder nördlich der Alpen betrifft, in deutscher Übersetzung mit ausgezeichneten Erläuterungen herausgegeben haben.


S.288

Er führt u. a. nach Straßburg, Basel, Köln, Nürnberg, Breslau und Wien, dazu in die flandrischen Städte. Die Reise fällt in die Jahre 1438 und 1439.

Bihl, ein Ordensbruder des Johann von Capistrano, druckt aus einer Handschrift des Salzburger Petersklosters zwei Briefe dieses Heiligen ab ( 936). Der erste, an Ladislaus Postumus gerichtet, drückt den Wunsch des Absenders, in Prag zu wirken, aus. Der zweite schildert den Sieg über die Türken bei Belgrad vom 22. Juli 1456 und wendet sich an Kalixt III. -- Das Urkundenbuch der Grafschaft Oldenburg ( 194) -- Kirchen und Klöster sind einem besonderen Bande vorbehalten -- enthält 1044 Nummern, von denen fast die Hälfte auf das 15. Jahrhundert entfällt. Viele werden nur im Regest mitgeteilt, wobei man bloß bedauern möchte, daß bei einigen wenigen Stücken die Urkundensprache nicht zweifelsfrei erkennbar ist. -- Zum Schluß sei zweier Quellen gedacht, die weniger durch ihre sachlichen Mitteilungen denn als Ausdruck geistiger Strömungen oder einer bemerkenswerten Persönlichkeit uns fesseln. Des elsässischen Humanisten Gebwiler Straßburger Chronik hat Karl Stenzel aus Fragmenten verschiedener Herkunft zusammengestellt ( 937 = 114 a). Diese Ausgabe samt der den Stoff vollkommen beherrschenden, klaren und feinen Einleitung verdienen als Vorbild für ähnliche Arbeiten hervorgehoben zu werden. -- Von Aventins Bairischer Chronik veranstaltete Leidinger eine verkürzte Ausgabe ( 938) mit guten Bildbeigaben, die diesen als festgeprägte Persönlichkeit über die sonstigen Geschichte schreibenden Humanisten emporragenden Mann eindrucksvoll zu Worte kommen läßt, zumal mit seiner Darstellung Ludwigs des Baiern, die er nach seinen eigenen Worten »aus den alten Briefen und Schriften ... nit ohne große Mühe und Arbeit herausgeklaubt« hat. -- Eine deutsch geschriebene, bisher ungedruckte Schilderung vom festlichen Einzug des Matthäus Lang in Rom im November 1512 veröffentlicht F. Martin ( 966).

II. Darstellungen.

An Füßleins Arbeit über das Hochstift Würzburg ( 969) hat allgemeinere Bedeutung vor allem das Bestreben, die schwer faßbare Entwicklung und geschichtliche Rolle der Würzburger Bürgerschaft klar herauszuarbeiten (vgl. auch 970). Daneben sei noch auf die Bemerkungen über Konradins Verlobung (S. 132/33) hingewiesen. -- H. Peper ( 944) beschäftigt sich mit den Königswahlen von 1273 und 1308, um die beiden anhaltischen Kandidaten, Siegfried I. und dessen Sohn Albrecht, zu charakterisieren, und weist darauf hin, daß Siegfried von Anhalt im Jahre 1273 fünf unverheiratete Töchter hatte, sich also in diesem Punkte fast mit Rudolf von Habsburg messen konnte. -- Die Dissertation von Langenberg ( 941) behandelt die Stellung von Bischöfen, Adel und Städten der ehemals babenbergischen Lande im Kampf zwischen Rudolf und Ottokar. Erzbischof Friedrich von Salzburg liefert den meisten Stoff dafür. Sie ist nicht über das bisher Bekannte hinausgekommen, soviel ich sehen konnte (sehen im physischen Sinn, denn der allein zugängliche Durchschlag ist nur sehr schwer lesbar). -- Ein vollwertiger Beitrag zur Reichsgeschichte unter Rudolf und seinem Nachfolger ist durch ihren Gegenstand und dessen vortreffliche Behandlung die Arbeit von Manfred Krebs über den Straßburger Bischof Konrad III. von Lichtenberg ( 979), der schon vor seiner Wahl im Jahre 1273 ein Parteigänger des Habsburgers ist und unter Adolfs Regierung ständig mit Albrecht von Österreich in Fühlung bleibt, dessen Kampf gegen den König er vorbereitet und durchführen hilft. --Heinrich Finke


S.289

( 945) gibt auf wenigen Seiten ein sehr lebendiges Bild nicht nur von der für Jakob II. von Aragon siegreichen, für seinen jüngeren Bruder Friedrich von Sizilien verhängnisvollen Seeschlacht bei Kap Orlando im Juli 1299, sondern auch von ihren Voraussetzungen und Folgen. Benutzt ist dabei der Nachlaß des im Weltkriege gefallenen H. E. Rhode.

Von zwei sizilianischen Königinnen, die in Klarissenklöster eintraten, handelt ein Aufsatz von Mazzara ( 940). Es sind Manfreds Tochter Konstanze, die Gemahlin Peters von Aragon, und Eleonore, die Gattin Friedrichs II. und Schwester des heiligen Ludwig von Toulouse. Der Aufsatz bestätigt, was Wadding von diesem König Friedrich II., dem Besiegten von Kap Orlando, sagt: erga Minoritas ut universa domus Aragoniae addictissimus.

Friedrich Schneider ( 946) veröffentlicht von seiner Geschichte Heinrichs VII. den zweiten Teil. Darin wird der Romzug dargestellt unter ausgiebigster Verwertung der neuesten Literatur, mit reichhaltigen Quellenbelegen und dem Abdruck einiger Urkunden. Die Sympathie des Verfassers mit seinem Helden ist unverkennbar, mit Davidsohns Beurteilung der Vorgänge setzt er sich vielfach kritisch auseinander. Zu einem abschließenden Urteil wird man erst kommen können, wenn der dritte Teil vorliegt, in dem Heinrichs Kaisertum im Rahmen der Ideen seiner Zeit zu würdigen ist. Über die 1921 geschehene Überführung der Gebeine des Kaisers aus dem Campo Santo zu Pisa in den Dom berichtet Schneider in einer besonderen Studie ( 947), die vor allem Forschungsergebnisse italienischer Mediziner über die Giftmordlegende bekanntmacht. Wegen der Beziehungen, die Cangrande und seine Nachfolger zur deutschen Geschichte haben, sei Luigi Simeonis Studie über die Krisis der Skaligerherrschaft ( 949) hier erwähnt. Anstatt, wie es gern geschieht, Größe und Zerfall dieser Herrschaft auf die Verschiedenheit des Charakters Cangrandes und seines Neffen Mastino zurückzuführen -- etwa unter Hinweis auf deren bekannte Standbilder --, zeigt Simeoni gerade, daß der Oheim seine Erfolge großenteils dem Glück und der Hilfe solcher Parteien, deren Treue fraglich bleiben mußte, verdankt, ja in den letzten Jahren ganz ähnlich vorging wie Mastino, der sehr gute Gründe zur militärischen Defensive hatte und politisch vielfach in einer Zwangslage war. -- Die erwähnte Krise fällt in der Hauptsache in die Jahre 1336 bis 1339. Damit berührt sich zeitlich die Schrift von G. Uhl ( 950). Reichlich ungedruckten Quellenstoff verwendend, ist sie ein Beitrag zur Geschichte Ludwigs des Baiern in den Jahren von 1337 bis 1346. Am stärksten interessiert die Haltung des Mainzer Erzbischofs Heinrich, dem die Untersuchung gilt, auf seinem Provinzialkonzil zu Speyer (März 1338), in Rense auf dem Kurfürsten- und in Frankfurt auf dem Reichstag. Heinrich (nicht Balduin!) scheint in Rense der eigentliche Führer zu sein, später erscheint er aber so von Ludwig dem Baiern abhängig, daß es naheliegt, dies auch für die frühere Zeit seit seinem vollen Übertritt ins kaiserliche Lager vorauszusetzen. Als Heinrichs Einfluß schwindet, findet Ludwig beim Domkapitel Ersatz für die bisher vom Erzbischof gewährte Unterstützung.

Die interessante Gestalt Karls IV. lockte mehrere Bearbeiter. Wolfgang Klein ( 952) untersucht ein sehr dankbares Thema, wenn er den Einflüssen des französischen Aufenthaltes auf Karls Regierung nachspürt. Freilich begegnen ihm allerlei Mißgriffe. Manches preßt er zu sehr. Ein Gedanke wie: Karl IV. setzt in der Schlacht sein Leben aufs Spiel, wie dies auch französische Könige


S.290

taten (S. 15), ist doch gar zu billig. Für die feierliche Krönung der Königin, eine in Böhmen früher unbekannte Zeremonie, soll Karl das Vorbild in Frankreich gesucht haben; daß Deutschland ebensogut in Betracht kommt, wird leider nicht gesagt. Ein nicht durchschautes Bibelzitat in der Vita Clemens' VI. hat zur Folge, daß er aus den von Luther so übersetzten Worten: »Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen« (dies habe sich, rühmt der Biograph, der Papst zur Richtschnur genommen) herausliest: Der Papst habe die Aufgabe seines Pontifikates darin gesehen, das Glück seiner Günstlinge zu begründen (S. 33). Man wird also Erhebliches von den Ergebnissen dieser sonst ganz ansprechenden Arbeit abzuziehen haben. --Novák ( 951), der über den Patriotismus Karl IV. schreibt, will dabei das Wort Patriotismus ausdrücklich nicht im modernen Sinne verstanden wissen. Er ist sich auch klar darüber, daß nur der tschechische Adel ernstlich von Karl berücksichtigt wurde, und daß, wo Karl sich über die tschechische Sprache äußert, meist praktische Absichten zugrunde liegen -- mit einer Ausnahme (der bekannten Stelle in der Selbstbiographie Böhmer, Fontes I p. 246/47), zu der ich mit Hanisch ein Fragezeichen setzen möchte. Trotz all diesen Einschränkungen erweckt aber das Wort Patriotismus und erwecken die von Novák zusammengestellten Tatsachen den Eindruck, als hätte sich Karl den Tschechen näher gefühlt als den Deutschen oder Luxemburgern. Hiergegen wendet sich Hanisch ( 951 a). Er betont mit Recht, daß Karls Verhältnis zu Schlesien, der Mark Brandenburg u. a. als Vergleichsmaterial daneben gestellt werden müßte, und daß manche Aufstellungen Nováks abzuschwächen oder zu berichtigen sind.

In die sonst unrühmliche Regierungszeit Wenzels fällt der Feldzug Karls VI. von Frankreich gegen den Herzog Wilhelm von Geldern. Dieses Ereignis, erfreulich für die deutsche Geschichte, weil der Herzog ruhmvoll daraus hervorgeht, wichtig für die französische, weil Karl VI. sich seitdem von der burgundischen Bevormundung freimacht, schildert Schulte ( 954) klar und eindrucksvoll. --Hollnsteiner ( 956) macht den Versuch, zu zeigen, wie Sigmunds Stellung auf dem Konstanzer Konzil nach den unter seiner eigenen Mitarbeit neu erschlossenen Quellen, besonders den Tagebüchern des Kardinals Fillastre, erscheint. Gerade dieser einseitig französisch eingestellte Kardinal läßt den Einfluß Sigmunds gut erkennen, die Mittel, mit denen er seine Wünsche durchzusetzen sucht, die Widerstände, die er allenthalben findet. Nicht einverstanden bin ich nur, wenn Hollnsteiner aus Sigmunds Absicht, die Reform vor der Papstwahl durchzusetzen, folgert: »Auch ein Beweis, wie wenig man in Konstanz selbst an die Oberhoheit des Konzils über den Papst glaubte«. Es genügt doch vollständig die Annahme, man habe -- mit vollem Recht -- an dem ernstlichen und nachhaltigen Willen des Papstes zur Reform gezweifelt. -- Unter Verwendung bisher unbekannter Dokumente aus den Archiven von Brüssel und Dijon und der Pariser Nationalbibliothek behandelt Quicke ( 955) Sigmunds Beziehungen zu Burgund. Herzog Friedrich von Österreich, der dem Papste Johann XXIII. zur Flucht verholfen hatte, verweigerte der aus Brabant stammenden Witwe seines Bruders Leopold die Herausgabe ihres Witwengutes. Anknüpfend an die Verstimmung zwischen diesem Friedrich und Sigmund, suchten die Burgunder Sigmunds Beistand gegen jenen zu gewinnen. Die Annäherung hatte keinen Bestand, denn schon strebten die Burgunder danach,


S.291

Johann IV. von Brabant mit der berühmten Jakobäa, der Erbin von Hennegau, Seeland und Holland, zu verheiraten, und darein vermochte Sigmund natürlich nicht einzuwilligen. Auch auf die Frage des Tyrannenmordes, die in Konstanz verhandelt wurde, haben diese Beziehungen eingewirkt.

Das umfangreiche, gefällig geschriebene Buch von Barbey ( 962), eine der Ecole des Chartes vorgelegte Dissertation, schildert das Leben eines Feudalherren aus der Freigrafschaft Burgund, dessen Besitzungen hauptsächlich im Juragebiet liegen und in dem Städtchen Nozeroy ihren Mittelpunkt haben. Ludwig von Châlons, der Held der Darstellung, nimmt auf der Seite seines Lehnsherrn Philipp von Burgund und der Königin Isabeau am Kriege teil. Auf dem Wege der Gewalt sucht er für sich selbst den Delphinat zu gewinnen, verliert aber dabei noch sein Fürstentum Orange. 1432 löst er sich von der Partei Burgunds und schließt sich dem König an, was ihm jenes Fürstentum von neuem einbringt. Auch mit dem Deutschen Reiche hat er wichtige Berührungen. Sigmund, den er einmal persönlich in Nürnberg aufsucht, bestätigt ihm nicht nur alte Privilegien, sondern erteilt ihm überraschend weitgehende Rechte als Reichsvikar in Burgund, Dauphiné und den angrenzenden Landschaften. Bezeichnend, daß Ludwig, um dem Zorne des Burgunderherzogs zu entgehen, zweimal öffentlich auf diese Rechte verzichtet (S. 121 f.), und daß doch in der Bevölkerung der Gedanke der Zugehörigkeit zum Reich nicht erloschen ist (S. 169). Die aus reichen Quellen gespeiste Arbeit ist ein wichtiger Beitrag zur Geschichte der Westgrenze des alten Reiches.

Die Kenntnis der Hussitenkriege wird durch zwei Abhandlungen gefördert. Ermisch ( 988) bespricht die Schlacht bei Aussig vom 16. Juni 1426. Er gibt eine Übersicht über die leider spärlichen Notizen, die sich aus Briefen, Stadtrechnungen und Abrechnungen fürstlicher Beamter gewinnen lassen, stellt hierauf die zeitgenössischen Berichte zusammen und läßt zum Schluß 15 kurze, z. T. noch ungedruckte Quellenstücke folgen. Wild ( 986) teilt mit, was über die Teilnahme des Vogtlandes an diesen Kriegen festgestellt werden kann; am meisten war die Stadt Eger aktiv beteiligt.

An Kießkalts ( 959) Ausführungen zur Geschichte der Post dürfte richtig sein, daß manche Forscher jede in den Quellen erwähnte Post vorschnell als Taxissche Post angesehen haben, und daß das erst spät erreichte Monopol dieser Familie seinen Grund darin hat, daß die Kaiser ihre Schulden an sie nicht bar abzahlen konnten. Im übrigen ist diese Schrift nicht frei von Einseitigkeiten und Fehlern. -- R. v. Bibra ( 958) behandelt unter dem Titel »Kaiser Friedrich III. in Würzburg« Fragen, die 1474 und 1475 Kaiser und Reich beschäftigten. U. a. erhält man über den damals den Kaiser begleitenden Türkenprinzen Calixtus Ottomanus und den bekannten Türkenprinzen Dschem Auskunft. Die Monographie des Majors de Vallière ( 964) über die Schlacht bei Murten beruht auf gründlichen Studien, verfolgt aber in der Hauptsache den Zweck, in Schweizer Lesern Stolz auf die vaterländische Vergangenheit und Freude an der Wehrhaftigkeit überhaupt zu wecken. Sie entgeht nicht ganz der Gefahr, Einzelumstände genauer zu schildern, als es die Quellenlage gestattet. --Mario Brunetti ( 965) betitelt eine ausführliche Analyse der Depeschen des venezianischen Gesandten Vincenzo Querini Alla vigilia di Cambrai, womit er das daran haftende Interesse richtig bezeichnet. Querini weilte 1507 in Konstanz in der Umgebung Maximilians, dann wurde ihm Augsburg


S.292

als Aufenthaltsort zugewiesen. Seine Lage war sehr schwierig, weil Venedig alle Vorschläge Maximilians ablehnte und bei der rasch wechselnden Sinnesart des Königs, dem anscheinend erkaltenden Eifer der deutschen Fürsten, den Aussichten auf eine franzosenfreundliche Opposition in der Schweiz und auf kriegerische Verwicklungen in Flandern an eine allzu ernste Gefahr nicht glauben mochte. Man erhält durch diese Veröffentlichung ein gutes Bild von der Vorgeschichte der schon früher gedruckten, sehr lebendigen und klaren Relation des Querini.

Der Gesamteindruck, den die hier flüchtig gemusterte Literatur hinterläßt, ist ein stärkeres Bemühen um die Aufhellung der historischen Probleme dieses Zeitraums als es im vorigen Berichtsjahr in Erscheinung trat. Stärker zeigt sich auch -- wie es die engen internationalen Zusammenhänge der mittelalterlichen Spätzeit selber zu fordern scheinen -- das Zusammenwirken der verschiedenen Völker, deren Historiker einander, auch wo sie sich wissenschaftlich bekämpfen, die gebührende Achtung nicht versagen.


Diese Seite ist Bestandteil des Informationsangebots "Jahresberichte für deutsche Geschichte" aus der Zwischenkriegszeit (1925-1938)