§ 24. Der Weltkrieg. 1914--1918

(H. Herzfeld)

I. Bibliographie.

J. Hashagen < 1235> hat in einem Aufsatze, der die teilweise Rückständigkeit der deutschen Forschung zur direkten Geschichte des Weltkrieges nicht verhehlt, darauf hingewiesen, daß die besonderen Wertungsgefahren dieser zeitnahen Epoche von dem Fachhistoriker in erster Linie den geschärften Einsatz der erprobten kritischen Methoden unserer Wissenschaft verlangen und die nächste Aufgabe seiner Arbeit im Rankeschen Sinne in der schlichten Feststellung des tatsächlich Gewesenen besteht. Er hat dabei gemeint, daß die gegen das französische und angelsächsische Ausland unleugbare Zurückhaltung der deutschen Forschung gegen die Themen der Kriegszeit auch auf bibliographischem Gebiet festzustellen sei. Gerade hier beginnt sich aber durch die Initiative der Stuttgarter Weltkriegsbücherei mit ihrer umfassenden Sammlung von 75_000 Bänden zur Kriegsgeschichte eine erfreuliche Wandlung der Lage anzubahnen. Die Leitung der Weltkriegsbücherei hat vor allem durch die Arbeit M. Gunzenhäusers begonnen, in ihren »Bibliographischen Vierteljahrsheften« eine zwar nicht in allen Teilen restlose Vollständigkeit erstrebende, aber doch für praktische Forschungsbedürfnisse ganz umfassende länderweise Bibliographie des Weltkrieges zu bearbeiten, deren einzelne Teile nicht nur die Vorgeschichte des Krieges in ganz weit gefaßtem Sinne sowie die Geschichte desselben, sondern höchst dankenswerterweise auch die Nachkriegszeit einschließen < 1236, 1238--39>. Auf die ersten Hefte über Polen und die Nachfolgestaaten der Donaumonarchie sind bereits dreiteilige Publikationen für Österreich-Ungarn (von 1848 an) und soeben auch für


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England und das britische Weltreich (seit 1870) gefolgt. Sie sollen und werden hoffentlich in schneller Folge fortgesetzt werden und eine übersichtliche und allen Ansprüchen genügende deutsche Bibliographie des Weltkrieges herstellen, die unsere Arbeit von den nicht immer leicht zugänglichen großen Hilfsmitteln des Auslandes unabhängig macht, diese zeitlich überholt und durch die regelmäßigen Publikationen über die Neuanschaffungen der Weltkriegsbücherei ständig ergänzt wird. Schon jetzt ist etwa in dem Hefte von Wanderscheck über die englische Propaganda im Weltkrieg auch die Bearbeitung anspruchsvoller und schwieriger Spezialgebiete in Angriff genommen. Vor allem greifen die Hefte für Österreich und England vielfach schon über die engeren Grenzen des Länderthemas erheblich hinaus und decken weite Teile der europäischen Bündnis- und Rüstungspolitik, so daß sie bei verständnisvollem Gebrauch Dienste auch über den direkten Titelrahmen hinaus zu leisten vermögen. -- Wie dringend und wünschenswert diese Emanzipation auf bibliographischem Gebiet war, beleuchten gerade im Berichtsjahre wieder zwei Publikationen der amerikanischen Hoover War Library zur Geschichte der Friedenskonferenz von 1918/19. Das knappe Verzeichnis zur Bibliographie der Pariser Konferenz von Nina Almond und R. H. Lutz < 1283> verzeichnet nicht nur die Summe der ententistischen amtlichen Vorarbeiten für Versailles und weist erneut auf die dokumentarische Bedeutung der großen Tagebuchpublikationen von Miller hin, sondern gibt auch eine wertvolle chronologische Übersicht der erreichbaren Protokolle aller wichtigeren Konferenzkörperschaften. Es macht somit sehr deutlich, welche große Summe wichtigen Materiales für dies Thema in der amerikanischen Bibliothek vereinigt ist. Die Dokumentenpublikation der gleichen Verf. für den Vertrag von St. Germain < 1289> illustriert gleichzeitig durch eine Auswahl von 348 Aktenstücken den Verlauf des Kampfes um den Frieden mit Österreich in allen seinen Verzweigungen und gibt geradezu ein Schulbeispiel, wie sehr damit über die bisherigen, meist populären Darstellungen der Friedenskrise in deutscher Sprache herauszukommen ist.

II. Kriegsschuldfrage und Kriegsentstehung.

Das Feld der politischen Erforschung der Kriegsgeschichte ist seit dem Abschluß der amerikanischen Aktenpublikation der Foreign Relations und durch das schnell fortschreitende Erscheinen der russischen Dokumente in das Zeichen einer ganz neuen Forschungslage getreten. Der Kampf um die Kriegsschuldfrage im älteren Sinne steht dagegen mehr und mehr unter dem Zeichen einer gewissen Ermattung, die doch auch dafür zu sprechen scheint, daß sich ihre Wirkung unter dem Druck einer gewandelten, neue Probleme stellenden Weltlage innerlich allmählich zu erschöpfen beginnt.

Von deutscher Seite ist neben einer mehr orientierenden Zusammenfassung von R. Dietrich < 1242> der Versuch P. Rassows < 1244> zu nennen, der die Genesis der Kriegsschuldthese im Verlauf des Weltkrieges aus der Wechselwirkung von Kriegsverlauf und propagandistischer Rechtfertigung der eigenen Sache durch die kämpfenden Mächte historisch zu erklären versucht. Seine Skizze ist vielleicht im Material noch zu beschränkt; sie interpretiert daher gelegentlich den Redekampf der leitenden Staatsmänner in den einzelnen Ländern, mit besonderer Liebe die Entwicklung in England von Grey bis Lloyd George, mit etwas mehr als zulässiger, geradliniger Kühnheit. Der Aufsatz besitzt aber auf jeden Fall das Verdienst, ein bedeutsames Thema beherzt angepackt,


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die Aufgabe gestellt zu haben, die im Grunde unhistorische Kriegsschuldanklage gegen Deutschland durch die Klärung ihres politisch-historisch bedingten Werdeganges ebenso energisch in geschichtlichem Sinne aufzulösen, wie durch die bisher vorwaltende Methode ihrer sachlichen Widerlegung durch den Vergleich mit einer kritisch erforschten Vorgeschichte des Weltkrieges. -- Von Einzelthemen hat F. Friedensburg < 1246> den amerikanischen Vorwurf widerlegt, daß Deutschland in den letzten Jahren vor 1914 den Kriegsausbruch durch verstärkte Rohstoffeinfuhr systematisch vorbereitet habe. Sein Aufsatz weist schlüssig nach, daß hier im Gegenteil eine verhängnisvolle Lücke unserer Kriegsvorbereitung durch die Vernachlässigung der wirtschaftlichen Kriegsausrüstung Deutschlands vorgelegen hat. -- E. Hemmers gediegene Dissertation über die deutschen Kriegserklärungen von 1914 < 1247> liegt jetzt auch in einer Buchausgabe vor, die ihren Gehalt voll wirksam macht. Mit ihrer ruhigen, Extreme vermeidenden Besonnenheit macht sie die Kette moralischrechtlicher mehr noch als politischer Erwägungen deutlich, die Bethmann Hollweg gegen den Wunsch der Militärs zu der überstürzten formellen Kriegserklärung an Rußland und Frankreich drängten, weil er überzeugt war, ohne diese Deckung das Ultimatum an Belgien nicht verantworten zu können. Sie führt damit auf die ernsteste Schwäche auch der deutschen Kriegsleitung, das Auseinanderklaffen militärischer und politischer Führung im Weltkriege, deren erstes Glied die Hilflosigkeit der Bethmannschen Politik gegenüber dem ihr bekannten, aber niemals ernsthaft vorbereiteten belgischen Durchmarschplan gewesen ist. Er läßt sich durch diese Schwierigkeiten nicht zur gewaltsamen Verurteilung des Schlieffenplanes drängen, die der Einseitigkeit militärischer Prioritätsansprüche nur eine verwandte politische Einseitigkeit ohne Rücksicht auf militärische unvermeidliche Notwendigkeiten entgegenzustellen droht. Aber seine Analyse weist abschließend doch sehr ernsthaft auf die Fragwürdigkeit des Handstreichplanes gegen Lüttich hin, der die für politische Aktion noch verfügbare Zeit, obwohl nach der Polemik der letzten Jahre ohne entsprechende militärische Gegenwerte, unheilvoll weiter verkürzt hat.

Die Kriegsschulddiskussion auf französischer Seite bewegt sich zum Teil immer noch in dem erschöpften Bereich der Bloch-Renouvinthesen < 1245>. Eine kleine Schrift von F. Challaye < 1250> bringt aber doch eine sehr ernsthafte Kritik der französisch-russischen Bündnispolitik vor 1914, die »wenn nicht Kriegsziele, so doch zum mindesten Ziele einer Politik« aufgestellt habe, »die nur durch einen Krieg verwirklicht werden konnten«. Wenn diese Schrift in erster Linie dafür Rußland verantwortlich machen will, so sucht die Aufsehen erregende Arbeit des als Balkanspezialist angesehenen Journalisten Henri Pozzi (Les Coupables. Paris 1935; vgl. Berl. Monatsh., Jg. 14, S. 496--506) hierin einen neuen Ausweg für die französische Verteidigung durch ganz einseitige Belastung des ehemaligen russischen Verbündeten zu finden. Als Hauptstütze dieser These hat er 4 angeblich aus serbischen Archiven stammende Dokumente des Juli 1914 vorgelegt, vor allem die dank der Forschung A. Wegerers so schmerzlich vermißten Telegramme von Spalajkowitsch aus Petersburg, die beweisen sollen, daß Rußland gemeinsam mit Serbien die Katastrophe gegen französische Warnungen einseitig und überstürzt entfesselt hätte. Diese Texte stehen jedoch nach dem Hinweis von A. Bach mit den bisher bekannten Dokumenten, vor allem dem Bericht Buchanans über die Petersburger Unterredung


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der Ententebotschafter mit Sasonow am 24. Juli, in unausgleichbarem Widerspruch, so daß ihre Authentizität zu verneinen, auch dieser französische Diversionsversuch gescheitert ist. -- Die Publikation sächsischer und württembergischer Berichte des Juli 1914 von angeblich zweifelloser Echtheit in der Revue d'histoire de guerre mondiale < 1251> ist zu belanglos, ihr Informationsmaterial selbst den bayrischen Telegrammen gegenüber zu beschränkt, als daß sie eine Verschiebung der bisherigen Forschungsergebnisse bedeuten könnte. -- Schließlich arbeitet auch der Versuch Renouvins, in einer englischen Sammelpublikation < 1227> die sachliche Tragweite der englisch-französischen Militärbesprechungen vor 1914 zu begrenzen, zu sehr mit dem bekannten Argument des Reservates politischer Handlungsfreiheit von englischer Seite, die man im französischen Generalstabe stets als ernste Belastung empfunden habe, als daß dies etwa wesentlich Neues bedeuten könnte.

Zwei größere neutrale Darstellungen widmen sich dem Konflikt zwischen Österreich und Serbien. Der Holländer Verseput < 1252> hat eine stofflich erschöpfende, gründliche Darstellung der Vorgeschichte des österreichischen Ultimatums vom 23. Juli 1914 gegeben, deren Sympathien mehr der nationalen Zukunft des kleinen südslawischen Balkanstaates als seinem Gegner gehören. Er betont sehr stark den Kriegswillen des österreichischen Ultimatums und kritisiert die Carte Blanche, die ihm von deutscher Seite gegeben sei, hält aber doch an einem Kollektivsystem der Verantwortlichkeit am Kriegsausbruch fest. -- Die polnische Arbeit von Władisław Gluck über Sarajewo < 1253> stammt aus der Feder eines ehemals österreichischen Beamten, der über die Verwaltung der Okkupationsprovinzen aus eigener Erfahrung zu berichten vermag. Sie stellt daher die bosnische These der Entstehung des Attentates in den Vordergrund, ohne die Bedeutung der großserbischen Organisationen zu übersehen. Eine direkte Mitschuld der Regierung Pasitsch wird von ihm ebenso wie von Verseput geleugnet. Das Buch ist aber in Einzelheiten für das bosnische Thema doch wertvoll. -- Die große russische Darstellung des Kriegsausbruches von Poletika < 1241>, der bereits früher mit einer eingehenden Studie über Sarajewo hervorgetreten war, ist dem Ref. noch nicht zugänglich gewesen.

III. Politische und diplomatische Geschichte des Weltkrieges.

Aus den großen politisch-weltanschaulichen Gegensätzen und Auseinandersetzungen der Jetztzeit heraus hat zunächst das Thema der Propaganda im Weltkriege erneut starke Aufmerksamkeit gefunden. Dem wertvollen Buche Hans Thimmes über den Weltkrieg ohne Waffen ist Wanderscheck < 1257; vgl. 1238> mit einer stoffreichen, soliden Arbeit über diejenige Propaganda des Weltkrieges, die jetzt allgemein als die erfolgreichste anerkannt wird, die englische, gefolgt. Die Zuspitzung des Gegenwartsinteresses auf die methodischen Grundlagen sachlich erfolgreichen Kampfes um die öffentliche Meinung in großem Stile hat zur Folge, daß das Buch vorwiegend auf die breite Analyse dieser methodischen Seite zugespitzt ist und nicht so sehr die den Historiker in jedem Entwicklungsabschnitt vornehmlich interessierende Bedingtheit von konkretem Kriegsverlauf und Reaktion der Propagandaideen auf ihn berücksichtigt. Gewiß werden auch die Stadien der englischen Propaganda, ihr Verlauf von einer Anfangsphase mit starkem Nebeneinander verschiedener Stellen, bedeutsamer Mitwirkung individuell freier, privater Initiative zu immer stärkerer Konzentration und einheitlicher Leitung dabei deutlich. Vor allem das Schlußkapitel über Northcliffe


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und seine Wirksamkeit im Jahre 1918 bietet auch dem direkt historischen Interesse sehr viel Interessantes. Aber im ganzen ist doch die straffe Geschlossenheit des Thimmeschen Buches nicht ganz erreicht, wohl aber eine saubere und ausgedehnte stoffliche Grundlage geschaffen. -- Die amerikanische Forschung, die der öffentlichen Meinung als geschichtsbedingendem Faktor von jeher liebevollste Aufmerksamkeit zuwendete, hat in dem knappen, ausgezeichneten Büchlein von J. D. Squires über das gleiche Thema der englischen Kriegspropaganda < 1258> doch wohl die reifste Leistung des Jahres auf diesem Gebiete geschaffen. Es deckt sich in der Darstellung der englischen Organisation weithin mit dem ausführlicheren, aber loseren Buche von Wanderscheck. Sein historisch wertvollster Teil ist die Schilderung der englischen Propaganda in den Vereinigten Staaten, die als der geschichtlich wichtigste Einzelteil ihrer Kriegsarbeit im 2. Teile monographisch eingehend behandelt ist. Die elastischen, unscheinbar sich der amerikanischen Psyche anpassenden, äußerlich fast im amerikanischen Boden aufgehenden Methoden dieser Arbeit sind ausgezeichnet analysiert. Ohne ihre Bedeutung gegenüber den politischen und wirtschaftlichen Gründen der amerikanischen Kriegsteilnahme zu verabsolutieren, wird doch überzeugend klargestellt, daß sie eine machtvolle Ursache für die Kriegsteilnahme der Vereinigten Staaten darstellt. -- Nur einen Versuch der Zusammenfassung kann bei der fast unübersehbaren Ausdehnung des Problemgebietes die ebenfalls amerikanische Studie von Merle Fainsod < 1259> über den internationalen Sozialismus im Weltkrieg darstellen, die immerhin in erster Skizze die Trennung des Rechts- und Linkssozialismus in allen wesentlichen kriegführenden Ländern verfolgt, das allmähliche Wachsen der radikalen Richtung klarstellt und besonnen vor einer Überschätzung der theoretisch-ideologischen Kräfte gerade in der Kompromißschicht der sozialistischen Mitte (Kautskysozialismus) warnt.

Unsere Kenntnis der diplomatischen Geschichte des Weltkrieges erfährt zur Zeit eine entscheidende Erweiterung durch den schnellen Fortschritt der von O. Hoetzsch in deutscher Übersetzung herausgegebenen russischen Aktenpublikation. Mit den beiden Teilen ihres 7. Bandes < 1276> umfaßt sie diesmal die Zeit vom 1. Januar bis 23. Mai 1915, damit einen ersten entscheidenden Höhepunkt des Ringens um die Stellungnahme der neutralen Staaten, dem der Kriegseintritt Italiens, der Beginn der Dardanellenexpedition, die Meerengenabkommen der Entente und eins der kritischsten Stadien ihrer Balkanpolitik im Weltkriege angehört. Angesichts der Fülle und des Reichtums der hier zugänglichen Dokumente wird es gut sein, nicht zu vergessen, daß es sich bei aller indirekten Belehrung über die politische Allgemeinlage doch nur um den Gesichtswinkel der russischen Diplomatie handelt. Eine abschließende Klärung selbst nur der Ententepolitik wird ohne die entsprechende Kenntnis englischer und französischer Akten, die auf absehbare Zeit nicht zu erhoffen ist, um so weniger denkbar sein, als die Sonderstellung Rußlands im Kreise der Entente immer wieder sehr scharf hervortritt: Gegensätzlichkeit der zaristischen Politik gegen die großen Italien bewilligten Konzessionen, Spannung in der Meerengenfrage, trotzdem die erste Anregung zum Dardanellenunternehmen einer russischen Hilfsbitte gegen die Türkei entsprang, Sonderpolitik Rußlands in Persien und China, wo es ohne Freude, aber doch bereitwilliger als die angelsächsischen Mächte sich dem großen japanischen Vorstoße vom Mai 1915 fügte,


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schließlich die große Summe der Divergenzen in der Balkanpolitik erfüllen immer wieder die Seiten dieser beiden Bände. Zunächst bleibt aber bestehen, daß zwar die großen Grundlinien der Ereignisse schon in den früheren russischen Publikationen vielfach aufgeklärt waren, dies Bild jetzt aber eine Vollständigkeit und einen Reichtum erhalten hat, der eine weitgehend neue Forschungslage schafft. Die Ergebnisse beschränken sich auch nicht nur auf das Spiel der Ententepolitik, sondern greifen über auf das Feindlager der Mittelmächte (deutsche Friedenssondierungen 1915) und die Neutralen (Haltung Amerikas; erste Housemission; Kriegslieferungen an die Verbündeten; Judenproblem in Rußland und den Vereinigten Staaten). Ebenso sind hier die gelegentlichen Publikationen des Krasny-Archives über das Verhältnis von Armeeoberkommando und politischer Leitung in Rußland zusammengefaßt und erweitert. Noch stärker als durch die Foreign Relations der amerikanischen Publikation ist somit ein grundlegend wichtiger Schritt zur Erhellung der politischen Geschichte der ersten Kriegsjahre getan. -- Über die Zeitgrenze dieser Publikation führt heute bereits der Schlußband des Livre Noir < 1277> hinaus, der aber doch wieder hauptsächlich auf die Papiere der russischen Botschaft in Paris beschränkt ist und so nur einen vorläufigen Ersatz für die umfassendere amtliche Dokumentenreihe bedeutet.

Die russischen Akten liegen denn auch der Mehrzahl der monographischen Studien zur politischen Kriegsgeschichte zugrunde, deren Zahl und Wert sich im Verhältnis zur Bereitstellung dieser Basis mehrt. Das gilt für H. M. Ehrmanns Aufsatz < 1262> über den Londoner Pakt vom 5. September 1914, der auch England aus dem Ententeverhältnis in eine feste Bündnisbindung zu seinen Partnern brachte. Wie jetzt die russischen Dokumente zeigen, beruht sein Abschluß nicht nur auf dem Wunsche, demonstrativ die Geschlossenheit der eigenen Front angesichts der ersten deutschen Erfolge zu beweisen. Den ersten Anstoß gab vielmehr schon am 7. August die russische Forderung, daß England nach Kriegsbeginn auf seine privilegierte politische Sonderstellung verzichten müsse, also der Sieg der zum festen Bündnis drängenden Vorkriegstendenzen über den bisher zäh festgehaltenen englischen Widerstand. Dagegen hat sich der frühere Verdacht nicht bestätigt, daß der Londoner Abmachung neben dem allgemeinen Solidaritätspakt für Kriegsfortsetzung und Friedensschluß besondere Geheimabkommen hinzugefügt seien. Sie ist nur auf russischen Wunsch nachträglich auch auf die Türkei ausgedehnt und durch den späteren Beitritt Japans und Italiens erweitert worden. -- Besonders reich ist die Literatur zur Intervention Italiens. Die Erinnerungen eines Mitgliedes der italienischen Botschaft in Wien, L. Aldrovandis < 1266>, sind nicht allzu bedeutsam und beziehen sich auch stärker auf die eingehend geschilderte Lage unmittelbar vor Kriegsausbruch als auf den Verlauf des Krieges. -- Wichtig ist dagegen der von der Nuova Antologia abgedruckte Briefwechsel zwischen Salandra und Sonnino < 1265> für die Zeit bis zum Beginn der Ministerpräsidentschaft des zweiten. Sonnino hat schon in dieser Periode den Außenminister Salandra entscheidend beraten. Seine knappen Mitteilungen sind von einem restlos nüchternen Realismus erfüllt. Er hat nach kurzem Bedenken die Neutralitätspolitik der Regierung gebilligt, sie restlos unterstützt und entscheidend an der Entwicklung der Politik des sacro egoismo mitgewirkt, nach der Italien auf jeden Fall aus der Krise mit einer wirklichen Verstärkung und Vergrößerung (un reale incremento) hervorgehen


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sollte. -- Damit ist bereits gegeben, daß der machiavellistische Grundzug der italienischen Neutralitäts- und Interventionspolitik doch nicht zu tilgen ist. Die ausführliche Darstellung M. Toscanos < 1267> über den Londoner Vertrag vom 26. April 1915 macht demgegenüber allerdings die italienische These geltend, daß diese sachlich unleugbare Zweideutigkeit notwendiges und unvermeidliches Ergebnis der italienischen Interessenlage gewesen sei. Es ist bemerkenswert, daß die italienische Gegenwartskritik dabei fast weniger den Triumph dieser gewandten Politik -- nach Sasonow die »vollständige Kapitulation« der drei Ententemächte vor den italienischen Wünschen -- sieht als die Lücken der Abmachung rügt, die in Versailles zur Herabsetzung der Adriaforderungen und Nichtbeachtung der kolonialen Erwerbswünsche Italiens führten. Das Werk ist so Apologie und Kritik der italienischen Kriegsdiplomatie zugleich, bietet aber in diesem Rahmen eine sachlich wertvolle, erschöpfende Auswertung der viel verzweigten russischen Dokumente zu seinem Gegenstand. -- Skizzenhafter ist dagegen C. Mühlings < 1268> Aufsatz über die italienische Intervention, der das diplomatische Material nur in seinen Grundzügen behandelt. Auch er muß heute nach den russischen Akten anerkennen, daß die Doppelgleisigkeit der italienischen Verhandlungstechnik ganz ausgezeichnet verwertet wurde, um die Ententediplomatie gegen den russischen Widerstand bis zuletzt unter schärfsten Druck zu setzen, bis schließlich die russische Heeresleitung selbst die Kapitulation aus militärischen Gründen als unvermeidlich bezeichnete. Wenn die Verhandlung mit Österreich auch zuletzt nur eine reine Komödie darstellte und niemals recht ernsthafte Bedeutung besaß, so betont M. doch, daß dies Doppelspiel durch die militärische Unfertigkeit Italiens durch lange Zeit unvermeidlich geworden war. Er hebt vor allem auch die Bedeutung der Österreichfeindschaft in der italienischen Öffentlichkeit hervor, verkennt aber nicht, daß auch diese neben dem Einfluß der Ententepropaganda von der Regierung Sonnino selbst in wirkungsvoller Regie geleitet wurde und bis zuletzt eine starke Opposition gegen die Kriegsteilnahme nicht ausschloß. Toscano hat auf diesen Aufsatz noch einmal mit einer eingehenden Erwiderung geantwortet < 1268>, die freilich das Ziel einigermaßen überschießt, wenn sie unter Hinweis auf die starre Geringschätzung Österreichs dem Regno gegenüber von einer glänzenden Korrektheit der von Italien befolgten Politik spricht.

Ebenso eifrig ist das Fazit der russischen Publikation für die Balkanpolitik der ersten Kriegsjahre gezogen worden. Die Abhandlung von E. Schüle über den Kriegseintritt der Türkei < 1264> betont die Unvermeidlichkeit dieses Ereignisses vom türkischen Standpunkte aus und beleuchtet vor allem die problematischen Schwankungen in der Haltung Enver Paschas unmittelbar nach dem deutschen Bündnis vom 2. August 1914. -- C. Mühlmanns Aufsatz über die Intervention Bulgariens < 1270> klärt in freilich bei dem Reichtum des neuen Materials nur summarischer Weise den Verlauf des Ringens um die bulgarische Kriegsteilnahme. -- Der Aufsatz von A. Pingaud über den Kriegseintritt Rumäniens < 1272> vermag noch nicht über die volle Grundlage der russischen Akten zu verfügen. Das geschmeidige Spiel Bratianus, dieses »monstre de souplesse«, die widerstrebende Zurückhaltung der russischen Heeresleitung gegen eine im Grunde zu spät kommende Verstärkung, die denn auch sehr schnell zur schweren Belastung der russischen Armee wurde, kommt aber immerhin schon gut heraus.


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Zur Geschichte der Kriegspolitik Österreichs ist an erster Stelle die populär gehaltene, literatenhaft psychologisierende, aber doch brauchbare Biographie des Grafen Stefan Tisza von G. Erényi < 1356> zu nennen. Streicht man den »faustischen Charakter«, der zu dem Bilde des eher starren Kalvinisten nicht passen will, hat man sich klargemacht, daß die außenpolitischen Themen die schwache Seite der sie keineswegs erschöpfenden Darstellung sind, so vermag man die Einführung in die ungarischen Vorbedingungen dieser bedeutsamen Laufbahn mit Dank anzunehmen. Obwohl das apologetische Element etwas sehr stark entwickelt ist, bleibt doch bestehen, daß Tisza etwa für die Nationalitätenfrage nicht ganz so stark im üblichen Lichte kompromißloser Schroffheit gesehen werden darf wie bisher, wenn man bemerkt, wie sehr er sich selbst hier noch von dem 100 M̄agyarentum auch seiner radikalen Gegner unterscheidet. Er bleibt in Fehlern und Tugenden die größte staatsmännische Persönlichkeit der Doppelmonarchie in der Generation des Weltkrieges. -- Einen wertvollen Beitrag zur österreichischen Politik der Kriegsjahre stellt A. Hausners Buch < 1279> dar, das auf persönlicher Teilnahme an der Verwaltung des Militärgeneralgouvernements Lublin (als Stabschef) beruht. Die größere Lässigkeit, aber auch Anpassungsfähigkeit der auf langer Tradition beruhenden österreichischen Polenpolitik, der parallele Gang ihrer Entwicklung in Anregung und Gegensatz gegenüber der preußisch-deutschen Nachbarschaft in Warschau, ihr Zusammenbruch durch die Preisgabe Cholms an die Ukraine im Brester Frieden erfahren reiche Beleuchtung. Das Werk besitzt für die österreichische Kriegsverwaltung in Polen ähnliche Bedeutung wie die im nächsten Jahrgang zu besprechenden Erinnerungen des Grafen Hutten-Czapski für die preußisch-deutsche. Gleich diesen macht es auch deutlich, wie groß doch die Bedeutung der Kriegsverwaltung für die Vorbereitung des nationalpolnischen Staatswesens gewesen ist. -- Ein Aufsatz von Ch. Appuhn < 1263> über die Sixtusaffäre behandelt die in Verbindung mit ihr geführten Verhandlungen zwischen Deutschland und Österreich. Er sucht vor allem die Verantwortlichkeit des Kaisers Karl und Czernins abzugrenzen, ohne dabei gegen die bisherige Forschung (Rich. Fester) Neues zu bringen. -- Das gleiche gilt in der Hauptsache für eine ausführliche französische Biographie des Prinzen von Ph. Amiguet < 1367>, die immerhin den persönlichen Hintergrund um Einzelheiten erweitert und einige neue Mitteilungen über seine Beziehungen zur Kaiserin Zita seit Kriegsausbruch -- mit dem Vatikan als Mittelstelle -- unter teilweiser dokumentarischer Zitatbelegung bringt und daher nicht ganz übersehen werden darf.

Zur politischen Geschichte Englands im Kriege sind nur zwei Memoirenwerke zu erwähnen: Austin Chamberlains knapper, aber für die Nachkriegszeit wichtiger Erinnerungsband < 1358> über ein Lebensalter parlamentarischer Tätigkeit im Unterhause enthält neben guten Persönlichkeitsschilderungen wieder wichtige Mitteilungen zur Tätigkeit der unionistischen Opposition im Juli 1914. Ihre Wichtigkeit als einer der für Englands Kriegsentschluß wesentlich bestimmenden Faktoren erscheint dadurch erneut in gesteigerter Bedeutsamkeit. -- In das entgegengesetzte parteipolitische Lager führt die anschaulich lebhafte Selbstbiographie des aus ganz kleinen Anfängen emporgestiegenen Arbeiterministers Phil. Viscount Snowden < 1362>. Bedeutet seine Schilderung des Werdeganges der Labour-Party auch wesentlich ein Präludium englischer Nachkriegsgeschichte, so beleuchtet sie doch auch ihren Oppositionskampf


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gegen die liberale Regierung vor 1914, der freilich außenpolitisch recht kümmerlich erscheint. Bedeutsam wird sie für die Kriegsjahre durch die Schilderung des Kampfes der Macdonaldgruppe gegen die Kriegspolitik der Regierung, die im Gegensatz zu Lloyd George immerhin erhebliche Schärfe erreichte und mit der liberalen Opposition um Asquith mannigfach in Verbindung trat, freilich bis 1918 keinerlei Erfolge zu erzielen vermochte. Immerhin bedeuten diese Teile des Buches nicht nur eine Quelle für die Geschichte der englischen Arbeiterpartei und des Sozialismus im Weltkriege, sondern auch einen nicht unwichtigen Beitrag zum Verständnis der englischen Innenpolitik.

Wesentlich reicher ist dagegen wieder der Ertrag für die Politik der Vereinigten Staaten im Weltkrieg, die durch die Verhandlungen im Untersuchungsausschuß des Senates am Jahresende auch das Interesse der breiten Öffentlichkeit erregend fesselte. Alle Richtungen und Auffassungen mußten sich in Nordamerika mit den sensationellen Aufklärungen auseinandersetzen, die die Stärke der schon vor 1917 Amerika an die Entente fesselnden Wirtschaftsinteressen, ihren politischen Einfluß auf Wilsons Scheu, durch wirkliche Neutralität den Strom dieser Prosperity zu lähmen, die entsprechende Schwäche des Präsidenten vor allem in der Anleihefrage in grelles Licht stellten. -- Ganz unberührt von dieser neuen Lage, die die ökonomischen Fragen in den Vordergrund der Diskussion schob, sind die verspäteten War Memoirs von Wilsons zweitem Außensekretär Rob. Lansing < 1369>, die gegen die Aktenbände der Foreign Relations im Grunde nichts Neues bringen. Sie belegen nur wieder seine rücksichtslos ententistische Politik, die ebenso wie Page in London versuchte, den zögernden Präsidenten in jeder Krise des U-Bootkrieges seit 1915 bereits zum Kriegsentschluß zu drängen. -- Für Wilson unternimmt der neue Band seiner eingehenden Biographie von R. St. Baker < 1371> über die Neutralitätsperiode der Jahre 1914/15 den sehr energischen Versuch, ihn von der persönlichen Linie nicht nur dieser Männer, sondern auch seines intimen Freundes House zu trennen. Bis zu einem gewissen Grade trifft dies für den idealistischen Utopismus des Präsidenten auch sachlich zu. Die Vorgeschichte der Differenzen mit seinem Mitarbeiter beginnt doch schon 1915. Aber das wird bis 1917 aufgehoben durch die blinde Bereitschaft Wilsons, seinem Spezialunterhändler trotzdem freie Hand zu geben. Auch dieser Band bringt aber in einer Kriegszielformulierung des Präsidenten vom Dezember 1914 (Broughan-Interview) einen wichtigen Beleg, wie stark sich sehr zeitig seine Sympathien für die Ententeseite gefestigt hatten. Quellenmäßig baut der Band ganz überwiegend auf die bekannten Dokumente der Foreign Relations und der Housepapiere auf. Für die letzteren belegt er wie eine ganze Reihe neuerer amerikanischer Veröffentlichungen, daß die Vollständigkeit der Seymourschen Housepublikationen doch durchaus noch nicht abschließend ist. Es kommen zur Zeit fast Jahr für Jahr neue wichtige Ergänzungen zutage. -- Auch die stattliche Reihe der amtlichen Foreign Relations- Bände hat eine neue wichtige Erweiterung erfahren. Aus dem Nachlaß Lansings, der diese Materialien an sich genommen hatte, ist noch ein starker Dokumentenband zur Seehandelspolitik der Vereinigten Staaten im Weltkriege < 1281> erschienen, der die bisherigen Ergebnisse nicht entscheidend verändert, aber doch wichtige neue Zeugnisse für Wilson, House, Lansing und die private Politik des Hauses Morgan bringt. -- Die Ergebnisse der Senatskommission, über die unter anderem W. Heberlein in der Z. für Politik (Bd. 26, S. 306 ff.) eine erste


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Orientierung brachte, bestätigen auch abschließend, daß Wilson wie Lansing gegen ihre Ableugnung bereits 1917 konkrete Kenntnis der Geheimverträge der Entente erlangt haben. -- Die eigentliche Wilsonthese der amerikanischen Kriegsintervention hat damit den seit 1919 schwersten Schlag erhalten. Um ihre Rettung ist Ch. Seymour in einem Aufsatzbande über die Ursachen der Intervention Amerikas < 1280> bemüht, der hinter seinem gediegenen Buche vom Vorjahre aber doch zurücksteht. Er will in zäher Defensive festhalten, daß der deutsche U-Bootkrieg als politisch-militärische Ursache des Kriegsentschlusses seine absolut zentrale Bedeutung behalten habe, und sucht, die Bedeutung der völkerpsychologischen Sympathien für England (except for the submarine war our quarrel would have been for the Allies) und der wirtschaftlichen Kriegsursachen so weitgehend wie möglich abzuschwächen. -- Neue Bahnen beschreitet dagegen energisch das pazifistische, aber kluge und ruhige Buch von W. Millis < 1370>, das entschieden eine der bedeutsamsten Neuerscheinungen der amerikanischen Literatur in den letzten Jahren ist. Hier wird grundlegend in der von einer überlegenen englischen Propaganda voll ausgewerteten natürlichen Bindung Amerikas an England, der restlosen Abhängigkeit seiner öffentlichen Meinung vom englischen Blickfeld und englischer Nachrichtenorganisation für europäische Dinge der eigentliche Ausgangspunkt der Katastrophe gesehen, aus dem sich alles Weitere erst logisch entwickelt hat. Das ist vielleicht mit einiger Überspitzung vertreten, da auch die konkrete Interessenlage der Vereinigten Staaten auf den Zusammenschluß mit der Entente als den jedenfalls leichteren Weg ihrer Politik hinwies. Aber es ist sowohl für die breite Ebene der öffentlichen Meinung wie für die Entwicklung der Regierungspolitik in meisterlich suggestiver und dem Kern nach überzeugender Weise durchgeführt worden. Auch die Abschnitte über Wilson und sein Verhältnis zu House gehören zu den besten, psychologisch verständnisvollsten Erörterungen des schwierigen Kapitels der Wilsonbeurteilung, so daß auch sie den gleichen Anspruch auf aufmerksamste Beachtung der europäischen Forschung erheben können. -- Ergänzend ist schließlich die eingehende Biographie des amerikanischen Generalstabschefs General Bliss von dem als Verfechter englischer Propaganda im Krieg bekannt gewordenen Journalisten Fred. Palmer < 1368> zu nennen, die einen beachtenswerten Reichtum originaler Dokumente verwertet. Der Beiname seines Helden als des »Friedensstifters« hebt sein Geschick zu diplomatisch ausgleichender Tätigkeit hervor, trifft aber kaum das Wesen seiner historischen Erscheinung. Bliss ist in diskreteren Formen als sein Vorgänger General Scott der Vertreter eines sehr energischen Militarismus der amerikanischen Berufsoffiziere im Kriege gewesen. Er besitzt große Verdienste um den organisatorischen Ausbau der amerikanischen Armee und ist ein energischer und selbstbewußter Verfechter ihrer Interessen im Obersten Alliierten Kriegsrat seit Ende 1917 gewesen. Über die Ziele der Verbündeten hat er sich aber ebenso gründlich geirrt wie Präsident Wilson und sich wie dieser vergeblich bemüht, in Versailles gegen den geschlossenen Machtwillen der übrigen Ententestaaten den amerikanischen Standpunkt zum Siege zu führen, nachdem er vorher die militärische Niederwerfung Deutschlands nicht gründlich genug zu Ende führen konnte.

Schließlich hat auch die Literatur zur Geschichte der Versailler Friedenskonferenz wieder erheblichen Umfang angenommen. W. Ziegler hat seinem früheren Werke einen populären Grundriß < 1287> folgen lassen, der in seiner


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systematischen Anordnung der Hauptfragen gute einführende Dienste zu leisten vermag. -- Die ebenfalls populäre, mit den Mitteln lebhafter journalistischer Darstellungskunst arbeitende Schilderung des »Wortbruchs von Versailles« von L. v. Kohl < 1286> kann keine wissenschaftlichen Ansprüche stellen, veranschaulicht aber immerhin, daß diese Darstellungsmethode auf die Geschichte der Friedenskonferenz heute relativ leicht anwendbar ist, da die Fülle des hierfür verwendbaren Quellenmateriales allmählich recht großen Umfang erreicht hat. -- E. Hölzle hat das Schicksal der Danziger Frage < 1285> auf der Konferenz in einem wertvollen, knappen Umriß behandelt, der gut auf ihre innere Verwandtschaft mit der Saarfrage hinweist und die Abhängigkeit der letzten Entscheidung von Wilsons Verhalten in der Fiumefrage beleuchtet. Vor allem arbeitet er gut heraus, daß auch die Mehrheit der polnischen Parteigruppen noch 1918 nach dieser Richtung hin sehr viel bescheidenere Ziele vertrat, als sie schließlich erreicht wurden. Der Erfolg der Dmowskirichtung, die den Stoß gegen das preußische Erbe an der Weichsel vor allem führte, wird in seinen Ursachen gut erläutert, die Bedeutung des entschiedenen deutschen Widerstandes gegen den Transport der Hallertruppen über Danzig -- das einzig entschiedene deutsche Nein im Verlauf der Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen -- wirkungsvoll herausgehoben. -- Ein ganz zentrales Thema des Verlaufs der Friedenskonferenz behandelt das wissenschaftlich recht wertvolle amerikanische Buch von G. B. Noble < 1284> über den Kampf der französischen Öffentlichkeit und Regierung gegen die Politik Wilsons während der Friedenskonferenz. Denn hier ist nicht nur die Technik der französischen Zensurpolitik mustergültig behandelt, sondern vor allem auch der stete Gegendruck des französischen Lagers in allen seinen Schattierungen gegen die idealistische Illusionspolitik des Präsidenten durch die verschiedenen Phasen des Konferenzverlaufes eingehend verfolgt, so daß das Werk einen der besten kritischen Beiträge zur Geschichte des Friedensschlusses darstellt, den wir bisher überhaupt besitzen.

IV. Militärische Geschichte des Weltkrieges.

Die in deutscher Sprache vorliegende Literatur zur militärischen Gesamtgeschichte des Weltkrieges ist fast ausschließlich populären Charakters wie die Darstellung von G. Goes < 1298>, dessen »Kriegskalender des deutschen Heeres« als eine Art Erweiterung des amtlichen Gefechtskalenders < 1295> zwar nur eine chronistisch knappe Schilderung der Kampftätigkeit bietet, daneben aber eine brauchbare Zusammenstellung des Einsatzes der größeren Formationen bringt, die, bisher in den einzelnen Bänden des Reichsarchivwerkes verstreut, hier für die ganze Kriegsdauer bequem zugänglich ist. Ähnlich für Orientierungszwecke nützlich ist H. Moellers Geschichte der Ritter des Ordens Pour le Mérite < 1299>, die in lehrreicher Weise den Vorwurf zu geringer Berücksichtigung der eigentlichen Front einschränkt. -- An Darstellungen von eigenem Wert ist die Weltkriegsgeschichte des einstigen norwegischen Militärattachés Gudm. Schnitler < 1254> zu nennen, die jetzt in einer billigen Ausgabe leichter zugänglich geworden ist. Sie hat in der Neubearbeitung durch seinen Sohn ihren Charakter einer streng objektiven, militärwissenschaftlich kritischen und sehr übersichtlichen knappen Skizze behalten, die in den Werturteilen so vorsichtig zurückhaltend wie nur möglich ist. Der persönliche Standpunkt des Verfassers ist vielfach nur andeutend zwischen den Zeilen zu lesen, verdient aber durch ernsthafte, wohl erwogene Nüchternheit stets Beachtung.


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Mit der in ca. 80 Bänden vorliegenden französischen Darstellung der »Armées françaises dans la Grande Guerre« < 1305> hat das erste und umfangreichste der großen amtlichen Kriegswerke seinen Abschluß fast erreicht. Die historische Kritik steht angesichts dieses Riesenwerkes vor einer eigentümlichen und schwierigen Aufgabe. Als der französische Generalstab unmittelbar nach Kriegsende, allen anderen Staaten vorauseilend, seine Arbeit begann, proklamierte er die Absicht, im Gegensatz zu der von dem älteren Moltke in seinem Werk über den Krieg von 1870/71 begründeten Tradition der inhaltlich urteilenden deutschen Generalstabswerke ein tendenzloses Dokumentenwerk mit nur erläuterndem Einleitungstext zu geben. So wurde auch die entsprechende technische Anlage der französischen Generalstabsgeschichte über den Reichsgründungskrieg von 1870/71 als Muster festgehalten. Die Textbände der französischen Weltkriegsgeschichte sind von sehr viel umfangreicheren Dokumentenbänden begleitet, die an sich eine kriegsgeschichtliche Quellenpublikation von größtem Wert bedeuten. Der Historiker ist freilich zu stark an Skepsis gewöhnt, um zu vergessen, daß auch diese scheinbar so zurückhaltende Form die Entstehung einer sehr entschiedenen Thesengeschichte nicht notwendig verhindern muß. Schon die Einleitung des Werkes verkündete denn auch 1922 die Absicht, die Welt so frühzeitig wie möglich wissen zu lassen: »Comment, une fois encore, la France a sauvé, par le génie et le sacrifice de ses enfants, la civilisation en péril.« Es ist der Zweck des Werkes geworden, den entscheidenden Anteil des französischen Heeres, und im besonderen noch seiner Führung, an der erfolgreichen Durchführung des Weltkrieges zu erhärten. Und ebenso spiegeln sich die innerfranzösischen Kontroversen, der Streit um die Strategie Joffres und des Generalstabes, die Auseinandersetzungen zwischen Politik und Heerführung, das Ringen um die Vereinheitlichung des Koalitionskrieges durchaus nicht tendenzlos in der großen Bändereihe wieder. Kann sie der Historiker so nicht in dem beanspruchten Maße ohne kritische Reserven benutzen, ist sie bei ihrem Umfange vielfach so fachmilitärisch, daß sie voll nur dem Berufssoldaten zugänglich ist, so bleibt sie doch ein Werk von größter, nicht zu übersehender Bedeutung. Der Einleitungsband über die Entstehung der französischen Kriegspläne und den Ausbruch des Krieges hat anfangs starkes Aufsehen erregt, ist heute aber schon durch größere Offenherzigkeit der Memoirenliteratur (vor allem Joffres Erinnerungen) stark überholt und ergänzt. Die große Darstellung der Marneschlacht hat suggestive Wirkung besessen und genießt auch heute noch in der Weltliteratur im ganzen stärkere Autorität als die These des taktischen deutschen Sieges, die das Reichsarchivwerk dagegen wesentlich später zu vertreten suchte. Es ist unmöglich, den Inhalt der späteren Teile (einschließlich Orient- und Kolonialkrieg) hier auch nur zu skizzieren. Aber mag der Ruhmesanspruch der französischen Armeen auch vielfach übersteigert sein, so bleibt nicht nur die Unentbehrlichkeit des Ganzen als kriegsgeschichtliches Hilfsmittel bestehen. Das Werk enthält in der Darstellung der Genesis der großen Führerentschlüsse, vielfach dokumentarisch belegt, so reiche und wichtige Bestandteile zur politischen Geschichte des Weltkrieges, daß seine Beachtung auch für den Allgemeinhistoriker eine ganz unerläßliche Forderung darstellt, mögen auch Umfang und spröde Form diese Aufgabe zunächst recht anspruchsvoll erscheinen lassen.

Die Spezialliteratur widmet sich wie stets in einer ersten großen Gruppe


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den militärisch entscheidenden Führungsproblemen des Kriegsbeginnes. Zur Kritik der 1. deutschen OHL. ist wertvoll auch die präludierende Behandlung des Festungsproblemes in Deutschland durch die inhaltreiche, mit stattlichem Dokumentenanhang versehene Studie von A. Grabau < 1126>. Sie weist darauf hin, daß bis 1914 der Ausbau der deutschen Westfestungen denen des Ostens weit voraus geeilt ist, obwohl dies Verhältnis den Aufmarschplänen nur des älteren Moltke (Ostoffensive gegen Rußland) entsprach. Alle ihm folgenden Generalstabschefs, auch Schlieffen, haben sich außerstande gezeigt, die volle Einheitlichkeit von Operationsplan und Grundzügen des Festungsausbaues zu erreichen. Schon diese Studie zeigt ohne radikale Verurteilung der Westoffensive eine gewisse Skepsis gegen die durchgreifende Einseitigkeit des Schlieffenplanes, sie ist geneigt, ihm gegenüber dem jüngeren Moltke ein gewisses Zurücklenken zu der elastischeren Ideenwelt seines großen Oheims zugute zu halten und vertritt damit eine Richtung, die uns noch mehrfach in der neueren Literatur begegnet. -- Radikal gesteigert erscheint die Neigung zur Rehabilitation des ersten Kriegsgeneralstabschefs in der Studie von Konrad Leppa über Moltke und Conrad < 1294>, die eine restlose Überlegenheit seiner Führerleistung gegen den geistreichen, aber zur Überspannung und Zersplitterung der Kräfte neigenden österreichischen Stabschef feststellen möchte. Indessen sind die größeren Schwierigkeiten, mit denen Conrad zu ringen hatte, so wenig berücksichtigt, daß das Ergebnis in keiner Weise überzeugend genannt werden kann. -- In der Polemik über die Anfangsschlachten des Feldzuges von 1914 ist von bayerischer Seite ein wuchtiger Stoß gegen die von Mertz und Gackenholz vertretene Neigung geführt worden, die Führung des Kronprinzen Rupprecht mit dem Vorwurf partikularistischer Eigenmächtigkeit gegen die OHL. und des zu vorzeitigen Losbruchs, der eine Vernichtungsschlacht in Lothringen nach den eigentlichen Plänen Moltkes vereitelt hätte, zu belasten. Dies auch eingehend dokumentierte Buch Rud. v. Xylanders < 1308> zerstört doch wohl überzeugend den Großteil der in dieser Richtung gehenden Anklagen und ist geeignet, auf die Tendenz einer Rettung des jüngeren Moltke gegen die bisherige Kritik in sehr starkem Maße einschränkend zu wirken. -- Für den ganzen einleitenden Sommerfeldzug des Jahres 1914 liegt von B. Poll < 1292> eine knappe Übersichtsskizze vor; er hat auch den berühmten Bericht des Obersten Hentsch über seine Marnemission im Faksimiledruck veröffentlicht < 1310>. -- Eine ernsthafte Übersicht über die Marnepolemik hat E. Buchfinck < 1309> gegeben, der methodisch für stärkere gegenseitige Durchdringung militärischen und fachhistorisch-methodischen Denkens in der Kriegsgeschichte eintritt. Er nimmt doch recht kritisch zu den Thesen des Reichsarchivwerkes Stellung, ohne seine grundlegende Unentbehrlichkeit und Bedeutung zu verkennen, und betont als letzte Ursache der Katastrophe neben den Einzelmängeln der höheren deutschen Führung (vielfach nach Bircher) die unleugbare numerische Schwäche auf deutscher Seite. Schließlich melden sich auch bei ihm Zweifel gegen die Angemessenheit des Schlieffenplanes an, der ihm als einseitige »Übersteigerung des militärischen Denkens« erscheint, »das die lebendige Verbindung mit der Gesamtheit des politischen Lebens verloren hatte«.

Von ausländischer Feder liegen zwei große, beachtliche Gesamtdarstellungen der Marneschlacht vor, die sich auch mit ihren Voraussetzungen, der Entstehung und dem Charakter der Operationspläne, befassen. Der Holländer


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A. Cuypers < 1311> hat zunächst nur einen Einleitungsband vorgelegt, der bis zum Vorabend der Schlacht führt. Bei aller Kritik der Unterlegenheit des jüngeren Moltke als Heerführer sind doch auch die Schwächen des von Joffre bearbeiteten Operationsplanes XVII b rückhaltlos beleuchtet. Ebenso werden die Gefahren seines ursprünglichen Planes, den Rückzug nach den Grenzschlachten bis hinter die Seine fortzusetzen, sehr ernsthaft betont. -- Durch eine ähnliche Objektivität zeichnet sich das bereits vollendete Werk des Engländers Sewell Tyng < 1312>, eine der besten heute vorliegenden Darstellungen des Kriegsbeginnes im Westen, aus. Gegen die deutsche These bleibt er freilich bei aller Kritik an der anfänglichen französischen Theorie der unbedingten Offensive aus der Grandmaisonschule, der Joffre allerdings nur bedingt angehörte, überzeugt, daß es dem französischen Heerführer angesichts der breiten Lücke zwischen 1. und 2. deutscher Armee geglückt sei, den strategischen Sieg fraglos an die französischen Fahnen zu fesseln. Er bezweifelt auch, daß der taktische Sieg bei der deutschen 1. bis 3. Armee so hinreichend gesichert gewesen sei, wie es das Werk des Reichsarchives vertritt. -- Aus der französischen Literatur ist das als Einzelstudie beachtliche Buch des Generals de Lardemelle < 1306>, vor allem als Beitrag zur Joffre-Lanrezac-Kontroverse und damit zu den wichtigsten Fragen der französischen Anfangsführung zu erwähnen. -- Das Buch von Clément-Grandcourt < 1307> bietet eine gut begründete Kritik an der durch starre Verteidigung und ungenügende Nachrichtenverbindung nach außen herbeigeführten vorzeitigen Kapitulation von Maubeuge. Ihre kriegsgeschichtliche Bedeutung besteht darin, daß sie der deutschen Heeresleitung ermöglichte, gerade noch rechtzeitig Reserven für das Auffangen der französischen Offensive nach dem Marnerückzug an den Chemin des Dames heranzuführen. -- Zur Frage des Feldzuges in Belgien und der Teilnahme der Zivilbevölkerung ist das kleine Büchlein des Generals v. Bahrfeldt < 1342> über die Kämpfe in Charleroi zu nennen, das neben dem Nachweis des Franktireurkampfes lehrreich seinen bis 1933 vergeblichen Kampf um Rehabilitation gegen die Verurteilung durch das belgische Kriegsgericht darstellt.

Zur Geschichte der Schlacht von Tannenberg hat sich ihr Sieger, General Ludendorff, mit zwei Beiträgen zum Wort gemeldet. Er publizierte eine bereits 1916 durch den bayerischen Generalleutnant Ritter von Wenninger abgefaßte Schilderung der Schlacht < 1318>, die als frühzeitig entstandene Quelle beachtlich ist, da Ludendorff selbst ihm fortlaufend seine Erinnerungen schriftlich zur Verfügung stellte und seine Aufzeichnungen mit kritischen Bemerkungen begleitete, der Verfasser selbst aber im deutschen Hauptquartier Zeuge der gleichzeitigen Ereignisse dort gewesen ist. -- Ludendorffs Broschüre über Unbotmäßigkeit im Kriege < 1346> übt auf Grund des Reichsarchivwerkes sehr scharfe Kritik an der Eigenwilligkeit des Generals von François und vertritt den -- von Schlieffen geteilten -- Standpunkt der Notwendigkeit straffer Zügelführung der obersten Leitung im modernen Kriege. -- Der 70. Geburtstag des Generals hat das Erscheinen einer Reihe biographischer Lebensschilderungen veranlaßt, von denen kriegsgeschichtlich am beachtlichsten die sachkundige, auf selbständiger, gründlicher Kenntnis der Probleme beruhende Arbeit von Th. von Schäfer < 1347> ist. Das ebenfalls auf eigener Kenntnis des Kriegshauptquartiers beruhende Buch von W. Beckmann < 1348> bringt kaum Neues, spiegelt aber die kompromißlose Härte dieses Willensmenschen anschaulich


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wieder. Nur das sonst populär gehaltene Buch von Müller-Eberhart < 1349> bezieht auch den Nachkriegspolitiker Ludendorff eingehender in seinen Rahmen ein.

Zur Geschichte des Ostkrieges hat jetzt auch Ungarn mit der Bearbeitung eines amtlichen Werkes begonnen, dessen Einleitungsband mit eingehender, um Sachlichkeit bemühter politischer Vorgeschichte < 1301> bisher nur in italienischer Übersetzung zugänglich ist. Kriegsgeschichtlich bringt er zunächst nur eine ausführliche Behandlung der einleitenden großen Kavallerieerkundungen mit scharfer Fachkritik an den Ursachen ihres Versagens. -- Das jetzt wiederholt in der Spezialliteratur behandelte Kavallerieproblem liegt auch der Studie des Generals von Poseck über die deutsche Reiterei in Polen während des Winters 1914/15 < 1319> zugrunde, die zwar die Erfolglosigkeit des einzigen Versuchs direkter Attacke betont, im übrigen aber an ihrer Bedeutung als beweglicher Truppe für die Raumbeherrschung in dem wegearmen Osten Europas bei sachgemäßem Einsatz durchaus festhält. -- Zum gleichen Ergebnis kommt für die Bewegungskämpfe des Frühjahres 1918 im Westen eine Studie von H. Zimmermann über die Verwendung der englischen Kavallerie < 1315>, die in Übereinstimmung mit dem amtlichen englischen Kriegswerk dem Einsatz der geringen noch verfügbaren berittenen -- zum Teil erst wieder schnell beritten gemachten -- Formationen geradezu entscheidende Bedeutung für das rechtzeitige Aufhalten der deutschen Frühjahrsoffensive gegen Amiens zuschreibt. -- Für die Bewertung improvisierter Neuformationen im Kriegsfall ist das Werk des Generalobersten Heye über das Landwehrkorps Woyrsch < 1296> von einer Bedeutung, die die Tragweite der meisten Literatur zur Geschichte einzelner Truppenteile erheblich überwiegt. Der bisher vorliegende 1. Band (bis Ende 1914) beweist, daß trotz aller großen Leistungen diese gegen ihre Friedensbestimmung unter erheblichen Ausrüstungsmängeln sofort an den Frontoperationen beteiligte Truppe, obwohl sie einen relativ starken Bestand an aktiven Offizieren besaß, sehr erhebliche Krisen durchzumachen hatte, ehe sie ihre spätere volle Kriegsbrauchbarkeit erlangte. -- Die im späteren Kriegsverlauf vielfach sich herausstellende Vollwertigkeit von Reserveformationen (vgl. das Werk von Stühmke < 1297>) darf daher für die Zukunft nicht im Sinne der Landwehrlegende von 1813 zu militärisch irrigen Schlüssen verleiten.

Für die österreichische Kriegsführung hat Gina Conrad von Hoetzendorf < 1354> einen Band pietätvoller Erinnerung an ihren großen Gatten vorgelegt, der aus seinem Briefwechsel wertvolle Ergänzungen zu dem großen Erinnerungswerke des Verstorbenen bietet und als Quellenbeitrag nicht übersehen werden darf, da die Originalkorrespondenzen noch auf längere Zeit der an sich historisch wünschenswerten Veröffentlichung entzogen bleiben werden. -- Ein Denkmal schlichten Heldentums ist das Erinnerungsbuch des Gendarmeriekommandanten der Bukowina, General Edm. Fischer < 1355>, der in einem fast romantisch abenteuerlichen Grenzkrieg seine Heimatprovinz mit Hilfe der Bevölkerung fast ohne jede reguläre Truppenformation 1914 gegen den ersten überlegenen russischen Ansturm verteidigte, auch gelegentlich Wissenswertes aus den Ergebnissen des von ihm geleiteten Kundschaftsdienstes für die Zeit vor allem des Operationsbeginnes zu berichten hat. -- Das Buch des angesehenen italienischen Militärschriftstellers Rob. Segre über Wien und Belgrad 1876--1914 < 1192> ist trotz seines Bestrebens um Objektivität auch im ersten politischhistorischen


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Teil doch vor allem als Beitrag zur Kriegsgeschichte wertvoll. Es bringt eine sehr ausführliche, gute Analyse des österreichischen und serbischen Heeres, eine Behandlung von Entstehung und Wert der Operationspläne, die für den serbischen Kriegsschauplatz ähnliche Bedeutung besitzt wie das Buch von Pitreich für den galizischen Anfangsfeldzug. Die tieferen Voraussetzungen des unglücklichen österreichischen Feldzuges gegen Serbien im Jahre 1914 sind hier in fesselnder Weise geklärt; dabei wird richtig betont, daß die persönliche Verantwortung im Grunde stärker als auf Conrads Schultern auf denen Potioreks ruht. Das Ganze ist schließlich zu einer wertvollen Beleuchtung des Politik-Kriegsführungsproblemes benutzt, die dem Buche auch für diese Diskussion Wert verleiht. -- Für die Anfänge des Feldzuges gegen Rußland liegen jetzt im 1. Bande der Erinnerungen und Dokumente Jos. Piłsudskis < 1373> dessen Kriegserinnerungen für 1914 auch in vornehm ausgestatteter deutscher Übersetzung (mit guter biographischer Einleitung) vor, die über ihren Wert als fesselndes Dokument einer kühnen Soldatennatur heraus geschichtliche Bedeutung als Zeugnis der ersten Kraftäußerung eines geborenen Führers in großem Stile besitzen.

Die Kriegspläne der Mittelmächte für das Jahr 1915 hat Ed. Ritter v. Steinitz < 1291> in einem kritischen Aufsatz behandelt, der die Rückwirkung der italienischen Intervention auf die Operationspläne Conrads und Falkenhayns im Osten in den Mittelpunkt stellt. Bei aller Beachtung ihrer Differenzen betont St. aber doch, daß es im Gegensatz zu 1916 der Koalitionskriegführung der Mittelmächte im Jahre 1915 noch gelungen ist, auch in der ersten Abwehr der italienischen Gefahr das unentbehrliche Mindestmaß einheitlicher Zusammenarbeit festzuhalten. -- Wenn das auch im Verlauf des großen russischen Feldzuges von 1915 glückte, so ist es nicht zum mindesten ein leicht unterschätztes Verdienst der ritterlichen Persönlichkeit Mackensens gewesen, der seine schwierige Zwischenstellung unter deutscher O. H. L. und österreichischem Oberkommando zugleich in vorbildlicher Eleganz auszufüllen vermochte. Auch seine Persönlichkeit ist wie die Ludendorffs Gegenstand einer umfangreichen biographischen Literatur geworden. Das sympathische Buch Rüdt von Collenbergs < 1351>, neben ihm C. Langes auf Kenntnis der Persönlichkeit aus der Danziger Husarenzeit beruhende Darstellung < 1352> sind daraus in erster Reihe zu nennen. Beide sind durch persönliche Mitteilungen des Generalfeldmarschalls gefördert worden und bringen u. a. Teile seines lebensvollen Briefwechsels mit der Mutter aus dem Kriege von 1870/71, der seine militärische Berufswahl entschied. Sie veranschaulichen, daß der glänzende Aufstieg des ehemaligen Kriegsfreiwilligen innerster Berufsveranlagung entsprungen ist und sich auf dem Wege über die Laufbahn des Generalstabsoffiziers doch durchaus nicht nach der Legende des Erfolgs durch bloße höfische Gewandtheit vollzog. Besonders das Buch von Rüdt sucht auch besonnen den persönlichen Führercharakter Mackensens im Weltkriege abzugrenzen.

Die militärische Memoirenliteratur Österreichs ist durch ein neues Erinnerungsbuch des Generalobersten Baron Arz < 1290> erweitert worden, das, nicht allzu bedeutend, das Urteil über die liebenswürdige, aber nicht sehr starke Natur seines Verf.s kaum abändern wird. Immerhin bringt es gelegentlich beachtliche strategische Kritik von österreichischem Standpunkte und sucht vor allem das persönliche Verdienst des Verf.s am Entschluß zu der italienischen


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Offensive des Herbstes 1917 zu verteidigen. Politisch ist der Nachfolger Conrads auch hiernach uninteressiert und nur soldatisches Werkzeug seines kaiserlichen Herrn gewesen, dessen Entschluß zur Beseitigung Conrads er im Grunde doch selbst der Kritik preisgibt. -- Das amtliche österreichische Kriegswerk < 1300> hat jetzt bereits (Bd. V) die Darstellung des Jahres 1916 abgeschlossen, die Geschichte des Frühjahres 1917 (Bd. VI) wenigstens begonnen. Neben dem Ausklang der Brussilow-Offensive und der Schilderung der 7.--9. Isonzoschlacht bietet es vor allem die eingehende Behandlung des Feldzuges gegen Rumänien bis zur Einnahme von Bukarest. Sie ist für dieses Thema grundlegend; sehr anerkennend für die Leistung Falkenhayns, der als Armeeführer eine offensive Energie entfaltete, die ihm als Generalstabschef wiederholt abgegangen war; lehrreich auch in der kritischen Behandlung des rumänischen Versagens in Vorbereitung und Durchführung des mit so großen Illusionen eröffneten Feldzuges.

Einen fast erdrückenden Reichtum der verschiedenartigsten Erscheinungen weist dies Jahr die italienische Literatur zur Kriegsgeschichte auf, die, anscheinend angeregt durch die Einleitung des Abessinienfeldzuges, stürmisch zu einer auch für breitere Schichten fesselnden Klärung der Kriegserfahrungen in jeder Form drängte. Die militärischen Probleme werden in größtem Umfange der Diskussion aller interessierten Kreise unterbreitet. Die noch lebende Generation der Kriegsteilnehmer, heute zum großen Teile Offiziere in führender Stellung, verbindet die fachmilitärische Erörterung mit memoirenhaften Elementen, persönliche Apologie mit kritischer Verwertung der eigenen Kriegserlebnisse. Die ganze Literatur bietet ein Bild stärkster Regsamkeit, durch die sich doch auch bedeutsame Ergebnisse herauskristallisieren. -- Neben Varaninis Analyse der italienischen Armee und ihrer Führer < 1321>, General de Bonos < 1372> eingehender Darstellung seiner persönlichen Kriegsteilnahme als Truppenführer mittleren Ranges, ist vor allem die umfangreiche Reihe der Storia della Guerra Italiana mit ihren zwar nicht streng fachwissenschaftlichen, aber doch durchweg gediegenen und inhaltvollen Werken (Geloso < 1322> für das erste Kriegsjahr; Baj-Macario < 1327> für die Tiroler Offensive Conrads von 1916; Bollati < 1328> für die Görzoffensive des Herbstes 1916; Cabiati < 1329> die Caporettoschlacht und für die Festigung der neuen Piavestellung; daneben die Einzelarbeiten von Schiarini < 1330>, A. Giorgio < 1326>, Caviglia < 1332 und 1325>) zu nennen. Nach, neben und vor dem italienischen Generalstabswerk ist in diesen Bänden eine Generalabrechnung mit den Problemen der italienischen Weltkriegsteilnahme vollzogen, die sich doch oft eindrucksvoll über die Ebene bloß heroischer Stilisierung der eigenen Leistung erhebt, der Problematik der Dinge und der Leistung des Gegners sehr viel gerechter wird als vielfach die italienischen Arbeiten der letzten Jahre. Das gesteigerte Selbstbewußtsein des neuen Italien vermag eine differenziertere Wertung der Leistung Cadornas zu ertragen, die die Bedeutung seines zähen Angriffswillens auch heute noch rühmend hervorhebt, aber an den Unzulänglichkeiten seiner Führung in Offensive wie Defensive nicht mehr einfach vorbeigeht. Für das Problem der Herbstschlacht des Oktober 1917 ist durchweg der Versuch preisgegeben, die Katastrophe nur aus einem moralischen Versagen des Soldaten zu erklären, die Niederlage überhaupt als bloßen Zufall zu deuten. An seine Stelle tritt eine sehr ernsthafte Analyse der komplexen militärischen Gründe für das schnelle Zusammenbrechen des italienischen Widerstandes. Selbst für die


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Entstehung des Schlachtplanes von Vittorio-Veneto beginnt die Neigung zurückzutreten, den Endsieg in die zunächst sehr viel begrenzteren Schlachtpläne des Generals Diaz vorzudeuten und die entscheidende Bedeutung der politischen Katastrophe im Inneren Österreichs einfach zu übersehen. Die Entwicklung im ganzen tendiert dahin, der italienischen Kriegsliteratur ein wesentlich gesteigertes Maß an ernsthaft beachtlichen, sachlichen Gesichtspunkten zuzuführen.

Aus der Literatur über die abschließenden Kriegsjahre im Westen ist E. Kabischs populäre Darstellung der Verdunschlacht < 1313> zu nennen, die für Entstehung (Beschränkung des Angriffes auf das rechte Maasufer) und Durchführung der Schlacht doch auch auf eigene Berufserinnerung zurückzugreifen vermag, außerdem sich wie die früheren Kriegsbücher des Verf.s durch plastische Übersichtlichkeit auszeichnet. -- Von dem gleichen Verf. stammt eine brauchbare, besonnene Behandlung der Frühjahrsoffensive von 1918 < 1316>, die die kritische Polemik beherrscht, aber im eigenen Urteil vorsichtig zurückhält. -- Das amtliche englische Kriegswerk ist von der Schilderung der Sommeschlacht mit einem Sprunge zur Darstellung der Ereignisse des Jahres 1918 übergegangen. Seine Darstellung der deutschen Märzoffensive < 1304> behandelt sehr reichhaltig die wichtigen interalliierten Verhandlungen des Winters 1917/18 mit ihrem untrennbar verflochtenen Netzwerk zugleich politischer und militärischer Erwägungen. Die Kritik des Bandes gegen die politisierende Vielgeschäftigkeit Henry Wilsons, seine scharfe Ablehnung gegen die Amateurstrategie Lloyd Georges zeigt, daß auch hier die Bejahung der kontinentalstrategischen Ideen des englischen Berufsoffizierkorps im Weltkriege festgehalten ist. Die Detailschilderung der deutschen Offensive gibt die Fehler der englischen Abwehrtaktik mit der gleichen objektiven Offenheit zu, die die Behandlung der Sommeschlacht auszeichnete. Sehr stark ist betont, daß die Schwergewichtsverlagerung des deutschen Stoßes nach Südwesten geradezu ein Glücksfall in der Geschichte des Empire gewesen sei, den deutschen Angriff in eine Richtung geleitet habe, in der er keinen entscheidenden operativen Effekt mehr erzielen konnte. Auch dieser Teil des englischen Werkes behauptet sich so als eine gediegene, wertvolle und vor offenherziger Selbstkritik nicht zurückschreckende ernste Leistung. -- Gleichzeitig hat auch die erschöpfende englische Darstellung des Luftkrieges von H. A. Jones < 1304> das Endjahr 1918 mit einem Bande über die abschließenden Akte der deutschen Luftschiff- und Fliegeroffensiven gegen das englische Heimatgebiet erreicht, der noch einmal anerkennt, daß dieser deutsche Einsatz rein militärisch schon durch die Fesselung stärkster englischer Abwehrkräfte hinter der Front mehr wie gerechtfertigt gewesen sei. -- An Bedeutung behauptet sich neben diesen amtlichen Werken aus der kriegsgeschichtlichen Literatur des Jahres in England nur die zweibändige Biographie Haigs aus der Feder Duff Coopers < 1359>. Der heutige englische Kriegminister bewährt an dem vornehmen, aber sachlich unaufdringlichem Soldatencharakter des englischen Armeeführers im Weltkriege jene psychologische Kunst, die seinem Talleyrandbuche eine so große Wirkung auch in Deutschland verschafft hat. Der historische Wert der Lebensschilderung beruht auf der Benutzung des ausgedehnten Nachlasses, den die Familie des verstorbenen Feldmarschalls mit großer Liberalität dem Verf. zur Verfügung gestellt hat. C. betont, daß Haig über die bekannte Tugend echt britischer


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Zähigkeit gegen Feind wie eigene Regierung doch als Soldat, vor allem Taktiker, sehr viel beweglicher und entwicklungsfähiger gewesen sei als ihm meist zugestanden wird. Er hebt seinen Anteil an der Ausbildung der modernen Angriffsmethoden von der Sommeschlacht bis zu dem Tankangriff von Cambrai und den Schlachten des Herbstes 1918 recht nachdrücklich hervor und tritt für eine sehr positive Wertung seiner Führereigenschaften ein. Ohne in der Kontroverse Berufssoldat versus Politiker in blinde Voreingenommenheit zu verfallen, nimmt er doch sehr eindringlich für die von Robertson und Haig stets verfochtene Konzentration der englischen Hauptkräfte an der Westfront als schlichtes Erfordernis des gesunden Menschenverstandes Partei und bringt im Rahmen dieser Polemik wieder sehr weitgehende Beiträge zur politischen wie militärischen Geschichte der englischen Führung im Kriege.

Gegen diese wichtigen englischen Neuerscheinungen trägt der Rest der französischen Kriegsliteratur mehr zufälligen Charakter. H. Colins Buch < 1364> enthält einen auf Tagebüchern aus dem Beobachtungskreis der mittleren Truppenführung aufgebauten Erinnerungsbeitrag zum Feldzug des Jahres 1918. -- Die Carnets de Campagne des jetzigen Generals Michelin < 1366> beginnen 1914 in der Stellung als Komp.-Führer, sind aber stark mit nicht belangvollen politischen Stimmungsbildern durchsetzt. Sie zeigen immerhin eine typische französische Frontoffizierlaufbahn im Kriege. -- Bedeutsamer ist das Erinnerungswerk des seit 1914 in führenden Stellungen tätigen Generals Langle de Cary < 1365>, der für Grenzschlachten an der Maas, Marneschlacht, Schlachten in der Champagne 1915 und Verdun in einer kritischen Einleitung Beachtenswertes zu sagen hat. Der im 2. Teil enthaltene Abdruck seiner Tagesaufzeichnungen ist vielleicht noch wichtiger; er spiegelt z. B. recht deutlich die im Kriegsanfang vorherrschende Kritik an den ersten Operationen Joffres und die Abneigung der Armeekommandos gegen die ihnen zugemutete straffe Unterordnung unter das Hauptquartier. Freilich läßt sich feststellen, daß auch diese Niederschriften gewisse Retouchen nach Kriegsende erfahren haben, also nicht ohne kritische Prüfung zu benutzen sind. -- An darstellenden Arbeiten ist eine kurze, übersichtliche, wenn auch trotz Benutzung von Akten des französischen Außenministeriums kein Neuland erschließende Skizze von A. Pingaud < 1302> über die Frage der Vereinheitlichung der Ententekriegsführung zu erwähnen.

Für den Luftkrieg ist neben dem englischen Beitrag von H. A. Jones das von Herm. Goering eingeleitete packende Buch des ehemaligen Adjutanten im Jagdgeschwader Richthofen, K. Bodenschatz < 1343>, über ihre klasssische Laufbahn im Weltkriege zu nennen, die auch den Abdruck ihres in seiner unendlichen soldatischen Schlichtheit ergreifender als jede Darstellung wirkenden Kriegstagebuches bringt. Neben ihm steht E. Udets < 1353> Bericht über seine Fliegerlaufbahn im Weltkriege. -- Relativ begrenzt ist in ihrer Bedeutung die diesjährige Literatur zur Geschichte des Seekrieges. Von deutscher Seite liegen vor eine populäre Darstellung des Krieges der schweren Seestreitkräfte von Mantey < 1334>, ein eingehendes und für das begrenzte Thema wertvolles Buch von Admiral Jacobsen über die Verteidigung der flandrischen Küste durch das Marinekorps < 1335>, jenes Grenzgebiet von Land- und Seekrieg, das im Vorjahre die Biographie seines kernigen Führers, des Admirals Schroeder, behandelte. -- Die Fortsetzung der Seekriegsgeschichte des Reichsmarinearchives


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brachte einen Sonderband < 1339>, der liebevoll die Verteidigung Tsingtaus und die Teilnahme der Marine am Kolonialkrieg in Ostafrika behandelte.

Aus der englischen Literatur ist das Buch des Paymaster Commander Lloyd Hirst < 1336> zu erwähnen, der aus eigener Teilnahme lebhafte, eindrucksvolle Berichte über die englische Seite während der Kreuzerschlachten bei Coronel und den Falklandinseln zu geben vermag. -- Die Seekämpfe an den Dardanellen haben je eine eingehende englische und französische Darstellung erhalten. Das englische Werk von Keble Chatterton < 1338> gibt mit großer Zurückhaltung gegen die allgemeinen Wertungskontroversen den bisher eingehendsten Bericht über den Einzelverlauf der Kämpfe des englischen Geschwaders auf Grund sorgsamer persönlicher Nachforschungen bei den Überlebenden. -- Auch das Buch des französischen Geschwaderführers vor den Meerengen, des Admirals Guépratte < 1337>, ist wesentlich der beschreibenden Schilderung des Kampfverlaufes gewidmet, geht aber doch etwas mehr auf die umstrittenen operativen und taktischen Fragen ein und läßt insbesondere das Bedauern erkennen, daß nach dem ersten Stocken des Seeangriffes die Durchbruchspläne Sir Roger Keyes' nicht zur Durchführung gelangten. -- Keyes, vor den Dardanellen der unbedenklichste Vertreter kühner Offensivforderungen, hat seine Kriegserinnerungen in einem 2. Bande über die Jahre 1916--18 < 1361> abgeschlossen, der an allgemeinhistorischem Interesse seine Schilderung des Kampfes um die Meerengen doch nicht ganz erreicht. Er behandelt eingehend und kritisch gegen den deutschen Siegesanspruch das Skagerrakproblem, ohne persönlich an der Schlacht teilgenommen zu haben. Den interessantesten Teil bildet die Schilderung des Angriffes der von ihm geleiteten Dover-Patrol auf Ostende und Seebrügge im Jahre 1918, durch den er gegen Kriegsende noch einmal für England den Ruhm erwarb, die lebendigste Verkörsprung schneidigen Offensivwillens in der sonst zu abwartender Zurückhaltung genötigten englischen Flotte zu sein.


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