§ 64. Grenzfragen im Osten

(F. Morré)

Der diesjährige Bericht umfaßt einen Zeitraum von drei Jahren (1933 bis 1935), auf demselben Raum, wie er für das Referat über ein Jahr vorgesehen ist. Mir ist dadurch die Verpflichtung auferlegt, die Besprechungen bei dieser Sachlage auf die Haupterscheinungen der Berichtszeit beschränken zu müssen, von denen auch jede einzelne nicht immer erschöpfend sein kann. Neuerscheinungen, die allein für eine Landschaft von Bedeutung sind, bleiben den besonderen territorialen Forschungsberichten zur Besprechung überlassen.

I. Bibliographie.

Von besonderer Wichtigkeit ist hier die von dem Danziger Bibliotheksdirektor Fritz Prinzhorn herausgegebene Bibliographie »Danzig- Polen-Korridor und Grenzgebiete«. Wurde der das Berichtsjahr 1933 behandelnde 2. Band (Danzig 1934, 463 S.) noch in Maschinenschrift vervielfältigt herausgegeben, so liegen die Bände für 1934 und 1935 (Bd. 3, Danzig 1935, 135 S. bzw. Bd. 4, 1936, 141 S.) gedruckt vor. Das Werk ist ein hervorragendes und erschöpfendes Hilfsmittel für alle die deutsch-polnische Grenze betreffenden Neuerscheinungen. -- Die wesentliche deutsch- und fremdsprachige Literatur der Jahre 1918--1933 zu einer Teilfrage bringt die »Korridorbibliographie« von Waldemar Wucher in dem Sammelwerk »Deutschland und der Korridor« <1933/34, 408>. Erfreulich ist es, feststellen zu können, daß die ostdeutschen landeskundlichen Zeitschriften den Grenzfragen des deutschen Ostens immer stärkere Beachtung schenken. Sie sind dazu übergegangen, durch regelmäßige Sammelbesprechungen ihre Leser auch mit den polnischen Darstellungen bekanntzumachen. Vorbildlich sind die von tiefer Sachkenntnis getragenen »Polonica« von Erich Randt in den Baltischen Studien (N. F. 35, 1933, S. 296 bis 309; 36, 1934, S. 286--309), die im letzten Bande von Hans Bellée fortgeführt werden (N. F. 37, 1935, S. 287--294). Erich Randt hat auch den Hauptanteil an dem Rezensionsabschnitt »Deutschland und Polen. Ostgrenze« der neuerdings von ihm geleiteten »Zeitschrift des Vereins für Geschichte Schlesiens« (Bd. 69, 1935, S. 347--357). Eine gute Übersicht vermitteln ebenfalls die »Sammelbesprechungen polnischer und litauischer Literatur« von Erich Weise, Erich Maschke u. a. in »Altpreußische Forschungen« (Bd. 11, 1934, H. 1, S. 136 ff., Bd. 12, 1935, H. 1, S. 150 ff.). Allein die »Brandenburgisch- Preußischen Forschungen« lassen trotz früherer Ansätze diese begrüßenswerte Neuerung vermissen.

Auf polnischer Seite gab Kazimierz Smogorzewski 1933 einen »Abrégé d'une bibliographie rélative aux rélations germano-polonaises« heraus (Rez. v. E. Randt in »Balt. Stud.« N. F. 35, S. 309). Die Zusammenstellung der Literatur zu den deutsch-polnischen Beziehungen seit 1918 ist aber keineswegs erschöpfend, sondern übergeht verschiedene grundlegende Schriften. Der »Kwartalnik Historyczny«, das in Lemberg erscheinende Organ der Polnischen Historischen


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Gesellschaft, berücksichtigt in seinen ausführlichen »Recenzje i Sprawozdania« und »Zapiski Informacyjne« laufend die polnischen wie die deutschen Neuerscheinungen zu den deutsch-polnischen Grenzfragen (Jg. 47--49, 1933--1935). -- Daneben wäre noch der rechtsgeschichtliche Abschnitt »Historja Prawa« der juristischen Bibliographie »Hoesicka Bibljografja Prawnicza« (Jg. 4--6, Warschau 1933--1935) zu nennen und der »Urzędowy Wykaz Druków Nieperjodycznych Wydanych w Rzplitej Polskiej (Amtlicher Anzeiger der nichtperiodischen in Polen erscheinenden Drucke), den die Warschauer Staatsbibliothek wöchentlich herausgibt (Jg. 6--8, 1933--1935).

Eine wertvolle Bereicherung der Bibliographie zur deutschen Ostgrenze ist das Heft »Polen, nach den Beständen der Weltkriegsbücherei unter besonderer Berücksichtigung der deutsch-polnischen Beziehungen in Vergangenheit und Gegenwart«, bearbeitet von W. Schinner <1933/34, 400>. In übersichtlicher Gliederung findet der interessierte Historiker hier viele deutsch- und fremdsprachige Buchtitel zusammengestellt. Die Zeit vor und nach dem Weltkriege weist zwar erhebliche Lücken auf, aber als einführende Literaturübersicht zur ersten Orientierung kann das 1934 erschienene kleine Werk, das laufend Nachträge erhält, jedoch durchaus empfohlen werden.

II. Sammelwerke und Aufsatzsammlungen.

Im Sommer 1933 fand in Warschau der VII. Internationale Historikerkongreß statt. Diesen Anlaß benutzte die deutsche Geschichtswissenschaft zu dem Versuche, die Diskussion über die 1000 jährigen deutsch-polnischen Beziehungen von neuem auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen, die während der Nachkriegsjahre auf polnischer Seite von einer Reihe mehr publizistischer, zum Teil in französischer Sprache erschienener Werke in bedenklichem Maße verlassen worden war. Auf deutscher Seite hatte die Unkenntnis der polnischen Sprache und damit wesentlicher Erscheinungen der polnischen wissenschaftlichen Literatur die Einstellung zu den historischen Fragen der deutschen Ostgrenze oft einseitig werden lassen. Den Grund zu einer neuen, wissenschaftlichen Aussprache zwischen beiden Völkern will nun das von Albert Brackmann herausgegebene Sammelwerk »Deutschland und Polen, Beiträge zu ihren geschichtlichen Beziehungen« <1933/34, 404> legen. 19 führende deutsche Historiker taten sich hier auf Anregung eines um die Erforschung der ältesten Berührungen zwischen Deutschland und Polen hochverdienten Gelehrten zusammen, um die Bemühung um die historische Wahrheit in den Dienst des zwischenvölkischen Verständnisses zu stellen. Das deutsche Werk, das auch in englischer und französischer Übersetzung erschien, entstand aus der Auffassung aller Mitarbeiter heraus, daß »der Historiker kein Richter über die Vergangenheit und kein Gesetzgeber für die Zukunft ist, sondern ein Diener der Wahrheit, der als solcher durch Geburt vor allem seinem Volke, aber daneben auch den mit ihm in Raum- und Kulturgemeinschaft verbundenen Nachbarn und dem Wohle der Menschheit verpflichtet ist« (Vorwort). Die polnische Wissenschaft hat die Bedeutung des deutschen Schrittes wohl verstanden, aber, wie verschiedene Besprechungen des Sammelwerkes zeigen, nicht in allen Einzelheiten richtig gedeutet. Am wichtigsten ist die ausführliche, über 100 Seiten umfassende Stellungnahme, welche der »Kwartalnik Historyczny«, das führende Organ der polnischen Geschichtswissenschaft, »Deutschland und Polen«, widmet. (Niemcy i Polska. Dyskusja z powodu ksiąȥki, »Deutschland und Polen«. Jg. 48, H. 4, S. 776


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bis 886. Lwów 1934. Auch als Sonderdruck erschienen.) Jeder der 19 Beiträge erfährt eine eingehende kritische Besprechung durch einen polnischen Fachgelehrten. Auch der Bildteil »Deutsche Kunst in Polen« des Sammelwerkes wird kritisch gewürdigt (a. a. O. S. 876--880), wobei der Rezensent M. Gębarowicz, der mit Recht eine völlige Abhängigkeit der polnischen Kunst von deutschen Einflüssen als unzutreffend ablehnt, offensichtlich die Absicht des Herausgebers, wie sie der Vorbemerkung auf S. 271 entnommen werden kann, ganz und gar mißdeutet. Bei der Gesamtheit der Rezensionen fällt der Ton des persönlichen Angriffs auf, der in dem Einzelfalle der Besprechung des Beitrages von Hans Rothfels durch Professor Halecki (in: »Der christliche Ständestaat«, österr. Wochenhefte, 1. Jg., Nr. 8 v. 28. I. 1934) sogar zu einer schweren persönlichen Verunglimpfung des Verfassers geführt hat. Diese Methode der Rezension löste in der deutschen Wissenschaft starkes Befremden aus, denn man darf wohl sagen, daß das deutsche Sammelwerk jede persönliche Anspielung peinlichst vermeidet. Die grundsätzliche Stellungnahme der polnischen Geschichtswissenschaft zu »Deutschland und Polen« kann in den Ausführungen »Statt eines Vorwortes« von Professor St. Zakrzewski, dem jetzt verstorbenen Vorsitzenden der Polnischen Historischen Gesellschaft, im »Kwartalnik« gesehen werden (a. a. O. S. 776--788). Zakrzewski erkennt die gute Absicht des Herausgebers wohl an, lehnt aber das vorliegende Sammelwerk wegen seines »skizzenhaften Charakters« und seiner außer einigen Beiträgen (Brackmann, Nadler, Brandi, Vasmer, Schmid) durchweg antipolnischer Einstellung als Diskussionsbasis für die polnischen Historiker ab. In dieser Richtung kündigt T. E. Modelski im Schlußteil der Sammelbesprechung des »Kwartalnik« ein umfangreiches Werk der polnischen Geschichtswissenschaft zu demselben Gegenstand an.

Grundsätzlich ablehnend und voll von Ausfällen gegen die angebliche kleinlich-nationalistische Auffassung der deutschen Wissenschaft von den 1000 jährigen deutsch-polnischen Beziehungen sind auch die Besprechungen von »Deutschland und Polen« durch M. Rudnicki in »Slavia Occidentalis« (Bd. 13, 1934, S. 249--267; Bd. 14, 1935, S. 270--284) und die Posener Historiker K. Tymieniecki, A. Wojtkowski und Z. Wieliczka in den »Roczniki Historyczne« (Bd. 9, 1933, S. 280--304). In treffender Weise, auch an den Schwächen des Buches nicht vorübergehend, rezensiert Erich Randt in »Historische Zeitschrift« (Bd. 151, S. 373--387). Weitere Besprechungen allgemeiner Art vgl. 1933/34, 404, einzelner Beiträge in »Baltic Countries« Tom. I. Vol. 1 + 2.

Zwei durch ihr Geschick besonders hervorragende Abschnitte der ausgedehnten Ostgrenze des deutschen Volkes, der polnische Korridor und die südostdeutsche Volksgrenze im Grenzraum Wien-Preßburg-Radkersburg-Osttirol stehen im Mittelpunkt zweier Sammelwerke, die der rührige »Volk und Reich Verlag« 1933 und 1934 veröffentlichte. »Alle Entscheidungen hängen an der Lösung zweier Fragen des Ostens in seiner Weite von der Ostsee bis zur Adria: an dem Korridor und an Österreich.« (Vorwort zu »Deutschland und der Korridor«.) An der Gestaltung beider Schriften haben bekannte deutsche Historiker mitgewirkt. Mit Hilfe treffend ausgewählter Bilder und anschaulicher Karten faßt »Deutschland und der Korridor« <1933/34, 408> historische Entwicklung, tragische Gegenwart und künftige Lösungsmöglichkeiten dieses territorialen wie völkischen Problems zusammen. Am geschichtlichen Teil arbeiteten u. a.


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Erich Keyser, Manfred Laubert, Erich Maschke und Walter Recke mit. Ein ähnlich umfassendes Bild vermittelt »Die südostdeutsche Volksgrenze« <1933/34, 2504, S. 430> von Geschichte und heutiger Lage des deutsch-ungarischen und deutsch-südslawischen Grenzraumes. (Rez. d. H. Schlenger in H. Z. Bd. 152, S. 145 f.)

Zwei deutsche Gelehrte, deren geistiges Werk viele Jahre hindurch für die wissenschaftliche Darstellung des deutschen Ostens und der ihm vorgelagerten Länder richtungweisend gewesen ist, Otto Hoetzsch und Hans Rothfels haben in der Berichtszeit eine Reihe verstreuter Abhandlungen zu den hier behandelten Fragen gesammelt und neu veröffentlicht. Beide Aufsatzsammlungen <1933/34, 257; 1935, 225> sind eine begrüßenswerte Ergänzung zu den vorliegenden größeren Werken der Verfasser. Auf einige bisher unveröffentlichte Beiträge soll an anderer Stelle näher eingegangen werden.

III. Darstellungen zum Gesamtproblem.

Ein Appell an die deutsche Geisteswissenschaft sind die Ausführungen von H. Lüpke »Die Ausrichtung der deutschen Geschichtswissenschaft nach Osten« auf der 1. Geschichtstagung des NS.-Lehrerbundes 1935 < 244> und von E. Wiskemann »Der deutsche Osten als Aufgabe« in »Z. für die gesamte Staatswissenschaft« (Bd. 95, 1935, H. 3, S. 365 ff.).

Auf dem Warschauer Historikerkongreß unternahm der tschechische Forscher Bidlo den erneuten Versuch, den Gesamtablauf der Geschichte des Slawentums als Einheit zu fassen. Er setzt ihn mit der Geschichte Osteuropas gleich und umreißt dieses Osteuropa als das Gebiet, dem Ostrom, Byzanz und griechische Kirche ein einheitliches kulturelles Gepräge gaben. Zu dieser These nimmt von deutscher Seite Josef Pfitzner in der »Historischen Zeitschrift« <1933/34, 403> ausführlich und kritisch Stellung. In einer umfassenden Literaturübersicht zeigt Pfitzner, wie die Frage einer einheitlichen Geschichte der slawischen Welt und die Definition des Begriffes Osteuropa seit über 100 Jahren immer wieder die Wisssenschaft beschäftigt haben. Den Anhängern der slawischen Einheit, die ihre Beweisführung auf Sprache, räumliche Gegebenheiten und Kulturentwicklung stützen, steht eine Reihe namhafter, auch slawischer Forscher gegenüber, die die Einheit der geschichtlichen Entwicklung des Slawentums und Osteuropas als nicht den historischen Tatsachen entsprechend ablehnen. Bei der Festlegung der Grenzen Osteuropas herrscht gerade bei der Westgrenze keine Übereinstimmung. Jedenfalls dringt heute mehr und mehr die Ansicht durch, daß Osteuropa größer ist als der nur von Slawen bewohnte Boden. Die Einheit der Geschichte des Slawentums verneint Pfitzner, doch »stellt Osteuropa in Hinblick auf die abendländische Kultur eine Einheit dar«. Die Haupttriebkräfte der Geschichte dieses Raumes, dessen Westgrenze er auf die Formel: Elbe-Saale-Böhmerwald-Traun-Adriaostufer bringt, sind nach Pfitzner: »1. Die Einflüsse der antik-abendländischen Kultur. 2. Die autogene Entwicklung der menschlichen Gemeinschaftsformen Osteuropas.« Der Formulierung Pfitzners stimmt unter Ablehnung der Konstruktion Bidlos Hoetzsch in dem einzigen bisher unveröffentlichten Aufsatz der schon genannten Sammlung <1933/34, 257> zu. Das Kriterium der »abendländischen Kultur« erscheint ihm allerdings nicht als genügend für eine Einheit. Doch erkennt er das »abendländische Kulturgefälle« von Westen nach Osten an und möchte für die geschichtliche Forschung und Darstellung Begriff und Umfang von Osteuropa


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folgendermaßen festlegen: »Das kontinentale Gebiet von der Elbe bis zum Ural, im Süden und Südosten durch die Linie: Erzgebirge, Sudeten, Karpathen und von da bis zur Donaumündung vom europäischen Südosten abgehoben, ein Gebiet, das zunächst bis zum Dnjepr und darüber hinaus im Frühmittelalter vornehmlich slawische Welt ist, in das tief und umgestaltend eingreift die wieder nach Osten zurückstoßende deutsche Expansion und Staatenbildung und auf das einwirkt der osmanisch-islamische Druck von Süden her und die mongolisch-tartarische Invasion von Asien her.« In einem 1934 in Berlin gehaltenen Vortrage »Der Begriff der osteuropäischen Geschichte« <1933/34, 402> nimmt als Vertreter der polnischen Historiker Professor Halecki-Warschau zu dieser Frage Stellung. Auch er sieht die Unmöglichkeit einer gesamtslawischen Geschichte, also der ethnographischen Einheit als Definition für Osteuropa ein und bekennt sich zur Begriffsbestimmung Pfitzners. Glaubt aber Pfitzner an die Möglichkeit einer einheitlichen Erfassung der osteuropäischen Geschichte, so hält Halecki diese Aufgabe wegen der inneren Gegensätze und klaren Unterschiede innerhalb des umrissenen Raumes für unlösbar. Er kommt zu der praktischen Feststellung, »daß eigentlich Osteuropa nichts anderes ist als der Teil Europas, der bislang in der Gesamtdarstellung europäischer Geschichte zu kurz gekommen ist«.

Zur Warschauer Historikertagung unternahm Halecki in einem Werke »La Pologne de 963 à 1914. Essai de synthese historique« (Paris 1932, 348 S. 1 K. Rez. v. E. Maschke, H. Z. 152, S. 153 f., K. Völker, Jbb. Kult. u. Gesch. Slaw. N. F. 9, S. 610 ff.) schon den großangelegten Versuch, den Gesamtablauf der Geschichte Polens in den Zusammenhang des christlichen Abendlandes einzuordnen.

Es ist natürlich, daß eine Reihe von geschichtlichen Vorgängen im deutschpolnischen Grenzraum auf deutscher wie polnischer Seite eine verschiedene Deutung erfahren haben. Eine eigenartige Unterstützung wird dem polnischen Standpunkt aber durch eine in Paris erscheinende Schriftenreihe »Problèmes Politiques de la Pologne contemporaine« zuteil, in der u. a. auch so international anerkannte französische Historiker wie Emile Bourgeois und George Pagès das Wort ergreifen. Hans Rothfels kann in einer kritischen Besprechung »Französischer Nationalismus in der Ostgeschichtschreibung« (der erste Teil erschien in der H. Z. Bd. 148, H. 2. S. 294--300, das Ganze in der schon zitierten Aufsatzsammlung S. 195--205) den Beiträgen der beiden Bände »La Pologne et la Baltique« und »La Prusse Orientale« eine Fülle grober Irrtümer und Fehlurteile nachweisen. Es ist sehr fraglich, ob derartige Veröffentlichungen, deren Vorworte übrigens von Polen verfaßt sind, der zu erhoffenden direkten Aussprache zwischen polnischer und deutscher Wissenschaft einen großen Dienst erweisen.

In einem weiteren Aufsatze der genannten Sammlung »Das Problem des Nationalismus im Osten«, der auch den Schlußabschnitt des Werkes »Deutschland und Polen« bildet, schildert Rothfels das jahrhundertelange Zusammenwohnen der Nationalitäten im Vorland der östlichen deutschen Reichsgrenze. Die in Versailles geschaffenen Staatsgrenzen sind dieser völkischen Gemengelage keineswegs gerecht geworden. (Hierzu vgl. auch die Darlegungen von Rothfels »Der Vertrag von Versailles und der deutsche Osten« in »Berliner Monatshefte«, 12. Jg., 1934, Nr. 1, S. 3--24.) Ebenso können nationalstaatliche


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Bestrebungen in den neu entstandenen Staaten Ostmitteleuropas nur zur Unterdrückung der zahlreichen völkischen Minderheiten führen. Als Vorbild für einen allgemeinen Ausgleich der völkischen und staatlichen Lebensnotwendigkeiten darf das estländische Kulturautonomiegesetz von 1925 angesprochen werden. -- Wie eine Erläuterung dieser Grundgedanken erscheinen die Einzelheiten, die Franz Doubek in einem Aufsatz »Zum Nationalitäten-Problem im Raume der deutsch-polnischen Nachbarschaft« (Deutsche Monatshefte in Polen, Jg. 2, 1935/36, H. 4, S. 144--157) mit Hilfe zahlreicher Karten und Tabellen zu einem anschaulichen Gesamtbild zusammenfaßt. Zwischen die beiden geschlossenen Volkskörper »lagern sich an einer Reihe von Stellen Gebiete, in denen das nationale Bekenntnis und die ethnische Zugehörigkeit bei einer Mehrheit oder Minderheit der Glieder des dieses Gebiet bewohnenden Volkstums divergieren. -- In dieser Labilität, so verschiedenartig sie im einzelnen hinsichtlich ihrer Ursachen und Auswirkungen auch sein mag, liegt mit das große Zentralproblem aller Nationalitätenfragen im Raume der deutsch-polnischen Nachbarschaft.«

In einem Vortrage »Der deutsch-slawische Grenzraum als Zone politischhistorischer Ideenbildung« (Breslau: Trewendt und Granier in Komm. 1935, 15. S.) setzt sich Ernst Birke mit den Begriffen der deutschen Ostpublizistik der letzten Jahre, insbesondere mit der Ideologie des Kreises um die heute eingegangene Zeitschrift »Der nahe Osten« auseinander. Birke kritisiert die Verschwommenheit der historischen und politischen Vorstellungen einer Reihe aus diesem Kreise hervorgegangener Veröffentlichungen (z. B. des Buches »Polen, Preußen und Deutschland« von Friedr. Schinkel, gegen das an dieser Stelle ebenfalls starke Bedenken geäußert wurden). Eine These wie »föderalistische Aufgliederung des nahen Ostens« hat bisher z. B. auf polnischer wie auf tschechischer Seite keine Gegenliebe gefunden. Dort beharrt man meist auf einem extrem nationalistischen Standpunkt, wie ihn z. B. noch 1934 der Krakauer Dozent J. Feldman in einer Schrift »Antagonizm polsko-niemieckie w dziejach« (Der deutsch-polnische Gegensatz in der Geschichte), Toruń, Nakładem Institutu Bałtyckiego 1934, 58 S., vertritt, indem er in den Deutschen nur die Unterdrücker sieht und die unbestreitbaren kulturellen Leistungen des Deutschtums auf polnischem Boden stillschweigend übergeht. Neben immer wiederkehrenden Auseinandersetzungen im politischen Verhältnis steht nun einmal der friedliche kulturelle Austausch als zweite Komponente. Auf diese geschichtliche Tatsache weist auch H. Aubin in seinem Beitrage (zu »Deutschland und Polen«) »Die historisch-geographischen Grundlagen der deutsch-polnischen Beziehungen« hin. Der deutsch-polnischen Staatsgrenze hat immer jede »geographische Verankerung« gefehlt. Doch haben gerade die Prinzipien der Raumgestaltung durch den Staat zum politischen Gegensatz der beiden Völker geführt: »Das vom Meere ausgehende, die Küstenländer umfassende und das vom Festland ausgehende, die eigene Küste mit einschließende.« -- Die Anwendung eines neuen Hilfsmittels für die historische Forschung in diesen Gebieten erläutert Alfred Lattermann in einem auf der 50-Jahrfeier der Historischen Gesellschaft für Posen gehaltenen Vortrage »Die Ortsnamen im deutsch-polnischen Grenzraum als Geschichtsquelle« < 499> an einigen praktischen Beispielen. Er knüpft dabei an die von Ernst Schwarz in den Sudetenländern mit Erfolg angewandte Methode an, bei spärlicher urkundlicher Überlieferung den Zeitpunkt


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der Besiedlung aus dem Lautstand und den Wortstämmen der alten Ortsnamenformen zu erschließen. Lattermann zeigt die Auswertungsmöglichkeiten der Lautveränderungen und des Lautersatzes im Polnischen und im Deutschen an Ortsnamen aus Posen, Nordschlesien und Ostbrandenburg, um dann ihre Anwendbarkeit für ein kleines geschlossenes deutsch-polnisches Grenzgebiet, das Fraustädter Ländchen, zu prüfen. Die sprachlichen Deutungen Lattermanns sind allerdings nicht unwidersprochen geblieben. -- Auf polnischer Seite sind 1934/35 die ersten beiden Lieferungen des von dem Posener Siedlungsgeographen St. Kozierowski bearbeiteten »Atlas nazw geograficznych Słowiańszczyzny Zachodniej« (»Atlas der geographischen Namen der westslawischen Gebiete«) erschienen. Ihre Karten umfassen Pommern mit der Insel Rügen. Das für das Gesamtwerk vom Verf. durchgearbeitete Namenmaterial erstreckt sich bis zur äußersten Siedlungsgrenze der Westslawen, etwa der Linie Hamburg-Bamberg. Auf den bisher erschienenen Blättern erscheinen die Namen grundsätzlich in polnischer Form. Diese Maßnahme muß angesichts der Tatsache, daß die westslawischen Sprachen einen vom Polnischen durchaus verschiedenen Lautstand gehabt haben, für die wissenschaftliche Objektivität des Werkes äußerst bedenklich stimmen. (Vgl. die kritischen Besprechungen durch F. Lorentz in Balt. Stud. N. F. 37, 1935, S. 299--302 und Zschr. f. slav. Philol. Bd. 12, 1935, S. 459 bis 468.)

Für Schulungszwecke gibt es heute eine große Zahl allgemeinverständlicher und handlicher kleiner Darstellungen aus allen Gebieten deutscher Geschichte. Von den in der Berichtszeit herausgekommenen haben mehrere auch den deutschen Osten und seine Grenzfragen zum Gegenstand. Ganz aus dem volksdeutschen Blickwinkel sieht Hans Schoeneich (»Tausend Jahre deutscher Kampf im Osten«. Verlag Ph. Reclam jun. 1935. -- 79 S.) die Entwicklung, deren übersichtliche Darstellung er mit scharfen Worten der Abwehr aller Angriffe auf den Besitzstand des deutschen Volkes verbindet. Aus der politischen Gegenwartslage des »Volk ohne Raum« führt Friedrich Hiller (»Deutscher Kampf um Lebensraum«. Armanenverlag Leipzig, 1933. 54 S.) zu dem elementaren Ereignis der deutschen ma.'lichen Ostkolonisation, wobei gute Karten und Bilder die Ausführungen wirksam unterstreichen. Eine Reihe von 63 ausgezeichnet ausgewählten und wiedergegebenen Bildern, zu denen Werner Emmerich einen kurzen Textteil geliefert hat (46 S.), läßt das vom Bibliographischen Institut Leipzig, 1935, herausgegebene Bändchen »Der deutsche Osten« als besonders gelungen erscheinen. Von ähnlicher Anschaulichkeit ist das Kartenwerk »Fragen der deutschen Ostgrenze« von Karl Werner (Verlag W. G. Korn Breslau, 1933. -- 32 + VIII S.). Rez. v. E. Randt in Zschr. d. Ver. f. Gesch. Schles. Bd. 69 (1935), S. 357. -- Die neuen Richtlinien des nationalsozialistischen Staates haben den historischen und politischen Fragen der deutschen Ostgrenze auch im Schulunterricht einen stärkeren Platz als bisher eingeräumt. -- Von W. Czajka u. a. herausgegeben erschien ein Handbuch für den Lehrer »Der deutsche Ostraum im Unterricht« (Heinrich Handels Verlag Breslau, 1935. -- 166 S.), das in vereinfachter Form die großen Linien der Entwicklung deutlich macht. Eine wesentlich stärkere Leistung ist die Schrift des bisherigen Dozenten an der Danziger Hochschule für Lehrerbildung H. J. Beyer »Aufbau und Entwicklung des ostdeutschen Volksraums« < 243>. Von den geographischen und völkisch-biologischen Voraussetzungen Ostmitteleuropas ausgehend, faßt Beyer


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die Fülle der Erscheinungsformen des Deutschtums im Raum zwischen Ostsee und Schwarzem Meer zu einem anschaulichen Gesamtbild zusammen, für dessen Gediegenheit die überall erkennbare fleißige Quellen- und Literaturbenutzung spricht. Doch kommt der Verf. in klugem Abwägen auch zu eigenen Urteilen. -- Ein natürlicher geschichtlicher Raum steht im Mittelpunkt einer skizzenhaften Darstellung »Das germanische Meer. Geschichte des Ostseeraums« < 246> von Erich Maschke. Der Verf. erschöpft das Thema, das heute auf immer stärkeres Interesse stößt, natürlich nicht; er bietet mehr eine knappe Aneinanderreihung von Tatsachen. Ihre Auswertung und die Deutung der großen geschichtlichen Zusammenhänge kann auf den wenigen Seiten (40!), für die der Untertitel »Geschichte des Ostseeraums« etwas bedenklich erscheint, naturgemäß nur gestreift werden.

IV. Einzeldarstellungen.

Die Ausführungen von Wilhelm Unverzagt »Zur Vorgeschichte des ostdeutschen Raumes« in »Deutschland und Polen« weisen die polnische Behauptung zurück (besonders von J. Kostrzewski -- Posen aufgestellt!), daß die sog. »Lausitzer Kultur« slawisch gewesen sei. An Hand der in Ostdeutschland gemachten Bodenfunde zeigt Unverzagt die bis 400 n. Chr. ausschließlich germanische Besiedlung des Raumes zwischen Elbe und Weichsel. Erst im 6. Jh. drangen slawische Stämme bis zur Elbe-Saale-Linie vor, an welcher ihnen die karolingische und ottonische Grenzpolitik, die zum energischen Gegenstoß ansetzte, Halt gebot. Eine Reihe von Wehr- und Fluchtburgen der slawischen Stämme zwischen Elbe und Oder sind von der deutschen Bodenforschung bereits untersucht worden (z. B. die Römerschanze bei Potsdam, an der Oder: Lossow und Reitwein, am Zusammenfluß von Warthe und Netze: Zantoch), so das Licht der spärlichen schriftlichen Quellen mit ihren Ergebnissen fruchtbar ergänzend. (Vgl. auch den Aufsatz desselben Verf. »Zur Vorgeschichte des ostdeutschen Raumes« in »Heilige Ostmark«, 1936, H. 1, S. 7 bis 13, und die Zusammenfassung der bisherigen Literatur über »Die Germanen in Ostdeutschland und Polen« durch J. Faade in »Deutsche Monatshefte in Polen«, Jg. 1, 1934/35, S. 189--195.) Zur polnischen Kritik vgl. J. Kostrzewski in Kw. Hist. Jg. 48, H. 4, S. 788--791; M. Rudnicki in »Slavia Occidentalis«, Bd. 13, S. 249--260.

H. Aubin »Die Ostgrenze des alten Deutschen Reiches. Entstehung und staatsrechtlicher Charakter« <1933/34, 276> stellt der westlichen »Binnengrenze« die östliche »Außengrenze« gegenüber, die nicht nur eine Grenze unseres Volkes, sondern »des Abendlandes, seiner Kirche, seiner Gesittung« gewesen ist. Ihr war in Ungarn, Böhmen und Polen ein Vorland vorgelagert, das durch die Ausstrahlungen des Deutschen Reiches dem Abendlande, seiner Kirche und seiner Kultur gewonnen wurde. Ein Teil dieses Vorlandes konnte durch Markenverfassung, kirchliche Organisation und die deutsche Ostkolonisation für immer in die Grenzen des Reiches einbezogen werden, während Ungarn und Polen sich aus anfänglicher Lehnsabhängigkeit wieder lösten. Das Fehlen einer aktiven Ostpolitik des Reiches im späten MA. hat letztlich den Stillstand dieser vielversprechenden Entwicklung bewirkt und so das Auseinanderklaffen von deutschem Staats- und Volksgebiet mit verursacht. Die ma.'lichen deutsch-polnischen Beziehungen behandelt auf Grund umfassender Kenntnis der neuesten deutschen und polnischen Literatur B. Stasiewski in einem Vortrage »Deutschland und Polen im Mittelalter« <1933/34, 405>. Ein Vortrag von


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H. Zatschek-Prag »Die Ostpolitik des Mittelalters« < 693> zeigt, daß das ma.'liche deutsche Kaisertum dem Osten immer einen gebührenden Platz in der Reichspolitik eingeräumt hat.

Wie A. Brackman darlegt (»Die politische Entwicklung Osteuropas vom 10. bis 15. Jahrhundert« in »Deutschland und Polen«), darf Polen als »Kulturstaat« erst im 14. Jh. in eine Linie mit dem westlichen Europa gestellt werden. Es ist dies die staatsmännische Leistung Kasimirs d. Gr., die nicht zuletzt durch die starke Begünstigung des deutschen Elements auf polnischem Boden ermöglicht wurde. Die Frühzeit des polnischen Staates unter den ersten Piasten muß neben dem damaligen Zustand des Deutschen Reiches wie dem des seiner Ostgrenze benachbarten warägischen, von Byzanz beeinflußten Großreiches von Kiew als primitiv bezeichnet werden. Mit dieser Feststellung tritt Brackmann der Überschätzung Bolesławs Chrobry durch die polnische Forschung entgegen (vgl. St. Zakrzewski: Bolesław Chrobry Wielki. Lwów 1925). Die Innen- und Außenpolitik der Jagiellonen und anderen fremden Herrscher führte Polen immer weiter von der ausgeglichenen politischen Linie des letzten Piasten hinweg und auf eine Bahn, an deren Ende die Teilungen des polnischen Staatsgebiets am Ende des 18. Jh.'s stehen. Lebhaften Widerspruch fand Brackmanns Ansicht bei seinen polnischen Rezensenten, z. B. St. Kętrzyński (Kwart. Hist., a. a. O., S. 795--802) und M. Rudnicki (Slavia Occidentalis, Bd. 14, 1935, S. 275--284). Im Anschluß an den Aufsatz von S. M. Jedlicki »La création du premier archevêché polonais à Gniezno et ses consequences au point de vue des rapports entre la Pologne et l'Empire germanique <1933/34, 1050> äußert sich Brackmann in einem Akademievortrage erneut über »Die Anfänge des polnischen Staates« <1933/34, 1051>. Er belegt nachdrücklich die Möglichkeit des normannischen Einflusses auf den jungen polnischen Staat aus den Quellen, wie er auch die nordische Herkunft des Piastengeschlechtes für mehr als nur eine Hypothese hält. Die Begründung des Bistums Posen erfolgte als deutsches Missionsbistum und diente ebenso den großen Ideen der ottonischen Reichspolitik wie im Jahre 1000 die Errichtung des erzbischöflichen Stuhls in Gnesen, in der Brackmann eine staatsmännische Maßnahme Ottos III. sieht. --Jedlicki begründet seine abweichende Meinung noch einmal in einer Erwiderung »Die Anfänge des polnischen Staates« < 746>. (Vgl. auch die kritische Stellungnahme des Posener Historikers K. Tymieniecki zu Brackmann wie zu Jedlicki in »Roczniki Historyczne«, Jg. 11, H. 2, 1935, S. 257--264.) -- In einem anderen Akademievortrage gibt A. Brackmann einen umfassenden Überblick über »Reichspolitik und Ostpolitik im frühen Mittelalter« < 692>. Z. T. auf neuen eigenen Forschungsergebnissen fußend, weist er darauf hin, »daß die Entwicklung im Osten ganz entscheidend durch die europäische Gesamtentwicklung bestimmt wird«. Die fränkisch-deutsche Slawenpolitik stellte in ihren Mittelpunkt die Entstehung von Missionsbistümern. Marksteine auf diesem Wege sind die Begründung des Bistums Würzburg durch Pippin, des Erzbistums Salzburg durch Karl d. Gr., des Erzbistums Magdeburg durch Otto d. Gr., alle auf deutschem Boden. In derselben Richtung liegen aber auch die Gründung des Missionsbistums Posen und später des Erzbistums Gnesen, die ebenfalls im Rahmen der Ostpolitik des Reiches erfolgten. Brackmann geht gerade auf diese Dinge näher ein und streift in Auseinandersetzung mit Jedlicki und der polnischen Geschichtswissenschaft auch noch einmal die Form der Abhängigkeit des


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frühen polnischen Staates vom Deutschen Reiche und das Verhältnis von Mieszko I. und Bolesław Chrobry zu Otto I., Otto III. und Heinrich II. -- Wesentlich gefördert hat die Erkenntnis der polnischen Frühzeit B. Stasiewski durch seine »Untersuchungen über drei Quellen zur ältesten Geschichte und Kirchengeschichte Polens« <1933/34, 1049>. Verf. interpretiert drei längst bekannte, für die Erkenntnis der ältesten Grenzen Polens aber äußerst wichtige Quellen noch einmal mit höchster methodischer Feinheit. (Dies wird auch auf polnischer Seite hervorgehoben. Vgl. J. Widajewicz in »Slavia Occidentalis«, Bd. 12, 1933, S. 385--389, und St. Zakrzewski in Kwart. Hist., Bd. 48, 1934, H. 3, S. 621--648.) Die Quellen sind: der Reisebericht des Arabers Ibrahim ibn Jakub, den Stasiewski im Gegensatz zu der Datierung des polnischen Forschers Widajewicz auf 965 in das Jahr 973 legt. Die Schenkungsurkunde »Dagone Judex«, bei deren topographischer Analyse der Verf. auch in die Kontroverse über die Identität der »civitas Schinesne« (Stettin oder Gnesen?) eingreift. Endlich das Privileg für das Bistum Prag vom Jahre 1086, welches Grenzangaben der Diözese Prag enthält, die angeblich aus dessen Gründungszeit (973) stammen, die Stasiewski aber in das 11. Jh. setzt. (Vgl. d. Rez. v. E. Randt in »Z. des Ver. f. Gesch. Schles.«, Bd. 69, 1935, S. 349--352.) Zu denselben Fragen sind noch zwei kleinere Aufsätze Stasiewskis zu nennen: »Die ersten Spuren des Christentums in Polen. Ein Beitrag zur Erfassung der ältesten Zustände« (Z. f. osteurop. Gesch., N. F. Bd. 4, 1934, S. 238--260) und »Die Anfänge der Regierung Bolesław Chrobrys« < 747>. Auf polnischer Seite ist in der Berichtszeit eine Abhandlung von Z. Wojciechowski »Mieszko I. i powstanie Państwa Polskiego (Mieszko I. und die Entstehung des polnischen Staates) (Verlag der Historischen Gesellschaft, Thorn 1935) erschienen. Indem der Verf. in Mieszko den Schöpfer des polnischen Staatswesens sieht, an den die Entwicklung der Folgezeit anknüpfte, sucht er die Kontinuität der polnischen Herrscherpolitik von Mieszko bis zu Kasimir d. Gr. nachzuweisen (vgl. die gegenteilige Ansicht Brackmanns!). »Die Grundsätze, die sich Mieszko im Benehmen mit seinen neuen Nachbarn bildete, hielten sich als Leitideen der polnischen Politik ... 400 Jahre lang, ähnlich wie der Umfang des Staates, den Mieszko geschaffen hatte.« Verf. zitiert ausführlich die zahlreiche deutsche und polnische Literatur und fügt seiner Darstellung eine Quellenauswahl über die Zeit Mieszkos I. bei. -- In einem »Burysław« betitelten Aufsatz (Rocznik Gdański, Bd. 7/8, 1933/34, Danzig 1935, S. 23--36) nimmt J. Widajewicz zu den neueren Deutungen des in den skandinavischen Sagas genannten slawischen Fürsten »Burysław« (Burizlafr) und den damit verknüpften Fragen der Lage der Jomsburg und des Verhältnisses Pommerns zu Polen im 10. Jh. Stellung. Im Besonderen setzt sich der Verf. mit der von der bisherigen Meinung abweichenden Auffassung von L. Koczy auseinander und kommt nach einer längeren Beweisführung zur Ablehnung von dessen Thesen. -- Die deutsche Südostkolonisation des MA.'s, die allzuoft neben der deutschen Wiederbesiedlung des Nordostens vergessen wird, findet eine ebenso knappe wie übersichtliche Zusammenfassung in dem schon genannten Aufsatz von E. Klebel »Die mittelalterliche deutsche Siedlung im deutsch-magyarischen und deutsch-slowenischen Grenzraum«. »Die südostdeutsche, vom bairischen Stamme getragene Besiedlung der Ostalpenländer stellt sich ebenbürtig neben und zeitlich beträchtlich vor die Siedlung des niedersächsischen Stammes im Nordost und der

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mitteldeutschen im Sudetenraum.« Besonders sei noch auf die ausgezeichneten Kartenskizzen des Verf. hingewiesen <1933/34, 2504>. -- Ein ungemein heikles und bei dem bisherigen Stand der Forschung heute noch kaum zu übersehendes Thema hat Clara Redlich in der Dissertation »Nationale Frage und Ostkolonisation im MA.« <1933/34, 2419> in Angriff genommen. Die fehlerhafte Quelleninterpretation der Verfasserin und die überschnelle Ableitung allgemeiner Urteile muß oft bedenklich stimmen, so daß der ausführlichen kritischen Besprechung der Arbeit durch Fr. Rörig in »Historische Zeitschrift«, Bd. 154, 1935, S. 96--104, durchaus beigepflichtet werden kann. -- Um so wertvoller ist der Vortrag »Das Erwachen des Nationalbewußtseins im deutsch-slawischen Grenzraum«, den E. Maschke auf dem Göttinger Historikertag 1932 gehalten hat und der im folgenden Jahre im Druck erschien <1933/34, 409>. Die Entwicklung der nationalen Eigenart der Polen und Tschechen führte immer stärker zum Bewußtsein der völkischen Verschiedenheit vom deutschen Nachbarn. Dieses Gefühl sprengte im späten MA. den Begriff der christlichen Gemeinschaft und führte an der Ostgrenze zu den bekannten nationalen Reaktionen gegen das Deutschtum, die eine verbindende große Idee nicht mehr abzuschwächen vermochte. (Vgl. die Rez. von E. Randt in H. Z., Bd. 149, S. 574/75; von F. Pohorecki in Kwart. Hist., Bd. 47, S. 508.) --

Die Einwirkungen der deutschen Reformation auf Polen, die sich besonders in einer starken Belebung des polnischen Geisteslebens zeigte, schildert K. Brandi in seinem Beitrage »Die deutsche Reformation und Polen« in »Deutschland und Polen« (Rez. v. J. Umiński in Kwart. Hist. a. a. O., S. 814 --816). In dem gleichen Werke handelt O. Hoetzsch über »Brandenburg- Preußen und Polen 1640--1815« (Rez. v. Wł. Konopczyński in Kwart. Hist. a. a. O., S. 862--865). Der steile machtpolitische Aufstieg des brandenburg-preußischen Staates mußte es naturgemäß zu starken Spannungen mit seinen östlichen Nachbarn kommen lassen, die am Ende der Epoche zur Einverleibung von Teilen des polnischen Staatsgebietes führten. Für Preußen entstand damit eine »polnische Frage«, die die Staatsmänner der Reformzeit -- Stein, Schrötter, Schön und auf der Gegenseite Fürst Anton Radziwiłł --, wie G. Ritter in »Die preußischen Staatsmänner der Reformzeit und die Polenfrage« (»Deutschland und Polen«) ausführt, ganz im Geiste der Versöhnbarkeit polnischer und deutscher Nationalität zu lösen versuchten. Die preußische Polenpolitik des 19. Jh.'s bis zum Weltkriege wechselte zwischen Entgegenkommen und Schärfe. Sie wurde ebenso stark von dem außenpolitischen Verhältnis zu Rußland wie der innenpolitischen Arbeit des preußischen Polentums beeinflußt. So die Darstellung von H. Oncken »Preußen und Polen im 19. Jahrhundert« in »Deutschland und Polen« (Rez. von Ritter und Oncken durch H. Wereszycki in Kwart. Hist., a. a. O., S. 865--870). An Einzelfragen behandelt R. Cromer »Die Sprachenrechte der Polen in Preußen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts« <1933/34, 1470> und »Die Polenfrage auf den Nationalversammlungen von Frankfurt am Main und Berlin« <1933/34, 1506> (Fortsetzung in »Nation und Staat«, Jg. 9, 1936, S. 679--707). J. Feldman: »Negocjacja Aleksandra Kłobukowskiego w Berlinie w 1. 1863/64« <1933/34, 1537> beschreibt den Erfolg der Verhandlungen, die Kł. nach dem Januaraufstand mit der preußischen Regierung führte. W. Kohte schildert »Volkstum und Wirtschaft des preußischen Ostens im 19. Jh.« < 1920>. Der Verf. der den Untertitel »Ein Versuch über die Entfaltung


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des Hochkapitalismus und ihren Einfluß auf die Nationalitätenverhältnisse Nordostdeutschlands und seiner Nachbargebiete« tragenden Studie beschränkt sich wesentlich auf die Schilderung der agrarischen Entwicklung und der deutschpolnischen Auseinandersetzung in Posen. -- Auch H. Rothfels hat einen auf dem Göttinger Historikertage gehaltenen Vortrag zu einer Studie »Bismarck und der Osten« <1933/34, 1539> erweitert. Rothfels faßt Bismarcks Ostpolitik in einer großen Synthese zusammen, die für die zukünftige Einzelforschung richtungweisend sein dürfte. Nach seiner Auffassung hatte Bismarck durchaus erkannt, daß der westeuropäische Nationalstaat nicht als Staatsform für den ostmitteleuropäischen Raum geeignet sei. Zur Kritik einzelner Formulierungen und Lücken vgl. die ausführliche Besprechung durch J. Pfitzner in »Historische Zeitschrift« < 1079>. Scharfe Ablehnung erfahren R.'s Darlegungen durch K. Smogorzewski »Bismarck et la Pologne« in der polonophilen französischen Zeitschrift »La Pologne« <1933/34, 1538>. Bismarcks absolut nicht »hakatistischen« Standpunkt in der Ansiedlungspolitik, der den anzukaufenden polnischen Großgrundbesitz ursprünglich nicht für Bauernansiedlung, sondern für Domänen nutzen wollte, skizziert Rothfels in »Bismarck, das Ansiedlungsgesetz und die deutschpolnische Gegenwartslage« (»Deutsche Monatshefte in Polen«, Jg. 1, 1934/35, S. 214--218. Auch in der schon genannten Aufsatzsammlung R.'s.) -- Auf polnischer Seite stellt J. Feldman »Bismarck et la question polonaise« <1933/34, 1535> Bismarcks Einstellung zur Polenfrage in eine Linie mit der Friedrichs des Großen, Flottwells und Grolmans. Wenn F. in dem großen Kanzler auch einen Vorkämpfer des »Dranges nach Osten« sieht, so doch nicht »l'initiateur du système hakatiste«. -- Die deutsche Polenpolitik während des Weltkrieges, die militärische Okkupation und die Neubegründung des polnischen Staates durch die Mittelmächte schildert in »Deutschland und Polen« F. Hartung in einem Beitrage »Deutschland und Polen während des Weltkrieges«. (Rez. von O. Halecki in Kwart. Hist. a. a. O. S. 870/872.) Eine weit weniger sachliche Darstellung erfahren diese Ereignisse durch den ehemaligen polnischen Außenminister Zaleski »La politique polonaise de l'Allemagne pendant la guerre« in »La Pologne« <1933/34, 1792>. Über »Die Beziehungen zwischen Litauen und Deutschland während der Okkupation 1915--18« handelt eine finnische Dissertation von Colliander (Helsinki 1935. Rez. v. Schieder, in Altpr. Forsch. Bd. 13, 1936, S. 180). In einer Reihe von Karten weist W. Geisler »Die Sprachen- und Nationalitätenverhältnisse an den deutschen Ostgrenzen und ihre Darstellung. Kritik und Richtigstellung« <1933/34, 406> die groben Fehler der Karte des polnischen Ingenieurs Spett nach, deren unheilvolle politische Anwendung durch die polnische Delegation in Versailles bekannt genug ist. -- In der Quellensammlung »Dokumente zur Weltpolitik der Nachkriegszeit« hat O. Hoetzsch unter dem Titel »Der europäische Osten« <1933/34, 2001> die Vertragstexte der internationalen Verträge in Osteuropa 1919--1932 zusammengefaßt und mit einer Einführung versehen. Die Sammlung dürfte für jeden Historiker und Politiker, der sich mit der staatlichen Neuordnung und dem politischen Kräftespiel des Raumes jenseits der deutschen Ostgrenze beschäftigen will, unentbehrlich sein.


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