§ 10. Münzkunde

(A. Suhle)

Im Jahre 1936 sind auf dem Gebiete der deutschen Münzkunde einige wichtige größere Werke erschienen. Zunächst zwei den ganzen Zeitraum vom Mittelalter bis zur Neuzeit umfassende Bücher, das eine ein dickes Werk von 468 Seiten, das andere ein dünner Band von 36 eng gedruckten Seiten, beide


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in ihrer Art berechnet, die größere Öffentlichkeit auf die in einer Stadt geprägten Münzen aufmerksam zu machen. Das erste ist »Erlangen im Spiegel der Münze« < 388> von H. Wintz und von E. Deuerlein, der die archivalische Forschung besorgte und die politisch-geschichtlichen Zusammenhänge der E. Münzprägung aufgewiesen hat. Eine Münze in E. ist erst durch Schaffung von Neuböhmen durch Karl IV. möglich geworden; dieser verlegte nach 1373 seine Prägestätte in Lauf nach dem kleinen Dörfchen E., das er 1361 vom Bistum Bamberg erworben hatte. Der Betrieb der Münze hörte auf, als E. 1402 durch den Verkauf von Neuböhmen an die Burggrafen von Nürnberg kam. Nach einem kurzen Aufleben der Münztätigkeit 1406/7 unter Johann III. blieb die E. Münze 150 Jahre geschlossen. Erst der Markgraf Albrecht Alkibiades prägte hier seit 1548 u. a. eine große Menge von Talern, wogegen sich die Stadt Nürnberg wandte, die ein Verbot der Prägung beim Kaiser erreichte und in dem darauffolgenden Kriege die Erlanger Münze 1553 zerstörte. In der Kipperzeit führte sie dann noch einmal unter Markgraf Christian von 1621/22 ein kurzes Leben, um dann nie wieder in Betrieb gesetzt zu werden. Diese also relativ kurzen Münzperioden in E. werden mit einer ganz erstaunlichen Ausführlichkeit und Breite geschildert. Alle Nachrichten aus Urkunden und Akten über die Prägung, über die Münzmeister, deren Stammbaum, Wappen, Familie, über das sonstige Personal der Münze usw. werden im Text und in Regesten überaus gründlich behandelt. Dabei werden alle numismatischen Ereignisse weitgehend in den geschichtlichen Zusammenhang gestellt, so daß für den Erlanger Bürger ein vorzügliches Heimatbuch entstanden ist, das aber doch für andere manchmal recht ermüdend zu lesen ist.

Die Schrift von R. Schildmacher über »Magdeburger Münzen« < 377> ist in der Reihe der Hefte zum Magdeburger Kultur- und Wirtschaftsleben erschienen und eine recht geeignete Einführung in das Münzwesen dieser Stadt, die seit Otto dem Großen eine Münzstätte hatte, die bis in die Zeit Friedrichs des Großen (--1767) fast ununterbrochen in Tätigkeit war. Das Büchlein ist recht fesselnd geschrieben und durch Beigabe von Darstellungen einer Münzwerkstatt, von Urkunden und von Flugschriften in Reproduktionen gut illustriert. Einige Fehler wären kurz zu berichtigen. Die Otto-Adelheid-Pfennige können nicht mit den »Ottelini« in Verbindung gebracht werden, die eine nur in Oberitalien (!) vorkommende Pfennigsorte sind, die nicht das Geringste mit deutschen Münzen zu tun haben. In Frohse hat keine Münzstätte bestanden, die Urkunde von 1015, in der eine solche in F. erwähnt wird, ist als eine Fälschung erwiesen (vgl. Zeitschr. f. Num. 38. Bd. [1928] S. 244). Ein Münzrecht der Stadt ist in M. noch nicht im 12. und 13. Jh. möglich. -- Der Verfasser dieses Berichts hat in den Handbüchern der Staatlichen Museen in Berlin ein zusammenfassendes Werk über die deutschen Münzen des MA.'s < 355> erscheinen lassen. In diesem ist auf Grund des augenblicklichen Standes der Wissenschaft und auf Grund eigener Forschungen eine Geschichte des deutschen Münzwesens von der Völkerwanderung bis zum Ende des 15. Jh.'s gegeben worden; unter Verzicht auf alles Nebensächliche werden die großen Linien der Entwicklung unter besonderer Berücksichtigung des Münzrechts des Königs und der verschiedenen Stände im Rahmen des historischen Geschehens übersichtlich dargestellt, wobei auch die Beziehungen zur Wirtschafts- und Kunstgeschichte aufgezeigt werden. Da das Buch mit 271 Abbildungen, die ausführlich


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beschrieben und erklärt werden, versehen ist, scheint es gerade für den Historiker und gebildeten Laien vorzüglich geeignet, sich über die deutsche Münzgeschichte im MA. zu unterrichten. -- Während in den bisher genannten Büchern größere Zeiträume behandelt werden, umfaßt der jetzt von Hävernick verfaßte 1. Band des Kölner Werkes < 383> nur einen relativ kleinen Zeitraum, den von den Anfängen der Münzprägung in Köln in der Römerzeit unter Posthumus bis zum Anfang des 14. Jh.'s, wodurch endlich die schon lange vor dem Kriege begonnene Beschreibung der Kölner Münzen nach rückwärts zum Abschluß gebracht wird. Neben den in Köln selbst entstandenen königlichen und geistlichen Münzen werden mit Recht auch die in anderen kurkölnischen Münzstätten im Rheinland und in Westfalen von den Königen und hauptsächlich den Erzbischöfen geprägten Pfennige beschrieben, wobei den einzelnen Abschnitten vorzügliche Einleitungen über die Geschichte der einzelnen Münzstätten vorangestellt sind. Um die große wirtschaftsgeschichtliche Bedeutung des Kölner Pfennigs zu zeigen, hat H. auch alle seine Nachahmungen im weitesten Sinne des Wortes gebracht; leider trennt er sie im Text nicht von den regulären Münzen, sondern beschreibt sie unmittelbar anschließend an ihr Vorbild, von jenen nur durch verschiedenen Druck unterschieden, wodurch die Benutzung des Buches m. E. etwas erschwert wird. Die rein sachliche, fast nüchterne, aber sehr zuverlässige Münzbeschreibung beschränkt sich im wesentlichen auf die genaue Wiedergabe von Bild und Schrift, wobei die modernen Grundsätze bei der Herausgabe von Urkunden offenbar Vorbild gewesen sind. Da H. seinerzeit ein Buch über den Kölner Pfennig geschrieben hat, glaubte er von der Darstellung der besonderen Kölner Münzgeschichte im MA. absehen zu dürfen, doch kann ich mich ihm hierin nicht ganz anschließen und möchte bei der Wichtigkeit der Sache hoffen, daß er das gelegentlich in irgendeiner Form nachholt.

Dadurch, daß das eben genannte Buch erst sehr spät zum Druck gelangt ist, kommt es, daß von H. noch ein zweites Werk zur Besprechung vorliegt. Von der Historischen Kommission für Hessen und Waldeck ist schon seit 1898 ein Werk über das hessische Münzwesen geplant. Jetzt ist nun ein Teilgebiet dieses Landes bis ins 14. Jh. behandelt, nämlich das der Wetterau < 379>, die eine landschaftliche Sonderstellung durch ihre vom Reiche abhängigen oder besonders stark beeinflußten Gepräge einnimmt, was sich auch durch den in den Urkunden häufig vorkommenden Münznamen der Wetterauer Pfennige ausprägt. Es handelt sich im wesentlichen um die Reichsmünzstätten Frankfurt a. M., Gelnhausen, Friedberg, die Münzstätten der Herren von Münzenberg, der Grafen von Ziegenhain, der Landgrafen in Grünberg, der Erzbischöfe von Mainz in Aschaffenburg u. a., wozu noch das Münzgebiet um Wetzlar kommt. Das Buch von H. macht einen vorzüglichen Eindruck und ist in vieler Hinsicht vorbildlich, zur Erklärung der dynastischen Prägungen ist mit Erfolg die neueste historische Literatur herangezogen. -- H. ist nun der Meinung, daß in der Wetterau überall nebeneinander Hohl- und zweiseitige Pfennigprägung möglich gewesen sei und auch bestanden habe. Dem kann ich mich nicht ganz anschließen, die neben Hohlpfennigen vorkommenden zweiseitigen Pfennige sind alle erst von 1220/30 an, nicht schon früher, mit einer einzigen Ausnahme, die bezeichnend ist, nämlich von Frankfurt, wo Barbarossa solche nach Kölner Vorbild geschlagen hat. Gerade das scheint mir zu zeigen, daß eben hier in dieser Zeit noch


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nicht Hohlpfennige entstanden sind, sondern die in Betracht kommenden nur in Gelnhausen, der von Friedrich I. von ihrer Gründung an besonders geförderten Stadt, geschlagen sein können. Erst in der ersten Hälfte des 13. Jh.'s scheinen dann unter dem Druck wirtschaftlicher Verhältnisse in diesem Übergangsgebiet von der ein- zur zweiseitigen Prägung beide Münztechniken nebeneinander bestanden zu haben. Bei der Einteilung der Wetterauer Brakteaten hätte ich eine vollständige Trennung nach königlichen, dynastischen und geistlichen Geprägen vielleicht vorgezogen. -- Zu dem schon 1927 erschienenen Buch von Kennepohl in Osnabrück über die Münzen der Grafschaft Bentheim und Tecklenburg sowie der Grafschaft Rheda ist ein Nachtrag < 381> erschienen, der vor allem eine sich nachträglich als notwendig erweisende Stammfolge der in dieser Grafschaft regierenden Grafen von 1100--1806 enthält.

Neben größeren zusammenfassenden Werken sind in der Münzkunde auch eine große Anzahl von Sonderuntersuchungen erschienen, zunächst eine wichtige Arbeit von dem Wiener Münzforscher Pink über die zeitliche Ordnung der ostkeltischen Goldprägung < 353>, mit der die bekannten Regenbogenschüsselchen gemeint sind. P. setzt den Beginn ihrer Prägung in das zweite Viertel des 2. Jh.'s, sie dauert dann etwa 100 Jahre, bis ihr durch das römische Geld ein Ende bereitet wird. Unter den Goldmünzen der Boier sind die mit einem eigenen Typus, dem Rolltiertyp, bemerkenswert, der als nationales Emblem eine breitschneidige Lochaxt trägt; dieser Typ wird aber später zu mannigfaltigen Phantasiegebilden entstellt weiter geprägt.

Der französische Numismatiker Le Gentilhomme am Cabinet des médailles in Paris veröffentlicht auf Grund alter Papiere, die jetzt beim Ordnen aufgetaucht sind, einen wichtigen Fund von 140 merowingischen und 38 westgotischen Goldmünzen, der in Bordeaux 1803 in den Ruinen des Justizpalastes, des alten Wohnsitzes der Herzöge von Aquitanien, gemacht ist < 356>. Die Westgotenkönige sind von Leovigild bis zu Wamba (672--680) vertreten, das Vorkommen ihrer Münzen zeigt die engen Handelsbeziehungen zwischen Aquitanien und Spanien; dessen Gold ging hauptsächlich nach der civitas Gabalum, nach Bannassac, mit deren Namen allein 28 Drittelsolidistücke vorhanden waren, eine Zahl, die nur von solchen mit Namen der Stadt Bordeaux übertroffen wird. Der Verf. stellt den Fund in die geschichtlichen Verhältnisse des Merowingerreiches im letzten Viertel des 7. Jh.'s hinein und beweist, daß er etwa 675--677 vergraben sein muß, in den unruhigen Zeiten nach dem Tode Chilperichs II. (675), als Ebroino das Reich zu einigen suchte. Die Arbeit ist ein schöner Beitrag zur Erforschung der späteren Merowingerzeit.

Ein ebenfalls älterer Fund, der von Handelmann schon kurz veröffentlicht ist, wird von E. Nöbbe in Flensburg noch einmal ganz ausführlich beschrieben < 357>. Es handelt sich um den Fund am ehemaligen Krinkberge (Kreis Steinburg, Holstein), einen der wenigen karolingischen Münzschätze, weshalb es sich allein schon lohnt, sich noch einmal mit ihm zu beschäftigen. Er ist zugleich wichtig für die Kenntnis des Geldumlaufs zu Beginn der Wikingerzeit im Bereich der Stadt an der Schlei und grundlegend für die Beurteilung der ältesten nordischen Münzprägung. Er enthielt in der Hauptsache Pfennige Karls des Großen aus dessen erster Prägezeit, zu einem kleineren Teile aber Nachprägungen der Dorestat-Pfennige Karls, deren Herkunft und Entstehungszeit sehr umstritten ist, die aber in einer ganzen Reihe von norddeutschen Funden


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bis ca. 1040 vorkommen. N. nimmt auf Grund des Krinkbergschatzes die Entstehung der ältesten um 800 an und als ihren Prägeort im Gegensatz zu skandinavischen Forschern die Schleistadt selbst. Die auf dem Stadtplatz Haithabu oder seiner näheren Umgebung gefundenen Münzen, von denen etwa 14 solche Nachahmungen waren, behandelt N. in der Festschrift zur 100-Jahrfeier des Mus. vorgesch. Altert. in Kiel 1936 S. 131--135.

Anschließend an eine ältere Arbeit von mir über das Vorkommen angelsächs. Münzen in ostdeutschen Funden habe ich jetzt eine Übersicht über das Auftreten nordischer Pfennige in Funden von Pommern und Pommerellen gegeben < 354>, wobei ich gegen eine Schrift des polnischen Forschers Łega über die pommersche Kultur Stellung nehme, in der ein starkes Vorkommen polnischer Münzen in pommerschen Funden nachgewiesen werden soll. Bei genauer Durchsicht der angeführten Münzen stellte es sich aber heraus, daß diese sogen. poln. Münzen fast alle Sachsenpfennige waren, eine deutsche Münzsorte, die früher fälschlich Wendenpfennige genannt wurden. -- Zur älteren Münz- und Geldgeschichte Bremens (bis 1463) lieferte Jesse einen Beitrag < 367>, in dem er neues numismatisches und urkundliches Material für seine Arbeit verwertete. So ist ein vorzüglicher Überblick über den Stand der Forschung der Bremischen Münzgeschichte im MA. unter Einschluß der um 1369 entstandenen städtischen Münzprägung entstanden, in dem zum Schluß noch das Eindringen der Groschen und Goldgulden in Br. behandelt wird. Schwinkowski, der jetzt in den Ruhestand getretene Leiter des Münzkabinetts in Dresden, hat einen Fund von jüngeren Sachsenpfennigen veröffentlicht < 371>, der hier erwähnt werden muß, weil er zwischen Meißen und Döbeln gemacht worden und damit der erste ausführlich beschriebene Münzfund aus dem 11. Jh. in dem Gebiet der alten Markgrafschaft Meißen ist. Wie häufig den Funden dieser Zeit waren auch diesem ungarische Pfennige beigemengt. -- Die Schrift von Tornau über die Münzstätte in Aschersleben < 374> ist nur mit Vorsicht zu benutzen. T. hat auf dem Gebiet des neuzeitlichen Münzwesens vor allem von Mansfeld sehr Brauchbares geleistet, seine jetzige Arbeit zur ma.'lichen Münzkunde v. A. kann aber keine vorbehaltlose Zustimmung finden. Die ersten und einzigen mit Sicherheit nach A. zu legenden Pfennige sind Nachahmungen nach Halberstädter Stephanuspfennigen um 1170; alle anderen von T. vorgenommenen Zuteilungen von Münzen nach A. sind reine Konjektur, die älteren aus der Zeit um 1100 gehören nach der Umschrift sogar nach Arneburg.

Aus den Nachträgen von Waschinski zu seinem Buche über die Deutschordensmünzen < 361> ist wichtig die Beschreibung eines bronzenen Brakteatenstempels mit einem Kreuz, der sich heute im Staatsarchiv in Königsberg befindet.

Wie ich schon <1935, S. 165> auf wichtige Beiträge von Gebhart zum bairischen und fränkischen Münzwesen des MA.'s hinweisen konnte, so auch diesmal. Er beschreibt einen großen, 1928 in Hersbruck bei Nürnberg gemachten Fund von über 7800 Pfennigen meist fränkischer Herkunft aus der Zeit von etwa 1200 bis 1270 < 390>. Für seine Behauptung, daß der Butigler an der Münzprägung in Nürnberg beteiligt gewesen ist, kann er als einen Beweis die Tatsache bringen, daß das Wappen des Butiglers Marquard von Neuenmarkt (Fisch und Löwe) auf Nürnberger Pf. vorkommt. Nach der Münzbeschreibung folgt eine Auswertung und Erklärung des Fundes nach verschiedenen Richtungen. In § 3


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wird das territoriale Münzprinzip im Regensburger Münzbereich untersucht und als nicht wirksam festgestellt. Dann kommt ein Kapitel über das Verhältnis des Nürnberger Pfennigs zum Heller, der um 1250/1260 in Nürnberg erscheint, eine Zeitlang neben dem Nürnberger Pf. einhergeht, bis dann dieser seit 1291 gänzlich in den Urkunden verschwindet. Ein sehr anregendes großes Schlußkapitel enthält einen Versuch G.'s, die Bilderwelt des 12. und 13. Jh.'s auf fränkischen Münzen weltanschaulich aus dem Geist der Hochscholastik zu erklären. »Die Bilder erfüllen sich mit einer neuen, weltlichen und sozialen Symbolik« (S. 79). Es mache sich das bürgerliche, städtische Element geltend. Am Ende seiner Betrachtungen stellt dann G. die Münzbilder des Fundes nach drei Hauptgruppen zusammen: 1. Münzbilder beidseitig rechtlich bestimmt, 2. Bilder von rechtlichem und ornamentalem Charakter und 3. gänzlich ornamental gehaltene. --

Was die Erforschung der österreichischen Münzverhältnisse betrifft, so machte ein von Dworschak bearbeiteter Fund von Hintergumitsch mit fast 600 Friesacher Pfennigen < 394>, deren »durch mehr als 2 Jahrhunderte dauernde und in mehr als 15 Münzstätten stattgefundene Prägung eine der bedeutsamsten im gesamten deutschen Kulturgebiet war«, durch eine große Anzahl neuer Typen eine Neuordnung der Kärntner Münzung Friesacher Schlages der Spätzeit möglich und gab Anlaß zu einer Untersuchung über die Münzverträge zwischen Salzburg und Kärnten. Und zwar über den wichtigen Judenburger zwischen Meinhard von Tirol und Rudolf von Salzburg von 1286, die nach diesem geschlagenen Pfennige tragen bis zu einem zweiten Vertrage von 1334, der den Bezug sämtlicher Münzstempel aus Friesach vorsieht, eine gemeinsame Adlerrückseite, wobei der Adler als der Tiroler zu deuten ist. -- Besonders wertvoll ist es, daß endlich eine gründliche, auf Akten und Münzen beruhende Arbeit über die epochemachende Münzreform Erzherzog Sigmunds von Tirol (1427 bis 1496) erschienen ist, in der K. Moeser das Archivalische und F. Dworschak das Numismatische übernommen haben < 393>. Bekanntlich hat Sigmund neben seinen zahlreichen Goldgulden nach rheinischem Vorbilde eine große, später Taler genannte Silbermünze prägen lassen, die bestimmend für die Entwicklung des ganzen neuzeitlichen Münzwesens in Deutschland und Europa wurde. Als Schöpfer der Bestrebungen, den Goldgulden in Silber auszumünzen, wird der Italiener Anthoni von Ross, oberster Amtmann in Tirol und Chef der gesamten Finanzverwaltung, nachgewiesen. Durch ihn wurden bewährte Erfahrungen auf dem Gebiet des Münzwesens in Venedig nach Hall, wohin die Tiroler Münzstätte von Meran 1476 vor allem wegen der dieser Stadt drohenden Türkengefahr verlegt worden war, sinngemäß übertragen und dadurch etwas völlig Neues geschaffen. Die Reform nahm ihren Ausgang von der Münzung des Gegenwerts des Pfundes Berner, des Pfundners, dessen Halbstück »der Sechser« aber vor allem geprägt wurde und die anderen Tiroler Münzen zunächst wegen seiner Handlichkeit überdauerte. Es folgte dann die Ausbringung eines Silberguldiners ursprünglich in Form eines italienisch beeinflußten Dickstückes, dem dann breitere Schrötlinge nach dem Vorbilde flandrischer Schaumünzen folgten, worin die Verfasser »ein Zeichen jenes bedeutsamen Umschwungs in der habsburgischen Politik nach den Niederlanden hin erkennen«. Dem Werk geht voran ein vorzügliches Kapitel von Moeser über »Tirol zu Herzog Sigmunds Zeiten«. Es folgt die Darstellung der Münzreform mit einem wichtigen Abschnitt über Personal, Betrieb und Technik.


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Einzelfragen werden in besonderen Exkursen behandelt, so die Person des Anthoni von Ross, dann die geschichtliche Stellung der Münzreform, in welchem Exkurs Dworschak die Zusammenhänge zwischen Geldstück und Medaille aufzeigt, die in den Anfängen des Talers noch außerordentlich nahe sind; die Guldner mit dem Bildnis Sigmunds sind zugleich als Münze und als Medaille aufzufassen, da der Herzog die neue Münze als ein Angebinde fürstlichen Verwandten, Personen seiner Umgebung und Freunden, die zu ehren waren, hat überreichen lassen. Ein Exkurs handelt über die ältere Literatur über die Münzreform und ein anderer über die Innsbrucker Goldschmiede- und Siegelschneidekunst zur Zeit des Herzogs; hier wird gezeigt, daß sein schönes Reitersiegel als Vorlage der einen Seite der neuen Silbermünze von 1483 benutzt worden ist. Diesen Abschnitten schließen sich die Münzbeschreibung und Urkunden und Regesten an, in diesen sind alle urkundlichen Zeugnisse über die Münzprägung unter Sigismund sorgfältig zusammengetragen.

Größere spezielle Untersuchungen über das Münzwesen der Neuzeit liegen im wesentlichen diesmal nicht vor. Von A. Noß sind zwei Arbeiten erschienen, in der einen »von den ersten Münzen des Fürstentums Pfalz-Neuburg« < 385> schildert er sehr anschaulich die Entstehung dieses Kleinstaates durch den sog. Kölner Spruch vom 30. Juli 1505. Die merkwürdigen, während der Übergangszeit und in den ersten Anfängen geschlagenen Stücke mit der Darstellung eines Löwen und zweier Knaben, von denen erst beide, dann nur noch der eine nackt erscheinen, bringt N. mit den Zeitereignissen in Verbindung. Ihre Prägung erfolgte in Sulzbach, für dessen Existenz als Münzstätte er ein neues Aktenstück beibringen konnte, und in Neuburg. In einem zweiten Aufsatz < 387> liefert er einen wertvollen Beitrag zur Kleinmünzenprägung im Bistum Würzburg von 1623--1802, über dessen Münzwesen bis heute überhaupt noch nichts Zusammenhängendes vorhanden ist. -- E. Rahnenführer hat seine Studien über sächsische Kippermünzen fortgesetzt, diesmal sind es die von Bitterfeld < 373> und von der Saigerhütte Grünthal < 372>. Die Münztätigkeit in Bitterfeld dauerte nur etwas über drei Monate des Jahres 1621 und bestand hauptsächlich in der Ausprägung von Schreckenbergen und Doppelschreckenbergen; nach den Kirchenbüchern konnte R. wie schon früher die meisten Münzbeamten feststellen. -- In dem Kupferhammer Grünthal wurde das in den Silbergruben des sächsischen Erzgebirges gewonnene Kupfer gesaigert. Er wurde als Nebenmünzstätte der Dresdener Münze hauptsächlich als Pfennigmünze eingerichtet und unterstand in gewisser Beziehung deren Münzmeister. Es war damals ein wirklicher Mangel an Pfenniggeld vorhanden, weshalb in Grünthal von 1621--1623 3,25 Millionen Kippermünzen hergestellt wurden. R. druckt aus dem Hauptstaatsarchiv in Dresden eine ganze Reihe zum Teil sehr interessanter Akten zu der G. Münzprägung ab. -- E. Waschinski bringt aus Zeitungen und Archiven neues Material zu den Münzverhältnissen von Schleswig-Holstein während der Übergangszeit von 1863--1866 bei < 366>. Er schildert die Versuche der Landesregierung, eine eigene Landmünze nach preußischem Vorbilde zu prägen. -- H. Freydank gibt eine Übersicht der Mansfelder Segenstaler < 376>, die aus dem Silber der Mansfelder Gruben geschlagen mit zu den bekanntesten der Ausbeutemünzen gehören. Sie sind zuerst von König Jerôme 1811 in Claustal geprägt worden, worauf dann nach den Befreiungskriegen die preußischen von 1826--1862 folgten; während des Weltkrieges im Jahre 1915 wurde ihre Prägung


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aus Anlaß der 100jährigen Vereinigung der Grafschaft Mansfeld mit Preußen dann noch einmal aufgenommen.

Auf dem Gebiet der Medaille hat zunächst M. Bernhart eine Arbeit über Kunst und Künstler der Nürnberger Schaumünze des 16. Jh.'s erscheinen lassen < 389>. Es ist ein recht interessanter historischer Überblick über die Nürnberger Medailleure und Künstler dieser Zeit, wobei B. teilweise eigene, von Habich in seinem Korpus abweichende Meinungen vorträgt. Bei den Nürnberger Medailleuren fängt er bei P. Vischer an und geht dann zu A. Dürer über, wobei dessen Verhältnis zur gleichzeitigen Medaillenkunst und Münzprägung ausführlich behandelt wird. Die gewöhnlich unter Dürers Namen laufenden einseitigen Medaillen will B. nicht diesem selbst zuschreiben, sondern erst in einer späteren Zeit, etwa nach 1570, entstanden wissen. Es werden die Beziehungen von L. Cranach, H. Burgkmayr und A. Altdorfer zur Medaille geschildert. Aus dem Werk des Hans Schwarz, des wohl bedeutendsten deutschen Medaillenkünstlers, wird der Versuch gemacht, eine Reihe Stücke auszuscheiden und dem uns aus gleichzeitigen Zeugnissen längst bekannten Künstler Ludwig Krug zuzuweisen, der so als Mittler zwischen H. Schwarz und M. Gebel, dem fruchtbarsten Medailleur dieser Zeit, erscheinen würde. Der Augsburger Christof Weiditz wird zum erstenmal mit der sächsischen Medaillengruppe, der viel umstrittenen »Kardinal-Albrecht-Gruppe« in Verbindung gebracht, als deren Künstler P. Grotemeyer Weiditz direkt in Anspruch nimmt. In einem zweiten Abschnitt seiner Arbeit stellt B. die Nürnberger Künstler und Kunsthandwerker auf den Medaillen des 16. Jh.'s zusammen. In einem kleinen Aufsatz < 391> deutet Grotemeyer den Monogrammisten MK als Martin Kraffter aus Augsburg; dieser hat Nachahmungen und Neuschöpfungen historizisierenden Charakters im Stil der frühen deutschen Medaille aus der Dürerzeit seit Mitte des 16. Jh.'s hervorgebracht. --Katz, der 1932 ein großes Buch über die erzgebirgische Prägemedaille des 16. Jh.'s herausgegeben hat, bringt auf Grund neuer Archivalien, die P. Bamberg aus sächsischen Archiven seit 1933 in den Berliner Münzblättern veröffentlicht hat, eine Reihe von neuen Erforschungsergebnissen als Nachträge zu seinem Werke < 369>. Hiernach war Hieronymus Dietrich, der nach 1550 starb, der fruchtbarste Stempelschneider der erzgebirg. Medaille im zweiten Viertel des 16. Jh.'s; der für die »Kardinal-Albrecht-Gruppe« von Habich zu Unrecht in Anspruch genommene H. Magdeburger († 1540) war seit 1530 Stempelschneider für die Joachimsthaler Münze, vor ihm war es der Leipziger Graveur Melchior Peuerlein, der für die verschiedensten deutschen Fürsten Münzstempel schnitt. Die Bilder der ältesten Schlicktaler vom Jahre 1520 sind von dem Kuttenberger Goldschmied Hansl verfertigt worden. -- W. Diepenbach liefert einen interessanten Beitrag zu den Mainzer Gnadenpfennigen < 380>, deren Modezeit in Mainz von 1560--1660 dauerte. Auf einem solchen Pfennig Johann Schweickhardts von Kronberg (1604--1626) ist völlig einmalig die Achtahnenprobe der adeligen Abstammung dieses Erzbischofs durchgeführt, indem je vier kleine Einzelwappen beidseitig auf dem Lorbeerkranz der Umrahmung angebracht sind. Diese Darstellung steht mit anderen Kunsterzeugnissen seiner Zeit in Zusammenhang, so mit einem domkapitularischen Wappenkalender, von dem die Überlieferung spricht, mit einem Widmungsblatt mit dem Domherrnwappen von 1617 und einem kunstvollen Domkapitelglas desselben Jahres mit sämtlichen Domkapitular- und Domicellarwappen neben den


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Kurfürsten-, Suffraganbistümer- und Erbämterwappen außer einer für die Topographie wichtigen Stadtansicht. Johann Schweickhardt legte also großen Wert darauf, die adelige Abstammung des Domkapitels und seiner Mitglieder zu betonen.

Am 4. Mai 1936 ist der Leiter des badischen Münzkabinetts, Prof. Dr. O. Roller, gestorben. Seine Schriften auf dem Gebiet der Münzkunde behandeln den deutschen Südwesten, Baden, den Bodensee und das Elsaß. Noch kurz vor seinem Tode hat er aus den Beständen des Karlsruher Münzkabinetts 45 Denkmünzen der Geschichte der Universität Heidelberg < 384> herausgegeben, Universitätsmedaillen im engeren Sinne und Medaillen auf Personen, welche mit der Universität in Beziehung standen. Der sorgfältigen, sehr ausführlichen Beschreibung der einzelnen Stücke sind vier Tafeln zur Veranschaulichung beigegeben.

Zum Schluß ist es noch notwendig, auf einen wichtigen Aufsatz zur Heiligenikonographie auf Münzen hinzuweisen, ein Gebiet, das aus kulturhistorischen Gründen verdient, mehr beachtet zu werden, als es bisher geschehen ist. Dworschak behandelt in einer Studie »S. Leopoldus in nummis« < 392>. Der Markgraf Leopold III. von Österreich (1096--1136), der die ersten Münzen in der Ostmark in Krems geprägt hat, erscheint als Heiliger, der er im Jahre 1485 wurde, auf Gold- und Silbermünzen Maximilians I. Als Grund hierfür vermutet D. die Erhebung der Gebeine Leopolds in Klosterneuburg (1506) und die besondere Vorliebe des Kaisers für die Heiligen seines Hauses und St. Leopold im besonderen, dieser kommt dann auf Tiroler Dukaten noch bis 1642 vor.


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