§ 30. Die Judenfrage in Deutschland

(V. Eichstädt)

I. Allgemeines.

Bis zum Umbruch im Jahre 1933 war die Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland, die Jost, Zunz und Graetz vor ungefähr hundert Jahren eingeleitet hatten, eine fast ausschließlich jüdische Wissenschaftsdomäne geblieben. Juden waren die Forscher und die Verfasser der Dissertationen, in jüdischen Händen befand sich wichtigstes Quellenmaterial, und rein jüdisch waren die Fragestellungen und Gesichtspunkte. Der politische Kampf um das Judentum in Deutschland spielte sich abseits der deutschen Wissenschaft ab, und nur wenige deutsche Forscher (z. B. Herbert Meyer, Das jüdische Hehlerrecht. 1902, und W. Sombart, Die Juden und das Wirtschaftsleben. 1911 u. ö.) wagten einen Schritt in das weite, unbetretene Gebiet der Judenfrage, über dessen Eingangstor ein warnendes »Tabu« geschrieben stand.

Demgegenüber brachte der Durchbruch der nationalsozialistischen Bewegung den grundsätzlichen Wandel. Sie hat die Erkenntnis von der Artfremdheit des Judentums zum Allgemeingut deutschen Denkens gemacht und den politischen Willen, den Einfluß des Judentums aus dem deutschen öffentlichen Leben zu entfernen, in die Tat umgesetzt. Die durch das erwachte Sippenbewußtsein geförderte und durch den Arierparagraphen notwendig gewordene, in ihrem Umfang noch gar nicht abzuschätzende genealogische Bestandsaufnahme liefert für die Erforschung der Judenfrage in Deutschland das wertvollste Material. Schon vorher hat H. F. K. Günther mit seiner »Rassenkunde des jüdischen


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Volkes« (1930) der anthropologischen Untersuchung des Judentums Bahn gebrochen.

Auf dem Gebiet der deutschen Geschichtswissenschaft ist im Berichtsjahr der entscheidende Schritt mit der Gründung der »Forschungsabteilung Judenfrage« im »Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands« geschehen. Aufbau und Arbeitsziele dieser Forschungsabteilung, in der die Entstehung des Judentums, Judenassimilation, Judentaufen und Mischehen untersucht, alle publizistischen und archivalischen Quellen gesammelt bzw. erschlossen und auf jährlichen Tagungen die vielseitigen Probleme des Phänomens »Judenfrage« von Vertretern der verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen erörtert werden sollen, haben K. A. von Müller und W. Frank in ihren Eröffnungsreden < 1713> dargelegt. Bereits vorher hat der geschäftsführende Leiter der Abteilung, Wilhelm Grau, in einer Programmschrift <1935, 108 S. 141> den Begriff »Judenfrage« geklärt. Er versteht unter Judenfrage in Deutschland »die Schnittfläche des deutschen und jüdischen Lebenskreises«, also nicht einfach die Geschichte der Juden oder des Judentums hier und dort, sondern die Probleme der Berührung von Juden und Wirtsvolk. Damit hat die Judenfrage ihren festen Platz im Rahmen der deutschen Geschichtswissenschaft, in der sie vorher nirgends recht unterzubringen war, erhalten.

II. Enzyklopädien und Bibliographien.

Über die Hilfsmittel zur Auffindung jüdischer Personen und Daten gibt H. Richter einen kurzen Überblick < 1715>. Die große »Encyclopaedia Judaica« ist inzwischen mit Bd. 10 (Berlin-Charlottenburg 1934) bis zum Ende des Buchstabens L gediehen. Winingers »Große jüdische National-Biographie« ist mit Bd. 7 (Gernăuți 1935) zum Abschluß gelangt. Daß sie sehr fehlerhaft ist, bemerkt jeder Benutzer, aber das Ausmaß ihrer Unzuverlässigkeit wird erst aus W. Eulers Kritik < 1716> deutlich, der eine Fülle wichtiger Berichtigungen beibringt. -- Ein nützliches Hilfsmittel stellt Shunamis Verzeichnis von 2000 Bibliographien zu allen Zweigen der Judentumsgeschichte dar < 1714>. Es bevorzugt besonders amerikanische Werke und ist mit dem deutschen Material nicht so gut vertraut (s. die Rez. von J. Pohl, Zentralbl. Bibl.-Wesen, 54, S. 136 f.; V. Eichstädt, Histor. Z. 156, S. 318--20, und, mit zahlreichen Ergänzungen, B. Weinryb, Mschr. Gesch. Wiss. Judentums, 80, S. 497--502). Augenfällig wird bei der Durchsicht dieses Werkes, daß es an Bibliographien zur »Judenfrage« noch durchaus fehlt, während Gebiete wie das Neuhebräische und andere Zweige innerjüdischer Literatur viel besser erschlossen sind. Das außerordentlich zahlreiche antisemitische Schrifttum ist bisher noch kaum seinem Umfang nach bekannt, geschweige denn verzeichnet und durchgearbeitet. -- Die wichtigsten Bücher zur Geschichte der Judenfrage von 1933 an werden jetzt laufend in der Historischen Zeitschrift zusammengestellt < 1717>.

III. Allgemeine Geschichte der Juden in Deutschland.

Der erste Band der »Germania Judaica«, der bereits im Jahre 1917 begonnen wurde, ist nunmehr fertiggestellt <1933/34, 2379; Rez. von E. Wohlhaupter, Histor. Z. 154, S. 104 bis 107>. Er bringt in alphabetisch geordneten Landschafts- und Ortsartikeln Nachrichten über die Entwicklung der Judenniederlassungen in Deutschland, Österreich, Elsaß, Böhmen und Posen, und zwar bis zum Jahre 1238. Der Anlage des Werkes entsprechend wird man es vornehmlich zu Nachschlagezwekken benutzen; die wichtigste moderne Literatur ist bei jedem Artikel angeführt.


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-- Die jüngste »Geschichte der Juden in Deutschland« hat der jüdische Historiker I. Elbogen geliefert <1935, 1725>. Kenntnisreich, flüssig geschrieben und von Anmerkungen unbelastet, unterscheidet sie sich doch in nichts von dem üblichen Schema dieser Darstellungen. Sie sieht in der jüdischen Frage nichts als eine Rechtsfrage und wertet moralisch. Sie lobt jeden, der den Juden Gutes, tadelt, wer ihnen Schlimmes zugefügt hat, stellt die politische Rolle der Juden in Deutschland als rein passiv hin, wird aber nicht müde, ihren aktiven Anteil am deutschen Kulturleben zu betonen. -- Einer solchen Anschauung gegenüber, die -- mangels einer anderen Orientierungsmöglichkeit, außer durch Graetz und Dubnow -- die Vorstellungswelt der Gebildeten noch durchaus beherrscht, versucht W. Grau < 1718> in einem knappen Aufriß die Geschichte der Judenfrage in Deutschland zu zeichnen und besonders auf die Fülle der noch zu lösenden Probleme hinzuweisen. Er schildert, wie die Juden bis zur Emanzipation unter germanischem Fremdenrecht standen und jetzt wieder stehen, wie die politischen und geistigen Bewegungen des 17. und 18. Jh.'s, Kapitalismus, Absolutismus und Aufklärung, diese stabilen Verhältnisse auflockerten und untergruben und wie die Epoche der Judenemanzipation von 1789 bis 1933 ebenso wie die Geschichtsepoche der liberalen Demokratie anhob und endete und letzten Endes ebenso Episode blieb wie diese.

IV. Mittelalter und Neuzeit bis zur Emanzipation.

Die Juden unterstanden im MA. direkt nur der weltlichen Gewalt, aber ihre Sonderstellung leitete sich wesentlich aus den religiösen Anschauungen und aus dem Kirchenrecht her. Deshalb ist eine Untersuchung des Verhältnisses der Kirche zu den Juden, wie sie Grayzel vorlegt <1933/34, 2380>, von großer Wichtigkeit. Er veröffentlicht die auf Juden Bezug nehmenden Papstbriefe, -dekrete und Konzilsdekrete von 1198 bis 1254 in lateinischer und englischer Sprache und gibt eine ausführliche Einleitung, die die Tendenzen der kirchlichen Judenpolitik aufzuzeigen sucht. Die Kirche, die im 13. Jh. zur höchsten Machtentfaltung gelangt, bringt in diesem Zeitraum die Theorie von der Ausschließung der Juden aus der christlichen Gesellschaft zum Abschluß. Das Vorbild Gregors I., der Duldung der Juden angeordnet hatte, wirkt zwar immer noch nach, vermag sich aber nicht mehr voll durchzusetzen. Die Konzile sind im ganzen judenfeindlicher als die Päpste, bei welchen schon finanzpolitische und personelle Rücksichten eine Rolle zu spielen beginnen. -- Das Problem des Antisemitismus im MA. hat W. Grau in seiner Erstlingsarbeit <1933/34, 2396> aufgegriffen. An Hand des Materials über das Ende der Regensburger Judengemeinde erörtert er die Motive, die zur Austreibung der Juden im Jahre 1519 führten, und findet darin Beweggründe sozialer, religiöser, wirtschaftsethischer und rassischer Natur. Besonders fruchtbar ist die Erkenntnis, daß die Judenfrage in engster Beziehung zu dem sozialen Problem des späten MA.'s, der »Gesellenfrage«, stand und daß jüdische und frühkapitalistische Wirtschaftsformen zwar in vielem ähnlich, aber nicht wesensverwandt waren. Die an diese Arbeit angeknüpfte Auseinandersetzung zwischen Straus <1935, 1737> und Grau < 1720> zeigt auf das deutlichste den Gegensatz der Betrachtungsweisen: bei jenem zielt die Forschung allein auf die Geschichte des Judentums, bei diesem auf die Erkenntnis der deutsch-jüdischen Fragen insgesamt ab.

Die Autorschaft Pfefferkorns an den unter seinem Namen veröffentlichten Werken untersucht M. Spanier in zwei Aufsätzen <1935, 1728; 1936, 1722>.


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Er unterscheidet echte Pfefferkornsche, bearbeitete Pfefferkornsche Schriften und Zusätze des Kölner Scholastikerkreises. -- F. Kynaß' Dissertation über den »Juden im deutschen Volkslied« <1933/34, 2383; Rez. von W. Grau, Histor. Z. 154, S. 108 f.> beschränkt sich auf die Namenverse des Kinderliedes und die einstrophigen Spottlieder, wie sie aus dem 16. bis 18. Jh. überliefert sind, und untersucht die darin vorkommenden alttestamentlichen Stoffe und Namen und die typischen Judennamen. Er kommt zu dem Ergebnis, daß es keine ausgesprochenen Haß- oder Hetzlieder gegen die Juden gab, aber auch keine, die dem Juden freundlich gegenüberstanden. Die Aufklärungsideen sind nicht in das Volkslied eingedrungen.

V. Von der Emanzipation bis heute.

Das Jahr 1933 hat dem Zeitalter des jüdischen Einbruchs in das deutsche Leben ein Ende bereitet. Mit dem Abschluß dieser Epoche entsteht für die deutsche und für die jüdische Forschung die entscheidende Aufgabe zu untersuchen, wie die Judenassimilation und -emanzipation überhaupt möglich war, welche Ursachen sie heraufgeführt, welche sie gefördert haben. J. Katz versucht in seiner Frankfurter Dissertation < 1724> die Möglichkeit der Assimilation, welche Graetz aus der Persönlichkeit Mendelssohns, Dubnow aus der geistigen Bewegung der Aufklärung hergeleitet hatte, soziologisch zu begründen. Die Erstarkung des Mittelstandes im 18. Jh. und die Bildung einer ständisch nicht gebundenen Geisteselite schufen die gesellschaftlichen Voraussetzungen für den Einzug der Aufklärungsideen. K. glaubt soziologische Ähnlichkeiten zwischen dem vorassimilatorischen Judentum und der Aufklärungsgesellschaft feststellen zu können; bei beiden sind »Geist« und »Bildung« gesellschaftsbildend. Die Assimilation wird dann vollends ermöglicht durch eine merkwürdige Ideologie, nämlich die Auffassung Mendelssohns und seiner Schüler, daß das Judentum mit den Ideen der Aufklärung in keinerlei Widerspruch stehe, weil es keine Bindung des Denkens kenne. -- Über das Verhältnis der Aufklärung zur Judenfrage in Preußen unterrichten zwei Aufsätze H. Brunschwigs (L'Aufklärung et le mouvement philosémite en Prusse à la fin du XVIII siècle. In: Ann. histor. rev. franç., T. 12, 1935, S. 385--415, und < 1723>), der sein Material besonders aus den Berliner Zeitschriften jener Zeit schöpft. Es wird deutlich, daß in der Aufklärung ebenso eine antisemitische wie eine philosemitische Tendenz angelegt war, daß z. B. die Aufklärung die jüdische und die christliche Orthodoxie gleich heftig befehdete und gegen rituelle Mißbräuche ebenso unnachsichtig war. Wenn die philosemitische Richtung an Einfluß bei weitem überwog, muß der Grund neben dem aufklärerischen Optimismus vor allem in den mannigfachen Verflechtungen persönlicher Beziehungen im Berliner gesellschaftlichen Leben gesucht werden. W. Grau ist in seinem schon im vorigen Jahrgang <1935, 2431 S. 432 f.> besprochenen Buch über »Wilhelm von Humboldt und das Problem des Juden« vom Biographischen aus diesen Dingen nachgegangen und hat damit methodisch einen neuen Weg gewiesen. Daß Dohm Humboldts Lehrer, Henriette Herz seine Jugendgeliebte, David Friedländer sein Freund war, ist nicht ohne beherrschenden Einfluß auf seine Stellung zur Judenfrage geblieben. -- Dem jüdischen Vorkämpfer für die Emanzipation in Preußen, David Friedländer, widmet die Zeitschrift für Geschichte der Juden in Deutschland zum 100. Todestag ein Gedenkheft (Jg. 6. 1935. H. 2). Es ist im ganzen eine Apologie Friedländers und der Versuch einer Revision des vernichtenden Urteils


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Graetzens über ihn, bemerkenswerterweise zu dem Zeitpunkt, da die Assimilationstendenz, deren typischster Vertreter Friedländer war, soeben völlig gescheitert ist. I. Freund <1935, 1730> und E. Fraenkel (Z. Gesch. Juden Deutschland, Jg. 6, 1935, S. 65--77) schildern sein politisches Wirken, M. Stern (ebd. S. 113--130) veröffentlicht ungedruckte Gutachten und Briefe Friedländers, und E. Littmann (ebd. S. 92--112) bringt eine recht aufschlußreiche Analyse von Friedländers anonymem »Sendschreiben an den Propst Teller« und dem publizistischen Widerhall desselben -- jenem denkwürdigen Angebot Friedländers vom Jahre 1799, sich der Taufe zu unterziehen, wenn ihm der Glaube an die christlichen Dogmen erspart bleibe. -- Das Erwachen des »deutschen Nationalbewußtseins« in der preußischen Judenheit untersucht B. Offenburg <1933/34, 2385>. Als Höhepunkte des »Nationalgefühls« empfindet er Jakob Aronssons Schrift »Über die Pflichten des Bürgers« von 1798, David Friedländers spätere Äußerungen und einige jüdische Reden und Schriften aus den Befreiungskriegen. Es braucht nicht besonders betont zu werden, daß es sich dabei immer um liberales, nationalstaatliches Denken handelt. Die Beteiligung der Juden an den Befreiungskriegen wird vom Verf. stark unterstrichen, ihre Franzosen- und Napoleonbegeisterung dagegen nicht hervorgehoben. -- Die Geschichte der Judenemanzipation in den Sudetenländern ist jetzt in zahlreichen Aufsätzen von S. Adler, F. Roubík und L. Singer im Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der tschechoslovakischen Republik (Jg. 5, 1933, S. 199--428; ferner <1933/34, 2400, 2401; 1935, 1746--1748>) aufgehellt worden. Vielfältiges Material an Akten und aus der Publizistik wird darin ausgebreitet. Es handelt sich um drei Entwicklungsphasen, die sich um das Hofpatent von 1781, das Juden-Systemalpatent von 1797 und die Versuche einer Revision desselben in der Restaurationszeit gruppieren. Auf Grund der Akten des Frankfurter Stadtarchivs schildert S. Scheuermann <1933/34, 2387> den Kampf der Frankfurter Juden um ihre Gleichberechtigung von 1815 bis zum Erlaß des Gesetzes von 1824. Das uns bisher bekannte Bild der Vorgänge wird deutlicher, aber in seinen Umrissen nicht verändert.

In einem umfangreichen Werke setzt A. Lewkowitz <1935, 1732> »das Judentum und die geistigen Strömungen des 19. Jh.'s« zueinander in Beziehung. Er unterscheidet drei große geistige Bewegungen, den ethischen Rationalismus Kants, die Romantik und den Naturalismus bzw. Positivismus und stellt dar, welche Anregungen und Kräfte das Judentum aus ihnen gezogen hat. Nach seiner Meinung haben Kants Ethik und der Pantheismus der Romantik tiefen Einfluß auf das Judentum geübt, während der Naturalismus in wesensmäßigem Gegensatz zu ihm steht. Das Werk zielt im ganzen darauf hin, zu zeigen, daß die abendländische und die jüdische geistige Entwicklung untrennbar miteinander verbunden seien. -- G. Malbeck geht in seiner Leipziger Dissertation <1935, 1733> von Stöckers Behauptung, daß die Berliner Presse verjudet sei, aus und tritt gewissermaßen für Stöcker den Wahrheitsbeweis an. Schon in der ersten Hälfte des 19. Jh.'s waren zahlreiche Juden in der Berliner Presse tätig, 1848 und 1870 drangen aber so viele in die Redaktionsstuben ein, daß zu Beginn des antisemitischen Kampfes, 1879, die offiziösen und konservativen ebenso wie die liberalen Zeitungen -- von den radikalen und sozialdemokratischen ganz zu schweigen -- unter maßgeblichem jüdischen Einfluß standen und sich nur ganze drei Berliner Blätter (Germania, Staatsbürger-Zeitung und Reichsbote) judenfrei


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hielten. M. schildert dann, besonders am Beispiel des »Berliner Tageblatts«, die Methoden, welche die Berliner Presse gegen Stöcker anwendete und die dessen vernichtendes Urteil vollends rechtfertigten. Zur Vervollständigung des Bildes weisen wir noch auf J. Klippels »Geschichte des Berliner Tageblattes von 1872 bis 1880« < 490> hin.

Eine heftige Philippika richtet K. von Westernhagen gegen Nietzsche in seiner Schrift »Nietzsche, Juden, Antijuden« (Weimar, Duncker, 78 S.). Er sucht das gewohnte Nietzschebild zu zerstören, indem er darstellt, daß Nietzsche seit seiner Trennung von Wagner bis an sein Ende ausgesprochener Judenfreund gewesen sei, ja in dem Kampf zwischen Deutschtum und Judentum bewußt in den Reihen des Judentums gestanden habe. v. W. rückt Nietzsche scharf von Richard Wagner, Chamberlain und Gobineau ab; seine Begriffe von Judentum, Rasse, Adel usw. seien niemals biologisch, sondern stets kultursoziologisch und psychologisch gefaßt. Diese Kampfschrift, die noch nicht das letzte Wort sprechen kann, wird wohl die Debatte um Nietzsche von neuem entfesseln.

Die Geschichte des Antisemitismus ist noch nicht geschrieben und bedarf noch vieler Vorarbeiten. Eine Fülle solcher Vorarbeiten findet sich bereits versteckt in den zahlreichen, an dieser Stelle nicht einzeln aufzuführenden Geschichten der völkischen Bewegung und den Gesamtgeschichten, den Territorial- und Lokalgeschichten des Nationalsozialismus, in den ja die antisemitische Strömung eingemündet ist. Wir verweisen allgemein auf den Forschungsbericht »Vom Umsturz zur nationalsozialistischen Revolution« in diesen »Jahresberichten« (laufend seit Jg. 1932) und erwähnen besonders das Stöcker- Buch von W. Frank <1935, 1145a, S. 406> und »Die Entwicklung der völkischen Bewegung« von E. Schmahl und W. Seipel <1933/34, 2075, S. 388>, worin die Geschichte des Antisemitismus in Hessen von Böckel bis zur Gegenwart, großenteils auf Grund persönlicher Erlebnisse, aufgezeigt wird.

Die abschließende Bilanz aus den letzten Jahrzehnten jüdischen Lebens und Treibens in Deutschland zieht das vom Institut zum Studium der Judenfrage herausgegebene Werk »Die Juden in Deutschland« <1935, 1724>. Es bringt, mit umfänglichem statistischen Akten-, Prozeß- und Pressematerial versehen, einen Überblick über die Bevölkerungsbewegung der Juden in Deutschland, ihren Anteil am Wirtschaftsleben, an Presse, Politik, Literatur und Kunst, sowie ihren Anteil an der Korruption, Kriminalität und Degeneration. Das allein durch die Zahlen vermittelte Gesamtbild ist erschütternd. Es zeigt, daß die Juden sich in den letzten hundert Jahren mehr und mehr in den Großstädten zusammendrängten, stetig steigenden Einfluß auf die Schlüsselstellungen des politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens nahmen, sich in stets wachsendem Maße mit deutschem Blut vermischten und an den Degenerationserscheinungen der modernen Welt führenden Anteil besaßen -- eine Entwicklung, deren Folgen unabsehbar gewesen wären, wenn nicht ein starker Wille sie radikal abgebrochen hätte.


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