§ 71. Kolonialgeschichte

(W. Schüßler)

I. Allgemeines.

Seine Vorlesungen an der Berliner Wirtschaftshochschule hat G. Wegener, Das deutsche Kolonialreich < 1154>, auf knappem Raume zusammengefaßt und legt ein Buch vor, das dem Bedürfnis nach rascher, aber sicher begründeter Belehrung hervorragend gut entgegenkommt. Die Entstehung des deutschen Kolonialreiches ist auf Grund der neuesten Literatur übersichtlich und klar behandelt; der Fachmann W. hat es verstanden, im 2. Teil über die Beschaffenheit unserer Kolonien das Wesentliche sehr einprägsam zu schildern. Vor allem auch den wirtschaftlichen Wert; alles im besten Sinne handbuchartig. Der 3. Teil, der Verlust des deutschen Kolonialreiches, behandelt in großen Zügen die glänzende Verteidigung und weist besonders auf die bewiesene Treue der Eingeborenen hin.

K. v. Gilwicki hat in seiner aus dem Polnischen übersetzten Schrift, Die Enteignung des deutschen Kolonialbesitzes < 1275>, dem Deutschen aus der Seele gesprochen. Mit Recht bezeichnet er die Tragödie der Enteignung des deutschen Kolonialbesitzes als eine seelische Vergewaltigung vieler Millionen. Geschrieben ist sein Werk unter dem Eindruck von Hans Grimms Roman »Volk ohne Raum«. Der Verf. kommt zu folgendem Ergebnis: Deutschland hat ein doppeltes Recht auf die Rückgabe der Kolonien; ein immanentes Recht als altes und doch ewig junges Kulturvolk, und weiter ein ethisches Recht, weil die Enteignung auf Grund einer offenbaren Lüge erfolgte. Er weist auf Wilsons 14 Punkte hin, deren fünfter eine unbedingt unparteiische Schlichtung aller kolonialen Ansprüche verlangte. Sehr gut schildert er in knappen Strichen die Vorgänge in Versailles und sieht in den Argumenten Lloyd Georges für den Raub der Kolonien eine Sammlung heuchlerischer Naivität. Sehr richtig bemerkt Verf. weiter, daß der Gegensatz zwischen materieller Schwäche und geistiger Hochspannung der gesamten deutschen Kolonialgeschichte ihr besonderes Gepräge verliehen habe. Wir begrüßen


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es, daß der Verf. die Tätigkeit der Deutschen in den Kolonien, die Entwicklung des Ackerbaus, die Gesundheitspflege, die Mission besonders auf die Urteile von Engländern, Amerikanern und Franzosen stützt, die bekanntlich vor dem Kriege anders dachten als in Versailles. Im letzten Teil kritisiert Verf. die Rechenschaftsberichte des Völkerbundes über die Mandatsgebiete und weist darauf hin, daß sie alle für den deutschen Anspruch reden; die Vermehrung der weißen Beamten, die Verringerung der Eingeborenenzahl, der Rückgang der sozialen Fürsorge, die Aushebung zum französischen Militärdienst. Mit Recht betont der Verf. zum Schluß, indem er die koloniale Schuldlüge widerlegt, daß es sich beim Raube der deutschen Kolonien um den schlimmsten Justizmord der Weltgeschichte handele, indem die Enteignung der Kolonien zugleich eine moralische Enteignung des deutschen Volkes sei. Und endlich können wir ihm durchaus zustimmen, daß die Bekämpfung der Gefahren, die der kolonialen Welt drohen -- durch Moskau und durch innere Zersetzung --, ohne Deutschland nicht bekämpft werden können.

II. Südwestafrika.

Außer der Arbeit von Stuhlmacher über Bismarcks Kolonialpolitik auf Grund der deutschen Aktenpublikation -- durch welche M. v. Hagens fleißiges Werk notwendig ergänzt wurde --, gab es bis zum Erscheinen meines Lüderitzbuches <1936, 1106> keine auf den Quellen beruhende Darstellung vom Eintritt Deutschlands in die Reihe der Kolonialvölker.

Aus einem bestimmten Anlaß hatte ich mich mit Lüderitz zu beschäftigen, und mußte sehen, daß nichts Authentisches vorlag. So entschloß ich mich, auf Grund des erreichbaren Quellenmaterials sein Lebensbild zu verfassen, und das erschien mir um so wichtiger, als es sich ja um den ersten Bahnbrecher handelt. An Quellen kamen -- da der schriftliche Nachlaß L.'s nach seinem Tode bis auf geringe Reste vernichtet wurde --, in erster Linie die reichen Akten des Kolonialamts (Schutztruppenarchiv) und die des Auswärtigen Amtes in Betracht. Ferner das Tagebuch Vogelsangs über seine erste Expedition und Landkäufe, dessen Original -- nicht Abschrift, wie ich irrtümlich druckte --, im Besitz der Familie L. ist; endlich Briefe von L. an meinen Großvater, seinen nächsten Verwandten. An gedruckten Quellen vor allem das deutsche Weißbuch über Angra Pequena. Auf Grund dieses Materials habe ich L.'s kolonialpolitisches Wirken während dreier Jahre behandelt. Ich konnte die Entstehung des Gedankens an Südwest zeigen, die Expedition Vogelsangs, die ersten Käufe, die ersten örtlichen Konflikte mit den Engländern, die zunächst ablehnende Haltung des Auswärtigen Amtes, die wiederholten Anfragen Bismarcks in London, seine Erbitterung über Englands Schweigen -- wobei notwendig allein die deutsche Auffassung und diejenige Bismarcks zum Ausdruck kommen mußte --, L.'s Wunsch vor allem nach handelspolitischer Abgrenzung seines Gebietes gegen die Engländer, seine großen Denkschriften vom März und April 1884, den erheblichen Anteil des Legationsrats v. Kusserow an der Gewinnung Bismarcks, den auf Lüderitz zurückgehenden Ursprung des Telegramms vom 24. April, die weiteren Besitzergreifungen in Südwest, den Widerstand Englands, die von mir auf Grund des deutschen Materials als hinterlistig bezeichnete Politik des Kolonialministers Lord Derby, den endlichen Sieg Bismarcks, der die für England so ungünstige Weltlage (Ägypten, Indien) benutzte.

Besonders eingehend stellte ich im 2. Teil des Buches die Versuche L.'s dar, nachdem sich die geringe Eignung des südwestafrikanischen Bodens für eine weiße Massensiedlung herausgestellt hatte, im Südosten Afrikas die St. Lucia-Bai


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und möglichst große Stücke des Zululandes zu gewinnen, mit dem großartigen Gedanken, dann den Buren die Hand zu reichen und, unter Hinleitung des großen deutschen Auswandererstroms, ein deutsch-burisches Südafrika von Meer zu Meer zu begründen. Die Tragik liegt darin, daß gerade im Jahre 1884, als L. seinen ungeeigneten Agenten August Einwald hinaussandte, um von den Zulus Land zu kaufen, sich die Dinge in Südafrika so grundlegend gewandelt hatten, daß L. und Deutschland mitten in den Konflikt zwischen Zulus, Buren und Engländern gestellt wurden, und daß die Briten nicht nur das Betschuanaland und die Kalahariwüste, sondern auch die St. Lucia-Bai besetzten! Bezeichnend war Bismarcks Haltung. Er machte diese Politik in Südafrika davon abhängig, daß die Buren einer deutschen Besitzergreifung zustimmten, mit der Begründung, daß es für das Deutsche Reich unmöglich sei, Engländer und Buren gemeinsam zu bekämpfen. Da die Buren den großen Augenblick versäumten, verzichtete der Kanzler in dem kolonialen Ausgleich mit England vom März/April 1885 -- der durch die sich ungünstiger gestaltende Weltlage notwendig wurde -- auf die St. Lucia-Bai gegen englische Zugeständnisse in Kamerun und Neuguinea.

Der enttäuschte L., dessen finanzielle Mittel unterdessen durch die gewaltigen Aufwendungen für immer neue Forschungsexpeditionen nach Bodenschätzen in Südwest verbraucht waren, beschloß dann im Sommer 1886 noch einmal hinauszufahren, um die heißersehnten Kupferlager selbst zu finden. Von dieser Reise ist er niemals heimgekehrt. Bedenkenlos, wie früher sein Vermögen, setzte L. sein Leben aufs Spiel, um in einem kleinen Boot an der Küste entlang die Reise von der Mündung des Oranjeflusses nach Angra Pequena abzukürzen; wahrscheinlich ist er den Stürmen erlegen. Selbstverständlich bietet gerade diese Haltung des Kaufmanns, wie auch seine früheren Unternehmungen, den Anlaß und Ansatz zur Kritik an seiner menschlichen Persönlichkeit und an seinem Unternehmen. Darüber wird das letzte Wort wohl erst später gesprochen werden können.

Zufällig hat Amalia Lawrence Hodge <1936, 1105> -- eine Schülerin A. O. Meyers -- in der gleichen Zeit gearbeitet wie ich. Leider konnte ich die Arbeit nicht mehr benutzen, was ich sehr bedauere; denn es handelt sich um einen äußerst wichtigen Beitrag zur deutschen Kolonialgeschichte, doppelt wertvoll, weil die Verf. das Material der englischen Blaubücher über Angra Pequena sorgfältig ausgeschöpft hat. Es ist also die diplomatische Geschichte der ersten deutschen kolonialen Erwerbung vom Standpunkt Großbritanniens aus gesehen. Mit diesen Quellen hängt es zusammen, daß einige Daten der deutschen Besitzergreifung ungenau sind; und die Begrenzung der Untersuchung auf Südwest erklärt es, daß der sich um die Wende 1884/85 erhebende erbitterte Streit zwischen Deutschland und England nicht ganz verständlich ist; denn er hängt mit Lüderitz' Besitzergreifung an der Zuluküste zusammen. Abgesehen von diesen Kleinigkeiten bietet die Verf. eine ausgezeichnet klare Schilderung des Geschehens, und vor allem eine scharfe Verurteilung der englischen Staatsmänner, besonders der Haltung Lord Derbys und der Kapregierung. Wir können es als eine besonders erfreuliche Verstärkung unserer Stellung in der Kolonialfrage betrachten, daß eine Engländerin das Verhalten ihrer Landsleute so heftig ablehnen muß. Aus ihrer Arbeit erfahren wir jetzt den Sachverhalt über die angeblichen Erwerbungen des Herrn Spence, mit dem Lüderitz sofort in Streit geriet. Es wird nachgewiesen, daß Lüderitz zwar Unrecht hatte, als er Herrn Spence nur das Nutzungsrecht an den Minen des Landes zugestehen wollte; aber wir erfahren


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jetzt, daß Spence für den angeblichen »Kauf« seines Landgebietes nie etwas bezahlt (!) und sich niemals um ein Protektorat Englands bemüht hat. Spaßhaft ist auch, daß die Engländer über die angeblichen Besitzrechte an den zehn Guano-Inseln an der Küste vor der gemischten Kommission deshalb nicht sprechen lassen wollten, weil sie genau wußten, daß sie diese niemals gekauft -- also, wie die Verf. sagt --, gestohlen hatten! Sehr gut ist jetzt die Haltung der britischen Regierung gegenüber den Anfragen Bismarcks erklärt: der Schlüssel ist das Memorandum der Kapregierung vom 31. Oktober 1883, in welchem die Übernahme der ganzen südwestafrikanischen Küste gefordert wurde! Man antwortete also auf Bismarcks Anfrage einfach deshalb nicht, weil man in London und in Kapstadt immer nach einer Gelegenheit aussah, das von Deutschland beanspruchte Gebiet doch noch zu annektieren. So kommt die Verf. zu der sehr heftigen Verurteilung der britischen und der Kapminister, besonders Lord Derbys. Ganz außerordentlich scharf ist die Kritik der Verf. an dem Memorandum vom 7. Oktober 1884. Wir können uns freuen, eine für Deutschland so gerechte Schilderung dieser Episode der deutsch-englischen Beziehungen zu besitzen.

W. O. Aydelotte, Bismarck and British Colonial Policy < 1155>, ist ein Werk von grundlegender Bedeutung. Der Verf. hat dazu nicht nur die deutschen, von mir für mein Lüderitzbuch ebenfalls benutzten Akten durchgearbeitet, nicht nur die englischen Blaubücher, sondern auch die Akten des Englischen Auswärtigen Amtes. Das Werk ist in 7 Kapitel gegliedert: Die Lage in England, Bismarck eröffnet die Verhandlungen, Die britische Aufnahme von Bismarcks Fragen, Münsters Mission, Graf Herbert Bismarcks Mission, Die Schlußverhandlungen und Ergebnis. Den Schluß jedes Kapitels bilden reiche Anmerkungen und Aktenauszüge. Im Anhang des Werkes finden wir Exkurse über Chamberlain und die Majuba-Krisis, ferner einen kritischen Vergleich der englischen und deutschen Buntbücher über Südwestafrika, über Herbert Bismarck und endlich über Gladstones Stellung zur deutschen Kolonialfrage.

Über die deutsche Seite und Auffassung bringt der Verf. nichts, was ich nicht auch in meinem Lüderitzbuch bringe. Dagegen hat er Entscheidendes über die englische Auffassung aus den Akten beizubringen und kommt so der Lösung des Problems sehr nahe.

Worin besteht dies Problem? Kurz gesagt darin, wie die Nichtbeantwortung der Bismarckschen Anfrage, ob England Ansprüche auf das von Lüderitz erworbene Territorium habe, und dann der Versuch der Kapkolonie, noch im Sommer 1884 auf Anregung des britischen Kolonialamtes das ganze Küstengebiet Südwestafrikas bis zur portugiesischen Grenze -- natürlich mit Ausnahme der Bucht von Angra Pequena -- zu annektieren, zu erklären ist? Ob aus Bosheit und Perfidie, wie Bismarck und seine kolonialen Mitarbeiter glaubten, oder aus anderen Gründen? Von entscheidender Bedeutung für unsere Erkenntnis ist der auch schon von Miß Hodge erbrachte Nachweis des Verf., daß der Premierminister der Kapkolonie, Scanlen, der vom Herbst 1883 bis Januar 1884 in England weilte, derjenige war, der den Kolonialminister Lord Derby gegen die deutsche Festsetzung einnahm. Ohne Scanlens Intervention, die ihren Triumph in der für Bismarcks Haltung entscheidenden englischen Depesche vom 21. November 1883 feierte, indem sie eine Art britischer Monroedoktrien über Afrika aussprach, hätte England die Bismarcksche Anfrage klar und nach den Akten einwandfrei im Sinne der deutschen Wünsche beantwortet. Da aber Lord Derby den Kapkolonisten soweit entgegengekommen


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war, sah er sich auch in der Folgezeit an deren Wünsche gebunden, verzögerte die Antwort nach Berlin und zwang Bismarck so, allein zu handeln.

Aber der Verf. macht es auch höchstwahrscheinlich, daß der Außenminister Lord Granville und Lord Derby zunächst in gutem Glauben handelten, als sie die Annektion der Südwestküste durch die Kapkolonie empfahlen. Durch eine ganze Folge von Mißverständnissen kam es, daß sowohl der englische Botschafter in Berlin, Lord Ampthill, der schon krank war, und infolgedessen der Außenminister Lord Granville und ihm folgend Lord Derby die längste Zeit nicht an den Ernst des Bismarckschen Kolonialwillens glaubten. Da Graf Münster von Bismarck absichtlich nicht in seine wahren Pläne eingeweiht wurde, waren alle entscheidenden Männer in London lange Zeit nicht imstande, Bismarcks wahre Absichten zu erkennen. Aber --konnten sie es, auch bei anderen persönlichen Bedingungen, sein? Die Antwort -- die der Verf. sich selbst in solcher Klarheit nicht gibt, und das ist das Unbefriedigende an seiner sonst so gerecht abwägenden Darstellung --, kann nur lauten: Nein! Denn Bismarcks Ansichten über Kolonialpolitik entwickelten sich ja selbst erst stufenweise. Es ist also von Bismarck aus keine absichtliche Irreführung der englischen Staatsmänner, wenn er zunächst seine kolonialen Pläne verheimlichte und später über sie stumm blieb, und wenn er so vieldeutige Ausdrücke, wie »Schutz« = Protection anwandte, unter denen er jedenfalls noch im April 1884 eine »Kolonie« unter der Leitung des Deutschen Reiches nicht verstand! Hätte der Verf. mein Buch über Lüderitz schon gekannt, hätte er die langsame und schwierige Entwicklung der Bismarckschen Pläne über »Schutz«, »Royal Charter Company« bis zur »Reichskolonie« ersehen können.

So sind die englischen Staatsmänner sicherlich längere Zeit in dem guten Glauben gewesen, daß Bismarck an seiner früheren Abneigung gegen Kolonien dauernd festhalte, und daß sie ihm gleichsam einen Gefallen erwiesen, wenn die Kapkolonie den »Schutz« der südwestafrikanischen Küste und des Lüderitzschen Territoriums übernehme. Aber nur bis zu einem gewissen Zeitpunkt läßt sich ihre Haltung verteidigen. Der Verf. hat völlig Recht, daß die Nichtbeantwortung der letzten ganz präzisen Frage Bismarks vom 31. Dezember 1883 schwer zu entschuldigen ist. Noch schwerer zu verteidigen scheint mir, daß der Außenminister die Bedeutung des Bismarckschen Telegramms vom 24. April 1884 nicht erkannte, durch das die Lüderitzsche Erwerbung unter den Schutz des Deutschen Reiches gestellt wurde. Es ist wohl kein moralischer Fehler, aber sicher ein schwerer intellektueller!

Bis hierher kann man dem Verf. in der Beurteilung der beiden Staatsmänner folgen und ihnen ihre geistige Unzulänglichkeit zugute halten. Aber als Deutscher wird man über das, was im Juni folgte, doch härtere Ausdrücke haben, als »fast unglaubliche Blindheit«. Die Lage war so: Herbert Bismarck hatte im Juni persönlich den Ministern die Augen über Deutschlands Absichten geöffnet. Daß Lord Granville an die englische Zustimmung zur Erwerbung des Lüderitz-Territoriums die Bedingung knüpfte, es dürfe keine Sträflingskolonie angelegt werden, kann als Torheit oder Ungeschicklichkeit entschuldigt werden. Daß aber Lord Derby selbst jetzt noch dem Druck der Kapregierung nachgab und sie -- unter Billigung des Foreign Office! -- von London aus ermunterte, die ganze übrige Küstenstrecke bis zur portugiesischen Grenze zu annektieren, ist zwar, wie der Verf. sagt, vielleicht formell-rechtlich vertretbar, weil diese Küste damals augenscheinlich noch


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niemandem gehörte, aber es war doch mehr als »ungracious«, die ersten deutschen Kolonialversuche sofort zu beschneiden! Daß Bismarck und Lüderitz darin eine Perfidie erblickten, ist doch eigentlich selbstverständlich.

So kann man dem Verf. durchaus zubilligen, daß eine Kette von Fehlern und Mißverständnissen auf beiden Seiten vorlag, die zu der Spannung führten. (Bismarcks Hinwendung zur Kolonialpolitik wurde weder dem englischen Botschafter in Berlin noch dem Grafen Münster in London klargelegt; Granville übergab die wichtige Anfrage Deutschlands einem Ressortminister, der seinerseits wieder von der Kapregierung bestimmt wurde.) Aber man muß von deutscher Seite aus noch deutlicher, als es der so sehr verdiente Verf. tut, betonen, daß das Deutsche Reich bei seinem ersten Schritt auf der Bahn der Kolonialpolitik auf Hinterhältigkeit und Gegnerschaft stieß, die mit dem Namen des Kolonialministers Lord Derby verbunden bleiben wird.

Das Buch von A. J. P. Taylor, Germanys first Bid for Colonies 1884--1885. A move in Bismarck's European Policy (London, Macmillan 1938, V, 103 S.), kann keinen Anspruch auf wissenschaftliche Bewertung machen; denn es ist nicht nur ohne Kenntnis der schon vorliegenden Quellen und Literatur verfaßt, sondern auch mit der offenbar böswilligen Absicht, ein den Deutschen ungünstiges Bild zu zeichnen. Es gehört also in die Reihe der politischen Pamphlete. Schon die Grundthese ist unhaltbar: Bismarck suchte, durch Unterstützung der deutschen Kolonialforderungen, mit England nur deshalb Streit, weil er mit Frankreich zu einer Entente kommen wollte! Das Kausalverhältnis ist gerade umgekehrt: weil Bismarck die deutsche Kolonialforderung aufgriff und dabei auf englischen Widerstand stieß, sah er sich zur Annäherung an Frankreich gezwungen! Der Verf. begeht ferner den schweren Fehler, das Verhältnis Bismarcks zu den Westmächten ganz einseitig zu behandeln und dabei ganz den latent antienglischen Grundzug des Dreikaiserbundes und überhaupt die Bedeutung der deutsch-russischen Freundschaft für die Weltstellung Englands zu übersehen. Da dem Verf. die Entwicklung der Bismarckschen Ansichten über Kolonien völlig unbekannt ist -- er kennt weder Onckens großes Werk über die deutsche Außenpolitik, noch mein Buch über Lüderitz --, verlegt er fälschlich den Beginn der Bismarckschen Kolonialpolitik schon in den Mai 1883 (!), in die Unterredung Bismarcks mit Waddington. Kindisch ist, wie gesagt, die Behauptung, daß Bismark, um die Franzosen zu gewinnen, ihnen zeigen mußte, daß er selbst Beschwerden gegen England habe und sich deshalb der kolonialen Frage zuwandte. Die berühmte Note Bismarcks vom 5. Mai 1884 wegen Helgoland deutet der Verf. ganz falsch, weil er die neuesten Darstellungen nicht kennt. Die fortwährenden Widersprüche des Verf. in der Datierung der deutschen Kolonialpolitik seien hier nur erwähnt. Die deutschfeindliche Tendenz des Verf. geht am besten daraus hervor, daß er die sehr berechtigten Vorwürfe Bismarcks in der Depesche an Münster vom 5. Dez. 1884 über das Treiben Englands in Betschuanaland und Kamerun für höchst vage erklärt und sich zu der Behauptung versteift, daß Lüderitz doch sehr zweifelhafte Mittel bei seinen Landkäufen angewandt habe. Doch genug; es handelt sich um ein wissenschaftlich wertloses Pamphlet, bei dessen Lektüre man sich immer wieder fragt, ob der Verf. wirklich Professor der Geschichte an einer englischen Universität ist.

III. Westafrika.

Bisher sind diejenigen Gebiete selten berücksichtigt worden, die Bismarck im Laufe der diplomatischen Verhandlungen preisgab, die aber dazu


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beitrugen, den Umfang des späteren deutschen Kolonialreiches zu erzielen. Dazu gehören die Besitzungen der Hamburger Firma G. L. Gaiser in Nigeria (Mahinland). G. Jantzen < 1157> weist nach, daß das koloniale Interesse Englands an Nigeria erst durch die deutsche Initiative in Kamerun hervorgerufen und durch Besitzergreifung im Mahinlande nicht unwesentlich gefördert wurde. Generalkonsul Nachtigal hat die Erwerbspläne der Firma Gaiser, die seit 1866 eine Faktorei in Lagos besaß, gebilligt, und es ist bezeichnend, daß wirtschaftliche Interessen im Mahinlande bis 1884 nicht vorlagen, sondern geschaffen werden mußten. Es handelt sich um ein kleines Gebiet an der Küste, bestehend aus Wald und Sumpf und bewohnt von etwa 10_000 Einwohnern. Am 29. Januar 1885 wurden die Erwerbsverhandlungen mit dem »Könige« abgeschlossen, am 11. März folgte der endgültige Vertrag Nachtigals mit jenem Häuptling. Der Wert dieses Besitzes lag in der Möglichkeit, weiter vorzustoßen. Da aber diese Erwerbung in die Zeit der Verhandlungen über den endgültigen kolonialen Ausgleich mit England fiel, verzichtete Bismarck darauf, wie auf die St. Lucia-Bai, nicht ohne daß diese Erwerbung der Hamburger Firma als Ausgleichsobjekt für Kamerun eine Rolle gespielt hätte. Am 24. Oktober 1885 trat das Mahinland unter britischen Schutz.

E. Students, mit Geleitwort des letzten Gouverneurs von Kamerun, Dr. Ebermaier, des letzten Kommandeurs der Schutztruppe, Generalmajor Zimmermann, und des letzten Dezernenten für Kamerun im Oberkommando der Schutztruppen, Oberstleutnant Strümpell, versehenes Werk < 1338> ist eine bleibende Leistung der Kriegsgeschichtsschreibung und setzt der heldenhaften Verteidigung Kameruns das noch fehlende würdige Denkmal. Mit besonderer Darstellungskunst hat der Verf. es verstanden, aus dem reichen ungedruckten Material ein Ganzes zu schaffen und mit dramatischer Lebendigkeit den Leser teilnehmen zu lassen an dem Verzweiflungskampf der 4000 Menschen gegen die Übermacht von 60_000. Auf Einzelheiten kann hier nicht eingegangen werden; das Buch ist ein hohes Lied auf den deutschen Soldaten und seine schwarzen Kameraden, die den Deutschen die Treue hielten, bis einfach der Munitionsmangel zum Übertritt auf spanisches Gebiet zwang. Erschütternd die ungeheure Leistung der Kämpfer, die Schwierigkeiten der Munitionsversorgung und der Bekleidung, die Krankheiten, Fieber und Ruhr. Und abstoßend die unglaublichen Roheiten der Engländer und Franzosen.

IV. Ostafrika.

In dem sympathischen, sehr lebendig geschriebenen Buch von Wynn < 1342>, das wie ein Roman aufgebaut und verfaßt ist, schildert ein englischer Offizier seine Kriegserlebnisse in Ostafrika. So wertvoll die Einzelheiten der Kämpfe und des afrikanischen Lebens auch für uns sind, wichtiger ist die vornehme Art, wie der Verf. vom General v. Lettow-Vorbeck (S. 72, 239--242) und seinem ritterlichen Verhalten spricht und wie er die deutsche Herrschaft in Ostafrika beurteilt. Nur einiges sei herausgegriffen. Wir können ihm durchaus zustimmen (S. 88), wenn er über die Grausamkeit und Ungerechtigkeit klagt, daß zwei große Mächte denselben Eingeborenen die Schrecken des Krieges bringen, die sie zu schützen versprochen hatten. Nur fügen wir hinzu, daß England und seine Verbündeten es waren, die den Krieg nach Afrika brachten. Ferner nehmen wir mit Genugtuung Kenntnis von seiner Beurteilung der deutschen kolonialen Leistung in Ostafrika. So hört er (S. 76) von einem Provinzialkommissar, daß die Eingeborenen die deutsche Herrschaft der britischen vorziehen; daß ein verwundeter Askari (S. 105) auf die Frage, warum er für die Deutschen kämpfe, antwortete: »Sie nähren mich, kleiden mich und behandelten mich immer gut.«



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V. Samoa.

Die dem Andenken Johann Cäsar Godeffroys gewidmeten Erinnerungen des Hamburger Kaufmanns Otto Riedel (Der Kampf um Deutsch-Samoa. Erinnerungen eines Hamburger Kaufmanns. Berlin, Deutscher Verl. 1938, 251 S., 10 Taf. u. 2 Kt.) werden ihren Platz unter den Quellenwerken zur Geschichte des deutschen Kolonialreichs behalten. In 18 Kapiteln wird das Bild des Lebens und Wirkens für und auf Samoa entrollt, wobei naturgemäß die allgemeinen Betrachtungen zur außenpolitischen Lage mit ihren kleinen Versehen zurücktreten vor der Farbigkeit und Lebendigkeit des Erlebten und Geschauten, das oft mit dem trockenen Humor des Norddeutschen erzählt wird. Wir erleben die Anfänge der Arbeit des Hauses Godeffroy in der Südsee, die Schwierigkeit der deutschen Pionierarbeit auf Samoa, die Sorgen im Geschäft, das Ende der englisch-amerikanisch-deutschen Dreiherrschaft, die großen Erfolge der deutschen Verwaltung unter den Gouverneuren Dr. Solf und Schultz. Ein bemerkenswertes Kapitel über »Richtige und falsche Kolonialarbeit« zeigt, was am Grünen Tisch geschadet und was in der Wirklichkeit, die frei von Romantik ist, geleistet wird. Das Kapitel »Das bittere Ende« erhält seinen besonderen Quellenwert durch teilweisen Abdruck des Tagebuchs von Karl Hanssen über die Vorgänge in Samoa während des Krieges -- ein Kapitel, das für die Engländer nicht gerade ehrend ist. Den Wert des Buches hat der Verf. in seinen letzten Sätzen selber angegeben. »Wenn ich aufschrieb, wie es gewesen und was nun in der Erinnerung wachgeblieben ist, so tat ich es vor allem, um jenes Deutschland in Geschichte und Menschlichkeit lebendig zu machen, dem ich verbunden gewesen bin. Ich wollte auch Zeugnis davon ablegen, daß es eine schöne und gute Lebensaufgabe ist, als Kaufmann mit am Webstuhl der Zeit zu wirken.«


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