§ 43. Memelland

(K. Forstreuter)

Die Geschichte eines vom Reiche losgelösten Memellandes hat nach zwanzigjähriger Dauer im Jahre 1939 aufgehört. In den letzten 20 Jahren ist ein umfangreiches Schrifttum entstanden, das sich nicht allein mit der in Versailles geschaffenen Entwicklung, sondern auch mit der früheren Geschichte des Memellandes befaßt. Ganz besondere Aufmerksamkeit hat man dabei den Volkstumsverhältnissen geschenkt. Es ist hier nicht der Ort, die gesamte einschlägige Literatur in einem Rückblick zu erfassen. Das Wichtigste davon ist in den »Jahresberichten« unter »Preußenland« besprochen worden und wird später wieder in dieser Abteilung besprochen werden. In dem folgenden Überblick sollen nur die wichtigsten Erscheinungen seit 1933 berücksichtigt werden. Auch aus der Zeit vor 1933 wäre einiges nachzuholen: dafür sei jedoch auf die Bibliographien verwiesen.

Die Literatur zur Geschichte des Memellandes bis zum Jahre 1929 ist am besten und erschöpfendsten zu erfassen aus E. Wermke: Bibliographie der Geschichte von Ost- und Westpreußen (Königsberg 1933) und den alljährlich in den Altpreußischen Forschungen erscheinenden Fortsetzungen desselben Verfassers. Ernst Prinzhorn: Memelgebiet und Baltische Staaten. Eine Bibliographie mit besonderer Berücksichtigung von Politik und Wirtschaft (Danzig 1937--39, bisher 3 Bände) ist für die von Wermke nur in Auswahl gebrachte politische und wirtschaftliche Literatur ergänzend heranzuziehen. Werner Butz: Das Schrifttum zur Memelfrage. Hrsg. vom Volksbund für das Deutschtum im Auslande, Gruppe Universität, und der Studentenschaft der Technischen Hochschule, Grenzlandamt (Berlin 1935) dient nicht rein wissenschaftlichen Zwecken, sondern bietet zur Unterrichtung weiterer Kreise und zu Schulungszwecken eine Auswahl des Schrifttums, auch des litauischen.

Von den zusammenfassenden Darstellungen seien genannt: Friedrich Kopp: Der Kampf um das Memelland (Berlin 1935, 36 S., 2 Karten). Nach einer knappen Geschichte des Memellandes verweilt Verf. ausführlich bei der Entwicklung seit 1918 bis zum Frühjahr 1935. Kurt Forstreuter: Memelland (Elbing 1939, 57 S., 5 Karten, 4 Abb.), widmet gerade der Entwicklung bis 1918 breiten Raum unter besonderer Berücksichtigung der Nationalitätenfrage und führt die Darstellung bis zur Wiedervereinigung des Memellandes mit dem Reiche.

Rudolf Naujok: Das Memelland in seiner Dichtung (Memel 1935, 126 S., 1 Karte) bietet nicht so sehr eine Geschichte der im Memelland und von


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einheimischen Dichtern geschriebenen Dichtung, sondern mehr noch die Stimmen auswärtiger deutscher Dichter und Literaten über Menschen und Landschaft des Memellandes, besonders aus der Zeit nach 1918, als das Memelland auch von der deutschen Dichtung neu entdeckt wurde. Das Buch von Jean Meuvret: Le territoire de Memel et la politique européenne (Paris 1936, 86 S.) verfolgt das Ziel, die breitere europäische Öffentlichkeit über die Memelfragen zu unterrichten. Es ist anzuerkennen, daß der französische Verf. sich bemüht hat, auch dem deutschen Standpunkt gerecht zu werden, wenn ihm auch einige sachliche Irrtümer unterlaufen sind und litauerfreundliche Gefühlsäußerungen nicht fehlen. (Vgl. Jomsburg, Jg. 2, S. 431 f.) -- Das grundlegende und erschöpfende Werk über die Volkstumsverhältnisse in frühgeschichtlicher Zeit ist die Arbeit von Hans und Gertrud Mortensen: Die Besiedlung des nordöstlichen Ostpreußens bis zum Beginn des 17. Jh.'s <1937, 1627; 1938, 1778>. In ständiger Auseinandersetzung mit der litauischen und polnischen Forschung wird der altpreußische Charakter der Landschaften Nadrauen, Sudauen, Schalauen neuerdings bekräftigt, die Westgrenze des litauischen Siedlungsgebietes und der Stand der Siedlung um 1400 genau bezeichnet. Der dritte Band, der die Wiederbesiedlung der preußischen Wildnis darstellen soll, steht noch aus. (Vgl. die ausführlichen Besprechungen des Werkes in Altpreuß. Forschungen, Jg. 15 [1938], S. 128 ff., Jg. 16 [1939], S. 140 f.) -- Vincas Vileišis: Die Nationalitätenverhältnisse in Klein-Litauen bis zum Weltkriege in geschichtlicher und statistischer Beleuchtung. Mit 33 Karten. Verlag des Institutes für politische und soziale Wissenschaften Nr. 3. Kaunas 1935. XVI und 271 S., 3 Karten. Text litauisch (Titel deutsch und litauisch) mit deutscher Inhaltsangabe, S. 191 bis 206. Verf. hat besonders zwei Gesichtspunkte: 1. Die Litauer seien Urbewohner in Preußen. 2. Ihr Rückgang im 19. Jh. sei auf staatliche Unterdrückungsmaßnahmen zurückzuführen. Beide Ansichten sind unhaltbar und auch schon widerlegt. Was den ersten Punkt betrifft, so sei hier nochmals auf die Arbeiten von Mortensen hingewiesen, deren Grundergebnis selbst von litauischen Forschern (Saliys, Ivinskis) und Polen (Lowmiański) anerkannt worden ist. Die vielen Nachrichten darüber, daß die Litauer seit dem Ende des 15. Jh.'s nach Preußen eingewandert sind, werden vom Verf. als Bagatellen, als Einzelfälle abgetan. Für ihn bleiben die Litauer in Preußen Urbewohner. Um die Kontinuität der litauischen Siedlung in Preußen zu beweisen, begibt Verf. sich jedoch auf sehr schlüpfrigen Boden. Ein Beispiel: Verf. beruft sich (S. 95 ff., S. 195) auf ein Inventar der Ämter Insterburg und Taplacken von 1488, in diesem steht der Satz: »Item 40 seh gehörden zu Insterborg, dovon hot her Jocoff vormyt 18 sehe vor 40, doroff entpfangen 20 marg.« Aus diesem Worte doroff (= darauf) macht der Verf. »Dörfer«, von denen man sonst nichts weiß, und er stellt die kühnsten Berechnungen an über die Einwohner dieser 40 Dörfer und ihrer Nachkommen. Er nimmt an, die Bevölkerung habe sich im 15. und 16. Jh. in demselben Maße vermehrt wie heute in Litauen! Die Nachrichten über die Wildnis in den östlichen Preußenlandschaften hält Verf. für falsch. Um den Verf. gründlich zu widerlegen, müßte man schon eine Siedlungsgeschichte des Gebietes schreiben. Nicht weniger unhaltbar sind die Ausführungen zum zweiten Punkt, die angebliche Unterdrückung der Litauer durch die deutschen Behörden. Das Material des Verf. ist dürftig, er folgt hier ziemlich genau seinem Landsmann Vydunas. Während Verf. eine große Anzahl von Schriften anführt,

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vermißt man es doch, daß er auf die deutschen Erwiderungen zu den litauischen Darstellungen eingeht. Zunächst ist man erfreut über die vielen statistischen Tabellen. Neues Material wird darin zwar nicht geboten, aber von dem schon Bekannten sind nur Kleinigkeiten übersehen (Beckedorff, Schlott, beide für die Frühzeit der Volkstumsstatistik). Leider kann Verf. es jedoch nicht unterlassen, die deutschen Zählungen als für die Litauer ungünstig hinzustellen. Hierauf wäre im einzelnen vieles zu erwidern. Sicherlich waren die Methoden der Zählung nicht immer dieselben. Eine bewußte Verfälschung der Ergebnisse zu ungunsten des Litauertums ist jedoch niemals festzustellen. Verf. ereifert sich z. B. gegen den Fall, daß die Sprache des Haushaltungsvorstandes als Umgangssprache des Haushaltes galt. Nun gab es aber, außer den litauischen Dienstboten bei deutschen, auch deutsche Dienstboten in litauischen Häusern, und außerdem wirkte es sich für die Litauer günstig aus, wenn der Vater, also die ältere Generation, die noch litauisch sprach, zugleich für die Kinder, die schon zweisprachig, wenn nicht deutsch waren, mit entschied. Verf. aber sieht überall, wo methodische Mängel der Statistik vorliegen, bewußt gelegte Fallstricke für die Litauer. Einen großen Raum nimmt die Wiedergabe der Volkszählung von 1905 ein, deren Ergebnis auch kartenmäßig dargestellt wird. An der Karte ist zu bemängeln, daß die Darstellung flächig nach Kirchspielen erfolgt ist, dünn bevölkerte, abgelegene, überwiegend litauisch sprechende Kirchspiele also begünstigt sind gegenüber kleinen, dicht bewohnten deutschen Kirchspielen und Städten. Hier hätte man, um einen falschen Eindruck zu vermeiden, die Ergebnisse durch Punkte, je nach den Bevölkerungszahlen, wiedergeben müssen. Auf eine Wiedergabe der alten, längst überholten, schon im Zeitpunkt ihres Erscheinens anfechtbaren Karten von Töppen und Boeckh hätte Verf. dagegen verzichten können. Das Werk, das noch einmal alle litauischen Thesen starrsinnig vertritt, müßte in der seit der Rückkehr des Memellandes wesentlich ruhigeren Atmosphäre eine ausführlichere Erwiderung finden.

Neben Vydunas (= Storost): Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen (Tilsit 1932, 478 S., 2 Karten, 50 Bilder), vgl. Altpreuß. Forschungen, Jg. 11 (1934), S. 124 ff., ist besonders nach Valsonokas: Klaipedos Problema (Memel 1932, 426 S.), vgl. Altpreuß. Forschungen, Jg. 12 (1935), S. 155 ff., als Vertreter litauisch-nationalistischer Auffassungen zu nennen, doch geht Vileišis auch über Valsonokas noch hinaus. Auch die temperamentvolle Broschüre von Felix Arvydas: Das Memelland, ist es wirklich deutsches Land? (Kaunas 1934, 52 S.) erkennt immerhin an, daß die Litauer erst nach 1422 in das Memelland eingewandert sind. Dagegen versucht Franz Constantin von Karp, Beiträge zur ältesten Geschichte des Memellandes und Preußisch-Litauens, eine kritische Betrachtung der neuesten deutschen Forschungs-Resultate (Memel o. J., 131 S., 1 Karte) vergeblich die Ergebnisse von Frau Mortensen zu erschüttern.

Um nicht den falschen Eindruck zu erwecken, als sei die litauische Forschung zur Geschichte des Memellandes und seiner Bevölkerungsfragen durchweg tendenziös, müssen noch zwei Arbeiten genannt werden, die zwar das Memelland nur am Rande berühren, aber dabei eine ernste Auseinandersetzung mit den Ergebnissen der deutschen Wissenschaft bringen: Anton Salys: Die žemaitischen Mundarten. Teil 1: Gesch. des žemaitischen Sprachgebiets. (Diss. Leipzig 1930. Gedruckt in Tauta ir Žodis, Kaunas 1930, S. 173--314.)


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Ferner Zenonas Ivinskis: Gesch. des Bauernstandes in Litauen. Von den ältesten Zeiten bis zum Anfang des 16. Jh.'s (Berlin 1933, 264 S., Eberings historische Studien Nr. 236). Beide Arbeiten erkennen die spätere Einwanderung des Litauertums nach Ostpreußen an.

Eine Sonderstellung zwischen Politik und Geschichtsschreibung hat das gedankenreiche Buch des ehemaligen litauischen Ministerpräsidenten Augustin Voldemaras: La Lithuanie et ses problèmes. Tome 1: Lithuanie et Allemagne (Lille und Paris 1933, 340 S.). Es verdiente eingehend gewürdigt zu werden. Die Fragen des Memellandes in Vergangenheit und Gegenwart nehmen darin einen breiten Raum ein.

Die verfassungsrechtliche Literatur über das Memelstatut und die Rechtsverhältnisse im Memelgebiet ist gerade in den letzten Jahren sehr angeschwollen. Nach der älteren Arbeit von Ernst Friesecke: Das Memelgebiet. Eine völkerrechtsgeschichtliche und politische Studie (Tübinger Abh. z. Öffentlichen Recht, Stuttgart 1928), sind die folgenden Schriften fast zur selben Zeit erschienen, Paul Borchert: Über die Kompetenzabgrenzung zwischen dem Memelgebiet und Litauen auf dem Gebiete des Strafrechts in Gesetzgebung und Gerichtsbarkeit (Leipzig 1933, Abhandl. d. Inst. f. Politik, ausländ. öff. Recht u. Völkerrecht an d. Univ. Leipzig, 32); Joachim Hallier: Die Rechtslage des Memelgebiets. Eine völker- und staatsrechtl. Untersuchung d. Memelkonvention (Leipzig 1933, Frankfurter Abhandlungen zum modernen Völkerrecht, 39); Georg Leisewitz: Die völkerrechtliche Stellung des Memelgebiets (Diss. Würzburg 1933). Leopold Löb: Die staatsrechtliche Stellung des Memelgebiets (Diss. Gießen 1933); Reinhold Meyer: Die Staatensukzession und ihre Wirkungen bei Abtretung des Memelgebiets (Diss. Königsberg in Pr., 1934). Karl Spohn: Die Memelkonvention vom 8. Mai 1924. Ihre Entstehung und ihr Inhalt (Diss. Würzburg 1934). Dagegen von litauischer Seite: Jakob Robinson: Kommentar der Konvention über das Memelgebiet (Kaunas 1934). Hierzu wäre als ältere Arbeit von deutscher Seite dann noch nachzutragen: Albrecht Rogge: Die Verfassung des Memelgebiets, ein Kommentar zur Memelkonvention (Berlin 1928).

Auf die juristischen Arbeiten kann in diesem Überblick nur hingewiesen werden. Nur auf eine sei etwas ausführlicher eingegangen, weil sie eine Zusammenfassung der bisherigen Ergebnisse enthält. Sie steht etwas über den Standpunkten, nicht allein, weil sie zeitlich den genannten Arbeiten folgt, sondern zugleich durch die Person des Verfassers, der als Ausländer von einer anderen Warte aus die Kämpfe im Memelgebiet betrachtet. Thorsten Waino Kalijarvi: Die Entstehung und rechtliche Natur des Memelstatuts und seine praktische Auswirkung bis auf den heutigen Tag (Berlin 1937, Eberings Historische Studien 300. Aus dem Englischen übersetzt von Margarete Gärtner. Die englische Ausgabe ist unter dem Titel: The Memel Statute, its origin, legal nature and observation to the present day [London 1937, 256 S.], erschienen), geht auf die geschichtlichen Grundlagen des Memelgebietes nur sehr kurz ein. Die Beurteilung der Volkstumsfragen (S. 9 ff.) ist nicht durchweg zutreffend, und über den Ursprung der Ortsnamen (S. 12 f.) läßt Verf. sich absichtlich nicht aus. Aber die Kultur des Memellandes wird (S. 12) als einwandfrei deutsch bezeichnet, und dementsprechend wird (S. 13) die Kulturgrenze zwischen dem Memellande und Litauen scharf hervorgehoben. An kleinen Versehen sei bemerkt,


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daß von einer Empörung Memels im Jahre 1457 (soll heißen: 1454) nichts bekannt ist, daß aber die Stadt Memel sich kurze Zeit im Besitz der Ordensgegner befunden hat. Bedauerlich ist, daß über die von Mortensen, Karge u. a. so einwandfrei erwiesene Einwanderung der Litauer seit dem 15. Jh. nichts gesagt wird, die Tatsache also, daß die litauische Bevölkerung des Memelgebietes keine Urbevölkerung darstellt, sondern aus einer Zuwanderung herrührt, vom Verf. nicht herausgestellt wird. Die geschichtlichen Grundlagen der Streitfragen um das Memelland werden also nur kurz berührt, und Verf. enthält sich öfter, als es nötig wäre, der Entscheidung über das geschichtliche Recht. Sein eigentliches Thema ist jedoch ein anderes, er wollte eine Geschichte des Memelstatuts schreiben. Seine Darstellung setzt deshalb ausführlich 1918 ein, er schildert die litauischen Nationalbestrebungen und die Verhandlungen der Großmächte in Versailles. Ganz klar wird (S. 53 ff.) der Handstreich des Januar 1923 bloßgestellt als eine Machenschaft großlitauischer Kreise, mit denen die große Masse der memelländischen Bevölkerung nichts gemein haben wollte. Es folgten die Verhandlungen der Großmächte mit Litauen, die zum Statut von 1924 führten. Der Geschicklichkeit der litauischen Unterhändler, die in das Statut ihnen günstige Unklarheiten hineinzubringen verstanden, wird Verf. durchaus gerecht. Dem Statut fehlte somit von Anfang an die nötige Klarheit. Eine ganze Reihe von Artikeln ist später heftig umstritten gewesen, jedoch nur teilweise wegen der Mängel des Statuts, meist, weil Litauen sich offen über das Statut hinwegsetzte. Man gewinnt auch aus dieser neutralen Darstellung den Eindruck, daß es unmöglich war, die Rechte der memelländischen Bevölkerung innerhalb des litauischen Staatsverbandes zu sichern. »Wenn man die Fortdauer der gegenwärtigen Situation gestattet, bedeutet das die Herbeiführung von Krieg im Nordosten Europas.« So schließt der Verf., der eine Revision durch den Völkerbund vorschlägt. Sie ist durch die Ereignisse überholt worden.

Gleichzeitig mit Kalijarvi ist eine andere Arbeit erschienen, die sich in französischer Sprache an die Weltöffentlichkeit wendet. Während man bei Kalijarvi die Ruhe des Unbeteiligten anerkennen muß, nimmt der Litauer Stasys Daukša mehr die Haltung eines Rechtsanwaltes als eines Richters ein (Stasys Daukša: Le Régime d'autonomie du territoire de Klaipeda. Organisation judiciaire. Paris 1937, VIII, 328 S.). Folgende Äußerungen aus der geschichtlichen Einleitung seien hervorgehoben: S. 3: Versailles sei eine Wiedergutmachung geschichtlichen Unrechts (während das Memelgebiet in geschichtlicher Zeit nie zu Litauen gehört hat). S. 7: Die litauische Bevölkerung konnte sich bei den deutschen Volkszählungen nicht frei äußern. S. 52: Im Jahre 1923 ist Memelland durch einen Aufstand der Memelländer (nicht, wie erwiesen: durch einen Putsch aus Litauen eingedrungener Banden) an Litauen gekommen. Was das Memelstatut betrifft, so ist, nach Ansicht des Verf., Litauen der eigentliche geistige Vater des Statuts. Des Statuts, wie Verf. es auffaßt, das eine innere Angelegenheit Litauens gewesen sein soll, das niemals mit den Interessen Litauens im Widerspruch stehen darf, während das Statut, gegen dessen Annahme Litauen sich anfangs so heftig sträubte, in Wirklichkeit die Interessen Litauens im Memelgebiet einschränkte. Um den Begriff der Autonomie zu klären, zieht Verf. andere autonome Gebiete zum Vergleich heran. Der Begriff wird dadurch aber eher noch verwirrt, denn Autonomie ist sehr verschieden gehandhabt worden, man denke


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an Ostgalizien, wo die Autonomie nur auf dem Papier stand, während im Memelgebiet ihre Durchführung versucht wurde. Die Darstellung der Justizverfassung bildet den Hauptteil (S. 149--274). Verf. bemüht sich darin, die großen Unterschiede zwischen Litauen und dem Memelgebiet nach Möglichkeit zu verwischen und zu überbrücken, indem er die Interessen des Zentralstaats den memelländischen Interessen, die durch das Statut geschützt werden sollen, überordnet (Staatsschutzgesetz usw.). Zwischen Litauen und dem Statut herrschte also völlige Harmonie. Wenn es zu Konflikten gekommen ist, so waren fremde Einflüsse wirksam. Das wird am Schluß angedeutet, während man bei Kalijarvi nachlesen kann, daß das Statut nicht funktioniert hat, und zwar durch Litauen nicht funktioniert hat. Rückschauend darf man jetzt, nachdem die rechtliche Natur des Memelstatuts von allen Seiten, vom deutschen, neutralen und litauischen Standpunkt her, beleuchtet worden ist, dazu bemerken, daß dieses Statut in der Tat große Mängel hatte, daß es verschiedene Deutungen zuließ, mehr, als es einem Staatsgrundgesetz von Nutzen sein kann. So hat die Arbeit von Daukša doch einen großen Wert, wenn man sie im Rahmen der Gesamtdebatte über das Memelstatut betrachtet. Ein Statut, dem man, mit mehr oder weniger Recht, so verschiedene Standpunkte unterlegen konnte, war in der Tat auf die Dauer untragbar.

Zwei Schriften von Werner Horn beschäftigen sich mit der statistischen Erfassung des Volkswillens im Memelgebiet, wie er besonders bei den Landtagswahlen, aber auch bei anderen Befragungen zum Ausdruck gekommen ist. Von den freiwilligen Unterschriften gegen die Abtretung des Memelgebietes im Jahre 1919 (85--90 Prozent für Deutschland) und der Befragung der Eltern über die Unterrichtssprache (97,9 Prozent für den Gebrauch der deutschen Sprache beim Lese- und Schreibunterricht) führt ein gerader Weg zu den Ergebnissen der Landtagswahlen, die unter litauischer Herrschaft seit 1925 stattgefunden haben. Auch die mit allen Mitteln geförderte Einwanderung von Litauern in das Memelgebiet konnte es nicht bewirken, daß die litauischen Stimmen mehr als 20 Prozent erreichten. Im Gegenteil wurden die wenigen Splitter der memelländischen Bevölkerung, die anfangs zu den Litauern abgefallen waren, durch die Masseneinwanderung von Großlitauern in das deutsche Lager getrieben. Das besondere Merkmal der letzten Landtagswahl von 1938 ist es, daß die vier litauischen Abgeordneten nur noch durch Neueinwanderer gewählt worden sind. Die Ausführungen werden durch eine Anzahl von statistischen Tabellen und Karten veranschaulicht. (Werner Horn: Der Volkswille im Memelgebiet. Zur Frage von Sprache und Gesinnung in völkisch umstrittenen Gebieten. Mit 7 Karten auf 7 Tafeln. Petermanns Geogr. Mitteilungen, 1936, H. 4, S. 97--104 und Tafel 12--18. Das Deutschtum im Memelgebiet auf Grund des Ergebnisses der Landtagswahl vom 11. Dezember 1938, mit 1 Karte, ebenda, 1939, H. 3, S. 73--75 und Tafel 10.)


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