§ 73. Italien, Spanien, Portugal.

(R. Konetzke.)

(Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf die Bibliographie S. 713.)

Fr. Noack gibt im ersten Bande seines umfangreichen Werkes ( 8) eine Darstellung der Geschichte des Deutschtums in Rom während eines halben Jahrtausends. Der Begriff des Deutschtums wird dabei auf alle germanischen Völkergruppen ausgedehnt. Der Verfasser berücksichtigt nicht allein das in Rom ansässige Deutschtum, sondern ebenso die Deutschen, die zu vorübergehendem Aufenthalt in der »ewigen Stadt« geweilt haben. Er verfolgt, wenn auch in ungleicher Weise, die Betätigung der Deutschen in Rom auf den verschiedenen Kulturgebieten, die Einflüsse und Eindrücke ihres römischen Lebens in Kunst und Wissenschaft, Handel und Gewerbe, Kirche und Politik. Die Anlage des Werkes richtet sich nach den Hauptepochen der neueren Geschichte. Am ausführlichsten ist das 19. Jhd. und die Zeit bis zum Eintritt Italiens in den Weltkrieg behandelt. Die Darstellung selbst erscheint zu sehr mit geringfügigen Einzelheiten überlastet, wogegen die Zusammenhänge des römischen Auslanddeutschtums mit dem deutschen und italienischen Staats- und Kulturleben nicht immer klar und eindringend genug herausgearbeitet werden. Es würde genügen, die Fülle des benutzten Materials in einem statistischen Teil zusammenzufassen, um quantitativ den Anteil des Deutschtums am römischen Leben festzustellen. Der geistige Wert und die kulturelle Leistung und Bedeutung des Auslanddeutschtums läßt sich dagegen nur am lebendig geschauten Einzelbild und am Beispiel hervorragender Persönlichkeiten darstellen. -- Der 2. Band enthält ein Quellen- und Literaturverzeichnis und ein Register der Namen deutscher Romfahrer mit biographischen Hinweisen, eine wertvolle Ergänzung des für weitere Forschungen grundlegenden Werkes.

Das Buch von Kuypers ( 7), das erlebte Charakterbilder aus der Geschichte Roms nach dem Wandel der Wertauffassungen der Zeiten zu geben verspricht, dieses Ziel aber schon wegen seiner unleidlich lässigen und manirierten Sprache nicht zu erreichen vermag, berücksichtigt auch das Deutschtum in Rom.

Das Ende der österreich-ungarischen Doppelmonarchie stellt der historischen Forschung die Aufgabe, die politische und kulturelle Bedeutung dieses untergegangenen Staatswesens zum Bewußtsein zu bringen. Soweit an der Begründung und Ausdehnung der österreichischen Großmacht die Angehörigen des deutschen Volkstums beteiligt gewesen sind und soweit in der Verwaltung und im Wirtschafts- und Kulturleben der erworbenen Länder sich deutsche Einflüsse durchgesetzt haben, gehört die österreichische Geschichte zur Geschichte des Deutschtums im Auslande. Sie würde die Bedeutung Österreichs


S.712

für die Stellung und Ausbreitung des deutschen Volkstums in Europa zu erfassen haben. Unter diesen Gesichtspunkten ist auf das Werk von Benedikt ( 5) zu verweisen, das die Darstellung der österreichischen Regierung in Neapel unter Kaiser Karl VI. im ersten Drittel des 18. Jhds. und die Erkenntnis der österreichisch-italienischen Kulturgemeinschaft sich zur Aufgabe gestellt hat. Der Verf., der vor allem die Korrespondenz der Vizekönige von Neapel benutzt hat, bringt eine Fülle von Material und Notizen, verliert sich aber zu sehr im einzelnen, ohne einen klaren, die Ergebnisse zusammenfassenden und wertenden Überblick über die österreichische Verwaltung und über die Tätigkeit und den Einfluß der Deutschen zu vermitteln. Als ein Beispiel deutscher Wirksamkeit sei der Hofkriegsrat Fleischmann genannt, der nach Neapel geschickt worden war, um dort eine Handelskompagnie ins Leben zu rufen, und der durch umfassende Reformen Volkswirtschaft und Staatsfinanzen zu heben versuchte.

Die Kulturbedeutung des Auslanddeutschtums liegt nicht zuletzt in der Erziehungs- und Unterrichtsarbeit, die von Deutschen in fremden Staaten geleistet worden ist. Sie ist wie alle Kulturleistung und insbesondere jede pädagogische Wirksamkeit nicht statistisch erfaßbar. Ihr Wert läßt sich nicht allein nach der Zahl der Schulen und Schüler und dem Umfange des übermittelten deutschen Sprach- und Bildungsgutes beurteilen, sondern die Intensität, in der die deutschen Auslandschulen für die Erhaltung des deutschen Volkstums und für die Verbreitung der deutschen Kultur im fremden Volkstum wirken, ist in hohem Maße durch die Persönlichkeit des Erziehers bedingt. Es ist deshalb zu begrüßen, daß Fr. Schmidt und O. Boelitz ( 4) für eine Darstellung der deutschen Bildungsarbeit im Auslande vor dem Weltkriege die Form der Selbstzeugnisse gewählt haben, in denen deutsche Auslandslehrer ihre persönlichen Eindrücke und Erfahrungen niederlegen. Für eine Fortführung der Darstellung bis in die Gegenwart würde der wissenschaftliche Wert der Berichte noch erhöht werden, wenn die Beobachtungen von vornherein unter bestimmten einheitlichen Gesichtspunkten erfolgten. Als allgemeine geschichtliche Übersicht über die äußere und innere Entwicklung der deutschen Auslandschulen sei auf den Aufsatz von Fr. Schmidt »Grundlinien der geschichtlichen Entwicklung der deutschen Bildungsarbeit im Auslande« (I. S. 16--35) verwiesen.

Die Biographie Pablo Olavides (1725--1803), die der spanische Historiker Cayetano Alcázar Molina auf Grund archivalischer Studien in Spanien und Wien verfaßt hat ( 10), berührt ein trübes Kapitel aus der Geschichte des Deutschtums im Auslande. Olavide, ein begeisterter Anhänger der französischen Aufklärung, ist in der Geschichte vor allem als Leiter der deutschen Kolonisation in der Sierra Morena bekannt geworden. Dieser Zug deutscher Auswanderer nach Spanien, den der Abenteurer Caspar Thürriegel sammelte, kennzeichnet so recht die politische Lage und die soziale und wirtschaftliche Krisis in Deutschland während der 2. Hälfte des 18. Jhds. In der bereitwilligen Aufnahme der deutschen Kolonisten zur stärkeren Bevölkerung Spaniens zeigt sich der tätige Reformgeist, der damals die spanische Regierung, insbesondere Aranda und Campomanes, belebte und der nach dem Beispiele anderer Staaten und unter dem Einfluß physiokratischer Wirtschaftslehren Mustersiedlungen mit Hilfe fremder Bevölkerungen schaffen wollte. Unter der tatkräftigen, aber


S.713

doch etwas leichtfertigen Leitung Olavides ist die Kolonisation trotz aller Schwierigkeiten, Fehlschläge und Anfeindungen schließlich gelungen. Aber ihm selbst ist sein eigenes Werk zum Verhängnis geworden. Ein Inquisitionsprozeß auf Grund der Beschuldigungen eines deutschen Kapuzinermönches, der mit den Kolonisten ins Land gekommen war, brachte Olavide in Kerkerhaft, aus der er sich durch die Flucht nach Frankreich rettete. Seine Arbeit als Kolonisator lebt aber bis zur Gegenwart fort, wie ein Überblick des Verf. über die weitere Entwicklung der bald im fremden Volkstum aufgegangenen deutschen Siedlungen zeigt.

E. Goldbeck ( 12) zeichnet in feinen Strichen das Lebensbild der großen Romanistin Karoline Michaelis de Vasconcellos und läßt uns den starken Eindruck nachempfinden, den ihre Persönlichkeit ausübte. Was ihr Wesen und Wirken in Portugal, besonders ihre Forscher- und Lehrtätigkeit an der Universität Coimbra, für das Deutschtum bedeutet hat, lassen ihre eigenen Worte aus einem Briefe vom 29./30. November 1920 ermessen. »Mutig habe ich zehn Jahre lang gute Saat ausgestreut in junge Gemüter, und das Verstehen der deutschen Seele, sogar für die Los - von - Rom - Bewegung des 16. Jhds. angebahnt.«

I. Bibliographie. Allgemeines.

1 Der Auslandsdeutsche. (Stuttgart 1927.) Rubrik: Bücher- u. Zeitschriftenschau. Bibliographie der Neuerscheinungen über Auslandsdeutschtum u. Auslandskunde.

Oncken, H., Die geistige u. sittliche Kulturbedeutung d. Auslanddeutschtums. Vortr. Zeitwende, 3, 201--218. (Auch in: Baltische Mon.schr. 58, 133--156.)

Wahl, G., Aus der Gesch. d. deutschen Auslandszeitungen. In: Von Büchern u. Menschen. Festschr. F. v. Zobeltitz überreicht. Weimar: Ges. d. Bibliophilen. S. 113--127. In Dänemark seit d. 17., Rußland seit dem 18., Amerika seit dem 18. Jhd. usw.

4 Aus deutscher Bildungsarbeit im Auslande. Erlebnisse u. Erfahrungen in Selbstzeugnissen aus aller Welt. Hrsg. von Franz Schmidt u. O. Boelitz. Bd. 1: Europa. Bd. 2: Außereuropa (1928). Langensalza: Beltz, XV, 526 u. XVII, 646 S.

II. Italien.

5 Benedikt, H., Das Königreich Neapel unter Kaiser Karl VI. Wien: Manz VI, 736 S.

David, Emmerich, Vorgesch. u. Gesch. des Priesterkollegiums am Campo Santo. Röm. Quartalschr. 35, 1--52.

7 Kuypers, F., Zeiten, Schicksale, Menschen. Lpz.: Klinckhardt u. Biermann. XIX, 538 S.

8 Noack, F., Das Deutschtum in Rom seit dem Ausgang des MA. 2 Bde. Stuttg.: Dte. Verlagsanst. VII, 767 u. 667 S.

Steinitzer, A., Olevano u. die deutschen Landschaftsmaler. Italien. Monatsschr. für Kultur 1, 11--18.



S.714

III. Spanien und Portugal.

10 Cayetano Alcázar Molina, Los Hombres del Reinado de Carlos III. D. Pablo de Olavide. (El Colonizador de Sierra Morena.) Biblioteca Hispania. Serie F, vol. II. Madrid, Editorial Voluntad. 280 S.

11 Francisco JavierSánchez, Canton, Mengs en España. Conferencias dadas en el Centro de Intercambio Intelectual Germano-Español. Nr. X. Madrid. 15 S. u. 8 Tafeln.

12 Karoline de Vasconcellos. Ein Erinnerungsblatt von Helene Lange u. Ernst Goldbeck. Berlin: Herbig. 24 S.


Diese Seite ist Bestandteil des Informationsangebots "Jahresberichte für deutsche Geschichte" aus der Zwischenkriegszeit (1925-1938)