I. Die auswärtige Politik der Mächte bis zum Kriegsausbruch.

Die Wiederaufrollung des deutschen Schicksalsproblems im vergangenen Jahre hat mit einem Schlage alle Fragen der Vorgeschichte und Geschichte des Weltkrieges in eine neue Beleuchtung gerückt und wird wohl sehr bald die leise Stockung überwinden, die während der letzten Jahre in ihrer Erörterung eingetreten war. Es ist kaum ein Zufall, daß noch im Berichtsjahr 1938 das Interesse der deutschen Forschung im Grunde stärker den Fragen der inneren deutschen Entwicklung, des Reichsausbaues und dem Problem der großdeutschen Einheit gewidmet war, während die Gegenwart den Blick jetzt wieder mit aller Kraft auch nach außen lenken muß.

Zur Geschichte der deutschen Diplomatie hat der uns inzwischen entrissene Fr. Thimme < 1239/ 1241> noch zwei wertvolle Beiträge veröffentlicht: eine Skizze aus den Aufzeichnungen Hans von Miquels gibt ein lebendiges, im Urteil bemerkenswert selbständiges Bild der Botschaftertätigkeit Marschall von Biebersteins in Konstantinopel, die es bedauern läßt, daß der früh verstorbene Miquel nicht zu der geplanten Abfassung größerer Erinnerungen gekommen ist. Auf Grund seines Nachlasses hat Thimme ferner eine Darstellung seiner diplomatischen Laufbahn gegeben, die erneut einige Züge zur Geschichte der Marokkokrise von 1905 beiträgt. Der wichtigste Bestandteil der Studie sind die Erinnerungen Miquels an Holstein, die zur Klärung der Vorgänge beim Sturz der »Grauen Eminenz« beitragen. Zusammen mit Thimmes früherer Radolinpublikation <1937, 1177> stellen sie die wesentlichste Bereicherung unserer Quellenkenntnis für die deutsche Seite der 1. Marokkokrise in den letzten Jahren dar. -- Dagegen sind die Diplomatenerinnerungen Herbert von Hindenburgs < 1240> zwar anziehend durch die Mannigfaltigkeit und Lebendigkeit der Einzelzüge; von größerer Tragweite ist aber nur die Schilderung der römischen Atmosphäre in den Jahren 1911--15, besonders der Verhandlungen Bülows vor dem Kriegseintritt Italiens. H. hat in maßvoller Form den Optimismus Bülows geteilt, daß der Widerstand gegen den Kriegsentschluß des Verbündeten bis zuletzt nicht ganz aussichtslos gewesen sei. Die Mitteilungen über seine interessante Schweizer Kriegsmission seit 1917 bringen kleine Züge zur Geschichte der Papstnote bei, legen sich aber doch noch starke diplomatische Zurückhaltung auf, wie bei einem Vergleich des Materials etwa der Foreign Relations sofort deutlich wird.

Außergewöhnlich reich waren die Beiträge zur Vorgeschichte des Weltkrieges von englischer Seite. G. P. Gooch schloß mit einem 2. Bande < 1236> seine Studien über die Vorkriegspolitik der Großmächte ab, der die Schwächen der personengeschichtlichen Anlage seines Vorgängers fast noch stärker hervortreten läßt, je mehr die behandelten Ereignisse dem alles zusammenfassenden Kriegsausbruch des Jahres 1914 zudrängen. Das unverkennbare Bestreben nach wissenschaftlicher Vorsicht des Urteils ist geblieben, läßt aber die englische Begrenzung seiner Wertungen doch deutlich hervortreten. Die innere Sympathie mit der Persönlichkeit Greys überschattet die Fragestellung nach dem sachlichen Beitrag Englands zum Eintritt der europäischen Katastrophe. Die mildernde Revision des Urteils über Poincaré entspricht einer Strömung,


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die in den letzten Jahren vielfach vorgewaltet hat, aber doch immer noch eine erneute kritische Nachprüfung des gesamten Materials verlangt, die über der gewissenhaften Verwendung des Aktenmaterials die psychologischen Gesichtspunkte nicht außer acht lassen darf. Auch die von Gooch vertretene Beurteilung der österreichischen und russischen Politik wird kaum unverändert bestehen bleiben können. Die im ganzen hervortretende Neigung, in der Entfesselung des Weltkrieges ein Schicksalsverhängnis zu erblicken, das über die Köpfe der beteiligten Persönlichkeit hinweg auf tiefere Ursachenreihen zurückging, hat gewiß einen Fortschritt gegen die ältere, zu stark formale Erörterung der Kriegsschuldfrage bedeutet, schließt aber eine schärfere Erfassung der verschiedenen Aktivitätsgrade in der Politik der großen Mächte nicht aus, deren Dauer und Stärke gerade die Gegenwart wieder so stark ans Tageslicht gebracht hat.

Die Vergangenheit und Gegenwart verbindenden Grundlagen der modernen englischen Politik treten besonders deutlich in der auffällig reichen Literatur zur Geschichte des englischen Heeres seit der Jahrhundertwende hervor, deren Grundproblem in dem 1905/06 gefaßten Entschluß zum militärischen Einsatz auf dem Festlande bestand. Tylers Buch über die englische Armee und das Festland von 1904--14 < 1360> entsprang noch der weitverbreiteten, kritischen Ablehnung gegen diese Preisgabe englischer Überlieferung nach dem Weltkriege. Es mündet in einer sehr scharfen Kritik an der restlosen Bindung an die französischen Operationspläne, die Henry Wilson im Jahre 1911 endgültig durchsetzte. Es besitzt in der englischen Fachliteratur eine bemerkenswerte fachmilitärische Ergänzung in Dunlop, Development of the British Army 1899--1914 (1938), das neben die von Tyler eingehend behandelte Entwicklung des strategischen Denkens die Darstellung der von ihr bedingten Revolution im organisatorischen Aufbau des englischen Heeres stellte. Von beiden Verf. ist mit voller Offenheit zugegeben, daß die neue Aufgabe der direkten Unterstützung Frankreichs gegen Deutschland im Festlandskrieg der Ausgangspunkt und Schlüssel für alle Einzelheiten der Haldaneschen Armeereform gewesen ist. -- Bei der Bedeutung dieses Themas ist es zu begrüßen, daß F. Pick < 1246> die Biographie Haldanes, dieses nach dem Urteil Haigs größten englischen Kriegsministers aller Zeiten, in guter deutscher Übersetzung vorlegte. Das Buch des Generals Maurice kann ein erstes Urteil über seine historische Wirksamkeit ermöglichen, auch wenn sie nur im einzelnen über Haldanes fast noch aufschlußreichere Autobiographie hinausging. Freilich werden daneben stets die korrigierenden Einschränkungen Liselotte v. Reinkens <1933, S. 300> zu beachten sein, die die sehr bestimmten Grenzen der früher oft betonten Deutschfreundlichkeit des liberalen Imperialisten Haldane hervorhob und auf den durchaus englischen Charakter seines Verhältnisses zur idealistischen deutschen Philosophie hinwies. -- Die ebenfalls von F. Pick < 1244> besorgte verkürzende Bearbeitung der beiden Erinnerungsbücher Austen Chamberlains läßt vollends erkennen, wie stark zu jeder Zeit in den Reihen der heute maßgebenden englischen konservativen Partei die Gegnerschaft gegen Deutschland von dem Rufe nach einer Umwandlung der Entente in Bündnisse vor 1914 über die Hintergründe der Locarnopolitik bis zu der Gegenwartspolitik seines Bruders Neville gewesen ist.

Von deutscher Seite ist ebenfalls in einer Reihe von Einzelarbeiten das


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Problem der Vorkriegsbeziehungen zu England behandelt worden, ohne daß in ihnen 1938 schon eine stärkere Einwirkung der werdenden neuen Lage zu erkennen gewesen wäre. H. G. Dittmars Untersuchung über die Bündnisverhandlungen von 1898/99 < 1248> reihte vor allem die Ergebnisse der Biographien Chamberlains und Salisburys, neben denen auch Einsicht in den Nachlaß Lansdownes und einige zusätzliche Dokumente des Foreign Office genommen werden konnte, in den bisherigen Forschungsstand ein und gelangte dadurch zu mannigfacher Erweiterung unseres bisherigen Bildes von den Ereignissen. Im Kern bleibt aber bestehen, daß Salisbury nach anfänglichem Widerstreben eine vorsichtig abwartende Haltung einnahm, während die deutsche Politik im Vertrauen auf die scheinbare Gunst ihrer Stellung zwischen England und Rußland ein Entgegenkommen ablehnte, das das Verhältnis zu dem großen östlichen Nachbarn schwer zu belasten drohte. -- Auf interessante Parallelverhandlungen mit Österreich hat L. Bittner < 1251> hingewiesen. Sie lassen ebenfalls erkennen, daß Salisbury zeitweise einer Annäherung an den Dreibund nicht mit einfacher Ablehnung gegenüberstand. Wichtig ist, daß man in Wien so wenig wie in Berlin geneigt war, die für die Mittelmächte günstige Wendung Rußlands nach dem Fernen Osten zu gefährden; eine österreichische Unterstützung der englischen Sondierungen kam daher in diesem Zeitpunkte nicht in Frage. -- Zum Ausklang der Bündniserörterungen in der Jahrhundertwende hat Fr. Thimme < 1250> einen Briefwechsel aus dem Jahre 1929 mit dem Botschafter Graf Wolff-Metternich veröffentlicht, der bestreitet, das Lansdownesche Angebot regional beschränkter Zusammenarbeit mit der viel erörterten Forderung des »Alles oder Nichts«, der Versteifung auf das förmliche Bündnis, beantwortet zu haben. Auf jeden Fall wird man nach dieser Aussage eines der Hauptbeteiligten mit der Einschätzung ihrer Unterredung am 19. XII. 1901 vorsichtiger sein müssen, als ein großer Teil der bisherigen deutschen Kritik, die hier erst den abschließenden, nicht wieder gut zu machenden Fehler von deutscher Seite erblicken wollte, während der Botschafter diesem Gespräch von beiden Seiten nur noch retrospektiven Wert zubilligen will. Nach den kritischen Bemerkungen Thimmes wird eine endgültige Würdigung wohl zu warten haben, bis der Briefwechsel Holsteins mit Hatzefeld und der Nachlaß Metternichs vorliegen wird.

Die Bethmannschen Verhandlungen mit England über die Beschränkung des Flottenbaues und ein gleichzeitiges politisches Abkommen in den Jahren 1909--1912 sind Gegenstand einer fleißigen und gründlichen Arbeit von Alex. Keßler < 1253>, die das ausgedehnte Material erschöpfend nachgeprüft hat und das seit längerem erarbeitete Urteil bestätigt, daß ein Ausgleich zwischen dem deutschen Festhalten am Flottengesetz, das den Kanzler nötigte, die Neutralitätszusage Englands als ersten Schritt zu verlangen, und dem starren Vorrang, den die maßgebenden englischen Persönlichkeiten den Bindungen der Ententepolitik gewährten, tatsächlich unmöglich war. Wenn der Verf. die Auffassung vertritt, daß im Frühjahr 1911 eine Einigung nahe gerückt gewesen und im wesentlichen an der Abhängigkeit Bethmanns von Tirpitz gescheitert sei, so wird man dagegen doch die Frage aufwerfen müssen, ob nicht, wie bei der Haldanemission, erst im Augenblick des entscheidenden Entschlusses die Spannungen der bündnispolitischen Verflechtungen mit entscheidend hemmender Kraft eingegriffen haben würden. K. selbst hat abschließend mit


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allem Nachdruck darauf hingewiesen, daß die letzte Ursache für das Scheitern der Ausgleichsbemühungen in der absoluten Entschiedenheit gelegen hat, mit der der dem deutschen Wesen gänzlich fremd gegenüberstehende Grey sich weigerte, der aufstrebenden kontinentalen Großmacht Deutschland eine Erleichterung des Druckes zuzugestehen, der durch die Bindung Englands an Frankreich und Rußland auf ihr lastete.

W. Schroeders < 1256> Untersuchung über die englische Politik während der Balkankrise erstreckt sich zwar nur bis zu ihrem Höhepunkt im November 1912, ist aber dafür in eine umfassende Analyse der Zusammenhänge zwischen der englischen Politik im Orient und Europa seit 1909 eingebettet. Sie hat erstmalig das reiche Material der englischen Dokumente zur persischen Frage verwertet und die Tragweite und Grenzen der Spannungen geprüft, die englische Spezialinteressen hier und in der Türkei zwischen London und Petersburg wachriefen. Die kritisch scharfe Art des Verf.'s läßt die eigentümlich englischen Bedingtheiten der Politik Greys scharf hervortreten und ist wertvoll in dem Nachweis, daß, wenn er 1912 als Vermittler auftrat und sich zunächst noch gegen die Neigung Poincarés sträubte, die Entente in ein Offensivinstrument umzuwandeln, dies aus dem Wunsche entsprang, die für England günstige diplomatische Konstellation bis zu den Grenzen ihrer Wirkungsmöglichkeit auszunutzen. Dagegen konnte zu keinem Zeitpunkt ein Zweifel bestehen, daß er bei einem entscheidenden Zusammenprall der beiden europäischen Lager bereit gewesen wäre, die letzten Folgerungen auf sich zu nehmen.

Mit dem Schlußband der von Gooch und Temperley geleiteten englischen Dokumentenausgabe über die Jahre 1912--14 < 1242/ 1243> ist die letzte größere dokumentarische Lücke geschlossen, die einer kritischen Nachprüfung der englischen Vorkriegspolitik noch hemmend im Wege stand. Sie wird in Zukunft durch die Bestätigung, die der Kriegsausbruch 1939 für den Erfahrungssatz der Kontinuität der englischen Politik gegeben hat, neuen Auftrieb erhalten. Zur Zeit liegt eine zusammenfassende Bewertung dieses neuen Materials nur von amerikanischer Seite aus der Feder R. J. Sontags < 1257> vor, die eine erste Sichtung des außerordentlich weitschichtigen und für Einzelthemen, wie das der Bagdadbahn, fast übermäßig ausführlichen Materials zu geben versucht. Sie weist sehr nachdrücklich darauf hin, daß bis zuletzt im englischen Kabinett eine schärfere und mildere Richtung -- aus der sich der irreführende Optimismus der deutschen Beurteilung im Jahre 1914 trotz aller Warnungssignale wenigstens einigermaßen erklärt -- Deutschland gegenüber miteinander rangen. Seine Kritik Greys neigt freilich mehr dazu, ihm seine Unentschiedenheit und Schwäche zum Vorwurf zu machen, als die Folgerichtigkeit seines Festhaltens an den Ententen hervorzuheben. Er kann so nur mit dem bezeichnenden Zweifel enden, ob es in einem Zeitalter des Nationalismus für den außenpolitischen Leiter eines demokratischen Staates überhaupt möglich sei, eine klare, in sich selbst beruhende Politik zur Durchführung zu bringen. -- Auf Grund der englischen Aktenausgabe ist eine kritische Einzelfrage der Verhandlungen des Jahres 1912, die Bedeutung der Unterredung des Prinzen Heinrich mit König Georg V. am 26. VII. 1912 durch Herm. Lutz und K. Jagow < 1255/ 1287> eingehend untersucht worden. Vor allem durch Jagows kritische Nachprüfung der ganzen deutschen Überlieferung ist über diese angebliche


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Versicherung englischer Neutralität im Falle eines großen europäischen Krieges abschließende Klarheit geschaffen worden.

Auffallend schwach sind im Verhältnis zu der englischen Literatur und der Literatur über England die Beiträge zur französischen Politik vor dem Weltkriege vertreten. In der Reihe der Documents diplomatiques ist nur der Schlußband der Bismarckzeit von 1888--1890 < 1258> erschienen, der, etwas ungleichmäßig, das in jenen Jahren kritische Verhältnis zu Italien eingehender, aber nicht ohne Lücken beleuchtet, während ungefähr die Hälfte seiner Aktenstücke der Entwicklung der deutsch-französischen Beziehungen gelten. -- Als Beitrag zu der nur langsam fortschreitenden Auswertung der französischen Akten hat Schwertfeger < 1260> nach ihrer ersten Reihe die Vorstufen des Zweibundes mit Rußland zusammengestellt und die Langsamkeit im Erfolg der stets wieder vergeblich tastenden Annäherungsversuche bis zum Sturze Bismarcks hervorgehoben. -- Alex. Ribot < 1261> berichtet über den Anteil seines Vaters an den Verhandlungen von 1890 bis zur Entscheidung über den Abschluß der Militärkonvention im August 1892 in einem an präzisen Einzelheiten reichen Aufsatz, der als Ergänzung und Kontrolle zu späteren Bänden der französischen Aktenausgabe gerade zur rechten Zeit erschienen ist. -- Eine restlose Enttäuschung bedeutet dagegen das Buch der berüchtigten Madame Tabouis < 1259> über das Leben ihres Onkels Jules Cambon. Die wichtige Zeit seiner Berliner Botschaftertätigkeit ist Gegenstand boshafter Anekdoten, ohne etwas Neues zu bringen. Sie bringt es fertig, sich an Stelle der Aktenpublikation auch auf den Text des Gelbbuches von 1914 zu stützen, so daß die einer Kontrolle nicht erreichbaren Zitate aus dem persönlichen Nachlaß kaum verwertbar erscheinen müssen. Auch Cambons große Bedeutung im Kriege als maßgebende Persönlichkeit des Quai d'Orsay im Jahre 1917 hat nicht zu Mitteilungen geführt, die unser Wissen wesentlich erweitern, während seine Arbeit als Vorsitzender der Kommissionen für die tschechische und polnische Frage in Versailles endgültig beweist, daß er trotz gelegentlich maßvollerer Urteile vor 1914 im Wesen ganz zu jener Generation französischer Politiker gehörte, deren Denken in der 1870/71 geborenen Feindschaft gegen Deutschland wurzelte. -- Die Untersuchung von Phelps < 1262> über die Limankrise ergänzt die ältere Literatur nach den inzwischen bekanntgewordenen französischen Akten. Sie zeigt, daß man in Paris das aus London bekannte unbehagliche Mißtrauen gegen die wenig zuverlässige Politik Sasonows teilte. Grenzen der französischen Unterstützung für Rußland waren dadurch gegeben, daß man auf keinen Fall in die erste Linie treten und dadurch die Fühlung mit London verlieren wollte. Man versicherte Iswolsky seine Solidarität mit Petersburg, setzte sich aber doch vor jedem Schritt vor allem mit den Brüdern Cambon in Verbindung und suchte die Versprechung an Rußland vorsichtig zu dosieren. Frankreich war durch seine Finanzinteressen, wie England durch die Flottenmission, an Konstantinopel interessiert und begrüßte daher die Lösung der Krisis durch das deutsche Entgegenkommen mit freudigem Aufatmen, ohne daß daraus allzu weitgehende Schlüsse gezogen werden dürfen.

Die frisch aufstrebende italienische Literatur hat in Wollemborgs < 1263> Darstellung der Außenpolitik Italiens von 1882--1917 einen neuen gediegenen Beitrag erhalten, der sich vor allem auf die Arbeiten Tommassinis und Toscanos stützen kann. Die Vorkriegszeit bis 1914 ist mit der Ausnahme der


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Tripolisexpedition freilich eine Periode des Stockens geblieben. Die Jahre des Weltkriegs sind für Italien dann Abschluß der nationalen Einheitsbewegung und Ausklang des Risorgimento, während der Aufstieg zur Mittelmeermacht durch die Eifersucht seiner Verbündeten noch auf halbem Wege gelähmt werden konnte. Durch den Fortschritt der russischen Aktenausgabe kann das Buch aber gerade hier noch über die wertvollen Arbeiten Toscanos hinauskommen.

Zur Entwicklung der Balkanfragen bringen Erinnerungen des Feldmarschallts. v. Urbanski-Ostrymiecz < 1264> einen Beitrag über die Lage in Mazedonien vor der Annexionskrise des Jahres 1908. Seine Beobachtungen dort haben dazu beigetragen, den Entschluß Aehrenthals zu bestärken. -- Die verwickelte Geschichte der Balkankriege von 1912/13, die nach den Fortschritten in der Erweiterung des Aktenmaterials jetzt leidlich abschließend bezeugt ist, hat durch Aug. Helmreich < 1235> eine erste dankenswerte Gesamtdarstellung ihrer politischen Entwicklung erhalten, die die Vorgänge auf der Balkanhalbinsel und ihre europäischen Rückwirkungen gleichmäßig zu erfassen sucht. Der amerikanische Forscher ist objektiv genug hervorzuheben, daß die Zurückhaltung des Grafen Berchtold in scharfem Gegensatz zu der weit verbreiteten Anschuldigung österreichischer Expansionspläne steht. Auch bei der Geschichte der Londoner Konferenz, die hier zum erstenmal eingehend, aber doch übersichtlich behandelt ist, kommt er zu dem Ergebnis, daß Österreich mit Ausnahme besonders herausfordernder Teilfragen, wie des montenegrinischen Angriffs auf Skutari, eine im ganzen überraschende Nachgiebigkeit gezeigt habe. Das bleibende Ergebnis der Krise war eine unverkennbare Verschärfung der europäischen Spannungen, so daß die Balkanstaaten trotz des augenblicklichen Erfolges der vermittelnden Großmächte Europa 1914 in den Weltkrieg hineinzuziehen vermochten. H. stellt abschließend fest, daß nahezu der ganze Gewinn der Machtverschiebung von 1912/13 zugunsten der Entente gegangen sei, während die außerordentliche Verstärkung Serbiens seinen Gegensatz zur Doppelmonarchie unvermeidlich vertiefen mußte. -- Die Berliner Monatshefte haben schließlich Erinnerungen aus der Militärattachézeit Artamonows < 1265> gebracht, die naturgemäß eine Verteidigung seiner stark angefochtenen Rolle in Belgrad während der Jahre 1909--1914 darstellen, ohne seine ausgesprochenen Sympathien für Serbien irgendwie zu verschleiern. Auch er hebt hervor, daß der plötzliche Tod Hartwigs eine natürliche Folge seines schweren, auf einer unvorsichtigen Lebensweise beruhenden Herzleidens gewesen ist. Im übrigen ist aus diesem Bericht nicht allzuviel über die amtliche Tätigkeit des Verf.'s in der serbischen Hauptstadt zu erfahren, so daß die Bedeutung der dokumentarischen Quellen durch ihn nicht gemindert wird. -- Über die Rolle Persiens im Spiel der Mächte bis 1907 gibt die ausführliche Dissertation von Hannekum < 1233> eine brauchbare Zusammenstellung, die aber keine neuen Ergebnisse zutage gefördert hat.


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