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4. Über einzelne scholastische Denker oder über einzelne von ihnen behandelte Probleme sind in den letzten Jahren so zahlreiche Bücher und Abhandlungen erschienen, daß in dieser kurzen Übersicht nur die wichtigsten Veröffentlichungen in einer Auswahl namhaft gemacht werden können. Über Johannes Skotus Erigena, diese hochragende einsame Denkergestalt aus der Frühzeit der Scholastik, sind 1925 zwei Monographien erschienen, eine von H. Bett ( 38), welche Leben, Werke, Philosophie, Quellen, Einfluß und Weiterwirken Erigenas in einem guten Gesamtbild zeigt, und eine andere von H. Dörries ( 39), welche den Hofphilosophen Karls des Kahlen als Mystiker würdigt und in gründlicher Untersuchung die Eigenart und christliche Bestimmtheit seines Neuplatonismus aufzeigt. Früheren Jahren gehört schon Artur Schneiders tiefgehende Untersuchung der Erkenntnislehre Erigenas nach ihren Quellen und inhaltlichen Zusammenhängen an. Die Frage, ob vor Skotus Erigena der Abt Hilduin von St. Denis die Schriften des Pseudo-Areopagiten ins Lateinische übersetzt hat, hat G. Théry O. P. dadurch entschieden, daß er diese Übersetzung in einer Pariser und Brüsseler Handschrift entdeckte ( 40). -- Das letzte größere Werk über Anselm von Canterbury, den Vater der Scholastik, hat A. Koyre in seiner quellenanalytischen Darstellung der Gotteslehre Anselms geschrieben ( 41). -- Den Homilien und Meditationen Anselms hat der im 12. Jahrhundert wie nicht leicht ein zweiter heimische Benediktiner A. Wilmart kritische, Echtes und Unechtes scharf von einander scheidende Untersuchungen gewidmet ( 42). Er hat auch den literarischen Nachlaß der beiden Mystiker Guigo geordnet ( 43). Das eindrucksvoll geschriebene Buch Wolframs von den Steinen: Vom heiligen Geist des Mittelalters ( 44) bietet kunstvoll entworfene Charakterbilder Anselms von Canterbury und Bernhards von Clairvaux mit Ausblicken auf spätere Jahrhunderte und mit Linienführungen und Werturteilen, mit denen der nüchtern mit den Quellen arbeitende Historiker nicht immer einverstanden sein dürfte. -- Eine äußerst wertvolle kritische Untersuchung über die Korrespondenz des Johannes von Salisbury gibt R. S. Poole ( 45). Die Naturphilosophie der Schule von Chartres wird durch die feinsinnige ideengeschichtliche Untersuchung von Hans


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Liebeschütz: Kosmologische Motive in der Bildungswelt der Frühscholastik ( 46) beleuchtet. Über Joachim von Floris hat Herbert Grundmann uns weiterführende Studien dargeboten ( 47), welche diese merkwürdige Persönlichkeit in die damaligen Zeitströmungen hineinstellen und Joachims Denkmethode, Geschichtstheorie, religiöses Ideal und das Weiterleben seiner Ideale behandeln. Grundmann bereitet auch eine kritische Ausgabe der Concordia und anderer echter Schriften Joachims vor. -- Das Weiterleben von Joachims Evangelium aeternum im Franziskanerorden des 13. Jahrhunderts, worüber wir schon H. Denifle grundlegende Arbeiten verdanken, den Joachimismus und Franziskanismus hat der italienische Franziskaner P. Guido Bondatti ( 48) zum Gegenstand einer aufschlußreichen Untersuchung gemacht. -- Zu der auf der Pariser Synode vom Jahre 1210 erfolgten Verurteilung des David von Dinant, Amalrich von Bennes und dem auf der gleichen Synode erlassenen Aristotelesverbot hat P. G. Théry O. P. zwei sehr wertvolle Monographien veröffentlicht ( 49). Die eine ist dem Alexander von Aphrodisias und dem Einfluß seiner Erkenntnislehre auf die arabische und scholastische Philosophie gewidmet, die andere befaßt sich eingehend mit David von Dinant und seinem pantheistischen Materialismus und rekonstruiert dessen verlorengegangenes Werk De Tomis aus Zitaten bei Albertus Magnus. -- Die geistigen Bewegungen der Hochscholastik sind in der letzten Zeit durch eine Reihe von Entdeckungen und Untersuchungen uns noch nähergebracht worden. Kardinal Ehrle hat seine vor vierzig Jahren gemachte bahnbrechende Feststellung des Aristotelismus und Augustinismus als der miteinander ringenden Hauptrichtungen der Hochscholastik in einer vieles neue handschriftliche Material bringenden großen Untersuchung weitergeführt ( 50). Baeumkers anregende Arbeiten über die Philosophie der Artistenfakultät konnte ich durch Entdeckung umfangreicher selbständiger Quästionen des vor allem aus Mandonnets monumentalem Werk bekannten Führers des lateinischen Averroismus Siger von Brabant zu aristotelischen Schriften weiterführen. Ich habe hierüber wie auch über von mir aufgefundene Schriften des Boetius von Dacien, eines anderen bekannten Averroisten, in Abhandlungen berichtet ( 51) und bereite Editionen dieser für den scholastischen nichttheologischen Aristotelismus höchst bedeutsamen Texte vor. Von den großen Vertretern der Hochscholastik ist in erster Linie Thomas von Aquin Gegenstand einer nahezu unübersehbaren Zahl von Arbeiten gewesen, aus denen nur eine kleine Auswahl getroffen werden kann. Das 600jährige Jubiläum seiner Heiligsprechung (i. J. 1923) hat eine große Anzahl von Festschriften ins Dasein gerufen, deren umfangreichste und bedeutendste die Xenia Thomistica in drei großen Bänden (Romae 1925) systematische und historisch-kritische Abhandlungen über Persönlichkeit und Lehre des  Aquinaten bieten. Der namentlich in chronologischer Hinsicht vielfach ungeklärten Lebensgeschichte des  Aquinaten hat vor allem Mandonnet eine Reihe von scharfsinnigen, kenntnisreichen, aber nicht unwidersprochen gebliebenen Untersuchungen, von denen die größere Arbeit: Thomas d'Aquin Novice prêcheur ( 52), hervorgehoben sei, gewidmet. Eine aus den Quellen gut begründete Darstellung des äußeren Lebensganges des  Aquinaten verdanken wir dem Generalarchivar des Dominikanerordens P. Angelus Walz ( 53), der auch aus dem literarischen Nachlaß Denifles Mitteilungen über den Kölner Studienaufenthalt des  Aquinaten veröffentlicht hat ( 54). Die Frage über

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Echtheit und Chronologie der Thomasschriften ist, seit Mandonnet und ich hierüber zusammenfassende Arbeiten geschrieben haben, in zahlreichen Artikeln von P. Fr. Pelster, A. Birkenmajer, der auch eine sehr wertvolle Studie über den Brief der Artistenfakultät nach dem Tode des hl. Thomas verfaßt hat, Destrez, Synave und besonders von Mandonnet selbst u. a. erörtert worden ( 55). Eine Edition der alten Biographien des hl. Thomas von Wilhelm von Thocco, Bernard Guidonis veranstaltet P. Prümmer O. P. in Beiheften zur Revue Thomiste. -- Die Lehre des  Aquinaten ist in äußerst zahlreichen Schriften und Abhandlungen behandelt worden. Von den Darstellungen der Lehre des  Aquinaten seien nur diejenigen genannt, welche seine geistige Gesamtpersönlichkeit und seine Staats- und Gesellschaftsphilosophie behandeln, in einer kleinen Auswahl berücksichtigt. Die geistvoll und warm geschriebene Einführung in das System des hl. Thomas von E. Gilson ist in 2. Auflage erschienen ( 56). Desgleichen ist auch mein kleineres, in zahlreiche Sprachen übersetztes Büchlein: Thomas von Aquin. Eine Einführung in seine Persönlichkeit und Gedankenwelt 1926 in 5. Auflage erschienen ( 57). Ich habe Thomas in dem Buche über die Kulturphilosophie des hl. Thomas ( 58) in die kulturhistorischen Zusammenhänge und in einer anderen Schrift über den göttlichen Grund der menschlichen Wahrheitserkenntnis nach Augustin und Thomas von Aquin ( 59) in die ideengeschichtlichen Bewegungen des Mittelalters hineinzustellen versucht. Eine Analyse des religiösen und wissenschaftlichen Innenlebens des  Aquinaten strebte ich in einer Schrift über das Seelenleben des hl. Thomas an ( 60). Als Meister christlicher Sittenlehre tritt uns Thomas in einer tiefen und warmempfundenen Schrift J. Mausbachs ( 61) entgegen. In die innere Struktur der thomistischen Philosophie führt eine Artikelserie von P. G. Manser O. P. über das Wesen des Thomismus in der Zeitschrift Divus Thomas (Freiburg, Schweiz) ein. Vom methodologischen Standpunkt aus handelt über Thomas und den Thomismus eine inhaltsreiche Monographie von J. Rimaud ( 62). Aus der reichen Literatur über die Staats- und Gesellschaftslehre des  Aquinaten, mit der sich bekanntlich auch E. Tröltsch in seinen Soziallehren der christlichen Kirchen eingehend befaßt hat, seien hervorgehoben das gediegene Buch von O. Schilling über die Staats- und Soziallehre des hl. Thomas ( 63), die Monographie von P. Tischleder über Ursprung und Träger der Staatsgewalt nach Thomas von Aquin ( 64) und die Untersuchung von Demongeot ( 65): La Théorie du Régime mixte chez saint Thomas. Um auch noch ein großes gegen Thomas von Aquin gerichtetes Werk zu nennen, so hat L. Rougier in seinem mächtigen Band: La Scolastique et le Thomisme ( 66), ausgehend von der thomistischen Lehre vom Unterschied von Wesenheit und Dasein, eine scharfe Widerlegung des thomistischen Systems unternommen. Sein gewandt und anregend geschriebenes Werk entbehrt der historischen Unterlage, da er das thomistische System nicht in den zeitgeschichtlichen Rahmen hineinstellt und von der wissenschaftlichen Auseinandersetzung der nachthomistischen Scholastik mit Thomas keine Kenntnis hat. Es hat denn auch P. Pedro Descoqs, einer der kenntnisreichsten Neuscholastiker, eine scharfe Widerlegung von Rougiers Werk geschrieben ( 67). Ungleich tiefer und sicherer als Rougier hat P. J. Maréchal S. J. in einem tiefdurchdachten Werk das thomistische philosophische System durch Gegenüberstellung des Kantischen Kritizismus in moderne Beleuchtung gestellt ( 68). In der Erforschung

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der ethischen Elemente und Grundlagen der thomistischen Gedankenwelt leistet der belgische Benediktiner O. Lottin bahnbrechende Spezialforschungsarbeit ( 69).

Auch die älteste Schule des hl. Thomas ist vor allem durch die Arbeiten und Anregungen von Kardinal Ehrle, der Klarheit in die um die Lehre des hl. Thomas nach seinem Tode erwachsene Streitliteratur gebracht und Monogaphien über einzelne Thomisten wie Thomas von Sutton, Nikolaus Tivet geschrieben hat, von P. Mandonnet, F. Pelster u. a. näher bekannt geworden. Ich habe außer älteren Arbeiten in meinem Buche Mittelalterliches Geistesleben die älteste italienische und deutsche Thomistenschule in ihren führenden Persönlichkeiten geschildert und konnte speziell durch Auffindung eines ungedruckten Sentenzenkommentars des Johannes von Sterngassen ( 70) und einer ungedruckten Summa des Nikolaus von Straßburg diese deutschen Mystiker des Dominikanerordens als thomistisch gerichtete Scholastiker feststellen. In Fra Remigio de Girolami O. P. ( 71) konnte ich einen Schüler des  Aquinaten und einen Lehrer Dantes nachweisen. Der von P. Fournier ( 72) in seiner kirchenpolitischen Tätigkeit gründlich behandelte Dominikanerkardinal Guilelmus Petri de Godino ist von mir als Verfasser einer Lectura Thomasina, eines auch Thomasinus genannten Leitfadens der thomistischen Lehre, gekennzeichnet worden ( 73). Der Lehrer des hl. Thomas, Albertus Magnus, der Vertreter und Begründer der deutschen neuplatonisch gerichteten Scholastik und der weitschauende und weitherzige Inaugurator des mittelalterlichen christlichen Aristotelismus, ist in letzter Zeit Gegenstand der Funde und Forschungen geworden. Zu den früher von mir und P. Pelster gemachten Funden unedierter Albertuswerke, die der Edition harren, hat A. Pelzer ( 74) in drei Handschriften, denen ich noch eine vierte Stuttgarter anfügen kann, unedierte Quästionen Alberts zur nikomachischen Ethik aufgefunden. -- Die Erforschung der Chronologie des Lebens und der Schriften Alberts ist durch Fr. Pelster ( 75) auf neue feste Bahnen gebracht worden. Angesichts der vielen und umfangreichen Inedita Alberts des Großen und des ungenügenden Zustandes der Gesamtausgaben von Jammy und Borgnet erscheint es mir als eine Ehrensache der deutschen Wissenschaft, eine kritische Gesamtausgabe der Werke dieses größten deutschen Gelehrten im Mittelalter zu veranstalten. Als Gesamtpersönlichkeit ist Albert neuestens in einer Monographie von Fr. Strunz ( 76) und in einer Rektoratsrede A. Schneiders ( 77), der vor mehr als 20 Jahren die Psychologie Alberts d. Gr. glänzend dargestellt hat, gewürdigt worden. Von der ungedruckten großen Summa des Lieblingsschülers Alberts, Ulrichs von Straßburg, dem bedeutendsten Werke des deutschen Neuplatonismus, von der Verbindungslinien zu Meister Eckhart führen, wird Frl. Dagouillon ( 78) die beiden ersten Bücher edieren, Albert Ehrhard eine Gesamtausgabe veranstalten. Ich habe aus dem zweiten Buche der Summa das Kapitel De pulchro, die ausführlichste Schönheitslehre der Hochscholastik, ediert, erklärt und in den Zusammenhang der mittelalterlichen ästhetischen Theorien eingereiht ( 79).


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I. Scholastik.

Für die Geschichte der Pariser Artistenfakultät, besonders für unsere Kenntnis der grammatikalischen Studien ist überaus lehrreich die Edition, welche L. J. Paetow von dem Morale scolarium des Johannes von Garlandia, einem auch kulturhistorisch interessanten satirischen Werke gemacht hat. Eine ausführliche Einleitung macht uns mit Leben und Schriften dieses merkwürdigen Pariser Professors aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts aufs beste bekannt ( 8). Auch über die führenden Scholastiker des 13. Jahrhunderts sind eine Reihe wichtiger Veröffentlichungen erschienen. Der kürzlich ausgegebene zweite Band der monumentalen Ausgabe der theologischen Summa des Begründers der älteren Franziskanerschule des Alexander von Halls ( 9), die von dem Franziskanerkolleg zu Quaracchi veranstaltet wird, hat die im vorjährigen Bericht gerühmten Vorzüge des ersten Bandes, sowohl was die Prolegomena wie auch was die Herstellung des Textes und die Zitatennachweise betrifft, im vollen Maße an sich. P. Ephrem Longpré hat in die Prolegomena ideengeschichtlich überaus instruktive Darlegungen über den philosophischen und theologischen Lehrstandpunkt des Doctor irrefragabilis eingefügt. In das Zentrum der theologischen Gedankenwelt und zugleich des Innenlebens des hl. Bonaventura führt uns die ausgezeichnete Studie von J. Kaup O. F. M. über die theologische Tugend der Liebe nach der Lehre des hl. Bonaventura ein ( 10). Über den Einfluß Alberts des Großen auf das mittelalterliche Geistesleben, ein Einfluß, der sich besonders auch in der deutschen Mystik geltend macht, habe ich zusammenfassende Untersuchungen veröffentlicht ( 11). -- Die Trinitätslehre Ulrichs von Straßburg, des Lieblingsschülers Alberts des Großen, hat durch A. Stohr eine den neuplatonischen Grundzug der von Albert inspirierten deutschen Scholastik scharf herausarbeitende dogmengeschichtliche Untersuchung erfahren ( 12). -- Für die Thomasforschung bedeutet das Erscheinen des zweiten Bandes der kritischen, auf das Autograph aufgebauten prachtvollen Ausgabe der Summa contra Gentiles, deren Bedeutung wir im vorjährigen Bericht hervorgehoben haben, eine große Bereicherung ( 13). Für die Editionstechnik scholastischer Werke ist die Abhandlung des P. Cl. Suermondt, des Herausgebers der Summa contra Gentiles De principiis recensionis operum S., Thomae Aquinatis überaus instruktiv ( 14). -- Ein umfangreiches, aus tiefen Studien hervorquellendes zusammenfassendes Werk über Thomas von Aquin schrieb der Genter Professor E. de Bruyne


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( 15). Die Persönlichkeit des  Aquinaten tritt lebendig aus dem geistigen Hintergrund seiner Zeit in scharfen Umrissen uns entgegen, ein eindrucksvolles Bild seiner philosophisch-theologischen Weltanschauung wirkt auf uns. Seine geschichtliche Auffassung von Thomas von Aquin faßt E. de Bruyne in die Worte zusammen: Il a en lui l'âme immortelle du génie grec et de la perfection chrétienne (S. 100). Bei aller Begeisterung für den größten der Scholastiker ist der Verfasser keineswegs blind gegenüber den Mängeln des thomistischen Systems, die er in einem eigenen Kapitel: Taches solaires behandelt. -- Für die so viel umstrittene Abgrenzung der echten Schriften des hl. Thomas ist P. Synaves kritische Untersuchung über den offiziellen Katalog der Werke des  Aquinaten ein höchstbedeutsamer Beitrag ( 16). -- Die für die Staatstheorie des hl. Thomas wichtige Schrift De regimine principum, welche nach dem Zeugnisse der handschriftlichen Überlieferung bis ins vierte Kapitel des zweiten Buches echt ist, während das Übrige von Tolomeo von Lucca stammt, wird neuestens von E. Flori ( 17) aus meines Erachtens nicht stichhaltigen inneren Gründen dem  Aquinaten abgesprochen. -- Die geschichtliche Stellung und Bedeutung der Summa theologiae, des Hauptwerkes des hl. Thomas, will meine Einführung in die Summa theologiae, die in einer Neubearbeitung erschienen ist, darstellen und zugleich die Wege zu einer historischen Thomasinterpretation zeigen ( 18). Für das geschichtliche Verständnis der Eigenlehren des hl. Thomas und des Gegensatzes der Franziskanerschule zu denselben werden durch die von P. Glorieux in Angriff genommene Edition der Verteidigungsschriften, welche die Dominikaner gegen das Correctorium des Franziskaners Wilhelm de La Mare unter dem Titel Correctorium corruptorii verfaßt haben, wichtige Quellen erschlossen. In einem stattlichen Band liegt eine kritische Ausgabe des wohl ältesten und einzigen früher gedruckten dieser Correctoria vor, das ehemals dem Aegidius von Rom zugeschrieben wurde, das aber Glorieux mit Recht dem Dominikaner Richard Clapwell zuteilt ( 19). Die Schwierigkeiten der Skotusforschung könnten nicht schärfer und drastischer uns gezeigt werden als dies durch die große geschichtlich-kritische Untersuchung des dalmatinischen Franziskaners Balić über die Kommentare des Johannes Duns Skotus zu den vier Büchern der Sentenzen des Petrus Lombardus geschieht. Das tiefgelehrte, aus mühsamster Handschriftenforschung geborene Werk, das an den Leser wahrlich keine leichten Anforderungen stellt, ist (ohne den Namen des Verfassers) als erstes Beiheft der Revue d'Histoire ecclésiastique erschienen. Eine Fülle von Redaktionen der einzelnen Bücher der Sentenzenerklärung des Skotus hat der Verfasser aus den Handschriften herausgegraben und dadurch die künftige so notwendige kritische Skotusausgabe, für die E. Longpré auf breitester Grundlage die Vorbereitungen macht, vor verwickelte Aufgaben gestellt. Die Ergebnisse und Thesen von P. Balić stoßen auf ernsten Widerspruch auch bei seinen Ordensgenossen im Kolleg zu Quaracchi. Es wird Aufgabe der Spezialforschung sein, sich mit dem jedenfalls sehr bedeutenden Buch von Balić auseinanderzusetzen und Licht und Schatten gerecht zu verteilen. Für die Geschichte der Theologie der Augustinerschule und zugleich für die Kenntnis der kirchenpolitischen Theorien zu Beginn des 14. Jahrhunderts ist U. Marianis ( 21) Darstellung der politischen Schriftsteller des Augustinerordens (Aegidius von Rom, Jakob von Viterbo und Augustinus Triumphus) eine recht lehrreiche Zusammenfassung.


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1927

§ 41. Scholastik des Mittelalters 1928--1929.

Die Literatur über Thomas von Aquin hat sowohl in literarhistorischer wie ideengeschichtlicher Hinsicht eine Bereicherung erfahren. P. Mandonnet hat eine Ausgabe der Opuscula der kleineren Schriften des  Aquinaten veranstaltet ( 29), die ja, wie z. B. De regimine principum oder De regimine Judaeorum oder De emptione et venditione über den philosophischen und theologischen Interessentenkreis hinausragen. Mandonnet hat seiner Ausgabe eine literarhistorische Einleitung vorausgestellt, in denen er seine von der meinigen (M. Grabmann, die echten Schriften des hl. Thomas von Aquin, Münster 1920) vielfach abweichende Abgrenzung der echten Schriften vornimmt. Wenn eine kritische, auf sicherer handschriftlicher Grundlage aufgebaute Edition der opuscula des hl. Thomas auch äußerst wünschenswert wäre, so muß man für diese Ausgabe doch recht dankbar sein, zumal sich in ihr auch Thomastexte finden, die in den früheren Opusculaausgaben fehlen. H. Pirenne hat der für die theologische ma. Betrachtung der Judenfrage sehr beachtenswerten Thomasschrift De regimine Judaeorum zwei literarhistorische Untersuchungen gewidmet ( 30). P. Pelster hat seine Untersuchungen über die vielumstrittene Chronologie der Quodlibeta des hl. Thomas fortgesetzt und speziell die Entstehungszeit der Quodlibeta 7 und 8 in die Jahre 1256--1259 festgesetzt ( 31). D. A. Wilmart hat in einer überaus reich belegten Untersuchung ( 32) die Echtheitsfrage des bisher dem hl. Thomas zugeschriebenen Hymmus Adoro te devote erörtert und dem  Aquinaten diese Dichtung abgesprochen. Die Spezialforschung wird sich mit diesem Artikel des gelehrten Benediktiners noch auseinanderzusetzen haben. Ich habe eine neubearbeitete Auflage meiner Einführung in die Summa Theologiae des hl. Thomas herausgegeben ( 38), in der ich die Notwendigkeit einer historischen Interpretation dieses scholastischen Hauptwerkes noch stärker als in der ersten Auflage unterstrichen und die Wege und Ergebnisse dieser historischen Interpretation aufgezeigt habe. In ideengeschichtlicher Hinsicht ist die Schrift des Benediktiners M. Thiel: Die thomistische


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Philosophie und die Erkennbarkeit des Einzelmenschen, Prinzipien zu einer philosophischen Charakterlehre ( 34), sehr lesenswert, da hier die scholastisch speziell thomistische Auffassung von der Erkenntnis und Bewertung des Individuellen zur Darstellung kommt. Die ontische Grundlage des Sittlichen nach Thomas von Aquin ist von J. Pieper untersucht worden ( 35). Auch über die älteste Schule des  Aquinaten liegen kleinere Abhandlungen, die Neues bringen, vor. So hat Fr. Pelster den ungedruckten Quaestiones disputatae und Quodlibeta des englischen Dominikaners und Thomisten Richard von Knapwell eine ergebnisreiche Untersuchung zuteil werden lassen ( 36), während P. Glorieux sich aufs neue mit dem Thomisten Bernard de Trilia O. P. beschäftigt hat ( 37). Ich habe kurz die Lehre des bekannten Florentiner Dominikaners Fra Remigio de' Girolami, des Schülers des hl. Thomas und Lehrers Dantes, von Glauben, Wissen und Glaubenswissenschaft dargestellt ( 38). Eine gute zusammenfassende Übersicht über die ältesten Vertreter der Thomistenschule verdanken wir dem Dominikaner A. Bacić ( 39).


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IV. Thomas von Aquin.

Die Forschung über die wissenschaftliche Persönlichkeit und die Gedankenwelt des hl. Thomas von Aquin hat vor allem durch die Vollendung der kritischen Ausgabe der Summa contra Gentiles auf Grund des Autographs eine reiche Förderung und Anregung erfahren ( 27). Als 15. Band der Editio Leonina ist das 4. Buch dieses Werkes des  Aquinaten, das für das Verständnis der Philosophie desselben besonders im Verhältnis zu den Arabern von grundlegender Bedeutung ist, erschienen, während Band 13 und 14 die schon früher in diesem Berichte angezeigten Bücher 1 bis 3 enthalten. P. Clemens Suermondt O. Pr., der jetzt die Editio Leonina, d. h. die von Papst Leo XIII. dem Dominikanerorden anvertraute, kritische Ausgabe sämtlicher Werke des hl. Thomas, mit ebensoviel Hingabe wie Geschick leitet, hat der vorbildlichen Textedition ausführliche Prolegomena vorangestellt, in welcher er die im 4. Buche auf 152 Codices erweiterte handschriftliche Grundlage der Textgestaltung, namentlich das Verhältnis einzelner Handschriften zum Autograph und zur ältesten Abschrift desselben feststellt. Was in den Prolegomena zu den drei Bänden dieser Ausgabe und dann von P. Suermondt auch in einer Reihe von Abhandlungen über die Methode und Technik der Edition, namentlich über die handschriftliche Überlieferung dargelegt ist, gehört zum Wertvollsten und Instruktivsten, was in neuerer Zeit über Edition ma.licher, speziell scholastischer Texte niedergeschrieben worden ist.

IV. Thomas von Aquin.

In literarhistorischer Hinsicht bringen namentlich die schon eingangs erwähnte Mélanges Mandonnet eine Reihe hochbedeutsamer Einzeluntersuchungen


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über kleinere Schriften des  Aquinaten und wertvolle Beiträge zur Chronologie thomistischer Werke. Ich selber habe unter dem Titel: Die Werke des hl. Thomas von Aquin ( 28) eine literarhistorische Untersuchung und Einführung in sämtliche Schriften des  Aquinaten auf Grund handschriftlicher Forschungen und mit Benützung der ganzen Literatur zu geben versucht. Es ist dieses Werk die völlig umgearbeitete, um ein Drittel vergrößerte Neuauflage meines vor 10 Jahren erschienenen Buches: »Die echten Schriften des hl. Thomas von Aquin«, das in erster Linie eine kritische Auseinandersetzung mit dem Buche: Des écrits authentiques de St. Thomas d'Aquin 1910, von P. Mandonnet, sein wollte. In der neuen Form ist das Buch eine zusammenfassende literarhistorische Einführung in das gesamte thomistische Schrifttum. Nach einer ausführlichen Übersicht über die Geschichte der historischen Thomasforschung behandle ich die alten Kataloge der Thomasschriften in ihrer Bedeutung für die Echtheitsfragen, wobei ich zwei bisher unbekannte Kataloge aus der Kapitelsbibliothek von Prag verwerten kann. Weiterhin beschreibe ich ausführlich 22 Sammelkodizes der Opuscula des hl. Thomas. Das Resultat der Untersuchungen stelle ich sodann in einem ausführlichen kritischen Katalog der echten Werke des hl. Thomas (Bibelkommentare, Aristoteleskommentare, systematische Hauptwerke und Opuscula) zusammen, wo ich alles, was über Echtheitsfragen, Chronologie usw. sicher feststeht, auf Grund jahrelanger handschriftlicher Forschungen darlege. Für die Zwecke des ma.lichen Historikers kommt z. B. die Untersuchung über das von Tolomeo von Lucca vollendete opusculum de regimine principum (S. 294--299) in Betracht. In einem Schlußabschnitt handle ich noch über unechte Schriften, besonders über solche, deren wirklichen Verfasser ich feststellen konnte.

IV. Thomas von Aquin.

Für den im philosophischen Denken unserer Zeit heimischen Leser ist das Studium der Werke des hl. Thomas durch die dem modernen Menschen vielfach fremde lateinische Terminologie und Ausdrucksweise sehr erschwert. Eine Brücke vom modernen philosophischen Denken zur thomistischen Philosophie bildet die ganz ausgezeichnete deutsche Bearbeitung, welche Frl. Edith Stein, eine Schülerin Husserls und zugleich mit der scholastischen Philosophie wohlvertraut, von den Quaestiones disputatae de veritate, einem für die thomistische Erkenntnislehre, Metaphysik, Religionsphilosophie, Psychologie usw. überaus charakteristischen Werke des  Aquinaten vorgenommen hat ( 29). Diese Bearbeitung kann der Verständigung zwischen der thomistischen Philosophie und dem modernen philosophischen Denken die Wege ebnen. Für das Verhältnis dieser Quaestiones de veritate zu Augustinus ist eine Untersuchung von Wilhelm Schneider aufschlußreich ( 30). Das Naturrecht des hl. Thomas hat Dom Odon Lottin O. S. B., der in unablässiger Forschungsarbeit die gedruckten und ungedruckten Quellen der thomistischen Ethik untersucht und mit Professor Landgraf von Bamberg die Thomas unmittelbar vorausgehende Entwicklung und das hierfür in Betracht kommende, großenteils ungedruckte Material am besten kennt, lichtvoll dargelegt und in den geschichtlichen Zusammenhang (Dekretisten, vorthomistische Theologen) hineingestellt ( 31). Ein Anhang unedierter Texte beleuchtet die tiefgründigen Untersuchungen. In gleicher Weise hat Odon Lottin, auf dessen tiefschürfende, immer Neues bringende Abhandlungen in Zeitschriften, namentlich in den von ihm herausgegebenen Recherches de théologie


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ancienne et médiévale ich nicht näher eingehen kann, die Lehre vom freien Willen von Anselm bis Thomas von Aquin untersucht ( 32).

IV. Thomas von Aquin.

Für den Historiker, der den philosophischen Grundlagen der ma.lichen Staats- und Gesellschaftsauffassung nachgeht, ist die in zweiter, wesentlich vermehrter und verbesserter Auflage erschienene Darstellung der Staats- und Soziallehre des hl. Thomas von Aquin von Otto Schilling eine zuverlässige Orientierung ( 33). Das Werk ist aus der eindringendsten Kenntnis der Texte des  Aquinaten herausgearbeitet und gibt eine wohlabgewogene Würdigung der thomistischen Lehre, die sich nicht als bloße Kopie des Aristoteles, sondern als eine Leistung eigener Prägung, als Synthese der aristotelischen Lehre und der christlich-augustinischen Ideen zeigt. Dem Gebiet der ma.lichen Dogmengeschichte gehört das umfassende Buch von Ignaz Backes an: Die Christologie des hl. Thomas von Aquin und die griechischen Kirchenväter ( 34). Der Verfasser untersucht hier zum ersten Male auf einem größeren Umfange das Verhältnis der Theologie des hl. Thomas zur griechischen Patristik. Mit großer Sorgfalt untersucht hier der Verfasser die Zitate aus der griechischen Patristik und den Konzilakten bei Thomas, wobei er den literarhistorischen Problemen (Übersetzungen usw.) nachgeht. Die Einstellung des  Aquinaten zu seinen Zitaten, seine Methode beim Studium und bei der Auswertung der griechischen Patristik, der Einfluß der griechischen Väter auf die christologischen Anschauungen des hl. Thomas wird in überaus ergebnisreicher Weise geprüft. Das Werk füllt eine Lücke der historischen Thomasforschung und zugleich der Dogmengeschichte aus. In der Sammlung Les grands coeurs hat A.-D. Sertillanges, der durch seine große, auch ins Deutsche übersetzte Darstellung der Philosophie des hl. Thomas bekannt ist, eine eindrucksvolle, geistreiche Darstellung der Persönlichkeit des hl. Thomas geboten ( 35). Von Abhandlungen, die über Fragen der thomistischen Philosophie in Ztschr. erschienen sind, seien nur die eindringenden und interessanten Ausblicke auf die ma.liche Lehre vom Kunstschönen eröffnende Studie von A. Dyroff über die Entwicklung und den Wert der Ästhetik des Thomas von Aquin erwähnt ( 36). A. Dyroff vergleicht auch die Schönheitslehre des hl. Thomas mit der früher von mir behandelten Ästhetik Ulrichs von Straßburg und kommt zum Ergebnis, daß Ulrich den  Aquinaten an Breite, Emsigkeit und Intensität der Beschäftigung mit ästhetischen Fragen zwar übertreffe, daß aber der weitere Blick, der Zug ins Große Thomas zu eigen sei.


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1930

1. Reformationsgeschichte.

Der Forschungsbericht über die Geschichte des deutschen Protestantismus ist drei Jahre ausgeblieben. Für denjenigen, der die so entstandene Lücke auszufüllen versucht, kann es sich nur darum handeln, unter schärfster Begrenzung der Auswahl und unter genauer Befolgung der Anlage dieser Jahresberichte, die manche das theologische Gebiet streifende Erscheinungen (z. B. die territoriale Kirchengeschichte, die christliche Sozialgeschichte) an anderer Stelle behandeln, vorzugehen. Einzelne Gebiete sollen diesmal ganz zurückgestellt werden, so z. B. die Zwingli- und Kalvinforschung, um später in einem geschlossenen Bericht nachgeholt zu werden. Durch die Jubelfeiern der letzten Jahre, die an die großen Ereignisse der deutschen Reformation anknüpfen, hat die Forschung ungemein starke Anregungen erfahren. Dazu tritt der große Einfluß, der von Holls Lutherwerk und der gegenwärtigen Lage der systematischen Theologie im deutschen Protestantismus ausgeht. Dadurch tritt auch das Historisch-biographische hinter den theologiegeschichtlichen Untersuchungen zurück. Wie sich nun aus den vielen Einzeluntersuchungen heraus die Bausteine zu Gesamtdarstellungen ineinanderfügen, das zeigt die wissenschaftliche Arbeit der letzten Zeit. Zwei große historische Werke über Reformation und Gegenreformation liegen vor, vom Göttinger Historiker Karl Brandi (1927, 787, 1930 Nr. 790) und in der Propyläengeschichte, wo der kürzlich verstorbene Münchener Historiker Paul Joachimsen die deutsche Reformation


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behandelt hat ( 772. Vgl. auch S. 178). Beide Werke ergänzen sich. Bei Brandi gibt die straffe Konzentration auf das Politische den Ausschlag, überall werden die geschichtlichen Ereignisse von der Machtpolitik der Fürsten der Zeit aus gesehen. Deshalb steht Karl V. im Mittelpunkt dieser Darstellung, dem ja Brandi auch in der Einzelforschung nachgegangen ist. Dabei will Brandi in der Reformation den bewegendsten und trotz so vieler Enttäuschungen an Menschen und Vorgängen größten Abschnitt unserer deutschen Geschichte in seiner universalen Bedeutung herausstellen. Aber das Theologische tritt hinter dem Politischen zurück. Ganz anders dagegen ist Paul Joachimsen verfahren. Hier erlebt die theologisch-kirchliche Reformation ihre Eigenwertung, und wie Rudolf Stadelmann richtig gesagt hat -- hier ist nicht der Umweg über die kulturfördernde Bedeutung gebraucht. J., der auch sonst das beste Verstehen des Luthertums gezeigt hat, erlebt in der Geschichte der Reformation wirklich die religiösen Elemente nach, auf die als letzte Kräfte alles zurückzuführen ist. Hans v. Schubert hat in seinem Vortrag über die Speyerer Protestation (s. u.) das Zusammenwirken der verschiedensten Motive in der Geschichte in folgenden Worten wiedergegeben: »Die meisten weltgeschichtlichen Entschließungen sind nicht auf ein Motiv zurückzuführen. Es ist falsch zu fragen, ist Konstantin der Große, ist Chlodwig aus politischen oder religiösen Gründen Christ geworden, ist Gustav Adolf aus Politik oder Liebe zu den protestantischen Brüdern nach Deutschland gezogen? Da ist kein Entweder-Oder. Eben das Zusammentreffen verschiedener Motive gibt der Entschließung die gesammelte Kraft, dem Ereignis die hinreißende Wucht. Auch darin besteht die Erfüllung einer Zeit.« Gewiß auch auf die deutschen Fürsten im Reformationszeitalter trifft dies zu. Aber man muß doch den einen Motiven -- und das sind hier die religiösen -- größere Bedeutung einräumen als allen anderen. -- Abgeschlossen liegt mit dem Erscheinen des 2. Bandes die neue Auflage des Lutherwerkes Scheels vor ( 1649). Noch stärker als in der ersten Auflage wird die Umgebung lebendig, in der Luther als Mönch geweilt hat: das Klosterleben in Erfurt und in Wittenberg, die Stadt Wittenberg selbst, Rom, wohin er im Auftrage seines Ordens reiste. Aber alles das bildet nur die Grundlage für die Darstellung der inneren Entwicklung Luthers, die Scheel in Auseinandersetzung mit der reichen modernen Literatur (z. B. Heranziehen der Staupitzpredigten) bis in alle Einzelheiten hinein verfolgt. Scheel ist jetzt geneigt, die religiöse Entscheidung auf das Frühjahr 1514 (vielleicht noch in die letzten Wochen von 1513) zu verlegen. Zur Ergänzung dienen die auch von ihm herausgegebenen Dokumente zu Luthers Entwicklung, die in der Neuauflage teils durch die bessere Gruppierung (1. Rückblick. 2. Zeugnisse 1501--19) und durch das Sachregister für den Forscher unentbehrlich geworden sind (1929 Nr. 1839). Recht geteilte Aufnahme hat Wendorfs Lutherbuch gefunden ( 1650 a). W. will unter Anwendung der strukturpsychologischen Methode die Persönlichkeit Luthers erfassen. Er tut es, indem er von dem zentralen Element des Religiösen ausgeht, um auf Grund dessen die soziale und politische Einstellung zu betrachten. Dabei wird die Frage gestellt, ob wirklich die in diesen beiden Gebieten eigentümlichen Gesetzlichkeiten gewahrt bleiben oder ob durch das Religiöse Modifikationen eingetreten sind. Der Psychologe, der im allgemeinen auf die richtige Anwendung der Methode reflektiert, hat über W.s Buch günstig geurteilt, so Eduard Spranger. Stärkste Bedenken haben die Theologen (vor allem Iwand) geäußert, da eben auch die

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Strukturpsychologie, die sich an die Gestalten der Kirchengeschichte heranwagt, mit den bisherigen Ergebnissen der historischen Theologie zu rechnen hat. Vor allem hätte W. die Selbstaussagen Luthers über seine Person -- was diese bedeuten, hat Karl Holl eindringlichst gezeigt -- aufs stärkste berücksichtigen müssen. Wenn er dies getan hätte, dann wären -- abgesehen von mancher Einzelheit -- die Abschnitte über die soziale (Übergang von kontemplativer zur aktiven Einstellung) und politische Struktur (Luther ein Machtmensch, aber kein politischer Mensch) wesentlich anders ausgefallen. -- Es ist ein Verdienst von H. Volz, daß er die erste Lutherbiographie, die diese Bezeichnung mit Recht trägt -- die Lutherpredigten des Johannes Mathesius --, endlich einmal einer kritischen Prüfung auf Quellen, Tendenz, historische Veranlagung des Verfassers unterzogen hat ( 1682). Daß Mathesius manchmal auf persönlichen Erinnerungen aufbaut, war auf Grund seiner Lebensumstände bekannt; daß er sich eingehend mit Luthers Schriften und mit den Tischreden befaßt hat, daß er auch andere Quellen sich zu verschaffen wußte und sie ausgeschöpft hat, das hat Volz nunmehr nachgewiesen. Dadurch erfährt das Werk eine Wertung, die ihm oft auf Grund seiner Tendenz (Kampf gegen Katholiken und Schwärmer) und seiner Überschätzung Luthers abgestritten worden ist. -- Ganz besonders fruchtbar ist die Forschung, die den verschiedensten theologischen Problemen in der Anschauungswelt Luthers nachgeht. Hier kommt meist die jüngste theologische Generation zu Wort, die in enger Begrenzung auf einen besonderen Schriftenkreis -- meist handelt es sich um den jungen Luther -- und in scharfer Herausstellung eines einzelnen theologischen Problems meist unter sachkundiger Führung Tüchtiges geleistet hat. Hierher gehören die Arbeiten von Iwand, Vogelsang, Gennrich, Hans Michael Müller, v. Löewenich und anderen mehr. Doch auch hier zeigt sich bereits die Neigung zur Synthese. Erich Seeberg plant eine vierbändige Theologie Luthers, die freilich nicht eine ausgeführte Theologie Luthers werden soll, sondern nur die treibenden Kräfte und die Zusammenhänge mit dem MA. aufzeigen will. Wie er ans Werk geht, ist aus dem 1. Band, der von Luthers Gottesanschauung handelt, erkennbar (1929 Nr. 1855). S. betont das Ideengeschichtliche, und zwar soll damit die theologische Stellung Luthers mehr durch einen Vergleich der Totalitäten als durch die Aufhellung der Einzelbeziehungen herausgestellt werden. So werden als Typen der mittelalterlichen Gottesanschauung Thomas, Biel, Tauler und Erasmus der Anschauung Luthers gegenübergestellt. Diese Methode rechtfertigt sich am Ergebnis: Wie eindrucksvoll bricht die im Inkarnationsdogma wurzelnde, in der persönlichen Heilserfahrung gegründete Gottesanschauung Luthers hervor. Ihr gegenüber steht der Intellektualismus der  Aquinaten oder die areopagitische Vorstellung vom unbekannten Gott bei Tauler, die Idee vom fernen, unbegreiflichen Gott des Nominalismus, während Erasmus moralistisch-juristisch denkt. Ganz anders ist die Anlage von O. Dittrichs Werk über Luthers Ethik ( 1662). Da das Buch aus den Vorarbeiten zum 4. Band seiner Geschichte der Ethik herausgewachsen ist, verzichtet er mit Recht auf Rückblicke in das MA. und teilt deren äußere Anlage: die Zitatenhäufung, die reichen Quellen- und Literaturangaben, das vorzügliche Sachregister. Die in der Sache gegebene Disposition ist gewählt: die Theologie Luthers als Grundlage seiner Ethik und die Ethik Luthers auf Grund seiner Theologie, so daß der unauflösbare Zusammenhang zwischen Glauben und Handeln aufs schärfste herausgearbeitet ist. Fein ist, daß die

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Grundthese Luthers: Gerecht und Sünder zugleich immer wieder anklingt. Ebenso sind im systematisch-ethischen Teil die Grundbegriffe: Freiheit, Liebe, Gehorsam, Gesetz in ihrer ganzen Bedeutung erfaßt. Aber die Lektüre des Buches ist nicht leicht, da der verbindende und zusammenfassende Text des Verfassers zu stark zurücktritt.

12. und 13. Jahrhundert: Staatsanschauung.

Einen wichtigen Teil dieses frühen Absolutismus des 12. Jhds., den Kaisergedanken Friederichs I., verfolgt, soweit er sich in den Arengen der Urkunden ausspricht, eine Münstersche Dissertation von Antonie Jost (1930: 716). Im wesentlichen werden nur die in Betracht kommenden Urkundenstellen nach Sachrubriken verzeichnet, z. T. unter Konfrontierung entsprechender Arengenformen der salischen und frühstaufischen Kanzlei; die Bedeutung der einzelnen festgestellten Formeln für Friedrichs Kaisergedanken als Ganzem wird nur kurz und ohne nennenswertes neues Ergebnis gestreift. -- Anspruchsvoller ist die Berliner Dissertation von Nitz (1930: 1489), die die antipäpstliche und antikuriale Opposition in der mhd. Spruchdichtung des 13. Jhds. (Walther v. d. Vogelweide, dann Reinmar v. Zweter und Freidank, schließlich Hugo v. Trimberg und Heinr. Frauenlob, daneben weniges andere) in zeitlicher Ordnung durchläuft. Leitend ist die Frage, wieweit die scharfe antikuriale Polemik der Zeit sich bereits zu nationalpolitisch gefärbten Angriffen gegen das »welsche« Papsttum zuspitzte. Nach N.s Feststellungen war dies in nennenswerter Weise fast nur bei Walther v. d. Vogelweide der Fall. Daß dessen Heimatliebe zum Lande der tiuschen zunge nicht einfach als Ausdruck eines staufischen Reichsgedankens angesehen werden darf, sondern sich gegen die staufische Realpolitik wandte, sobald diese überdeutsche Kaiserziele in Italien verfolgte, ist richtig gesehen, aber leider zu der Vorstellung verzerrt, daß in Walther schon ein vorweggenommener moderner Nationalgedanke und reformatorische Gegnerschaft gegen das Papsttum aufbegehrten. Da N. zudem von den wirklichen historischen Situationen wenig weiß und deshalb Papst und Kirche fast allein durch die einseitige Brille der zeitgenössischen Kampfliteratur sieht, so kommt es zu so erstaunlichen Urteilen wie: man spüre bei Walther schon »die Sorge um die nationale, die deutsche Kirche« (S. 20), Walther »verwerfe das Papsttum und die gesamte Hierarchie als unchristlich« (S. 21), »er wünsche die Lösung der deutschen Kirche von dem Absolutismus des Papsttums, der die deutsche Eigenart nicht zur Entfaltung kommen ließ«


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(S. 30), u. dgl. m. Das beeinträchtigt natürlich stark den Wert der sonst sorgsamen und nützlichen Arbeit. -- Mehr systematisch als eigentlich historisch ist die Darstellung der Staats- und Soziallehre des hl. Thomas v. Aquino von O. Schilling (1929, S. 414 nr. 33). Die bei katholischen Autoren häufiger sich findende Neigung, weniger die Unterschiede als das Übereinstimmende patristischer, scholastischer und z. T. selbst antiker (aristotelischer) Denkart ins Auge zu fassen, tritt bei Sch., wie schon in seinen früheren Schriften, stark hervor. »Ganz verfehlt wäre es«, formuliert er es selber, das Werk der ma.- lichen Scholastik »irgendwie in Gegensatz zur patristischen Gedankenwelt zu bringen. Insbesondere die Theorie des hl. Thomas v. Aquin ist nichts anderes als die konsequente und bewußte Entfaltung der patristischen und hauptsächlich der augustinischen Ideen... Von einem ausschlaggebenden Einfluß der Zeitverhältnisse ... kann, soweit die prinzipielle Seite in Frage steht, in keiner Hinsicht die Rede sein; die von ihm verwerteten Prinzipien haben absolute Geltung« (S. 334, auch 310 f.). Auch von irgendwelchen Spannungen, lebenweckenden oder hemmenden, innerhalb der thomistischen Ideenwelt ist bei Sch. nicht die Rede, ebensowenig wie solche bei Augustin und in der übrigen Scholastik, über deren Naturrechtslehre ein Kapitel vorausgeschickt wird, zugegeben werden. Gegen diese die historisch-individuellen Besonderheiten zurückdrängenden Harmonisierungstendenzen Sch.s hat gelegentlich seiner früheren Veröffentlichungen vor Jahrzehnten schon Troeltsch angekämpft. Die Replik gegen Troeltsch durchzieht daher bald als Unterton, bald in direkter Aussprache das neue Thomas-Werk. Von dieser dem Historiker besonders fühlbaren Einschränkung abgesehen, ist aber die erst in der vorliegenden 2. Aufl. zu einem umfangreichen Buch gewordene Arbeit die zuverlässigste, vollständigste und übersichtlichste Darstellung der Staats- und Sozialanschauungen des  Aquinaten, die wir zur Zeit besitzen. -- Die vor einigen Jahren viel behandelte Spezialfrage, ob Thomas als Vertreter einer »gemäßigten Volkssouveränitätslehre« in Anspruch genommen werden dürfe, wird von Wilh. Müller (Bonner Z. f. Theol. 7, 1930, 321 ff.) in leider sehr juristisch-abstrakten Ausführungen nochmals mit Recht dahin entschieden, daß Thomas zwar in aristotelischer Weise die drei möglichen Staatsformen sämtlich als zeitlich »berechtigte« anerkannte, als »eigentlich naturgemäße und ursprüngliche Staatsform« ihm aber im Sinne seiner Zeit die Monarchie galt.


1925 | 1926 | 1927 | 1929 | 1930 | 1932 |

1932

§ 32. Wirtschaftsgeschichte des Mittelalters

R. Ruth < 1898> untersucht die katholische Lehre vom Zinsverbot in bezug auf ihre historische Entwicklung und ihre Einstellung zu den jeweiligen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen. Er kommt zu dem Ergebnis, daß der kirchliche Standpunkt, der besonders im Anschluß an die Lehre des Thomas von Aquin formuliert worden ist, nicht so starr war, wie oft angenommen wird und daß er durch allgemeine soziale Anschauungen, besonders durch den Schutz des Schwächeren vor der Vergewaltigung durch den Zinsnehmer


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bedingt und bestimmt war. Wo die soziale Bedrückung nicht zu befürchten war, hat die Kirche einen milderen Standpunkt eingenommen. Aus dieser Haltung heraus ergab sich für die Kirche die Möglichkeit, das Zinsverbot immer aufrechtzuerhalten und gleichzeitig die Tatsache des Zinsnehmens als gegeben hinzunehmen und unter bestimmten Voraussetzungen nicht zu verdammen. Der Wert der Abhandlung liegt in der dogmatischen Auseinandersetzung, weniger in der wirtschaftsgeschichtlichen Grundlegung, die zu schmal und zum Teil überholt ist. A. Sapori < 1899> geht in seiner Abhandlung über den gerechten Preis bei Thomas von Aquin mit Recht vom Gesamtbild der thomistischen Wirtschafts- und Gesellschaftslehre aus, denn nur als Teil und besondere Auswirkung dieser ist die Preislehre erst richtig verständlich. Für Thomas gab es zwei Hauptgesichtspunkte, die Befolgung des göttlichen Gesetzes und die Erhaltung der Gesellschaft. Die Gesellschaft ist gegliedert, daraus ergibt sich eine Ungleichheit und auch eine Relativität in der Gestaltung der Preise, die aber durchaus gerechtfertigt ist. Sapori gibt dann noch Beispiele, wonach die Lehre des  Aquinaten auch in der Wirtschaftspolitik des MA. Geltung hatte.


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