1925 | 1926 | 1927 | 1928 | 1929 | 1930 | 1931 | 1932 | 1933-34 | 1935 | 1936 | 1937 | 1938 |

1925

§ 1. Allgemeine Bibliographie.

Die Berichte über die Tätigkeit unserer Publikationsinstitute lassen den erfreulichen Wiederaufstieg derselben nach der Krisis der Inflationsjahre deutlich erkennen. Für drei unserer wichtigsten geschichtlichen Zeitschriften erschienen im Berichtsjahre Gesamt- oder Teilregister ( 11--13), Arbeitsbehelfe, die um so dringender werden, je mehr der Zugang zur rein wissenschaftlichen Literatur durch die immer stärker anschwellende Flut des halbwissenschaftlichen und populären Schrifttums erschwert wird. Ziemlich gering ist noch immer die Zahl der territorialgeschichtlichen Zeitschriften, die ihren Lesern regelmäßig Bibliographien der Neuerscheinungen ihres Stoffkreises bieten ( 32--43). Die Sammlung der neu erschienenen, für sein Studiengebiet in Betracht kommenden Literatur bereitet dem Historiker in der Regel besondere Schwierigkeiten, auch die  deutsche Wissenschaft wird sich daher gern des unter der Ägide des Völkerbundes bearbeiteten internationalen Verzeichnisses der Quellen zur laufenden Bibliographie bedienen ( 19).

I. Archivverwaltung.

Das in Deutschland früher nicht eben starke Interesse an der Behandlung archivgeschichtlicher und archivtechnischer Fragen ist in den letzten Jahren merklich gestiegen, es ist daher dankbar zu begrüßen, daß durch die Wiederbelebung der Archivalischen Zeitschrift eine Sammelstelle für diese


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Studien geschaffen wurde. Die vom bayerischen Hauptstaatsarchiv herausgegebene und unter der geschickten Leitung J. Striedingers stehende Zeitschrift will nach ihrem neuen Programm alle Länder deutscher Zunge und auch das Archivwesen des Auslandes berücksichtigen, soweit es für  deutsche Verhältnisse beachtenswert ist, gleich der vorliegende erste Band bedeutet durch die Vielseitigkeit und Reichhaltigkeit seines Inhalts eine Erfüllung jenes Programms.

I. Archivverwaltung.

Die große Neuschöpfung der Nachkriegszeit, das Potsdamer Reichsarchiv, hat von Anfang an entgegen der Gepflogenheit der älteren Archive die Öffentlichkeit für seine Aufgaben und Ziele zu interessieren verstanden, wie es sich denn als »das jüngste, an Akteninhalt das größte und nach seinen Aufgaben das vielseitigste und weitschichtigste  deutsche Archiv« ansieht (Archival. Zeitschr. 1925, S. 119). Auch im Berichtsjahr liegen eine Anzahl von Arbeiten über das Reichsarchiv vor, wir nennen von diesen besonders die für den großen Kreis der Benutzer sehr willkommene Übersicht über die Organisation und die Aktenbestände der Anstalt, die Rogge ( 58) veröffentlichte.

I. Allgemeines.

Wer von dieser allgemeinen Zusammenfassung zu den einzelnen bibliotheksgeschichtlichen Problemen vordringen will, der findet in Deutschland keinen zuverlässigeren Wegweiser als das Zentralblatt für Bibliothekswesen. 1884 begründet und heute im 44. Jahrgang erscheinend, bildet es das große Magazin, das in streng wissenschaftlichem Sinne historisch, beschreibend und programmatisch den gesamten Fragenkomplex umfaßt, der das  deutsche und ausländische Bibliothekswesen betrifft. Es ist zugleich bibliographisch und kritisch das literarische Organ seines Fachgebietes und bringt die amtlichen Verfügungen wie die personalen Veränderungen an den deutschen Instituten. Den beiden Generalregistern für die Jahrgänge 1--10 und 11--20 folgte im Berichtsjahre ein solches für die Jahrgänge 21--40 (1904--1923) ( 93). Georg Leyh, der Direktor, und Paul Gehring, Bibliothekar der Tübinger Universitätsbibliothek, haben sich der Mühe der Bearbeitung unterzogen. Neben dem chronologischen Verzeichnis der Aufsätze, dem Autorenregister und dem alphabetischen Verzeichnis der besprochenen Schriften enthält der 313 Seiten starke Band ein mit großer Sorgfalt angelegtes Personen- und Sachregister, dessen Schlagworte ein schnelles und sicheres Auffinden der Mitteilungen über alle Punkte ermöglichen, die in dieser Periode ungeahnter Entwicklung des Bibliothekswesens in den Jahrgängen der Zeitschrift zur Sprache gekommen sind. Mit einem Verzeichnis der Personalnachrichten schließt der Band.

II. Einzelne Bibliotheken.

Aus der Fülle der Arbeiten, die sich mit der Geschichte einzelner Büchersammlungen befassen, seien die über die größte  deutsche Bibliothek, die Preußische Staatsbibliothek in Berlin, herausgegriffen. Curt Balckes Bibliographie ( 118) kann hinsichtlich der Gruppierung und der Druckeinrichtung als Muster für die Anlage eines solchen Werkes gelten. Schon die Lektüre der über 1000 Titel veranschaulicht das ausgebreitete Wirkungsfeld, das dieses Institut umgibt. Während ein Vortrag, den Gustav Abb auf der ersten Tagung der Brandenburgischen Geschichtsvereine hielt ( 119), die Zusammenhänge der Churfürstlichen Bibliothek mit den mittelalterlichen Stifts- und Klosterbibliotheken der Mark nachweist, führt Tautz ( 120) in Form aktenmäßiger Lebensbeschreibungen der 24 Persönlichkeiten, die bis 1701 an dieser Bibliothek wirkten, in die Einzelheiten ihrer Geschichte ein. Das Buch wird dadurch zugleich zu einem Ausschnitt aus der Gelehrtengeschichte der Zeit. Hinter den Bibliothekaren, deren amtliche und schriftstellerische Tätigkeit eingehend geschildert wird, erscheint die mächtige Persönlichkeit des Großen Kurfürsten, der mit unermüdlicher Zähigkeit bis ins kleinste anordnend, ermahnend, auch wohl scharf tadelnd die Förderung seiner Schöpfung persönlich


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leitete. 55 Aktenstücke, die im Anhang veröffentlicht sind, enthalten ein reiches bibliotheksgeschichtliches Material. Das Buch ist als Baustein zu einem Corpus bibliothecariorum gedacht.

I. Allgemeines und Periodisierung der Geschichtschreibung.

Gehen wir von der allgemeinen zur deutschen Geschichte, so belehrt uns K. Brandi ( 129), daß der uns geläufige Begriff der deutschen Geschichte nicht viel älter sei als 100 Jahre, daß er zurückgehe auf Möser. Angeregt von dem italienischen Humanismus habe einst Wimpfeling eine »Form und Idee der deutschen Geschichte« geschaffen, die für Jahrhunderte herrschend geblieben sei. Vom 17. bis ins 19. Jahrhundert sei die  deutsche Geschichte so gut wie ausschließlich eine Magd der Jurisprudenz, in erster Linie des Jus publicum


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gewesen. Erst Möser habe eine neue Ansicht von deutscher Geschichte eröffnet durch die Wiederentdeckung der Grundschichten dieses besonderen deutschen Volks und ihre Einordnung in das System des öffentlichen Rechts. Nach dem wechselnden Verhältnis von Grundeigentum und Freiheit zu Besitz periodisiere Möser die  deutsche Geschichte. Das 19. Jahrhundert bleibe in Anläufen zu neuer Gestaltung stecken, ja seine zweite Hälfte zeige ein völliges Versagen für eine neue Erfassung unserer politischen Geschichte. Und wenn auch auf manchen Gebieten sich neue Aspekte zeigten, so seien wir im ganzen weit davon entfernt, in der neuen Richtung kulturgeschichtlicher Zusammenfassung oder gar der geistesgeschichtlichen Ergründung tieferer Zusammenhänge sobald etwas wirklich Befriedigendes zu leisten.

II. Geschichtschreibung in zeitlicher Reihenfolge.

In einer sorgfältigen und ergebnisreichen Arbeit über »das Chronicon Carionis« als »Beitrag zur Würdigung Melanchthons als Historiker« hat Gotthard Münch ( 137) zunächst wohl sichergestellt, daß Carion mit dem 1514 in Tübingen immatrikulierten Johannes Negelin aus Bietigheim identisch ist und ferner, daß im Gegensatz zu dem Urteil Menke-Glückerts, der Carions Anteil als äußerst geringfügig hingestellt hatte, diesem für die von Anfang an  deutsche Chronik nach Melanchthons eigener Aussage ganz überwiegend die Zusammenbringung der Materialien zukommt, während -- außer manchen, auch wichtigen Zusätzen -- die Ordnung und darstellende Verarbeitung der Materialien


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das Werk Melanchthons ist. Die Durchdringung mit der eigenen Gedankenwelt des Reformators ist am stärksten im ersten Teil, sie tritt zurück im zweiten und mehr noch im dritten Teil. Eine genaue Scheidung der Anteile hält Münch für ebenso unmöglich wie die restlose Aufdeckung der Quellen. Die Mängel einer verbreiteten lateinischen Übersetzung haben später Melanchthon selbst zu der lateinischen Bearbeitung veranlaßt, die, aus Vorlesungen entstanden unter Heranziehung neuer Quellen, eine intensive Theologisierung zeigt. Keineswegs aber ist Melanchthon der bahnbrechende Historiker seiner Zeit, noch auch der Wegebereiter der Geschichtschreibung der Zukunft. Seine Chronik ist »das klassische Werk der humanistischreformatorischen Geschichtschreibung«, er hat den Ideen der altchristlichen und mittelalterlichen Geschichtsmetaphysik noch einmal Ausdruck gegeben.

§ 6. Urkundenlehre.

In gewissen Beziehungen zur Papsturkundenlehre stehen einige andere Arbeiten: Zunächst Schneiders gehaltvolle Abhandlung über die unter fleißiger Benutzung des Liber pontificalis 1081/84 im Dienst der Politik Wiberts von Ravenna verfertigte Cessio donationum Leos VIII. ( 1990), eine Untersuchung, die aufschlußreiche Einblicke in Wissen und Arbeitsweise des Fälschers, eines Angehörigen der Ravennater Rechtsschule, eröffnet; dann der Aufsatz Hillings über den schon von Zeumer und Schrörs behandelten Ausdruck »paria litterarum« ( 416), der, wie neue Belege aus der kanonistischen Interpretationsliteratur des 13. Jahrhunderts zeigen, wohl meist auf inhaltlich zusammengehörige Stücke angewendet, aber kaum als terminus technicus gebraucht wurde und vielleicht an die alten litterae a pari erinnerte; vor allem aber die wertvollen, von Abbildungen begleiteten Darlegungen Rests ( 426) über Ablaßurkunden, die, besonders seit 1282, trotz Stellungnahme leitender kirchlicher Kreise dagegen namentlich zu Rom und Avignon seitens einer oft bedeutenden Anzahl von Bischöfen und Erzbischöfen bis 1364 besonders für  deutsche, französische und nordische Empfänger ausgestellt und seit etwa 1322 im französischen Geschmack mit immer reicherem Miniaturenschmuck versehen wurden.

§ 6. Urkundenlehre.

Endlich müssen hier zwei sprachwissenschaftliche Untersuchungen (zum Urkundenlatein vgl. 633a) hervorgehoben werden. Noordijks Schrift über die Sprache der Kaiserurkunden des 15. Jahrhunderts ( 655a) dürfte für die Geschichte


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der Reichskanzlei von Belang sein. Carlies durch die Abbildung einer auf deutschem Boden ausgestellten Urkunde Waldemar Atterdags unterstützte Ausführungen ( 656) dagegen, die den bekannten deutschen Einfluß auf das nordische Urkundenwesen neuerlich beleuchten, zeigen, wie in der dänischen Königskanzlei (zur dänischen Königsurkunde vgl. auch 852), deren Schreiber anfangs wohl meist  Deutsche waren, unter dem Einfluß der deutschen Vormachtstellung im Norden und der südwärts gerichteten Beziehungen Dänemarks neben dem Lateinischen das Mittelniederdeutsche seit 1315 vereinzelt, seit den vierziger und besonders den sechziger Jahren des 14. Jahrhunderts immer häufiger bei Ausfertigung solcher Urkunden, namentlich solcher für deutschsprachige Empfänger, verwendet wurde, während dänisch, schwedisch oder norwegisch abgefaßte Königsurkunden erst in den sechziger Jahren desselben Zeitraums allmählich einsetzten. Beschränkt sich auch das über Urkunden- und Kanzleiwesen Gesagte auf Andeutungen, so wäre doch zu wünschen, der Verfasser möge in der Lage sein, seine Untersuchungen über 1430 hinaus, also in die Zeit zu führen, aus der Kanzleibücher erhalten sind, in der die Zahl der mittelniederdeutschen Ausfertigungen noch stieg und in der eine eigene  deutsche Kanzlei entstand. (Zur Urkundensprache Niederdeutschlands vgl. auch 654, 655.)

I. Quellenkunde und Sammelwerke.

Das schwer zu erfassende und weitverstreute genealogische Schrifttum bedarf in besonders dringender Weise der bibliographischen Ordnung und Überwachung. Seit dem Berichtsjahr 1925 ist hierfür durch die umsichtigen Arbeiten der »Zentralstelle für  Deutsche Personen- und Familiengeschichte« in Leipzig Wertvolles geleistet worden. Johannes Hohlfeld und Friedrich Wecken veröffentlichen seit Februar 1925 regelmäßig in den »Familiengeschichtlichen Blättern« monatliche Übersichten über die »Neuerscheinungen auf dem Gebiete der Genealogie und verwandter Wissenschaften«, die die Grundlage zu den in den »Mitteilungen« der Zentralstelle erscheinenden Jahresübersichten »Familiengeschichtliche Bibliographie« bilden. Die ersten beiden dieser Jahreshefte, für 1921 und 1922, bearbeitet von Friedrich Wecken, sind 1925 erschienen ( 431); inzwischen sind die Arbeiten wesentlich fortgeschritten, und bis zum Frühjahr 1927 sind bereits die weiteren Hefte bis einschließlich 1925 herausgekommen (1923/24 als Heft 33, 1925 als Heft 35 der »Mitteilungen«). Die »Familiengeschichtliche Bibliographie, Jahrgang 1925«, gibt somit bereits einen annähernd vollständigen Überblick über das genealogische Schrifttum des Berichtsjahres. In gewissenhafter Kleinarbeit sind auch die Hunderte von Stamm- und Ahnentafelveröffentlichungen in den genealogischen Sammelwerken bibliographisch verarbeitet. Die Zahl der in dieser Weise bibliographisch verarbeiteten 1570 Erscheinungen genealogischer Art allein für 1925 kennzeichnet am besten die umfangreiche, tüchtige Arbeit, die auf diesem Gebiete geleistet wird, und die lebhafte Anteilnahme, die ihr entgegengebracht wird.

I. Quellenkunde und Sammelwerke.

Von den »Mitteilungen der Zentralstelle für  Deutsche Personen- und Familiengeschichte« ist außer den beiden Jahresbibliographien noch ein drittes Heft erschienen, das eine wichtige Quellenübersicht enthält: Machholz' Verzeichnis der Kirchenbücher der Provinz Sachsen ( 461). Man erfährt daraus erneut mit Besorgnis, welchen ständigen Gefahren diese unersetzlichen Quellen für Orts- und Sozialgeschichte durch die unsachgemäße Aufbewahrung in den Pfarrhäusern ausgesetzt sind -- das ältere Verzeichnis von Krieg (vom Jahre 1898) führt in nicht weniger als 150 Fällen ältere Kirchenbücher auf, die in den amtlichen Verzeichnissen von 1923, die Machholz' Arbeit zugrunde liegen, verschwunden sind. Es muß allerdings berücksichtigt werden, daß diese pfarramtlichen Meldungen anscheinend zum Teil nicht mit genügender Sorgsamkeit erstattet worden sind (vgl. die Besprechung von Thiele, Mühlhäuser Geschichtsblätter 1925/26, S. 350--352). Ohne eingehende persönliche archivalische Nachforschungen an Ort und Stelle werden solche, lediglich auf amtliche Unterlagen der Zentralbehörde aufgebaute Quellenverzeichnisse eben immer lückenhaft und fehlerhaft bleiben. Auch Anton Müller hat sein »Beschreibendes Verzeichnis« der Kirchenbücher der bayerischen Pfalz ( 451) nicht allenthalben auf persönliche Einsichtnahme begründen können, vor allem wegen der zeitlichen Besatzungsschwierigkeiten; dennoch ist seine Arbeit wesentlich mehr als ein »erster Versuch«, wie er sie allzu bescheiden nennt. Er hat zu seinen kurzen Beschreibungen der pfarramtlichen Zustände auch die weitschichtige Literatur und archivalische Unterlagen herangezogen und angeführt, wodurch er den Weg zu weiteren Nachforschungen wesentlich ebnet. Aus der Reihe genealogischer Quellenveröffentlichungen verdient die des Goslarer Bürgerbuches von Bonhoff ( 458) hervorgehoben zu werden.

I. Quellenkunde und Sammelwerke.

In dem genealogischen Schrifttum kann man drei voneinander in der Grundlage weitab liegende Richtungen unterscheiden, in denen zugleich der Streit um Ziel und Aufgabe der Genealogie seinen Ausdruck und Niederschlag findet. Unter Führung der Zentralstelle in Leipzig und der anderen großen genealogischheraldischen Vereine und ihrer Zeitschriften verfolgt die streng wissenschaftlich fundierte Richtung das Ziel einer wesentlich soziologisch orientierten Wissenschaft, wie v. Klocke mehrfach und eindringlich ihre Aufgabe umrissen hat. (Vgl. Jahresberichte der deutschen Geschichte 6 [1923], S. 18.) Daneben tritt, unter Führung der Zeitschrift »Kultur und Leben« (Nürnberg, Spindler, 2. Jg. 1925) und des »Hallischen Genealogischen Abends«, eine mehr die gemütvoll-ethische Seite der Familienforschung betonende Richtung hervor, die sich auch vielfach mit der völkisch-rassenpolitisch eingestellten Linie des Berliner Vereins für deutschvölkische Sippenkunde, »Der  deutsche Roland« (dessen »Mitteilungen« 1925 im 13. Jahrgang erschienen), kreuzt. Eine dritte, gefährlichere, weil oberflächliche und ideenarme, Richtung hat v. Klocke in der Zeitschrift »Kultur und Leben« ( 435) in treffender Weise als »Bric-à-brac-Genealogie« gekennzeichnet, die sich mit der kritiklosen Aufhäufung von losgelösten Einzeltatsachen begnügt und die Einstellung auf das Große und Ganze völlig aus dem Auge verliert. v. Klocke geißelt die geradezu sportmäßig betriebene, nur auf Namen und Zahlen erpichte, zeitlich möglichst weit zurückgehende Verfolgung


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von Ahnenreihen und die neuerlich hervortretende einseitige Bevorzugung der Ahnentafelforschung zuungunsten der Stammtafelforschung, die doch der Kernaufgabe der Genealogie: »der Erkennung von Aufbau, Wesenheiten und Auswirkung der Kleinfamilie oder des Großgeschlechtes als Sozialorganisation«, wesentlich wertvollere Dienste leiste.

I. Quellenkunde und Sammelwerke.

Aus dem Gebiet der Ahnentafelforschung ist über drei bedeutsame Sammelwerke zu berichten. Mit der 3. Lieferung ist der 1. Band der »Deutschen Ahnentafeln in Listenform« vollständig geworden, die von der Zentralstelle für  Deutsche Personen- und Familiengeschichte herausgegeben werden ( 443). Die Schriftleitung dieses Bandes besorgte Friedrich Wecken, dessen Tätigkeit sich aber im wesentlichen auf Herstellung äußerer Gleichförmigkeit beschränkt, während die wissenschaftliche Verantwortung für den Inhalt der Listen die einzelnen Einsender zu tragen haben; das erscheint angesichts mancher sehr angreifbaren Liste, wie der des Hans Albrecht v. d. Gabelentz (Nr. 69), wichtig zu betonen. Das Ahnentafelwerk der Zentralstelle enthält 120 Ahnenlisten, die sämtlich in der Reihenfolge der Kekuleschen Ahnenbezifferung abgedruckt sind. Die Vorzüge dieser Veröffentlichungsmethode verwandeln sich bei allzu großen Listen, wie der erwähnten Gabelentzschen, die auf 100 Spalten bis zu Ahn Nr. 16_384 hinaufführt, in offenkundliche Nachteile, da zusammenhängende Ahnenreihen hier bis zur völligen Unübersichtlichkeit


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auseinandergerissen werden. Hier wäre eine Zerlegung in einzelne Ahnenreihen, wie es die beiden nachfolgenden Werke tun, zweckdienlich und dringend zu empfehlen.

II. Namenforschung.

Als ein Hilfsmittel von großer Bedeutung in der historischen Geographie ist die Namenforschung anerkannt; doch ist diesmal nur wenig von allgemeiner Tragweite hervorzuheben. Eine Einzelfrage von Wichtigkeit für Gesamtdeutschland hat W. Müller ( 521) behandelt, indem er Vigeners Untersuchungen wieder aufnahm und fortführte. Die in den Quellen auftretenden Bezeichnungen für die Deutschen und das  deutsche Land und Reich werden für das späte Mittelalter, in dem der bleibende Sprachgebrauch recht eigentlich durchdringt, lateinische sowie  deutsche Ausdrücke, zusammengestellt und gute Beobachtungen über ihr Aufkommen und ihre Verbreitung hinzugefügt. Hervorgehoben sei, daß Tuslant 1327 (in einer Urkunde des Erzbischofs von Mainz) begegnet, daß die Form » Deutsche« sich von Böhmen und Österreich aus im 14. Jahrhundert verbreitet hat. Der Ortsnamen i.e.S. wird bei den siedlungsgeschichtlichen Einzeluntersuchungen räumlich beschränkter Art mehrfach zu gedenken sein; eine umfassendere Arbeit darüber ist nicht erschienen. -- Über die Flurnamenforschung bot H. Beschorner ( 527) einen zusammenfassenden Bericht; künftig wird dafür eine neue Einrichtung in eigens den Flurnamen dienender Veröffentlichung geschaffen werden. Ein gutes Beispiel der Verwertung von Flurnamen für siedlungsgeschichtliche, auch volkskundlich wichtige Aufschlüsse bot A. Meiche ( 582), mit Beigabe einer Flurkarte zur Veranschaulichung der flurgeschichtlich wichtigen Ergebnisse, zugleich ein Beispiel für die Bedeutung solcher Studien für die aus der Flurgeschichte mögliche Aufhellung von Fragen der Stadtentstehung.

IV. Siedlungsgeschichte.

Sehr wichtig in der mitteleuropäischen Siedlungsgeschichte war das böhmisch-mährische Land; die Entwicklung der dortigen Siedlungsverhältnisse ist zurzeit stark umstritten. Eine Übersicht über einschlägige Schriften bot W. Uhlemann ( 611) in ruhig sachlicher Abwägung. E. Schwab ( 605) kommt in knapp gehaltenen Darlegungen für einen weiteren Leserkreis der Bretholzschen Theorie weit entgegen; mit vollem Recht weist er die Behauptung der slawischen Autochthonie in Böhmen ab und nimmt, was freilich minder gesichert ist, zwischen 650 und 1100 einen geschlossenen Bestand deutscher Siedlung an. Auch Ant. Mayer ( 606) tritt in einer Folge ausführlicher und gründlicher Untersuchungen betreffs einzelner Landschaften für die Annahme des Fortbestehens germanischer Bevölkerung ein, wenigstens in Westböhmen und Südmähren, wo Orts- und Flußnamen in deutschem Munde fortlebten. Ob freilich, wie für das Egerland gesagt wird, die slawische Besiedlung in der Talsohle, weil diese einst versumpft war, durchaus jünger gewesen sein muß als die  deutsche an den Berghängen, ist zu bezweifeln;


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Siedlung der Slawen inmitten bruchigen Geländes, natürlich auf höherragenden Trockenstellen, ist bei diesem dem Fischfang so gern nachgehenden Volke anderwärts oft genug nachweisbar. -- Für den Böhmerwald sei auf eine Studie V. Schmids hingewiesen ( 612).

II. Urkundensprache.

Johan Carlie ( 656) geht von dem Einfluß der Hanse auf die Verkehrs- und Urkundensprache in den nordischen Ländern aus. Zwischen den Hansestädten und den nordischen Reichen wurde in niederdeutscher Sprache verhandelt, und auch innerhalb der Grenzen Skandinaviens spielte die mittelniederdeutsche Hansesprache eine bedeutende Rolle. C. will den nordischen Einfluß auf das Niederdeutsche durch Aufdeckung skandinavischer Entlehnungen in den mittelniederdeutschen Schriftstücken der dänischen Königskanzlei feststellen. Er behandelt Organisation, Obliegenheiten und Arbeitsweise der dänischen Königskanzlei und weist nach, daß die Schreiber in älterer Zeit  Deutsche gewesen waren; in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts kann man geradezu von einer deutschen Kanzlei sprechen. Auch hochdeutsche Urkunden sind gelegentlich von den dänischen Königen ausgestellt worden, aber nur, wenn sie während einer Reise auf hochdeutschem Gebiet geschrieben wurden. Die dänische Sprache wird in den Königsurkunden erst gegen Ende des 14. Jahrhunderts häufiger. Die Sprache ist vorwiegend nordniedersächsisch, wobei für das 14. Jahrhundert stärkere westfälische und ripuarische Züge, neben vereinzelten hochdeutschen und nordischen, zu beobachten sind. Wertvoll ist eine Beilage mit neun bisher ungedruckten Briefen von Erich dem Pommern an den Deutschen Orden.

II. Urkundensprache.

Auf handschriftlichen Materialien des Königsberger Staatsarchivs beruht die Arbeit von Bink ( 658), der die Siedlungs- und Sprachverhältnisse des Sudauischen Winkels behandelt. Es ist dies der nordwestliche Teil des Samlandes, in dem der  Deutsche Orden Ende des 13. Jahrhunderts Sudauer angesiedelt


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hat. Zur Kenntnis der Siedlungsgeschichte dieses kleinen Landstrichs ist die Arbeit wertvoll.

III. Die Ortsnamenforschung

In einer großzügigen Übersicht ( 660) spricht Bohnenberger über die Bildung der deutschen Ortsnamen. Die Beachtung aller sprachlichen und sachlichen Merkmale führt für bestimmte Ortsnamen und Siedlungsperioden zu der Auffassung eines engen Zusammenhanges zwischen Ortsnamen und Ortschaft, also zwischen Wort und Sache. Die häufigste Bezeichnung für Gruppensiedlungen ist die Bildung mit -dorf. Die einzelnen Landschaften sind an der Verwendung der -dorf-Bezeichnung verschieden beteiligt, meist sind es Landstriche bescheidener Güte oder später Besetzung durch  deutsche Siedler. Vielfach geben sie einen Hinweis auf die Rechtsverhältnisse, andere gehen auf Personennamen zurück und sind grundherrliche oder Unternehmeranlagen. Ob die -wîk-Ortschaften auf lat. vicus zurückgehen, ist ihm sehr zweifelhaft. Die -weiler-Orte gehören dem Westen und Süden an, von Köln bis zum Bodensee linksrheinisch, im Süden auch rechtsrheinisch. Die -heim-Bildungen bezeichnen Dörfer, die vom Besitz, der Zugehörigkeit ausgehen und sind nach B. ursprünglich bei den salischen Franken zu Hause. -leibe, -leben meint ursprünglich Hinterlassenschaft, angestammten Besitz. Ortschaften, mit diesem Begriff verbunden, deuten auf gute Lage und Wohlhabenheit und finden sich vorzugsweise in Nordschleswig, Sachsen, zwischen Saale und Elbe. Siedlungen mit -büttel, nur im Nordosten verbreitet, sind wahrscheinlich ursprünglich Herrensitze. In ähnlicher Weise behandelt B. Ortsnamen auf -burg, -stadt, būr, -hütte, -kote, -sedel, -zimmer, -sal, -stube, -stadel, -borstel, -hagen, -hof, -hausen und weist den Zusammenhang zwischen Namen und Siedlung nach. -- Über die -heim- und -weiler-Namen Alemanniens hat B. gesondert gearbeitet ( 674). Er glaubt einen Zusammenhang dieser Bildungen mit den Franken nachweisen und ihre Namengebung mit dem 6. Jahrhundert bestimmen zu können. Die zahlreichen Orte mit -kirchheim weisen nach B. in Alemannien auf das 7. bis 8. Jahrhundert, sie folgen zeitlich den -ingen-Namen und gehen den -hausen- und -hofen-Namen voran. Die -weiler-Namen hatte Behaghel aus


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sprachlichen und sachlichen Gründen als fortbestehende römische Gutshöfe gedeutet. B. bestreitet ihr besonderes Zusammentreffen mit römischen Anlagen für Alemannien, zumal sie meist in ungünstigem Gelände liegen und unbedeutende Kleindörfer sind. Den Einfluß des Romanischen hält B. zwar nicht für ganz ausgeschlossen, sieht aber in den -weiler-Orten Alemanniens vorwiegend junge  deutsche Kleingruppensiedlungen.

I. Allgemeines.

Die Volkskunde ist der Zeit entwachsen, in der sie ihre wesentliche Aufgabe in der Sammlung und der Beschreibung volkstümlicher Überlieferungen sah. Sie hat mit der Frage nach der Herkunft dieser Überlieferungen bewußt den Weg der Geschichtswissenschaften betreten. Ihre methodische Sonderart erweist sie darin, daß sie in stetigem Zurückschreiten aus der Gegenwart nur solche Stoffe der Vergangenheit in den Bereich ihrer Forschung rückt, die in Lebensformen der Gegenwart fortdauern. Die Volkskunde wird auch ihrem


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Begriff entsprechend überwiegend das Kulturbild der breiten Schichten des Volkes der vergangenen Perioden zu erfassen suchen, also vornehmlich die Züge, die von H. Naumann als primitive Gemeinschaftskultur bezeichnet worden sind, ohne natürlich die Schichten des Volkes grundsätzlich auszuschließen, aus denen ununterbrochen Kulturgut herabgesunken ist. Der Vorgang dieses Herabsinkens und die Wirkungen werden besonders zu beachten sein. Stärker noch als bisher wird auch der entgegengesetzte Vorgang im deutschen Bildungsprozesse von der volkskundlichen Forschung untersucht werden; das Weiterleben oder das immer neue Emporsteigen primitiver Gemeinschaftskulturzüge muß in dem Kulturbilde der höheren Schichten geklärt und in seiner Bedeutung für das  deutsche Volkstum gewürdigt werden. Dazu treten immer entschiedener erhobene neue Forderungen nach Vertiefung der wissenschaftlichen Volkskunde im Sinne der neuen geisteswissenschaftlichen Methoden. Die Erfassung des Typischen in den volkskundlichen Erscheinungen soll es ermöglichen, zur Wesensschau der Stämme und durch kulturgeographische Betrachtung zu einer Gliederung nach Kulturlandschaften vorzudringen, die »Seele« des Volkes aus seinen Äußerungen herauszulesen. Somit wird die Wissenschaft der Volkskunde, wie sie von der Geschichtswissenschaft befruchtet wurde, auch ihrerseits durch Bereitstellung kulturkundlicher Stoffe, durch Aufdeckung der in ihnen wirkenden Volkskräfte und vielleicht auch allgemein methodisch der Geschichtswissenschaft wesentliche Dienste leisten können. Die historische Volkskunde wird um so wertvoller für die geschichtliche Forschung werden, je mehr die Geschichte als Ausdruck der in der Volksmasse wirkenden Kräfte aufgefaßt wird und je klarer auch die Führergestalten als durch ihre Verwurzelung im Volkstum bestimmte und in ihrem Handeln gerichtete Erscheinungen erkannt werden. Ob die Volkskunde auf ihrem Wege vom Heute zum Einst und vom Kulturgut des Volkes zur Volksseele in Zukunft etwa ganz von der Germanistik losgelöst und als Kunde der stammechten und der organisch aufgenommenen stammfremden Kultur des Gesamtvolkes zu einer Teilwissenschaft der Kulturgeschichte werden wird, hängt davon ab, ob die Germanistik bewußt die Hinwendung zur »Deutschkunde« vornehmen und damit umgekehrt die Kulturgeschichte des deutschen Volkes in ihren Rahmen einzubauen vermag.

II. Volkskunde einzelner Territorien.

Der früheren deutschen Volkskunde, die das gesamte  deutsche Land zu umspannen versuchte, sind in den letzten Jahren zahlreiche Volkskunden der Teillandschaften gefolgt; im Berichtsjahre liegen sechs solche neue landschaftlich begrenzte Volkskunden vor. Karl Brunner ( 708) bezieht in seine Ostdeutsche Volkskunde die Mark Brandenburg, West- und Ostpreußen ein, schließt aber mit unzureichender Begründung Pommern und Schlesien aus; Posen ist mitberücksichtigt. Er will der deutschen Volksseele liebevoll nachgehen und, soweit es möglich ist, die Darstellung der Gegenwart geschichtlich untergründen. »Volkskunde ist die Wissenschaft von den Volksüberlieferungen. Sie sind geistiger und gegenständlicher Art.« Die Ausführung bietet wesentlich mehr, als diese knappe Definition erwarten läßt. Sie gibt Rückblicke und will zugleich dem Neubau des deutschen Volkstums dienen. Für den Historiker ertragreich ist der Überblick über die Siedlungsgeschichte, über die Stammesmischungen und über die Gliederung der Kulturlandschaften nach den heute wahrnehmbaren Stammeszügen. Siedlungen, Dorfformen, Wirtschaft, Bauernhaus, Trachten und Sprache werden so historische Dokumente und helfen eine Übersicht schaffen über ein Gebiet, in dem Stamm- und Kulturmischung das Gegenwartsbild äußerst bunt gestaltet haben. -- Eine Darstellung der schlesischen Volkskunde gibt Joseph Klapper ( 709). Hier wird die handschriftliche Überlieferung aus den schlesischen mittelalterlichen Klöstern herangezogen. »Volkskunde als bewußte Bildungsarbeit muß geschichtlich begründet werden. Die Landschaft, die Kulturwelt der deutschen Siedler des 13. Jahrhunderts, die Wesensart und Überlieferung der slawischen Einsassen Schlesiens, Kirche, Mönchsbildung, Einflüsse des Rittertums, des gelehrten Wissens, die Bildung der Nachbarländer deutscher und fremder Zunge, vor allem die schöpferische Tat der eigenen, jahrhundertelangen Kulturarbeit der Schlesier, all das ist Grundlage für Geist, Gemüt und Lebensführung des schlesischen Volkes unserer Zeit geworden und muß in einer Volkskunde Schlesiens klargestellt werden, wenn wir zur Erkenntnis der Eigenart der Schlesier kommen wollen.« So werden Entwicklungsreihen geboten in Abschnitten über Siedlung und Recht;


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Sprache und Namengebung; Gerät, Nahrung, Pflanzen, Volksmedizin, Tracht; Landwirtschaft, Handwerk, Handel, Waffenspiel; Rätsel, Spruchweisheit, Volkslied; Volksbelustigung, Unterhaltung, Schauspiel; Seelen- und Dämonenglauben, Sage; Zauber und Weissagung; Alltag, Jahr und Lebenslauf im Brauche; Volksfrömmigkeit; Volkskunst; Heimatpflege. -- Beiträge zur Askanischen Volkskunde nennt Oskar Stephan sein Buch ( 707a), das einen methodisch vorsichtigen Versuch bietet, durch volkskundliche Beobachtung die Stammesart der ehemaligen askanischen Grafschaft mit Einschluß ihrer Umgebung zu ergründen. Die Mundartenforschung dieser Gegend mußte in dieser Frage versagen, da hier eine Mischung von Niederdeutsch und Mitteldeutsch durch Verschiebung der ursprünglichen Mundartengrenze eingetreten ist. Sachen und Wortgeographie sind zur Lösung der Frage gleichmäßig herangezogen. Die Darstellung gibt eine Beschreibung der alten Besiedlung und der Kolonisationsvorgänge auf Grund der Ortsnamen, verfolgt die Wandlungen des Siedlungsbildes im Mittelalter und in der Neuzeit, stellt Haus- und Dorfkultur, Tracht, Rechtsverhältnisse, Gemeinschaftsleben, Menschenart, Glaube und Brauch, Sprache und Lied dar und kommt dabei zu folgendem Ergebnis: Schon in der Frühzeit der Geschichte kann man von einem Besiedlungsstreifen am Nordharz reden; das niederdeutsche Element hat bei weitem die Oberhand; die Sachsenwelle ist über das Land gegangen; in der Zeit Karls d. Gr. kommen fränkische Siedler mittel- und niederdeutscher Herkunft hinzu. Die Zeit der Kolonisation dauert bis etwa 1250. Bei der Einführung der Reformation war die Verkehrssprache hochdeutsch; die Kultur und die Menschen aber sindniederdeutsch. Die Landschaft stellt die Südgrenze der Sachsenwelle dar. Das Bauernhaus ist unter mitteldeutschem Einflusse Zweifeuerhaus. Die Sachsenwelle erreicht den Nordharz etwa in der Ausdehnung, wie sie die ältesten Siedlungen darstellen. Alles Gebiet außerhalb der Grenze des Harzurwaldes ist Kolonisationsboden, den nur die Flut, nicht die Welle des Sachsenstromes traf. Als Südgrenze der Sachsenwelle sind die Talsiedlungen vor dem Harz anzusehen.

II. Volkskunde einzelner Territorien.

Die unter Adam Wredes Leitung entstehende Sammlung von Volkskunden rheinischer Landschaften, die in Einzeldarstellungen einen Gesamtüberblick über das Volkstum der Rheinlande geben will, verdient die volle Beachtung auch von seiten der Geschichtswissenschaft. Sie ist im Berichtsjahre durch das Erscheinen von zwei weiteren Bänden ausgestaltet worden. Die Pfälzer Volkskunde von Albert Becker ( 703) ist grundsätzlich historisch eingestellt. »Ohne Kenntnis der Vergangenheit, ohne geographisch-historische Volkskunde wären eben die Gegenwart und ihre Formen nicht zu verstehen.« »Wenn es Aufgabe der Volkskunde ist, ein Spiegel des Volkslebens zu sein; wenn sie das Leben nicht nur schildert, wie es ist, sondern auch zu ergründen sucht, warum es so ist und seit wann es so ist, dann ist der Hinweis auf die Pfälzer Vergangenheit nicht eine Tatsache bloß der politischen Geschichte, sondern vor allem auch der Pfälzer Geistesentwicklung und des Pfälzer Volkstums. So hat ja die an den Sprachatlas des Deutschen Reiches angeschlossene Dialektgeographie, der jüngste Zweig der Mundartenforschung, den Nachweis erbracht, daß die heutigen Dialektscheiden nicht auf alte Gaugrenzen zurückgehen, sondern meist auf Herrschafts- und Amtsgrenzen des Hochmittelalters.« Der Verfasser schließt sich also in der Zielsetzung volkskundlicher Arbeit O. Lauffers Rede über  deutsche Altertums- und Volkskunde an (Hamburgische Universität, Reden 1923). So wird einleitend Inhalt, Alter und Umfang des Begriffes »Pfalz« behandelt. Man findet hier einen zuverlässigen Führer auf den so verschlungenen Pfaden der Pfälzer Geschichte seit dem Jahre 1156, wo Barbarossa seinen Stiefbruder Konrad mit der Pfalzgrafschaft belehnt, besonders von 1214 an, wo die Wittelsbacher in ihren Besitz gelangen. Geschichtlich wertvoll ist die im ersten Abschnitt gegebene Siedlungs-, Stammes- und Ortsnamenkunde,


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die die keltische, römische, burgundische Schicht und die spätere aus alemannisch-chattischer Mischung sich ergebende neckarfränkische Bevölkerung behandelt. Die Wirtschaftsgeschichte wird berührt im zweiten Abschnitt über Flur und Dorf, Hof und Haus. Die vorwiegend auf Sachüberlieferungen und Namengebung gegründete Darstellung der Christianisierung, die um das Jahr 1000 im wesentlichen abgeschlossen erscheint, ist methodisch lehrreich, besonders in der Verwertung des Heiligenkultus und der Kirchenpatronate. Die »Quellen und Anmerkungen« (S. 341 ff.) enthalten reiche Literaturnachweise, auch geschichtlicher Art. -- Die Hunsrücker Volkskunde von W. Diener ( 705) lehnt sich in der Stoffgliederung und in der Gesamthaltung eng an die Pfälzer Volkskunde an. Sie geht der grundsätzlichen Stellungnahme zu den Aufgaben der volkskundlichen Forschung aus dem Wege und ist für den Historiker wenig ertragreich. Als Hunsrückgebiet ist die Landschaft zwischen Mosel, Rhein, Nahe, Saar und Prims angesehen. Bemerkenswert ist die Geschichte des Volkstums dieser Landschaft: Keltenzeit, die keltisierten germanischen Treverer, die römische Heerstraße Trier-Mainz mit Römersiedlungen, wohl auch Sarmaten, die Konstantin II. dort ansetzte, dann chattische Franken mit Alemannen vermischt; das sind die Grundlagen der heutigen Bevölkerung.

III. Volkskunde und ihre Grenzgebiete.

Der sachlichen Volkskunde und der Geschichte zugleich dient eine Beschreibung der Stadt Sterzing von C. Fischnaler ( 900) nach dem »Puech der stück und gueter, so mit gemainer stat Sterzing versteuert werden«, etwa vom Jahre 1540. Desgleichen die Wiedergabe einer Stadtansicht von Innsbruck vom Jahre 1552 in einem Aufsatze von Heinrich Hammer ( 535) auf Grund einer Fußleiste in einer Urkunde Karls V. -- Ein inhaltlich beachtenswerter Beitrag zur Lösung der geschichtlich noch recht ungeklärten Fragen nach der Entwicklung des deutschen Hauses ist eine gründliche Untersuchung von


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A. Helbok ( 526) über den germanischen Ursprung des oberdeutschen Bauernhauses. Er scheidet Herd- (Küchen-) raum und heizbaren Wohnraum (Stube); dieses Zweifeuersystem ist nicht romanischer oder keltischer Herkunft. Die beiden Räume sind im oberdeutschen Bauernhause später verbunden worden. Die Stube bedeutet ursprünglich die Wohngrube, in die der einst mit dem Backofen identische Herd als Wärmeofen Eingang fand, nachdem die Funktion als Backofen zum besonderen Backhause geführt hatte. Dieser Entwicklungsgang ist auf deutsches Gebiet beschränkt. Damit wird der Zusammenhang mit dem niederdeutschen Einheitshause gewonnen. Das oberdeutsche aus Küche mit heizbarer Wohnstube zusammengezogene Haus hat sich erst nach dem Jahre 600 aus dem Gehöft herausgebildet. -- Zu ernster Nachprüfung landläufiger, auch in der Geschichtswissenschaft geltender Vorstellungen zwingt die kurze, aber gedrängte Darstellung des altgermanischen Kulturkreises durch Gustav Neckel ( 720), die eine gewissenhafte Ausdeutung der ältesten Quellen, besonders des Tacitus, mit der Verwertung der reichen nordischen, wesentlich isländischen Saga-Überlieferung vereint, in der uns auch mancher Zug der altdeutschen Volkskultur lebendig veranschaulicht wird. Grenzen und Natur des alten Germaniens, Stammesverhältnisse, die Wurzeln unserer heutigen volksechten Gesellschaftsformen und Vorstellungen vom Wesen des Staates, Grundzüge und seelischer Gehalt der altdeutschen Religion und ihre Umwandlung durch die christliche Welt sind hier mit kritischem Blick, der an der nordischen Überlieferung geschult ist, gesehen; Begriffe wie die Völkerwanderung, Adelbauern, Landnahme, Gefolgsleute, Ding, Königtum werden in vorbildlicher, von wissenschaftlichen Tagesmeinungen unbeirrter Selbständigkeit neu gewonnen. Das Buch wird dem Historiker wie dem Kulturhistoriker fruchtbare Einsichten erschließen, wenn es auch stellenweise zu Widerspruch nötigen mag. -- Erwähnt sei endlich noch der Neudruck der Prager Rektoratsrede August Sauers vom Jahre 1907 ( 697), deren Forderungen heute mehr als einst gebilligt werden. Hier wurde mit zuerst auf den engen Zusammenhang zwischen Stammesanlagen und Literatur hingewiesen und eine nach deutschen Stämmen, Landschaften, Provinzen, Ländern gegliederte Literaturgeschichtschreibung empfohlen, da nur nach gründlicher Einsicht in die Sonderart der seelischen Züge der Teilgebiete ein klares Bild des deutschen Nationalcharakters gewonnen werden könne. Die gleiche Aufgabe wird auch die  deutsche Geschichtschreibung zu lösen haben.

§ 12. Allgemeines zur deutschen Geschichte.

Die Tübinger Vorlesungen von Johannes Haller über die Epochen der deutschen Geschichte ( 206) haben seit ihrem ersten Erscheinen im Jahre 1922 schon mehrere Auflagen erlebt und stehen nach ihrer Wirkung in die Breite und in die Tiefe an vorderster Stelle aller historischen Neuerscheinungen der jüngsten Zeit. Und das ist begreiflich: aus diesem Buche spricht eine Gesamtauffassung, deren wuchtiger Geschlossenheit sich kein Leser zu entziehen vermag und die zur Stellungnahme schlechterdings zwingt. Wer mit dem Rankeschen Epochenbegriff an Hallers Überblick herangehen würde, könnte ihm nicht gerecht werden. Denn seine Haltung gegenüber der Geschichte ist ungleich mehr eine fordernde als die Rankes, und eine nationalpolitische


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Propädeutik im engeren Sinne liegt in der Richtung des Buches. Zweierlei scheint mir dabei für den Aufbau bestimmend zu sein: einmal eine scharfe Prüfung der Handlungen und Geschehnisse vom Standpunkt der politischen Ratio aus, ein Heranziehen auch des Irrealis bei der Betrachtung der Entwicklung (wie dies immer einsetzen muß, wenn man die Geschichte um möglichst unmittelbare Erkenntnisse abfragen will), und dann weiter eine Richtung auf das politische Geschehen im engeren Sinn, die zugleich Stärke und Begrenztheit des Buches bedeutet. Die Epochen der deutschen Geschichte zu zeichnen, heißt darum für Haller vor allem: die großen Wendepunkte des politischen Geschehens aufzuzeigen, die, weithin nachwirkend, jeweils ein ganzes Zeitalter geformt haben. Wohl werden auch »Epochen« eingeführt, wo große Umformungen wirtschaftlicher oder bevölkerungspolitischer Natur einsetzen -- so etwa bei der Schilderung der wirtschaftlichen Entwicklung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts oder, stärker noch, bei der Darstellung der Kolonisation des Ostens --, aber primär bleibt doch der epochale Charakter der im engeren Sinn politischen Geschehnisse gewahrt. Eben darum ist die eigentlich staatliche Entwicklung der deutschen Geschichte in diesem Buche mit beispielhafter Deutlichkeit behandelt, unter strenger Begrenzung auf die Zeiten, von denen an die  deutsche Staatsbildung einsetzt, unter Ausschaltung also der Karolingerzeit, und unter dem Gesichtspunkt, auch an alle anderen Erscheinungen des geschichtlichen Lebens zunächst die Frage zu stellen, in welchem Sinn sie auf das Werden des deutschen Staates eingewirkt haben. Die Linie, die H. zeichnet -- von 911 zum Höhepunkt des altdeutschen Kaisertums und über 1198 zum Untergang der Staufer und zur Bildung der Landesstaaten, dann die Einfügung dieses staatlich aufgelösten Gebildes in den Gesamtbau der werdenden habsburgischen Macht und die Rückwirkung auf die Verfassung bis zum völligen Erlöschen aller staatlichen Macht (von H. mit den Epochenzahlen 1477, 1517, 1555, 1648 bezeichnet), endlich der Aufstieg von Friedrich dem Großen über das Intermezzo der Napoleonischen Zeit zum Bismarckschen Reich, und dann der erneute Zusammenbruch von 1918 -- diese Linie kann hier, bei dem knappen uns zur Verfügung stehenden Raum, nicht im einzelnen behandelt werden. Nur einige der Eigentümlichkeiten, die dem Buch seine besondere Prägung geben, seien hervorgehoben. Die stete Richtung auf die Gegenwart bringt es mit sich, daß H. eine Gesamt linie der deutschen Geschichte zu zeichnen vermag und davor bewahrt ist, in übermäßigem Verweilen bei den Höhepunkten den Zeiten zerspaltenerer Entwicklung nicht ihr Recht werden zu lassen. So tritt die konstitutive Bedeutung des Spätmittelalters für die Herausbildung des unstaatlichen Charakters der deutschen Geschichte in voller Schärfe heraus, wie denn überhaupt diesen Jahrhunderten eine Intensität der Behandlung zuteil wird, die in anderen Gesamtdarstellungen oft nur zu sehr fehlt. Entscheidend ist dabei die enge Verbindung, die bei H. die Betrachtung des politischen Geschehens mit der Geographie eingegangen ist. Indem von Anbeginn an die Frage nach der geographischen Lage des werdenden Reiches gestellt wird, kann schon in den Umwandlungen des 15. Jahrhunderts der doppelte Druck von Ost und West mit voller Wucht herausgearbeitet werden. Politisches Geschehen, Geographie, Wirtschaft (und zwar die Wirtschaft im wesentlichen da, wo sie am engsten mit der Geographie verflochten ist, in der Handelsgeschichte): das sind überhaupt die Grundpfeiler

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der Hallerschen Komposition. Unzweifelhaft tritt gegenüber dieser Richtung auf die für die politische Gestaltung entscheidenden Ereignisse und auf die konstanten mit der Geographie gegebenen Linien die im engeren Sinn sozialgeschichtliche Fragestellung, die Entwicklung des Zuständlichen, ebensosehr zurück wie das Bemühen um die geistigen Wandlungen. Eben darum wirken die Abschnitte über die Reformation wie über das Erwachsen der nationalen Kultur der klassischen Zeit am wenigsten überzeugend, und etwa der Verurteilung des politischen Verhaltens der Schmalkaldener fühlt man sich versucht, das Rankewort entgegenzusetzen: »Gewiß, klug ist das nicht, aber es ist groß.« Für Haller aber kommen die anderen Sphären des geschichtlichen Lebens -- wie in diesem Fall die religiöse -- nur in ihrer Rückwirkung auf die politische Geschichte in Betracht, wie er denn bezeichnenderweise den Zugang zu der Reformation selbst von der kirchenpolitischen Seite her sucht (entsprechend seinen eigenen früheren Arbeiten). Und mit einer zugleich zwingenden und herausfordernden Schroffheit wird immer wieder dieser Standpunkt festgehalten. So gegenüber der Italienpolitik der Kaiserzeit, die ausschließlich aus macht- und wirtschaftspolitischen Motiven erklärt wird -- ein Problemkreis, den H. inzwischen nochmals im »Altdeutschen Kaisertum« behandelt hat und auf den wir hier nicht näher eingehen können. Man wird hoffen dürfen, daß, wenn die Forschung diese Frage im Anschluß an v. Belows jüngste Schrift erneut aufnehmen wird, sie sich dabei aus den Fesseln einer vom Gesichtspunkt rationaler Politik aus deduzierenden Argumentation befreien wird, wie sie auch für H., seiner Grundrichtung entsprechend, bestimmend ist -- ohne daß er doch zu den bei diesem Ausgangspunkt allerdings notwendigen Schlußforderungen Belows vordringen will. Denn die Behandlung der Kaiserpolitik ist in der Tat einer der wenigen Punkte, an denen H. sich scheut, die Konsequenzen seiner eigenen Fragestellung zu ziehen. Im Bann dieser Fragestellung kann der Leser es nicht anders als ein Abbiegen empfinden, wenn er beim Scheitern der Kaiserpolitik mit dem Troste entlassen wird, daß die schönsten Erinnerungen unserer älteren Geschichte an ihr hängen, oder wenn ihr Versagen damit erklärt wird, daß das Kirchengut und der Einfluß über die Kirche dahingeschwunden sind, wenn aber nirgends davon die Rede ist, daß diese Schmälerung der Machtbasis zuletzt auf den Investiturstreit -- also auch auf die Italienpolitik -- zurückweist. Im ganzen freilich ist unbedingte Konsequenz das, was man am wenigsten an dem Buche vermissen wird. Bei seiner geradlinigen Richtung kann es wohl dazu kommen, daß die Mächte, die mit dem werdenden deutschen Staate zusammengestoßen sind, nicht in ihrer eigenen historischen Bedeutung herausgestellt und daher schlechthin negativ beurteilt werden -- so das Papsttum, die Gegenreformation, vor allem die Habsburgermonarchie --, und so stößt man überall auf die Grenzen des Hallerschen Denkens und Wollens. Aber solche Gefahren sind nun einmal mit jeder energischen, einseitigen Fragestellung verbunden. Unzweifelhaft führt die Neigung, alle Probleme zunächst als im engeren Sinn politische zu sehen, zu mancher Übersteigerung, und das Hineinspielen nichtpolitischer Motive in die Welt des Politischen kommt nicht zu seinem Recht, unzweifelhaft werden auch bestimmte gegenwartspolitische Überzeugungen -- so die Stellungnahme gegen das Bürgertum -- zu geradlinig in die Schilderung vergangener Epochen hineingetragen -- wie man denn häufig eine Neigung zur Modernisierung der

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Probleme spürt. Auch das ist unvermeidbar bei einem Autor, der schon in einer früheren Arbeit davon gesprochen hat, daß es gelte, die politische Geschichte aller Zeiten nur mit politischen Maßstäben zu messen, und der dieser Forderung auch in dem neuen Buche treu geblieben ist. Aber auch wenn man sich klar ist, daß hier ebensosehr eine systematisch-normative Fragestellung, die Fragestellung des politischen Denkers, am Werke ist als die des eigentlichen Historikers, ja daß diese normative Fragestellung für den Gesamtaufbau des Buches zuletzt entscheidend ist: wer wollte verkennen, daß es eben diese systematische Sicht ist, die der heutigen Geschichtschreibung nur allzusehr fehlt? Auf der Energie, mit der hier die  deutsche Geschichte auf ihr zentrales Problem hin, das Problem der Staatwerdung, durchdacht ist, beruht die Wirkung dieses Buches, das in seiner Einseitigkeit oft zum Widerspruch reizt und das in der Geschlossenheit seines Aufbaus in besonderem Maße fruchtbar und klärend wirkt.

I. Arbeiten allgemeinen Inhalts.

Das Reallexikon der Vorgeschichte ( 711) erreicht mit dem 6. Bande den Buchstaben K. Man begrüßt trotz des Vorhandenseins einiger Ungleichmäßigkeiten in der Behandlung des Stoffes das Werk, welches eine durch Jahrzehnte hindurch geleistete Kleinarbeit zusammenfaßt, ein handliches, mit reichem Abbildungsstoff versehenes Nachschlagewerk darstellt und den gegenwärtigen Stand der Forschung veranschaulicht. Darüber hinaus aber gibt es der weiteren Arbeit Richtung und Ziel; es lehrt die Lücken unserer Erkenntnis und zeigt, wo der Forschung heute noch der Anschluß an die Nachbargebiete fehlt. Seit dem Erscheinen von Hoops' Reallexikon der germanischen Altertumskunde hat die  deutsche Archäologie enge Fühlung mit der Germanistik. Das Reallexikon der Vorgeschichte fand eine solche mit der klassischen Archäologie und der Orientalistik noch nicht vor; sein Hauptverdienst wird es wohl stets bleiben, sie hergestellt zu haben. (Vgl.:  Deutsche Literaturzeitung 1925, Sp. 2391 ff., G. Karo.)

III. Ost-, Mittel- und Norddeutschland.

Die Provinz Posen ist seit Kriegsende in ihrem wichtigsten Teile der deutschen Forschung entzogen worden. Die in der Grenzmark zusammengefaßten Reste von Posen und Westpreußen entbehren noch heute als einzige preußische Provinz eines Forschungsmittelpunktes unter fachmännischer Leitung; der zu Polen geschlagene Teil hingegen kann auf ein umfangreiches Provinzialmuseum und einen Lehrstuhl für Vorgeschichte an der neugeschaffenen Posener Universität hinweisen! Der rührige Posener Fachvertreter J. Kostrzewski gab 1923 die zweite Auflage seiner Vorgeschichte Posens in polnischer Sprache heraus. B. v. Richthofen ( 773) ist es zu danken, daß durch eine ins einzelne gehende kritische  deutsche Bearbeitung dieses grundlegende Werk der allgemeinen Forschung zugänglicher gemacht worden ist. Leider läßt sich Kostrzewski immer wieder dazu verleiten, die Bodenforschung für seine chauvinistischen Ideen zu mißbrauchen. Der Wunsch, das slawische Volkstum bis in die Bronzezeit zurück in Ostdeutschland nachzuweisen und die germanische Besiedlung nach Möglichkeit wegzuleugnen, bringt den sonst so besonnen urteilenden Forscher völlig vom Wege der Wissenschaftlichkeit ab. v. Richthofen deckt in ruhiger Sachlichkeit das Tendenziöse der Kostrzewskischen Anschauungen auf und führt ebenso wie Tackenberg ( 775), auf dessen Arbeit wir noch unten zu sprechen kommen, das Haltlose und Fehlerhafte der Kostrzewskischen Urslawentheorie vor Augen.

I. Quellen.

Einhards Translatio Marcellini et Petri hat nicht nur wegen der Person ihres Verfassers vielfach Beachtung gefunden, sondern auch durch ihren Inhalt als Quelle der Kultur- und Ortsgeschichte. So lag es nahe, diese Schrift auch weiteren Kreisen durch eine  deutsche Übersetzung zugänglich zu machen; Karl Esselborn's auch von kurzen Anmerkungen begleitete Übertragung ( 792) wird so sicherlich vielen Anklang finden (die Verbesserung einer Stelle, die Fr. L. Ganshof zu der Ausgabe von Waitz mit Recht vorgeschlagen hat, Bulletin Du Cange II, 89--91, hat Esselborn unabhängig von ihm vorgenommen). Die zugehörige Einleitung, die auch über Einhards Leben und übrige Werke unterrichtet, ist 1927 als Sonderabdruck aus dem Archiv für hessische Geschichte und Altertumskunde, N.F. 15, erschienen (Karl Esselborn, Einhards Leben und Werke, Darmstadt, Histor. Verein für Hessen, 65 S.); ihr ist eine


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Verdeutschung der rhythmischen Passio Marcellini et Petri in Prosa beigegeben sowie von Einhards Brief an Lupus über die Verehrung des Kreuzes. Die von dem Verfasser noch vermißte Schrift Einhards über die Psalmen (S. 44 f.) ist neuerdings in Vercelli aufgefunden worden (s. Neues Archiv 44, 202).

I. Quellen.

Auch die neun Briefe, die ein Oströmer Leo von einer Gesandtschaftsreise zu Kaiser Otto III. 997 und 998 geschrieben hat, waren bereits einmal gedruckt, aber in einer wenig zugänglichen athenischen Monatsschrift. So sind sie durch die neue Ausgabe von P. E. Schramm ( 831) für die  deutsche Forschung eigentlich erst erschlossen worden. Die teilweise schlecht und trümmerhaft überlieferten, vielfach nur andeutenden Briefe betreffen namentlich das Gegenpapsttum des Johannes (XVI.) Philagathos. In einem anderen Aufsatz ( 832) beschäftigt sich Schramm mit einem bekannteren Briefbuch derselben Zeit, dem Gerberts von Reims, und mit dessen Beziehungen zu Otto, indem er die Briefe von 997 genauer innerhalb des Jahres festlegt und für die Zeitgeschichte verwertet.

a) Allgemeines.

Die durch das verdienstliche Buch von Šišić über die älteste Geschichte der Kroaten veranlaßte Abhandlung von Ludmil Hauptmann ( 806) über die ältere kroatische Geschichte (bis 1102) kommt auch für diesen Zeitraum noch in Betracht. Zur Nachprüfung regen seine Bemerkungen über die Verbindung Adalberos von Kärnten mit Kroaten und Bulgaren (so erklärt er die Myrmidones der Lorscher Briefsammlung) 1035 an. Es sei, so meint er, der große Gedanke des von ihm hoch eingeschätzten Stefans I. von Kroatien gewesen, »den adriatischen Knoten durch einen karantanisch-kroatisch-bulgarischen Bund zu zerhauen«. Die  deutsche Adria-Politik des früheren Mittelalters verdiente wohl nähere Betrachtung.

a) Allgemeines.

Die Übersicht über Rußland und die Deutschen von Friedrich Braun ( 854) reicht vom 11. bis zum Ende des 17. Jahrhunderts. Er unterscheidet drei Abschnitte und erörtert nach klärenden Bemerkungen über die russischen Familiennamen und manchem Hinweis auch auf nichtdeutsche Ausländer in Rußland zuletzt die Frage, inwieweit für den altrussischen, d. h. vorpetrinischen Adel  deutsche Herkunft wahrscheinlich gemacht werden kann, eine Frage, die er nur in sehr wenigen Fällen (darunter die Romanow und die Tolstoj) mit Wahrscheinlichkeit bejahen möchte. In diesen Fällen würde die Einwanderung in den zweiten Zeitraum, den der Abschnürung Rußlands vom Westen und Norden (etwa 1200--1450), fallen. Für die Zeit vorher werden die wenigen Nachrichten über politische Verbindungen und besonders die drei fürstlichen Heiraten des 11. Jahrhunderts besprochen, Handel und Verkehr und ihre kulturellen Auswirkungen nur kurz gestreift. Die ältere, fleißige Arbeit von Ediger über den gleichen Gegenstand bis zum 12. Jahrhundert (Dissert. Halle 1911) ist dem Verfasser anscheinend entgangen. Hingewiesen sei hier auch auf die naturgemäß für unsere Zeit weit ergiebigere Arbeit Brauns über russisch-skandinavische Beziehungen in den Jahrhunderten nach Rurik: »Das historische Rußland im nordischen Schrifttum des X.--XIV. Jahrhunderts« in der Festschrift für E. Mogk (Halle, Niemeyer, 1924), S. 150--196. Der Höhepunkt dieser Beziehungen liegt danach völkisch im 10., politisch-dynastisch in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts, dann flauen sie schnell ab. Sophie, die Gemahlin Waldemars I. von Dänemark, deren Herkunft einst viel umstritten wurde, nennt er eine Tochter des Volodarj Glěbovič aus der Polotsker Linie des Hauses Rurik.

d) Staufer.

In knapper Übersicht schildert A. Cartellieri ( 858) Persönlichkeit und Taten des englischen Königs Richard Löwenherz, der in seinem ganz französisch-normannischen Wesen bezeichnend für das Rittertum des 12. Jahrhunderts ist und als freilich kaum ebenbürtiger, aber durch die Umstände schließlich begünstigter Fortsetzer der Politik seines Vaters Heinrich II. im Gegenspiel gegen die staufische Weltmacht für die  deutsche Geschichte verhängnisvolle Bedeutung gehabt hat.

III. Karl V.

Die Geschichte Karls V. hat zwei ausführliche Darstellungen gefunden. Das Werk Merrimans ( 925) zeichnet sich durch eine ganz immense Kenntnis auch entlegener und vor allem spanischer Quellen aus, der Verfasser hat auch gründliche archivalische Studien gemacht. Er beschränkt sich nicht darauf, am Schlusse des ersten Kapitels über diese Quellen im allgemeinen zu berichten, sondern er fügt jedem einzelnen Kapitel kritische Nachweisungen über die in ihm benutzten Quellen an. Man darf nun aber nicht erwarten, in dem Werke eine vollständige Geschichte Karls V. zu erhalten. Es handelt sich, wie aus dem Titel des Gesamtwerkes hervorgeht, um eine Geschichte Spaniens, und zwar wird im ersten Buche (dem 5. des ganzen Werkes) die Geschichte Spaniens in der alten Welt, im zweiten die Spaniens in der neuen Welt behandelt. Die Vorgänge in andern Ländern, etwa die Schlacht bei Pavia oder der Schmalkaldische Krieg, werden auch in erster Linie in ihren Beziehungen zu Spanien und in ihrer Wirkung auf Spanien dargestellt. Für die  deutsche Geschichte bietet etwa aus dem XXI. Kapitel die Zergliederung der Schrift Georg Sauermanns »Hispaniae consolatio«, die sich auf einen internationalen Standpunkt der Weltherrschaft stellt, Interesse, aus dem XXIII. die Angaben über Karls Verschuldung bei den Fuggern. Aber selbst das XXVI. Kapitel, das »Germany, England and Charles' last years« überschrieben ist, setzt erst mit dem Jahre 1544 ein; die frühere Geschichte Deutschlands wird fast gar nicht berücksichtigt und auch die der Jahre 1544--55 nur vom Standpunkt der spanischen Geschichte aus, auch schöpft der Verfasser hier meist aus zweiter Hand. Von seinen allgemeineren Betrachtungen sei erwähnt die große Bedeutung, die er dem Jahre 1529 zuschreibt. Bis dahin war Karl in erster Linie spanischer Monarch, nachher traten seine andern Verpflichtungen in den Vordergrund; bis 1529 dachte er an die Möglichkeit, französisches Gebiet zu gewinnen und dadurch eine Verbindung zwischen Spanien und den Niederlanden herzustellen, nach 1529 suchte er seine Entschädigung in Italien. Von Interesse ist auch, was Merriman über die Ergebnisse der Regierung Karls für die Entwickelung des spanischen Reiches sagt. Schon seine Regierung führte zwar eine kolossale Steigerung der spanischen Macht und des spanischen Einflusses herbei, nicht erst die Philipps II., schon jetzt aber war auch klar, daß die Last für Spanien zu schwer war, auch vertrat es mittelalterliche, d. h. überholte Anschauungen auf politischem wie religiösem Gebiete. Karl selbst rechnete auf letzterem mit dem endlichen Siege des Katholizismus, auf politischem scheint er selbst an der Durchführbarkeit seiner Pläne gezweifelt zu haben. Darum teilte er sein Reich, aber auch die Vereinigung der burgundischen Besitzungen mit Spanien hatte ihre großen Gefahren. Als Grundgedanken der Politik des Kaisers bezeichnet der Verfasser die Behauptung alles ererbten


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Besitzes und die Ablehnung von Eroberungen, sowie auf dem Gebiete der inneren Politik eine etwas negative Abneigung gegen jede Initiative, eine konservative Müdigkeit. Er stützt sich, um diese Grundgedanken zu bestimmen, vor allem auf die Instruktionen und Verordnungen Karls, während er die Frage nach der Echtheit seines Testamentes unentschieden läßt, ihm jedoch einen echten Kern zuschreibt.

III. Karl V.

Das Buch Rosis ( 926) kann es an Bedeutung mit dem Merrimans in keiner Weise aufnehmen. Wie dieser die spanischen, stellt er die italienischen Interessen in den Mittelpunkt. Es ist, kurz gesagt, eine Geschichte des Kampfes um Italien von 1494 bis 1559, die ziemlich ausführlich dargestellt wird unter Bevorzugung gewisser Ereignisse und Personen, z. B. der Belagerung von Florenz von 1530 und des Lucchesen Francesco Burlamacchi. Als Grundlage dienen die zeitgenössischen italienischen Berichte, aus denen der Verfasser in den Anmerkungen ausführliche Auszüge gibt, und die gedruckten Aktenpublikationen, von denen der Verfasser aber z. B. die der Görresgesellschaft über das Tridentiner Konzil nicht zu kennen scheint. Neue Archivalien werden nicht erschlossen. Bedauerlich ist eine gewisse Flüchtigkeit; Franz I. und Heinrich II., Zwingli und Calvin werden nicht immer streng voneinander geschieden; viele Druckfehler entstellen das Werk. Für die  deutsche Geschichte ist es entbehrlich.

III. Karl V.

Wenn das Werk Merrimans die  deutsche Geschichte nur eben berührt, das Rosis sie so gut wie ganz unberücksichtigt läßt, so werden wir durch die Erörterungen über die Vorgänge bei der Wahl Karls V. mitten in diese hineingeführt. Auf einer Äußerung des englischen Sekretärs Richard Pace, die Sanuto uns überliefert hat, einer Stelle in einer Schrift Luthers vom Jahre 1521 und einer Bemerkung des Kurfürsten von Mainz aus dem Jahre 1528 baut Kalkoff ( 927) die Hypothese auf, daß Friedrich der Weise am 27. Juni 1519 mit vier Stimmen, darunter seiner eignen, zum Kaiser gewählt worden sei, aber schon nach drei Stunden abgedankt habe, da Ludwig von der Pfalz ihn unter dem Druck der in der Nähe der Wahlstadt zusammengezogenen Truppen im Stich ließ. Alle andern Quellen müssen sich dieser Annahme fügen. Man muß zugeben, daß jene drei Stellen auffallend sind und einer Erklärung bedürfen. Die besonders von Brandi ( 928) nachgewiesene Unwahrscheinlichkeit der Hypothese ist aber so groß, daß man eben nach andern Erklärungen wird suchen müssen. Abgesehen von diesem Grundgedanken bringt das Buch Kalkoffs dank der außerordentlichen Personal- und Quellenkenntnis des Verfassers wieder manche Aufklärung, wenn auch die »emotionale« (cf. Häpke, Zeitschr. f. d. ges. Staatswissenschaft Bd. 82, 1927, S. 159--166) Betrachtungsart des Verfassers seinen Urteilen gegenüber zur Vorsicht mahnt. Von Wichtigkeit sind vor allem die Untersuchungen über das Verhalten der Kurfürsten bei den Wahlverhandlungen, über die Stellungnahme der öffentlichen Meinung zur Wahl Karls, über die politischen und militärischen Vorbereitungen, besonders auf habsburgischer Seite, und die Zergliederung der Wahlverschreibung. Hier wird man manches lernen können, wenn auch Kalkoff die Kurfürsten wohl zu sehr entlastet, die der Wahl Karls günstigen Stimmen zu sehr als habsburgische Mache hinstellt und mit den Rüstungen auf beiden Seiten auch Vorgänge in Zusammenhang bringt, die wenig damit zu tun haben; bezüglich der Wahlverschreibung erscheint es Ref. zweifelhaft, ob es überhaupt zu einer solchen gekommen wäre, wenn man einen deutschen Fürsten gewählt hätte.


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II. Quellen.

Auf eine Quelle, die für den größten Teil der Periode von Wichtigkeit ist, macht van Houtte ( 2622) aufmerksam, auf die Avvisi, jene schriftlichen Zeitungen, die sich einzelne Regierungen, aber auch Privatpersonen zuschicken ließen. Genauer untersucht er die Avvisisammlung des Fonds Urbinat der vatikanischen Bibliothek. Er zeigt, daß sie aus zwei Teilen besteht, einer Sammlung von Stücken aus den Jahren 1554--1571, die an den Bankier Ulrich Fugger in Augsburg gerichtet waren, und einer zweiten, größeren aus den Jahren 1572--1648, die in der Kanzlei in Urbino gesammelt wurde. Der Verfasser bringt eine große Anzahl von Auszügen aus diesen Avvisi, besonders aus solchen, die sich auf die niederländische Geschichte beziehen, und druckt einige besonders interessante Stücke ab. Er schließt dann noch einige Mitteilungen an über drei andere Avvisisammlungen der vatikanischen Bibliothek und über eine Sammlung des Giovanni Pinelli in der Ambrosiana in Mailand aus den Jahren 1565--1585. Gewiß würden diese Sammlungen auch für die  deutsche Geschichte manches bieten können. Die uns unbekannten Tatsachen daraus zu entnehmen, wird allerdings eine mühsame Aufgabe sein.

II. Quellen.

Eine Quelle, die auch vor allem für die niederländische Geschichte von Wichtigkeit ist, stellt das Werk von Theissen ( 958) dar. Er veröffentlicht als Fortsetzung der Publikation Gachards die französische Korrespondenz der Margarete von Parma mit Philipp II. für die Zeit vom Februar 1565 bis Ende 1567. Zugrunde liegen die Kopien, die Bakhuizen van den Brink 1845--1851 im Wiener und Brüssler Archiv gemacht hat. Über die Gründe der langen Verzögerung der Ausgabe gibt das Vorwort Auskunft. Die ergänzenden Aktenstücke, die Bakhuizen van den Brink außerdem gesammelt hatte, sollen in den weiteren Bänden der Ausgabe veröffentlicht werden. Die jetzt vorliegenden, meist bisher ungedruckten 220 Stücke bilden eine sehr wertvolle Quelle zur Vorgeschichte des niederländischen Aufstandes. Ein Register ist leider nicht beigegeben, doch erleichtert die »Table des matières«, die die Inhaltsangaben der einzelnen Stücke enthält, dem Leser die Benutzung. Sie wird es auch ermöglichen, das herauszuheben, was für die  deutsche Geschichte im engeren Sinne


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abfällt. In der Beigabe erklärender Anmerkungen hat sich der Herausgeber große Beschränkung auferlegt.

III. Einzelheiten aus der Zeit der Gegenreformation.

Beller ( 960) gibt kurze Berichte über die Tätigkeit des englischen Gesandten Le Sieur in Deutschland. Dieser wirkte an verschiedenen Höfen und in verschiedenen Städten (Cleve, den Hansestädten, beim Kaiser), dann bei den Fürsten der Union. Seine Haupttätigkeit entfaltete er während des jülichclevischen Erbfolgekrieges, während dessen er mit dem Kaiser, Kurbrandenburg und Kursachsen über eine Beilegung verhandelte, auch am Regensburger Reichstag von 1613 teilnahm. Erfolg hatte er im ganzen nicht, hatte auch viel unter persönlichen Anfeindungen zu leiden. Zugrunde liegen der Untersuchung der Cal. of state papers und andere, auch  deutsche Publikationen.

II. Von 1648--1701.

Die östliche Politik der Habsburger und der Hohenzollern hatte in gleicher Weise mit dem Druck von Westen, der überragenden Stellung, die Ludwig XIV. in Europa und auch in Deutschland einnahm, zu rechnen. An seinen Hof führen uns zwei neue Arbeiten über seine berühmte  deutsche Schwägerin, Liselotte von der Pfalz, deren viel gewürdigte und viel umstrittene Persönlichkeit doch noch immer Stoff zu Forschung und Darstellung bietet. Ein höchst anziehendes Bild von ihr entwirft M. Strich ( 996), der ja schon früher eine Spezialstudie über Liselotte und Ludwig XIV. veröffentlicht hat. Seine neue Biographie über die Pfälzerin wendet sich an weitere Kreise, sie verzichtet daher auf jeden wissenschaftlichen Apparat, beruht aber auf einer genauen Kenntnis des gesamten reichhaltigen Quellenmaterials, das mit Geschick gemeistert wird. Treffend ist das Milieu gezeichnet, in dem sich dies Leben abspielt: die kleinen deutschen Höfe zu Heidelberg und Herrenhausen, an denen der von Lebensfreude übersprudelnde Wildfang aufwuchs, und dann Versailles-Paris, der gesellschaftliche Mittelpunkt der damaligen Welt, in dem die Herzogin von Orléans trotz der Bewunderung für den Sonnenkönig doch ihre  deutsche Heimat nicht vergaß. Bei aller liebevollen Sympathie für die urwüchsige, gescheite Frau, die inmitten eines verderbten Treibens sich ihre Natürlichkeit bewahrte, bleibt des Verfassers Urteil gerecht: er verkennt und verschweigt die Schattenseiten ihres Wesens nicht, insbesondere ihren stolzen Hochmut, den sie in dem haßerfüllten Kampf gegen die Madame de Maintenon mit wenig vornehmen Formen zu vereinen wußte. -- Den Beziehungen, die Liselotte zu Hessen unterhielt, geht C. Knetsch auf Grund ihrer zahlreichen gedruckt vorliegenden Korrespondenzen und eigener Nachforschungen in den hessischen Archiven nach ( 997). Liselottens unglückliche Mutter Charlotte stammte aus dem Hause der Landgrafen von Hessen-Cassel. Trotzdem die Eltern sich in Unfrieden getrennt hatten und der Mutter schon früh jede Möglichkeit der Einwirkung auf die Tochter genommen worden war, brachte diese doch zeitlebens ihren hessischen Verwandten besondere Freundschaft entgegen: sie freute sich auf ihre Besuche in Paris und war ihnen vielfach behilflich. Sorgsam hat Knetsch im Anhang die Briefe der Herzogin an Angehörige der hessischen Familie, soweit sie zu ermitteln waren, zusammengestellt; bei den bisher ungedruckten Stücken handelt es sich allerdings meist um belanglose Glückwunsch- und Kondolenzschreiben. Als Ausnahme sei ein Brief an den Landgrafen Karl vom 8. August 1720 erwähnt, der ein charakteristisches Urteil über den Hochmut der Franzosen enthält.


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I. Reichsgeschichte.

Das Interesse unserer Zeit an der Geschichte des heiligen römischen Reiches in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist sehr gering. In einem flott geschriebenen Büchlein will uns P. Kampffmeyer ( 1644) das  deutsche Staatsleben vor 1789 näherbringen. Wenn auch in Wirklichkeit eine sozialistische Kampfschrift gegen den Absolutismus, d. h. gegen Fürsten, Adel und Heer, kann ihm ein gewisser wissenschaftlicher Wert nicht abgesprochen werden wegen manch feiner Bemerkung über den Absolutismus, besonders in dem Abschnitt über seine kulturelle Bedeutung, vor allem aber wegen seines Grundgedankens. Kampffmeyer will die Darstellung des »Deutschen Staatslebens« durch Cl. Th. Perthes und die »Umrisse und Untersuchungen zur Verfassungs-, Verwaltungs- und Wirtschaftsgeschichte« von G. Schmoller zu einer Einheit verschmelzen. Ist dies Kampffmeyer auch nicht befriedigend geglückt, er hat doch der Geschichtschreibung einen wertvollen Hinweis gegeben.

I. Reichsgeschichte.

Diese wird freilich gerade für das Zeitalter Friedrichs des Großen nicht nur die Statik der deutschen Staatenwelt, sondern auch ihre Dynamik auf dem Gebiete der Außenpolitik aufzeigen müssen. Durchaus passiv verhielt sich Kurfürst Clemens August von Cöln (1723--1761), den sein Biograph E. Renard ( 1043) als »Spielball der jeweiligen durch französisch- deutsche Reichspolitik wie durch wittelsbachisch-habsburgische Hauspolitik bestimmten, stets wechselnden Kombinationen« bezeichnet. Höchst aktiv betätigte sich Sachsen. Fußend auf unausgebeutetem Material des Dresdener Gesamtarchivs, schildert H. Odernheimer ( 1044) die hingebungsvolle Tätigkeit des begabten Legationsrates Ludwig Ferdinand von Saul während des Ersten und Zweiten Schlesischen Krieges. Freilich hatte er bei der geographischen Lage Sachsens sowie bei der ungenügenden Entwicklung seiner militärischen wie finanziellen Kräfte nur ein Minimum von Erfolg. Anfänglich treuer Gehilfe Brühls, geriet Saul mit seiner Idee, den Staat durch innere Reformen zu stärken, in immer schärferen Gegensatz zu der »Schaukelpolitik« Brühls, die eine Vermehrung des fürstlichen Ansehens durch Gebietserweiterung erstrebte. Seit Ausgang der siebziger Jahre zählte zu den aktiven Staaten auch Weimar dank der Persönlichkeit Herzog Karl Augusts. Von dem dreiteiligen Vortrag, in dem uns E. Marcks ( 1047) die Entwicklung Karl Augusts als Fürsten und als Menschen, sowie die Wandlungen seines Verhältnisses zu Goethe darlegt, interessiert uns hauptsächlich der erste Teil. Karl Augusts glühender Eifer, seine Fürstenpflicht im Sinne des aufgeklärten Absolutismus zu erfüllen, stieß sich an der Kleinheit seines Staates. Nach außen sich wendend, erstrebte er einen Kleinstaatenbund zwischen den deutschen Großmächten. Aber vergeblich; er mußte dem Fürstenbund des alten Fritzen beitreten, und in ihm schritt die Großmacht über die Reformwünsche der Kleinen hinweg. Gescheitert in der Politik, erlebte der Herzog auch als Soldat im Dienste Preußens während des Revolutionskrieges seine dritte Enttäuschung. Doch daß er mit »etwas verbissener Bescheidung« sich zum kleinsten Kreise, seinem Fürstentum, zurückgewendet habe, läßt sich nach den Forschungen Bessenrodts (vgl. S. 269) nicht mehr


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behaupten; die Idee eines thüringischen Staatenbundes beherrscht seine Außenpolitik seit 1795. Wertvolle Ergänzungen bieten die von H. Wahl ( 1048) herausgegebene und feinfühlig kommentierte Sammlung von Bildnissen Karl Augusts und die von W. Schleicher und K. des Tours ( 1049) veröffentlichten Dokumente zu den Fürstenbundsbestrebungen des Herzogs (i. J. 1794) und seinem Anteil an der Mainzer Koadjutorwahl (i. J. 1788).

I. Reichsgeschichte.

Ungleich stärker als in dem Halbjahrhundert von 1740--90 lenkt die Reichsgeschichte während der nächsten 25 Jahre Aufmerksamkeit und Interesse auf sich. Eine Quelle von außerordentlich hohem Wert, nicht nur für die Geistes- und Literaturgeschichte, sondern auch für die politische Geschichte, stellen die von M. Fehling ( 2538) herausgegebenen und erläuterten Briefe an Cotta aus den Jahren 1794--1815 dar. Das gilt in erster Linie für die im zweiten Teil »Das politische Zeitbild« vereinigten Briefe Posselts, Jungs, Sulzers, Reinhards (Revolutionskriege in Deutschland und Italien), Müchlers (Preußen 1808), Rehfues (Spanische Kriege), Böttigers (Ostelbisches Deutschland 1811--13) und Ölsners (Napoleons Sturz 1814 und die 100 Tage). Aber auch der erste Teil, »Das geistige Deutschland«, bringt in den Briefen Johannes v. Müllers (1803 bis 1809) und seines Bruders J. Georg Müller (1809--14) sowie einigen Briefen Goethes, Baggesens, der Charlotte v. Schiller Nachrichten über politische Ereignisse, Zustände und Anschauungen. -- Andere Quellen geringeren Ranges bereichern wenigstens in Einzelheiten unsere Kenntnis von den Revolutionskriegen. Die von Ch. Terlinden ( 1075) veröffentlichten Aufzeichnungen eines österreichischen Offiziers, Viktor de Chaudelot, -- bedeutsam als eine der wenigen Quellen österreichischer Herkunft -- geben uns in frontmäßiger Schreibweise persönliche Erinnerungen aus der belgischen Revolution und den Feldzügen des Herzogs von Koburg. Die Erinnerungen des Grafen Thiard de Bissy ( 1066) und des Marquis de Bouthillier ( 1074), beide die Emigrantenarmee des Prinzen Condé betreffend, ergänzen sich, da der Graf Erlebnisse und Anschauungen der Kampffront, der Marquis Persönlichkeiten und Zustände des Hauptquartiers sowie die diplomatischen Verhandlungen mit Österreich, Rußland und England schildert. Die auf umfassendem Material der Archives departementales du Nord aufgebaute Studie von J. Peter ( 1076)


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über die Landschaft Avesnes während der Feldzüge von 1793 und 1794 mit ihren Einblicken in das Getriebe der Revolutionsarmeen, in den Kampf der durchaus unkriegerisch und unrevolutionär gesinnten Bevölkerung mit den Konventskommissaren, endlich in den Anteil der Bevölkerung an der Befreiung des Landes kommt mehr für die französische als für die  deutsche Geschichte in Betracht. Die Besetzung Freiburgs i. Br. durch die Franzosen und den ebenso kühnen wie umsichtigen Rückzug Moreaus durch das Höllental schildert W. Michael ( 1077) nach Akten des Freiburger Stadtarchivs und des Wiener Kriegsarchivs. Gleichfalls unbekanntes Material verwertet W. Haag ( 1068) in seiner Arbeit über die Subsidienpolitik des Landgrafen Ludwigs X. von Hessen-Darmstadt. Dieser erreicht sein Ziel, die Besserung der trüben Finanzlage und Rückgewinnung der Herrschaft Hanau-Lichtenberg, nicht; die Subsidienverträge von 1793 mit Österreich und England bedeuten vielmehr den Verzicht auf jede selbständige Politik; der von 1796 mit England ist ein Menschenverkauf schlimmster Sorte. Bis 1793 werden die Verhandlungen aufs stärkste von dem österreichisch-preußischen Gegensatze beeinflußt. Erst der Anschluß an Frankreich 1799 sichert dem Landgrafen eine Entschädigung. -- In größerer Ausführlichkeit noch unter Verwertung reicher archivalischer Quellen entwirft M. Braubach ( 1043a) ein Bild von der Regierung des letzten Kurfürsten von Köln und Fürstbischofs von Münster, des Habsburgers Max Franz. Die Fülle des Inhalts läßt sich selbst schlagwortartig kaum andeuten: die Koadjutorwahl als ein Stück des österreichisch-preußischen Gegensatzes der friderizianischen Zeit (i. J. 1780), die Tätigkeit Max Franz' als Landesfürst nach den Grundsätzen einer gemäßigten Aufklärung (seit 1784), Nuntiaturstreit und Lütticher Revolution, und dann das Ende: Franzoseneinfall, Schaukelpolitik zwischen Österreich und Preußen, der Plan einer Neuerrichtung des Kurfürstentums rechts des Rheins (i. J. 1799), endlich der Zusammenbruch aller Hoffnungen und der Tod des Kurfürsten (i. J. 1801). Den geistlichen Staaten schlug ihr Stündlein. Auf breiter archivalischer Grundlage baut E. Bauernfeind ( 2199) seine Darstellung von der Säkularisationsperiode im Hochstift Eichstädt auf. Rückständig im staatlichen, wirtschaftlichen und sozialen Leben, umlauert von Preußen und Bayern, fällt es 1802 letzteren anheim. Diese, eben damit beschäftigt, das Hochstift als einfaches Landgericht ihrem Staate einzufügen, müssen es an den Großherzog von Toskana weitergeben, der das überalterte Stift ohne unnötige Härte zu einem modernen weltlichen Staat umgestalten will. -- Bei dem großen Aufräumen des Jahres 1802 kam der letzte Rest von Hanau-Lichtenberg, wie H. Baier ( 1078) näher erzählt, an Baden. Der Landgraf von Hessen wird mit allerlei kleinen Herrschaften, darunter Stadt und Burg Friedberg, entschädigt. Deren Schicksale während der Revolutionskriege, besonders in den Jahren 1796--98, die »staatliche« und wirtschaftliche Eigenart der beiden Zwergterritorien und ihren Übergang an Hessen (1803 und 1806) schildert K. Backhaus ( 1079) mit starker Betonung der rechtlichen Seite. -- Am Rhein hatte mit dem Jahre 1794 eine zwanzigjährige Franzosenzeit begonnen. Die Dissertation von O. Rech ( 1069) über die französische Verwaltung in der Rheinpfalz stellt das bisher zu diesem Thema Gesagte zusammen, ohne auf die inneren Beziehungen zwischen Politik und Verwaltung einzugehen. Ein lebendigeres Bild von der Franzosenzeit in Köln bieten die Aufsätze J. Bayers ( 1071); diejenigen über die französische Verwaltung, über General

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Hoche, über den Plan Napoleons, Köln zu einer Rheinfestung auszubauen, und über die Befreiung Kölns erheben sich über das Lokalgeschichtliche hinaus. Wie unter dem französischen Druck in geistig führenden Kreisen am Niederrhein ein deutsches Nationalbewußtsein heranwuchs, lassen die von O. Koellreuter ( 1070) veröffentlichten Briefe der Fritze Jacobi (Schwägerin des Philosophen Fr. H. Jacobi) erkennen. Der eigenartigen Gestalt des Mainzer Revolutionärs Georg Forster sucht P. Zincke ( 2534) gerecht zu werden, indem er in vollendeter Beherrschung einer weitschichtigen Literatur die wechselnde Beurteilung Forsters durch das 19. Jahrhundert hindurch verfolgt. Forster ist ein Universalgenie im Stile des 18. Jahrhunderts und zugleich ein Vorkämpfer politischer und sozialer Freiheit im Sinne des 19. Jahrhunderts. Erfüllt von dieser großen Idee, aber zu früh gekommen, in einem unruhigen Leben nicht ausgereift, unglücklich in Beruf und Ehe, wirft er sich in den Strudel der Politik, in dem der vertrauensselige Idealist untergehen muß. Seiten- und Gegenstück zu G. Forster ist der Frankfurter Johann Jakob Willemer, dem A. Müller ( 1067) eine feine und vorzüglich ausgestattete Biographie gewidmet hat. Auch Willemer steht auf der Scheide zweier Zeitalter; aber all deren Gegensätze, Liberalismus und Konservativismus, Individualismus und Sozialismus, Nationalismus und Universalismus, Rationalismus und Romantik einigen sich in ihm in der Idee von der Hebung des Menschen durch Erziehung. Uns interessiert hier die Rolle Willemers bei der Besetzung Frankfurts 1792, seine immer schärfer werdende Stellung gegen die Revolution (1793--95) und sein Kampf gegen den Frankfurter Geldadel um eine gerechte Verfassung und geordnete Finanzverwaltung (1816--19).

II. Napoleonische Periode.

Die Teilbiographie Bernadottes aus der Feder D. P. Barton ( 1094) berührt nur durch den Feldzug von 1813 die  deutsche Geschichte. Die Voreingenommenheit des Verfassers für Bernadotte, die Abneigung gegen Deutschland und die Unkenntnis der schwedischen Literatur beeinträchtigen den Wert des Buches in bedenklicher Weise. -- Bedeutend wertvoller ist die nahezu rein


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aufs militärische eingestellte Biographie Wellingtons von J. Fortescue ( 1096). Sie berührt die  deutsche Geschichte in dem ersten Kapitel, das die Zustände und Schicksale des englischen Expeditionskorps während der Feldzüge von 1793 und 1794 schildert (die Erfahrungen dieser Feldzüge sind bestimmend geworden für Wellingtons militärisches Denken), und in dem 7. Kapitel, das den Feldzug von 1815 vom englischen Standpunkt aus erzählt; Wellington allein gebührt das Verdienst am Sieg von Belle-Alliance, während Gneisenau sehr un- und mißgünstig beurteilt wird. Das Schlußkapitel gibt ein gutes zusammenfassendes Bild von dem Soldaten Wellington. In die Lebensdarstellung des Waadtländers Fr. C. Laharpe hat A. Boehtlingk ( 1086a) zum Schaden des Ganzen eine Biographie seines Zöglings Alexander von Rußland hineingeschachtelt. Laharpe gehört als Erzieher Alexanders der russischen, als Anbahner der modernen Schweiz der schweizerischen, als Berater und Mahner des Zaren im Kampf gegen den »Tyrannen« Napoleon der europäischen Geschichte an. Die  deutsche Geschichte hat an ihm Anteil durch seinen Verfassungsentwurf (II, 271 ff.) und durch seine Freundschaft mit dem Freiherrn vom Stein (II, 292 u. 322). Mit der Zuwendung Alexanders zur politischen Romantik enden seine Beziehungen zu dem Aufklärer und Demokraten Laharpe, der bis zu seinem Tode ( 1838) in der Schweizer Innenpolitik eine nicht unbedeutende Rolle spielt.

I. Gesamtdarstellungen.

Eine  deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts sieht sich heute vor eine viel schwerere Aufgabe gestellt wie vor dem Weltkriege: nicht der Aufstieg Deutschlands, die Kämpfe um die Einheit und die wirtschaftliche Entwicklung sind zu schildern -- historische Erscheinungen, welche trotz mancher Schatten in dem glänzenden Bilde doch zu starker Zuversicht Anlaß gaben --, sondern sie muß zugleich die Ursache für die das 19. Jahrhundert erst wirklich abschließende Katastrophe des Weltkrieges mit ihrem für Deutschland so unheilvollen Ausgang aufdecken; diese Ursachen können aber nicht in der Geschichte dieses kurzen Zeitraumes gefunden werden: sie liegen in der ganzen deutschen Vergangenheit. Das Buch von Schnabel »Deutschland in den weltgeschichtlichen Wandlungen des letzten Jahrhunderts« ( 1108) erwächst aus der Problematik der deutschen Geschichte: die  deutsche Mittelage und die partikularistischen Neigungen werden als die Hauptkomponenten der Entwicklung vorangestellt; so gewinnt Schnabel einen Gedankenaufbau, in den sich der eigentliche Gegenstand seines Buches mit innerer Notwendigkeit eingliedert. Das ist das wissenschaftlich Reizvolle an einer deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts, daß ihr noch die Aufgabe gestellt ist, sie als eine historische Einheit zu begreifen und zu den früheren Jahrhunderten in eine sinnvolle Beziehung zu setzen: diese Aufgabe kann sich erst dem heutigen Historiker eröffnen, der nicht mehr -- wenn auch die Verbindung mit dieser Epoche noch sehr lebendig ist -- »Zeitgeschichte« schreibt, sondern eine in sich abgeschlossene Periode. In diesem Sinne faßt denn auch Schnabel seine Aufgabe auf. Die Schwierigkeiten des Stoffes und der Probleme werden nicht umgangen, sondern mit besonderem Nachdruck


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aufgezeigt; darin liegt auch die anregende Kraft dieses Buches. Die Stellung Deutschlands unter Großmächten bildet entsprechend der Themastellung das Hauptproblem, doch stehen diesen Abschnitten vorzügliche knappe Schilderungen der sozialen, wirtschaftlichen, verfassungs- und verwaltungsgeschichtlichen Entwicklung zur Seite. Die geistige Geschichte ist stellenweise etwas dürftig, doch mußte sie nach dem Charakter des Buches zurücktreten. Für die Stellung zu den innerpolitischen Fragen der Vorkriegszeit ist die Heraushebung Friedrich Naumanns (S. 220 f.) kennzeichnend. Der wirtschaftliche, industrielle und technische Aufstieg Deutschlands wird stärker, als es sonst üblich ist, berücksichtigt. Männern wie Friedrich List und Werner Siemens wird Schnabel so vom allgemein-geschichtlichen Standpunkt aus gerecht. Schnabel verkennt jedoch nicht die Gefahren, welchen der steigende Industrialismus Deutschlands vor dem Kriege entgegenging. Auf Einzelheiten kann nur hingewiesen werden. Schnabels Urteil über Richelieus Rheinpolitik (S. 10 ff.) verträgt eine Korrektur nach den Forschungsergebnissen Wilhelm Mommsens. Die Einwirkungen der auswärtigen Mächte auf die  deutsche Geschichte, die zu den Grundthesen des Buches gehören, bedürfen an manchen Stellen einer noch schärferen Hervorhebung, so namentlich in der Revolution von 1848. Der Malmöer Waffenstillstand wird erst bei späterer Gelegenheit erwähnt; von Englands, Frankreichs und Rußlands Gegenwirkung gegen den deutschen Einigungsversuch durch die Paulskirche erfährt man zu wenig. Ähnliches gilt von 1870, wo zwar von Englands feindlicher Haltung, doch von Rußland (Pontuskonferenz) nicht die Rede ist.

II. Einzeldarstellungen.

So liegt auch der zeitpolitische Einschlag des neuen Metternich-Werkes von H. von Srbik ( 1111) offen zutage; es zieht aus den Erlebnissen der Gegenwart und den Erfahrungen der gesamten neueren österreichischen Geschichte die Lehre und wendet sie auf das Verständnis der Vergangenheit an: darin liegt eine Stärke dieses Buches, daß es von einer Gesamtanschauung der österreichischen und deutschen Geschichte an den einzelnen Abschnitt derselben herangeht, was auch darin zum Ausdruck kommt, daß der Verfasser gelegentlich »auf Endglieder von Entwicklungsreihen verweist, deren Anfänge er zu schildern hat« (Forsch. z. Brand. u. Preuß. Gesch. 39, 136). Über den österreichischen Staatsegoismus strebte Metternich hinaus zu einer universalen Politik, und nur aus dieser Idee erklärt sich nach Srbiks Auffassung seine Wirkung als europäischer Staatsmann; ihr ist seine österreichische,  deutsche, italienische und orientalische Politik untergeordnet. Europa bildet eine Einheit aller konservativen Großmächte, die »Pentarchie«, der sich die kleineren Staaten anschließen müssen: eine Solidarität des Beharrens und des Erhaltens, die Stabilität des corps social; das ist Metternichs »System«.

II. Einzeldarstellungen.

Nicht auf eine österreichische Machtpolitik richtet sich Metternichs Ziel, sondern auf ein europäisches Staatensystem. »Metternichs Kampf gegen den Universalismus Napoleons war immer ein Kampf für den andern Universalismus, den der Staatengesellschaft, gewesen« (I. 194). Von dieser Basis aus, die Srbik zur Erklärung der Politik Metternichs wählt, wird auch seine Politik auf dem Wiener Kongreß verteidigt. (Siehe auch Nr. 1112.) Dem deutschen Bunde mit seiner losen Form, ohne Oberhaupt, sollte, wenn es nach Metternichs Willen gegangen wäre, eine Lega Italica zur Seite treten. In dieses universalistische System, das von der heiligen Allianz gekrönt war, ordnet sich die österreichische und  deutsche Politik des Staatskanzlers ein. Der  deutsche Bund war, wie schon A. O. Meyer erkannt hat, auf das enge Zusammengehen Österreichs und Preußens, die Ausschaltung des Dualismus zwischen ihnen, eingestellt; Srbik erklärt den Staatsegoismus Österreichs, mit dem neuere Forscher (Windelband, O. Westphal, A. O. Meyer) Metternichs Politik gerechtfertigt hatten, als unzureichend, um seine europäische Wirkung zu verstehen. Es kann hier nur angedeutet werden, daß in der Ansicht der genannten Forscher doch ein stärkerer Wahrheitskern zu liegen scheint, als Srbik zugesteht. Auch Srbik erkennt ja diesen Staatswillen Österreichs als treibenden Faktor in Metternichs System an. Eben die Brüchigkeit dieser staatlichen Existenz mußte Metternich veranlassen, eine umfassende Garantie der europäischen Staaten für den status quo in Österreich zu gewinnen, da es sich nicht aus eigener Kraft gegen Osten und Westen zugleich halten konnte. So ist auch das europäische Gleichgewichtssystem und das Bündnis gegen die Revolution aus dem tiefsten Bedürfnis österreichischer Politik entstanden. Wenn Srbik so stark die richtungweisende Kraft des Systems auf die europäische Politik hervorhebt, so bleibt doch zu bedenken, daß die Zeitgenossen dieses System nur von seiner negativen Seite kennengelernt haben und selbst die Metternich


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am nächsten Stehenden keine klare Vorstellung des universalen Gedankenbaues haben konnten. Es bleibt zweifelhaft, ob Metternich selbst sich dieser Geschlossenheit seines Systems bewußt war: aus den bruchstückhaften Äußerungen ist erst durch Srbik das geschlossene Bild »rekonstruiert«, in dem auch die aufbauenden Elemente nicht ganz fehlen. Aber »schöpferisch« im tieferen Sinne war Metternichs System nicht. Es war für ihn letzter Antrieb zum Handeln nur in der Abwehr der geistigen und politischen Bewegungen des Jahrhunderts. Nur zu bald haben sich die kräftigeren Staaten, vor allem die Westmächte, zuweilen auch Rußland, diesem System entzogen und damit bewiesen, daß die Wirkungskraft der Metternichschen Ideen doch nur begrenzt war. Zudem mußte Metternich selbst unter dem Druck der Ereignisse, der force des choses, oft von seinen Grundsätzen abweichen, wobei ihm freilich das Endziel unverrückt blieb. Der Kampf gegen Napoleon 1809--1815 ist sein diplomatisches Meisterstück. Nach 1815 geriet Metternich im Kampf um sein »System« im Innern und Äußern immer mehr in Defensivstellung, zeitweise in völlige Isolierung; er mußte sich damit begnügen, in der Ostentente einen Teil seines Systems zu retten. Die innere Politik Metternichs sucht Srbik ebenfalls aus dem System verständlich zu machen und die Verantwortlichkeit für die Härten auf die Schultern der Männer zu legen, welche an der Ausführung der Maßregeln unmittelbar beteiligt waren. Wie viele Pläne Metternichs zur inneren Reform Österreichs, des deutschen Bundes und der gesamtdeutschen Wirtschaftspolitik sind zudem an dem Widerstand des Kaisers Franz oder der Ministerkollegen gescheitert. Srbik begreift Metternich aus dem gesellschaftlich-geistigen Leben heraus, in dem er lebte, und mißt ihn nicht mit individualistischen Maßstäben, wie V. Bibl in seinen Büchern (s. a. Nr. 1119). Nur aus dem ganzen inneren Zustand Österreichs und der Restaurationsepoche wird Metternich verständlich. Srbiks Werk schließt mit einer wirkungsvollen Gegenüberstellung der beiden Staatsmänner, welche der ersten und zweiten Jahrhunderthälfte durch ihr Wirken den Stempel aufgedrückt haben: Metternichs und Bismarcks. Der Vergleich ihrer Staatsmannschaft beweist die überraschende Ähnlichkeit in der diplomatischen Methode: am meisten trifft dies für den älteren Bismarck zu, der Deutschland für »saturiert« hielt; er verwandte damit einen Begriff aus Metternichs Gedankenwelt.

II. Einzeldarstellungen.

Das Werk über Metternich wird ergänzt durch zwei wertvolle englische Publikationen von Webster über Castlereaghs und von Temperley über Cannings auswärtige Politik ( 1116 und 1117), welche auf Grund von Akten aller größeren europäischen Archive geschrieben sind. Beide Bücher bieten daher auch für die  deutsche Geschichte neue und authentische Nachrichten


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sowie im Anhang Quellenstücke von besonderem Belang (Briefe zwischen Castlereagh und Metternich 1822, Privatbriefe von Esterhazy an Metternich 1819--1822, Briefe von Lieven an Nesselrode bei Webster, Quellen zum Gegensatz zwischen Metternich und Münster bei Temperley). Castlereagh ist von Alison Philipps als der »am meisten europäische, am wenigsten insulare der englischen Außenminister« bezeichnet worden (Cambr. Hist. of British foreign policy I, 402, 434). Er hat mit Metternich die Politik der beiden Pariser Frieden und des Wiener Kongresses geleitet und dabei seinen Staat stärker, als es der traditionellen englischen Politik entsprach, an die kontinentale Politik geknüpft, die Erweiterung der Quadrupelallianz zur »Heiligen Allianz« lag nicht im Willen Castlereaghs, doch ließ er es geschehen. In diese so unenglisch universal gerichtete Friedenspolitik, die von der Furcht vor der Wiederkehr der Revolution in Frankreich lebte, mischte sich bald wieder englische Interessenpolitik hinein, der sich Castlereagh gar nicht entziehen konnte. Alle Versuche Metternichs, die Allianz, welche sich in ihrer Absicht gegen Frankreich richtete, zu einem Tribunal in allen Fragen des Kontinents und zu einem Instrument zur Bekämpfung jeder Revolution zu machen, scheiterten an dem festen Willen Castlereaghs, keinen Schritt über die Verträge hinauszugehen. Die spanische Revolution 1820 gab den Anlaß, diese Grundsätze der englischen Regierung zu formulieren in dem State Paper vom 5. Mai, an dem Canning mitgearbeitet hat, wenn auch als der eigentliche Verfasser Castlereagh anzusehen ist (vgl. Webster, I, 245: The Authorship of the State Paper of May 5, 1820). In diesem Dokument entwickelt Castlereagh das Prinzip der Nicht-Intervention, welches der Grundsatz der englischen Politik des Jahrhunderts wurde. England lehnte ab, sich um einer Frage abstrakten Charakters und um spekulativer Prinzipien willen in die inneren Verhältnisse anderer Länder einzumischen (um der eigenen Interessen willen hat es sich nicht gescheut, überall einzugreifen). Webster läßt Metternich als zu abhängig von dem englischen Staatsmann erscheinen. Die Linien der englischen Politik, welche Canning einschlug, sind von Castlereagh schon vorgezeichnet, und der Gegensatz beider Staatsmänner erscheint nicht mehr so groß, wie früher angenommen wurde. Freilich war es Castlereagh nicht möglich, sich von allen Bindungen zu befreien und die volle Freiheit der englischen Politik gegenüber dem Kontinent wiederherzustellen; aber der Bruch mit der heiligen Allianz ist von ihm vorbereitet: in Troppau und Laibach versagte sich Castlereagh der von Metternich verfolgten Politik. In Verona führte Canning das Werk der Loslösung Englands aus kontinentalen Bindungen fort. Cannings politisches System war in Fragen der Verfassung konservativ, in der auswärtigen Politik »revolutionär«; er benutzte die nationalen und liberalen Bewegungen in Europa, um das Allianzsystem des Wiener Kongresses gänzlich zu zerstören: Metternich fand in ihm seinen Meister in der auswärtigen Politik, und das Zerbrechen der heiligen Allianz im Londoner Vertrag 1827 bedeutet für die  deutsche Geschichte fast einen tieferen Einschnitt als die Juli-Revolution. Temperleys Buch schildert die Politik Cannings in ihrer Ausdehnung auch über die außereuropäischen Länder; auf die Darstellung der amerikanischen Politik, die mit der europäischen durch die Befreiung der spanischen Kolonien ( 1820) eng verknüpft war, kann hier nicht eingegangen werden. Rückgreifend sei hier auf die zusammenfassende Darstellung der Politik Castlereaghs und Cannings verwiesen, welche Alison Philipps und

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Temperley in »The Cambridge History of British Foreign Policy«, Bd. II ( 1923) gegeben haben.

II. Einzeldarstellungen.

Die Beurteilung der Restaurationszeit wird durch die drei Werke von Srbik, Webster und Temperley auf eine neue Grundlage gestellt. Auch für die  deutsche Geschichte bemerkenswerte Aufschlüsse gibt das wiederaufgefundene Tagebuch der Fürstin Lieven ( 1118), der Freundin Metternichs, aus den Tagen des Aachener und Veroner Kongresses; diese Aufzeichnungen stammen aus der Zeit, in welcher sie politischen Einfluß ausübte und zur politischen Gegnerin Metternichs geworden war. Ihr wechselvolles Leben hat Temperley beschrieben und einen Einblick in dies Leben gegeben, dessen allgemeine gesellschaftliche Formen die hohe Politik, der Verkehr der Staatsmänner untereinander auf den Kongressen bestimmte. Das Buch zeigt -- auch durch die Beigabe einiger politischer Skizzen der Fürstin Lieven -- die Tätigkeit der europäischen Diplomatie in einigen wichtigen Situationen (die Verhandlungen über Griechenland 1825--30, die englische Ministerkrise von 1827 und die belgische Revolution 1830). »Sicherlich gibt es nur wenige Memoirenschreiber, welche auf so geringem Raum Licht auf so vieles geworfen oder diplomatische Geheimnisse in einer so lebendigen Art aufgedeckt haben« (Temperley). Seit Canning die liberalen und nationalen Bewegungen in der Welt förderte, gewann die englische Politik nicht nur für die Staatsleiter, sondern auch für die Völker ein anderes Gesicht. Galt England im Zeitalter des werdenden Konstitutionalismus als das Musterland eines gut regierten Landes, dessen Verfassung als Vorbild diente, so erwarb sich nun auch seine auswärtige Politik den Ruf, für die unterdrückten Völker einzutreten und alle Freiheitskämpfe zu unterstützen.

II. Einzeldarstellungen.

Die Bedeutung der auswärtigen Politik für die Bewegung von 1848 war bisher zu wenig bekannt, es fügt sich, daß auch ein französischer Historiker (Guichen) diese Frage aufgreift und in mehreren umfänglichen Kapiteln einer an sich weiter gespannten Arbeit ( 1128) das Verhalten der auswärtigen Mächte zu den Bewegungen in Deutschland und Österreich untersucht. Guichen benutzt Material aus den Archives des affaires étrangères und dem Foreign Office, so daß der  deutsche Forscher, dem diese Archive verschlossen sind, hier wichtige ergänzende Nachrichten zu den in deutschen Archiven vorhandenen Berichten der deutschen Gesandten und die authentischen Äußerungen der Staatsmänner findet.

II. Einzeldarstellungen.

Die Denkwürdigkeiten Friedrich Daniel Bassermanns ( 1156) sind bereits von Axel von Harnack in seinem Buche: Friedrich Daniel Bassermann und die  deutsche Revolution 1848/49 (Historische Bibliothek Bd. 44, 1920.


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vgl. Hist. Zeitschr. Bd. 136, S. 359--362) benutzt und ausgewertet worden. Die Denkwürdigkeiten beschränken sich im wesentlichen auf die Zeit vom Herbst 1847 bis November 1848; Bassermann begann sie im Mai 1849 niederzuschreiben, also sehr bald nach den Ereignissen und zum Teil mit Benutzung gleichzeitiger Aufzeichnungen (z. B. S. 66 über die Heidelberger Zusammenkunft vom 5. März 1848). Die Ereignisse zur Zeit der Niederschrift haben das Urteil gefärbt (vgl. etwa S. 61 f.); es erweist sich daher notwendig, die Denkwürdigkeiten an Hand von Briefen und Reden aus der Zeit der Ereignisse selbst zu kontrollieren. Dieser Herausgeberpflicht ist nur in einzelnen Fällen durch Beigabe von Briefen und eines Anhanges genügt worden. Bemerkenswert, weil bisher noch nicht bekannt, ist die Instruktion vom 12. November 1848, welche Bassermann vom Reichsministerium nach Berlin mitgegeben wurde (S. 279 Anm.).

§ 23. Deutsche Geschichte von 1850--1870.

Von Zeitschriftenveröffentlichungen sei zunächst auf die Instruktion Rechbergs an den Grafen Thun über die österreichische Orientpolitik hingewiesen ( 1178). Die Instruktion ist im Dezember 1859 verfaßt, als Thun als außerordentlicher Gesandter nach Petersburg ging. Sie bezeichnet als erstes Ziel der österreichischen Orientpolitik die Erhaltung der Türkei. Wenn diese nicht möglich sei, so will man keinesfalls die Selbständigkeit der christlichen Balkanvölker, sondern eine Aufteilung unter die Großmächte, und für den Fall der unvermeidbaren Notwendigkeit der Aufteilung der Türkei meldet Österreich sehr erhebliche Ansprüche an. -- Zwei Veröffentlichungen über Frankreichs Politik 1866 betreffen mittelbar auch die  deutsche Geschichte. H. Salomon veröffentlicht ein Kapitel eines in Vorbereitung befindlichen Buches über die Gesandtschaft des Fürsten Metternich in Paris ( 1197) und schildert, vor allem auf Grund der inzwischen auch von Oncken benutzten Berichte Metternichs nach Wien, die Schwankungen der napoleonischen Politik am Vorabend des österreichisch-preußischen Krieges. -- d'Hauterive veröffentlicht Briefe über eine italienische Mission des Prinzen Napoleon ( 1199), die für die politische Gesamtsituation zwischen Königgrätz und dem Prager Frieden charakteristisch sind. Der Prinz soll die italienische Regierung zur Annahme des Waffenstillstandes veranlassen, möglichst sogar vor Preußen. Der Erfolg des an diese Mission nicht gerade mit großer Freude herangehenden Prinzen war recht mäßig. Die Briefe, vor allem die des Prinzen selbst, zeigen die Schwierigkeiten, in die die napoleonische Politik durch den unerwarteten Ausgang des Feldzuges von 1866 auch gegenüber Italien kam. -- Für die Vorgeschichte des deutsch-französischen Krieges ist der Brief interessant ( 1208), den E. Adelon, ein Mitarbeiter Olliviers, im April 1871 an den früheren Ministerpräsidenten schrieb. Er berichtet darin über eine Unterredung mit Bachon, dessen Stellung am Hof Napoleons ihn zum Augenzeugen wichtiger Vorgänge gemacht hatte. Mit charakteristischen Einzelheiten wird dabei die Schuld am Kriege der Kaiserin und dem Kriegsminister Lebœuf zugeschrieben


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und von der Wut des Kriegsministers gesprochen, als am 13. Juli der Ministerrat den Krieg abgelehnt hatte; er äußerte u. a., Ollivier habe den Kaiser verraten. -- Die von Stern veröffentlichten Berichte des Schweizer Gesandten Kern as Paris ( 1211) geben bezeichnende Stimmungsbilder über die Vorgänge in Paris bei Beginn und im Verlauf des Krieges von 1870/71. Die Berichte, die Stern bereits in seiner »Geschichte Europas« benutzt hat, werden zum Teil vollständig, zum Teil im Auszug wiedergegeben. Sie erzählen anschaulich über die Kammersitzung vom 15. Juli, ferner vor allem über die innerfranzösischen Vorgänge und Zustände während des deutschen Vordringens. Am 9. September berichtet Kern über eine Unterhaltung mit Favre. Der Rest sind »Ballonbriefe« aus dem belagerten Paris und Berichte über den Aufstand der Kommune. -- Für Frankreichs außenpolitische Haltung 1870/71 ist der von Bouniols veröffentlichte Brief Guizots an die Prinzessin Trubeckoj nicht ohne Interesse ( 1210). Der am 28. September 1870 geschriebene Brief war von der Prinzessin erbeten, um in Petersburg im Sinne Frankreichs wirken zu können; er wird aus dem österreichischen Archiv veröffentlicht, in das er dadurch gekommen war, daß der österreichische Gesandte in Petersburg ihn abschrieb und nach Wien sandte. Guizot schreibt sehr scharf gegen Napoleon und verurteilt den Krieg, den Frankreich nicht gewollt habe, und läßt leise durchblicken, daß Napoleon an ihm nicht unschuldig war. Der Sturz des Kaiserreichs sei völlig verdient, jetzt aber sei Frankreich sich selbst wiedergegeben und der Kampf rein defensiv. Guizot rechnet unter vorsichtig abgeschwächter Parallele mit 1792 auf die Dauer der französischen Widerstandskraft, vor allem auf erfolgreiche Verteidigung von Paris. Er betont die Stärke der neutralen Mächte im Fall einer Intervention und verlangt dafür territoriale Integrität Frankreichs. Er meint mit stark pazifistischer Wendung, daß Frankreich jetzt in seinem Kampf auch Europa verteidige. -- In dieselbe politische Situation gehören die von Carré veröffentlichten Tagebuchnotizen und Briefe Michelets ( 1212). Leider sind die Zwischenbemerkungen des Herausgebers nicht frei von Kriegsstimmung. Michelet nennt sich einen Freund des geistigen Deutschland und tritt für den Gedanken einer deutsch-französischen Verständigung ein, vor allem in einem Brief an Thiers aus dem Jahre 1867. Er fordert freilich schon damals, daß der Rhein neutral bleibe. Die Mehrzahl der Briefe ist aus den Jahren 1870/71. Im Juli 1870 wendet er sich scharf gegen die Politik Gramonts und sagt, das französische Volk wolle den Krieg nicht. Er verteidigt dann den Gedanken der deutschen Einheit. Im August unterzeichnet er ein Manifest Marx- Engels-Louis Blanc. Im weiteren Verlauf des Krieges schlägt seine Stimmung gegenüber Deutschland um. Im Januar 1871 tritt er auf das entschiedenste für den Verbleib des Elsaß bei Frankreich ein. Tagebuchnotizen vom März sprechen von einem zukünftigen Bündnis Frankreich, England, Rußland, Polen gegen Deutschland, und im Mai heißt es, das Heil werde von einer Allianz mit Rußland kommen. -- Die von Maréchal veröffentlichten Erinnerungen an die Vorgänge in Metz während der Belagerung 1870 ( 1214), die niedergeschrieben sind von der Frau des damaligen Maire, sind ohne allgemeine Bedeutung, trotzdem als Stimmungsbilder recht charakteristisch. Sie beginnen am 11. August und schließen mit einer großen Lücke für den September in der hier vorliegenden Veröffentlichung vorläufig mit Mitte Oktober. -- Eine interessante Episode aus den Verhandlungen zwischen England und Deutschland vor Ausbruch

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des Krieges 1870 schildert Rheindorf ( 1205). Es handelt sich um einen Abrüstungsvorschlag Englands, zu dem mehrere charakteristische Briefe Bismarcks an Bernstorff aus dem Beginn des Jahres 1870, ergänzt durch einen Brief vom August, abgedruckt werden. Der Aufsatz ist wichtig sowohl für die Stellung Englands zu den deutsch-französischen Beziehungen, wie auch für die Art, in der ein solcher Abrüstungsvorschlag aus sehr wenig idealen Motiven für politische Zwecke benutzt wurde. -- Die allgemeine Studie über die Beziehungen Englands zu Frankreich und Deutschland im Jahrzehnt vor und nach der Reichsgründung von Ramsay ( 1181) ist auch für uns wichtig, weil sie vor allem auf bei uns nicht immer berücksichtigtem englischen Material beruht und mancherlei auch für uns interessante Gesichtspunkte enthält. Freilich zeichnet sich das Buch durch alles andere als durch Unparteilichkeit gegenüber Deutschland aus und ist von historischem Verständnis für Deutschlands Lage und Politik recht weit entfernt.

§ 24. Deutsche Geschichte von 1871--1890.

Eine  deutsche Geschichte von der Reichsgründung bis zum Ausbruch des Weltkrieges beginnt A. Wahl zu veröffentlichen, deren erster, die siebziger Jahre umfassender Band jetzt vorliegt ( 1218). Es fallen freilich nur die ersten Lieferungen in unser Berichtsjahr, aber der Sache entspricht, gleich den ganzen ersten Band hier anzuzeigen. Die Gesamtauffassung Wahls, die in einer ausführlichen Vorbemerkung dargelegt wird und die in dem Buch natürlich immer anklingt, enthält eine gewisse Parallelität mit dem von uns oben besprochenen Buch von Ziekursch. (Vgl. S. 283.) Für beide steht Bismarcks Reich im Gegensatz zum Zeitgeist, nur sind dabei Wahls Werturteile durchaus denen von Ziekursch entgegengesetzt. Was Ziekursch tadelt, ist für Wahl gerade ein großes Verdienst. »Gegen die andrängenden Auffassungen,« so sagt Wahl, »die wir nach der französischen Revolution zu nennen pflegen, hatte das neue Reich einen ununterbrochenen Kampf zu führen, um nicht in den Abstieg des übrigen Europa hineingerissen zu werden. Man könnte auch sagen, daß unser Reich bei dem allgemeinen Abstieg der Welt von wahrer Kulturhöhe herab die Nachhut geführt habe. Es hat sie tapfer genug geführt!« Wir vermögen dieser Grundanschauung freilich ebenso wenig zuzustimmen wie der von Ziekursch. Sie wurzelt bei Wahl in seiner Auffassung der französischen Revolution, von der er meint, daß mit ihr in zahlreichen europäischen Staaten ein Abstieg eingesetzt habe, von dem noch nicht klar sei, »wie tief hinab er führe«; überall, wohin die französische Revolution gedrungen sei, habe »sie die letzten Grundlagen der Kultur und der Leistungen der Völker angefressen: so die Einheitlichkeit des Volks empfindens -- denn sie hat überall zwei Völker an die Stelle des einen gesetzt, das sie vorfand«. Diese Auffassung steht ja in striktem Widerspruch zu der schon von Ranke betonten Tatsache, über die sich sonst wohl die Geschichtswissenschaft ziemlich einig ist, daß gerade erst die französische Revolution den nationalen Gedanken bewußt in das Leben der europäischen Völker eingeführt hat. Auch Wahls sonstige Formulierungen, daß die Wirkung der Ideen der französischen Revolution zur »Indienststellung des Staates unter den Gedanken des Nutzens«


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und zur »Herrschaft des Geldes« geführt habe und überhaupt schlechthin »kulturzerstörend« gewesen sei, wird man schwerlich zustimmen können. (Vgl. auch Wahls Aufsatz: »Die Ideen von 1789 in ihren Wirkungen auf Deutschland«, 2503.) Diese Gesamtauffassung führt natürlich zu einer sehr pessimistischen Grundstimmung, und schon der Ausdruck, daß das  Deutsche Reich den Kampf gegen den durch die französische Revolution herbeigeführten Niedergang des Abendlandes in der »Nachhut« geführt habe, zeigt, daß dieser Kampf im Grunde vergeblich sein mußte. Wir möchten freilich meinen, daß diese pessimistische Haltung in einem Buche, das für weitere Kreise bestimmt ist, wohl kaum zur Erweckung neuer nationaler Energie führen kann. Diese Grundauffassung Wahls führt natürlich dazu, daß der darstellende Teil -- jedenfalls für unser Empfinden -- viele Probleme einseitig sieht und auch im Urteil über bestimmte Parteien und Persönlichkeiten manchesmal überaus scharfe und an parteipolitische Tagesäußerungen anklingende Wendungen enthält. Gewiß, niemand kann unabhängig von seinem politischen Standpunkt aus die jüngste Geschichte behandeln; ob die Schärfe der Formulierungen Wahls immer der für ein historisches Werk notwendigen Zurückhaltung entspricht, darüber kann man füglich streiten. Aber auch, wer die historische Grundanschauung des Verfassers für falsch hält und seine politischen Ansichten nicht teilt, muß die riesige Arbeitsleistung dieses Bandes anerkennen und muß feststellen, daß für manche Gebiete auch der Historiker durch das verarbeitete Material wie durch Wahls Urteil Anregungen schöpfen und lernen kann. Das gilt besonders für die Gebiete des innenpolitischen Lebens, wo das in Frage kommende Material noch kaum in solchem Umfang verarbeitet worden ist, wie Wahl es getan hat. Auf Einzelheiten hinzuweisen ist natürlich in diesem Zusammenhang nicht möglich, und wir berichten nur, daß neben der Außenpolitik und den allgemeinen Problemen der deutschen inneren Politik auch die Politik der Einzelstaaten eingehend behandelt wird. Daneben schildern umfang- und materialreiche Kapitel die Lage der neuerworbenen und völkisch gemischten Gebiete (Elsaß-Lothringen, den von Polen mit bewohnten Osten und Nord-Schleswig) und das geistige Leben.

§ 24. Deutsche Geschichte von 1871--1890.

Der dasselbe Thema behandelnde Vortrag Windelbands ( 1220) ist seinem Zweck entsprechend stärker auf die  deutsche Politik und auf die sogenannte »Kriegsschuldfrage« eingestellt und betont den friedlichen Charakter der deutschen Außenpolitik. Auch Windelband hebt den Gegensatz der Politik Bismarcks und seiner Nachfolger hervor. Wenn Lenz betont hatte, daß die  deutsche Politik, die gleichzeitig England und Rußland den Weg vertrat, »über unsere Kraft ging«, so formuliert Windelband noch schärfer, und wie wir glauben mit Recht, als entscheidenden Fehler unserer Politik, daß sie gleichzeitig Flottenbau und Orientpolitik unternahm. In der Beurteilung der Möglichkeit eines englisch-deutschen Bündnisses um die Jahrhundertwende, die Lenz scharf zurückweist, ist Windelband wohl mit Recht zurückhaltender und stellt die Endentscheidung bis zur Veröffentlichung der englischen Akten zurück. Er betont, daß die noch heute in der populären Anschauung übliche Vorstellung von der englischen Einkreisungspolitik so, wie wir sie im Kriege hatten, nicht haltbar ist, daß aber England im Gegensatz zu Deutschland nichts tat, um den Krieg zu verhindern. -- In ähnlicher Weise versucht der Aufsatz von Roeseler ( 1222) die bisherigen Ergebnisse der Forschung über die  deutsche Außenpolitik seit 1871 zusammenzufassen, vorläufig etwa bis zum Berliner Kongreß. Die Formulierung am Schluß, daß es das »schmerzliche Ergebnis des Berliner Kongresses« gewesen sei, daß Rußland als deutscher Bundesgenosse verloren war, halten wir in dieser Formulierung für zu weitgehend. -- Die Bismarcksche Außenpolitik behandelt die Arbeit von Näf ( 1224), die aus Vorlesungen an der Handelshochschule in St. Gallen entstanden ist und schon im Sommer 1924 abgeschlossen war. Zugrunde liegen im wesentlichen die ersten sechs Bände des großen Aktenwerkes, während mit Ausnahme des großen Buches von Rachfahl die neuere Literatur nicht berücksichtigt ist. In seiner Auffassung hat sich der Verfasser dabei wohl etwas zu stark von Rachfahl beeinflussen lassen. Trotzdem bildet das Ganze eine gute Übersicht über die Bismarcksche Außenpolitik, wobei die etwas glatte Überwindung verschiedener Standpunkte ohne ausgesprochene Stellungnahme auffällt. Wir können uns aber freuen, daß gerade in der Schweiz außerordentlich stark der friedliche Charakter der Bismarckschen Außenpolitik hervorgehoben wird. -- Ein Einzelproblem der Bismarckschen Außenpolitik, aber als Mittel zur Charakterisierung seiner Gesamtpolitik, behandelt die Göttinger Reichsgründungsrede von A. O. Meyer ( 1244). Sie skizziert die großen Linien der Orientpolitik Bismarcks. Er leugnet stets ein unmittelbares Interesse Preußens und Deutschlands an den Fragen im Orient. Vor 1871 ist die Orientpolitik für Bismarck das Werkzeug, um Preußens europäische Stellung zu stärken, vor allem, um Österreich und Rußland auseinanderzuhalten. Nach 1871 ist sie dagegen der Störenfried. A. O. Meyer schildert in großen Zügen


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die Behandlung der orientalischen Frage und betont, daß es Bismarck glückte, über alle Krisen hinweg hier den Frieden zu erhalten, weil seine Staatskunst hier, wie stets, »Achtung vor den Lebensbedürfnissen jeder fremden Macht« besaß. Bismarcks Nachfolger werden sehr scharf kritisiert, vor allem, daß sie sich von Österreich in der orientalischen Frage das »Leitseil um den Hals werfen ließen«. Deutschlands Zusammenbruch erklärt sich im wesentlichen aus den »unheilbaren Fehlern« der nachbismarckschen Außenpolitik.

§ 24. Deutsche Geschichte von 1871--1890.

Die von Holborn herausgegebenen Aufzeichnungen und Erinnerungen des Botschafters von Radowitz ( 1235) und die beiden sie ergänzenden Untersuchungen des Herausgebers ( 1252 und 1260) enthalten wichtiges Material über die Außenpolitik der Bismarckschen Zeit. Die Erinnerungen, die die Zeit bis 1890 behandeln, sind zwar erst nachträglich niedergeschrieben und beruhen nur zum Teil auf Tagebuchaufzeichnungen, machen aber durchweg den Eindruck voller Zuverlässigkeit. Das Erinnerungswerk enthält, wie alle derartigen Veröffentlichungen, vielerlei charakteristische Einzelzüge von den Zeiten Friedrich Wilhelms IV. bis zur Entlassung Bismarcks, von denen zunächst die Mitteilungen aus der Pariser Zeit Radowitz' (1865--67) hervorzuheben sind. Am wichtigsten sind natürlich die Aufzeichnungen über die Erlebnisse im Auswärtigen Amt und als Botschafter in Konstantinopel. Überhaupt steht die orientalische Frage ziemlich stark im Mittelpunkt dieser Erinnerungen. Die Schilderungen über den Berliner Kongreß, dessen Sekretariat Radowitz leitete, erzählen mehr die äußeren Seiten. Sehr wertvoll sind aber die Aufzeichnungen über die Geschichte des Bündnisses mit Österreich 1879, wobei Radowitz wichtige Ergänzungen zur Aktenpublikation geben kann. Das Ringen zwischen Bismarck und dem Kaiser kommt bei ihm noch schärfer zum Ausdruck als im Aktenwerk, zumal Radowitz in Bismarcks Sinne an führender Stelle die Einwilligung des widerstrebenden Monarchen für das österreichische Bündnis zu erlangen verstand. Hervorzuheben ist auch, daß im Gegensatz zu dem oben besprochenen Buch von Heller auch nach Radowitz' Auffassung das Bündnis mit


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Österreich nicht die »Option« gegen Rußland bedeutete, und, was noch wichtiger ist, daß der Botschafter auch entsprechende sehr charakteristische Äußerungen Bismarcks verzeichnen kann. Die Schlußkapitel der Aufzeichnungen geben manche sehr interessante Einzelheiten über die Berliner Zustände vom Tode des alten Kaisers bis zum Sturz Bismarcks -- mit charakteristischen Äußerungen auch des Kaisers und Bismarcks --, bestätigen freilich im ganzen nur das bekannte Bild. Die Zustände im Auswärtigen Amt nach Bismarcks Sturz werden besonders scharf kritisiert. Freilich hat sich Radowitz, der zweifellos zu den fähigsten Botschaftern der Bismarckzeit gehört, schon für die Zeit vor 1890 immer wieder sehr wenig freundlich über die Zustände im Auswärtigen Amt und über die nähere Umgebung Bismarcks, vor allem über Bucher und Moritz Busch, geäußert. Seine Erinnerungen scheinen uns sehr deutlich zu zeigen, wie sehr der Druck der riesenhaften Persönlichkeit Bismarcks auch auf den Vertretern der deutschen Diplomatie gelegen hat. (Vergleiche dazu meine Besprechung in der Historischen Zeitschrift, Bd. 132, S. 509 ff. Es sei aber verzeichnet, daß Rothfels in seiner Besprechung dieser Erinnerungen von Radowitz [ 1236] in diesem Punkt gerade einen anderen Eindruck auf Grund der Erinnerungen des Botschafters gewonnen hat.) -- Den Teil der Tätigkeit von Radowitz, der seinen Namen am bekanntesten gemacht hat, die »Mission Radowitz« nach Petersburg 1875, behandelt Holborn in einer gesonderten Abhandlung ( 1252), unter Hinzufügung einer Anzahl Akten aus dem Auswärtigen Amt und aus dem Nachlaß von Radowitz. Holborn schildert die allgemeine europäische Lage und die Haltung der Bismarckschen Außenpolitik von der Reichsgründung bis zum Jahre 1875, und vor allem natürlich die Vorgeschichte und Geschichte der »Mission Radowitz«. Das einwandfreie Ergebnis der Untersuchung Holborns ist, daß diese Mission nur der Wiederherstellung des guten Verhältnisses zwischen Deutschland und Rußland dienen, Einzelstreitigkeiten beseitigen, und vor allem Gortschakows Neigung, das Schwergewicht des Dreikaiser-Bündnisses nach Petersburg zu verlegen, entgegenwirken sollte. Die damals und später auftauchenden Gerüchte, daß sich hinter der »Mission Radowitz« aggressive Tendenzen gegen Frankreich verbargen, die dann Gortschakow den Vorwand zu seinem bekannten Schritt gaben, werden durch Holborns Arbeit definitiv als völlig haltlos erwiesen. -- Es sei auch an dieser Stelle darauf hingewiesen, daß die Erinnerungen von Radowitz und auch die Untersuchungen von Holborn, worauf dieser selbst hinweist, eine gewisse methodische Bedeutung haben. Man hat aus Anlaß der deutschen Aktenpublikation gelegentlich darum gestritten, ob in den offiziellen Akten die ganze Wahrheit enthalten sei. Dieser Streit ist natürlich nicht ganz ohne alle Berechtigung, aber an sich liegt auf der Hand, daß in privaten Schreiben oder Unterredungen unmöglich das Gegenteil von dem enthalten sein kann, was die ja auch geheimen Akten enthalten. Jedenfalls zeigen sowohl Holborns Untersuchung wie die Erinnerungen des Botschafters, daß solche privaten Veröffentlichungen die Akten zwar wertvoll ergänzen können, daß sie aber an dem auf Grund der Akten gefällten Gesamturteil über die  deutsche Politik nichts ändern, sondern es nur bestätigen. --Holborns Aufsatz, der Bismarcks Politik gegenüber der Türkei von 1878--1890 schildert ( 1260), bildet darüber hinaus einen Beitrag zu den allgemeinen Beziehungen Deutschlands zu Österreich, Rußland und England. Holborn sagt mit Recht, daß die Pflege der

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deutsch-türkischen Beziehungen für Bismarck ein wesentliches Mittel seiner Friedenspolitik gewesen sei. Im Anhang veröffentlicht er einen interessanten Erlaß Bismarcks an Radowitz vom 18. Oktober 1873.

§ 24. Deutsche Geschichte von 1871--1890.

Wolframs Arbeit über den Oberpräsidenten von Möller ( 1269), den ersten Leiter der deutschen Verwaltung im Reichslande Elsaß-Lothringen, ist ein dankenswerter Beitrag nicht nur zum Verständnis der Persönlichkeit


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Möllers, sondern vor allem zur Geschichte der deutschen Herrschaft in Elsaß- Lothringen, freilich ein Beitrag, der in mancher Beziehung für uns heute schmerzliche Erinnerungen weckt. Wolfram kann, trotzdem ihm die Straßburger Archive natürlich verschlossen waren, manches ungedruckte Material benutzen, u. a. Briefe Wilhelms I. und Bismarcks. Möller, der 1871 Oberpräsident wurde, hatte eine erfolgreiche Beamtenlaufbahn hinter sich und zuletzt eine verwandte, freilich leichtere Aufgabe als Oberpräsident des ehemaligen Kurfürstentums Hessen seit 1866 zu lösen verstanden. Möller war, wie die Ausführungen Wolframs zeigen, der rechte Mann für die schwierige, im Reichsland zu lösende Aufgabe, und er war sich ihrer Schwere durchaus bewußt. Als er 1879 zurücktreten mußte, konnte er, freilich mit bitterem Gefühl über seine Ausschaltung, auf manchen Erfolg zurückblicken. Seine Stellung in Elsaß-Lothringen litt unter dem Fehlen einer klaren Abgrenzung seiner Befugnisse zur Elsaß-Lothringischen Abteilung in Berlin, die die eigentliche Regierung des Reichslandes in der Hand hatte. Konflikte zwischen den im Lande weilenden und die Wirkungen verschiedener Maßnahmen -- etwa des sogenannten Diktaturparagraphen, gegen den Möller war -- in ihrer Wirkung klarer überblickenden Oberpräsidenten und den Berliner Stellen, die ihm gern zu große Milde vorwarfen, waren unter den gegebenen Verhältnissen nur natürlich. Möller empfand das Provisorische seiner Stellung, das »Mittelding« des Reichslandes »zwischen Staat und Provinz«, natürlich besonders stark. Zunächst stand er in seinen Zielen mit denen Bismarcks in Übereinstimmung, auch der Kanzler beabsichtigte allmähliche Gleichstellung des Reichslandes mit den übrigen Bundesstaaten. Aber schon früh blieben Reibungen mit Bismarck nicht aus, so, wenn Möller sich mit gutem Grund gegen Bismarcks Verlangen wehrte, den Altkatholizismus im Reichsland einzuführen. Allmählich verstärkten sich die Differenzen mit Berlin, und man hat leider den Eindruck, daß mehr persönliche als sachliche Motive mitsprachen. Bismarck wurde im Grunde gegen seinen ursprünglichen Plan für stärkere Zentralisierung des Reichslandes gewonnen, während Möller sich für Stärkung der Stellung des Oberpräsidenten und gegen die Einmengung der Berliner Stellen aussprach. Daß ihn sachliche Gründe dabei bestimmten, zeigt seine Ablehnung der Übernahme der Stellung des von Bismarck gewünschten Ministers für Elsaß- Lothringen in Berlin. Es folgt dann tatsächlich eine Stärkung der Zentralisierung in Berlin, und die Gegensätze verschärfte ein Streit, ob Möller gegen den Wunsch Bismarcks seinen Sitz im Bundesrat behalten sollte. Der Kampf gegen Möller wurde u. a. auch von Schneegans geführt. Es folgten Auseinandersetzungen über Fragen der Personalunion des Reichslandes mit der Kaiserkrone, für die sich auch der Landesausschuß aussprach, mit dem Möller erfolgreich zusammenarbeitete. Als Möller dann auf ausdrückliche Aufforderung des Kaisers einen Bericht an den Herrscher in diesem Sinne schickte, hat ihn das anscheinend bei Bismarck endgültig in Ungnade gebracht, der das als ein Handeln über seinen Kopf hinweg empfand und schließlich über Möller und zugleich damit über seinen Herrscher siegte. Als 1879 die Statthalterschaft errichtet wurde, die im Grunde Möllers Plänen entsprach, wurde er verabschiedet. -- Unmittelbar in diesen Zusammenhang gehört der von Hans Kaiser mitgeteilte, auch von Wolfram zitierte Brief des Kronprinzen Friedrich Wilhelm an Manteuffel ( 1270), als er dessen bevorstehende Ernennung

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zum Statthalter aus den Zeitungen erfahren hatte. Der Kronprinz bittet Manteuffel, Möller im Amt zu behalten, und zeigt in diesem Briefe, daß er die in der Arbeit Wolframs hervortretenden Gegensätze zwischen Möller und den Berliner Stellen durchaus kannte. »Weil er (Möller) aber ein selbständiger Mann ist, weil er, an Ort und Stelle wirkend, die Dinge kennen lernte und sie behandelt, wie sie sind, behagt er dem Berliner grünen Tisch durchaus nicht.« -- Den Gegensatz der Zeiten Möllers im Reichsland zu der Ära Manteuffel charakterisiert die Untersuchung von A. Sachse ( 1271). Der Verfasser zeigt, wie Manteuffel auch in seiner Schulpolitik von für das Elsaß nicht passenden Anschauungen beherrscht war und gerade die Elemente begünstigte, die am wenigsten dem deutschen Staat zu gewinnen waren. Vor allem suchte er die katholische Geistlichkeit auf Kosten der Schule und Lehrer zu gewinnen und begünstigte den Einfluß der Kirche auf die Schule. Daneben wurden gerade die Volksschulen vernachlässigt, obwohl in den sie besuchenden Volksteilen das  deutsche Bewußtsein am stärksten vertreten war. Darüber hinaus betont Sachse, daß Manteuffel in einer für die elsässischen Verhältnisse gefährlichen Weise den Ehrgeiz hatte, in Elsaß-Lothringen Einrichtungen zu schaffen, die für das übrige Deutschland vorbildlich sein sollten. Er kommt so im ganzen zu einer überaus scharfen Verurteilung Manteuffels, die bei aller Berechtigung uns fast allzu scharf erscheint. Der entscheidende Fehler war, wobei wir mit einer entsprechenden Bemerkung von Wahl in seinem am Anfang unseres Berichts besprochenen Buche übereinstimmen, daß man, an Stelle eine geradelinige und folgerichtige, allein Erfolg versprechende Politik zu betreiben, bei dem Versuch der inneren Wiedergewinnung des Elsaß für den deutschen Staat -- und nicht nur hier -- ständig mit den Methoden wechselte.

I. Quellenpublikationen und Darstellungen zur allgemeinen Geschichte der Periode.

Mit dem Erscheinen dieser stattlichen Bändereihe waren der bearbeitenden Forschung Aufgaben von einem Umfange gestellt worden, die nur in längerer Zeit gelöst werden konnten und zu deren Erfüllung auch tatsächlich überall erst Ansätze vorhanden sind. Die Forschung zu unserer Periode steht denn auch durchweg im Zeichen eines Übergangsstadiums. Am schwersten sind von dieser Lage naturgemäß die Versuche getroffen, die bereits eine Zusammenfassung der Periode geben möchten. Sie müssen sich in ganz besonders starker Weise damit abfinden, bis auf weiteres den Charakter des Provisorischen zu tragen. Erich Brandenburg konnte seine Darstellung der deutschen Politik von 1871--1914 in 2. Auflage ( 1279) erscheinen lassen. Die Neuauflage hat die inzwischen erschienenen Bände der großen Aktenausgabe und die neuere Literatur verwertet, ohne aber den Charakter des Buches zu verändern, das ganz überwiegend auf die diplomatischen Akten der Wilhelmstraße aufgebaut bleibt, sich in sehr starker Weise deren herrschende Denkweise zu eigen gemacht hat und dadurch vor allem in seiner Auffassung der deutschenglischen Beziehungen zum Gegenstand kritischer Bedenken geworden ist. -- Eine umfassende Neudarstellung von Wert liegt in dem 7. Bande der Ullsteinschen Weltgeschichte ( 1278) vor, dessen Bearbeitung Paul Herre geleitet hat. Aus seiner Feder stammen die Kapitel über die allgemeine Entwicklung des Staatensystems. Sie bilden das eigentliche Rückgrat des Bandes, zu dem die an sich dankenswerten Darstellungen der inneren Geschichte der Einzelländer, obwohl überwiegend von guten Sachkennern, wie Rachfahl, Joachim Kühn, Fel. Salomon, O. Franke, O. Hoetzsch usw., verfaßt, doch nur mehr ergänzende Bedeutung besitzen. Herres Darstellung ist besonders wertvoll für die Zeit bis 1904, für die ihm die deutschen Akten bereits zugänglich waren. Sie zeichnet sich durch die Weite des Blicks aus, die in dem Zeitalter der beginnenden Weltpolitik die Entwicklung wirklich als Ganzes ohne nationale Blickverengung zusammenzuordnen vermag. Mit Energie ist die Gefahr vermieden, die geschichtlich objektive Betrachtung der großen Macht- und Interessenpolitik durch die Suggestionskraft der Schuldfragendiskussion ersticken zu lassen. Bemerkenswert ist die kritische Nüchternheit, mit der die englische Politik beurteilt wird. Die Geschichte der Julikrise von 1914 zeichnet sich durch die Entschiedenheit aus, mit der sie als Konsequenz der in sie hineinführenden Machtbestrebungen der beteiligten Mächte in wirklich geschichtlichem Sinne behandelt und einer ungebührlichen Isolierung von ihren tieferen Voraussetzungen entzogen ist. Trotz der in der Materiallage begründeten schwächeren Fundamentierung der späteren Abschnitte ist das Werk als vorläufige Orientierung über unseren Wissensstand daher dankbar anzuerkennen. -- Die Skizze, die O. Hammann von der deutschen Weltpolitik seit 1890 ( 1280) gibt, ist dagegen ohne wissenschaftliche Bedeutung. Sie bringt nur eine zusammenfassende Wiederholung dessen, was der Autor in seinen stets gehaltärmer gewordenen früheren Büchern vorgebracht hat. Die


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stilistisch elegante Zuspitzung geht auch hier vielfach auf Kosten der Sachlichkeit, die Antipathien und Sympathien des Verfassers sind ohne das Korrektiv historischer Kritik die seiner einstigen politischen Amtstätigkeit geblieben. Die Veröffentlichung einiger Aufzeichungen aus jener Periode durch Hammann ( 1281) erweckt das Bedauern, daß er nicht prinzipiell die Publikation dieser unmittelbaren Niederschläge des historischen Geschehens einer unglücklich zwischen Memoiren und Geschichtschreibung schwebenden Bücherreihe vorgezogen hat. -- Außerordentlich wertvoll als maßvoll besonnene, auch in der Kritik stets sympathische Spiegelung unserer jüngeren Entwicklung durch einen Ausländer ist Goochs Buch über »Germany« (1283/1284). Die Objektivität, mit der er die Größe der Bismarckschen Diplomatie, die innere Berechtigung des deutschen Expansionsdranges seit der Jahrhundertwende anerkennt, die Umsicht, mit der Notwendigkeit dieser Entwicklung und politische Einzelfehler ihrer Durchführung geschieden werden, die Bestimmtheit, mit der der Friedenswille von Nation, Regierung und Kaiser vor dem Weltkrieg betont und die  deutsche Hilfeleistung für den österreichischen Bundesgenossen als moralisch unanfechtbar bezeichnet wird, stellen das Werk an die Spitze aller bisherigen Auslandsversuche, der jüngeren Geschichte Deutschlands mit wirklichem Verstehen nahezukommen. Auch die Geschichte der Jahre nach dem Versailler Frieden zeichnet sich durch vornehme Ruhe und den entschiedenen Mut aus, mit dem Gooch dem deutschen Standpunkt im Kampf um den Versailler Frieden gerecht zu werden bemüht ist. Gooch hat sich schließlich mit einer umfassenden Eindringlichkeit, die auch für den Deutschen in hohem Maße anregend wirkt, bemüht, die schwierige Entwicklung des geistigen deutschen Lebens bis in die Gegenwart zu verfolgen. Mögen auf diesem Gebiete Bedenken über die Linienführung in Fragen bleiben, die sich heute noch der einheitlichen Beantwortung auch durch den deutschen Historiker entziehen, so stellt das Werk doch einen tiefgehenden Versuch dar, das nationale Dasein Deutschlands als Ganzes zu begreifen, der als historische Leistung einen hohen Rang einnimmt und durch die energische Gedankenarbeit des Verfassers einen von technischem Veralten in starkem Maße unabhängigen Wert besitzen wird.

III. Zur Geschichte des Neuen Kurses.

Als erster geschlossener Fragenkreis zur Geschichte der deutschen Außenpolitik seit 1890 hat die Periode der Umstellung von dem Bismarckschen Bündnissystem auf den Neuen Kurs und die parallele Entstehung des russisch-französischen Zweibundes die Einzelforschung des Jahres 1925 beschäftigt. K. Staehlin ( 1305) hat die Bismarcksche Politik von 1888--1890 einer Untersuchung unterzogen, die an Hand von Bismarcks englischer Bündnisanfrage 1889 das gegenseitige Verhältnis seiner Beziehungen zu Rußland und England untersucht. --Adolf Hasenclever ( 1307) prüfte in wertvoller Weise die Entstehungsgeschichte des Helgolandvertrages nach der englischen Seite hin und betonte den Zusammenhang des Vertragsschlusses mit Salisburys Wunsch einer Wiedereroberung des Sudans. -- Inhaltlich und methodisch wertvoll war eine Auseinandersetzung zwischen H. Rothfels und H. Preller ( 1308/ 1309) über die Entstehungsgründe des französisch-russischen Zweibundes. Preller hat unter Vernachlässigung des französischen Gelbbuches den Nachweis versucht, daß die Spitze dieses Verhältnisses sich in erster Linie gegen England gerichtete habe und außerdem eine wesentliche Mitwirkung der kurialen Politik an seinem Zustandekommen behauptet. Rothfels hat, vornehmlich gestützt auf den ausschlaggebenden Inhalt der russisch-französischen Militärkonvention, diese Thesen widerlegen bzw. einschränken können und dabei mit großem Nachdruck den für Deutschland so gefährlich straff zugespitzten Mechanismus dieser Konvention charakterisiert, die, unmittelbar den Zwecken der Kriegführung dienend, Mobilmachung und Krieg gleichsetzte. Zugleich wies er lehrreich auf die unendliche Vorsicht hin, mit der Bismarck jeden Versuch abgewehrt hat, die Freiheit seiner politischen Bewegung auch im Rahmen des deutsch-österreichischen Bündnisses durch verfrühte militärische Abmachungen zu gefährden. -- Schließlich hat Otto Becker im zweiten Teil seines Werkes über Bismarck und die  deutsche Einkreisung ( 1311) eine eingehende Darstellung der diplomatischen Geschichte der Jahre 1890--1894 gegeben. Becker hat durch Benutzung der damals noch ungedruckten Schweinitzschen Tagebücher, vor allem aber durch die Akten des Wiener Archivs die Quellengrundlage seiner Arbeit in dankenswerter Weise erweitert und insbesondere die durchschnittlich herrschende Begrenzung auf nur  deutsche Akten, soweit zurzeit möglich, durchbrochen. Sein Buch gibt die bisher eindringlichste Darstellung der Kündigung des Rückversicherungsvertrages, die durch die österreichischen Akten die Argumente zur Kritik dieses Schrittes sehr wirkungsvoll verstärkt. Die Abhängigkeit der Entstehung des russisch-französischen Zweibundes von dieser Wendung der deutschen Politik wird nach seiner Arbeit als endgültig gesichertes Forschungsergebnis gelten können. Ganz neu bietet Becker die Geschichte der deutsch-österreichischen Beziehungen in diesen Jahren, wenn auch seine Darstellung das Bedenken offen läßt, ob er die Gefahr nicht einigermaßen überschätzt, die aus der allgemeinen Verschlechterung der


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deutschen Lage für die Existenz des deutsch-österreichischen Bundes entstand. Becker sucht den Abschluß des Helgolandvertrages als notwendiges Korrelat zur Kündigung des Rückversicherungsvertrages zu rechtfertigen. Sehr stark hat er dann als erster Roseberys Annäherung an Deutschland im Jahre 1894 als eine verpaßte Gelegenheit der deutschen Politik herausgearbeitet, bei der Deutschland nicht das seit 1890 gewünschte Bündnis mit England, wohl aber eine Wiederherstellung seiner engen Fühlungnahme mit dem Dreibund hätte erhalten können. Es erscheint fraglich, ob Roseberys Politik mehr wie Reaktion auf eine Augenblickslage gewesen ist. Die Bedeutung der österreichischen Anregung, aus der Roseberys Anfrage vom Februar 1894 hervorging, ist wohl kaum genügend bewertet worden. Es bleibt jedoch auch in dieser Frage ein Verdienst Beckers, als erster Probleme an einem bisher wenig beachteten Punkte gesehen und die Diskussion über sie eingeleitet zu haben.

III. Zur Geschichte des Neuen Kurses.

Die Forschung zum Zeitraum seit der Jahrhundertwende steht naturgemäß unter der Notwendigkeit, ihre Fragenkomplexe mit dem Problem des Kriegsausbruchs zu verbinden. Diese Lage öffnet sie nur zu leicht dem Einfluß gegenwartspolitisch noch aktueller Strömungen. Eine Überwindung dieser Gefahr ist bei genügender methodischer Besinnung in hohem Grade erreichbar. Justus Hashagen hat in einer Reihe von Aufsätzen ( 1343/ 1344) auf diese Notwendigkeit hingewiesen, die methodische Verwandtschaft des Problems der Weltkriegsentstehung mit älteren Aufgaben der Geschichtswissenschaft aufgezeigt und insbesondere auf die Gefahr aufmerksam gemacht, die eine Einschränkung auf das quantitativ überwiegend  deutsche Material sowie die ungenügende Berichtigung deutscher Urteilsmaßstäbe durch selbständige Erforschung der Eigenentwicklung der anderen großen Nationen mit sich bringt. -- Das umfangreiche Buch Eugen Fischers über die deutsch-englischen Bündnisverhandlungen von 1898 bis 1901 ( 1315) zeigt die Folgen einer Vernachlässigung solcher kritischen Vorsicht. Nur völliges Beiseitelassen der englischen Literatur konnte in Chamberlains rücksichtsloser, wenn auch weltumspannender Interessenpolitik den ersten Versuch, die Erde im ganzen zu organisieren, erblicken und damit ihren eigentlichen imperialistischen Sinn ganz verdunkeln, um auf der anderen Seite in den Bedenken der deutschen Gegenspieler nur Kurzsichtigkeit und Torheit zu finden. Die deutschen Akten sind bei ihm zwar in großer Breite analysiert, aber doch mit starker Willkür behandelt, da er an sie mit von Anfang an feststehenden Maßstäben herantrat. Charakteristisch dafür ist die Anstrengung, mit der eine Bedeutung Wilhelms II. für das Scheitern der Verhandlung bewiesen werden soll, die er neben der politisch vielleicht bestreitbaren, aber doch auf erwägenswerten Gründen aufgebauten Reserve Holsteins und Bülows nicht gehabt hat, charakteristisch auch Fischers Versuch, die Kluft zwischen Hatzfeldt und der Wilhelmstraße über ihr tatsächliches Maß zu erweitern, indem er in Hatzfeldts eigenen Bedenken stets nur Anpassung seiner Berichterstattung an Berliner Wünsche zu sehen vermag. Das Buch kann nicht einmal als vorläufig genügende Lösung des hier gestellten Problems gelten, bedeutet vielmehr einen entschiedenen Rückschritt auch gegen diejenigen Vorgänger, die wie Brandenburg in der optimistischen Beurteilung der englischen Politik und der Aussichten eines deutsch-englischen Bündnisses bereits sehr weit gingen. -- Ein Schüler Martin Spahns, Karl Herkenberg, hat in einem besonderen Buche die Stellung der »Times« zur Bündnismöglichkeit


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während des Jahres 1898 ( 1316) behandelt. Obwohl er damit erst an den Auftakt dieser Entwicklungsphase herantritt und die Prüfung der öffentlichen Meinung Englands sich auf das Material einer großen Zeitung beschränkt, beleuchtet er doch lehrreich die Schwierigkeiten, auf die die Chamberlainsche Politik zu stoßen im Begriff war. Die »Times« hat die Bemühungen des Kolonialministers zunächst ganz direkt abgelehnt, da sie eine russisch-englische Annäherung vorgezogen hätte, und sie gegen Jahresende gerade nur mit zurückhaltender Reserve durchgehen lassen. Herkenberg bestätigt im ganzen das Urteil der Spenderschen Campbell-Bannermann- Biographie, daß der Boden der öffentlichen Meinung in England für ein deutsches Bündnis kaum reif gewesen ist.

IV. Selbstaussagen von englischer und französischer Seite.

Neben jene beiden englischen Werke tritt als wichtiges Selbstzeugnis aus dem Ententelager die große Erweiterung seiner früheren Apologien, mit der Raymond Poincaré in den zwei ersten Bänden des »Au Service de la


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France« ( 1326) begonnen hat. Sie sind ein Werk der Verteidigung, das nicht nur gegen die russischen Materialien bei Siebert, Stieve und dem Livre Noir, sondern fast noch stärker gegen die französische Kritik gerichtet ist, die seine Vorkriegspolitik bei Judet und Fabre-Luce erfahren hat. Poincarés Buch hat in der deutschen Forschung noch nicht die Beachtung gefunden, die ihm notwendig zugewendet werden muß und ihm jetzt nach der Vollendung der deutschen Aktenpublikation wohl auch zuteil werden wird. Vieles in diesen beiden Bänden ist in der bekannten advokatorischen, Großes und Kleines geschickt vertauschenden Weise gearbeitet, die schon seine Origines de la guerre zeigen und die eine ernsthafte wissenschaftliche Widerlegung nicht lohnt. Typisch ist in dieser Beziehung gleich zu Beginn des Buches der Versuch, die Bedeutung von Caillaux' Sturz und die eigene Teilnahme an diesem Ereignis mit ganz ungenügenden Mitteln zu verschleiern. Sehr interessant und Bedenken erregend wirkt es, wenn er leugnet, bei seinem Petersburger Besuch von 1912 ein Versprechen über Einführung der dreijährigen Dienstzeit in Frankreich gegeben zu haben, sich aber sichtlich hütet, zu behaupten, daß dieser Gegenstand nicht besprochen worden sei. Der Zwang der Defensive hat ihn jedoch zu näherem Eingehen auf eine ganze Reihe wichtiger Fragen gebracht, so daß das Buch als Erweiterung unseres Wissens doch recht bedeutsam ist. An Bedeutung voran stehen die Ausführungen des 1. Bandes zur Geschichte der englisch-französischen Beziehungen im Jahre 1912. Die hier von Poincaré gegebenen Daten werfen ein scharfes Licht auf die vorwärts treibende Rolle, die Bertie und Nicolson in der englischen Politik dieses Jahres gespielt haben. Sie zeigen, wie ein sehr aktives französisches Drängen Churchills Versuch, die strategische und militärische Bedeutung der geplanten Marinekonvention zu begrenzen, vereitelte, machen so Churchills bekannten Warnungsbrief an Grey erst voll verständlich und präzisieren die Bedeutung des Grey-Cambonschen Briefwechsels, der für Frankreich ein Ersatz für das von Grey verweigerte formelle Versprechen englischer Deckung für die französische Küste war. Dabei streift Poincaré auch die Frage, wieweit Lansdowne 1905/06 zur Übernahme vertraglicher Bindungen bereit gewesen sei. -- Angriffe Fabre- Luces und Croziers veranlassen den Präsidenten zu näherer Erörterung der österreichischen Anleihewünsche nach Abschluß der Marokkokrise, ohne die Kritik zu widerlegen, daß die französische Ablehnung eine Gelegenheit zur Entspannung der systematischen Trennung zwischen den beiden europäischen Bündnisgruppen zerstört hat. -- In großer Breite sucht Poincaré dann das Aktenmaterial der Iswolski-Berichte zu entwerten. Seine Ausführungen bestätigen die freilich schon in Iswolskis Klage über die Empfindlichkeit des Franzosen durchschimmernde Tatsache, daß die Zusammenarbeit beider Männer nicht eigentlich auf dem Boden persönlicher Sympathie beruhte. Der Nachweis genereller Unzuverlässigkeit der Iswolski-Berichte ist jedoch nicht geführt, war auch nicht zu erwarten, da ja in der Benckendorffschen Berichterstattung aus London eine Kontrollbasis für die Zuverlässigkeit der Iswolskischen Auffassungen im großen gegeben war. Wenn Poincaré den besonders gravierenden Bericht vom 18. November 1912 direkt anficht, so hat er gegen den toten Iswolski an sich schon leichtes Spiel. Die kriegerische Grundlinie seiner damaligen Politik findet aber bei ihm selbst eine neue Bestätigung durch die Darstellung des sehr deutlichen Druckes, durch den er gleichzeitig die

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italienische Neutralität zu sichern suchte. Die mindestens ebenso bezeichnenden Berichte Iswolskis aus dem Dezember 1912, die die Pariser Enttäuschung über Rußlands militärische Hilflosigkeit behandeln, sind bezeichnenderweise mit Schweigen übergangen. Prinzipiell zieht sich Poincaré jetzt auf die Grundlinie der Greyschen Verteidigung zurück, indem er sein Verhalten in der Balkankrise von 1912 als Zwangsfolge des Systems der Allianzen hinstellen will. Indessen hat er doch nicht die geringste genügende Erklärung für seine passive Hinnahme des, wie er wußte, ganz unter russischem Einfluß zustande gekommenen serbisch-bulgarischen Bündnisses gegeben. Sachlich tritt uns in den Memoiren nach dem Augenblick erster Bestürzung über diese convention de guerre nur die selbstverständliche Verletztheit über die lange schweigsame Zurückhaltung des russischen Freundes entgegen. Seine Verteidigung beruht durchweg auf dem Kunstgriff, die offizielle Friedenssprache der Farbbücher der deutlichen Sprache der russischen Materialien entgegenzusetzen und im Widerspruch mit den Tatsachen zu leugnen, daß er überhaupt eine neue Nuance in die französische Einstellung zu den Balkanfragen hineingetragen habe. Dabei bestätigen die Memoiren doch wieder die grundlegende Tatsache, daß er schon vor Ausbruch des Balkankrieges Iswolski am 22. Juli 1912 die unbedingte Erfüllung der französischen Bundespflicht zugesichert hat. Die Tatsache der Carte Blanche für Rußland ist dem Wesen nach also auch aus den Memoiren wieder zu erschließen. Sie widerlegen nicht das Bild, das sich die  deutsche Forschung von den Tendenzen der Poincaréschen Politik gemacht hat, sondern korrigieren es nur in Einzelheiten und lassen höchstens ergänzend auch bei ihm die Besorgtheit um die Dauer der französischen Allianzen als Motiv seiner Politik zu den aktiveren Antrieben derselben hinzutreten.

V. Deutsche Einzelforschung zu den Jahren 1908--1914.

Die  deutsche Forschungsarbeit zur Geschichte des Staatensystems vom Abschluß der Entente bis zum Ausbruch des Weltkrieges ist in den Grenzen monographischer Beiträge geblieben. Die »Europäischen Gespräche« haben die Aufzeichnung Hardinges über seine Cronberger Unterredung mit Wilhelm II. vom 11. August 1908 ( 1322) gebracht, die durch die Differenzen zwischen deutscher und englischer Version wichtig ist. --Frhr. v. Werkmann hält in einer Untersuchung über die Ischler Begegnung Eduards VII. und Kaiser Franz Josefs ( 1321) daran fest, daß der Versuch des englischen Königs, seinen Gastgeber zu einer Einwirkung gegen den deutschen Flottenbau zu veranlassen, einen Vorstoß gegen das österreichisch- deutsche Bündnis bedeutete. -- Die Kriegsschuldfrage brachte Dokumente zur Entstehung des serbisch-bulgarischen Bündnisses von 1912 ( 1325), die auch nach Siebert noch in bedeutsamer Weise die führende Rolle der russischen Diplomatie beim Zustandekommen dieses Vertrages beleuchten und deutlich zeigen, wie stark der vorwärtstreibende Einfluß Hartwigs gewesen ist, der in weitem Maße die Petersburger Zentrale hinter sich hergezogen hat. -- Die Entstehung der englisch-französischen Marinekonvention behandelt stoffreich A. Bach ( 1320), indem er, dokumentarisch belegt, die Werdensstadien der militärischen Verflechtung zwischen beiden Ländern seit 1905 verfolgt. -- Die Bedeutung des Abschlusses dieser Konvention hat H. Rothfels in einem wichtigen Aufsatz über die Aktivierung der Entente im Jahre 1912 ( 1328) dargelegt. Er untersucht die Gründe des Mißerfolges der Haldanemission mit dem Ergebnis, daß


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Bethmanns Verständigungspolitik, auch unabhängig von dem Schicksal der deutschen Flottennovelle, an der primären Bedeutung scheitern mußte, die für Greys Politik die Rücksichtnahme auf das Frankreich Poincarés besaß. Die Marinekonvention bedeutet für ihn die tatsächliche Preisgabe der von Grey seit 1906 formell noch gewahrten englischen Bewegungsfreiheit zugunsten der Ententebindungen. An Ausführungen, in denen hier Rothfels die Tirpitzschen Flottenpläne auch als politische Gesamtkonzeption wertet, knüpfte sich eine Auseinandersetzung mit H. Delbrück, der in Tirpitz' Verhalten den entscheidenden Grund für den Mißerfolg der Haldane-Mission erblicken wollte und den Flottenbau in erster Linie für die Festigung der Entente verantwortlich macht. Die Entgegnung Rothfels' hält vornehmlich fest, daß die Entstehung der Entente nicht dem 1900 eben erst beginnenden Flottenbau zuzuschreiben ist und daß ebenso bei dem Abschluß der Ententekonsolidierung 1912 nicht die maritime Gefahr, sondern das Motiv der Gleichgewichtspolitik für die englische Diplomatie in erster Linie gestanden hat. -- Großadmiral v. Tirpitz hat in Ergänzung zum Band I seiner »Politischen Dokumente« in den Süddeutschen Monatsheften ( 1327) eine Reihe neuer Aktenstücke beigebracht, aus denen hervorgeht, daß er in den Jahren 1908/09 wiederholt Vorschläge für ein vertragsmäßig festzulegendes Stärkeverhältnis der deutschen und englischen Flotte formuliert hat, ohne daß diese von Bethmann Hollweg verwertet wurden, da der Kanzler von England vornehmlich politische Konzessionen in der Richtung eines Neutralitätsvertrages erstrebte, der nach Greys Stellung zu seinen Ententegenossen von vornherein unerreichbar war.

V. Deutsche Einzelforschung zu den Jahren 1908--1914.

Schließlich ist die Entstehungsgeschichte der deutschen Operationspläne für den Weltkrieg Gegenstand lebhafter kritischer Auseinandersetzung geblieben. W. Foerster ( 1338) hat sein Schlieffen-Werk, das sich mit der Rechtfertigung dieses Planes und der Kritik seiner Durchführung im Kriege beschäftigt, in zweiter, neu bearbeiteter Auflage erscheinen lassen. Als überzeugter Anhänger der Schlieffenschen Konzeption hat General Groener ( 1340) in die Diskussion eingegriffen, indem er dabei militärisch-fachtechnisch die Möglichkeiten einer sinngemäßen Durchführung des Planes in der Krise des deutschen Vormarsches durch Belgien auszuarbeiten suchte. -- Grundlegende Kritik an dem Kern dieses Feldzugsplanes, der Eröffnung des Kampfes durch eine  deutsche Westoffensive, übt dagegen der holländische Lieut.-generaal Snijders ( 1342), der in der Westoffensive ein die deutschen Kräfte prinzipiell übersteigendes Unternehmen und in dem Einmarsch in Belgien eine vermeidbare Prestigeeinbuße von entscheidender Tragweite erblickt, da nach ihm eine  deutsche Ostoffensive die stärkeren Erfolgsaussichten geboten hätte. -- Den gleichen Standpunkt verficht


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temperamentvoll der ehemalige Generalstabsoffizier beim Alpenkorps, Karl Mayr ( 1339), der eingehend nachzuweisen sucht, daß ein Ostsieg von entscheidender Bedeutung bis zum 60. Mobilmachungstage zu erringen gewesen sei. Mayr geht dabei freilich von der Ansicht aus, daß die russische Armee auch nach ersten Mißerfolgen nicht den Entschluß zum rechtzeitigen Ausweichen gefunden haben würde, und unterschätzt daher die Gefahren der deutschen Lage für den Fall, daß die ersten Erfolge im Osten sich nicht so gründlich gestaltet hätten, wie er es annehmen zu können glaubt.

I. Kriegsentstehung und Kriegsschuldfrage.

Auch die anfängliche Zurückhaltung Amerikas hat allmählich zu weichen begonnen. Wenn der Amerikaner Owen in seiner Senatsrede vom 18. Dezember 1923 ( Deutsche Übers. 1925; 1360) die Schuldfrage vor dem Parlament der Vereinigten Staaten aufwarf, so erfolgte das mit einer im Grunde unhistorischen allgemeinen Verdammung der europäischen Vorkriegspolitik, die so erst aus den Erfahrungen des Weltkrieges heraus zu einer ernsten Macht im Leben der modernen Nationen geworden war. Seine Rede brachte nur eine vorläufige Verarbeitung der russischen Materialien zur Schuldfrage, so daß man ein näheres Urteil über seine persönliche Leistung besser auf die Würdigung des soeben von ihm herausgegebenen neuen Buches verschieben wird. Auch dieser frühere Vorstoß war jedoch auf jeden Fall als Etappe im Kampf um das Problem wichtig, indem er führend in der politischen Welt Nordamerikas mit aller Schärfe den zum Krieg drängenden Kern der französischen und russischen Politik seit 1912 unter ausgiebiger Materialbelegung feststellte und die englische


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Politik zwar etwas zu sehr vereinfachte, aber die tatsächliche Bindung Englands durch seine militärischen Verabredungen gegen Greys Ableugnungen mit richtigem Empfinden unterstrich. -- Amerika hat durch das Buch des kanadischen Juristen John S. Ewart ( 1361) auch die eingehendste Gesamtbehandlung der Kriegsschuldfrage in unserem Jahr gegeben. Ewarts Werk bietet nicht eigentlich Geschichte. Juristische und ethische Einstellung verhindern ihn, historisch begreifend vorzugehen. Die Politik der europäischen Regierungen wird nicht nach ihrer Leistung für den eigenen Staat gefragt, die für alle Staatsleiter der Zeit vor 1914 allein maßgebender Leitstern war, sondern streng nach Rechtlichkeit und Friedenswillen beurteilt. Die gewählte Disposition führt zu vielfachem Auseinanderreißen zusammengehöriger Entwicklung. Das Bedürfnis des Juristen, jede Behauptung in extenso zu belegen, veranlaßt eine ungeheure Anhäufung von durchaus bekanntem Belegmaterial, die die verarbeitende Leistung des Verfassers oft durch lange Partien hin ganz erstickt. Bei umfassender Belesenheit für die Literatur, die in englischer und französischer Sprache zugänglich ist, hat Ewart die  deutsche Literatur, auch die grundlegenden Akten des Auswärtigen Amtes, nicht verwertet. Trotz dieser Einschränkungen ist ein Werk von großem Wert entstanden. Ewart hat sich vor allem dadurch verdient gemacht, daß er scharf die relativ untergeordnete Bedeutung der Schlußkrise des Juli 1914 gegen die tieferen Ursachen des Krieges hervorhob. Er ist bezeichnenderweise der erste Schuldfragenforscher von nichtdeutscher Seite, der sehr eingehend und mit voller Ablehnung der französischen Thesen die Entstehung des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 behandelt, in dem er seiner Wurzel nach einen klaren Angriff Frankreichs erblickt, der auch ohne die Emser Depesche unvermeidlich zur kriegerischen Lösung geführt hätte. Trotz seiner stark juristischen Einstellung hat ihn die Ausdehnung seiner Arbeit auf den ganzen Zeitraum seit 1870 zu der klar festgehaltenen Erkenntnis geführt, daß die grundlegende Triebfeder der Politik aller Mächte im Egoismus ihres Machtdranges lag, eine Erkenntnis, die er mit vielfach wertvoller Energie im einzelnen zur Durchführung gebracht hat. So tritt bei ihm die grundlegende Bedeutung des französischen Nicht-Verzichtes auf Elsaß-Lothringen deutlich hervor. Bemerkenswert ist ferner die große Sachlichkeit, mit der die Frage des deutsch-englischen Wirtschaftswettbewerbes und sein Verhältnis zur Flottenrivalität behandelt wird. Die Darstellung der Julikrise gehört nicht zu den starken Teilen des Buches; die Größe der Österreich bedrohenden serbischen Gefahr ist doch nicht genügend erfaßt worden. Indessen ist auch hier auf die Schärfe hinzuweisen, mit der die Gründe für Englands Eingreifen in den Krieg erörtert und die Propagandaformulierungen der englischen Politik zu diesem Thema, insbesondere über die Rolle Belgiens, unerbittlich zersetzt werden. Die unbedingte ethische Wahrhaftigkeit Ewarts hat ihn gegen die Nachwirkung der einstigen Kriegspropaganda ganz geschützt. Es ist ein Höhepunkt des Buches, wenn er sogar die übertreibenden Anklagen gegen Nietzsche, Treitschke und Bernhardi mit dem Nachweis widerlegt, daß nicht einmal der letzte an eine  deutsche Weltherrschaft in dem ihm unterlegten Sinne gedacht hat und dagegen die Intensität des britischen Imperialismus nach seinen literarischen und politischen Selbstbekenntnissen als jeder anderen Form des europäischen Nationalismus zum mindesten gleichkommend charakterisiert.

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I. Kriegsentstehung und Kriegsschuldfrage.

Von deutscher Seite hat Erich Brandenburg in einem knappen Vortrag das Problem der Kriegsursachen ( 1354) umrissen. Er betont, daß die Katastrophe trotz aller bestehenden Spannungen nicht ohne den aktiv kriegsvorbereitenden Willen leitender Persönlichkeiten in Frankreich und Rußland zu verstehen ist. Seine Charakteristik der englischen Vorkriegspolitik stellt erneut neben den Willen Greys, die Beziehungen zu Frankreich und Rußland sorgfältig zu erhalten, den Willen, sich mit Deutschland über Flotten- und Kolonialfragen zu verständigen, wobei auch hier wieder die Bewertung, die Brandenburg der Bedeutung dieses Verständigungswillens gegenüber dem Ententemotiv zuschreiben möchte, Bedenken veranlaßt. In seiner Würdigung der deutschen Vorkriegspolitik, deren friedlichen Grundcharakter er entschieden bejaht, ist Brandenburg geneigt, den Mangel parlamentarischer Verantwortlichkeit und die eigenartige Stellung von Militärkabinett, Generalstab und Admiralstab als bedenklich im Sinne einer Kritik zu empfinden, die in der parlamentarischen Bindung eine Erhöhung der Friedensgarantie erblickt. Die Leichtigkeit, mit der sich vor dem Weltkrieg die englische und französische Regierung mit diesen Hemmungen abgefunden haben, beweist jedoch, daß zum mindesten vor 1914 eine solche Wirkung bei den Ententestaaten nicht eingetreten ist. Da ein bestimmender


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Einfluß der deutschen militärischen Stellen auf die Vorkriegspolitik Deutschlands nicht stattgefunden hat, können diese Beobachtungen als bedeutsam für die innere Entwicklungsgeschichte Deutschlands vor 1914 angesehen werden, in dem Komplex der Ursachen des Weltkrieges haben sie jedenfalls keine Stelle. -- In einem für weitere Kreise berechneten Buche hat sich Kronprinz Wilhelm ( 1279 a) mit der älteren französischen Schuldanklage in der Formulierung von Bourgeois und Pagès eingehend auseinandergesetzt. Seine Arbeit ist dankenswert durch die Sorgfalt, mit der sie den einzelnen französischen Anklagepunkten von 1870 bis 1914 nachgeht und hat sich besonders dadurch verdient gemacht, daß sie der schlechthin irreführenden Behauptung, Deutschland habe in diesem Zeitraum das Tempo der europäischen Rüstungen geführt, Etappe für Etappe eine konkrete Widerlegung entgegenstellt. Eine schwer erträgliche Lücke des Buches, zum Teil nur erklärt aus dem zur Zeit seiner Niederschrift erst erreichten Stand der amtlichen Aktenpublikation, ist die nahezu völlige Nichtberücksichtigung der an den deutschen Flottenbau geknüpften Fragen. -- Der ehemalige Staatssekretär von Jagow ( 1374) hat auf die Teile von Greys Erinnerungen, die sich unmittelbar mit dem Kriegsausbruch beschäftigen, mit einer Kritik geantwortet, nach der das von Grey vertretene System des Gleichgewichts der Mächte tatsächlich die Suprematie der Entente bedeutet hat. Grey habe den Krieg, den er nicht haben wollte, durch seine Politik doch vorbereitet und seinen Ausgang gefördert. -- Die alte bewegende Frage nach Recht oder Unrecht des deutschen Einmarsches in Belgien hat H. Pohl ( 1408) zum Gegenstand einer gedrängten und inhaltreichen völkerrechtlichen Studie gemacht. Sie gibt eine präzise Zusammenfassung der geschichtlichen Entwicklung der belgischen Neutralität, die scharf herausarbeitet, wie diese auch in England und Frankreich je nach dem Wechsel der Interessen des eigenen Staates eine sehr wechselnde Behandlung erfahren hat, und sieht im Recht der Notwehr das einzige, aber auch durchschlagende Argument zur Verteidigung des deutschen Vorgehens. Pohl betont, daß die belgischen Vorkriegsverhandlungen mit England, soweit sie bis heute bekannt sind, völkerrechtlich keinen direkten Rechtsbruch der belgischen Regierung, wohl aber ein zum Schaden des deutschen Vertragspartners illoyal einseitiges Entgegenkommen dargestellt haben. --Paul Dirr ( 1373) hat die bayerischen Dokumente zum Kriegsausbruch mit erweiterter Einleitung in 3. Auflage erscheinen lassen. Nachdem die 2. Auflage bereits das im Eisnerprozeß zutage geförderte urkundliche Material in die Publikation eingeschlossen hatte, sind jetzt noch die Berichte des bayerischen Militärbevollmächtigten in Berlin, v. Wenninger, hinzugekommen, die in Verbindung mit den Conrad-Erinnerungen zu dem Versuch mißbraucht worden waren, einen entscheidenden Einfluß der deutschen Militärs auf die Entfesselung der Katastrophe zu konstruieren. Der hierzu isoliert hauptsächlich verwendete Bericht Wenningers vom 29. Juli 1914 belegt, wie sich jetzt im Zusammenhang der Berichterstattung ergibt, nur die Tatsache, daß der  deutsche Generalstab sehr viel langsamer als die entsprechenden Stellen der Ententestaaten die politisch leitenden Persönlichkeiten in Berlin von der Notwendigkeit militärischer Schutzmaßnahmen überzeugen konnte, und sich daher in den letzten Tagen der Krise in sehr berechtigter, steigender Besorgnis befand. -- Schließlich hat Hermann Lutz in einem stattlichen Bande einem der verdientesten Pioniere

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der Schuldfrage, E. D. Morel ( 1379), ein biographisches Denkmal gesetzt, das durch eine Auswahl aus seinen Werken ein lebendiges Bild von seinem Wahrheitsringen gibt. Inhaltlich heute durch die Weiterentwicklung der Forschung überholt, gibt die hier zusammengefaßte Lebensarbeit des zu früh verstorbenen Engländers doch ein wertvolles Bild von der geschichtlichen Entwicklung des großen, ethisch-wissenschaftlichen Ringens um die Klärung der Kriegsentstehung, das in sich selbst ein bedeutsamer historischer Bestandteil der jüngsten Geschichte ist.

III. Der Landkrieg.

Zur militärischen Geschichte des Krieges brachte das Jahr 1925 das Erscheinen der ersten Bände des Reichsarchivswerkes ( 1442) über den Krieg, die Offensive im Westen bis zum 27. August und die Ostoperationen bis Mitte September umfassend. Von französischer Kritik ist gerügt worden, daß die Publikation sich nicht in der Hauptsache mit einer Darbietung der Dokumente begnügt habe, sondern den Versuch einer ernsthaften darstellenden Geschichte des Krieges macht. Erkennt man aber die Grundlage dieser Darstellung, die Verankerung in den Anschauungen der Schlieffenschule, überhaupt als zulässig an, so wird sich nicht leugnen lassen, daß es eine anerkennenswerte, maßvoll besonnene und auch durchaus kritische Leistung bedeutet. Die eigentlichen Schwerpunkte der Ereignisse, der Entschluß zur Offensive in Lothringen, die Mängel der Führung in Belgien und die Entsendung zweier Armeekorps aus den Kräften des rechten Flügels nach dem Osten sind nachdrücklich herausgearbeitet. Das Quellenfundament nach den Akten des Reichsarchivs und den Aussagen der Beteiligten ist durchaus solide, wenn auch nicht durch die an sich wünschenswerten Einzelbelege vergegenwärtigt. In der Berücksichtigung der Ereignisse auf der Gegenseite, die jedoch klar von dem Entwicklungsgang im deutschen Lager getrennt sind, wird eine ruhige Beurteilung ebenfalls nur einen Vorzug des Werkes sehen können. Es hat denn auch in der militärischen Kritik, aus der eine Besprechung Gröners ( 1446) hervorragt, überwiegend Anerkennung gefunden. Bei der Bedeutung der behandelten Fragen konnte jedoch Widerspruch nicht ausbleiben. Am bedeutsamsten sind bisher die Einwendungen Wetzells ( 1443/ 1444, der die Verantwortlichkeiten anders zu verteilen sucht und Moltke zuungunsten des Kronprinzen Rupprecht, Bülow auf Kosten Klucks entlasten möchte. -- Für den weiteren Verlauf des Landkrieges ist eine vorläufige  deutsche Darstellung in dem großen Sammelwerk Schwartes ( 1449) zum Abschluß gekommen. Der Teil III, 3, vom Winter 1916/17 bis zum Kriegsende führend, ist in seinem Werte je nach den einzelnen Mitarbeitern nicht gleichmäßig. Die Ausführungen über die politische Geschichte des Zeitraumes sind übermäßig vereinfachend und unbefriedigend. In den militärischen Kapiteln sind jedoch wertvolle Abschnitte


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enthalten, so die Darstellung der Diskussion über Verteidigung oder Ausweichen und Gegenstoß, die auf deutscher Seite der französischen Offensive vom Frühjahr 1917 vorherging. Die Erschöpfung der deutschen Armee durch die Abwehrschlachten des gleichen Jahres, deren Ernst durch die Höhe der feindlichen Verluste nicht beseitigt wurde, ist von allen Bearbeitern gleichmäßig betont. Die Kapitel von Borries und Zwehl über die Ereignisse des Jahres 1918 sind selbständig nach den Akten des Reichsarchivs bearbeitet und verdienen auch neben der klassischen Arbeit Kuhls vielfach, so über das Werden des Offensivplanes im einzelnen, Beachtung. Zwehl verhält sich skeptisch gegen die französische Neigung, Fochs Offensive einen großangelegten strategischen Plan unterzulegen, sieht in ihr im großen und ganzen vielmehr nur eine auf die quantitative Übermacht gestützte reine Parallelschlacht und erblickt in der Behauptung, daß der Waffenstillstand die Ausführung eines von Lothringen ausgehenden Cannaevorstoßes abgeschnitten habe, ein Gebilde der Phantasie. -- Der württembergische General v. Moser ( 1450) hat die strategische Kritik seiner früheren Bücher in einer auf allgemeine Faßlichkeit berechneten Arbeit teils erweitert, teils in den subjektivsten Partien etwas gemäßigt. Er vertritt nicht mehr so hemmungslos wie früher die These, daß im Frühjahr 1915 eine Westoffensive gegen die englische Armee zu fordern gewesen sei. Beachtenswert ist die Kritik, die er an der Zermürbungsstrategie Falkenhayns übt, und die starke Beachtung der fortschreitenden Erschöpfung des deutschen Soldaten in den Jahren 1916/17. In größerer Fülle stehen daneben aber auch jetzt Ausführungen, die nicht genügend mit den tatsächlichen Gegebenheiten rechnen. Es ist bezeichnend, daß Moser die mangelhafte Zusammenarbeit mit den österreichischen Verbündeten kritisiert, ohne die politischen Spannungen zu berücksichtigen, die eine hegemonische Stellung der deutschen Heerführung verhinderten. Seine Kritik an der Offensive von 1918 nähert sich verhältnismäßig stark den Anschauungen Delbrücks, ohne jedoch dessen Psychologie Ludendorffs im entferntesten zu übernehmen. Die abschließende Würdigung dieses Generals nicht als eines genialen Feldherrn, wohl aber als des »großen Feldhauptmannes« des Weltkrieges von einer an die ganz Großen der Kriegsgeschichte gemahnenden Energie und Willenskraft, zeigt vielmehr den ernsten Wunsch, seiner Bedeutung gerecht zu werden.

III. Der Landkrieg.

Im Berichtsjahr 1925 ist auch der erste Band des französischen Generalstabswerkes über den Krieg ( 1452) erschienen, der dem Verfasser jedoch leider noch nicht erreichbar gewesen ist. Nach französischer Angabe handelt es sich im wesentlichen um eine Dokumentenveröffentlichung mit sehr knappem, einleitendem und verbindendem Text in der Form, die für die kriegshistorischen Arbeiten dieser Stelle bereits vor dem Kriege zu fester Tradition geworden war. -- Von dem großen Kriegswerk des Generals Palat ist der zehnte, die  deutsche Offensive gegen Verdun ( 1507) behandelnde Teil erschienen. Palats Darstellung ist für die  deutsche Seite dieser Kämpfe bereits durch Zwehls Falkenhayn überholt; er hat noch keinen Einblick in Umfang und Tragweite der Auseinandersetzungen gehabt, die unter den deutschen Führungsstellen über diese Offensive geführt sind. Sehr wertvoll durch umfassende Benutzung der reichen französischen Literatur ist dagegen seine Darstellung für die Geschichte der französischen Führerentschlüsse, insbesondere über die Gründe, aus denen Joffre trotz immer stärker sich häufender Warnungen die  deutsche Offensive nicht vor Verdun erwartete. Er hat bis zuletzt auf Grund allgemeiner strategischer Erwägungen angenommen, daß Deutschland die Offensive von 1915 gegen Rußland fortsetzen würde, um zunächst diesen Gegner zu beseitigen. Zur Würdigung der umstrittenen Fortsetzung des deutschen Angriffs, nachdem der Anfangserfolg nicht durchschlagend gewesen war, ist darauf hinzuweisen, daß Palat die Gefahr der französischen Lage Anfang Juni fast noch höher einschätzt, als die Bedrohung Verduns nach den ersten Angriffstagen. Pétain hat Anfang Juni erneut den Plan einer Räumung des rechten Maasufers erwogen und ist dieses Mal durch Joffres und Nivelles Einspruch in der Verteidigung festgehalten worden.

III. Der Landkrieg.

Begleiterscheinungen des militärischen Ringens behandeln zwei französische Werke über die  deutsche Besatzung in Frankreich und das Elsaß im Kriege. Das erstere Werk von Gromaire ( 1455) beruht auf der amtlichen französischen Nachkriegspublikation zu dieser Frage und zahlreichen mündlichen Auskünften der betroffenen Bevölkerung, die nun freilich unkontrollierbares Eigentum des Verfassers sind und ihrer ganzen Natur nach nur als ein sehr vorsichtig zu behandelndes Material angesehen werden können. Außerordentlich stoffreich entrollt das Buch, wie nicht anders zu erwarten, ein vielfach erschütterndes Bild von den Leiden der Bevölkerung im besetzten Gebiet. Indessen ist es historisch dadurch entwertet, daß alle Anforderungen des deutschen Besatzungsregimes, auch die durch die Notwendigkeiten eines in seiner Art ganz neuen Krieges gebotenen, in Bausch und Bogen als Material zu einer kompakten Greuelanklage verwendet werden, außerdem Exzeß und allgemeiner Druck so sichtlich ineinandergeworfen werden, daß das in den jeweilig schwärzesten Farben gehaltene Bild als Ganzes unbedingt verfehlt ist. Man wird das Buch, das noch eine längere Karenzfrist für nötig hält, ehe der  Deutsche, dem die Fähigkeit dazu in herablassender Weise nicht ganz abgesprochen wird, sich zur Höhe der westlichen Zivilisationsvölker entwickelt, nur als Beleg für die Anklagen nehmen können, die man in Frankreich gegen die  deutsche Besatzung hat und zu haben meint, und daraus das Maß der


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Notwendigkeit ersehen, die für die jetzt erfolgende  deutsche Publikation zur Kriegsgreuelfrage vorlag. -- Das Buch Spindlers ( 1537) bietet das ausführliche Tagebuch eines französisch denkenden Elsässers aus den Kriegsjahren. Voll greifbarer systematischer Abneigung gegen alles  Deutsche, dazu, wie der Schluß zeigt, noch mit der Tendenz geschrieben, die beginnende elsässische Ernüchterung und Enttäuschung über die französische Verwaltung zu dämpfen, muß dem starken Band dank seiner Fülle plastischer Einzelheiten doch Quellenwert als Spiegel der inneren Entwicklung des Elsässers in den Jahren 1914 bis 1918 zuerkannt werden. Es ist vielfach lehrreich für die Gründe, aus denen im Laufe des Krieges sich die anfänglich begeisterte Begrüßung der französischen Annexion im Elsaß vorbereitet hat.

IV. Der Seekrieg.

Unter den neuen Arbeiten zur Geschichte des Seekrieges steht der 5. Band des Reichsmarinearchivwerkes ( 1469) voran, der unter Beigabe eines umfassenden Kartenmaterials die Darstellung der Skagerrakschlacht bringt. Das Werk betont gegen immer wiederkehrende Irrtümer, daß die großen Erfolge des einleitenden Kreuzergefechtes bereits vor dem Eingreifen der deutschen Schlachtschiffe gegen englische Übermacht erreicht sind und daß die erste Scheersche Kehrtschwenkung ein taktisches Unterbrechen der Schlacht, nicht ein Abbrechen derselben bedeutete, sowie daß in der zweiten Phase des Flottenkampfes Scheer durch den Torpedoangriff dem Gegner seinen Willen erfolgreich aufgezwungen hat. Die Gesamtwertung unterstreicht sehr stark den taktischen Erfolg und betont richtig die Bedeutung, die die Schlacht als Verhinderung einer Entlastung Rußlands durch die englische Flotte besessen hat. Sie betont die unabsehbaren Folgen, die ein englischer Sieg hätte erlangen können. Begreiflicherweise sind die Grenzen


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des deutschen Erfolges nicht mit dem gleichen Nachdruck gezeichnet worden. -- Von Führern der deutschen Flotte hat Admiral Scheer Erinnerungen ( 1468) veröffentlicht, die lebhaft den starken Eindruck der Tirpitzschen Friedensarbeit im Reichsmarineamt auf seine Mitarbeiter spiegeln und eingehend die Bearbeitung der U-Bootfrage vor 1914 mit dem Ergebnis behandeln, daß man trotz des schließlichen Qualitätsvorsprungs vor den anderen Staaten diese Frage schneller und energischer hätte fördern können. Scheers Charakteristik von Müller, Ingenohl und Pohl ist im Tirpitzschen Sinne scharf ablehnend. Ein Anhang bringt Denkschriften, in denen er seit November 1914 für den U-Bootkrieg eingetreten ist. -- Das Kriegstagebuch des Admirals Hopmann ( 1481) wendet sich gegen die Behauptungen Reischachs und Müllers, daß es Tirpitz mit dem Wunsche des Herausgehens der Flotte und der eigenen Übernahme der Führung nicht vollster Ernst gewesen sei, und verfolgt die in dieser Richtung seit dem 8. August 1914 unablässig erneuten Bemühungen. Wertvoll an dem frischen Buch ist auch die Verteidigung der Scheerschen Führung in der Skagerrakschlacht gegen die Schoultzsche Kritik, daß auch sie nicht genügend Zähigkeit und festen Willen im Angriff bewiesen habe. -- Der Führer der U-Boote im Weltkriege, Michelsen ( 1472), hat eine durch ihre technisch-militärische Gediegenheit unentbehrliche Darstellung der Kriegsleistung seiner Waffe gegeben, die lebhaft für die Ansicht eintritt, daß das Jahr 1915 der militärisch gegebene Zeitpunkt für den Beginn des unumschränkten U-Bootkrieges unter technisch besten Erfolgsaussichten gewesen sei. Der steigende Umfang der gegnerischen Abwehrmaßnahmen seit diesem Zeitpunkt ist eingehend verfolgt. -- Die völkerrechtliche Seite des U-Bootkrieges behandelt eine maßvolle, aber entschiedene Schrift von H. Pohl ( 1471), der seine Berechtigung als Vergeltungsmaßnahme gegen die britische Hungerblockade vertritt. -- Eine Enttäuschung bedeutet die Schrift Galsters ( 1474), der durch sein zeitiges Eintreten für den U-Bootbau sich den Ruf eines besonderen Sachkenners erworben hatte, jetzt aber seine marinetechnischen Darlegungen mit ganz ungenügenden politisch-historischen Partien verquickt und in seiner Kritik an der Langsamkeit des U-Bootbaues vor 1914 an der Tatsache nichts ändern kann, daß trotz des Gesamtumfanges der Tirpitzschen Leistung schließlich auch die deutschen Erfolge in der Förderung dieser noch unerprobten Waffe den anderen Mächten vorangingen. -- Die gehässige Kritik des Kapitäns Persius ( 1475) an dem Offizierkorps der Marine widerlegt sich durch ihre mit den Kriegsleistungen nicht vereinbare Übertreibung; die wenigen detaillierten Angaben von historischem Interesse zeigen, daß der Admiralstab schon 1909 einen heimlichen Preßkampf gegen Tirpitz nicht scheute, die Rivalitäten der späteren Kriegszeit also schon im vollen Gange waren. -- Die Kriegsleistung der Flotte am Skagerrak hat eine Würdigung, wie sie voller nicht gedacht werden konnte, durch den Kapitän v. Schoultz ( 1478) erfahren, der den Weltkrieg als russischer Verbindungsoffizier auf der Grand Fleet mitgemacht hat. Schoultz' rückhaltlose Anerkennung der technischen Solidität des deutschen Schiffsbaues bedeutet den endgültigen Zusammenbruch der einseitig verdammenden Kritik an den konstruktiven Qualitäten der von Tirpitz geschaffenen Schlachtflotte. Sein Buch ist wichtig durch die Beleuchtung der Differenz zwischen dem russischen Unterstützungsbedürfnis und der englischen Politik der Zurückhaltung der Flotte. Die Vorgeschichte der

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Skagerrakschlacht besteht, abgesehen von der herausfordernden Aggressive Scheers, die die öffentliche Meinung Englands irritierte, in dem Drängen Schoultz', der ein Erscheinen der englischen Flotte in der Ostsee nachdrücklich befürwortete und schließlich wenigstens den zur Schlacht führenden Vorstoß ins Skagerrak als Erfolg seiner rastlosen Bemühungen buchen konnte. -- Die deutschen Luftangriffe gegen England haben schließlich von englischer Seite eine auf amtliche Quellen gestützte, das  deutsche Material des Marinearchivs daher wertvoll ergänzende Darstellung durch J. Morris ( 1476) erhalten, die sich durch hohe, in militärischer Sachlichkeit begründete Objektivität auszeichnet. Aus Morris' Werk geht hervor, daß nach der internationalen Rechtslage solche Angriffe von englischer Seite bei Kriegsbeginn mit Bestimmtheit erwartet wurden. Er schätzt den deutschen Erfolg in der Bindung von Menschen und Material zu Zwecken der Luftabwehr so hoch ein, daß er die Fortsetzung dieser Angriffe mit Flugzeugen nach dem technischen Zusammbruch der »Zeppelins« als Kriegswaffe für eine militärische Selbstverständlichkeit hält.

V. Der deutsche Zusammenbruch.

Der heute noch ganz von politischer Leidenschaft beherrschte Kampf um die Ursachen des deutschen Zusammenbruches hat doch eine Reihe von Veröffentlichungen nach sich gezogen, die als Grundlagen kommender historischer Arbeit von Wert sind. Der Untersuchungsausschuß des Reichstages hat mit einer dreibändigen Publikation ( 1515) den Teil seiner Arbeit abgeschlossen, der sich mit dem Scheitern der Offensive von 1918 befaßte. Zeigt der Verhandlungsbericht über die Ausschußdebatten im wesentlichen nur, daß historische Forschung nicht Sache politischer Körperschaften sein kann, so ist doch in den Sachverständigengutachten wertvolle Arbeit enthalten. General Kuhl hat eine durch eindringliche, vornehme Sachlichkeit klassische Untersuchung über die deutschen Angriffe des Jahres 1918 gegeben, die über ihrem Scheitern nicht die Größe der Leistung und die Bindung des Feldherrn an die begrenzte Leistungsfähigkeit des ihm anvertrauten Instrumentes vergißt. Delbrücks Versuch, demgegenüber aus der Kuhlschen Forschungsgrundlage eine vernichtende Kritik des Ludendorff von 1918 abzuleiten, stützt sich nicht auf gleichwertige eigene Durcharbeitung des Problems und sucht diese Schwäche durch kühne psychologische Interpretation zu ersetzen, die auf Grund isolierter und in ihrer Isolierung übertreibend gedeuteter Zitate eine nicht vorhandene Zwiespältigkeit Ludendorffs konstruieren möchte. Die Auseinandersetzungen zwischen diesen beiden Sachverständigen hatten die gute Folge, daß durch die Vernehmung Wetzells ein neuer Zeuge herangezogen wurde, dessen Aussagen von selbständigem historischen Wert waren. Das Gutachten Schwertfegers über die politischen Verantwortlichkeiten ist wie das Kuhls von dem ernsten Willen zur Sachlichkeit und dem Wunsche, nicht an dem formalen Äußeren der Konflikte hängen zu bleiben, erfüllt. Seine Grundformulierung, daß Schicksal, nicht Personenschuld vorliege und daß das  deutsche Volk als Ganzes der tragische Held, aber auch der Verantwortlichkeitsträger der Katastrophe gewesen sei, wird man ihrem Kern nach annehmen können. Dagegen bleibt das Bedenken, ob er den Einfluß der O.H.L. auf die Politik der Reichsregierung nicht doch erheblich überschätzt und seine Arbeit in dieser Hinsicht noch starke Korrekturen verlangt. -- Eine einschneidende Kritik an dem Werk des Untersuchungsausschusses, die teilweise -- so zur Vorgeschichte der Offensive von


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1918 -- sehr bemerkenswerte selbständige Auffassungen entwickelt und auch als Ganzes durchaus Beachtung verlangt, hat Wolfg. Foerster ( 1518) veröffentlicht.

§ 27. Ältere Rechts- und Verfassungsgeschichte (bis 911).

Was nun die Veröffentlichungen des Jahres 1925 selber angeht, so haben von den früheren Gesamtdarstellungen, die den in Rede stehenden Zeitraum mit umfassen, die Grundlegung zur Verfassungsgeschichte von G. v. Below ( 1546) und die Rechtsgeschichte von H. Fehr ( 1539) eine zweite Auflage erfahren. Dazu kommt das allerdings knappe zusammenfassende Kapitel bei L. Schmidt ( 732) über die »innere Entwicklung der Völkerwanderungszeit«, dem wir im übrigen auch einen Beitrag zur Verfassungsgeschichte des ostgotischen Reiches in Italien verdanken, der über Mommsen und Hartmann hinaus die Stellung der comites Gothorum aufzuhellen versucht ( 1552 f.). Aus dem Bestreben, durch die Aufarbeitung der schwer übersehbaren Spezialliteratur dem Studenten zu einem Überblick über das Ganze zu verhelfen, oder um durch ein Fazit des bisher Geleisteten die Forschung zu zielbewußtem Fortschritt anzuregen, sind auch zwei ausländische Darstellungen größeren Zuschnitts entstanden: die Geschichte des französischen Rechtes von J. Declareuil ( 1545) und die des italienischen Rechtes von E. Besta ( 1548); beide behandeln mit vorzüglicher Kenntnis der deutschen Fachliteratur auf weite Strecken Probleme, die auch für die älteste  deutsche Rechts- und Verfassungsgeschichte von Belang sind.

§ 27. Ältere Rechts- und Verfassungsgeschichte (bis 911).

Tritt hier sogar die Prähistorie in den Dienst verfassungsgeschichtlicher Forschung, so zeigt andererseits P. Puntschart ( 1554), welche Erweiterungen unserer rechtsgeschichtlichen Erkenntnis auf den Bahnen, die einst R. Schröder mit seinem »Corpus iuris Germanici poeticum I« zuerst beschritten, auch der alten deutschen Dichtung abzugewinnen sind. Er widmet, durch seine obligationenrechtlichen Untersuchungen darauf geführt, dem wettu von V. 30 des Hildebrandsliedes eine feinsinnige und überzeugende Abhandlung. Ausgehend von dem paläographischen Befund, erklärt er dieses »wettu« als alten Instrumentalis des gemeingermanischen Substantivs »Wette« im Sinne von »Pfand«, entsprechend dem häufigen cum wadia, per wadiam der lateinischen Satzungen und Geschäftsurkunden, und kommt zu dem Ergebnis, daß sich Hildebrand an dieser Liedstelle selbst als »Wette« einsetzt, indem er unter Aufrichtung der Rechten zu seinem Sohne spricht: »Mit dem Pfande von


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Fleisch und Blut, o Weltengott, der oben vom Himmel herabschaut und es bezeugt, stehe ich ein für die Wahrheit der Behauptung, daß ...« Mithin wäre diese von der Rechtsgeschichte bislang noch nicht verwertete Stelle eines der frühesten Zeugnisse für die  deutsche Personenhaftung. -- In die Wechselbeziehung von Germanistik und deutschrechtlicher Forschung versetzt uns fernerhin die Kontroverse zwischen E. Schröder und R. Much ( 1550). Jener hatte in einem Aufsatz über »Herzog und Fürst« (Zt. Savigny-Stiftg. G.A. 45, 1--29) bestritten, daß das zweite Kompositionsglied von »Herzog« jemals die Bedeutung des wurzelverwandten ducere in: exercitum ducere gehabt haben könnte, sondern entweder müsse »Herzog« von Haus aus etwas anderes heißen als »Heerführer« oder es könne eben keine unbeeinflußte Urbildung sein. Er glaubte vielmehr, es liege eine unmittelbare und bewußte Nachbildung von στςατή;γόσ vor, geschaffen von einem des Griechischen mächtigen Goten wohl aus der Zeit nach Ulfila. Erst diese Kontrafaktur sei dann zu den deutschen Stämmen und von da zu den Angelsachsen und Nordländern gedrungen, und im Gegensatz zu der jüngeren ags. und an. Entlehnung habe sich allein bei den Deutschen das Wort zu einem Ausdruck der Rechtssprache gewandelt. Darauf erwiderte Much mit durchschlagender Begründung, daß trotz Schröders Einwendungen »Herzog« einfach -- und zwar einwandfrei richtig ausgedrückt -- »Führer des Heeres« bedeute, daß ferner dieses Wort und seine Entsprechungen in den anderen germanischen Sprachen deutlich zeigten, wie es von der ursprünglichen allgemeinen Bedeutung abgerückt und zu einer Amtsbezeichnung geworden sei, und daß man wohl mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit annehmen dürfe, schon der altgermanische dux bei Tac. Germ. 7 habe tatsächlich harjatogan, Herzog geheißen. Man wird Much beipflichten müssen, zumal da es ihm gelingt, Schröders Hauptargument, die Germanen hätten kein teuhan mit der Bedeutung ducere besessen, durch den glücklichen Nachweis zu entkräften, daß in dem altisländischen tyggi -- einem poetischen, aber sicherlich altertümlichen Ausdruck für »Fürst, König« -- sogar das Simplex togi lebendig erscheint, wodurch das -zog in Her-zog etymologisch noch weit näher an das lat. duc-s heranrückt, als man bisher zu beweisen vermochte. --

§ 27. Ältere Rechts- und Verfassungsgeschichte (bis 911).

Ich stehe am Ende meines Berichtes und kann ihn wohl kaum besser beschließen als mit einem letzten Hinweis auf die außerordentlich anregende Broschüre von W. Merk: »Vom Werden und Wesen des deutschen Rechts« ( 1540). Denn nicht nur, daß der Verfasser fachlich Wertvolles über die ideengeschichtliche Wirksamkeit germanischen Rechtes und über seinen inneren Gegensatz zum ius Romanum im Geiste Gierkes zu sagen weiß, sondern er versteht es, darüber hinaus trotz seiner gelegentlich etwas zugespitzten Werturteile für die »weltgeschichtliche Sendung des germanischen Rechtes« und für den Gegenwartswert seiner historischen Erforschung mit hinreißendem sprachlichem Schwung zu werben, und beweist so durch die Tat, daß die ältere  deutsche Rechts- und Verfassungsgeschichte alles andere ist oder zu sein braucht als ein erstarrter Betrieb bloßer antiquarischer Gelehrsamkeit.

§ 28. Rechts- und Verfassungsgeschichte des Hochmittelalters.

An dem Bericht über die Leistungen auf dem Gebiet der hochmittelalterlichen Rechts- und Verfassungsgeschichte wird die relativ große Zahl von Arbeiten auffallen, die entweder rechtlichen Problemen gewidmet sind, die die Kaisergeschichte darbietet, oder die überhaupt der italienischen Verfassungsgeschichte angehören und die  deutsche nur mittelbar berühren, in diese mit irgendeiner Frage hineinragen. Gleich das Buch von Besta ( 1559) über das öffentliche Recht in Ober- und Mittelitalien von der Wiederherstellung des Kaisertums bis zum Aufstieg der Kommunen muß unter diesem Gesichtspunkt hier gewürdigt werden. Da es aus Vorlesungen hervorgegangen ist, bietet es keinen gelehrten Apparat, die Kenntnis der deutschen rechtsgeschichtlichen Literatur, die die Ausführungen des Verfassers oft genug beweisen, sei daher ausdrücklich hervorgehoben und ebenso die Klarheit der Sprache und die Kunst, die Gedanken so aneinander zu reihen, daß das Hauptergebnis wirkungsvoll im Vordergrunde steht. Und dieses ist für die  deutsche Geschichtswissenschaft deshalb von besonderem Belang, weil Besta in rechtsgeschichtlicher Darstellung und vom italienisch-nationalen Gesichtspunkt aus für Italien eine Frage aufwirft und zu beantworten sucht, die für Deutschland und mit deutscher Einstellung in der letzten Zeit besonders oft gestellt und erörtert worden ist, die Frage nämlich, warum die Verfassungsentwicklung des Mittelalters Deutschland und Italien nicht wie Frankreich und England die staatliche und nationale Einheit, sondern nationale Zersplitterung und staatliche Vielheit gebracht hat. Aus der Beweisführung, derer sich der Verfasser zur Lösung des Problems bedient, seien zwei Hauptsätze hervorgehoben: 1. daß der Einfluß der Antike niemals während des Mittelalters seine


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ganze Kraft verloren hat und 2. die auflösende Wirkung, die der Feudalismus auf die von der Antike überkommenen Verfassungseinrichtungen gehabt hat, in Italien nirgends so stark gewesen ist wie etwa im deutschen Norden. Niemals ist in Italien der Bestand eines öffentlichen Rechtes im Gegensatz zum privaten verneint worden, und wenn es dem Kaisertum nicht gelang, staatsbildende Kraft zu gewinnen und dadurch die Einheit der Nation herbeizuführen, so hat das seinen Grund darin, daß auch von seiten der Kommunen ähnliche Bestrebungen ausgingen und das aus der Langobardenherrschaft überkommene Königreich mit Heinrich II. eigentlich zu bestehen aufgehört hat. Man sieht, der Verfasser hat Fragen angeschnitten, deren Beantwortung für die  deutsche Geschichtsforschung, die die italienische Politik der mittelalterlichen Herrscher jetzt wieder vom national-deutschen Standpunkt prüft, ganz besonderes Interesse bietet. -- Die Arbeit von Visconti ( 1560) gilt der Konstitution Ottos I. von 967 (Verona), durch die der gerichtliche Zweikampf zur Vermeidung von Meineiden gesetzlich geregelt worden ist. Der Verfasser sucht zu zeigen, daß nur die später hinzugefügte Einleitung und nicht der gesamte Gesetzestext von Leo von Vercelli herrühre. --Eichmann ( 1568) setzt die im 39. Bande des Historischen Jahrbuchs begonnenen Studien zur Geschichte der abendländischen Kaiserkrönung fort. Waren sie zunächst der Frage nach der Beteiligung der lateranensischen Bischöfe gewidmet, so bietet er jetzt in der ihn auszeichnenden, tiefschürfenden Art eine Topographie der Kaiserkrönung vom Augenblick des Einzuges des Herrschers in die ewige Stadt bis zum Festmahl im Lateran-Palast, wobei gleichmäßig alle Nachrichten, die Quellen und Literatur von der Kaiserkrönung Karls des Großen bis zur letzten, die in Rom stattfand, der Friedrichs III., herangezogen werden. Für die deutschen Historiker drängt sich der Vergleich mit dem Zeremoniell auf, das bei den Krönungen in Aachen eingehalten worden ist und für das wir die anschauliche Darstellung A. Schultes besitzen. Die kirchenpolitischen Veränderungen des 12. Jahrhunderts spiegeln sich deutlich wider in dem Zurücktreten der Salbung vor der Übergabe der kaiserlichen Insignien, unter denen seit Friedrich I. der pontifikale Ring fehlt, in der seit Otto IV. und Friedrich II. nachweisbaren Schwertzeremonie, durch die der Kaiser ein »miles beati Petri« wird, und endlich in der Aufstellung des Kaiserthrones, der niedriger ist als der päpstliche.

§ 29. Städtewesen des Mittelalters.

N. bemüht sich zugleich, die Verwaltungstätigkeit des Gemeinwesens umfassend darzustellen. Das Gleiche hat Schubert für eine Mittelstadt des deutschen Ostens, für Glatz, geleistet ( 1635). Die Untersuchung Sch.s umfaßt aber überhaupt einen reichhaltigeren Interessenkreis, als ihr Titel vermuten läßt. Sie betrifft zunächst die Gründung der Stadt und in diesem Zusammenhange Zeit und Umstände der deutschen Besiedelung der Grafschaft. Diese wird in die Mitte des 13. Jahrhunderts verlegt; sie ist durch Schutzbedürfnisse der böhmischen Grenze veranlaßt: Przemysl Ottokar II. ist ihr Organisator. Schlesien ist durch die  deutsche Kolonisation gleichsam näher an das Glatzer Land herangerückt; das bestimmt den König, seinerseits Ritter aus der Mark Meißen dorthin zu berufen. Die Ansiedelung der Ritter zieht die  deutsche Bauernkolonisation und diese die Entstehung der Stadt nach sich. Später sind die Luxemburger besondere Förderer der Stadt. Karl IV. zieht aber auch den wichtigen Festungsplatz an der Verbindungsstelle von Böhmen und Schlesien näher an die königliche Aufsicht heran. Er hebt die Selbständigkeit des Ratskollegiums auf und macht die Ratsgeschäfte zu einer Verwaltungs-Obliegenheit der ersten Schöffen; das Schöffenkollegium wird seinerseits von obrigkeitlicher Ernennung abhängig. So gewinnt die Stadtverfassung ein anderes Aussehen, als sie sonst im Bereiche des Magdeburger Rechts, das im übrigen für Glatz grundlegend ist, üblich ist. -- Der Gründungs- und Verfassungsgeschichte folgt bei Sch. die Analyse des ältesten erhaltenen Stadtbuchs nach seiner Entstehung und seinem verwaltungs- und


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rechtsgeschichtlichen Inhalt. Dem vorliegenden Buch, das 1366 angelegt ist, ist ein anderes voraufgegangen, dessen Aufzeichnungen aus den letzten beiden Jahrzehnten noch zum Teil in das erhaltene Buch übergegangen sind. Unter den Eintragungen sind die Seelgeräte von besonderem Interesse; der Rat hat sie auch materiell weitgehend unter seine Aufsicht gebracht, und in ihren Bestimmungen findet Sch. ein Vordringen gemeinnütziger Interessen gegenüber bloßer Fürsorge für die Kirchen. Das Privatrecht zeigt Meißner Einfluß und läßt so erkennen, daß wie die ersten ritterlichen, so auch die bäuerlichen und bürgerlichen Ansiedler großenteils aus dieser Landschaft gekommen sind.

§ 30. Territorialverfassung und Ständestaat.

Die Entstehungsgeschichte der Territorien und der Landesherrschaft bedarf noch zahlreicher sorgfältiger Monographien, bevor der Versuch gewagt werden kann, die größte und verhängnisvollste Umwälzung, welche das  Deutsche Reich in seiner inneren Struktur bis in die neueste Zeit hinein erlebt hat, in großem Zusammenhange befriedigend darzustellen. Besonders wichtig ist das altdeutsche Gebiet im Westen und Süden des Reiches mit seinen verwickelten Besitz- und Rechtsverhältnissen. Wie


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schwierig und wechselvoll sich hier die Territorialbildung gestalten konnte, veranschaulicht das Bamberger Gebiet, dessen Entstehung Adam Reichert ( 539) von der Bistumsgründung ( 1007) an bis zum Tode Bischof Ottos I. ( 1139) klarzulegen sucht. Er führt aus, wie die von König Heinrich II. mit Immunität privilegierte Bischofsgewalt trotz der ungewöhnlich großen Zersplitterung und Streulage des Besitzes das Grundeigentum zu erweitern und mit Hilfe der Eigenkirchen, durch Erwerbung von Grafschaftsrechten die Grundlage für ein konsolidiertes Territorium zu schaffen suchte. Aber solange der Bischof nach der Sitte der Zeit Grundbesitz und öffentliche Rechte gegen Kriegs- und andere Dienste mit Vorliebe an Adlige zu erblichem Lehnbesitz, der die Gefahr der Entfremdung aus bischöflicher Verfügung in sich schloß, ausgab, beschränkte sich die unmittelbare Macht des Bischofs auf einen verhältnismäßig kleinen Teil seines Gebietes. Die Entstehung der Landesherrlichkeit wurde zudem aufgehalten durch das Durcheinander der weltlichen und geistlichen Gewalten, die auf fränkischem Boden nach territorialer Gestaltung drängten. Es ist daher dankenswert, daß Erich v. Guttenberg ( 538) es unternahm, vom 8./9. Jahrhundert an den politischen Hintergrund jener Kämpfe, die Auswirkung der geistlichen und weltlichen Machtgegensätze auf die mittelalterliche Staatenbildung am Obermain darzustellen. Die Gefährdung der geistlichen Gewalt ging hier hauptsächlich vom Schweinfurter Grafengeschlecht aus, das die von Bayern 937 getrennte Nordmark als Lehen erhielt; an seine Stelle trat später, etwa hundert Jahre nach dem Sturz des Schweinfurter Hauses ( 1003) das bayerische Geschlecht der Grafen von Andechs, die in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts auf ihrem Schweinfurter Erbteil in Ostfranken Fuß faßten und wiederum, wie ehemals die Schweinfurter, eine geschlossene, auf territoriale Ausbreitung bedachte weltliche Macht zum Schaden der geistlichen Machtsphäre errichteten. Unter solchen Schwierigkeiten vollzog sich das Ringen der Bamberger Bischöfe um Besitz von Vogteien und Grafenrechten. Nach Bischof Ottos I. Tod ( 1139) begann allmählich die Erwerbung großer und kleiner Vogteien; auch fränkische Zenten, d. i. Untergerichte der Grafschaften, gingen durch Lehnfall und auf andere Weise in den Besitz des Bischofs über, welcher die Zentgrafen von nun an selbst bestellte. Aber erst als die Macht des Andechser Grafenhauses dahinsank und ihr Eigenbesitz zerfiel, gewann das Bamberger Bistum größere Entwicklungsfreiheit. Ein ansehnlicher Gewinn fiel ihm aus der gräflichen Erbschaft zu: die Grafengerichtsbarkeit des Radenzgaues oder, wie man sie nunmehr benannte, das »Landgericht der Bamberger Diözese« (Februar 1249). Der Tag, an dem der Bischof das Landgericht erwarb, war der »Geburtstag des Bamberger Staates«. Mit diesem Ausblick beschließt Erich v. Guttenberg seine verdienstliche Darstellung, die auch über Ausbreitung und Siedlung der Slawen auf ostfränkischem Boden (vgl. S. 7, 12 ff., 28), über die Gründung des Bistums Bamberg (S. 25 ff.), über das Bamberger Ministerialenrecht (S. 48 ff., 81, 82) beachtenswerte Ausführungen enthält, aber die rechtliche Seite der Entwicklung noch nicht zu voller Klarheit geführt hat.

VI. Sozialismus und Anarchismus.

Im Mittelpunkt dieses Bandes steht aber die Korrespondenz mit Rodbertus- Jagetzow, von der man bisher nur die Briefe Lassalles kannte. Scharfsinnig werden von beiden, die in der Abneigung gegen den Individualismus der liberalen Parteien und in der Notwendigkeit der Staatsintervention zur Lösung der sozialen Probleme übereinstimmten, die Wege erörtert, auf denen das leztere Ziel erreicht werden könnte. Den Schluß des 6. Bandes und damit der ganzen Edition bilden die biographischen Essays aus der Feder von Lothar Bucher und Moses Heß. Angesichts der immer wieder aufgenommenen Debatten, welche Wendung die  deutsche Arbeiterbewegung wohl ohne den frühzeitigen Tod Lassalles genommen hätte, sei auch hier auf die Ansicht seiner Zeitgenossen hingewiesen, daß bei dem schweren Halsleiden Lassalles, dessen er nur noch mit immer stärkeren Gewaltmitteln Herr wurde, mit einer langen Lebensdauer voraussichtlich nicht zu rechnen gewesen wäre. In beiden Bänden erleichtern wie bisher die vortrefflichen Einleitungen G. Mayers die Orientierung. Zu bedauern ist nur, daß das Namenregister für alle sechs Bände so knapp gehalten und von der Angabe der Vornamen und Lebensdaten Abstand genommen ist. Deren Mitteilung in den Anmerkungen ersetzen diesen Mangel doch nicht ganz.


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III. Späteres Mittelalter.

Handelsgeschichte. Erfreulich erscheint, namentlich auch vom Standpunkt der Handelsgeschichte aus, daß einzelne Handelswaren jetzt mit größerem Nachdruck in ihrer Bedeutung herausgehoben werden als früher. G. Aubins Schule ist hier zu nennen, welche die  deutsche Leinwandherstellung und ihren Vertrieb in den Vordergrund rückte. Aubins speziellstes Arbeitsgebiet, die Beziehungen Nürnberger Verleger zu ostdeutschen Leinenproduktionsstätten (Sachsen, Lausitz, Böhmen), ist jetzt monographisch behandelt (A. Kunze, Hall. Diss., 1877). Hohls Diss. (1831, vgl. über den Druck oben) bemüht sich, ein zusammenfassendes Bild über den gesamten norddeutschen Leinwandhandel im Mittelalter zu geben (vgl. 1723, Leineweber in Nördlingen). Die Tuchmacherei und Weberei wurden für Basel ( 1728), Trier ( 1732), Montjoie ( 1734), Salzhandel und -produktion für Halle ( 1758) dargestellt; vgl. auch 1791 über das englische Salzmonopol 1563--71. Einen Rohstoff, und zwar das Bau- und Nutzholz, die zu exportierenden Balken, Bretter, Eichenbohlen stellt auch der Norweger A. Bugge ( 1787) in den Vordergrund, zunächst bis 1544. Das Buch ist hier aufzuführen, weil es auch die Hansezeit umfaßt; gegenüber Bugges Behauptungen über Holzausfuhr in der Wikinger Periode z. B. nach Friesland ist aber größte Vorsicht am Platze (vgl. Heckscher, Hist. Tidskrift, Stockh. 1927, S. 196). Wir benutzen diese Gelegenheit, auf zwei norwegische Städtegeschichten hinzuweisen, die in Deutschland besser beachtet sein sollten: Des früh verstorbenen Helge Gjessings Tunsbergs Historie i Middelalderen til 1536, Kristiania (Oslo) 1913, 182 S., und die zweibändige Geschichte der Hauptstadt Norwegens von Edv. Bull, herausgegeben zum 300jährigen Jubiläum 1924 und mit dem zweiten Bande (1927 erschienen) bis 1740 reichend. Wer weiß, daß Tunsberg (Tönsberg, am Eingang des Christianiafjords gelegen) ein bevorzugter Handelsplatz der Hanse und besonders Rostocks war, wird sich nicht wundern, ganze Kapitel hansischer Geschichte bei Gjessing anzutreffen. Hier mögen auch die beiden Hamburger Dissertationen von Bohling und Schumacher ( 1795, 1796) über hansisch-nordische Verhältnisse des 15. Jahrhunderts erwähnt sein, sowie Häpkes Versuch ( 1798), die Handelspolitik der Wasas Deutschland gegenüber zu skizzieren. Dieser Überblick, im Rahmen eines kleines Sammelbandes über »Schwedens Staats- und Wirtschaftsleben«, bekam sein Seitenstück, als Häpke auf Grund der Akten im Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv den Beziehungen zwischen Reich, Wirtschaft und Hanse im 16. und beginnenden 17. Jahrhundert nachging ( 1797). Es ergab sich, daß die wirtschaftspolitischen Einwirkungen von Reich und Reichstag in den Fragen der Münz-, Gewerbe-, Rohstoffpolitik weit stärker


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waren, als man bisher, ohne eigentliche Nachforschungen, gläubig hingenommen hatte. In diese Zusammenhänge gehört die von E. Marcks angeregte Dissertation von J. R. Marcus ( 1792), die gegenüber den Übertreibungen der Vorkriegszeit nachweist, daß auch bei der handelspolitischen Invasion Deutschlands durch die Merchant Adventurers mit Wasser gekocht wurde. Weder herrschte in England die angebliche eiserne Konsequenz, bei der Krone, Staatsmänner und Merchant Adventurers wie ein Uhrwerk zusammenarbeiteten, noch war die Suspension des Reichstagsvotums von 1582 bei uns von einer katastrophalen Wirkung.

III. Späteres Mittelalter.

Bergbau. Hier möge auch ein Hinweis auf die bergbaugeschichtlichen Arbeiten Platz finden, die für die  deutsche Wirtschaftsgeschichte mit ihren erheblichen bergbaulichen Leistungen vom 10. bis 16. Jahrhundert besonders wichtig sind. Diesmal ist die Ernte quantitativ nicht eben groß. Nur zwei kürzere Arbeiten im Rahmen der fleißigen österreichischen Landesgeschichte aus Niederösterreich und Vorarlberg (Geyer,1802, und St. Müller,1806) finden wir verzeichnet. Die Gebirgswirtschaft mit Waldnutzung, Glashütten und als Fundort von gewerblich wichtigen Erden (Porzellan) ist mehrfach (Harz, Erzgebirge 1747--49) vertreten. Doch können hier schon weitere Fortschritte über das Berichtsjahr hinaus angekündigt werden.

I. Kapitalistische Entwicklung.

In die Niedergangszeit Nürnbergs führt auch eine die Bankgeschichte betreffende Abhandlung von Sachs ( 1875). Im Beginn des 17. Jahrhunderts sind die ersten reinen Depositen- und Girobanken, die also nicht mit prekären Staatsfinanz- und Warengeschäften verbunden waren, entstanden: Amsterdam 1609, Hamburg 1619. Schon 1621 wurde auch in Nürnberg ein Banco publico gegründet, um in den münzverwirrten Zeiten richtige Geldzahlungen zu gewährleisten. Es war eine kommunale Einrichtung, mit Bank- und Depotzwang für Posten von 200 fl. an. Die Bank bestand zwar bis 1827, hatte aber nur wenige Jahrzehnte, im 17. Jahrhundert, tatsächliche Bedeutung. Das lag vorwiegend daran, daß das einst so beherrschende Nürnberg im Geld- und Wechselgeschäft gegen die Nordseestädte und großen Messen nichts darstellte, und die Nürnberger selbst in solchen Geschäften sich dahin wenden mußten. Es wird hierbei auch die früher aufgestellte Behauptung widerlegt, als sei die erste  deutsche Bank in Nürnberg, und zwar 1498, durch kaiserliches Privileg entstanden; die darin zugestandene »Wechselbank« war nur ein Leih- und Pfandhaus oder Mons Pietatis.

V. Wirtschaftswissenschaft.

Den volkswirtschaftlichen Theorien des merkantilistischen Zeitalters ist eine ebenso gründliche wie lichtvolle Untersuchung gewidmet in dem Buche von Louise Sommer ( 1706). Es werden darin die Staats- und Wirtschaftslehren der typischen Vertreter der österreichischen Kameralistik zunächst des 17. Jahrhunderts -- J. J. Becher, W. v. Schröder, Ph. W. v. Hornigk -- und besonders ausführlich der bedeutenden Systematiker und Vertreter einer ausgebildeten Polizeiwissenschaft im 18. Jahrhundert -- J. H. G. v. Justi und Joseph v. Sonnenfels -- dogmengeschichtlich abgehandelt. Der gedankliche Inhalt des österreichischen Merkantilismus, seine Verbindung mit den geistigen Strömungen der Zeit, und anderseits seine durch die Lage und die Bedürfnisse des eigenen Staatswesens bedingte Eigenart hat damit eine mustergültige Darstellung gefunden. Die Aufgabe einer Dogmengeschichte: die Herkunft der einzelnen Gedanken aufzuzeigen, das Wesenbestimmende hervorzuheben und die Verbindungslinien mit der Zeitgeschichte zu ziehen, ist mit umfassender Beherrschung des Gegenstandes klug und weitblickend gelöst. Auch die  deutsche Nationalökonomie in ihrer Stellung zum Physiokratismus und unter dem Einfluß von Kants Rechtslehre wird wenigstens in Kürze gewürdigt. Die tiefschürfende und zugleich durch lichtvolle Darstellung ausgezeichnete Arbeit ist ein wertvoller Beitrag zur Volkswirtschaftslehre, Staatsrechtslehre und Geistesgeschichte jener Zeit.


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§ 37. Gesamtdeutsche Wirtschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts.

Den Reigen soll die Hamburger Dissertation von Richard Hertz ( 1908) eröffnen. Gestützt auf Familienpapiere, auf Akten der »Deutschen Handels- und Plantagengesellschaft« zu Hamburg, auf Dokumente des Auswärtigen Amtes und zahlreiche Hamburgensien schildert der Verfasser den Werdegang des in der hamburgischen Handelsgeschichte eine so bedeutende Rolle spielenden Hauses J. C. Godeffroy & Sohn bis zu seiner Zahlungseinstellung (i. J. 1879). Im Mittelpunkt der Darstellung steht der Südseekönig, César Godeffroy, der Enkel des Gründers der Firma, der wagemutige, weitblickende und furchtlos zupackende Hamburger Großkaufmann, der seinem Namen und seinem Hause Weltruf verschafft hat. Ohne Vorgänger und Hintermänner, ganz auf sich selbst angewiesen, erschloß er Hamburgs Handel und Schiffahrt die Südsee. Aber für erdumspannende Unternehmungen reichte das Kapital nicht aus, und so zersprang der überstraffe Bogen. Gern vernähme man mehr von Godeffroys geschäftlichen Operationen. Der Stoffmangel zwang hier den Autor zur Zurückhaltung, die in bezug auf die Samoafrage und Bismarcks wie des Reichstags Stellung zu Godeffroys Zusammenbruch nicht notwendig gewesen wäre. Daß die Arbeit von Hertz das letzte Wort über J. C. Godeffroy & Sohn noch nicht gesprochen hatte, beweist der Aufsatz von Ernst Baasch ( 1907). Er macht auf ein interessantes, aber recht bedenkliches Holzgeschäft Peter Godeffroys -- eines Vorfahren von César -- aufmerksam, das derselbe im Jahre 1807, kurz nach dem Tilsiter Frieden, mit dem französischen Feinde abschloß, und das ihn in einen langwierigen Prozeß mit der preußischen Regierung verwickelte. Den Prozeß beendete 1821 ein Vergleich. Godeffroy mußte Schadenersatz leisten, zahlte aber nur den zehnten Teil der geforderten Summe. Freude und Profit hat er von dem Holzkauf nicht gehabt. -- Weiteres Material, und zwar über die Reederei der Firma J. C. Godeffroy & Sohn, findet sich in dem trefflichen Werk von Otto Mathies, »Hamburgs Reederei« 1814--1914 (Hamburg, L. Friedrichsen & Co., 1924, XII u. 298 S.). Es erzählt auf Grund umfassendster Studien von der Entstehung und den wechselvollen Schicksalen der vielen Hamburger Segel- und Dampfschiffreedereien im 19. Jahrhundert und führt uns die Schöpfer der hamburgischen Überseeschiffahrt vor Augen, deren Unternehmungsgeist vor den größten Hindernissen nicht zurückschreckte und deren Losungswort der alte Spruch war: »Buten un binnen, wagen un winnen.« Für die  deutsche Schiffahrtsgeschichte hat sich Mathies mit seinem Buch ein wirkliches Verdienst erworben, und es wäre zu wünschen, daß Bremen dem Beispiel folgen und ein Bremer Reederbuch schaffen würde. Dann hätten wir die Stützpfeiler für den Aufbau einer deutschen Seeschiffahrtsgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert.

§ 37. Gesamtdeutsche Wirtschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts.

Belangreiche Kapitel aus der deutschen Auswanderungsgeschichte behandeln zwei Frankfurter Dissertationen von Karl Wehner und Theodor Mandel ( 1865/ 1866). Sie liegen leider nur in Maschinenschrift, Wehners Abhandlung auch in einem knappen Auszug, vor. Damit die brauchbaren, aber sehr schwer erhältlichen Arbeiten nicht der Vergessenheit oder gänzlicher Nichtbeachtung verfallen, soll hier kurz auf ihren Inhalt hingewiesen werden. Wehner setzt in seiner Schrift Johann Jakob Sturz, dem geborenen Frankfurter und treuen Freunde deutscher Auswanderer, ein Denkmal. Nach langjährigem Aufenthalt in Brasilien und England wurde Sturz 1842 zum brasilischen Generalkonsul in Berlin ernannt. In dieser Position galt sein Kampf dem skrupellosen Verfahren brasilianischer Kaffeepflanzer, durch Agenten und fabelhafte Versprechungen unerfahrene  deutsche Bürger-, Bauern- und Arbeiterfamilien nach Brasilien zu locken, wo die unglücklichen Leute dann unter dem dort herrschenden Parceria- oder Halbpachtsystem zu Hörigen herabsanken und vielfach in furchtbares Elend gerieten. Für das bekannte Heydtsche Reskript von 1859 leistete Sturz, in Gemeinschaft mit dem Politiker Harkort, ausgezeichnete Pionierdienste. Aus seinen späteren Lebensjahren stammt eine Reihe von Schriften über Schiffahrts-, Handels- und volkswirtschaftliche Fragen. Nach der Reichsgründung hat Sturz zu denen gehört, die eine aktive Teilnahme Deutschlands an der Erschließung Afrikas gefordert haben. -- Mandels weniger umfangreiche Dissertation untersucht die Tätigkeit der deutschen einzelstaatlichen Behörden zur Regelung des Auswandererverkehrs. Der Autor beschreibt dann zwei Auswandererorganisationen, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland bestanden haben. Die eine nannte sich: »Verein zum Schutz deutscher Einwanderer in Texas«, die andere »Nationalverein für  deutsche Auswanderung und Kolonisierung« zu Frankfurt a. M. Wenn die  deutsche Siedlung in Texas mißglückte, so lag das an der wirtschaftlichen Unerfahrenheit der Leitung, an der Unkenntnis der natürlichen und politischen Verhältnisse im Ansiedlungsgebiet, last not least an der Ungunst der Zeiten. Der Frankfurter Verein konnte wenigstens den Erfolg buchen, daß seine Propaganda half, die fürchterlichen Mißstände im deutschen Auswanderungswesen aufzudecken und zur Bildung ähnlicher Organisationen in anderen deutschen Landesteilen Anregung zu geben.

§ 37. Gesamtdeutsche Wirtschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts.

 Deutsche Schriften zur Kolonialgeschichte und zur Geschichte der nordamerikanischen Union bespricht mein Aufsatz im 50. Jahrgang der Hansischen Geschichtsblätter ( 1871). Leider war er schon ausgedruckt, als rasch nacheinander zwei wertvolle Aufschlüsse bietende Arbeiten erschienen: Georg Friederici, »Der Charakter der Entdeckung und Eroberung Amerikas durch die Europäer«, Bd. I (Stuttgart-Gotha, F. A. Perthes, 1925) und Adolf Rein, »Der Kampf Westeuropas um Nordamerika im 15. und 16. Jahrhundert« (im gleichen Verlage, 1925). Mit Nachdruck habe ich in meiner Studie auf zwei wissenschaftliche Einrichtungen hingewiesen, die der Pflege lateinamerikanischer Auslandkunde dienen. Es handelt sich einmal um das von dem zu früh verstorbenen Bernhard Schädel in Hamburg gegründete »Iberoamerikanische Institut«, sodann um das von Otto Quelle in Bonn geschaffene »Iberoamerikanische Forschungsinstitut«. Die Publikationen und die sich in erfreulicher Weise vermehrenden Büchersammlungen der beiden Institute setzen  deutsche Geographen, Sprachforscher und Historiker instand, ganz anders als bisher an der Erforschung Lateinamerikas und seiner Kultur, in Vergangenheit und Gegenwart, teilzunehmen.

I. Quellen.

Auch von E. Göllers ( 2004) verdienstvollen Quellenpublikationen und -forschungen zur Geschichte der Camera apostolica ist ein weiteres Stück erschienen. In Röm. Quartalschr. XXXIII, 72 ff., veröffentlicht er unter dem Titel »Aus der Camera apostolica der Schismapäpste«: 1. In Div. camer. Vat. Arch. arm. 29 erhaltene, einen gewissen Ersatz für die verlorenen Rechnungsbücher bietende Notizen über Annaten (Kammermandate, Prorogationen, Quittungen); 2. Aus Arm. 33, Nr. 12, zusammengestellte Listen von Kollektoren und Subkollektoren für die Zeit von Urban VI. bis Innocenz VII.; 3. Aus Florenz Bibl. nazion. XIX, 80, 81, Aktenmaterial, das wertvolle neue Aufschlüsse über  deutsche Kameralien aus der Zeit der Päpste Pisaner Obedienz, Alexander V. und Johann XXVIII., darbietet. -- U. Berlière ( 1997), gibt an Hand der Urkunden und für die spätere Zeit der Register des vatik. Fonds Collectoriae eine Übersicht der Kreuzzugssteuern und der ihnen nachgebildeten, für politische Zwecke (Kriege gegen die Staufer, Kampf um Sizilien und gegen die Ketzer) erhobenen Abgaben, endlich der Aktionen zur Eintreibung der Rückstände, alles, soweit der im Titel genannte geographische Bereich in Betracht kommt.

I. Gesamtdeutsche Entwicklung.

Die Erschließung neuer Quellen zur Erkenntnis des kirchlichen Rechtes und die kritische Bearbeitung der schon bekannten erstreckt sich nahezu über den ganzen Zeitraum, auf den sich dieser Bericht zu beziehen hat. »Aus dem kirchlichen Rechtsleben des Mittelalters« benennt Bierbaum ( 2109) eine Sammlung kirchenrechtlicher Quellen und Darstellungen für den Religionsunterricht in höheren Lehranstalten und bietet mit kurzen Einleitungen  deutsche Übersetzungen von Quellenstellen zur Geschichte des Papsttums, des Kirchenstaates, des Eigenkirchenwesens und anderer rein kirchlich-religiöser Einrichtungen der römisch-katholischen Kirche. --Finsterwalder ( 2112) veröffentlicht zwei bisher ungedruckte Bischofskapitularien der Karolingerzeit. Das eine, in einer vatikanischen Handschrift überliefert, vom Verfasser als opusculum oder admonitio bezeichnet, ist vermutlich in Westfrancien um das Jahr 850 entstanden und beschäftigt sich mit den Pflichten des Bischofs, besonders aber mit denen der Kleriker und Laien, das andere entstammt einer St. Galler Handschrift des 10. Jahrhunderts und gehört Südostfranken und der Zeit nach der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts an. Das Capitulare zeigt einen streng geschäftsmäßig juristischen Charakter und bietet eine Instruktion für den Dekan und Bestimmungen über Diptycha der Lebenden und Toten und über die Führung von Büßerlisten. Deutlich zeigt sich, daß das Capitulare lediglich an den Klerus gerichtet ist. -- Kurz vor dem dritten Laterankonzil (i. J. 1179) hat ein Dekretist des Namens Simon eine Summa zum Dekret vollendet, die in einem Bamberger Codex und in einer Handschrift des britischen Museums überliefert ist. In ersterem wird der Verfasser genauer »Symon de Bisiniano« genannt, und für die Richtigkeit dieser Zuweisung spricht die Bezugnahme auf die Bistümer Bisignano und Cosenza im Werke selbst. Diesen Ergebnissen fügt Junker ( 2120) die Feststellung hinzu, daß die in Dekrethandschriften mit vorjohanneischen Glossen vorkommenden Siglen s und si auf Simon von Bisignano zu beziehen seien und daß die glossierende Tätigkeit dieses Dekretisten unabhängig von seiner Summa zu beurteilen ist, die nicht immer die den s-Glossen entsprechenden Gegenstücke enthält. Nicht nur in der Lebensarbeit des Simon von Bisignano zeigt sich so, daß das geistige Schaffen der Dekretisten Wandlung und Entwicklung erkennen läßt, die im einzelnen nicht nur für Simon von Bisignano festzustellen Aufgabe der kanonistischen Forschung sein wird. --Fliniaux ( 2121) stellt zunächst die Handschriften zusammen, die Sammlungen der »decisiones Rotae Romane« enthalten, und führt die seit dem 15. Jahrhundert vorliegenden Drucke und die Namen derer an, die seit der Avignoneser Zeit als Verfasser der decisiones novae und der decisiones antiquae bekannt sind. Unter den letzteren sei Wilhelm Horborch, ein Hamburger decretorum doctor und Auditor der Rota, der 1348 und


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1361 in Avignon nachweisbar ist und später in Bremen und Verden wirkte, eigens genannt. Dem Alter nach steht die Sammlung des Thomas Fastalf (1336/37), eines Kanonikers aus Dublin (1336), späteren Archidiakons von Norwich in England an erster Stelle. Es folgen die Arbeiten Bernards von Bosqueto und des schon genannten Wilhelm Horborch. Drei Sammlungen des Thomas Fastalf (1337), des Gilles de Bellenière (1374) und der decisiones novae (1376) geben aus den genannten Jahren eine Liste der in der päpstlichen Rota tätigen Beamten, deren Angaben der Verfasser durch Heranziehung weiterer Quellennachrichten nach Möglichkeit ergänzt.

I. Gesamtdeutsche Entwicklung.

An die Spitze dieser Übersicht gehört nach dem behandelten Zeitraum, aber auch nach der Bedeutung des Werkes im Rahmen unseres Gesamtberichts die 5. bis 7., vermehrte und umgearbeitete Neuauflage des Eröffnungsbandes von Pastors Papstgeschichte ( 2169). Wie in den früheren Ausgaben umfaßt er die vier Pontifikate Martins V., Eugens IV., Nikolaus' V. und Kalixts III. (1417 bis 1458) und enthält außerdem einen Rückblick auf das ganze Zeitalter vom Beginn des avignonesischen Exils bis zur Beendigung des großen Schismas (1305 bis 1417). Vergleicht man die diesmalige Neuausgabe mit dem 1886 erschienenen Erstdruck des Bandes und namentlich mit ihrer aus dem Jahre 1901 stammenden letzten Vorgängerin, so fällt die auch gerade  deutsche Bibliotheken und Archive betreffende Bereicherung der handschriftlichen und urkundlichen Unterlagen des Ganzen sowie die überall vorgenommene Ergänzung der natürlich in der langen Zwischenzeit sehr üppig nachgewachsenen Druckliteratur auf. Selbst ein so planvoll und so quellenmäßig angelegtes und umfassendes Geschichtswerk


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wie das Pastors wird freilich trotz aller Nachbesserungen im kleinen bis zu einem gewissen Grade immer ein Produkt der Zeit- und Wissenschaftsepoche bleiben, in der es entstanden ist. Jedenfalls darf man die Neugestaltung des Textes im Sinne der Ergänzung und Abklärung der Forschungsergebnisse wie auch nach seiner formalen Ausreifung gerade diesmal eine recht erhebliche nennen. Um nur ein einziges Beispiel mehr allgemeinen Charakters hier anzuführen: Die vielfach beanstandete Unterscheidung einer »heidnischen« und »christlichen« Renaissance ist fallen gelassen worden. Ein Werk, für das Dinge wie die literarische Renaissance in Italien, das avignonesische Papsttum, der Kreuzzug wider die Türkei unter Kalixt III. im Vordergrund des Interesses stehen, kann deutschen Geschehnissen, Verhältnissen und Einflüssen natürlich nicht in allen seinen Teilen ausgiebig nachgehen. Dennoch ist sein Gehalt auch für die Kirchengeschichte Deutschlands, wie ja bei Pastor immer, im ganzen genommen sehr erheblich und hat durch die Neuausgabe nur noch gewonnen. An der Darstellung von Johanns XXII. Streit mit Ludwig von Bayern über die evangelische Armut ist Wesentlicheres nicht geändert worden; ebensowenig an der warmen Schilderung von Persönlichkeit und Wirken von Gerhard Groot. Dagegen findet die rege Arbeit, die gerade die letzten Jahrzehnte unter Führung H. Finkes dem Konstanzer Konzil gewidmet haben, auch in den dieser Synode geltenden Teilen unserer Papstgeschichte entsprechenden Widerhall: Ich denke an Abschnitte wie die über Konrad von Gelnhausen, über Dietrich von Niem, über König Sigmund und den Konzilsgedanken, über die »halbschismatische« Haltung Deutschlands zur Zeit der Frankfurter Kurfürstenerklärung von 1438 und an noch manche andere. Auch über die einflußreiche Stellung von Deutschen an der Kurie Martins V. war allerhand Neues zu sagen oder, was einigermaßen damit gleichgesetzt werden muß, wenigstens im wissenschaftlichen Apparate anzudeuten. Als weitere Abschnitte, die die  deutsche Kirchengeschichte teilweise oder im ganzen angehen, und die noch wieder eine gewisse, im einzelnen hier nicht nachzuzeichnende Ausmalung erfahren haben, seien diejenigen über Enea Silvio Piccolomini als Sekretär der Wiener Kaiserlichen Kanzlei 1443--45, das neuformulierte abwägende Urteil über das Wiener Konkordat von 1448, die Ausführungen über Nikolaus von Cusa als Legaten für den deutschen Norden wie den Minoriten Giovanni da Capistrano als solchen für das übrige Deutschland, die Romfahrt Friedrichs III. von 1452 genannt. Abschließend darf man sagen: Die Neuausgabe dieses Bandes -- der inzwischen, 1926, bereits die 8. und 9., unveränderte Auflage gefolgt ist -- hat einem Bedürfnis entsprochen und ist ein Fortschritt.

I. Gesamtdeutsche Entwicklung.

Zwei Einzelmonographien unseres Berichtsjahres gelten, insbesondere auf der Grundlage des großen Quellenwerkes der Görres-Gesellschaft, dem Tridentinischen Konzil. Schmidts ( 2174) Studien zum Tridentinum sind eigentlich zwei, freilich sehr umfangreiche, Einzelaufsätze, die man mehr äußerlich und aus praktischen Gründen zu einer bibliographischen Einheit verbunden hat. Der allgemeinere von ihnen untersucht die Nachwirkungen der spätmittelalterlichen konziliaren und episkopalen Reformideen während der ersten Konzilsperiode; der andere speziellere behandelt die Erörterungen des Tridentinums über Schrift und Tradition. Als wichtigstes Resultat des ersten Aufsatzes ergibt sich, daß die römische Kurie durch ihre Legaten die Leitung der Verhandlungen möglichst fest in ihrer Hand hielt, mag Schmidts Feder auch die Gegensätze zwischen Papsttum und Bischöfen, Papsttum und Reform ein wenig überspitzen. Der zweite Aufsatz überschätzt offensichtlich die Bedeutung des berühmten Vulgata-Dekrets, das -- wie Merkle in seiner auch sonst bemerklichen Besprechung in der Zeitschrift der Savignystiftung für Rechtsgeschichte 46, 586 ff. wieder deutlich hervorhebt -- lediglich praktischen Zwecken dienen sollte; man brauchte »einen Bibeltext ..., auf den man sich in Fragen der Lehre berufen könne«. Unser auch sonst von der Kritik (Bihlmeyer, de Moreau, G. Wolf) nicht allzusehr geschontes Buch bedeutet trotz der, wie gesagt, ein wenig überbetonten episkopalistischen Grundrichtung des Verfassers doch im einzelnen eine Förderung unserer Erkenntnis. Noch energischer als das Werk von Schmidt haben die in Sachen des Tridentinums führenden Fachleute die ganz überwiegend dogmengeschichtliche Einzeluntersuchung von Rückert ( 2175) über die Rechtfertigungslehre auf dem Konzil angefaßt; vgl. die Besprechungen von Ehses im Histor. Jahrbuch 1925, 568 ff., und von Merkle in  Deutsche Literaturzeitung 1926, 841 ff. Rückert hat versucht, seinem Thema in eingehenden Darlegungen über die kaiserliche und päpstliche Politik 1546 sozusagen einen politischen Unterbau zu geben; er muß sich aber sagen lassen, daß er die politische Motivierung des Ganges der Konzilsverhandlungen in unberechtigter Weise überspannt, daß es durchaus irrig ist, immer und überall nach politischen Schachzügen auszuspähen. Der Hauptteil seines Buches betrifft die Auseinandersetzung des Konzils mit Luther und der Scholastik. Hier fällt ein unberechtigtes Mißtrauen gegen die Konzilstheologen auf, als ob sie


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mit Luthers Rechtfertigungslehre nicht genügend vertraut gewesen wären, hier wird namentlich zu leicht eine Beeinflussung des Konzils durch Luther angenommen. Immerhin ist festzustellen, daß der Verfasser sich in das Nebeneinander der scholastischen Richtungen -- die skotistische hat das Ergebnis verhältnismäßig stärker beeinflußt -- wie in die Konzilsakten sehr sorgsam eingearbeitet hat.

I. Gesamtdeutsche Entwicklung.

Kiefl legt sein 1903 erschienenes Buch »Der große Friedensplan des Leibniz zur Wiedervereinigung der getrennten christlichen Kirchen aus seinen Verhandlungen mit dem Hofe Ludwigs XIV., Leopolds I. und Peters des Großen« unter prägnanter gefaßtem Titel in einer Neuausgabe vor ( 2176). Wenn sie als eine »wesentlich umgearbeitete« bezeichnet werden kann, so einmal deshalb, weil die dogmatischen Teile nur in ihren Hauptergebnissen wieder übernommen worden sind, dann aber vor allem der erfreulichen Tatsache wegen, daß der Verfasser die bestehen gebliebenen Abschnitte an den ihm in den reichlich zwei Jahrzehnten seither zugewachsenen und in ihm ausgereiften Erkenntnissen, namentlich die Stellung von Leibniz zum Christentum betreffend, neu orientiert hat. Die Entwicklung der Reunionsidee bei Leibniz in seinen Verhandlungen besonders mit Bossuet, aber auch die Verquickung seiner Unionspläne, die tiefgreifender und ernsthafter als alle sonstigen seit der Reformation gewesen sind, mit den politischen Absichten eines Ludwig XIV. ist von Kiefl auf dem Hintergrund der geistigen Zeitlage von damals weitsichtig und eindrucksvoll diskutiert.-- Nach einleitenden Ausführungen über das mystische und das magische Element in der Religion, die aus dem Rahmen dieses Berichtes herausfallen, behandelt Reinhardt ( 2178) den Einfluß der katholischen Restauration auf die  deutsche Literatur des 17. Jahrhunderts sowie, dem Titel seiner Schrift entsprechend, Mystik und Pietismus. Dort stehen Spee und Angelus Silesius, hier Gottfried Arnold, Tersteegen und Zinzendorf im Vordergrund. Reichliche Proben der Dichter sind eingestreut. Einen eigentlich fachwissenschaftlichen Wert wird man dem gut lesbaren Buch trotz seines nützlichen Literatur- und Anmerkungsapparats kaum beimessen.

I. Gesamtdeutsche Entwicklung.

Christiani ( 2186) macht den Begründer des Deutschkatholizismus Ronge aus seiner persönlichen Veranlagung, der individuellen Lage, in die er


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gestellt war und ebenso den allgemeinen Anschauungen seines Zeitalters begreiflich. Bei dem umstrittenen Thema, das Ronge persönlich wie auch die deutschkatholische Bewegung als solche noch bedeuten, berührt es doppelt angenehm, daß die Schrift -- wenn man auch in ihr nicht jedes einzelne Wort zu unterschreiben braucht -- ernsthaft nach Objektivität strebt, reiche Belege gibt und den Hintergrund der kirchlichen Verhältnisse in Schlesien möglichst breit ausmalt. Vgl. meine Einzelanzeige Theol. Revue 24, 17 f. -- Die 1924 erschienene große Ketteler-Biographie Vigeners hat begreiflicherweise gerade in unserem Berichtsjahr die kritischen Federn stark beschäftigt. Selbständigen Wert hat vor allem die jedem Interessenten der katholischen Bewegung im Deutschland des 19. Jahrhunderts reiche Anregung bietende Besprechung Spahns ( 2188), die einerseits das im Grunde konservative Denken und nach einer körperschaftlichen Ordnung im Staate verlangende Streben des Bischofs stark heraushebt, anderseits Ketteler in die kirchliche und politische Verbundenheit des »oberrheinischen Raumes« stellt. Vgl. auch noch meine Anzeige von Vigeners Werk Histor. Jahrbuch 45, 91 ff. --Heinsius ( 2189) läßt, auf einer »psychologischen Struktur des Katholizismus und Protestantismus« fußend, reichlich zwanzig Typen katholischer Geistigkeit und Frömmigkeit im vorigen Jahrhundert und etwas vorher oder nachher -- Männer, die bis zuletzt in der äußeren Gemeinschaft der Kirche beharrt, wie solche, die sie früher oder später verlassen haben --, möglichst mit ihren eigenen Worten ihre innere Einstellung zur Kirche und den Entwicklungsgang, den ihr Leben in kirchlich-dogmatischer und kirchlich-disziplinärer Hinsicht aufweist, andeuten. Er schließt daran uns hier wieder weniger interessierende psychologische und soziologische Ausblicke an. Die Beschäftigung mit diesen Theologen von Sailer und Wessenberg bis Kraus und Schell, von Gossner und Henhöfer bis Spicker und Hoensbroech gibt, so sehr bei den meisten von ihnen das Bild, das uns hier geboten wird, der Vertiefung bedarf, einen gewissen Einblick in das religiös-kirchliche Denken und Fühlen mancher von Hause aus mit der gedanklichen Unterlage wie der Praxis des kirchlichen Lebens eng verknüpfter Intellektueller seit der Aufklärungszeit. -- Das Porträt, das Freifrau von Schönberg ( 2190), eine geborene von Savigny, von Karl Friedrich von Savigny, hauptsächlich nach mündlichen und schriftlichen Familienerinnerungen entwirft, zeigt ihren Verwandten besonders als Staatsmann und Politiker, arbeitet aber neben den in erster Linie bei Gründung der deutschen Zentrumspartei betätigten kirchen politischen auch die warm kirchlichen Anschauungen und Bestrebungen dieses einstigen Jesuitenschülers scharf heraus, der 1870 auf Hefele und andere  deutsche Bischöfe im Sinne des Unfehlbarkeitsdogmas eingewirkt hat.

I. Luther.

Unter den Gesamtdarstellungen Luthers ist Ritters Bekenntnisbuch ( 2267) durch den starken nationalen Ton, aber zugleich durch Erfassen des religiösen Luther charakterisiert. Er sieht in Luther den ewigen Deutschen, der »dem metaphysischen Wesen des Deutschen zum Selbstbewußtsein verholfen«, dessen Bedeutung nur  Deutsche ganz zu erfassen vermögen, und betont sein Verflochtensein in die  deutsche Geistesgeschichte, ohne damit den Blick für das völlig Neue, Unvorbereitete und Unerwartete in Luther zu verlieren. Im Biographischen ist R. von Scheel beeinflußt, in der Deutung der Frömmigkeit Luthers auch nach ihrem »dunklen, unheimlichen Untergrund« von K. Holl, E. Hirsch, R. Otto und den anderen Theologen, die das neueste Lutherbild gestaltet haben und denen sich R. auf Grund auch selbständiger eigener Quellenforschung anschließt. Sein Buch wurde theologischerseits (vgl. Theol. Lit.ztg. 1926, S. 34 ff.) geradezu als ein Symptom der gegenwärtigen Renaissance Luthers begrüßt. Als Versuche von Nichtdeutschen, sich diesen »Deutschen« Luther zu erschließen, dürfen Macchioro ( 2269), der mit Ritter in der starken Betonung des Dämonischen in Luther zusammentrifft (»ein Besessener Gottes«), und Mackinnon ( 2268) mit Achtung genannt werden; sie beruhen in allem Wesentlichen auf dem von der deutschen Theologie herausgearbeiteten Bilde. Das Interesse, das man dem (auch von Mackinnon zunächst nur gebotenen) »jungen Luther« seit der Entdeckung oder begonnenen Auswertung seiner frühen Vorlesungen (Psalmen, Römerbrief, Galaterbrief, Hebräerbrief) entgegenbringt, hat als neueste Frucht die wie Ritters an den weiten Kreis der Gebildeten gerichtete Arbeit von Hnr. Boehmer ( 2282; bis 1521 reichend) hervorgebracht, zugleich die letzte Arbeit des inzwischen verstorbenen verdienten Forschers. Man wird an ihr freilich monieren müssen, daß der Leser infolge des Fehlens der Quellen- und Literaturnachweise bei der Schilderung von Luthers Klosterkämpfen und seiner inneren Entwicklung bis 1517 nicht in der Lage ist, zwischen dem quellenmäßig Sicheren und der oft wohl zu sicher vorgetragenen hypothetischen Rekonstruktion von Luthers tieferem Seelenleben, wie B. sie gibt, zu unterscheiden. Die Schwierigkeiten, die Luthers Äußerungen einer historischen Rekonstruktion seines Innenlebens darbieten und die auch sein eigener autobiographischer Rückblick vom Jahre 1545 nicht behebt, hat ja Strackes Dissertation ( 2272), die inzwischen (i. J. 1926) als Buch vollständig erschienen ist, noch einmal deutlich gemacht. Sie hat anderseits die grundlegende Bedeutung von Luthers »Turmerlebnis« für das fortan geltende Verständnis von Röm. 1, 17, das Str. auch durch Luthers Vorrede als vor Ostern 1515, vielleicht gar schon zwischen 1511 und Ostern 1513 bezeugt ansieht, erneut sichergestellt, auch gegenüber v. Walthers ( 2285) Abschwächungsversuch, der in jenem Erlebnis nicht den Anfang einer neuen Erkenntnis, sondern nur den gelehrt-exegetischen, die Entstehung der Rechtfertigungslehre bereits voraussetzenden Abschluß der inneren Entwicklung Luthers sehen zu dürfen glaubt. Loofs hat in Theol. Lit.ztg. 1925, S. 585 ff., den Thesen von W.s eine beachtenswerte Kritik entgegengestellt,


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in der er auch seine Auffassung der Lutherschen Rechtfertigungslehre, über deren verschiedene Deutung in der gegenwärtigen Theologie (Holl, Walter, Barth, Gogarten u. a.) Thieme ( 2288) lehrreich und Holls »Ethisierung« Luthers zustimmend referiert, gegen v. W.s Mißdeutung sicherstellt. -- Die vorliegenden kleineren Lutherstudien zu Einzeldaten seines Lebens sind teils wie 2277--81 durch Jubiläumserinnerungen (Luthers Hochzeit 1525) veranlaßt, teils, wie die über Luther und den Bauernkrieg ( 2274--75) oder über L.s Staatsauffassung ( 2242, 2291--92), von dem Interesse diktiert, sich Gegenwartsprobleme durch den Blick auf L.s Stellung klären zu lassen. Dabei hat Althaus ( 2275) L.s Haltung im Bauernkrieg fraglos richtiger gesehen als Wibbeling ( 2274), dem A. mit Recht (in Theol. Lit.ztg. 1926, S. 298 ff.) Lückenhaftigkeit der dargebotenen Quellen vorwirft; es kommt bei W. der Luther, der nach der Schlacht bei Frankenhausen dem Siegerübermut der Herren entgegentrat und öffentlich die Schonung der Gefangenen und Kapitulierenden erbat, nicht zur Geltung.

III. Wiedertäufer. Spiritualisten.

Dem radikaleren Typus der Reformation in der Täuferbewegung und im Spiritualismus der Reformationszeit wird theologischerseits häufig noch immer nicht genügende Aufmerksamkeit geschenkt, oder ihm wird zu schnell Polemik unter kirchlichkonfessionellem Gesichtspunkt zuteil. Letzteres ist freilich auch mitbedingt durch die Lobsprüche, die diesen Bewegungen von anderer Seite oft vorschnell gespendet werden. Das gilt nicht bloß von Thomas Münzer, dem »Theologen der Revolution«, wie ihn Ernst Bloch 1922 verherrlichte und in ähnlichem Geiste Alfr. Ehrentreich in seiner Auswahl von Schriften Münzers (Hamburg, Hanseatische Verlagsanstalt, 1925. 139 S.), sondern zum Teil auch von den Spiritualisten in der Schilderung von Jones ( 2240). Die Frage der Toleranz bzw. Intoleranz gegenüber jenen radikaleren Bewegungen führt auch Evans ( 2318) in seiner Studie über die Nürnberger Spiritualisten und Anabaptisten 1524--28 und darüber hinaus über das Geschick der Straßburger, Thüringer und Schweizer Täufer zu schiefen Urteilen über Luthers Schuld an dem scharfen Vorgehen. Hier wird an wertvollen Fragestellungen und Erkenntnissen wie denen Walther Sohms (Territorium und Reformation, 1915) vorübergegangen, obwohl man erst mit deren Hilfe Problematik und Tragik des werdenden protestantischen Konfessionsstaats in ihrer Tiefe erfassen und sehen kann, wie darin die Konfessionalisierungsbewegung auch über Luthers Kirchbauideen hinauswuchs. Um so mehr ist dann Zimmermanns Münzerbiographie ( 941) mit ihrer objektiven Einschätzung der damaligen geschichtlichen Kräfte zu begrüßen, obwohl bei ihm der Theologe Münzer und seine eigenartige Mystik als der tragende Grund auch seines Handelns (vgl. K. Müllers Kirchengeschichte II, 1, S. 310 ff.) nicht genug zur Geltung kommt. Das Mennoniten jubiläum des Jahres 1925 hat die Gedenkschrift 2295 mit ihren wertvollen Einzelstudien veranlaßt. Auf eine


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in der Lübecker Stadtbibliothek seit kurzem vorhandene Lübecker plattdeutsche, von Bugenhagen bevorwortete Schrift über die Münsterer Bewegung vom Jahre 1532, die bisher nur im Londoner Britischen Museum nachgewiesen war, hat Jannasch (Ztschr. f. Kircheng. 1925, S. 428 f.) aufmerksam gemacht. Corrells Schrift ( 2333) mit ihrer soziologischen Charakteristik des gesamten Täufertums hat nicht nur für die schweizerischen Täufermennoniten, denen sie zunächst gilt, Wert, sondern verfolgt die Gesamtausbreitung der Bewegung und ihre durch die Verfolgungen veranlaßte wirtschaftlichkolonisatorische Tätigkeit, die ihre zeitliche Parallele -- C. führt bis in die Neuzeit hinein -- an der Ausbreitung der alten und der erneuerten Brüderunität hat. Anderseits freilich gräbt C., wie ihm W. Koehler mit Recht vorwirft (Theol. Lit.ztg. 1926, S. 89), ideengeschichtlich nicht tief genug, wenn er den Zusammenhang mit Münzer, Karlstadt und der Zwickauer Bewegung nicht nur nicht sieht, sondern geradezu leugnet. Hier muß Koehlers eigener Beitrag zur Mennoniten-Gedenkschrift ( 2295), über die Züricher Täufer, zur Richtigstellung herangezogen werden, wo auch der ursprüngliche Anteil des Enthusiasmus an der Gestaltung der Bewegung neben den ethisch-gesetzlichen Bergpredigtmotiven richtiger erkannt ist. Mit Recht hat daher ja auch Jones ( 2240) führende Täufergestalten, wie Bünderlin, Entfelder u. a., in seine Darstellung der »geistigen Reformation«, wie sie im unglücklich formulierten Titel der nun vorliegenden Verdeutschung des längst vorteilhaft bekannten englischen Werkes (Spiritual Reformers) genannt werden, einbezogen. Diese  deutsche Übersetzung mit ihrer Darstellung Schwenckfelds, Weigels, Jakob Böhmes und anderer festländischer Gestalten neben den englischen Spiritualisten wird gewiß, auch durch ihre Lücken, die  deutsche Forschung anregen können. Diese ist ja neuerlich hinsichtlich Jakob Böhmes bei dessen Todesjubiläum 1924 einen guten Schritt vorwärtsgekommen. Unter religions- und theologiegeschichtlichen Gesichtspunkten verdient aus der Reihe der Festschriften die Schrift Bornkamms ( 2289) eine besondere Hervorhebung, da sie Böhme eine ideengeschichtliche Untersuchung mit besonderem Interesse an den etwaigen Lutherschen Elementen in seiner Frömmigkeit und Spekulation widmet. Im Blick auf B.s Christologie und seine Gedanken über Wiedergeburt und Rechtfertigung, Gemeinschaft, Ethik, Geschichte deckt B. das Nebeneinander und Gegeneinander Lutherscher und mystischer Züge in Böhme auf und erweist so zugleich seinen Zusammenhang mit dem vom 16. Jahrhundert her laufenden protestantischen Spiritualismus älterer Zeit (nicht bloß Schwenckfelds), in dem sich ja auch Luthersche Ideen mit der Gegnerschaft gegen den »historischen« Glauben Luthers und gegen die Luthersche Rechtfertigungslehre mischen. Darin, daß Böhme nicht, wie es etwa unter den neueren Biographen Ph. Hankamer besonders stark herausgearbeitet hat, »ein Beginn von kaum erhörter Ursprünglichkeit« ist, wird man Bornkamm unbedingt Recht geben müssen.

V. Kirchenverfassung.

In die Erforschung der evangelischen Kirchenverfassungs geschichte haben in den letzten Jahren die den gegenwärtigen Verfassungsneubau bestimmenden Ideen in mannigfacher Weise hineingespielt und gelegentlich (wie z. B. in Joh. Vikt. Bredts Neuem Evg. Kirchenrecht für Preußen I, 1921; II, 1922) bei Schilderung des historischen Werdens auch die Kritik des Gewordenen stärker zur Geltung kommen lassen, wobei man etwa gegenüber der tatsächlichen landesherrlichlandeskirchlichen Entwicklung die Gemeindeidee bei den Reformatoren oder die Bischofsidee in der Reformationszeit herauszustellen bestrebt war. Das


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hat den Wert, daß wir das damalige tatsächliche Gegeneinander und Nebeneinander verschiedener Grundideen, auch das Ringen »staatlicher« und »kirchlicher« Instanzen (vgl. auch Bähler,2334) besser erkennen. Aber jede lokale oder territoriale Einzelforschung, wie sie aus unserem Berichtsjahr etwa von Rauscher für Württemberg ( 2337), v. Schubert für Nürnberg ( 2319), Brennecke für Calenberg-Göttingen ( 2371--72) gegeben worden ist, zeigt jedenfalls den starken Anteil oder gar die ausschlaggebende Rolle der territorialen Obrigkeit bei der also auch machtpolitisch zu erklärenden Einführung der Reformation und -- in den meisten Fällen -- die Notwendigkeit ihres Eingreifens. Sie erklärt so an ihrem Teil, warum ein Selbsttätigkeitsrecht oder wenigstens ein Mitwirkungsrecht der Gemeinde, wie es auch auf hannoverschem Boden, z. B. von Corvin, erstrebt wurde, nicht realisiert wurde und es zu eigenen kirchlichen Zentralbehörden nicht kam. Die bischöfliche Idee, mit der von den Reformatoren bekanntlich Melanchthon mindestens zeitweilig sympathisierte (Reuter,2290), diente tatsächlich nur dem Ideenaufbau des landesherrlichen Summepiskopats. Über gewisse Anfänge einer »volkskirchlichen Gemeindebewegung«, die mit dem u. a. in der hessischen Kirche vorhandenen, in der Ziegenhainer Zuchtordnung 1538 zuerst ausgestalteten nicht-geistlichen Ältestenamt (Seniorat) gegeben sind, unterrichtet v. d. Au ( 2355--56), und zwar nicht nur auf Grund der hessischen Kirchenordnungen bis zurück zu den Plänen der Homberger Synode 1526, sondern er zeichnet, was für die Kenntnis der tatsächlichen Verhältnisse wichtiger ist, Bilder aus der wirklichen Praxis des Seniorats (in Seelsorge und Erziehung), zugleich freilich auch aus den Rivalitätskämpfen zwischen Behörden und Pfarramt einerseits und jenem Seniorenamt anderseits, die zumal nach der Blütezeit dieses Amtes (bis etwa 1720) sich abgespielt haben. Ein anderes Beispiel einer frühprotestantischen, nicht vom Pfarramt getragenen Gemeindearbeit behandelt Petri ( 2386) in seiner bis in die Gegenwart reichenden Geschichte der Bremer »Diakonie«, die bis auf 1525 zurückgeführt werden kann, zunächst Amt der Kirchengemeinde war und 1688 als bürgerliches Ehrenamt dem staatlichen Generalarmenwesen eingebaut wurde, um dann im 19. Jahrhundert wieder zu kirchlichen Gemeindepflegern zu werden. Das sind nicht nur  deutsche Parallelen zur calvinistischen Kirchenverfassung, sondern hinsichtlich des hessischen Seniorats haben schon Ph. Drews und Diehl betont, daß Calvins Kirchenordnung infolge der Beziehungen Calvins zu Bucer auch von Hessen her Anregungen empfangen hat. Diehl ( 2357), der verdiente Erforscher der hessischen Territorialgeschichte, hat in seinem neuen Werk eine Fülle von Quellenmaterialien und darauf bezüglichen Einzeluntersuchungen über die hessen-darmstädtischen Kirchenbehörden und Kirchendiener bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts hinein vorgelegt, die auch bei einer zusammenfassenden Geschichte der Kirchenverfassung als Grundlage berücksichtigt werden müssen, wenn sie auch über die Verfassungsfrage hinausreichen. Ein interessantes Unikum der Württembergischen Kirchengeschichte führt uns Kolb ( 2341) auf Grund breitesten Aktenmaterials vor, wenn er die aus den katholischen Klostervorständen hervorgegangenen evangelischen Prälaturen, die auch als zu den Landständen gehörig eine politische Rolle haben spielen können, durch ihre Geschichte hindurch verfolgt. Auch ihnen zwang, wie dem hessischen Seniorat, das 18. Jahrhundert

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einen Kampf um ihre Stellung auf; kirchlich waren schon vorher nur die Prälaten, die Leiter einer Klosterschule zur Ausbildung der künftigen Theologen oder Generalsuperintendenten waren, von Bedeutung.

VII. Pietismus. Aufklärung.

Für die Zeit des durch Pietismus und Aufklärung eingeleiteten »Neuprotestantismus« muß aus der Jahresproduktion zunächst auf Troeltschs Gesammelte Werke, Bd. IV ( 204), hingewiesen werden. Denn sind es auch längst bekannte Arbeiten aus Zeitschriften und Sammelwerken, so liegen sie hier doch mindestens teilweise in ergänzter Fassung oder mit Nachträgen versehen vor und geben in ihrem Neben- und Nacheinander ein (wenn auch nicht lückenloses) Bild vom Gang der neuzeitlichen Geistesgeschichte, um deren Verständnis sich Tr. dauernd und immer wieder neu einsetzend bemüht, und durch deren Erschließung er in derselben Stärke wie neben ihm nur noch W. Dilthey auch die neuzeitliche Kirchengeschichtsforschung befruchtet hat. Für die  deutsche KG. seien die Aufsätze über Aufklärung, Leibniz und die Anfänge des Pietismus, deutscher Idealismus, die Restaurationsperiode am Anfang des 19. Jahrhunderts, das 19. Jahrhundert (mit den handschriftlichen Zusätzen S. 830 ff. und den ergänzenden Rezensionen S. 779 ff.) besonders hervorgehoben. Das andere Werk, das trotz seiner zeitlichen und räumlichen Beschränkung hier an der Spitze genannt werden muß, ist Wernles nunmehr abgeschlossene Darstellung des schweizerischen Protestantismus im 18. Jahrhundert ( 2335), die für die Schweiz, aber keineswegs in territorial isolierender Betrachtung, so eingehend und plastisch, wie es bisher für kein anderes Land geschehen ist, die Aufeinanderfolge der Bewegungen von der sogenannten »vernünftigen Orthodoxie« an durch Pietismus, Aufklärung und deren Gegenbewegungen hindurch bis ins Revolutionszeitalter hinein schildert; dabei springen gerade auch die schweizerischen Auswirkungen der deutschen Geistesbewegungen, die auch in der Aufklärungszeit neben den französischen Auswirkungen (bes. Voltaire) erkennbar sind, und anderseits die  deutsche Befruchtung durch schweizerische Erscheinungen (Rousseau, Lavater, Bodmer und Breitinger, Christentumsgesellschaft, Pestalozzi u. a.) klar heraus. Dabei bleibt W. nie bloß bei den literarischen Quellen stehen, sondern zieht alles, auch Liturgie, Gesangbuch, Tagebücher, Archivakten, Briefe und anderes handschriftliches Material, von Theologen und Laien, heran, um das wirkliche, auch das lokale und persönliche geistige, religiöse, kirchliche, sittliche Leben der Zeit zu konkreten Bildern zu gestalten. Die Personenschilderungen, dazu die Schilderung des Untergangs des Altcalvinismus schon vor der Aufklärung, die Darstellung des aufklärerischen Geisteslebens und der aufklärerischen Emanzipation von Kirche und Sitte, anderseits des Lavaterschen Irrationalismus und des Herrnhutertums mit seinem Gegensatz gegen gesetzlichen Altcalvinismus und rationalen


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Neucalvinismus sind Meisterstücke. Daß Ergänzungen möglich und wünschenswert sind, weiß W. selbst, und das ist bei der Weite des Gegenstandes selbstverständlich. Weiske hat das von ihm aufgefundene Tagebuch Silchmüllers ( 2331) samt anderen Quellen der Halleschen Waisenhausbibliothek in Ztschr. f. Kirchengesch. 45, S. 88 ff., schon benutzt, um u. a. den deutschen pietistischen Einfluß auf die Schweiz früher als W. anzusetzen, während Hürlimanns Studie ( 2336) über Zürich als Hauptsitz der schweizerischen Aufklärung auch in dem vereinzelten Material, das sie über W. hinaus bietet, neben diesem oder zu dessen Ergänzung kaum in Betracht kommt, da es zu isoliert und oft unter zu unhistorischen Gesichtspunkten dargeboten wird.

VII. Pietismus. Aufklärung.

Gegenüber Wernles Gesamtbild des 18. Jahrhunderts verschwinden auch die auf die  deutsche Kirchengeschichte der Zeit bezüglichen kleinen Einzeluntersuchungen, auch wenn sie ihr Thema ernster nehmen, als es Reinhardt ( 2178) bei seiner an sich wichtigen Frage »Mystik und Pietismus« getan hat; er schreibt nichts anders als eine Apologie der katholischen Mystik gegenüber der »ausbrüchigen« pietistischen Mystik von Gottfried Arnold, Tersteegen, Zinzendorf, in die er aber nirgends wirklich eingedrungen ist. Leubes ( 2301) solide fundierte Studie behandelt die bekannten Leipziger Streitigkeiten mit dem Ergebnis, daß der hier durch Francke und seine Leipziger Freunde verschuldete Bruch den Absichten Speners nicht entsprochen hat. Größere Lokalstudien sind die von Lother ( 2408), die auf Grund der Greifswalder Materialien in die orthodoxen und pietistischen Streitigkeiten hineinleuchtet und zeigt, wie wenig Wurzeln ein wirklich offen antiorthodoxer Pietismus in Vorpommern hat schlagen können, und die von Schaudig ( 2330a) als Beitrag zur Geschichte des fränkischen Pietismus. Er hebt innerhalb dieses stark von der Haltung der Bayreuther Markgrafen (vgl. dazu Weiske [ 2331]) beeinflußten Gebiets die Spenersche Periode (Speners Schwager Horb in Windsheim!) von einer daran anschließenden, durch obrigkeitliche Verbote veranlaßten separatistischen Bewegung und endlich von der deutlicher erfaßbaren Hallenser-Herrnhuter Periode (oft ohne schärfere Scheidung) voneinander ab (vgl. Schornbaum, Theol. Lit.ztg. 1926, S. 253 ff.). Von den auf das Herrnhutertum bezüglichen Arbeiten ist Pfisters ( 2304) Zinzendorfstudie eine Umarbeitung seiner älteren psychanalytischen Untersuchung Zinzendorfs, die in manchem auf die dagegen erhobenen Einwände eingeht, aber an seiner sexuellen Deutung Z.scher Frömmigkeit im Prinzip festhält; daß er dabei auch mystisches Traditionsgut, das Zinzendorf übernommen hat, allzu unbekümmert um diesen seinen Charakter als Beweis mitverwertet, wird man als methodischen Hauptfehler buchen müssen. Neuland erschließen Uttendörfer ( 2398) und Hammer ( 1930), indem ersterer im allgemeinen auch die Wirtschaftsgeschichte Altherrnhuts darstellt, letzterer die Einzelgestalt Dürningers und die Entwicklung seines Unternehmens vom Kramladen zur Welthandelsfirma -- interessant nicht nur unter wirtschaftsethischen Gesichtspunkten, sondern auch als Belege für Herrnhutische optimistische und weltoffene Religiosität, bei dem lutherischen Charakter Herrnhuts auch wichtig für die Frage »Luthertum und Kapitalismus«, die neben der Weber-Troeltschschen Frage »Calvinismus und Kapitalismus« Beachtung fordert und in manchem anders als von jenen wird beantwortet werden müssen. Man hat im Blick auf eine Gestalt wie Dürninger wohl auch


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mit Recht auf die Frage hingewiesen, inwieweit etwa (psychologische) Zusammenhänge zwischen dem Herrnhuter Missionsdrang und jenen kosmopolitischen Wirtschaftstendenzen bestehen. Die Mischung der mannigfaltigen um die Jahrhundertmitte vorhandenen religiösen und theologischen Strömungen in möglichst zahlreichen Einzelpersonen zu analysieren, wie es M. Fröhlich ( 2306) an dem zwischen Pietismus und Aufklärung stehenden J. J. Moser versucht, ist an sich dankens- und wünschenswert, erfordert aber umfassendere theologische Bildung und Typenkenntnis. Einzelnes, wie die Schilderung des Ebersdorfer Pietismus und des zwischen Moser und Zinzendorf dort sich entwickelnden Gegensatzes, ist aber gut gelungen. In Horns ( 2305) Predigtstudien (der Anfang steht schon im Jg. 19, 1924, S. 78--128), in denen mit Recht die patriotische Predigt mit der patriotischen Dichtung und sonstigen Schriftstellerei konfrontiert wird, treten uns unter den ausführlicher Behandelten einige allgemeiner interessierende Theologengestalten der Zeit Friedrichs des Großen entgegen: aus dem Berliner Kreis der Hofprediger A. Fr. W. Sack, in dem Pietistisches und Rational-Apologetisches sich mit formeller Rhetorik eigenartig mischen; aus dem schlesischen Predigerkreis der Breslauer Joh. Friedr. Burg, dessen Huldigungsleistung an der Spitze der evangelischen Geistlichkeit 1741 und Huldigungspredigten bei dem vorhandenen Gegensatz zwischen der österreichischen und der preußischen Partei und bei dem Zaudern des katholischen Klerus von bestimmender Wichtigkeit waren; endlich aus dem ostpreußischen Predigerkreis der noch mild orthodoxe Joh. Jak. Quandt, von dem Friedrich der Große geurteilt hat, er sei der einzige  deutsche Redner. Die zahlreichen anderen Prediger sind meist zu kurz und zu wenig plastisch geschildert, als daß das ganze ein Querschnitt durch die damalige Frömmigkeitslage genannt werden könnte. Deutlich wird nur, daß im Brandenburgischen und im Schlesischen die Aufklärungstheologie relativ weit um sich gegriffen hat. Ihrer Bekämpfung durch die Wöllnerschen Maßnahmen 1788 ff. hat P. Schwartz ( 2570) eine neue, oft sehr detaillierte aktenmäßige Darstellung gewidmet, die man neben der M. Philippsons in seiner Geschichte des Preußischen Staatswesens nach dem Tode Friedrichs des Großen gern einsehen wird. Freilich sind besonders die über Wöllner gefällten Urteile (Heuchler, Intrigant!) zu einfach, und das Problem des Zusammenhangs der damaligen Reaktionsbewegung mit der in der Restaurationsperiode zur Macht gelangenden ist so wenig in Angriff genommen, wie das Edikt und die anschließenden Maßnahmen in die schon begonnene geistige Auseinandersetzung mit der Aufklärung genügend eingegliedert werden.

II. Das Mittelalter als geistesgeschichtliche Einheit.

Das nicht erfaßt zu haben, ist der Fehler von H. Brinkmanns ( 2437a) Aufstellungen. Daß es eine weitverbreitete »Diesseits stimmung im Mittelalter« gibt, wird niemand leugnen; aber schon in diesem so richtig überschriebenen Aufsatz von 1924 (Dt. Vjschr. II) konstruiert Brinkmann völlig willkürlich daraus ein »Ringen von zwei feindlichen (!) Menschen- typen« (S. 751); in dem Aufsatz von 1925 ist er dann, unter Aufnahme des von Günther Müller (Dt. Vjschr. II) so genannten »Gradualismus« als eines weiteren weltanschaulichen »Typus«, bereits bei »drei Mächten« angelangt, die er selbständig neben- und gegeneinander stellt: dem »asketischen Dualismus«, der »Diesseitsstimmung« und dem »Gradualismus« (S. 621). Es wird


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dann mit dem Minnesang die Probe auf das Exempel gemacht: es soll da festgestellt werden, »welchem der drei aufgezeigten Menschentypen« die einzelnen Minnesänger angehören (S. 623). Aber diese Probe läuft recht unglücklich aus: gerade aus dieser Untersuchung gewinnt man nur den Eindruck, daß die angeblichen drei »Typen« reine Konstruktion sind, daß die konkrete historische Wirklichkeit nur eine Fülle von Nüancen zeigt, die fast unmerklich ineinander übergehen. Überall ergibt sich nur ein Mehr oder Weniger, nirgends ein Entweder--Oder. Wenn schließlich gar »der alternde« Walther gegenüber dem »reifen Manne« gleich wieder einen anderen »Menschentyp« verkörpern soll (S. 636), dann zeigt doch gerade solche Wandlung eines und desselben Menschen, wie unangebracht eine derartige Terminologie ist. Auf der andern Seite sind aber Brinkmanns Typen auch keine »Weltanschauungs- typen«: denn etwa »ungestüme sinnliche Leidenschaft« (S. 627) stellt, als etwas rein Triebhaftes, keinen Typus von »Weltanschauung« dar. Temperament, Stimmung (vgl. S. 641: »Der  deutsche Minnesang kennt diesseitige und asketische Stimmungen«!), persönliche Entwicklung und Wandlung -- das alles bedingt die Fülle der Nüancen innerhalb einer im »wesentlichen« doch gleichgearteten weltanschaulichen »Haltung« (vgl. ebd.). Auch in der »Sphäre des weltlichen Lebens« ist »die Welt in Abhängigkeit von Gott gebracht, auf ihn hingeordnet« (S. 622). »Gesteigerte Freude an der Welt, erhöhtes religiöses Erleben bedeuten für die Meisten keinen Widerspruch ..., denn die Freude am Leben setzt sich nicht in Gegensatz zu Gott« (S. 639). Mit dieser Schlußerkenntnis schlägt Brinkmann seine eigenen -- gekünstelten und nirgends überzeugend wirkenden -- »Typen«-Konstruktionen.

b) Die Periodenbildung

Auf dem Gebiet der bildenden Kunst wird dieser Zeitpunkt bezeichnet durch den Übergang von der Romanik zur Gotik, wie ihn an der Geschichte der deutschen Plastik E. Panofsky in einer auch nach der allgemein geistesgeschichtlichen Seite hin höchst lehrreichen Weise dargelegt hat. (Die dte. Plastik d. 11.--13. Jhd., München, K. Wolff, 2 Bde., 181 S. u. 137 Taf.) Ihm ist die romanische Zeit -- die sich, wie er vortrefflich bemerkt, zu der vorangehenden Zeit, in der alles noch unorganisch durcheinander geht, verhält wie der »Hortus deliciarum« der Herrad von Landsberg zu der Enzyklopädie des Rhabanus Maurus -- »das wahrhafte Mittelalter« (S. 54). Der Mensch, wie die Romanik ihn sich vorstellt und wie sie ihn daher auch darstellt, erscheint »wie durch höhere Gewalt an verborgenen Fäden gezogen« (S. 65) -- ihr ist noch alles »unbegreifliches Wunder« (S. 66) --, in der Gotik dagegen erscheint die »Masse« »durch den Impuls einer natürlichen Lebensenergie in Tätigkeit


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gesetzt«. Hier hat ein neuer Einfluß der Antike eingesetzt -- wie in der Philosophie der Hochscholastik, wie in der Dichtung des Minnesangs und des Epos, so auch in der bildenden Kunst. Aber es ist mehr »Assimilierung« und »Aufsaugung« der Antike als eine »Renaissance« derselben (S. 54 f.). Reims freilich fand »den Weg zur echten, klassischen Antike« (S. 37): die Plastik von Reims steht, wie ausgezeichnet gesagt wird, den Werken des Praxiteles »ebenso nahe und ebenso fern« wie die hochscholastische Philosophie der aristotelischen (S. 67). Hier ist in der Tat »die harmonische Synthese« von »Form und Materie« erreicht. Aber Panofsky scheint diese Analogie mit der Hochscholastik für die Gotik im ganzen festhalten zu wollen (wie die Analogie mit der Frühscholastik des 12. Jahrhunderts für die Romanik); und doch muß er selbst sagen, daß Reims nur ein »antikisches Zwischenspiel« war: »Nicht lange ..., und diese antikisierende Strömung wird... fast restlos vom größeren Strome der allgemein-gotischen Entwicklung aufgenommen« (S. 37). Und unter dem Einfluß »der germanischen Formphantasie« und ihrer »eigentümlichen Neigung zum Extrem« sehen wir die Gotik auf deutschem Gebiet sich von »dem Ideal des Ausgeglichenen und Maßvollen« »besonders weit entfernen«: »die  deutsche Kunst hat diese durch die hochscholastische Philosophie begründete und in der französischen Hochgotik aufs neue veranschaulichte Harmonie zwischen Körper und Seele niemals vollkommen nachzufühlen vermocht« (S. 67).

1. Wenn wir die wichtigsten, namentlich für die Geschichte des mittelalterlichen Geisteslebens bedeutsamen Veröffentlichungen zur Problem- und Ideengeschichte der Scholastik, zur Darstellung der Lehren einzelner Denker oder ganzer Schulen und Epochen in einer gedrängten Übersicht vorführen sollen, müssen wir zuerst die zusammenfassenden Darstellungen und sodann Einzeluntersuchungen berücksichtigen. Bei der Fülle der literarischen Erscheinungen auf diesem Gebiet namentlich in Frankreich und Belgien kann nur das Wichtigste und für die Zwecke des Jahresberichtes für  deutsche Geschichte mehr Einschlägige herausgegriffen werden. Zur weiteren Orientierung seien zunächst die Zeitschriften und Fachorgane namhaft gemacht, welche literarhistorische und ideengeschichtliche Spezialuntersuchungen zur Geschichte der Scholastik oder auch ausführliche Literaturberichte für dieses Arbeitsgebiet bringen. Im deutschen Sprachgebiet sind dies vor allem die Zeitschriften: Scholastik, Divus Thomas (Freiburg, Schweiz), Philosophisches Jahrbuch, Zeitschrift für katholische Theologie, Franziskanische Studien, in Frankreich bzw. Belgien die Revue des sciences philosophiques et théologiques, Revue Thomiste, Bulletin Thomiste, Revue néo-scolastique de Philosophie, Archives de philosophie, Revue d'histoire ecclésiastique, Études franciscaines usw., in Italien die Zeitschriften Divus Thomas (Piacenza), Rivista della filosofia neoscolastica, Angelicum, Gregorianum, Antonianum, Archivum franciscanum historicum, Studi franciscani usw., in Spanien La Ciencia Tomista, Estudios ecclesiasticos, Anuari de la Societat Catalana de Filosofia, Criterion, Estudis franciscans, in Amerika The New Scholasticism. Zur Geschichte der Aszese und Mystik des Mittelalters bringt die Zeitschrift für Aszese und Mystik, die Revue d'Ascétique et de Mystique, La vie spirituelle und die soeben gegründete holländische Zeitschrift Ons Geestelijk Erf Untersuchungen. Sehr wertvolle Artikel über mittelalterliche Scholastiker, nicht selten förmliche Monographien -- ich nenne bloß den Artikel über Raymundus Lullus von E. Longpré -- enthält das Dictionnaire de théologien catholique. Auch in den Fortsetzungsbänden der Histoire littéraire de la France finden sich ausführliche Monographien aus der Feder von Langlois, Valois, P. Fournier u. a. über französische Scholastiker.

3. Von den zusammenfassenden Gesamtdarstellungen zur Geschichte des scholastischen Denkens sei an erster Stelle die Histoire de la philosophie médiévale von Maurice De Wulf genannt ( 22), die in ihrer Neubearbeitung in zwei Bänden den gewaltigen Stoff meistert. Es ist dieses Werk nach der literarhistorischen (unter der Mitarbeit von A. Pelzer) und nach der ideengeschichtlichen Seite gleich vorzüglich gearbeitet. Die führenden Persönlichkeiten treten scharf hervor, die Entwicklung der Probleme ist aufgezeigt. Das Gemeingut, die gemeinsamen Grundüberzeugungen (La synthèse scolastique) des scholastischen Denkens sind ebensogut wie die Eigenlehre der einzelnen Denker und Schulen klargelegt. Ein Vorzug des Werkes, den besonders der


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mittelalterliche Historiker angenehm empfinden wird, ist die fortwährende Berücksichtigung der Zusammenhänge des scholastischen philosophischen Denkens mit der mittelalterlichen Gesamtkultur. In wirklich unübertrefflicher Weise hat Clemens Baeumker in seiner in Hinnebergs Kultur der Gegenwart erschienenen Darstellung der Geschichte der christlichen Philosophie des Mittelalters ( 23) den Entwicklungsgang des scholastischen Denkens auf dem Hintergrund der mittelalterlichen Weltanschauung mit lebendigen Farben gezeichnet. Der allgemeine Teil ist wohl das Beste und Schönste, was je vom philosophischen Standpunkt aus über mittelalterliche Weltanschauung geschrieben worden ist, und hat, da Baeumker auf allen Gebieten der mittelalterlichen Scholastik als Forscher und Editor Spezialist war, den Vorzug, daß wir hier nicht eine bloß geistvolle Linienführung, sondern ein wirklichkeitsgetreues Bild vor uns haben. -- In das Gesamtbild der mittelalterlichen Scholastik kommen neue Züge und Einträge auch durch mehrere in den letzten Jahren erschienene Werke, welche in der Form von gesammelten Aufsätzen Einzeluntersuchungen über scholastische Persönlichkeiten, Werke und Probleme darbieten. Der erste Band der monumentalen fünfbändigen Miscellanea Francesco Ehrle ( 24), der dem bahnbrechenden Erforscher des mittelalterlichen Geisteslebens, vor allem auch der Scholastik zum 80. Geburtstag gewidmeten Festschrift, enthält auch Abhandlungen zur Geschichte der Philosophie und Theologie des Mittelalters von Cl. Baeumker, M. Grabmann, L. Oliger O. F. M., E. Longpré O. F. M., C. Michalski, J. Koch, Fr. Pelster S. J., A. Pelzer u. a., welche großenteils wertvolle handschriftliche Funde vorlegen und neue Materialien bringen. Die im Jahre 1924 erschienenen Studies in the History of Medieaeval science von Ch. Haskins ( 25), eine Sammlung von Aufsätzen eines scharfsinnigen und erfolgreichen Handschriftenforschers, sind in diesem Jahre mit einem Ergänzungsanhang neuabgedruckt wiedererschienen. Für das auf sorgsamst untersuchten Wegen der Übersetzungen sich vollziehende Eindringen der arabischen Philosophie und Naturwissenschaft in die Scholastik, für die bisher noch vielfach in Dunkel gehüllte griechisch-lateinische Übersetzungstätigkeit des 12. Jahrhunderts, für das besonders an den Namen des Michael Scotus geknüpfte geistige Leben am Hofe Friedrichs II. bietet dieser Band gesammelter Aufsätze eine erstaunliche Fülle tiefgründiger vorwärtsführender Forschungsarbeit. Ich habe unter dem Titel ( 26) »Mittelalterliches Geistesleben«, Abhandlungen zur Geschichte der Scholastik und Mystik, einen Sammelband veröffentlicht und in einem programmatischen Einleitungsaufsatz die Forschungsziele und Forschungswege auf dem Gebiete der mittelalterlichen Scholastik und Mystik dargelegt. Von den siebzehn Abhandlungen sind speziell für die  deutsche mittelalterliche Geistesgeschichte einschlägig die Aufsätze über Ulrich von Straßburg, über die älteste  deutsche Thomistenschule des Dominikanerordens, über eine mittelhochdeutsche Übersetzung der Summa theologiae des hl. Thomas von Aquin, über die  deutsche Frauenmystik des Mittelalters und über den Benediktinermystiker Johannes von Kastl, den Verfasser des Büchleins De adhaerendo Deo. -- In den von mir seit Baeumkers Tod herausgegebenen Beiträgen zur Geschichte der Philosophie des Mittelalters erscheinen unter dem Titel Studien und Charakteristiken zur Geschichte der Philosophie des Mittelalters ( 27) gesammelte Aufsätze von Clemens Baeumker, denen ich eine Biographie des unvergeßlichen Forschers und Philosophiehistorikers voranstelle.

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Von diesen Abhandlungen seien besonders hervorgehoben die feinsinnigen, die mittelalterliche Weltanschauung wirksam beleuchtenden Aufsätze über Geist und Form der mittelalterlichen Philosophie, über den Platonismus im Mittelalter und den Renaissanceplatonismus, über den Anteil des Elsaß am geistigen Leben des Mittelalters.

Auch die älteste Schule des hl. Thomas ist vor allem durch die Arbeiten und Anregungen von Kardinal Ehrle, der Klarheit in die um die Lehre des hl. Thomas nach seinem Tode erwachsene Streitliteratur gebracht und Monogaphien über einzelne Thomisten wie Thomas von Sutton, Nikolaus Tivet geschrieben hat, von P. Mandonnet, F. Pelster u. a. näher bekannt geworden. Ich habe außer älteren Arbeiten in meinem Buche Mittelalterliches Geistesleben die älteste italienische und  deutsche Thomistenschule in ihren führenden Persönlichkeiten geschildert und konnte speziell durch Auffindung eines ungedruckten Sentenzenkommentars des Johannes von Sterngassen ( 70) und einer ungedruckten Summa des Nikolaus von Straßburg diese deutschen Mystiker des Dominikanerordens als thomistisch gerichtete Scholastiker feststellen. In Fra Remigio de Girolami O. P. ( 71) konnte ich einen Schüler des Aquinaten und einen Lehrer Dantes nachweisen. Der von P. Fournier ( 72) in seiner kirchenpolitischen Tätigkeit gründlich behandelte Dominikanerkardinal Guilelmus Petri de Godino ist von mir als Verfasser einer Lectura Thomasina, eines auch Thomasinus genannten Leitfadens der thomistischen Lehre, gekennzeichnet worden ( 73). Der Lehrer des hl. Thomas, Albertus Magnus, der Vertreter und Begründer der deutschen neuplatonisch gerichteten Scholastik und der weitschauende und weitherzige Inaugurator des mittelalterlichen christlichen Aristotelismus, ist in letzter Zeit Gegenstand der Funde und Forschungen geworden. Zu den früher von mir und P. Pelster gemachten Funden unedierter Albertuswerke, die der Edition harren, hat A. Pelzer ( 74) in drei Handschriften, denen ich noch eine vierte Stuttgarter anfügen kann, unedierte Quästionen Alberts zur nikomachischen Ethik aufgefunden. -- Die Erforschung der Chronologie des Lebens und der Schriften Alberts ist durch Fr. Pelster ( 75) auf neue feste Bahnen gebracht worden. Angesichts der vielen und umfangreichen Inedita Alberts des Großen und des ungenügenden Zustandes der Gesamtausgaben von Jammy und Borgnet erscheint es mir als eine Ehrensache der deutschen Wissenschaft, eine kritische Gesamtausgabe der Werke dieses größten deutschen Gelehrten im Mittelalter zu veranstalten. Als Gesamtpersönlichkeit ist Albert neuestens in einer Monographie von Fr. Strunz ( 76) und in einer Rektoratsrede A. Schneiders ( 77), der vor mehr als 20 Jahren die Psychologie Alberts d. Gr. glänzend dargestellt hat, gewürdigt worden. Von der ungedruckten großen Summa des Lieblingsschülers Alberts, Ulrichs von Straßburg, dem bedeutendsten Werke des deutschen Neuplatonismus, von der Verbindungslinien zu Meister Eckhart führen, wird Frl. Dagouillon ( 78) die beiden ersten Bücher edieren, Albert Ehrhard eine Gesamtausgabe veranstalten. Ich habe aus dem zweiten Buche der Summa das Kapitel De pulchro, die ausführlichste Schönheitslehre der Hochscholastik, ediert, erklärt und in den Zusammenhang der mittelalterlichen ästhetischen Theorien eingereiht ( 79).

Indem ich den Bericht über die Mystik, speziell über die  deutsche Mystik des späteren Mittelalters, da hier wichtige Veröffentlichungen namentlich über Meister Eckhart im Gange sind, auf das nächste Berichtsjahr verspare, will ich nur noch einige bedeutende Untersuchungen aus der Scholastik des 14. und 15. Jahrhunderts erwähnen. Man geht jetzt daran, auf Grund handschriftlicher Forschungen die einzelnen Schulen nach Persönlichkeiten und Lehrrichtungen zu untersuchen. Von Kardinal Ehrle angeregt, läßt der jugendliche katalanische Karmelite B. Xiberta ( 96) die Theologen der alten Karmeliterschule des 14. Jahrhunderts aus dem Staube der Bibliotheken auferstehen und hat uns äußerst sorgfältige und instruktive Monographien über Gerhard von Bologna, Guido Terrena, John Baconthorp u. a. geschenkt. Tiefe Furchen in das vielfach noch nicht bearbeitete Ackerfeld der nominalistischen Scholastik ziehen die ideengeschichtlichen, ganz aus intensivster handschriftlicher Forschung hervorgewachsenen Untersuchungen des Krakauer Philosophieprofessors C. Michalski ( 97), welche die Formen, Zusammenhänge und Wurzeln des nominalistischen Kritizismus und Skeptizismus aufzeigen und uns mit einer großen Zahl bisher unbekannter und unbeachteter Denkergestalten des 14. Jahrhunderts bekannt macht. Über die Rechtfertigungslehre des Gabriel Biel und ihre Stellung innerhalb der nominalistischen Schule unterrichtet uns ein tüchtiges Buch von C. Feckes ( 98), das die Zusammenhänge zwischen dem von Wilhelm von Ockham ausgehenden philosophischen Nominalismus und theologisch-dogmatischen Fragen gut beleuchtet. Einen überaus interessanten Einblick in die wissenschaftlichen Strömungen und in den Studienbetrieb an der Kölner Universität am Ausgange des Mittelalters gewährt uns die Veröffentlichung von P. G. M. Löhr O. P. ( 99) über die theologischen Disputationen und Promotionen an der Universität Köln im ausgehenden 15. Jahrhundert nach den Angaben des P. Servatius Fanckel O. P.

§ 45. Humanismus.

Die Forschungen auf dem Gebiet des Humanismus und der Renaissance, sowohl im allgemeinen wie besonders in Deutschland, stehen seit langem unter dem Zeichen theoretischer Erörterungen, einer Diskussion, welche die genannten Begriffe als Bezeichnung geschichtlicher Bewegungen zu umgrenzen und festzulegen sucht. Der stärkste Anstoß ist dabei bekanntlich von den Arbeiten von Konrad Burdach ausgegangen. Er hat die bis dahin wichtigste, wenn auch längst nicht mehr allein herrschende Auffassung Jakob Burckhardts, wonach die Renaissance als eine Gegenbewegung des weltlichen italienischen Geistes gegen die geistliche Kultur des Mittelalters aufzufassen sei, bekämpft und ihr eine andere entgegengesetzt. Diese ist von ihm zuerst 1891 in einem Aufsatz des Centralblatts für Bibliothekswesen vorgelegt und seitdem in einer Reihe von kleineren und größeren Abhandlungen ausgeführt worden. Die grundlegenden Aufsätze und eine Anzahl anderer, sie ergänzender, hat er jetzt in einem Neudruck vereinigt ( 198). Burdach vertritt die Auffassung, daß Renaissance und Humanismus, die er als Wechselbegriffe ansehen möchte, nicht als eine Erneuerung des heidnisch-antiken Geistes und ebensowenig als eine national-aufklärerische Entgegensetzung gegen die religiöse Tendenz des Mittelalters gefaßt werden dürfen, sie entstehen vielmehr aus einer Umwandlung der enthusiastischen Religiosität, die sich als allgemeine Bewegung an Franz von Assisi anschließt, aber über ihn hinaus bis in die Anfänge des 12. Jahrhunderts zurückverfolgt werden kann, zu einer Kulturbewegung. Diese Umwandlung wird in Italien durch Dante, Petrarca und Cola da Rienzo repräsentiert, von diesen beiden nach Böhmen übertragen und erzeugt dort unter Karl IV. und seinem Kanzler Johann von Neumarkt eine Renaissancebewegung, aus der sich der spätere  deutsche Humanismus herleiten läßt.

§ 45. Humanismus.

Weiter führen in dieser Frage Untersuchungen über den Einfluß der Brüder


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vom gemeinsamen Leben und der devotio moderna auf die humanistische Religiosität des Nordens. Hier tritt jetzt besonders die Persönlichkeit von Wessel Gansfort stärker hervor. Sein Biograph van Rhijn hat in zwei kleineren Aufsätzen Ergänzungen für sein Leben und für die Würdigung seiner Bedeutung gegeben ( 2261). In der Arbeit über Goswin van Halen, den wir jetzt auch als Biographen Rudolph Agricolas und im Verkehr mit Melanchthon kennen, wird vor allem der humanistisch-theologische Freundeskreis Wessels gut geschildert. Der zweite Aufsatz nutzt die Ergebnisse von Gerhard Ritters Studien zur Spätscholastik aus und sucht die Stellung Wessels in dem Streit der »beiden Wege« näher zu bestimmen. Klar wird, daß auch der biblische Humanismus, den Wessel vertritt, mit der Reformation Luthers nichts zu tun hat. Die andere Frage, wie weit dieser Humanismus aus einheimisch-religiösem und wie weit er aus italienisch-humanistischen Elementen abzuleiten ist, bleibt offen; die These Hermelinks wird abgelehnt. Hier darf ich wohl gleich auf den über das Berichtsjahr hinausführenden Vortrag G. Ritters auf dem Breslauer Historikertag, Oktober 1926, hinweisen (jetzt  Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, Jahrgang 5, Heft 2), der das Problem schärfer präzisiert und für den Humanismus mit Recht nur die Formung ursprünglich religiöser Elemente in Anspruch nimmt.

§ 46. Staatstheorie.

In einem anderen Sinne als Stammler und Vorländer durchbricht die von Hans Baron unter dem Titel »Deutscher Geist und Westeuropa« herausgegebene Sammlung der Aufsätze und Reden Ernst Troeltschs ( 205) die nationalen Grenzen. Denn während Stammler und Vorländer im wesentlichen referieren und ihr Referat nur gelegentlich durch Werturteile unterbrechen, geht Troeltsch ganz bewußt auf eine geschichtsphilosophische Deutung aus. Sich mit dieser Deutung auseinandersetzen zu wollen, hieße eine Gesamtwürdigung der Persönlichkeit Troeltschs versuchen, was außerhalb des Rahmens dieser Besprechung liegt. Daher sei hier nur darauf hingewiesen, daß alle diese Aufsätze der Kriegs- und Nachkriegszeit entstammen und, wie es bei dem aktiven Temperament ihres Autors gar nicht anders sein kann, den Stempel dieser Zeit tragen, wo es in erster Linie galt, die  deutsche Wesensart gleichsam metaphysisch gegenüber der Selbstverkennung und der Verkennung der Gegner zu sichern. Unter dem Druck dieser Situation scheint mir auch ein so europäisch eingestellter Denker wie Troeltsch nicht gänzlich der Gefahr entgangen zu sein, aus dem Unterschiedserlebnis »Deutschland-Westeuropa« ein Gegensatzerlebnis zu machen. Durch diese Betrachtungsweise rückten jedoch m. E. -- auch noch in dem Nachkriegsvortrag »Naturrecht und Humanität in der Weltpolitik« -- angelsächsische und romanische Wesensart oder, theoretisch gesprochen, Liberalismus und Demokratie allzu dicht aneinander. Allerdings folgt Troeltsch hier einer ideengeschichtlichen Überlieferung, die für ihn seiner ganzen geistigen Haltung nach beinahe den Wert eines Axioms haben mußte. Schon die Romantik unterschied ja eine westeuropäisch-egalitäre Freiheitsidee von der deutschen Konzeption einer Hierarchie von Freiheiten. Wie prekär aber diese Antithese in Wirklichkeit ist, beweist der Umstand, daß auch die nichtdeutschen Gegner der revolutionären Ideenwelt -- z. B. die französischen Traditionalisten -- für ihre Nation die Idee der organisch gewachsenen Freiheiten in Anspruch nehmen. Es fragt sich daher, ob man nicht gut tut, den Begriff »Westeuropa« seiner absoluten Geltung zu entkleiden und anzuerkennen, daß er aus der spezifisch politischen Situation stammt, die durch die Heilige Allianz geschaffen wurde, und nur für diese Situation sinnvoll ist. Denn einerseits gibt es heute auch in den romanischen Ländern weite Kreise, die gegen die Ideen von 1789 aufbegehren. Und andererseits braucht man nur den angelsächsischen Begriff »commonwealth« und die französische Idee der »nation« anschaulich auf sich wirken zu lassen, um zu begreifen, daß sie unter sich durch eine Kluft geschieden sind, die ebenso tief ist wie der Abstand, der sie von dem deutschen Staatsbegriff im Sinne Hegels trennt. Auch birgt die einfache Antithese »Deutschland-Westeuropa« die Gefahr in sich, daß aus dem


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Wesensdualismus unmerklich ein Wertunterschied wird. Ist das romantische Denken erst einmal als »tiefsinnig« rubriziert, so wird die Aufklärung fast zwangsläufig »flach«. (Bei dieser ebenso grotesken wie bequemen Konsequenz ist denn auch Wahl in seiner Broschüre »Der völkische Gedanke und die Höhepunkte der neueren deutschen Geschichte« [ 215 glücklich einmal wieder angelangt.) Ein Denker von der geistigen Weite Troeltschs konnte freilich von dieser Gefahr niemals auch nur gestreift werden. Trotzdem empfiehlt es sich m. E., die antithetische Konstruktion überhaupt preiszugeben und auch die Unterschiede zwischen angelsächsischem und romanischem Staatsethos schärfer ins Auge zu fassen.

§ 46. Staatstheorie.

Ein weiterer Einwand, den man gegen die Auffassung Troeltschs erheben könnte, ist der, ob er bei seiner Analyse des deutschen Staatsgedankens nicht auch Hegel und die  deutsche Romantik in eine zuweilen allzu intime Berührung miteinander bringt. Daher ergänzt man die Lektüre der Troeltschschen Aufsätze am besten durch das allerdings etwas einseitige und eigenwillige Buch, in dem sich Carl Schmitt mit dem Phänomen der »politischen Romantik« auseinandersetzt ( 2506). Dieses bewußt antiromantische Werk, das auch in der zweiten Auflage nichts von seiner Aggressivität eingebüßt hat, ist nicht leicht zu würdigen. Denn sein Verfasser ist so davon durchdrungen, die Frage nach dem Wesen der politischen Romantik endgültig beantwortet zu haben, daß er einen eigenen Schutzbegriff gegen Andersdenkende einführt. Dieser Begriff heißt »subromantisch«. Wer sich also der Auffassung Schmitts nicht anschließt und das »ewige Gespräch« über die Romantik fortsetzen will, gerät in den wenig schmeichelhaften Verdacht, ein Subromantiker zu sein. Trotz dieses etwas ketzerrichterlichen Versuchs, die Kritik einzuengen, hat aber das Schmittsche Buch unstreitig zwei sehr große Vorzüge. Zunächst bestimmt Schmitt mit Recht die Romantik nicht von den Denkinhalten, sondern vom Denkprozeß aus. Noch wichtiger aber scheint mir der andere Umstand, daß Schmitt sich bemüht, die Romantik als ein europäisches Phänomen zu betrachten, und den landläufigen Ansichten, die in der romantischen Mentalität etwas spezifisch deutsches sehen wollen, scharf entgegentritt. Als Resultat der konsequenten Durchführung dieser Prämissen ergibt sich zunächst eine Lockerung der Beziehungen zwischen politischer Romantik und konservativer Staatslehre. Offenbar hat gerade der Widerspruch zwischen den politischen Schicksalen der deutschen und der französischen Romantik die Anregung für den Schmittschen Deutungsversuch gegeben. Denn die französischen Romantiker haben bekanntlich dem ästhetischen Monarchismus ziemlich schnell den Rücken gekehrt und sich der revolutionären Ideenwelt zugewandt, weshalb heute der Neoroyalist Charles Maurras geradezu »romantisme« und »révolution« identifiziert. Wenn allerdings Schmitt aus dieser Tatsache die völlige Beziehungslosigkeit zwischen Romantik und Konservatismus folgert, so scheint mir diese Konsequenz, wenigstens für die  deutsche Ideengeschichte, doch viel zu radikal. Seine Ausführungen mögen für die Geschichte der französischen Staatstheorie zutreffen. Denn der Traditionalismus eines de Maistre und eines Bonald ist seinem Wesenskern nach unromantisch, wenngleich auch diese Renaissance des katholischen Naturrechts ohne die romantische Stimmung der Restaurationsepoche wohl schwerlich einen so starken Widerhall gefunden haben dürfte. Was hingegen Deutschland angeht, so wird der Historiker den Konstruktionen


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Schmitts kaum beipflichten können. Denn was der Katholik und Jurist den deutschen Romantikern vorwirft -- ihre mangelnde »Decision« in den politischen Fragen -- ist ja in gewisser Weise charakteristisch für die Entwicklung der ganzen deutschen Staatstheorie, die immer irgendwie von einer primär geistigen Gesamtanschauung der Welt nachträglich zu den politischen Problemen gelangt. Vollends abwegig scheint es mir, der Romantik die Schuld für die Stillosigkeit des 19. Jahrhunderts in die Schuhe schieben zu wollen. Hier verwechselt Schmitt offenbar Ursache und Wirkung. Nicht die Romantik hat diese Stillosigkeit durch ihr Unvermögen zur Ausbildung »repräsentativer« Kunstformen geschaffen. Sie fand vielmehr die Auflösung des Gesamtstils bereits vor und setzte sich dagegen, vielleicht mit untauglichen Mitteln, zur Wehr. Die gemeinsame Frontstellung gegen die Zweckhaftigkeit einer bürgerlichen Welt trieb den romantischen Künstler an die Seite des Aristokraten, der für seine Standesvorrechte gegen das vordringende Bürgertum kämpfte. Daß diese Parteinahme für die bestehenden Gewalten nicht immer rein ideellen Motiven entsprang, ist zweifelsohne bedauerlich. Aber das berechtigt uns noch nicht dazu, nun alle politischen Romantiker mit Schmitt als »subjektive Occasionalisten« oder, auf gut deutsch, als gesinnungslose Schmocks zu betrachten. Das »gegensätzische Spiel«, das Adam Müller mit Hardenberg zu treiben suchte, ist moralisch sicher alles andere als einwandfrei. Aber seit wann definiert man Wesen und Sinn einer großen geistigen Bewegung mittels der persönlichen Unzulänglichkeiten eines ihrer Träger? Hier scheint mir die Schwäche des Schmittschen Deutungsversuches zu liegen, der erfreulicherweise mit der Betonung des europäischen Charakters der Romantik beginnt und leider in eine Identifikation der politischen Romantik mit Adam Müller (zum Teil auch mit Friedrich Schlegel) ausläuft. Politische Literaten, die ihren Mantel nach dem Winde drehen, hat es bereits vor dem Verfasser der »Elemente der Staatskunst« gegeben. Und um ihre Mentalität zu erklären, braucht man nicht einen Philosophen des 17. Jahrhunderts vom Range eines Malebranche zu bemühen und das schwere Geschütz des subjektiven Occasionalismus aufzufahren. In dieser weithergeholten und künstlichen Begriffsbildung liegt überhaupt der Haupteinwand, den der Historiker gegen das zweifellos anregende und bedeutende Buch Carl Schmitts zu erheben hat. Gerade weil die Romantik ein europäisches Phänomen darstellt, muß es möglich sein, sie mit den Mitteln ihres eigenen Wortschatzes zu erklären.

§ 47. Allgemeine Kultur- und Bildungsgeschichte der Neuzeit.

Der Anzeige von St.s »Beiträgen zur Geistesgeschichte der letzten Jahrzehnte« möge die eines Aufsatzes folgen, den G. v. Below für das Sammelwerk: » Deutsche Politik. Ein völkisches Handbuch« verfaßte ( 1544). Denn in ihm hat auch v. B., allerdings von andrer Seite her und in andrer Weise wie St., zu den Problemen unseres gegenwärtigen Kultur- und Gesellschaftslebens Stellung genommen, und gemeinsam ist beiden auch der Anknüpfungspunkt: die »neuromantische« Gesellschaftslehre Spanns. Es mag zunächst überraschen, daß sich v. B., der abgesagte Feind aller Soziologie, in diesem Aufsatze als Verfasser einer »Gesellschaftslehre« entpuppt. Als solche nämlich wird sein Beitrag in den Titelköpfen der einzelnen Seiten durchgängig bezeichnet. Allein man darf diese Bezeichnung nicht zu ernst nehmen. Am Ende ist


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sie nur ein von den Herausgebern des Handbuches falsch aufgeklebtes Etikett. Denn was v. B. tatsächlich gibt, ist im wesentlichen nichts anderes als eine knappe, sehr übersichtliche und im besten Sinne populäre Zusammenfassung der Grundgedanken und Ergebnisse seiner größeren sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Arbeiten, wie sie die Zwecke der »deutschen Politik« erforderten. Der Aufsatz hat denn auch noch einen zweiten Titel. Er lautet: »Die Geschichte der gesellschaftlichen Schichtungen.« Dieser zweite Titel behält recht. Als Mitarbeiter eines politischen »Erziehungsbuches« durfte aber v. B. bei der Darstellung der vergangenen gesellschaftlichen Zustände und Probleme nicht haltmachen. Er mußte auch die aktuellen behandeln und hat dabei namentlich in seiner Prognose der Überwindung des sozialen Atomismus durch berufsständische Bindungen -- wie gesagt -- mehrfach an Spann angeknüpft.

§ 47. Allgemeine Kultur- und Bildungsgeschichte der Neuzeit.

Die von ihm in Angriff genommene Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts (von Gottsched bis Schillers Tod) hat A. Köster als Torso hinterlassen ( 2530). Völlig druckfertig fanden sich in seinem Nachlasse die fünf Kapitel von Gottsched bis Lessing vor, und diese hat J. Petersen unter dem Titel »Die  deutsche Literatur der Aufklärungszeit« herausgegeben. Man wird von K., der bei aller individuellen Ausgeprägtheit doch ein Mann der Schererschule war und blieb, keine Geschichtschreibung im Sinne unsrer von Dilthey herkommenden »Problemhistoriker« erwarten. Aber er hat sich den neuen Strömungen und ihren philosophisch-spekulativen Betrachtungsweisen nicht engherzig als laudator temporis acti verschlossen, und daß er mit ihnen ernsthaft und männlich gerungen hat, kann man nicht bloß aus Petersens schönem, menschlich warmem Vorworte ersehen. Ist ihm doch auch, weil er im Gegensatz zu der Schererschen Richtung das Biographische ganz zurücktreten


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ließ, von einem älteren Fachgenossen fast der Vorwurf der Abtrünnigkeit gemacht worden.

III. Niedergang und Wiederaufbau des Staates. 1786--1840.

Die Reihe der Spezialveröffentlichungen eröffnen wir mit der Anzeige einer Auswahl von Briefen und Aufzeichnungen der Königin Luise, die K. Griewank ( 1050) herausgegeben und mit einer trefflichen Einleitung versehen hat. So wenig seit P. Bailleus Meisterwerk das Bedürfnis nach einer neuen biographischen Würdigung vorliegt, so sehr ist es zu begrüßen, daß endlich die Briefe der Preußenkönigin in wissenschaftlich brauchbarer Ausgabe vorliegen, die das an oft entlegener Stelle Gedruckte bequem vereinigt und etwa 100 Stücke zum ersten Male zugänglich macht. Die Königin Luise ist sicher keine Meisterin des Briefstils gewesen, aber was sie zu sagen hat, das wirkt, am meisten in den deutschen, ungekünstelten, ja oft etwas unbeholfenen Briefen, als der unmittelbare Ausdruck ihrer reinen und warmen Menschlichkeit. Griewank sagt mit Recht, sie sei zwar keine klassische, wohl aber eine anziehende Briefschreiberin gewesen. -- Die Prinzessin Marianne v. Homburg, Gemahlin des Prinzen Wilhelm v. Preußen und Schwägerin der Königin Luise, wird uns durch eine Reihe schöner Briefe nahegebracht, die H. Ulmann ( 1058) dem sog. Fischbacher Archiv der Prinzessin (jetzt im Hausarchiv zu Darmstadt) entnommen hat. Schreiben der Prinzessin an ihre Verwandten sind vereinigt mit solchen, die ihr selbst von Brinkmann, E. M. Arndt und anderen zugegangen sind, daneben stehen einzelne an den Prinzen Wilhelm gerichtete Briefe. Die Prinzessin erscheint als eine nicht unbedeutende Persönlichkeit, die bei aller Ergebenheit gegen den preußischen Staat sich doch vor allem als  Deutsche und Rheinländerin fühlte und schon im März 1813 als eine der ersten die Forderung erhob: »Die Rheingrenze ist nicht genug!« Besonders hingewiesen sei auf einen Brief Heinrich v. Kleists an den Prinzen Wilhelm vom 20. Mai 1811, der seinen Konflikt mit Hardenberg und Raumer in Sachen des Abendblattes betrifft und außerdem zu erweisen scheint, daß Kleist eine Pension von 300 Talern tatsächlich aus der Privatschatulle der Königin bezog. -- H. Wahls ( 1052) Ausgabe von Briefen und Aufzeichnungen des Prinzen Louis Ferdinand ist lediglich ein -- vor allem durch Fortlassen des Registers -- verschlechterter Abdruck der älteren, 1917 erschienenen Publikation, an die man sich also auch weiterhin wird halten müssen. -- Der Zusammenbruch Preußens steht im Mittelpunkt einer biographischen Würdigung Massenbachs durch L. G. v. d. Knesebeck ( 1089), die auf reicher Aktenbenutzung fußt. Der Reichsfreiherr, den der Ruhm der Waffen Friedrichs des Großen nach Preußen gezogen hatte, wo er als Quartiermeisterleutnant rasche Karriere machte, hat sich durch seine Entwürfe für die Organisation des Generalstabes (1803) ein bleibendes Verdienst in der Geschichte der preußischen Armee gesichert, hat aber die entscheidenden Gesichtspunkte der Napoleonischen Kriegführung


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nicht begriffen und 1806 wahrhaft verhängnisvoll als Quartiermeister der Hohenloheschen Armee gewirkt, deren Katastrophe bei Prenzlau ihm vor allem zugeschrieben werden muß. Ein Erpressungsversuch, den er 1817 gegenüber der preußischen Regierung unternahm -- er drohte mit Veröffentlichung seiner Memoiren, war aber bereit, sie zu verkaufen --, hatte seine Verhaftung und Aburteilung zur Folge. Sieht man von diesem Manöver ab, das einen Einblick in die innere Brüchigkeit und Haltlosigkeit des Mannes gewährt, so wird man Knesebecks Gesamturteil zustimmen dürfen: sein Wirken war verhängnisvoll, sein Wollen rein, er scheiterte an seiner Veranlagung. -- Aus der Literatur zur Geschichte der Reformzeit verdient die Stein-Biographie Ricarda Huchs ( 1056) mit besonderem Nachdruck erwähnt zu werden. Jene Auffassung des Reichsfreiherrn, die sich in den letzten Jahren angebahnt hat und die die feudalen Züge seines Wesens in den Vordergrund rückt, ist freilich bei Ricarda Huch ins Maßlose gesteigert worden und läßt Steins Ministertätigkeit, die überdies äußerst knapp behandelt wird, fast unverständlich erscheinen. So wird der Historiker das Buch nur mit schweren Bedenken hinnehmen, ohne sich aber dadurch die Freude an der kraftvollen und eindringlichen Schilderung eines großen Menschentums verkümmern zu lassen. Auf die schöne und fördernde Besprechung Dietrich Gerhards (H. Z. Bd. 133, S. 163 ff.) sei hier vorgreifend hingewiesen. -- Was Kl. Thiede ( 1863) zu den Anschauungen Steins über Gewerbefreiheit und Bauernbefreiung beibringt, führt kaum weiter. Bei einer letzten Endes so wenig konsequenten Persönlichkeit, wie Stein es war, ist es jedenfalls bedenklich, Äußerungen aus später und spätester Zeit heranzuziehen und mit ihnen den positiven Anteil Steins an der Reform in Einklang bringen zu wollen. So kommt Thiede denn etwa zu dem Ergebnis: wenn Stein der Aufhebung der Zünfte zugestimmt habe, so sei das nur aus dem Zwang der augenblicklichen politischen Lage zu erklären, eine Beseitigung der Berufsschranken sei ihm eben damals notwendig erschienen, um den zahlreichen entlassenen Offizieren und Soldaten die Möglichkeit des Unterkommens zu verschaffen! -- In die Gedankenwelt Altensteins führt eine gründliche Dissertation von G. Roß ( 1057), die seinen Anteil an der Entstehung der Rigaer Denkschrift klarstellen will. Der Verfasser beschreitet den richtigen Weg, indem er Altensteins Beamtenlaufbahn und die Entwicklung seiner Staatsanschauung bis zum Zusammenbruch Preußens verfolgt. So kann er dann von gesicherter Grundlage Altensteins größtenteils ungedruckte Denkschrift »Über die Leitung des preußischen Staates« daraufhin analysieren, was sich an fremdem Ideengut in ihr niedergeschlagen, was Altenstein von Eigenem hergegeben hat. Als solches läßt sich schließlich doch nur die Einbettung der Reformbestrebungen in die Gedanken der Fichteschen Philosophie und die Auswirkung der starken bürokratischen Tendenzen Altensteins feststellen. Die eindringende Charakteristik Altensteins in Max Lenz' Geschichte der Universität Berlin scheint durch die Roßsche Arbeit vollauf bestätigt. -- Ein Vortrag von H. Aubin ( 1060) bemüht sich in feinsinniger Weise um den ethischen Kern der Persönlichkeit Scharnhorsts. Als dominierende Eigenschaft ergibt sich ihm die Selbstbeherrschung, die den Reorganisator des preußischen Heeres in dieser undankbaren und an äußerem Erfolg kargen Rolle sich bescheiden läßt, ihn, der für das Kommando eines Tages alle sieben Orden und sein Leben hingegeben hätte.

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IV. Verfassungskämpfe und deutsche Frage. 1840--1870.

Friedrich Wilhelm IV. ist mehr als irgendein anderer Hohenzoller sein eigener Baumeister gewesen, wozu ihn fachliche Kenntnisse und künstlerische Anlage befähigten, und hat, als Kronprinz von Schinkel, als König von Stüler und Persius beraten, in seinen Berliner und Potsdamer Bauten eine glückliche Hand gehabt. Das zeigt in knapper Zusammenfassung ein Festvortrag A. Geyers ( 1135), der das Thema ausführlicher in der deutschen Bauzeitung 1922, Jg. 56, behandelt hat. --Krusch ( 1126) veröffentlicht zwei Briefe der Königin Victoria an Friedrich Wilhelm IV., die in der Ausgabe der »Letters of Queen Victoria« fehlen, darunter den wichtigen vom 5. März 1848, eine Antwort auf den Vorschlag des Königs, der französischen Revolution »das gemeinsame Wort« der großen Mächte Europas entgegenzustellen. Die Königin lehnt einen solchen Schritt ab, der auf Frankreich als »défi« wirken und ihm die Existenz einer Koalition vorspiegeln würde. -- Nicht ganz zur rechten Stunde kommt K. Pagels ( 1225) Auswahl von Briefen und Aufzeichnungen des alten Kaisers, in dem sie sich des Ertrags der großen Briefpublikationen beraubt, die vom Kaiser-Wilhelm-Institut für  deutsche Geschichte ausgehen. Sie beruht auf den älteren Veröffentlichungen -- nicht einmal die Briefe an die Weimarer Fürstenfamilie sind benutzt -- und bringt an Neuem nur einige Stücke aus den Archiven in Neu-Strelitz, Stuttgart und München. Das in der Einleitung aufgebaute Gesamtbild widerspricht in wesentlichen Zügen jener Auffassung des Kaisers, die sich gerade in jüngster Zeit mehr und mehr gefestigt hat: sein Verhältnis zur Politik wird von Pagel zweifellos falsch eingeschätzt, wenn es ganz im Sinne der Passivität und der Unterordnung unter einem Stärkeren interpretiert wird. Wir wissen zu gut, wie schwer er um politische Entschlüsse gerungen und wie sehr er seine Verantwortung empfunden hat. -- E. Frhr. v. d. Goltz ( 1186) vermittelt die Kenntnis eines warm empfundenen Schreibens, das Frau Charlotte Delius, die Witwe des Koblenzer Reg.-Vizepräsidenten, um die Wende der Jahre 1861 und 1862 an den König richtete. Dieser antwortet, indem er die Ziele seiner Politik in die Worte zusammenfaßt: Ausbau der parlamentarischen Gesetzgebung, aber nie parlamentarische Regierung! -- Das Protokoll der Kronratssitzung vom 2./3. Januar 1864 hat R. Sternfeld ( 1188) veröffentlicht. Es ergibt sich, daß gerade jene in den Gedanken und Erinnerungen erwähnte Äußerung Bismarcks, die den Erwerb der Herzogtümer als Ziel der preußischen Politik hinstellt, im Protokoll fehlt, obgleich Bismarck von dem Protokollführer, dem Geh. Rat Costenoble, ausdrücklich verlangt haben will, daß sie nachgetragen werde, nachdem sie zunächst fortgelassen worden war. Wie der Widerspruch zwischen Bismarcks Erzählung und dem Aktenbefund zu erklären ist, steht dahin. --

§ 50. Ost- und Westpreußen.

In die neuesten Nationalitätenkämpfe zwischen Deutschen und Polen führt Manfred Laubert ein ( 588). In knapper, mit reichen Zahlenangaben versehener Darstellung werden die geschichtlichen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse vorgeführt, die für und gegen die Zuteilung wesentlicher Teile der Provinzen Westpreußen und Posen an Polen geltend gemacht wurden. Die Spitzfindigkeit und Unhaltbarkeit der polnischen Ansprüche auf diesen alten deutschen Volks- und Kulturboden wurde durch L. wohl für jeden unvoreingenommenen Leser überzeugend dargelegt. Leider sind die Farben auf der beigefügten Sprachenkarte ungünstig gewählt, da ganz im Gegensatz zu der beabsichtigten Wirkung das geschlossene  deutsche Sprachgebiet in Posen und Westpreußen nur wie eine Insel im polnischen Meer erscheint.

§ 51. Posen.

A. Lattermann setzte seine ausgezeichnete, auch den Inhalt öfter kurz erläuternde Bibliographie ( 43) an gleicher Stelle Heft 8 S. 105--30 für 1925 fort. Zur Siedlungsgeschichte bringt Bechtel ( 599) eine allerdings ohne Benutzung der polnischen Literatur geführte Untersuchung über den Weg der Kolonisation und dessen Zusammenhang mit dem mittelalterlichen Handel Großpolens, dem er wie Dopsch starken Einfluß auf die  deutsche Einwanderung zuschreibt. Weiter betont er den Typus der Stadt-Landsiedelung, das Streben nach


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autarker Stadtsiedelung im Bücherschen Sinn durch Einbeziehung dörflicher Anlagen in die Interessensphäre neuer Städte. Zum Schluß versucht er die Entstehung der Gutsherrschaft klarzulegen. Schütze ( 600) beendet seine Posener Landeskunde und berücksichtigt bereits die Bevölkerungsverschiebungen durch das polnische Verdrängungsverfahren der letzten Jahre. Leider wird der Nationalität der Stadtbevölkerung nicht Rechnung getragen, und die Angaben von 1797 beruhen nicht auf einem mysteriösen Radebeck, sondern auf Holsche. Kronthal ( 1138) plaudert, seine verdienstvolle Publikationstätigkeit abschließend, von der Warte vielseitiger Bildung ohne strenge Innehaltung des Themas aus dem reichen Schatz persönlicher Erlebnisse und langen Sammeleifers und bietet nicht nur dem Wissenschaftler, sondern auch dem Politiker zum Abschied mancherlei Anregung. Laubert zeigt an der Hand der Akten ( 1136), wie die mit Staatskredit 1821 gegründete Posener Landschaft als fast rein polnisches Organ nicht nur wirtschaftlich den Gegner stärkte, sondern auch unausgesetzt als politisches Instrument im staatsfeindlichen Sinn mißbraucht wurde, ferner ( 1943), wie die bauernfeindliche Tendenz der vor der altpreußischen Gesetzgebung besorgten Szlachta die Regierung zwang, noch einmal durch ein Ausnahmegesetz für Posen das Bauernlegen bis zum Erlaß des Regulierungsedikts von 1823 zu unterbinden, womit sie das Element vor der Vernichtung bewahrte, das später den nationalen Kampf in erster Linie entschied. In Nr. 588 erörtert er das ethnographische Verhältnis in den preußischen Ostprovinzen und untersucht auf Grund der Abstimmungen und anderer Merkmale die politische Einstellung der Bewohner mit dem Ergebnis, daß bei freier Willensäußerung sich eine überwältigende Mehrheit für das Verbleiben bei Deutschland erklärt haben würde. Im Schlußkapitel werden die Fälschungsmethoden auf polnischer Seite bloßgelegt.

§ 51. Posen.

Das Schwergewicht der Posener provinzialgeschichtlichen Forschung ist naturgemäß auf die polnische Seite übergegangen, die sich in der Kronika Miasta Poznania (seit 1923, = K.M.P.), den Histor. Jahrbüchern (Roczniki historyczne, seit 1925, = R.H.) und für nicht mit dem Feigenblatt wissenschaftlichen Verantwortungsgefühls geschmückte Auslassungen in der Westwarte (Strażnica Zachodnia, seit 1922, = S.Z.) passende Ablagerungsstätten geschaffen hat und eifrig bemüht ist, die Zufallserwerbungen der Pariser Vorstadtfrieden auch geistig zu erobern und mit Beschlag zu belegen, so daß sie  deutsche Arbeiten geradezu ärgerlich als Eingriff in ihre Rechte empfindet (vgl. Wojtkowski in K.M.P. III, 181 ff., über die neuesten deutschen Veröffentlichungen aus dem Gebiet der Posener und großpolnischen Geschichte und Zawidzki über Einrichtungen, Grundlagen und Zwecke der deutschen Kulturbewegung in Polen, S.Z. III, 244 ff.). Neben ernsten Forschungsergebnissen werden natürlich viele dilettantenhafte Reklameaufsätze gebracht (z. B. Zaleski, K.M.P. I, 209 ff., über die Ergebnisse der preußischen Verwaltung in Posen, wonach diese kulturell, ökonomisch und politisch gänzlich unfruchtbar war und -- um ein Beispiel zu erwähnen -- den wirtschaftlichen Glanz Großpolens vernichtete, so die [nebenbei nur von Deutschen betriebene] Tuchmacherei durch eine den Wiener Verträgen zuwiderlaufende Grenzsperre und langjährigen Handelskrieg gegen Rußland!).

§ 51. Posen.

Eine Gesamtdarstellung der Geschichte Großpolens stellt die in R.H. I, 1--287, abgedruckte, dem 4. polnischen Historikertag in


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Posen als Festgabe gewidmete Vortragsreihe dar ( 2761). Hier kehrt Kostrzewski die Theorie von Slawen als Trägern der Lausitzischen Urnenfelderkultur weniger schroff als in früheren Arbeiten hervor; Tymieniecki mißt Großpolen als »Wiege des polnischen Staats« wegen seiner größeren Bevölkerungsdichte und als Stammland der Piasten entscheidende Bedeutung zu und verteidigt die Eigenwüchsigkeit Polens unter Ausschaltung normannischer Einflüsse und der sie begründenden Sagengeschichte (andererseits führt K. Krotoski: Geschichtliche Nachklänge in der Erzählung von Popiel und Piast [Kwartalnik histor. 33--69] die Staatsgründung auf von Kijew nach dem Goplosee zurückweichende Normannen zurück, während Bujak [R. H. 290--96] die Frage noch nicht für spruchreif hält). Tyc stellt in dem »Kampf um die Westmark« die Oder als natürliche und geschichtliche Grenze und Polens Ansprüche auf das Küstengebiet als Selbstverständlichkeit hin -- der Name Kaschuben wird sorgsam umgangen --, so daß ihm Sarmatien als das nur unter schweren Opfern seine Unabhängigkeit erkaufende Angriffsobjekt deutschen Expansionsdranges erscheint. Allerdings spinnt er dabei die sattsam bekannte, auch von Erich Schmidt hervorgehobene Tatsache breit aus, daß bei den führenden Männern in Polen ihr früh aufkeimender Nationalhaß mit ihrer Gewinnsucht in Widerstreit lag und diese sie doch zur Förderung deutscher Kolonisation und deutschen Rechts antrieb. (Die Tendenz beider Aufsätze unverhüllt bei Tymieniecki: Der  deutsche Drang nach dem Osten und seine Ursachen in der Vergangenheit, S.Z. II, Bd. III, 193--207.) Gerecht würdigt die starken deutschen Einflüsse, namentlich an der Lubrańskischen Akademie in Posen, T. Grabowski für die Zeit von Humanismus und Renaissance (Chr. Hegendorfer, Heidenstein, Kuchlerus). Wl. Konopczynski hebt für die Zeit der Adelsherrschaft hervor, daß der im Vergleich mit den Ostprovinzen, dem polnischen Kolonialgebiet, wenig differenzierte großpolnische Adel es an Opfermut und Unternehmungsgeist fehlen ließ und deshalb abermals die Einwanderung der durch die Reformation mobil gemachten deutschen Kolonistenmassen begünstigte, »da sie besser wirtschafteten (bo lepiej gospodarowali)«. Die ganz unzutreffende Behauptung, in Westpreußen und dem Netzedistrikt habe 1772 die deutsch-evangelische Bevölkerung nur 28% ausgemacht und in letzterem seien von 789 Gemeinden 176 rein deutsch und 142 gemischt gewesen, ist bei dem Fehlen jedes Beweises wertlos. Aber sogar für das am schwächsten berührte Posen erinnert K. an das Wort des Franzosen Parendier, er habe auf einer viertägigen Reise niemals polnisch reden gehört. In der Epoche der Reformanläufe und Unabhängigkeitskämpfe weist B. Dembiński dem Land keine führende Rolle zu, sondern betont die eigensüchtigen Absichten der Szlachta und erkennt an, daß in Hoyms Unterscheidung zwischen Adel einerseits, Bürger und Bauern andererseits, die den Übergang an Preußen willkommen hießen, ein guter Teil schmerzlicher Wahrheit für Polen lag (S. 115). Im Einklang hiermit steht es, daß nach Skałkowskis Darlegungen in der Napoleonischen Epoche Anhänglichkeit an Preußen und geringe Neigung zur Übernahme der von den Deutschen geräumten Verwaltungsstellen zutage trat, so daß man sich vor der irrtümlichen Auffassung hüten muß, als habe der große Einmarsch der Franzosen einen Ausbruch nationaler Leidenschaft und einen Aufstand entfacht (S. 128). Bei dem kaiserlichen Ausbeutungssystem im Herzogtum Warschau sehnte sich

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gar mancher nach der goldenen Zeit vor 1806 zurück. Wojtkowski bezeugt der preußischen Regierung, daß sie nach 1815 alle Schichten durch Wohltaten zu gewinnen versuchte und die den Polen 1815 eingeräumten Rechte in Schule, Verwaltung und Gericht bis zum Aufstand von 1830 gewahrt hat. Leider versagt auch er sich Entstellungen nicht (es seien Freiwillige aus Schlesien zu den Aufständischen geeilt, man habe 1832 das Polnische aus Verwaltung und Gericht entfernt, die den Empörern auferlegten Geldstrafen hätten diese zum Verkauf ihrer Güter an den Fiskus gezwungen, alles aktenmäßig längst widerlegte Behauptungen). Frl. W. Knapowska offenbart für die Zeit nach 1848 die polnischen Gegenbestrebungen zur Schaffung eines Staats im Staate und die besonders bei auswärtigen Verwickelungen blühende Verschwörertätigkeit. Z. Zaleski erhebt natürlich für die Zeit nach Bismarcks Sturz gegen Preußen die üblichen Anklagen, hält aber einen Vergleich mit der Gegenwart für überflüssig und deutet nur zum Schluß die heute im Posenschen herrschende Erbitterung und Enttäuschung unverhüllt an. Bemerkenswert ist sein Eingeständnis (S. 208), daß im Lauf der Jahrhunderte eine weit größere Zahl Deutscher polonisiert worden ist als umgekehrt, worin die beste Widerlegung aller Anklagen wegen brutaler Germanisationsmaßnahmen liegt. Den Schluß bildet eine leider häufig nur die Autorennamen aufzählende Übersicht über das  deutsche und polnische Schrifttum zur Geschichte Großpolens von dem Posener Archivdirektor K. Kaczmarczyk ( 2748).

§ 51. Posen.

Dieser hat ferner, Warschauers Spuren folgend, die Posener Ratsakten von 1434--70 veröffentlicht ( 2740), wonach im Einklang mit den Namen der handelnden Personen die Amtssprache so gut wie ausschließlich deutsch oder lateinisch war. -- Eine allgemeine Geschichte des Posener Marktes und eine spezielle seiner Häuser und ihrer Bewohner seit 1430 gibt Maria Wicherkiewicz, geb. Sławska ( 2760). -- Wichtig ist ein kleiner Aufsatz Wojtkowskis über die Rolle Posens und Großpolens im nationalen Leben (K.M.P. 129--48), der die alte Feindschaft der Polen gegen die Deutschen zugibt, weil diese durch ihre zahlreichen Talente (rozlicznych zalet, S. 130) jene als Ratgeber der Fürsten verdrängten, ebenso den Mißbrauch der Kirche zu politischen Zwecken (S. 136: Identifizierung des Polentums mit dem Katholizismus war bisher das Mittel, um im polnischen Volk das Nationalgefühl zu verbreiten und zu stärken). Auch des antisemitischen Einschlags der polnischen Bewegung wird gedacht (schon 1848 Aufruf der Liga polska zum Boykott gegen  Deutsche und Israeliten). -- Zur Wirtschafts- und Siedelungsgeschichte sind die beiden wichtigsten Neuerscheinungen O. Langes: Die Anlage der Städte des eigentlichen Großpolen zu deutschem Recht im Mittelalter ( 2750) und Rutkowskis Untersuchung über die Bodenreform in Polen im 18. Jahrhundert ( 2757) an der Hand der in den Posener Kämmereidörfern durchgeführten Maßnahmen.

VII. Kirchengeschichte.

Die Abhandlungen zur niedersächsischen Kirchengeschichte weisen zum größeren Teile nach Osnabrück und Ostfriesland. Nur die mittelalterliche Kirchengeschichte erstreckt sich auf Hildesheimer und Bremer Gebiet. H. Homanns ( 2136) Dissertation bietet eine wertvolle Ergänzung zu Schreibers »Kurie und Kloster« für die Diözese Hildesheim. Solche Ergänzungen »durch die historische Erforschung der territorialen Verhältnisse« sind eine Forderung A. Brackmanns, der sie selbst für die Salzburger Kirchenprovinz gegeben hat. Das Ziel der Arbeit ist die Erkenntnis der rechtlichen


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Stellung zu den kirchlichen Oberen. Der kuriale Einfluß war in der Diözese nicht stark; das stimmt zu den Ergebnissen Brackmanns. Wohl strebten die Bischöfe nach straffer Zusammenfassung ihrer Gewalt über die Klöster. Der Höhepunkt dieser Machtäußerung lag im 12. Jahrhundert. -- A. Bertram ( 2013) schließt mit dem dritten Band die Geschichte des Bistums Hildesheim ab. Dieser beginnt mit der Regierung Ferdinands von Bayern ( 1612) und geht bis zum Jahre 1905, in dem der Verfasser den Stuhl des heiligen Bernward bestieg. Neben der Geschichte der Bischöfe und der äußeren Entwicklung des Bistums hat Bertram die Geschichte der einzelnen Kirchen und Orden berücksichtigt. -- H. Strunk ( 310) bietet Quellenstücke von Fehden, Bündnissen und Verträgen in der Zeit von 1381 bis 1432, über das kulturelle Leben im 15. Jahrhundert und die Kämpfe der Wurster um ihre Freiheit. -- G. Wentz ( 457) hat eine Reihe von Eintragungen aus dem Brüderschaftsbuch von S. Maria dell'Anima, der deutschen Nationalkirche in Rom, die auf die Provinzen Hannover und Sachsen, die Länder Braunschweig und Anhalt, die Städte Hamburg und Bremen Bezug nehmen, zusammengestellt, um an einem umfassenden Beispiel den Wert der Publikation für  deutsche Verhältnisse darzutun. -- Zahlreicher sind die Veröffentlichungen zur nachreformatorischen Kirchengeschichte. Der Jahrgang 29 und 30 der »Zeitschrift der Gesellschaft für niedersächsische Kirchengeschichte« ( 2376) ist dem Oberkonsistorialrat D. Philipp Meyer in Hannover, der am 24. Januar 1927 gestorben ist, gewidmet und führt im Rückblick auf dessen Leitung des damals neu errichteten hannoverschen Predigerseminars den Sondertitel »Erichsburgensia«. Der Inhalt der Festschrift begegnet den besonderen Interessen des Gefeierten: Geschichte des kirchlichen Unterrichts, der kirchlichen Erziehung und des kirchlichen Prüfungswesens. J. Feltrup ( 2377) eröffnet den Band mit einem Beitrag »zur Geschichte des Predigerseminars Hannover-Erichsburg«. F. Cohrs ( 2373) würdigt Christoph Fischers d. Ä. »Einfältige Form« ( 1575), und Weerts ( 2613) untersucht die Dannenbergsche Schulordnung von 1687. E. Rolffs erzählt von dem »Konfirmandenunterricht des Magisters Weibezahn in Osnabrück«, und J. Beste gibt ein Bild von den Kämpfen des Wolfenbüttler Predigerseminars zur Zeit Henkes. E. G. Wolters veröffentlicht Briefe von und gegen Paulus Felgenhauer in Bederkesa, und P. H. Meyer ( 1838) liefert einen Beitrag über »die wirtschaftlichen Leistungen des Klosters Wülfingshausen für die Landesherrschaft während der Regierung Erichs II.«. -- A. Brenneke ( 2371), der die Geschichte der hannoverschen Klosterkammer bearbeitet, hat aus dem zweiten Abschnitt des ersten Bandes, der das Kirchenregiment der Herzogin Elisabeth behandeln wird, das fünfte Kapitel veröffentlicht, wobei die Darstellung der Verhältnisse des Klosterregiments nur im Auszuge mitgeteilt wird. Die damaligen kirchlichen Verhältnisse erfahren in diesem Kapitel eine erwünschte Beleuchtung. Mit Eifer führt Elisabeth, die das Reformationsrecht »lediglich aus ihrer weltlichen obrigkeitlichen Stellung geschöpft, nicht aus einer Übernahme bischöflicher Befugnisse hergeleitet hat«, die Evangelisierung des Territoriums durch. Der Reformator Corvinus, der auf die Abfassung ihrer Landeskirchenordnung eigensten Einfluß ausgeübt hat, hat das wirkliche Regiment des Landesherrn in der Kirche gebilligt und anerkannt. -- Den ersten Teil der Molanusbiographie hat H. Weidemann ( 2374) aus seiner Lizentiatenarbeit umgestaltet. Ihr schließt sich hier eine Untersuchung über die Stellung

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Molans als Konsistorialdirektor an. Eine biographische Behandlung dieses bedeutenden Loccumer Abtes ist nicht nur lokalgeschichtlich von Wert. Denn die Kämpfe um die kirchliche Einigung nach der politischen Einigung des Landes und die Schaffung einer zentralen Verwaltungsbehörde in dem hannoverschen Konsistorium, die die Amtstätigkeit Molans ausfüllen, tragen eine typische Bedeutung. Neben dem fürstlichen Absolutismus war sein Ziel der kirchliche Absolutismus. Der Sinn für die seelsorgerischen Aufgaben des Geistlichen fehlte ihm ganz. -- Drei Aufsätze behandeln die Osnabrücker Kirchengeschichte. H. Rothert ( 2370) gibt uns in dem Abdruck einer Erkundung über die Religionsverhältnisse der Osnabrücker Ritterschaft eine wertvolle Übersicht über die damals vorhandenen Edelsitze und ihre Besitzer. F. Schultz ( 2230) widmet nach einer Schilderung der Schicksale des 1235 oder früher gegründeten Stiftes Quakenbrück den Hauptteil seiner Arbeit einer Untersuchung des Kapitels und besonders der Stiftsprobstei bis zu ihrer endgültigen Überlassung an die lutherischen Domherren im Jahre 1669. --Bindel ( 1680) untersucht den Status ecclesiasticus des Fürstentums Osnabrück, den Vitus Büscher mit Hilfe von vier Mitarbeitern geschaffen hat. Diese Polizeiordnung ist für die Beurteilung der kirchlichen und kirchenregimentlichen Verhältnisse von besonderer Bedeutung, weil sie im Gegensatz zu den zeitgenössischen Berichten des Lucenius und Bronkhorst von Protestanten abgefaßt ist. -- Von der ostfriesischen Kirchengeschichte und ihren Kämpfen berichten mehrere Aufsätze. F. Ritter ( 2379) verrät die unerwartete Tatsache, daß Enno II. zwei Jahre vor seinem Tode im Verein mit seinem Bruder Johann insgeheim und doch unverhüllt die Rückkehr Ostfrieslands zum Papsttum betrieb. -- H. Garrelts ( 2381) unterzieht die lutherischen Berichte vom Jahre 1593 einer eingehenden Untersuchung mit dem Ergebnis, daß sie geschichtlichen Wert haben, und gibt einen textkritischen Abdruck dieser Darstellung sowie des Gegenberichtes. -- F. Ritter ( 2380) handelt über das von dem reformierten Pastor Ritzius Lucas herausgegebene Gesangbuch vom Jahre 1616, das den persönlichen Beziehungen dieses Emder Predigers zu Graf Enno III. seine Entstehung verdankt. -- E. Kochs ( 2383) prüft, soweit es für die reformierte Gemeinde Emden zutrifft, die Frage, »ob fast völlig unberührt vom Rationalismus die reformierte Kirche Ostfrieslands sich jeder Neologie verschlossen hat«, und stellt fest, daß der vulgäre Rationalismus nicht Wurzel geschlagen hat. »Nur gewisse Kreise haben sich dem Idealismus der Aufklärung zugewandt und sind auch durch die Erneuerung des kirchlichen Lebens um die Mitte des 19. Jahrhunderts nicht wiedergewonnen worden.«

II. Quellen und Darstellungen nach der Reihe der Ereignisse.

Da G. Waitz' klassisches zweibändiges Werk über die ältere schleswig-holsteinische Geschichte vergriffen, außerdem für einen weiteren Leserkreis zu ausführlich ist und an einer gewissen Unübersichtlichkeit leidet, ist Th. Lorentzens mehr volkstümliche Darstellung ( 325) Schleswig-Holsteins im Mittelalter um so eher willkommen, zumal sie auf eigenem gründlichem Studium der mittelalterlichen Geschichtschreiber, Rimbert, Adam von Bremen, Helmold, Saxo usw., sowie auf mancherlei eigenen Beobachtungen beruht. Mit Recht hat Lorentzen dabei die bedeutenden Gestalten der ersten Schauenburger Grafen in ein helleres Licht gestellt, als dies bisher geschehen ist: ihre für die  deutsche Geschichte entscheidende kolonisatorische Tätigkeit, die Erschließung des wendischen Wagriens (Ostholsteins) für die  deutsche Kultur und für das Christentum, wie sie namentlich von dem zielbewußten Adolf II., dem Lehnsmann Heinrichs des Löwen, durchgeführt wurde, aber auch den durch sie


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begonnenen Siegeszug des Deutschtums nach dem dänischen Norden, die Anbahnung der engen Verbindung des deutschen Reichslandes Holstein mit dem dänischen Kronland Schleswig.

II. Quellen und Darstellungen nach der Reihe der Ereignisse.

Eine Ergänzung seiner früheren Forschungen zur dänischen Sprachpolitik im Herzogtum Schleswig in den fünfziger Jahren bildet H. Hjelholts Untersuchung ( 1189) über die Schleswigsche Ständeversammlung 1860. Derselbe Mann, der als der Schöpfer der früheren Sprachverordnungen bezeichnet werden muß, T. A. J. Regenburg, hat auch damals als treibende Kraft, trotz aller Proteste der schleswigschen Stände, an der Durchführung der dänischen Sprachpolitik festgehalten. H. hat vor allem die Parteiverhältnisse der Ständeversammlung charakterisiert, ist allerdings dabei weit stärker auf die dänische Minderheit als auf die  deutsche Mehrheit eingegangen.

II. Gesamtdarstellungen.

Die Festschrift zur 700-Jahr-Feier Zuckmantels von J. Pfitzner ( 372) fällt als Geschichte einer Bergstadt ohnehin schon aus dem sonst üblichen Rahmen von Stadtgeschichten heraus und wird besonders beachtenswert durch die wechselnde politische Zugehörigkeit Zuckmantels. Von Bischof Lorenz (1207--1232) in dem Schlesien und Mähren trennenden Grenzwald durch  deutsche Kolonisten gegründet, wird Z. wegen des in seinem Bergland entdeckten Goldes zur Verbesserung der mährischen Grenze dem Neißer Mutterland entrissen und zum Schaden seiner wirtschaftlichen Entwicklung politisch über die Berge zu Mähren-Troppau gezogen (i. J. 1222) und dadurch bis zu seiner Wiedervereinigung mit dem Bistumsland (i. J. 1467) zu einem mährischen Vorposten gegenüber dem späteren bischöflichen Vorposten Ziegenhals verdammt. Die eigentliche kurze Blütezeit des Zuckmanteler Bergbaues beginnt mit Bischof Joh. Turzo (1506--1520), der nach dem Muster des von den verwandten Fugger und Turzo in Reichenstein getriebenen neuzeitlichen Bergbaubetriebes (Schmelzöfen) den Zuckmantels organisierte und durch Heranziehung von Geldleuten aus aller Welt im großen Stil betrieb. Doch das Wasser, dessen auch die Bergleute aus dem Harz nicht Herr werden können, vernichtet den Bergbau, für den das fremde Kapital nicht mehr zu gewinnen ist. Die alte Bergstadt wird zu einem kleinen Weberstädtchen, in dem zu Anfang des 18. Jahrhunderts nahe an 200 Webermeister tätig sind. Besondere Beachtung aber verdient diese Stadtgeschichte dadurch, daß darin zum erstenmal der Versuch eines Aufrisses der rechtlichen und wirtschaftlichen Struktur des Breslauer Bistumslandes bis 1742 unternommen wird.

VII. Kirchengeschichte.

Auf diesem Gebiete wirkte sich in 1925 noch immer die entsetzliche Not aus, unter der in den Inflationsjahren die vom Staat rücksichtslos im Stiche gelassene bisherige Landeskirche so schwer zu leiden gehabt hatte. Über dem Kampf gegen die nackte Not blieb die Wissenschaft liegen. Ein Ausdruck dieses Kampfes ist die schon genannte Arbeit Arndts. E. Teufel ( 2399) gibt durch Abdruck der Quellen eine Übersicht über den mißlungenen Versuch der Brüdergemeinde, ihr Diasporawerk auch auf Sorau auszudehnen. W. Wöhling ( 2393) bietet eine Übersicht über Entstehung, Entwicklung und gegenwärtigen Stand der Freikirche der strengen Lutheraner (auch  deutsche Missourier genannt), beachtlich als religionsgeschichtlicher Beitrag für die jüngste Vergangenheit und Gegenwart. R. Frieling ( 2394a) liefert unmittelbar aus den Visitationsakten anschaulichen Stoff zur Geschichte der Entstehung des evangelischen Pfarrerstandes.

II. Politische Geschichte.

Als »das System Metternich im Herzogtum Sachsen-Altenburg« stellt Igel ( 1153) die in diesem 1826 neu gebildeten Staat unter der Wirkung der Bundestagsbeschlüsse herrschenden öffentlich-rechtlichen Verhältnisse dar, hauptsächlich auf Grund der Altenburger Gesetzsammlung, in systematischer Anordnung, ohne den Versuch einer pragmatischen Geschichtschreibung. Besondere Beachtung verdient sein Hinweis auf die Akten der zur Demagogenverfolgung 1830 eingesetzten Kriminalkommission. -- Den kampferfüllten Lebensweg des Koburger Publizisten und Verlegers Feodor Streit (1820--1904) schildert Konrad Bechstein ( 1168) auf Grund der von diesem hinterlassenen Papiere. Das Heft ist eine Nebenfrucht planmäßiger Durchforschung des thüringischen Zeitungswesens, der wir die aufschlußreiche Arbeit des Verfassers über die öffentliche Meinung in Thüringen während der für Deutschland schicksalsvollen Jahre 1864--66 verdanken ( 1196). Sie zeigt den Wandel der Stimmung von unverhohlener Gegnerschaft gegen das Preußen Bismarcks zur teils begeisterten, teils widerwilligen Anerkennung. Die vom Großherzog Karl Alexander geplante Berufung Richard Wagners nach Weimar ist hauptsächlich an den politischen Bedenken des Ministers v. Watzdorf gescheitert, was Tille aus den Akten mitteilt ( Deutsche Rundschau Bd. 202, S. 1--16).

IV. Zur Geistesgeschichte.

Über die Universität Jena liegt eine umfangreiche Arbeit von Mathilde Brunner vor ( 2593), zeitlich unklar abgegrenzt und durch einseitige Quellenbenutzung (weder eins der in Frage kommenden vier Staatsarchive noch das reichhaltige Stadtarchiv ist benutzt worden) beeinträchtigt. Wir erhalten, meist aus den Universitätsakten, sehr beachtenswerte Mitteilungen über die wirtschaftlichen Grundlagen, die Privilegien, die Organisation der Universität, ihre Stellung zu den die Hochschule erhaltenden Fürsten und verschiedenen Behörden, die Anstalten für den Lehrbetrieb und das Wohl der Studenten, über die zur Akademie gehörigen Personengruppen. Die Lockerung der alten Verfassung


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wurde besonders von der Weimarer Regierung unter Goethes Mitwirkung betrieben. Aber erst 1814 begann ihre Auflösung, welche in mehreren Etappen bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts durchgeführt worden ist. Verfasser hat es verstanden, das Bild durch biographische und kulturgeschichtliche Züge zu beleben. Wie Goethe die akademische Jugendbewegung und in ihr das  deutsche Einheitsstreben entgegentrat, und wie er sich damit auseinandersetzte, lesen wir bei Haupt ( 2573).

I. Gesamtdarstellungen.

Neben dieses als Prachtband ausgestattete Sammelwerk treten zwei weitere Sammelwerke, deren einzelne Aufsätze Beachtung verdienen. Das eine, unter dem Titel »Der Westdeutsche Volksboden« ( 257) von W. Volz herausgegeben, bietet eine Reihe von Vorträgen dar, die bereits 1924 gehalten und dann zu Aufsätzen erweitert wurden. Sie sollen die Öffentlichkeit aufklären über den tausendjährigen Kampf des Franzosentums gegen den westdeutschen Volksboden, der sich »auf alle Gebiete des Lebens, Denkens und Fühlens erstreckt«. Hier sucht zunächst A. Hettner verständlich zu machen, wie Frankreich durch seine überaus günstige geographische Lage und die zentralisierte Bodengestaltung früh zu Kultur und einem einheitlichen Nationalstaat gekommen ist. Gegenüber den haltlosen Behauptungen eines Vidal de la Blache und Brunhes zeigt F. Metz die Einheit der oberrheinischen Ebene sowie die Übereinstimmung der Kultur usw. auf beiden Rheinufern auf und schließt daran die Mahnung, den Glauben an das Deutschtum der Elsässer nicht zu verlieren. Ganz damit überein stimmen auch die Ausführungen G. Wolframs über den Rhein als natürliche Grenze. Hier wird auch die Behauptung bekämpft, daß die Elsässer als keltische Stammesgenossen und die Orte auf -weiler als gallorömische Gründungen anzusprechen seien. Wolfram weist überzeugend nach, daß die Weilernamen erst in nachrömischer Zeit entstanden sein können. Endlich zeigt er den grundlegenden Unterschied im Hausbau des Elsaß gegenüber dem in Lothringen auf und kommt zu dem Schluß, daß schon seit Cäsars Zeit das Elsaß keltenfrei und rein germanisch besiedelt war. Weitere Ausführungen über die Bevölkerung der Rheinlande im Altertum gibt F. Koepp, der feststellt, daß die Kelten weder im Rheinland noch auch in Frankreich selbst autochthon waren. Die Denkmäler der La-Tène-Kultur bezeugen die Anwesenheit der Kelten höchstens für die letzten vier Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung. Koenig gibt eine eingehende Übersicht über den verlorenen Reichsboden von der Zeit der deutschen Kaiserherrlichkeit bis zum 19. Jahrhundert und von verlorenem Volksboden. Auf den Aufsatz Platzhoffs über den tausendjährigen Kampf um die  deutsche Westgrenze, von dem hier nur ein Auszug vorliegt, werden wir noch zu sprechen kommen. Wertvoll ist der Aufsatz von E. Wechßler, der zum Teil von literarischen Gesichtspunkten aus eine feinsinnige, gedankenreiche Skizze des Aufbaues der französischen Nation im Mittelalter, Neuzeit und Gegenwart auf den drei Stufen Bildungsgemeinschaft (Civilisation), Staatsgemeinschaft (Patrie) und Volkgemeinschaft (Nation) entwirft. Für manchen wird es erwünscht sein, durch den Aufsatz von Kaden einen Einblick in Organisation, Umfang und Ziele der französischen Kulturpropaganda gewinnen zu können.

I. Gesamtdarstellungen.

R. Kautzsch behandelt »die rheinische Kunst und Frankreich« und kommt zu dem Ergebnis, daß in der rheinischen Kunst überraschend wenig Französisches ist. »Die rheinische Kunst ist kein Sproß oder Zweig der französischen, vielmehr ein besonders reiches, besonders feines und besonders deutsches Glied unserer großen deutschen Kunst.« Eine Fülle schöner Abbildungen, die zu diesem Aufsatz gehören, ist über das ganze Buch hin zerstreut. -- Zum Schluß sucht F. Schultz den nationalen Charakter der rheinischen Literatur zu erweisen, freilich unter Betonung der wesentlich anderen Voraussetzungen, die gemäß dem Wesen rein geistiger und literarischer Gebilde in Betracht kommen. Ist doch z. B. die mittelalterliche Literatur Europas ein internationales Gebilde und an keinen Raum gebunden. Das Problem »Frankreich und der Rhein« wird eigentlich erst in der napoleonischen Zeit für die  deutsche Literatur von tiefer Bedeutung, und erst seit 1815 spielen die Rheinlande auf diesem Gebiet eine besondere Rolle. Diesem rheinischen Schrifttum in seiner Verbundenheit mit dem vaterländischen Denken sucht der Aufsatz gerecht zu werden.

I. Gesamtdarstellungen.

Von den akademischen Festreden, die aus diesem Anlaß gehalten worden sind, überragt wohl die von E. Marcks ( 259) die übrigen an innerer Geschlossenheit, an dem Vermögen, zu seelischer Erhebung emporzureißen. In kurzen, markigen Zügen ein Bekenntnis zum Rhein als zur Lebensader des


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Reichs, der Wiege unserer Kultur, dem Ausgangspunkt des kirchlichen Geisteslebens und des Wirtschaftslebens. »Alle westeuropäischen Wellen wurden hier abgefangen und hier verdeutscht« (ein Gedanke, den auch P. Clemen in seinem oben erwähnten Beitrag auf die rheinische Kunst anwendet). Erst von 1300 ab die Verdrängung des Rheintals aus der zentralen Stellung; das Rheinland wurde allmählich zum Randgebiet und durch die konfessionelle Spaltung weiter zersplittert. Das Leben stockte, bis dann die französische Invasion kam, die jedoch den deutschen Kern nicht treffen konnte. Und dann brachte Preußen neues Leben. Und nach der Zeichnung dieser inneren Entwicklung des Rheinlandes, »die deutsch, nichts als deutsch ist«, ein Blick auf die französische Rheinpolitik mit dem Ausklang »Herr, mach uns frei!« -- Inhaltlich nicht minder bedeutungsvoll ist die Rede von E. E. Stengel ( 268), die zunächst hauptsächlich die französische Ausdehnungspolitik ins Auge faßt, aus deren hohem Alter sich die magische Anziehungskraft dieses Brennpunkts der gesamten Weltpolitik begreifen läßt. Denn die französische Rheinpolitik ist so alt wie das französische Volk. Seit der Zeit Philipps des Schönen kann man in der französischen Offensive die drei Abschnitte unterscheiden, die in der Folge wie eine Schlachtordnung immer wiederkehren sollten: das Zentrum und die Flanken des Quell- und Mündungsgebiets. Im weiteren wird dann die bis zur Neuzeit konsequent durchgeführte französische Politik geschildert und die zweifellos überzeugende These aufgestellt, daß die französische Rhein-Idee nur durch die alte  deutsche Rhein-Idee überwunden werden könne, welcher der Rhein ein Inbegriff des Reiches selber ist. Der zweite Teil dieser Rede wird durchzogen von dem Gedanken der Verklammerung mit dem inneren Deutschland, die dann durch Preußen neu gekräftigt wurde. -- Mehr kühl und akademisch sind die immerhin sehr bemerkenswerten Ausführungen der Rede von W. Erben ( 264) über die 879 gezogene Westgrenze, die sich ungefähr mit den im Weltkrieg festgehaltenen deutschen Stellungen deckte, aber natürlich keine Sprachgrenze war. E. verweilt bei den Ereignissen der Jahre 921 (Bonner Zusammenkunft), 923 und 925, bei der durch den Herzog von Lothringen vorbereiteten und geleiteten Krönung Ottos 936, bei dem Abfall und Tod Giselberts und dem Schicksal und Charakter dessen Witwe Gerberga, welche die Gattin des französischen Königs wurde.

I. Gesamtdarstellungen.

Während diese genannten Reden und die von Hashagen ( 263), Oncken ( 261) und Tuckermann ( 262) sich in der Hauptsache mit der Zeit von 843 ab beschäftigen, greift E. Troß ( 270) weiter in der europäischen Geschichte zurück, schildert den Einbruch der Kelten im Rheinland und Gallien, den Einfluß Roms und den zweiten Einbruch der Germanen, die Durchdringung des fränkischen und romanischen Wesens, und erst zum Schluß das  deutsche Rheinland und seine politische Bedeutung. -- Besondere Erwähnung verdient der feinsinnige Versuch J. Hansens ( 269), den Begriff des Rheinlandes, die Gliederung der Landschaft und Bevölkerung, das Aufkommen des Wortes »Rheinländer«, den historischen Beruf der Rheinprovinz und den Charakter ihrer Bewohner in kurzen, meisterhaft abgewogenen Strichen zu zeichnen.

VII. Kulturgeschichte der Neuzeit.

Über Bildungs- und Erziehungsgeschichte sind einige gute Arbeiten zu erwähnen. H. Keußen ( 2587), als der berufene Interpret der Kölner Universitätsakten, hat in seinen Schilderungen der alten rheinischen Universitäten erklärlicherweise vor allem die Kölner Hochschule berücksichtigt, neben der die später in Trier, Mainz und Duisburg gegründeten verblassen mußten. Das erste Jahrhundert der Universität Köln ist eine Blütezeit gewesen. Aber obwohl es in der Zeit des Humanismus nicht an günstigen Anfängen gefehlt hat, konnte infolge der strengen Orthodoxie, die hier immer ihre Hochburg hatte, eine eigentliche Wissenschaft nicht gedeihen. Wie Köln wurden auch Trier und Mainz seit 1560 durch den Einfluß der Jesuiten gelähmt. Das Aufblühen von Mainz 1784 kam zu spät, da die Universität bereits 1798 durch die Franzosen aufgelöst wurde. So kommt K. zu dem Urteil, daß die  deutsche Geistesgeschichte von den alten rheinischen Universitäten keine erhebliche Förderung erfahren habe. -- Wie in Mainz, so war auch in der jungen, 1784 durch Kurfürst Max Franz eingeweihten Universität Bonn die Blüte nur von kurzer Dauer. Die politischen Verhältnisse haben auch ihr ein jähes Ende bereitet. M. Braubach ( 2588) hat es verstanden, ihr kurzes Dasein anschaulich zu schildern. Besonders die Kämpfe, welche sich um die Persönlichkeit von Franz Gall drehen und die Wirren berühren, welche der Plan einer cisrhenanischen Republik hervorrief, verdienen Beachtung. Die Auflösung erfolgte 1798, da die Professoren es ablehnten, den Eid auf die französische Republik zu leisten.

I. Bibliographie. Archive. Bibliotheken.

An Stelle der Übersichten über die elsässische Geschichtsliteratur, die vor dem Kriege von Marckwald, Kaiser u. a. in der Zeitschrift f. d. Gesch. d. Oberrheins alljährlich veröffentlicht wurden, wird der  deutsche Forscher jetzt die elsaß-lothringischen Bibliographien Poewes im Elsaß-Lothringischen Jahrbuch benutzen ( 36). Von französischer Seite ist diese Verkoppelung der beiden Landschaften getadelt worden. Wenn nun auch etwa der Versuch, eine elsaß-lothringische Geschichte zu schreiben, wie ihn Karl Stählin unternommen hat, auf starke Bedenken stoßen muß, so scheint es mir doch durchaus zulässig und jedenfalls dem heutigen Interesse des deutschen Publikums entsprechend, wenn vermischte Aufsätze und bibliographische Angaben über beide Länder in einem gemeinsamen Rahmen dargeboten werden. Die Franzosen bevorzugen das System der getrennten Behandlung. Während von der elsässischen Bibliographie, die von der Straßburger Faculté des Lettres herausgegeben wird, im Berichtsjahr keine neue Lieferung erschienen ist, hat die Bibliographie Lorraine, die als Teil der Annales de l'Est erscheint, eine umfangreiche, für den Spezialforscher unentbehrliche Fortsetzung erfahren ( 37), nicht in Form einer rein bibliographischen Aufzählung, sondern ausführlicher kritischer Besprechungen, die manche wertvolle Einzelheit bieten;  deutsche Publikationen werden freilich nur in Auswahl berücksichtigt und nicht immer mit der nötigen Objektivität beurteilt.

II. Gesamtdarstellungen.

Im Anhang untersucht K. Beyerle eingehend den berühmten Liber confraternitatis. Die dort verzeichneten 40 000 Namen bilden eine unschätzbare Quelle. Man gewinnt einen Überblick über den Mönchsbestand von fast zweihundert Jahren, 775--940, man lernt die zahlreichen amici kennen. Unter den erlauchten Wohltätern, die durch ihre Schenkungen die kulturellen Leistungen der Abtei ermöglichten, stehen obenan Karl Martell und Karl der Große, Ludwig der Fromme und Ludwig der  Deutsche, Swanahild und die Welfin Judith. Mannigfache Ergebnisse werden gewonnen. Die westfränkischen Mönchsnamen der ersten Totenliste scheinen auch darauf hinzuweisen, daß die Gründer der Reichenau aus dem Westen kamen. Als normaler Konventsbestand guter Zeiten im 9. und 10. Jahrhundert ergibt sich die Zahl von 90 bis 120. Die Listen zeigen, wie beliebt die Reichenau als Wallfahrtsort war, wie oft ihr Schutz von Pilgern aus ganz Europa in Anspruch genommen wurde, welcher Verkehr sich dort abspielte. Neben den vornehmsten Namen finden sich einige israelitische, wohl Namen von Stoff- und Farbenhändlern. Mit dem wirtschaftlichen Verfall hörte auch die Confraternitas auf. Es ergeben sich manche Verbesserungen und Ergänzungen zu der Piperschen Ausgabe des Liber confraternitatis und zu den Formulae in den MGH.

III. Quellen und Darstellungen nach der Reihenfolge der Ereignisse.

Einen Beitrag zur Geschichte der badischen Revolution liefern die Denkwürdigkeiten von Friedrich Daniel Bassermann, die seine Enkel Friedrich und Ernst von Bassermann-Jordan herausgeben ( 1156). Sie lassen den Text unverändert, der manche Kürzung vertragen hätte, und fügen nur einige Notizen und Dokumente aus dem Nachlaß sowie ein Namensregister mit kurzen biographischen Angaben bei. Bassermann begann mit der Aufzeichnung am 28. Mai 1849 und diktierte seine Erinnerungen später dem Sohne Emil. Handeln sie zunächst vorwiegend über badische Geschichte, so gehen sie mit Bassermanns Wirksamkeit in Frankfurt im März 1848 die  deutsche Geschichte an. Als Mitglied des Vorparlaments, der deutschen Nationalversammlung und des Reichsministeriums weiß Bassermann manches zu berichten über Persönlichkeiten und Ereignisse. Auf den letzten Seiten erzählt er von der Berliner Reise und den Audienzen bei Friedrich Wilhelm IV. im Herbst 1848. Als das Manuskript Heinrich von Treitschke im Jahre 1877 vorgelegt wurde, sprach er sich unbedingt für die Veröffentlichung aus: das Buch »wird seine gute Stelle in der deutschen Memoirenliteratur finden und behaupten«. Neben Bildern Bassermanns sind auch Karikaturen beigegeben.

II. Quellen und Darstellungen.

Auf eine im Staatsarchiv Luzern aufbewahrte Sammlung von Urkunden zur Pfälzer Geschichte macht erneut E. Lind ( 183a) aufmerksam (vgl. Th. Sickel, Über Kaiserurkunden in der Schweiz S. 51; Gött. Nachr. 1904, S. 428). Einst im Besitz der Familie Gatterer wurde die Sammlung nach des jüngeren Gatterer Tod 1838 an das Kloster St. Urban bei Luzern verkauft und kam nach Aufhebung des Klosters an den Kanton. Die älteste der für die pfälzische Ortsgeschichte wichtigen Urkunden ist eine Kaiserurkunde Ludwigs II. vom Jahre 877, die jüngste stammt aus dem Jahre 1274. -- Als letzte Gabe des um die Geschichte des Bistums Freising so hochverdienten Prälaten Dr. Schlecht ( 788) legt der historische Verein Freising den 1. Teil einer Ausgabe der deutschen Freisinger Bischofschronik vor. Die Chronik, die wahrscheinlich am Beginn des 16. Jahrhunderts verfaßt wurde, liegt nur in mehreren voneinander abweichenden Abschriften vor. Der von Schlecht unter Mitwirkung von B. Arnold mit ausführlichem Kommentar veröffentlichte Teil reicht von Korbinian bis zum Tode Bischof Ottos I. ( 1158) und ist einer erst kürzlich aus dem Hauptstaatsarchiv an die Bayerische Staatsbibliothek gekommenen Handschrift (Cgm. 5805) entnommen. (Vgl. auch die Besprechung durch W. Levison oben S. 226.) -- Das Landbuch A des Amtes Bayreuth, das A. Lippert ( 1595) veröffentlicht, wurde als Steuerbuch um 1386 begonnen und bis Ende des 14. Jahrhunderts fortgesetzt. Für den Familienforscher wie für die Ortsnamenurkunde des Bayreuther Landes bietet es reiche Ausbeute. -- B. Schmeidler ( 827) weist auf die Bedeutung Frankens für das  deutsche Königtum im Mittelalter hin. Das Herzogtum Franken, das Otto I. für die Krone einzog, war bis ins 13. Jahrhundert der wichtigste Stützpunkt für die Könige, die durch den Besitz dieses im Herzen Deutschlands gelegenen Kronlandes allen anderen Fürsten überlegen waren. Der Investiturstreit war, vom innerdeutschen Standpunkt aus gesehen, ein Kampf um den Besitz


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Frankens. Für das Herzogtum Franken selbst, das sich unter dem Schutz der Könige und ihrer Stellvertreter, der Bischöfe von Bamberg und Würzburg, mächtig ausbreitete, war diese Verbindung von größtem Vorteil. Für das Königtum dagegen bedeutete der Verlust des Herzogtums Franken nach dem Interregnum eine schwere Einbuße. -- Heinrich II. als Förderer der Stifte St. Emmeram, Ober- und Niedermünster in Regensburg schildert ein Aufsatz F. Heidingsfelders ( 834). Dem Stifte St. Emmeram, das unter Abt Ramwold seine Blüte erlebte, bestätigte der Kaiser 1021 seine Besitzungen und Rechte, dagegen war er am Bau der Kirche nicht beteiligt. Durch seine Aufträge an die Regensburger Schreibschulen trug Heinrich II. zur Blüte der Buchmalerei und Goldschmiedekunst bei. Zeuge davon sind eine Reihe herrlicher Miniaturhandschriften, darunter das Evangeliar der Äbtissin Uta von Niedermünster. Die alte Kapelle in Regensburg hat Heinrich 1002 mit königlichen Freiheiten begabt, das dortige Gnadenbild, das mit dem Kaiser in Beziehung gebracht wird, entstammt aber einer späteren Zeit. Zur Stadt Regensburg unterhielt der Kaiser nach seiner Thronbesteigung keine näheren Beziehungen mehr.

II. Quellen und Darstellungen.

Für eine gerechtere Beurteilung der Leistungen Bayerns in den Befreiungskriegen tritt Bezzel ( 1100) ein, indem er auf die schwierige Lage, in der sich das Land zu Beginn des Jahres 1813 befand, hinweist. Der Wiederaufbau der in Rußland vernichteten Armee stieß auf Schwierigkeiten, da die neuerworbenen fränkischen Gebiete zu Preußen neigten, während die salzburgischen Gebiete und Tirol österreichisch gesinnt waren. Der König, der Napoleon so viel verdankte, und der in französischen Anschauungen befangene Montgelas konnten sich nur zögernd zu einer Napoleon feindlichen Politik entschließen. Diese Haltung der Regierung, von der nur der deutschgesinnte Kronprinz Ludwig eine Ausnahme machte, wirkte lähmend auf das Volk. In dem noch jungen, aus verschiedenen Volksteilen zusammengesetzten Staat konnte eine Begeisterung wie in dem einheitlicheren Norden nicht aufkommen. Doch fehlte  deutsche Gesinnung und vaterländische Begeisterung nicht völlig. Nach dem durch den Vertrag von Ried erfolgten Anschluß an die Verbündeten hemmte die unentschlossene Haltung des benachbarten Württemberg den Vormarsch Wredes. An der Hand neuer bayerischer Akten beleuchtet Verfasser die Intrigen des württembergischen Hofes, den Wrede durch ein Ultimatum zur Entscheidung zwingen mußte. Die gegen Wredes Kriegführung in Frankreich erhobenen Angriffe weist Verfasser als unbegründet zurück. Wrede war ein kluger Führer und ein guter Deutscher, der mit Ernst sich für die Sache der Verbündeten einsetzte.

II. Quellen und Darstellungen.

Die Entwicklung Karl Braters zum Führer der kleindeutschen Partei in Bayern unter dem Eindruck des italienischen Krieges von 1859 macht Kurt


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v. Raumer ( 1180) zum Gegenstand einer gedankenreichen Untersuchung. Während die ultramontane Richtung und die großdeutsch gesinnten Kreise auf Unterstützung Österreichs um jeden Preis drängten, vertrat K. Brater in seiner im April 1859 gegründeten »Bayerischen Wochenschrift« die Auffassung, daß der Krieg gegen Napoleon III. nur im Verein mit Preußen geführt werden dürfe. Eine Teilnahme am Krieg habe ferner zur Voraussetzung, daß Österreich sich zu Reformen im liberalen Sinne bereit erkläre. Dann werde der von allen deutschen Stämmen siegreich durchgeführte Krieg von selbst den politischen Zusammenschluß -- die  deutsche Einheit -- bringen. Braters publizistische Tätigkeit wurde unterstützt von seinen Freunden Bluntschli und Hermann Baumgarten, während Heinrich v. Sybel publizistisch weniger hervortrat, aber wegen seiner Beziehungen zu preußischen Politikern ein geschätzter Bundesgenosse war. Im Parlament führten den Kampf im liberalen Sinne Marquardt Barth und Josef Völk. Der für Österreich unglückliche Ausgang des Krieges zeigte die Unmöglichkeit der Lösung der deutschen Frage im großdeutschen Sinne. Unter diesem Eindruck rang sich Karl Brater zögernd vom Vertreter des gesamtdeutschen Gedankens zum Anhänger der kleindeutschen Richtung durch. Überzeugt, daß nur eine Agitation großen Stils die  deutsche Einheit herbeiführen könne, wurde Brater nun als Leiter der »Bayerischen Wochenschrift« und ihrer Nachfolgerin, der »Süddeutschen Zeitung«, ein Vorkämpfer der Ideen des Nationalvereins, und half im Süden -- besonders in den fränkischen protestantischen Kreisen -- den Boden bereiten für eine Lösung der deutschen Frage im kleindeutschen Sinne.

II. Quellen und Darstellungen.

M. Doeberl ( 1203) setzt seine Studien zur bayerischen Geschichte im 19. Jahrhundert mit einem weiteren Band fort, der den Eintritt Bayerns ins  Deutsche Reich 1870 behandelt. Verfasser stellt an die Spitze seiner Ausführungen den Satz, daß die Politik der bayerischen Regierung aus der damaligen Lage Bayerns erklärt werden müsse und kommt demzufolge in vielen Einzelheiten zu anderen Ergebnissen als die norddeutschen Historiker, die bei ihren Forschungen den gesamtdeutschen Maßstab anlegten. Bayerns Eintritt ins  Deutsche Reich erfolgte nur zögernd. Es war das einzige  deutsche Land, dem es nach Bismarcks Urteil gelungen war, ein wirkliches Nationalgefühl auszubilden. Die Dynastie fürchtete für ihre Souveränität, die Landtagsmehrheit war ein entschiedener Gegner des Kaisertums der Hohenzollern. So ist es verständlich, daß der leitende bayerische Minister Graf Otto von Bray, der mit diesen Widerständen zu rechnen hatte, sich nur langsam zu einer Politik entschließen konnte, die die  deutsche Frage im kleindeutschen Sinne löste. Es ist eines der Hauptverdienste des Doeberlschen Buches, daß es die Bedeutung Brays ins rechte Licht setzt gegenüber der Auffassung bayerischer Kreise (Luise v. Kobell u. a.), die dem König in allen entscheidenden Fragen die Initiative zuschreibt. So drängte Bray nicht nur nach Ausbruch des Krieges auf bedingungslose Erfüllung der Bündnisverträge, er war es auch, der unter dem Eindruck der militärischen Erfolge vom König die Ermächtigung erbat, mit Bismarck über den Anschluß Bayerns an den Norddeutschen Bund in Verhandlungen zu treten. Die Münchener Vorkonferenz vom 22.--27. September, deren Protokolle Doeberl erstmals im vollen Wortlaut mitteilt, bedeutet nicht, wie Ruville und Lorentz behauptet haben, einen Rückfall in partikularistische Tendenzen. Bei den Verhandlungen in Versailles standen sich bayerische und preußische Wünsche zunächst schroff gegenüber, da die bayerische Regierung nicht dem Norddeutschen Bund beitreten, sondern nur auf der Grundlage eines weiteren Bundes verhandeln wollte. Es gelang den bayerischen Unterhändlern nicht, mit ihrer Auffassung durchzudringen. Die Verfassung des Norddeutschen Bundes wurde mit geringen Änderungen die Verfassung des Deutschen Reiches, doch kam Bismarck, der einen freiwilligen, keinen erzwungenen Eintritt Bayerns wünschte, dem Staat durch Einräumung einer Ausnahmestellung innerhalb des Reiches entgegen. Diese Zugeständnisse erleichterten Bray seine Stellungnahme zur Kaiserfrage. Das Kapitel, in dem Verfasser das Kaiserproblem behandelt, gehört zu den eindrucksvollsten des Buches. Es war für den bayerischen Staatsmann keine leichte Aufgabe, den in den höchsten Vorstellungen von seiner Würde lebenden König Ludwig II. dazu zu bewegen, den bekannten, von Bismarck verfaßten Brief an König Wilhelm zu senden, in dem er ihn um Annahme des Kaisertitels bat. Nicht ohne tiefe Bewegung liest man die vom Verfasser mitgeteilten Briefe der Prinzen Luitpold und Otto, in denen sie den König beschwören, nicht zum Totengräber der Dynastie zu werden. Wenn sich Ludwig II. schließlich herbeiließ, seine Zustimmung zu


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geben, so geschah es nur, um zu verhindern, daß ein anderer deutscher Staat die Initiative ergriff. Verfasser weist in einem Schlußkapitel, das »Das Bismarckische Reich und sein Verhältnis zu Bayerns König und Volk« betitelt ist, nochmals auf die weise Mäßigung Bismarcks hin, der durch seine kluge Politik nach 1870 den deutschen Einzelstaaten und ihren Fürsten das Einleben in die neuen Verhältnisse erleichterte. Ludwig II. verehrte in Bismarck den Beschützer der Rechte der Bundesfürsten. Doeberl schließt seine bedeutsamen Ausführungen, für die zum erstenmal die bayerischen Staatsakten in vollem Umfang herangezogen wurden, mit einer warmen Verteidigung des föderalistischen Charakters der alten Reichsverfassung, nicht ohne einen Blick zu werfen auf die jetzt wieder heiß umstrittenen Probleme des Föderalismus und Unitarismus. Wenn Doeberl gerade in diesem Punkt nicht allgemeine Zustimmung gefunden hat (vgl. auch die Anzeige durch W. Mommsen oben S. 288), so liegt hier ein Gegensatz politischer Anschauungen vor, über den sich eine letzte Einigung nicht erzielen lassen wird.

V. Kirchengeschichte.

Die Gründungsgeschichte und die allmähliche Entwicklung des Augustinerchorherrenstifts Berchtesgaden zum reichsunmittelbaren Territorium behandelt Larverseder ( 2059). Durch Irmingard von Rott gegründet und von Rottenbuch aus besiedelt, verdankt das Kloster seine Bedeutung dem Berg- und Salzregal, das ihm 1156 durch Friedrich I. verliehen wurde. Dazu fügte Heinrich VI. 1194 das Immunitätsrecht und Adolf von Nassau das Recht der Ausübung des Blutbannes. Durch Kaiser Maximilian I. zu Reichsfürsten erhoben, stimmten die Pröpste seit 1559 auf den Reichstagen mit den Fürsten. -- Die zweite Blüte, die viele  deutsche Abteien im 17. und 18. Jahrhundert erlebten, veranschaulicht Anton Schmidt ( 2208) am Beispiel von Benediktbeuren. Die Abtei erholte sich rasch von den Schäden des Dreißigjährigen Krieges, die mehr als das Kloster selbst seinen in Bayern und Schwaben zerstreuten Besitz betroffen hatten. Durch mäßigen Gütererwerb und intensive Bewirtschaftung erlangte das Kloster einen wirtschaftlichen Aufschwung, dessen Höhepunkt in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts fällt. Das wissenschaftliche Leben hob sich im Anschluß an die Errichtung einer bayerischen Benediktinerkongregation und die damit verbundene religiöse Erneuerung. In den Jahren 1698--1708 und 1762--69 hatte das Kloster eine Hochschule (commune studium) in seinen Mauern. In der großen Zahl gelehrter Männer, deren Studien durch eine treffliche Bibliothek unterstützt wurden, hat sich Karl Meichelbeck, der Verfasser der Historia Frisingensis und des Chronicon Benedictoburanum, bleibenden Nachruhm erworben. Kunstfrohe Äbte entfalteten eine rege Bautätigkeit und beschäftigten Barock- und Rokokokünstler, wie Georg Asam, Joh. Bapt. Zimmermann und Joh. Mich. Fischer.

II. Gesamtdarstellungen.

K. Hugelmann ( 1534), der schon wichtige Beiträge zur neuesten Geschichte Österreichs geliefert hat, entwirft eine knappe Übersicht über die Entwicklung des österreichischen Parlamentarismus seit 1867. Sie läuft in ein Bekenntnis für den Anschluß Österreichs an das  Deutsche Reich aus. »Die Aufgabe, welche Deutschösterreich in der alten Monarchie hatte, ist entfallen, nur die Aufgabe, in der eigenen Nation als der von Gott gewollten Ordnung zu wirken, ist ihm geblieben. Deutschösterreich hat jetzt geradezu providentiell einen nationalen Beruf.« (B.)

III. Geschichtliche Landeskunde.

Nordtirol betreffend kommt E. Klebel ( 866) vermittels eindringlicher, auch die benachbarten bayrisch-schwäbischen Gerichte miteinbeziehender, knapp formulierter historisch-topographischer Einzeluntersuchungen im Verein mit Erwägungen rechtsgeschichtlicher Art zu dem Ergebnis, daß eine welfische, den Staufern vererbte Grafschaft im Oberinntal »doch keine haltlose Annahme« sei. -- Hier sei auch gleich Kuk ( 2193) genannt, der in einer an weitere Kreise sich wendenden Darstellung den in der Tiroler Erhebung von 1809 führenden Männern geistlichen Standes biographische Denkmäler setzt. (B.) -- Erfreulich ist das Interesse für das  deutsche Südtirol ( 221), dem eine Vortragsreihe gewidmet wurde. Während Voltelini in knappen Zügen den geschichtlichen Nachweis erbringt, daß die Bayern wahrscheinlich in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts vom Kessel von Bozen Besitz ergriffen haben und daß das Bistum Trient bis zu seiner Säkularisation 1803 als Bestandteil des Deutschen Reiches galt, und auf den Anteil dieses Landes an der Blüte deutschen Schrifttums hinweist, zeigt W. Winkler »Deutschsüdtirol im Lichte der Statistik«. Die hier auf die Zählungen von 1880, 1890, 1900 und 1910 sich aufbauenden Ziffern lassen über den deutschen Charakter Deutschsüdtirols keinen Zweifel aufkommen. (B.) -- Den Ortsnamen Bozen im besonderen behandelt K. v. Ettmayer ( 667), der geneigt ist, ihn nicht als einen römischen, aus dem Gentilnamen Baudius abgeleiteten, sondern in der bei P. Diaconus erstmalig belegten Form Bauzanum (= Dornenverschanzung) als einen ligurischen zu deuten. -- Bezüglich der wichtigsten Trientiner Chroniken des Mittelalters gibt G. Gerola ( 871) als Vorstudie für einen Ergänzungsband der Scriptores rerum Italicarum eine knappe quellenkritische Übersicht. Neben einer alten Ordo episcoporum von 1039/43 (mit zahlreichen chronikalischen Fortbildungen) und einer auch Trient berührenden Bozener Chronik von der Mitte des 14. Jahrhunderts sei hier besonders auf Hinderbachs autobiographische Notizen sowie auf die Geschichtsschreiber des Roveretanerkrieges Erzherzog Sigismunds von Tirol (1487) hingewiesen.

IV. Quellen und Darstellungen in der Reihenfolge der Ereignisse.

Mit großer geistiger Schärfe und getragen von einem nationalen Ethos, das mit Bewußtsein das »Sine ira et studio« des Tacitus von sich abweist, hat Fester ( 1434) die politischen Vorgänge während des Weltkrieges seit dem Friedensangebot der Mittelmächte vom 12. Dezember 1916 unter die kritische Lupe genommen. Hierbei rückt Österreich-Ungarn in den Vordergrund. Seiner Überzeugung nach hing der Bestand der Habsburgermonarchie davon ab, daß sie sich mit Hintansetzung aller Sonderbestrebungen in die Politik des Deutschen Reiches restlos einfügte. Freilich könnte man dieser Behauptung voll zustimmen und doch die Versuche Kaiser Karls, seiner Gattin und seines Ministers, dem Kriege ein Ende zu bereiten, geschichtlich verstehen, ohne hinter diesen Versuchen Intrigen und sittliche Verwerflichkeit zu sehen. Wie der Ausgang des Weltkrieges gezeigt hat, stand für Österreich-Ungarn auf jeden Fall mehr auf dem Spiele als für Deutschland. In solcher Lage hätte eine stärkere Persönlichkeit, als es der letzte Habsburger war, Entschlüsse nach der einen oder anderen Richtung gefaßt, die ihr den Ruhm fleckenlosester Bündnistreue oder das Schicksal eines heroischen »Verräters« gesichert hätten. Da sich Karl zu keinem von beiden Schritten entschließen konnte, hat F. in gewissem Sinne Recht, wenn er Karls Handlungsweise nach bürgerlichen Moralbegriffen wertet. Historisch-technisch gesehen, bietet er in der Darstellung der Sixtusbriefe und auch sonst wahre Meisterstücke kritischer Zergliederung. Man nimmt es darum gern in Kauf, wenn er, wie manche Kritiker, den kritisierten Gegner bisweilen, ohne es zu wollen und zu merken, zu einem Range erhebt, der ihm gar nicht zukommt. (B.) -- In gewissem Sinne stellt das Buch von B. Auerbach ( 1423) den Gegenpol zu Festers Werk dar. Wissenschaftlich darf freilich die französische Leistung nicht in einem Atem mit der des deutschen Gelehrten genannt werden. Darin steht sie zu weit hinter jener Festers zurück. Immerhin hat man Gelegenheit, die reichliche Benützung publizistischer Literatur zu bewundern. A.s stark auf Zeitungs- und Memoirenlektüre aufgebaute Darstellung der Geschichte Österreich-Ungarns während des Weltkrieges ist gesättigt mit allen Voreingenommenheiten Frankreichs gegen die Deutschen. Durch die nicht immer kritische Bewertung der verschiedenen Zeitungsstimmen läßt er sich zuweilen zu ganz falschen Vorstellungen von den Verhältnissen in der Habsburgermonarchie verleiten. So sieht er überall »Unterdrückung« der nichtdeutschen Nationalitäten durch  Deutsche und Madjaren und zieht daraus Folgerungen, die völlig ungeschichtlichen Charakter tragen. Das hindert nicht, daß er manche Dinge sehr richtig und treffend beurteilt, z. B. die eigensüchtige Wirtschaftspolitik der Ungarn, die Verhältnisse in der italienischen Armee usw. Im übrigen sind viele seiner Urteile nur ex eventu richtig und besitzen höchstens politischen, aber


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nicht wissenschaftlichen Wert. Je mehr sich der Verfasser gehen läßt, um so deutlicher wird die aktuelle politische Absicht, die für die meisten seiner Behauptungen den Hintergrund abgibt. Freilich mag man bezweifeln, ob eine solche Zweckschrift, die erst über die »arrogance« der Deutschen im alten Österreich spricht, die Deutschen des neuen Österreichs für sich zu gewinnen vermag, zu gewinnen für eine Politik gegen das  Deutsche Reich. (B.)

IV. Quellen und Darstellungen in der Reihenfolge der Ereignisse.

Überaus aufschlußreich sind die Darlegungen der zwei Verfasser Gratz und Schüller ( 1535), die an den Vorgängen, die sie hier schildern, zum Teil in hervorragendem Maße beteiligt waren. Es handelt sich da in der Hauptsache um die Bemühungen, ein in sich geschlossenes größeres mitteleuropäisches Wirtschaftsgebiet zu schaffen. Zu diesem Zwecke hat schon 1915 die  deutsche Regierung ein Promemoria ausgearbeitet, das aber von Österreich nur mit Zurückhaltung aufgenommen wurde. Inzwischen zogen sich 1916/17 die Verhandlungen zwischen Österreich und Ungarn zur Erzielung eines »Ausgleiches« hin. Als dann am 24. Februar 1917 ein solcher für die Zeit von 20 Jahren nur unter großen Schwierigkeiten -- das Ministerium Körber war darüber gefallen -- zustande kam, knüpfte man neuerdings mit dem Deutschen Reiche Wirtschaftsverhandlungen an, die am 11. Oktober 1918 zu Salzburg ihren Abschluß fanden. Leider hatte der Zusammenbruch ihre Ausführung verhindert, sie wären gegenwärtig eine erwünschte Grundlage für die wirtschaftliche Vereinigung Deutschösterreichs mit dem Deutschen Reiche. (B.)

III. Historische Landeskunde.

In dem Streite um die Urgermanenlehre ( 611), der nunmehr nach mehr als einem Jahrzehnt zur Ruhe gekommen zu sein scheint, steht Mayer ( 606) ungefähr in der Mitte, wie ja auch Schwarz ( 604, 686), dessen Arbeit von 1923 Mayer nicht mehr benutzt hat. M. ist bemüht, das keltische, markomannische, slawische und kolonisationszeitliche Namengut voneinander zu sondern, um so auch für die Siedlungsgeschichte brauchbare Stützen zu gewinnen. Großen Wert legt er auf die Gruppe markomannischer Namen, die sich ohne Vermittlung des slawischen Mundes, nur im deutschen Munde bis ins spätere Mittelalter erhalten und entwickelt haben können. Zu ihnen zählt er Eger, Mies, Moldau, Pfraumberg, alle in Westböhmen gelegen, dann March, Schwarzawa, Iglawa und Raabs in Südmähren und der Nachbarschaft, so daß er einige Mittelpunkte uransässigen Deutschtums rein philologisch erschließt. Des Genaueren befaßt er sich mit dem Misalande, wo er alte und junge Namen -- die -brand-Orte hält er für markomannisch, die -dorf- und -reut-Orte für jung -- zu scheiden sucht. M. zieht die Dorfformen zu Rate, läßt jedoch die viel wichtigeren Flurformen außer acht. Immerhin macht er Tachau, Pfraumberg als altes Siedlungsland sehr wahrscheinlich. M. verfolgt dann, wie die slawische Besiedlung in dieses  deutsche Gebiet vorgedrungen ist, wie sie mit der jüngeren, von Waldsassen kommenden deutschen Siedlungswelle zusammentraf. Das anschließende Tepler Hochland zeigt eine spätere Besiedlung. Für das Egerland ist M. wohl mit Recht der Meinung, daß auch hier germanische Reste übrig blieben, die nicht slawisiert wurden. Auch im Egerlande schält M. ein Gebiet alter Namen heraus, die unbedingt den Markomannen zuzurechnen seien. Die Slawen freilich, welche im Egergraben am Werke waren, gehörten den Sorben, nicht den tschechischen Stämmen zu. Die Untersuchungen M.s, mögen sie auch unvollständig sein, haben einen großen Wert und werden durch siedlungsgeschichtliche Arbeiten zweifellos erhärtet werden, so daß endlich jene theoretisch stets angenommenen Reste deutscher Urbevölkerung auch wissenschaftlich faßbar sein werden.

III. Historische Landeskunde.

Eine wertvolle Ergänzung erfahren Mayers Untersuchungen über das Tachauer Gebiet durch Beer ( 609), der besonders von der verfassungsgeschichtlichen Seite her auf die Sonderstellung und -entwicklung des Tachauer Kreises hinweist, der darin dem Elbogener und Trautenauer Gebiete gleichkommt. Die Heranziehung von Sedláček: O starém rozdělení Čech na kraje ( 1921), 133 ff., wäre dabei von Nutzen gewesen. Tachau selbst ist wie manche andere Stadt Böhmens dadurch entstanden, daß neben Burg und slawischer Siedlung die  deutsche Stadt gebaut wurde. Die Nachrichten des Cosmas von 1126, 1131 sind auf dieses Tachau zu beziehen. Ein Teil der Dörfer in der Umgebung ist im 13. Jahrhundert deutsch besiedelt worden. Tachau selbst weist im 14. Jahrhundert eine Reihe deutscher Bürgernamen auf. An dem Sonderbeispiel Schönwald zeigt B., wie drei koloniale Wellen im 13., 16. und 18. Jahrhundert einander folgten. Für den zweiten Kolonisationsabschnitt kommt er zu dem wichtigen Ergebnis, daß von 1570 bis 1650 47 Zuwanderer festzustellen sind, von denen 40 aus dem Reiche, und zwar aus der benachbarten Oberpfalz und Franken, nur 7 aus dem Inlande kamen. Ein Fingerzeig, wie wichtig Spezialuntersuchungen werden können.

b) Bis 1620.

Belebt wie die böhmische Geschichte wird auch das Forschungsfeld, von Königen und Kärrnern gleich liebevoll bebaut, sobald die Zeit der Hussiten in Sicht kommt. Ist sie auch in erster Linie das glanzvolle Zeitalter der tschechischen Nation, so doch ein ebenso wichtiger Abschitt spätmittelalterlicher deutscher Geschichte. Gab 1915 das Hus-Jubiläum den äußeren Anlaß zu einer Reihe gewichtiger Arbeiten über das gesamte Zeitalter, so 1924 die Wiederkehr des 500jährigen Todestages Žižkas, um dessen Gestalt in diesem und dem folgenden Jahre eine ganze Literatur, zum großen Teil panegyrischen Charakters, anwuchs. Dabei ist manches Neue zutage gefördert worden. Bartoš ( 2770), ein erfolgreicher Erforscher des ganzen Abschnittes, hat in der Form scharf geschnittener Skizzen und Essays seine Grundanschauungen über die Hussitenzeit an Hand der Hauptträger zusammengefaßt und weiteren Kreisen zugänglich gemacht. Angefangen von Wenzel IV., für den er eine gerechtere und mildere Beurteilung verlangt, ziehen in bunter Folge die Lebenswerke und Gesichte des Hieronymus von Prag, Hus', der Gegner Husens in Konstanz, Žižkas, des Engländers Peter Payne, dann einer Reihe hussitischer Jünger und Märtyrer, Johann Rokycanas und Georgs von Podiebrad


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vorüber, wobei Bartoš voll und ganz auf hussitischem Boden steht und das Füllhorn des Lobes freigebig neigt. -- Es ist erfreulich, daß auch Loserths ( 2032) bereits 1884 erschienenes Werk, das seither für die  deutsche Wissenschaft die Grundlage gewesen ist, eine zweite Auflage erlebt hat, in der Loserth vor allem seine inzwischen gemachten eigenen Untersuchungen verwertet hat, weniger die immer höher anschwellende tschechische Husforschung, in der besonders das Problem Hus--Wiclif in letzter Zeit erfolgreich behandelt worden ist (vgl. dazu Wostry, Mitt. d. Ver. f. Gesch. d. Deutsch. in Böhmen 63 [1925], 117 ff.). -- Die wichtigste Arbeit über Žižka floß zweifellos aus der Feder des Führers der tschechischen Geschichtswissenschaft, Pekař ( 2790). Nicht gleich hat eine Arbeit so viel Staub aufgewirbelt wie diese, in der Pekař unerschrocken und ohne Rücksicht auf die durch Alter geheiligte Volks- und Wissenschaftsmeinung an ein Hauptidol tschechischer mittelalterlicher Geschichte greift. Dabei bedient er sich jener Methode, die zuletzt A. Kraus in dem dreibändigen, 1924 abgeschlossenen Werk: Husitství v literatuře, zejména německé (Das Hussitentum in der Literatur, besonders in der deutschen) angewandt hat: ein Ereignis, eine Epoche, eine Persönlichkeit in der Beurteilung der Zeitgenossen und der folgenden Zeit zu studieren, wobei dann nicht nur aufschlußreiche Einblicke in den kulturellen Bau der verschiedenen Zeitalter, sondern auch das Aufkommen und Vererben von Lehren, zumal falscher, zu erkennen möglich ist. Pekař hat es unternommen, die Mit- und Nachwelt über Žižka und sein Werk abzuhören. Bei Eneas Sylvius beginnt das Kreuzverhör. Zunächst stellt Pekař fest, daß die böhmische Geschichte des Eneas Sylvius seit Palacký als ungenaues und tschechenfeindliches Werk fast einmütig verdammt worden sei bis auf Bezold, der gleich Pekař, Voigt und Joachimsen diesem Werke nicht Fälscherabsichten unterschiebt. Was war Sylvius für Žižka? Pekař erklärt: »Den Žižka als große Gestalt der europäischen Geschichte schuf vor allem das Werk des Sylvius, des Kardinals und späteren Papstes der römischen Kirche.« Eneas Sylvius reizte der Kontrast. Neben viel Schlechtigkeit weiß er auch viel Rühmliches zu berichten, und beides in überschwenglichen Worten. Grauen und Bewunderung paaren sich bei ihm innig, so daß die aus dieser Verquickung gegensätzlicher Elemente entstandene Gestalt die Phantasie der weitesten Volksschichten erregen mußte. Wie hier der größte Feind der Hussiten, der römische Kardinal, Žižka in die Weltgeschichte und ins Volk eingeführt hat, so war es ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß im 19. Jahrhundert ein deutschböhmischer Dichter, Alfred Meißner, ein Angehöriger jenes Volkes also, das Žižka am liebsten ausgerottet hätte, Žižka beim tschechischen Volke erst wieder beliebt und sozusagen modern gemacht hat.

b) Bis 1620.

Um das Milieu zu zeichnen, in dem Žižka lebte, schlägt Pekař einen dankbar zu begrüßenden Umweg ein, der ihn zunächst in den Ideengehalt der gesamten Taboritenzeit führt. Um Höhen und Tiefen zu erkennen, wendet er sich vor allem an die Zeitgenossen und die Hauptträger dieser Ereignisse um Rat und läßt Freund und Feind Revue passieren. Dabei stellen sich wertvolle Beiträge und Bemerkungen zur bisherigen Kenntnis der gesamten hussitischen Bewegung ein. Als wichtigste Persönlichkeiten der hussitischen Revolution tauchen da gleich Jakubek von Mies und der  Deutsche Nikolaus von Dresden auf, die beide vor allem für den Kelch eintraten, durch den die hussitische


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Gemeinde erst ein sichtbares Zeichen ihres Glaubens aufgesteckt bekam. Einen großen Einfluß übten auf beide, besonders auf Nikolaus, die Waldenser aus, deren Einfluß auf das Werden der hussitischen Bewegung bereits im 14. Jahrhundert sehr hoch angeschlagen werden muß, wie Chaloupecký ( 2773) gleichzeitig zeigt. Für die Deutschen bleibt es höchst bemerkenswert, daß die  deutsche Kolonisation die Waldenser zum großen Teil nach Böhmen gebracht hat, so daß gerade  Deutsche die hussitische Bewegung erheblich gefördert und mit Gedankengut versorgt haben. Auch unter den Kelchnern, die um 1416 aus friedlichen Gottesstreitern zu radikalen, rücksichtslosen Gewaltmenschen wurden, welche das revolutionierte Taboritentum schufen, sind wieder  Deutsche zu finden. Die Prager als Gemäßigte gerieten dabei freilich 1417/18 ins Hintertreffen gegenüber den Radikalen. Eine vorzügliche Quelle für diese schrittweise Fanatisierung der Taboriten bietet Vavřinec von Březova. In der dritten Phase trat endlich der taboritische Chiliasmus in Erscheinung, zuerst 1419/20 in Prag. Diese Lehre gipfelt »in der Zeit der Rache«, das Gottesreich mit Christus als König wird unmittelbar erwartet, alle Gottesgegner, voran der Antichrist, verkörpert in König Sigmund, müssen bekriegt werden. Aber schon Ende 1420 war diese Bewegung so gut wie ausgelöscht. Freilich, die Zeit der chiliastischen Taten kam erst. Weiterhin erstrebten nach Pekař die Taboriten keineswegs im Sinne des Kommunismus eine Gleichheit aller Bürger, sie hoben nicht die mittelalterliche Weltordnung aus den Angeln, sie staken vielmehr noch ganz im Mittelalter. Die taboritische Bewegung war gegen die Geistlichkeit gerichtet und wurde von der städtischen Bevölkerung und dem niederen Adel getragen. Es ging um Glaubenssachen, nicht um politisch-soziale Vorteile. Den größten Gegenpol der taboritischen Lehre stellt Peter Chelčický dar, der den geistigen Kampf gegen den körperlichen ausspielt, die Liebe an Stelle von Gewalt setzt und damit zu einer vollständigen Verurteilung des Taboritentums kommt. So sah das Milieu Žižkas aus.

c) bis 1918.

Im 19. Jahrhundert überwiegt in der Geschichte der Sudetenländer durchaus der nationale Gedanke. Es bleibt daher stets reizvoll, die Einstellung der einzelnen bedeutenderen Persönlichkeiten hiezu kennenzulernen, da so allein oftmals die Frage der Zugehörigkeit zum deutschen oder tschechischen Volke entschieden werden muß. So hat Novák ( 2786a) das bereits aus den gedruckten Schriften des Fürsten Friedrich Schwarzenberg, des »letzten Landsknechtes«, erfaßbare Bild durch die teilweise Wiedergabe bisher unveröffentlichter Tagebücher und einer Selbstlebensbeschreibung, welche auf Schloß Orlik erliegen, in seiner nationalpolitischen Einstellung eindeutig festgestellt. Dieser Fürst war ein tschechischer Landedelmann reinsten Wassers, der freilich noch eine erhebliche Dosis an ständischen Überzeugungen mit sich trug, so daß er sich auch nicht völlig zum modernen nationalen Gedanken durchzuringen vermochte. Obwohl er nur deutsch schrieb, fühlte er doch im Innern völlig tschechisch, stand er auf dem Boden des historischen böhmischen Staatsrechtes, hielt er den österreichischen Zentralismus für das Verderblichste von der Welt, für den Mord der einzelnen Nationen. Besonders in den unveröffentlichten »Postdiluviana«, die in der Bachschen Ära entstanden, spie er Gift und Galle gegen das zentralisierende Wien und Österreich, aber auch gegen die Deutschen. Er sah in der Germanisation eine große Gefahr, daher lehnte er das  deutsche Wesen überhaupt ab. Dennoch besaß er nicht den Mut, auch äußerlich völlig mit dem Deutschtum zu brechen, wohl mit Rücksicht auf seine hochadlige Stellung und aus Achtung vor der Dynastie. Schwarzenberg beurteilt die Zeitereignisse zuweilen sehr scharfsinnig, so daß seine Ansichten für die tiefere Erfassung der fünfziger und sechziger Jahre gute Dienste leisten können. Aus den Reihen der Deutschen ist er entschieden zu streichen. Unangebracht erscheint, daß Novák mit dem letzten Landsknecht einige Lanzen gegen die angeblich hetzerisch veranlagten deutschen Professoren bricht.

c) bis 1918.

Wie dieses Fordern schließlich politische Wirklichkeit geworden ist, zeigt Masaryk ( 2781) in seinem Erinnerungswerke, das, aus der Feder des geistigen Urhebers und des Begründers der tschechoslowakischen Republik stammend, als erstrangiges Quellenwerk der vollen Beachtung wie der Nachprüfung wert ist. Es ist inzwischen auch ins  Deutsche übersetzt worden.

V. Rechts- und Verfassungsgeschichte.

Der böhmische Staat des Mittelalters ist ein recht bunt zusammengesetztes Gebilde, in dem


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auch das Egerland eine Sonderstellung einnimmt, die Winterling: »Die Reichspfandschaft Eger« (Asch, Selbstverlag, 67 S.) weiter aufzuhellen versucht, besonders dadurch, daß er die Egerer Pfandschaft als Sonderfall der Reichspfandschaften überhaupt erscheinen läßt. Freilich ist der Verfasser über seine Vorgänger, besonders Kürschner, nicht hinausgekommen. Von allgemeinen Darstellungen kennt er die Belows nicht. Es wäre überdies erforderlich gewesen, daß sich der Verfasser um die tschechische Literatur über das Egerer Gebiet gekümmert hätte, vor allem um die Ausführungen Čelakovskýs in seiner Povšechné právní dějiny, der gerade Eger einen ganzen Abschnitt widmete. -- In seiner Dissertation hat Dluhosch »Das Mitbesiegelungsrecht der böhmischen Großen« (Jb. d. phil. Fak. in Prag, II. Jg. [1926]) untersucht und für den beginnenden böhmischen Ständestaat gegen Koß die ganz den übrigen mitteleuropäischen Ländern entsprechende Entwicklung verteidigt. --Horna ( 2775a) zeigt, daß in Österreichisch-Schlesien der Landesausschuß bereits 1637 auftrat, während er in Böhmen erst 1652 nachweisbar ist. -- Im böhmischen Staate drohte auch das Territorium Wallensteins, das Herzogtum Friedland eine immer selbständigere Stellung einzunehmen. Schon hatte es gerichtliche und finanzielle Exemtion erhalten, und schon richtete Wallenstein eine der böhmischen Verwaltung nachgebildete eigene mit dem Sitz in Jitschin ein. Ein Landeshauptmann stand ihr vor, eine Hofkanzlei und eine Hofkammer wurden errichtet. Aus der Zeit von 1622--1634 nun hat sich die Registratur der Hofkammer und Hofkanzlei erhalten, die ins jetzige Archiv des Ministeriums des Innern überführt wurde. Über diese Dinge unterrichtet kurz Roubík ( 2797). -- Eine größere Arbeit Vaceks ( 2804) über das städtische und obrigkeitliche Gerichtswesen Böhmens ist im Berichtsjahre zum Abschluß gelangt. Vacek hat sich durch seine (tschechisch geschriebene) Sozialgeschichte Böhmens (1905) einen guten Namen gemacht. Sie hat sich neben der älteren deutschen von Lippert zu behaupten vermocht. Gleich nach dem Kriege kehrte Vacek zur älteren böhmischen Sozialgeschichte zurück, untersuchte zunächst die sozialen Verhältnisse der slawischen Zeit, dann in einer großen Abhandlung: Emfyteuse v Čechách (Časop. pro děj. venkova VI-IX), die Veränderungen, welche die  deutsche Besiedlung mit sich gebracht hat. Dabei berücksichtigte er bereits ausgiebig die Rechtsverhältnisse. Beiseite ließ er die städtische und herrschaftliche Gerichtsbarkeit oder, wie er es auch nennt, die höhere Gerichtsbarkeit, und füllte nunmehr diese Lücke aus. Freilich fußt er nicht auf dem letzten Stande des Schrifttums. Er hat vor allem die Arbeiten Zychas außer acht gelassen. Dabei hat die Arbeit noch andere Schattenseiten. Sie ist ungemein unübersichtlich und langatmig, stützt sich in der Hauptsache nur auf die Quellen und läßt das schon bestehende Schrifttum links liegen. Durch strengere Zusammenfassung und Ausschaltung der vielen wörtlich redenden Urkunden hätte das Gesamtbild an Plastik bedeutend gewonnen. Dennoch verlohnt sich das Durcharbeiten, da Vacek ohne Zweifel über die in Frage stehenden Dinge nachgedacht hat und gelegentlich fruchtbare Gedanken äußert.

VI. Wirtschaftsgeschichte.

Das böhmische Bergwesen ist bei weitem noch nicht erschöpfend behandelt. Welche Rolle darin gerade das  deutsche Erzgebirge, vor allem Joachimsthal, gespielt hat, läßt Lorenz in seinen »Bildern aus Alt-Joachimsthal« farbenprächtig teilweise erstehen. Streift die Arbeit auch bewußt nur das Bergwesen, so ergeben sich doch aus dem Buche eine ganze Reihe äußerst wichtiger Tatsachen. Amerikanisch mutet der rasche Aufstieg der Talstadt an, die mit 18 200 Einwohnern und 900 Zechen die größte Ausdehnung 1534 erreicht hatte. Der Niedergang setzte gleich nach der Mitte des 16. Jahrhunderts ein, das Volk lief auseinander, 1613 wurden nur noch 529 Erwachsene gezählt, welche sich nunmehr mit der Spitzenklöppelei befaßten. Äußerst anziehend sind die kulturgeschichtlichen Bilder, die Joachimsthal als einen Knotenpunkt deutscher Stämme und deutscher Bildung erscheinen lassen. -- Der Entstehung des Kohlenbergbaues in Böhmen geht Mareš (Čas. přátel starožitností 1925) nach. Die älteste Erwähnung stammt von 1463 für das Rakonitz-Kladnoer Gebiet. Im Laufe des 16. Jahrhunderts nimmt der Kohlenbergbau an Umfang zu. 1550 erhielt der Joachimsthaler Hauptmann Bohuslaw Felix Hassenstein von Lobkowitz von Ferdinand ein Kohlenbergbauprivileg für das Saazer, Leitmeritzer und Schlaner Gebiet. Vor allem die aus Sachsen stammenden Brüder Stange nahmen sich seit der Mitte des 16. Jahrhunderts des Kohlenbergbaues sehr an, sie durchforschten Böhmen nach Fundstellen und wußten in einem Bericht von 1591 bereits die Brüxer, Karlsbader, Elbogner, Pilsener und Budweiser


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Kohlenlager als sehr ergiebig anzugeben, obwohl man von diesem Wissen im 16. Jahrhundert keinen Gebrauch machte. Das 17. Jahrhundert verlor fast ganz die Kenntnis von den Kohlenvorkommen. Erst mit dem Beginn des 18. Jahrhunderts ließen sich zuerst die Schwarzenberge, durch einen Engländer angeregt, bewegen, auf ihren Herrschaften Kohlen suchen zu lassen. Einen bedeutenden Aufschwung nahm der Kohlenbergbau nach 1740 besonders bei Teplitz. 1756 wurde das Steinkohlenlager in Buschtěhrad entdeckt, um 1800 bei Kladno bereits allseits nach Kohlen gegraben. Durch den Elbeverkehr wurden die böhmischen Kohlen dann ab 1830 bis Magdeburg geschafft.

III. Quellen und Darstellungen nach der Reihenfolge der Ereignisse.

Schlumpf ( 830) entscheidet sich in der Frage, ob der Ungarneinfall in St. Gallen und der Märtyrertod der heiligen Wiborada ins Jahr 925 oder 926 gehören, mit Nachdruck für 926. --Meyer ( 541), dem Pometta zustimmt, beweist hauptsächlich mit Hilfe einer von ihm entdeckten Urkunde von 1286, daß die Walser in Rheinwald aus dem Pomat und nicht aus dem Oberwalis stammen und vom Süden her über den Bernhardin und nicht nach der gangbaren Ansicht über die Furka und Oberalp in ihre bündnerischen Wohnsitze gelangt sind, und zwar nicht lange vor 1277. Verschiedene Bestimmungen des ihnen damals von dem Freiherrn Walter v. Vaz gewährten Freiheitsbriefes, wie überhaupt die zwischen diesen beiden Parteien erkennbaren Beziehungen finden hier eine ausführliche und zweifellos richtigere Erklärung. Die Urkunde von 1286 und eine andere, bisher ebenfalls unbekannte von 1253, die die  deutsche Kolonie Bosco betrifft, sind im Anhang abgedruckt. -- Stehlin ( 886) erkennt in dem Sempacherbrief ganz abweichend von der gewöhnlichen Auffassung »einen staatsrechtlichen Vertrag zur Unterbindung selbständiger Kriegseröffnungen seitens einzelner Bundesmitglieder«, dessen Entstehung daher auch gar nicht mit der berühmten Schlacht, sondern mit den Vorgängen zusammenhängt, die die Annäherung der Habsburger an Zürich im Jahre 1392, die Gegenanstrengungen der Eidgenossen und deren zwiespältige politische Haltung gegenüber Österreich mit sich brachten. -- Das Ergebnis der Untersuchung von Kind ( 905) über das Verhältnis der acht Gerichte zu Österreich überrascht, indem die bislang geltende Anschauung, die acht Gerichte seien das bedauernswerte Opfer der auf die Vernichtung ihrer Selbständigkeit und ihrer Freiheiten hinarbeitenden österreichischen Regierung gewesen, geradezu in das Gegenteil gewendet wird durch den Nachweis, daß vielmehr die acht Gerichte es waren, die hundert Jahre lang beständig gegen die österreichische Hoheit ankämpften. --Meyer ( 905a) schildert den Lebenslauf des um seine Vaterstadt so verdienten Bürgermeisters Jakob Meyer zum Hirzen (1473--1541), dessen Tätigkeit durch seine Mitwirkung bei der Wiederherstellung der Universität und an den Unionsbestrebungen der Protestanten, wobei er auch mit Luther in brieflichen Verkehr kam, über Basel hinausging. Er war auch ein Gönner von Hans Holbein, auf dessen Darmstädter Madonna jedoch trotz allen gegenteiligen Behauptungen nicht er mit seiner Familie abgebildet ist, sondern sein Namensvetter Meyer zum Hasen.

§ 71. Geschichte des Deutschtums im Ausland.

Es erhebt sich die Vorfrage, welche der drei großen Gestaltungen der Deutschheit den Ausgangspunkt der Arbeit bestimmen soll: der  deutsche Staat, der  deutsche Volksboden oder das  deutsche Gesamtvolk. Wenn man mit Recht das  Deutsche Reich als eine mehr als tausendjährige Einheit ansieht, als den deutschen Staat schlechthin, wie auch immer er sich jeweils dem deutschen Rechtsgelehrten heute darstellt, so ist festzustellen, daß dieser Staat von sehr früher Zeit an und nur unterbrochen durch gelegentliche Wiedergutmachungen an Umfang verloren hat. Geht man nun vom deutschen Staate aus, so verengert sich der Schauplatz der deutschen Geschichte im Laufe der Jahrhunderte immer mehr; obwohl man stets von deutscher Geschichte spricht, versteht man doch in den verschiedenen Jahrhunderten etwas Verschiedenes darunter; man bricht, entsprechend dem Gang der politischen Geschichte, auch in der Geschichtswissenschaft gleichsam Menschen und Territorien ab, und es erhebt sich höchstens die Frage, von wann ab das geschehen soll. Geht man dagegen vom Volksboden, d. h. vom geschlossenen deutschen Siedlungsgebiet, aus, und fragt man, wo haben  Deutsche gesessen und wo sitzen sie noch heute, ganz unabhängig davon, welchem Staate sie angehören oder angehören wollen, so muß man eine viel größere Beharrung für den Schauplatz deutscher Geschichte feststellen. Aber auch so wird der Begriff und Umfang der deutschen Geschichte nicht erschöpft. Sie soll Geschichte des deutschen Volkes sein, des Gesamtvolkes nicht nur in seinem Staat und auf seinem Boden, sondern auch außerhalb derselben in der Zerstreuung überall auf der Erde.


S.674

§ 71. Geschichte des Deutschtums im Ausland.

Es hat seine Berechtigung, das gesamte Auslanddeutschtum im weiteren Sinne bibliographisch gesondert zu behandeln. Das geschieht zur besseren Hervorkehrung des Phänomens mit seinen besonderen Eigenschaften, auch aus praktischen Gründen, um die Verhältnisse in den einzelnen Gebieten gut miteinander vergleichen zu können. Ebenso wichtig ist es aber, das Auslanddeutschtum in die  deutsche Gesamtgeschichte einzugliedern. Darüber, wie das am besten zu geschehen hat, werden die Meinungen voneinander abweichen. Dem Plane dieses Jahrbuchs entsprechend folgt hier die Bibliographie des Auslanddeutschtums im engeren Sinne, soweit sie nicht bereits oben S. 129 ff. gegeben worden ist.

I. Bibliographie und Quellen.

Die fehlende Gesamtbibliographie der auslanddeutschen Literatur zu schaffen, ist (leider noch immer nicht erreichtes) Ziel des Deutschen Ausland-Instituts Stuttgart, das in seiner Halbmonatsschrift »Der Auslanddeutsche« möglichst alle das Grenz- und Auslanddeutschtum betreffenden Neuerscheinungen verzeichnet, zum Teil auch bespricht. Desgleichen führen die »Bibliographie der Sozialwissenschaften« und einige Zeitschriften, wie z. B. das »Literarische Zentralblatt«, die » Deutsche Rundschau« und die » Deutsche Arbeit«, nunmehr besondere Rubriken dafür. -- Die systematische Zusammenstellung der in der Preußischen Staatsbibliothek und den zehn alten preußischen Universitätsbibliotheken hierüber vorhandenen selbständigen Schriften ( 2628) wird unentbehrliches Hilfsmittel sein, bis der geplante  deutsche Gesamtkatalog über das Deutschtum im Auslande, der die einschlägigen Bestände aller größeren Bibliotheken umfassen soll, erschienen ist. Unter die Auslanddeutschen rechnet der Katalog »alle außerhalb der Reichsgrenzen lebenden Reichsdeutschen, ferner die Angehörigen fremder Nationen, die deutscher Geburt oder deutschen Stammes sind, soweit sie noch deutsch fühlen und deutsch sprechen«. »Außerdem wurden auch die Schriften aufgenommen, die vom Einfluß deutschen Wesens und deutschen Geistes im Auslande handeln.« Zugrunde gelegt sind die Grenzen von 1914. Von den nicht berücksichtigten neun Gruppen müssen besonders erwähnt werden: die deutschen Teile des alten Österreichs, der Schweiz und Luxemburgs, die deutschen Missionen als Institutionen, der  Deutsche Orden, die Hanse und die deutschen Kolonien. »In der Lückenhaftigkeit des Materials (nur 4949 Titel in 24 Jahren) ist der Katalog ein beredtes Zeugnis dafür, daß .. auch die preußischen Bibliotheken sich ihrer Pflichten gegenüber dem Auslanddeutschtum keineswegs bewußt waren (Vorw.)«. -- Veröffentlichung der wichtigsten vergangenen und gegenwärtigen Daten und Dokumente seiner Geschichte in Jahrbüchern verlangt Spek ( 2630) vom Auslanddeutschtum. -- In den bisher unbeachteten 55 Bänden des alphabetischen Namensregisters zu den Hauptprotokollen des »Württembergischen Regierungsrates« hat Müller ( 2631) eine hervorragende Quelle zur Familienkunde aller württembergischen Auswanderer von 1747--1817 entdeckt.

II. Grundsätzliches und Allgemeines.

Rendtorffs (S. 677) Leipziger Rektoratsrede erweist die Notwendigkeit der Berücksichtigung des Auslanddeutschtums auch für die Geschichtswissenschaft. --Boehm ( 2632) bezieht


S.679

vom Baltischen Nordosten bis zu den oberitalienischen deutschen Sprachinseln das »Mitteleuropäische Vorfeld«, das er mit Recht als Ergebnis einer zusammenhängenden Lebensentfaltung des Deutschtums auffaßt, in seine Darstellung mit ein. Als durch ihre nationale Autonomie wesensverwandt glaubt B. die siebenbürgische und baltische Geschichte der übrigen auslanddeutschen gegenüberstellen zu können. -- Zu einer Geschichte des deutschen Kultur- und Bildungseinflusses weitet sich in manchen Abschnitten Reimeschs (S. 677) Buch. Mehrfach kann im ausführlich behandelten europäischen Osten  deutsche Bildungspflege durch die Wirtsvölker bereits für das frühe Mittelalter nachgewiesen werden. -- Die Geschichte des deutschen Bildungseinflusses in Lettland, Estland, Holland und Mexiko behandelt u. a. eine Sondernummer des Deutschen Philologenblattes (S. 676). -- Auf das seit 1925 erscheinende, Geschichte und Gegenwart aller grenz- und auslanddeutschen Siedlungsgebiete in etwa 45 selbständigen Monographien behandelnde Taschenbuch des Grenz- und Auslanddeutschtums (S. 677) sei schon jetzt kurz hingedeutet; es wird, sobald vollständig, zusammenfassend besprochen werden.

III. Südosteuropa. Allgemeines.

Uhlig (S. 677) glaubt in aller südosteuropäischen auslanddeutschen Siedlungen Anlage, Geschichte und Entwicklung weitgehende Abhängigkeit von Boden und Umwelt feststellen zu können. -- Kleins (S. 676) in der von Kaindl herausgegebenen volkstümlichen Sammlung » Deutsche Art -- treu bewahrt« dem S.-H.-S.-Deutschtum gewidmetes Bändchen enthält nützliche geschichtliche Überblicke und Quellenabdrucke. -- Aus langjähriger persönlicher Kenntnis schildert Brunau ( 2662), bis 1916 evangelischer Pfarrer der Salonikier deutschen Gemeinde, die seit den siebziger Jahren bis 1914 stetig zunehmende kulturelle Bedeutung des zahlenmäßig geringen, sich meist aus Ingenieuren, Kaufleuten und einigen deutschen und Schweizer Landwirten (darunter Mennoniten) zusammensetzenden makedonischen Streudeutschtums.

IV. Banat.

Die Veröffentlichungen des Berichtsjahres bringen vornehmlich für die Geschichte der deutschen Besiedlung des Landes wichtige Ergebnisse. -- Aly ( 2655) erbringt den urkundlichen Nachweis, daß die welsch-lothringische Siedlung Triebswetter noch bis etwa 1840 ihr Patois bewahrte. --Milleker ( 2656), sich auszeichnend durch erschöpfende Verwertung des reichen archivalischen und lokalen Quellenmaterials und sorgfältige Benutzung der deutschen, magyarischen, serbischen, rumänischen Literatur, behandelt die Entstehung, Entwicklung, Schicksale und die Auflösung der Banater Militärgrenze, die er als ein wichtiges Mittel zur kulturellen Förderung des Deutschtums erweist; für den Historiker am wichtigsten sind die durch zahlreiche Statistiken ergänzten, ein außerordentlich reiches Material bringenden Abschnitte über die volkswirtschaftlichen Verhältnisse um 1818. --Hoffmann ( 2657) gibt auf Grund der Akten des Temesvarer bischöflichen Archivs, der Provinzialverwaltung, der Wiener Zentralstellen und reicher lokaler Überlieferung -- leider fehlen Quellen- und Literaturverzeichnis, Anmerkungen und Register -- für die Zeit bis 1848 die beste bisherige Geschichte der deutschen Ansiedlungen. Über die zur Kolonisation drängenden Kräfte, die Tätigkeit der Werber, die Herkunft der Siedler, die Eigentümlichkeit jeder der vier Ansiedlungsepochen, die zeitliche Entstehung und die innere und äußere Entwicklung der einzelnen


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Gemeinden wird ein überreiches Material in geschickter Zusammenfassung verarbeitet. Den allgemeinen wirtschaftlichen und kulturellen Zuständen gelten zwei wertvolle Sonderkapitel. -- Im ersten Auslandsheft von »Kultur und Leben« gibt Milleker ( 2658) die für die Familienforschung wichtigsten Daten der ersten deutschen Besiedlung (1721--1726). --Millekers ( 2659) als Volksbuch für die (sprachlich gemischte) Bevölkerung gedachte Geschichte des in den Türkenkriegen strategisch wichtigen Pancevo ist sehr materialreich, bleibt aber meist im Chronikalischen stecken. -- Das gleiche gilt von Haupts ( 2661) Monographie über Sackelhausen; ihr Wert liegt in der Anführung von Urkunden, Akten, Chronikauszügen und ausführlichen Namenlisten. -- Die Jubiläumsschrift der römisch-katholischen Gemeinde Uivar (deutsch: Neuburg) (S. 676) erweist die Mehrzahl der im Jahre 1811 eingewanderten Kolonisten als in Luxemburg, Elsaß-Lothringen und dem Schwarzwald beheimatet. -- In Luxemburg, Lothringen, Trier, Nassau und Birkenfeld findet Milleker ( 2660) die Vorfahren der durch die theresianische Kolonisation geschaffene Heidegemeinde Cedat (magyarisch Csatád, deutsch Lenauheim), dessen zahlenmäßige, bauliche, administrative, nationale und allgemein kulturelle Entwicklung knapp geschildert wird. --Schiller (S. 677) erbringt in seiner Geschichte des Temesvarer Theaterlebens den Nachweis für die erst durch die Magyarisierung zerstörte blühende  deutsche Kultur des Banates.

V. Siebenbürgen.

Der erste Band von Bischof G. D. Teutschs ( 2647) Sachsengeschichte, dem vierbändigen Geschichtswerk der Siebenbürger Sachsen, liegt, lange durch den Krieg und seine Folgen verzögert, in 4. Auflage vor, von seinem Herausgeber, Bischof Friedrich Teutsch, überall den neuen Ergebnissen der Forschung gemäß ergänzt und verbessert. --Reimesch (S. 677) arbeitet in einer Schriftenreihe, die in weiten Kreisen Deutschlands Eingang finden möchte, an einigen markanten Persönlichkeiten die deutschen Triebkräfte der siebenbürgischen Geschichte sehr geschickt heraus. -- In seiner siedlungsgeschichtlichen Studie kommt Jaeger (S. 675) an manchen Punkten zu von Uhlig abweichenden Ergebnissen. -- Bischof Karácsonyi (S. 676) erweist auf Grund nochmaliger Quellenvergleiche in Revision seiner früheren Anschauungen die ostgermanischen Gepiden als Vorfahren der siebenbürgischen Szekler. --Müller ( 2648) bietet eine Fortsetzung seiner Studien über die Entstehung der Stühle, des Königsrichter- und Stuhlrichter-Amtes in der Hermannstädter Provinz (Korr.bl. V. siebenb. Ldes.kde. 28, 49--63), ferner über die Grafen des Mediascher Provinzialverbandes (Arch. ebd. Ver. Bd. 34, 71--85) und bringt, von der herrschenden Meinung abweichend, beachtliche Argumente bei, daß die Gebietsüberschreitungen des Ordens nur strategisch-politisch wichtige Paßgebiete betrafen, ferner, im Gegensatz zu E. Casper, daß der päpstliche Schutz des Ordens eine weltliche Oberhoheit des Papstes erstrebte. -- Friedrich Teutsch (S. 677) zeichnet in großen Strichen die Bedeutung und den Wirkungskreis der politischen Vertretung des Sachsenlandes, der Nationsuniversität, ihr Eingreifen in die Volks- und Landesgeschichte und ihre Entwicklung, die die Geschichte der sächsischen Nation im kleinen ist. -- Brandsch ( 2649) macht ohne strengere systematische Gliederung und wissenschaftlichen Ballast zahlreiches schwerzugängliches Quellenmaterial zur Geschichte des siebenbürgischen Erziehungswesens weiteren Kreisen zugänglich, die lateinischen Stücke in deutscher Übersetzung. -- Von den verschiedenen


S.681

Aufsätzen, die der Klingsor über die Geschichte des siebenbürgisch-sächsischen Geistesleben bringt, ist beachtenswert Orends Versuch (S. 676), die urkundlich überlieferten Formen der Personennamen zur Erkenntnis der ältesten sozialen Geistesgeschichte und zur Bestimmung der Urheimat der einzelnen Siedler zu verwenden. --Sigerus (S. 677) gibt eine nahezu lückenlose Liste aller in den letzten 150 Jahren in Siebenbürgen erschienenen deutschen Zeitschriften und Zeitungen (156 Nummern), die die Beachtung des Forschers verdient. --Kleins (S. 676) Analyse der neueren deutschen Dichtung Siebenbürgens bietet nicht nur ein reiches, fast vollständiges Quellenmaterial für das siebenbürgisch-sächsische Schrifttum der letzten Jahrzehnte, sondern ist, von Nadlerschen Ideen befruchtet, »der erste methodische Wegweiser, wie auslanddeutsche Literaturgeschichte geschrieben werden muß (Csaki, R., Korr.bl. d. Ver. f. siebenb. Ldes.kde. S. 117)«. -- G. D. Teutschs ( 2650) Generalkirchenvisitationsberichte sind eine historische Quelle erster Ordnung für die äußere und innere Geschichte der siebenbürgisch-sächsischen Kirche, zugleich ein wichtiger Beitrag zur Geschichte fast jeder Gemeinde. Einzelne Berichte weiten sich, mit statistischen Angaben unterbaut, geradezu zu Monographien über die Siedlungs- und Kulturgeschichte des betreffenden Bezirks aus. Überall wird eine kritische Übersicht über die vorhandenen Bauten und Kunstdenkmäler (Glocken, Altäre, Kelche usw.) gegeben. --Zimmermanns ( 2652) Aktenstücke und Briefe aus dem Ministerium Thun geben Einblick in des Grafen Thun aufrichtige, von Schmerling abgebogene Bemühungen, Österreichs Protestanten volle religiöse Gleichberechtigung zu verschaffen. --Schuller ( 2653) stellt, aus Kirchen- und Stadtarchiven und der verschiedensprachigen Literatur gleich tief schöpfend, gegenüber magyarischen Verdrehungen die  deutsche Gründung und rein deutschen Anfänge Klausenburgs außer Zweifel. Der Schwerpunkt seiner Betrachtungen liegt in der Darstellung von Reformation und Kirche. --Csallner (S. 675) stellt auf Grund eingehender Befragung durch Fragebogen im Bistritzer sächsischen Gewerbestand in den letzten sechs Jahrhunderten eine volkspolitisch höchst bedenkliche Abwanderung der Handwerkersöhne in andere, meist akademische Berufe fest und infolgedessen eine ständig wachsende Unterwanderung durch magyarische, rumänische und jüdische Kaufleute und Handwerker. Da typisch für ganz Siebenbürgen, haben seine durch genaue Statistiken belegten Aufstellungen grundsätzliche Bedeutung. --Reimesch (S. 676) teilt die Kirchenburgen bautechnisch-architektonisch in die großen, von mehreren Ringmauern und Wassergräben umgebenen, das Gotteshaus aber nicht zur Verteidigung ausbauenden Anlagen des Burzenlandes und die zahlreichere Gruppe derjenigen Burgen, die auch das Gotteshaus oder den Chor zur Festung gestalten. --Wenigers (S. 677) Geschichte der um 1790 durch Süddeutsche besiedelten, den Freiherren Wesseleny hörig bleibenden Minderheitsgemeinde Hadad im Komitat Scilagy zeigt trefflich die volkstumserhaltende Kraft lebendiger Religiosität. -- Beachtung beanspruchen in Lehrers (S. 676) Auszügen aus der Matrikel der Mediascher Kirche die Flurnamen enthaltenden Grundstücksverzeichnisse des 17. Jahrhunderts und die Listen ausgestorbener Personennamen.

VI. Übriges Rumänien.

Honigberger (S. 675) weist die Richtigkeit der Behauptung des rumänischen Chronisten Costin, sämtliche älteren Städte Altrumäniens seien von Siebenbürger Sachsen gegründet, für Baja, das mittelalterliche


S.682

»Stadt Molde«, urkundlich nach, macht es für Suceawa so gut wie sicher und zeigt für eine weitere Gruppe bedeutender Stadtsiedlungen der Moldau und Walachei die große Bedeutung der Deutschen, die als die Schöpfer des gewerblichen und kaufmännischen Lebens, der musterhaften, auf Magdeburger Recht zurückgehenden Verwaltung, der starken Befestigungen und Burgen im 12. bis 15. Jahrhundert anzusehen sind. --Braunias (S. 675) gibt eine recht brauchbare statistische Übersicht über die Geschichte der deutschen Siedlungsgruppen in Siebenbürgen, im Banat, in Sathmar und der Marmarosch. --Klein (S. 676) weist als Gründer der Jassyer evangelischen Kirchengemeinde ( 1804) einen preußischen Pfarrer nach, Zimmerling (S. 678) für die Gemeinde Kogealac ( 1857) beßarabische  Deutsche. --Bäuerles (S. 674) hauptsächlich aus den Akten des Kirchenarchivs gearbeitete Geschichte der Kischineffer evangelischen Gemeinde erlangt über die Lokalgeschichte hinausgreifende Bedeutung in der Schilderung der maßgebenden Bedeutung der Gemeinde für Beßarabiens Geistesleben der Vorkriegszeit, der Kriegs- und Revolutionsereignisse und in den eingeflochtenen Berichten über Visitation der Landgemeinden. -- Broneske ( 2664) untersucht die Entwicklung der Besitzrechte der von ihm auf 73 000 bezifferten deutschen Bauern Beßarabiens seit ihrer Ansiedlung im Jahre 1814; er bezieht dabei die Entwicklung des russischen Mirsystems und die Agrargeschichte der Wolgakolonie weitgehend mit in seine Darstellung ein.

VIII. Polen (außer dem ehemaligen preußischen Teilungsgebiet).

Von den wiederholten Aufsätzen der »Deutschen Blätter in Polen« sei erwähnt: Reiners (S. 677) und Klatt (S. 676), der aus der Untersuchung der deutschen, heute zum Teil polonisierten Ortsnamen der Umgebung von Lodz, der Weichselniederung und der Holländerdörfer Kujaviens und des Warthegaues Schlüsse auf den Gang der deutschen Besiedlung zieht. --Kage (S. 676) zeigt die enge Kulturverbundenheit der deutschen Siedler mit dem Heimatland und ihre allgemeine Bedeutung für Polen als Förderer des Handwerks und der Landwirtschaft. -- Die Verdienste deutscher Siedler um die Kultivierung der polnischen Weichselniederungen arbeitet Burchard (S. 675) gut heraus. -- In materialreicher Einleitung einen guten Einblick gewährend in die zielbewußte Ansiedlungspolitik der Königlich Südpreußischen Kriegs- und Domänenkammer, die 1803 u. a. zur Gründung von Königslach mit württembergischen und elsässischen Ansiedlern (namentlich aufgeführt bei E.) führte, schildert Eichler S. 675) dessen Einäscherung durch die Russen und den Wiederaufbau durch die  deutsche Verwaltung.

IX. Baltische Staaten.

Einen Ausschnitt aus der baltischen Kleinstadtkultur des ausgehenden 19. Jahrhunderts bringen v. Sehrwalds ( 2641) Erinnerungen. -- Das von Johansen ( 2642) edierte älteste »Wackenbuch« Altlivlands, eine der ersten Aufzeichnungen über Bauernschulden überhaupt, wirft neues Licht auf das allmähliche Herabsinken der fast durchweg estnischen Bauern zu schollengebundenen Pächtern und auf die Nationalitätenverhältnisse des ausgehenden Mittelalters und gibt ein weit anschaulicheres Bild der ländlichen Zustände des 15. Jahrhunderts, als es bisher über Estland zu gewinnen war. -- v. Stackelbergs (S. 677) Veröffentlichung bildet die Fortsetzung zu dem bereits 1898 und 1900 veröffentlichten Akten- und Urkundenschatz des seit dem Jahre 1305 in Dorpat nachzuweisenden bedeutenden baltischen Geschlechts; die streng wissenschaftliche Darstellung ist wichtig für die Geschichte des Ordens und die Genesis der Ordenskolonisation; Exkurse behandeln die Vorgeschichte Ugauniens und die Anfänge deutscher Besiedlung, worin der Nachweis für die niederdeutsche Herkunft der ersten einwandernden Geschlechter und der anfänglichen


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Leiter des Ordens erbracht wird. -- Zu gleichem Ergebnis führt eine Durcharbeitung der von Adelheim ( 2643) modernen Prinzipien entsprechend und in stark erweiterter Fassung herausgegebenen Sammlung von 90 Revaler Ahnentafeln, die (was A. in Zweifel zieht) den 1692 verstorbenen Küster Laurenhy zum Verfasser haben sollen. -- v. Bordelius ( 2644) behandelt die Geschichte des 1572 vom polnischen Grafen Chotkiewitz gegründeten, rein deutschen, sein Magdeburger Recht und  deutsche Verwaltung trotz lettischer Einwanderung im 18./19. Jahrhundert bewahrenden Schoden in Litauen. -- Manche kulturgeschichtlichen Aufschlüsse vermittelt, obwohl zum größeren Teil nur für Angehörige von Interesse, das Erinnerungsbuch des deutschbaltischen Korps Rubonia (S. 677).

XI. Nordeuropa.

In Geißlers (S. 675) Studie über die ins frühe Mittelalter zurückreichende Geschichte des Deutschtums in Stockholm, Malmö, Kopenhagen und Oslo verdient Beachtung K. Tiedjes in sie eingeschobene Geschichte der deutschen Gemeinden in Gotenburg, wo das sogleich bei der Gründung 1623 durch Gustaf Adolf berufene Deutschtum, allzeit vom Herrscherhaus gefördert, lange maßgebenden Einfluß besaß. -- Für weitere Forschungen über die (abgesehen von vorgeschichtlicher Zeit) seit dem 13., in Kolonienbildung besonders seit dem 17. Jahrhundert bestehenden deutsch-schwedischen Beziehungen gibt Blomquist (S. 674) Hinweise. --Bobés ( 2633), des dänischen Hofhistoriographen, stattliches Werk über die  deutsche St.-Petri- Gemeinde zu Kopenhagen enthält den Gemeinde, das Predigtamt, die Geistlichkeit, die allgemeine Verwaltung, die Kirche, Grabkapellen, Schulen und Stiftungen behandelnden, durch zwei dänische Aufsätze über die Geschichte des Gotteshauses ergänzten darstellenden Teil und eine Wiedergabe von Urkunden und Aktenstücken zur Gemeindegeschichte, abermals ergänzt durch zwei dänische Monographien. Die Lebhaftigkeit der deutsch-dänischen Wechselbeziehungen erhellt jederzeit gut aus dem Gemeindeleben; ihren Gipfelpunkt erreichen sie nach Bobé in der reichen Fürsorge für die von den Wirren des Dreißigjährigen Krieges vertriebenen deutschen Glaubensgenossen.

XII. Asien.

Die Grundzüge der geschichtlichen Entwicklung der 1864 durch die  deutsche Tempelgesellschaft in Palästina gegründeten deutschen Kolonien in Jaffa, Sarona, Haifa und Jerusalem geben Maria Kuhse (S. 676) und


S.685

v. Throta (S. 677). --Eichler ( 2668) schildert die nach 1850 erfolgte Abwanderung westpreußischer Mennoniten ins Wolgagebiet und ihren hauptsächlich chiliastischen Erwartungen entsprungenen, durch den Generalgouverneur von Turkestan geförderten abermaligen Aufbruch nach Taschkent und Chiva im Jahre 1881. -- Nach Tagebüchern und Akten aus dem »Archiv der Kanzlei des Statthalters für Grusien« in Tiflis, die heute zum Teil vernichtet sind, gibt Winguth ( 2666) eine Darstellung des Wirkens Saltets, der die 1817 von Alexander I. um Tiflis angesiedelten, in Schwärmerei und Zuchtlosigkeit versunkenen Schwaben für das Deutschtum rettet. --Schöppels ( 2678) gedrängter, materialreicher Abriß der Geschichte des Deutschtums in Niederländisch- Indien kennzeichnet in stichwortartiger Aufzählung die große Bedeutung der dortigen Deutschen im 16./19. Jahrhundert auf den Gebieten der Landesforschung und Landeskunde, Geschichte, Naturforschung, Astronomie, Medizin, Kriegswissenschaften, zu denen seit 1850 die Anteilnahme an Handel und Verkehr tritt. -- Eine gute Quelle für die Geschichte des Deutschtums in Niederländisch- Indien, wertvoll auch durch weitere Literatur- und Quellenhinweise, ist das  Deutsche Jahrbuch für Niederländisch-Indien (S. 675). Es enthält u. a. eine knappe Geschichte des dortigen Deutschtums, kurze Lebensbeschreibungen um die Entwicklung der Kolonie verdienter Deutscher (seit dem 17. Jahrhundert) und Monographien über verschiedene kulturell bedeutsame Einrichtungen.

XIV. Nordamerika.

Mathäser ( 2670, 2671) behandelt auf Grund der archivalischen Quellen des Münchener Staatsarchivs und des Kgl. Hausarchivs Ludwigs I. Verdienste um die seelsorgerliche Betreuung der katholischen Deutschamerikaner, auf Grund der Ordensakten in St. Vincent, Metten, Scheyern und St. Stephan in Augsburg die Anfänge St. Vincents, der 1846 gegründeten ersten bayerischen Benediktiner-Abtei in Nordamerika. Beachtlich sind der klare Nachweis des deutschfeindlichen Vorgehens der damaligen irischen und englischen Bischöfe und die Aufschlüsse über Ludwigs Verhandlungen mit dem Vatikan, die 1852 zur Ernennung eines deutschen Redemptoristenpaters zum Bischof von Philadelphia führten. -- Auf den namhaften geistigen Anteil, den das  deutsche dem amerikanischen Wesen gegeben hat, verweist Vollmer (S. 678) seine Landsleute. -- Für Wisconsin führt den gleichen Nachweis der deutschamerikanische Historiker Lacher (S. 676) für die verschiedenen Gebiete des öffentlichen Lebens.

XVIII. Chile.

Reinhard ( 2674) schildert die ausgedehnte Missions- und Erziehungsarbeit, die der  deutsche Jesuitenorden, die bayerische Kapuzinerprovinz, die Schwestern von »der christlichen Liebe und der unbefleckten Empfängnis« und die Gesellschaft des göttlichen Wortes seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts getan haben. -- Die Geschichte der deutschen Schulen in Valdivia und Osorno wird behandelt im Bundes-Jahrbuch ( 2676) 1925 des Deutsch-Chilenischen Bundes, in monographischer Form von Bauer (S. 674).

§ 72. Arbeiten zur deutschen Geschichte in ungarischer Sprache.

Eine erschöpfende Darstellung der Verhandlungen, welche 1711 zum Frieden zwischen dem Wiener Hof und dem Hauptteil der Anhänger Rákóczis führten, gibt E. Lukinich ( 2828) auf Grund des seit 1918 zugänglichen Aktenmaterials der Wiener Archive. Die Kriegsmüdigkeit der Ungarn nach acht Kriegsjahren und die Mißerfolge der Sache Rákóczis machten dessen Oberfeldherrn Károlyi geneigt, auf den Friedensfühler des kaiserlichen Oberkommandierenden, Graf Pálffy, einzugehen und Verhandlungen einzuleiten. L. gewinnt auf Grund des neu erschlossenen Materials in vielen Einzelheiten ein neues Bild von diesen Verhandlungen, das von dem einseitigen des Zeitgenossen Johann Pulay, des Sekretärs des Grafen Pálffy, wesentlich abweicht. Károlyi trieb zwar in gewissem Sinne ein doppeltes Spiel, indem er gleichzeitig mit Pálffy verhandelte und Rákóczi beruhigende Meldungen zukommen ließ. Auf der anderen Seite aber war sein Verhalten berechtigt, weil die Mehrheit des Landes nicht mehr auf seiten Rákóczis stand und für einen Friedensschluß war. Kárólyi gelang es nicht nur, eine vollständige Amnestie für die Teilnehmer am Aufstand, sondern auch die vertragliche Zusicherung der Aufrechterhaltung der ungarischen Verfassung zu erwirken. Daß bei diesen Verhandlungen auch die Sorge um seinen eigenen Besitz eine Rolle spielte, entsprach nur den allgemeinen Anschauungen seiner Zeit. Das Buch L.s ist auch für  deutsche Forscher benutzbar: Die Dokumentensammlung, die den weitaus größeren Teil des Werkes einnimmt und die wichtigsten Briefe und Schriftstücke über diese Verhandlungen aus dem Wiener Staatsarchiv, dem Wiener Kriegsarchiv und ungarischen Archiven enthält, ist mit geringen Ausnahmen deutsch oder lateinisch.

§ 73. Arbeiten zur deutschen Geschichte in südslawischen Sprachen.

Im Zusammenhang mit dieser Theorie Hauptmanns steht eine andere Arbeit von ihm, Dolazak Hrvata (Die Ankunft der Kroaten), die gleichfalls im Zbornik Kralja Tomislava, S. 86--127, abgedruckt ist. Es handelt sich um die Untersuchung der Glaubwürdigkeit der Angabe des Konstantinos Porphyrogennetos über die Einwanderung der Kroaten nach Dalmatien zur Zeit des Kaisers Heraklius aus dem Weißkroatien im Karpathenlande, eine Frage, die bisher schon mehr als dreißig  deutsche und slawische Bücher und Aufsätze beschäftigt hat.


1925 | 1926 | 1927 | 1928 | 1929 | 1930 | 1931 | 1932 | 1933-34 | 1935 | 1936 | 1937 | 1938 |

1926

I. Allgemeines.

Ein sehr wertvolles Hilfsmittel zur Orientierung in der weit zerstreuten jüngsten Literatur über das  deutsche Archivwesen bietet eine Literaturübersicht von L. Groß ( 43) über die Fülle der seit dem Jahre 1907 erschienenen einschlägigen Publikationen. Sie behandelt in wohlabgewogener, kritischer Darstellung die allgemeine  deutsche Archivliteratur sowie das Schrifttum der einzelnen deutschen Territorien einschließlich Österreichs. -- Auf die Frage: Was ist Archiv --, was Bibliotheksgut? hat J. Striedinger ( 44) mit begrifflicher Schärfe und mit starker Überzeugungskraft für den Archivar geantwortet, gegen seine Ausführungen ist freilich aus den Kreisen der Bibliothekare heraus Widerspruch laut geworden (vgl. Zentralbl. f. Bibliothekswesen, 1928, S. 321). Uns scheint es ersprießlicher, statt des Trennenden das Gemeinsame zu betonen und über allen Ressortpartikularismus hinaus den Möglichkeiten wechselseitiger Anregung und gemeinsamer Arbeitsziele nachzugehen, wie ja auch das Ausland grade in seinen größten Instituten, etwa den Londoner und Pariser Zentralstellen, die bei uns vorherrschende scharfe Scheidung zwischen Archiv und Bibliothek nicht kennt. Ein dankbares Objekt für die Zusammenarbeit von Archiven und Bibliotheken wäre z. B. ein gemeinsam aufzustellendes und regelmäßig fortzuführendes Verzeichnis der Nachlässe aller Art, die sich durch das Spiel des Zufalls bald hier bald dort finden: für personal- und wissenschaftsgeschichtliche Studien würde damit ein wertvoller Dienst geleistet werden. Eine nützliche Vorarbeit hierfür ist vor einigen Jahren durch ein Verzeichnis der in den deutschen Staatsarchiven sich findenden politischen Nachlässe geliefert worden, das im Berichtsjahre durch eine Liste der in den österreichischen staatlichen Archiven beruhenden politischen Nachlässe ergänzt worden ist ( 58). Ein durch Archive und Bibliotheken gemeinsam herzustellendes Nachlaßverzeichnis hätte freilich genauere Angaben über den Inhalt und damit eine besondere Art von Inventaren zu bieten, die auch Müsebeck in einer anregenden Studie über die Publikation von Inventaren des Aktenmaterials zur neuesten Geschichte als erwünscht bezeichnet ( 1356). M. äußert darüber hinaus noch den Wunsch, es möchten durch Zusammenarbeit der deutschen Archive für einheitliche, wichtige Forschungskomplexe Sachinventare aus den verschiedenen Registraturen hergestellt werden, da die Masse des unaufhörlich in die Archive einströmenden Materials Führer durch dieses notwendig mache, die in kritischer und zuverlässiger Form nur mit der Zielrichtung auf bestimmte wissenschaftliche Probleme


S.170

geboten werden könnten. -- Die Diskussion über die Beziehungen zwischen Staats- und Stadtarchiven, die, im wesentlichen an die preußischen Verhältnisse anknüpfend, im Berichtsjahre gepflogen worden ist ( 45 u. 45 a), zeigt erneut, wie sehr es des seit langem erstrebten Archivgesetzes bedarf, um Anschauungen und Forderungen der Vertreter von Staats- und von Stadtarchiven auf gemeinsamer Rechtsbasis in Einklang zu bringen.

II. Archivgeschichte.

Daß Archivgeschichte nicht nur eine Sache des Archivspezialisten zu sein braucht, zeigt ein Aufsatz P. Kehrs ( 52) über das spanische, insbesondere das katalonische Archivwesen: wie hier in den Epochen der Archivgeschichte sich die Geschichte des Landes und seiner Geschichtswissenschaft spiegelt, ist für den Historiker von hohem Interesse. -- Die anziehend geschriebenen Erinnerungen des langjährigen Posener Archivars A. Warschauer ( 153) schildern die kulturpolitische Arbeit großen Stils, die in den Jahrzehnten vor dem Weltkriege von deutscher Seite in der Provinz Posen geleistet worden ist. Hier seien sie erwähnt, weil sie auch über die Leistungen des Posener Staatsarchivs in diesen Jahren unterrichten, dessen  deutsche Epoche nunmehr schon der Geschichte angehört. In der Darstellung W.s ist freilich sein eigener schöpferischer und entscheidender Anteil an allem Geschehen innerhalb des Archivs zu kurz gekommen. -- Größere spezielle Arbeiten zur Archivgeschichte sind im Berichtsjahre nicht erschienen. Wir heben nur die Mitteilungen Seidls ( 59) über das Staatsarchiv des Innern und der Justiz in Wien hervor, die heute gleichsam als Nekrolog anzusehen sind, nachdem das Archiv kurz nach der Niederschrift des Aufsatzes großenteils ein Opfer der Flammen geworden ist. -- Auch eine Arbeit Bruiningks über das Historische Landesarchiv in Riga sei erwähnt ( 76 a), weil sie deutlich und eindrucksvoll zeigt, wie auch ohne den Schutz der staatlichen Gewalten, ja vielfach im Gegensatze zu ihnen das Bewußtsein und die Antriebe starker geschichtlicher Tradition hohe Werte schaffen und erhalten können.

II. Geschichte der Bibliotheken.

Das Muster einer auf sorgfältigster Verwertung aller erreichbaren Quellen aufgebauten Bibliotheksgeschichte bietet das Buch E. Kuhnerts über die Königsberger Staats- und Universitätsbibliothek ( 97). Der über 300 Seiten starke Band verfolgt lediglich bis 1810 die Geschichte der 1525 begründeten Schloßbibliothek, die erst 1829 mit der Universitätsbibliothek vereinigt wurde. Ein überreiches, durch keine widrigen Schicksale beeinträchtigtes Quellenmaterial bot sich dem Verfasser fast in erdrückender Fülle nicht nur in den Büchern, Katalogen und Akten der Bibliothek, sondern außerdem in den über 200 Jahre in ununterbrochener Reihe erhaltenen Rechnungsbüchern der Rentkammer, die jede Einzelheit des Bibliothekshaushaltes aufzuhellen vermögen. Durch Abdruck der zahlenmäßigen Einzelheiten des Bibliothekshaushaltes in den wichtigsten Perioden wird ein Vergleichsmaterial geboten, wie es sich bisher in keiner andern Bibliotheksgeschichte findet. Das Einleitungskapitel gibt eine Vorstellung von der Sorgfalt, die der  Deutsche Ritterorden dem Bücherwesen angedeihen ließ. Vom Begründer der Schloßbibliothek, Herzog Albrecht von Preußen, dessen Einfluß ihr, wie dem Königsberger Buchdruck und Buchhandel bis an das Lebensende des Fürsten zugute kam, führt die Darstellung durch teilweise weniger fruchtbare Perioden bis zur Reformzeit Preußens, in der wir zwei berühmten Namen, Nicolovius und Süvern, an der Bibliothek begegnen. In kaum anderthalbjähriger Amtszeit hat besonders Nicolovius ihre Verwaltung mit modernem Geist erfüllt. Im Anhang gibt Kuhnert eine erschöpfende Geschichte des Königsberger Bucheinbandes im 16. und 17. Jahrhundert. Die methodisch vorbildliche Studie baut sich auf einer sorgfältigen Sichtung des auf den Königsberger Einbänden verwendeten Stempelmaterials auf und gelangt so zu einem Einblick in die Tätigkeit der Königsberger Buchbinder während 200 Jahre, wie er mit solcher Präzision bisher für keine andere Stadt gewonnen worden ist.

II. Geschichtschreibung in zeitlicher Reihenfolge.

Auf eine fast verschollene Schrift eines fast vergessenen Schriftstellers, von dessen Leben nur wenig zu ermitteln ist, macht Wilhelm Bauer ( 119) aufmerksam: Hans Jakob Wagner von Wagenfels, † 1702, seit 1691 Geschichtslehrer des späteren Kaisers Josephs I., den Wegele überhaupt nicht nennt, der Verfasser eines kurzen Compendium historiae universalis (1692--1695) und »allgemeiner sowohl geistlicher als weltlicher Geschichten von Erschaffung der Welt bis auf unsere Zeiten« (1696), erhebt in seinem »Ehren Ruff Teutschlands«, der 1685 vollendet, 1688 die Druckerlaubnis von der Wiener Universität erhielt und 1691 erschien, einen Mahnruf gegen die Verherrlichung und Nachahmung alles Französischen. Ihm fehlt noch jede historisch-kritische Methode in der Verwendung der Quellen, namentlich früherer Jahrhunderte, aber in der Erkenntnis des Wesens der Nation schreitet er den meisten seiner Zeit voran. Er ist einer der ersten, sagt Bauer, der die  deutsche Geschichte als eine innerlich zusammenhängende Einheit erfaßt und alle kulturellen Äußerungen der Deutschen auf den Begriff einer deutschen Nation bezieht. Auch legt (nach Bauer) seine Gesamthaltung dafür Zeugnis ab, daß die österreichische Politik jener Tage nicht bloß die Wege kleineren oder größeren Eigennutzes gegangen sei, sondern daß man in Wien bestrebt gewesen, auch  deutsche Politik zu machen. Eine zweite Auflage des Ehren-Ruffs sei unter dem Titel »Verjüngter Encomiastes Germaniae« unter dem Pseudonym Friedrich Gottlieb von Treuenstein »gedruckt zu Freystadt a. O. 1698« erschienen.

II. Geschichtschreibung in zeitlicher Reihenfolge.

In einer Frankfurter Dissertation bietet Adolf Wirth »Beiträge zur Geschichte der deutschen Historiographie von 1770--1805 vom Standpunkte der Volkserziehung aus« ( 106). Die -- vom Standpunkt der Historiographie doch willkürliche -- zeitliche Begrenzung wird damit begründet, daß sie die zweite klassische Blüte der deutschen Nationalliteratur umfaßte, weil in ihr zuerst die  deutsche Bildung und die  deutsche Literatur einen für die nationale Kultur grundlegenden Bund geschlossen hätten. W. will die Frage beantworten, inwieweit in diesem Menschenalter die  deutsche Geschichtschreibung pädagogische Ziele verfolgt habe oder in dieser Richtung zu wirken geeignet gewesen sei. Es handelt sich um die »Popularisierung der Geschichte«: »in edelstem Sinne aufgefaßte Popularisierung der Geschichte ist eben eine Geschichtschreibung im Geiste der Volkserziehung«. »Mit dieser Arbeit soll der Anfang gemacht werden zu einer geschichtlichen Betrachtung der Geschichtschreibungskunst für die ganze Nation.« Unter diesem Gesichtspunkt untersucht W. die Werke einer Reihe von Männern von Schlözer und Gatterer bis auf Woltmann und K. F. Becker, wie weit sie für die Bildung und Erziehung der Erwachsenen der ganzen Nation geeignet gewesen, wie weit ihre Wirkung in dieser Beziehung gegangen sei. An Hegewisch rühmt er das Ziel: die Förderung des


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wahren Patriotismus, der Kenntnis von Tugenden und Fehlern der Nation. Der eigentliche Wendepunkt beginnt mit Joh. v. Müller: innere Anteilnahme und Beseelung des Stoffs dringen in die  deutsche Geschichtschreibung ein. Als gewaltiger Anreger und Wegweiser für die Popularisierung der Geschichte wird er gepriesen. In der Erziehung zur Humanität sind schon Herders Ideen ein Meisterwerk für die Popularisierung. An Schiller rühmt W. das Streben nach Überführung wissenschaftlicher Erkenntnis in weitere Kreise. -- Die historische Publizistik ist gar nicht berücksichtigt, Zeitschriften sind nur ausnahmsweise erwähnt und mehr gestreift als verwertet. Die Auswahl, die einerseits auf Literatur-, Kirchen- und Kunstgeschichte eingeht, ist auf der andern Seite nicht ohne Willkür: u. a. sind Gentz-Burke nicht berücksichtigt, und ebenfalls nicht Heeren. -- Mit Recht betont W. Lütge in einer Studie über Heeren ( 123), daß Heeren gerade für ein breiteres gebildetes Publikum geschrieben habe. Und ebenso mit Recht tritt Lütge der Stellung entgegen, die Fueter ihm unter Einreihung in die Schulen Montesquieus im Kreis der Historiographie der Aufklärung angewiesen hatte. Seine »Ideen über die Politik, den Verkehr und den Handel der vornehmsten Völker der alten Welt« bedeuten den Versuch, im Geiste Herders (besser wohl: in Anknüpfung an Herder) Geschichte zu schreiben. Zwischen Heerens und Niebuhrs Kritik erblickt L. nur einen graduellen, nicht einen fundamentalen Unterschied; sein Schüler ist Pertz (in seiner Art doch auch) ein Wegebereiter zu moderner Quellenkritik. Heeren darf, so urteilt L., keiner der beiden sich damals ablösenden Richtungen der Geschichtswissenschaft zugezählt werden, die Stellung der Aufklärung zur Kritik hat er jedenfalls in den wesentlichsten (sic!) Punkten überwunden.

I. Allgemeines.

Das schwierige Kapitel der Abkürzungen behandelt eine vortreffliche Studie von Schiaparelli ( 352). Es würde sich meiner Meinung nach verlohnen, das Büchlein für unsere Studierenden ins  Deutsche zu übertragen. -- Eine Absonderlichkeit, die Anwendung des 7-Zeichen für verschiedene Wortschlüsse, beschreibt Oldfather ( 375). -- Hingewiesen sei ferner auf die Untersuchung von Caspar ( 364) über den Kanon des Eusebius und die Übersetzung des Hieronymus. Um den Wert der erhaltenen lateinischen Handschriften in ihrem Verhältnis zum verlorenen griechischen Original festzustellen, bedient er sich eines bisher nicht beachteten Merkmals. Er prüft nämlich den Grad der Sorgfalt, mit welcher erstere die Paragraphoi oder Virgulae des letzteren wiedergeben. (Betr. die Weiterentwicklung der Paragraphierung im eigentlichen Mittelalter vgl. P. Lehmann in  Deutsche Lit. Ztg. 1927, 2587.)

I. Urkundenforschung und Urkundenlehre im allgemeinen.

Es liegen nicht nur Abhandlungen über Einzelfragen der Urkundenforschung vor. Mit welchen Schwierigkeiten diese noch lange nach der Zeit Mabillons (zu diesem auch 378) zu kämpfen hatte, beleuchtet Müller durch Schilderung der Auseinandersetzungen über die Veröffentlichung der älteren Urkunden St. Gallens ( 120). -- Bittner berichtet über die -- in der Hauptsache vergeblichen -- Bemühungen J. Frh. v. Reinharts, Direktors des Haus-, Hof- und Staatsarchivs, Metternich zur Schaffung von Einrichtungen für entsprechende, namentlich hilfswissenschaftliche


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Schulung der künftigen Archivbeamten an der Wiener Universität zu veranlassen ( 61). --Hampe würdigt Bresslaus Schaffen ( 135 a) und Redlich weist auf die Bedeutung einiger, in den letzten Jahren erschienener Arbeiten, besonders des Bittnerschen Buches (vgl. Jahresberr. 1, S. 164) für die Entwicklung der Urkundenlehre hin ( 376). --Lodolini versucht, den Laien unter vorwaltender Berücksichtigung des italienischen Urkundenwesens in unser Fach einzuführen ( 377), gibt aber, schon weil er Darlegungen über Paläographie, Zeitrechnungslehre, Siegel- und Wappenkunde unverhältnismäßig viel Raum gönnt, die neuere  deutsche und französische Forschung unerwähnt und ihre Ergebnisse großenteils unberücksichtigt läßt, den Blick von allem, was nicht unmittelbar zum Handwerkszeug des Archivbenützers gehört, abwendet und statt genauer Angaben über wichtige Einzelheiten allgemeine Redensarten bietet, kein auch nur einigermaßen brauchbares Bild von Entwicklung, derzeitigem Stand und Aufgaben der Urkundenforschung. Dankenswert sind nur manche Hinweise auf einschlägige Leistungen der Forschung und derzeitigen Unterrichtsbetrieb der Urkundenlehre in Italien. Auch die maßgebenden italienischen Fachgenossen dürften die Aufnahme dieser Arbeit in die so rühmlich bekannten Manuali Hoepli bedauern.

A. Ihre Entwicklung im allgemeinen.

Hier ist zunächst der -- auf den ersten Blick kaum übersehbare -- Ertrag der gewaltigen, bei Inangriffnahme der Hispania pontificia vollbrachten Leistung Kehrs zu buchen. Fördert dieser Meister der Urkundenforschung schon durch die Veröffentlichung der 275 noch ungedruckten oder in Deutschland kaum bekannten Papst- und Kardinalsurkunden aus den Pontifikaten Leos III. (Fälschung) und


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seiner Nachfolger (bis 1198), die er in den von ihm durchsuchten und eingehend geschilderten Archiven Kataloniens fand ( 168), und durch Herausgabe von Teilabbildungen der 12 ältesten in jenen Archiven befindlichen Urschriften päpstlicher Ausfertigungen auf Papyrus (10 Stück) und Pergament (2 Stück) aus der Zeit von Formosus bis Benedikt VIII. und der Nachzeichnung einer vermutlich von Johannes XIX. ausgestellten Urkunde ( 167) unsere Kenntnis sehr wesentlich (vgl. u. a. R. v. Heckel,  Deutsche Literaturzeitung, 48, Sp. 2215--2221), so legt er in der zu diesen Tafeln gehörigen Abhandlung eine grundlegende Untersuchung über Schrift, Textgestaltung und Herstellung der Papsturkunden des 9.--11. Jahrhunderts vor, die z. T. völlig neue Einsichten in den behandelten Gegenstand eröffnet. Im Rahmen dieses Berichtes ist es unmöglich, die Tragweite der einzelnen, hier niedergelegten Forschungsergebnisse (so über die Entwicklung der Kuriale und ihr Verhältnis zur Minuskel, über die eigenhändige Beteiligung des Papstes an der Urkundenfertigung, über die Kanzleigeschichte und über das Vorkommen echter, von den üblichen Formen der Papsturkunden ganz abweichender Ausfertigungen) auch nur anzudeuten. Es mag die Bemerkung genügen, daß das von Kehr Gebotene den Ausgangspunkt für alle Forscher bilden muß, die sich der älteren Papsturkunde zuwenden. Daneben sind aber auch noch andere Arbeiten aus dem in Rede stehenden Gebiet zu nennen. Hufe behandelt in einer noch nicht gedruckten Doktorschrift die Poenformeln der mittelalterlichen Papsturkunden ( 381), Michael- Schweder in einer von Erben eingeleiteten, mit Abbildungen ausgestatteten Abhandlung die Schrift auf den Papstsiegeln des Mittelalters ( 353) und Schiaparelli in einem von 3 Tafeln begleiteten Aufsatz den Ursprung der Kuriale ( 349).

I. Allgemeines und Sammelwerke.

Für das Berichtsjahr 1926 hat F. Wekken im Rahmen der »Mitteilungen der Zentralstelle für  Deutsche Personen- und Familiengeschichte« (Heft 38, Leipzig 1928) die Jahresbibliographie bearbeitet, deren Nachweisung von 1696 bibliographischen Einheiten in eindrucksvoller Weise das Aufblühen der deutschen genealogischen Forschungsarbeit kennzeichnet. Freilich ist auch viel Spreu unter dem Weizen, vor allem muß das Bestehen von nicht weniger als 25 selbständigen genealogischen Zeitschriften, von denen mindestens 15 geradezu als genealogische Inflationsgründungen bezeichnet werden müssen, als eine bedauerliche Zersplitterung und Vergeudung von Kräften bezeichnet werden. Das Schriftleiter-spielen-wollen von Dilettanten ist nicht selten das Hauptmotiv zu solchen Gründungen. -- Im Berichtsjahre selbst ist im Rahmen der »Familiengeschichtlichen Bibliographie«


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das Doppeljahrheft 1923/24, gleichfalls von Wecken bearbeitet ( 418), erschienen. Daneben hat Wecken begonnen, ein Verzeichnis familiengeschichtlicher Quellen in Karteiform ( 419) herauszugeben, dessen erste Lieferungen noch kein ausreichend klares Bild über den Plan des Ganzen geben -- vorläufig scheint der Zufall persönlicher Einzelkenntnisse für die Auswahl eine zu große Rolle zu spielen. Das Verzeichnis enthält sowohl archivalische wie bibliographische Nachweisungen, geordnet teils nach ständischen teils nach geographischen Gesichtspunkten. -- Wertvoll für den Benutzer ist das vom Verlag Perthes herausgegebene Gesamtverzeichnis zu den Gothaer Taschenbüchern ( 421), das mühselige Sucharbeit erspart.

I. Allgemeines und Sammelwerke.

Der schwäbische Dichter Ludwig Finckh hat in seinem gefälligen Büchlein »Heilige Ahnenschaft« (Leipzig, Degener & Co., 1926; 82 S., Kl. 8) in warmherzigen Plaudereien für die  deutsche Ahnenforschung geworben und in eindringlichen Darlegungen die nationale Bedeutung dieser Wissenschaft unterstrichen; vor allem die Erforschung des Auslandsdeutschtums hat von dieser Seite wichtige Anregung und Stützung zu erwarten, wie die von Finckh vorgetragenen Beispiele über die rein  deutsche Abkunft vieler namhafter Auslandsdeutscher sinnfällig beweisen.

I. Allgemeines und Sammelwerke.

Auf dem Gebiete der genealogischen Sammelwerke, als deren traditionell führendes der »Gotha« in seinen verschiedenen Ausgaben diesmal nur 4 uradelige Bände bringt (Gothaischer Hofkalender, Taschenbuch der gräflichen, freiherrlichen und adeligen Häuser), ist nunmehr die 1. Lieferung des I. Bandes des Werkes der Zentralstelle in Leipzig » Deutsche Stammtafeln in Listenform«, bearbeitet von Peter v. Gebhardt, erschienen, der 1927 die den Band abschließende 2. Lieferung gefolgt ist (VIII S., 360 Sp., 12 Bildtafeln, 4) ( 423). Das Werk ist als Parallele zu den »Deutschen Ahnentafeln« gedacht (Jahresberr. 1925, S. 170) und sucht durch sein größeres Format, durch die Anordnung in Listenform und durch die den Gothaischen Taschenbüchern entlehnte Bezifferungsweise des »fallenden Systems«, vor allem aber durch ausführlichere Gestaltung der Personenangaben Nachkommenschaften aus allen deutschen Ständen und Ländern in einer Form darzustellen, die zeitgemäßen Ansprüchen genügt. Besonders die ausführlich gehaltenen geschichtlichen Einleitungen über die einzelnen Geschlechter sind sehr zu begrüßen. Der monumentale Band enthält 32 Stamm- und Nachfahrenlisten von bürgerlichen und adeligen Geschlechtern, von denen hier die Fürsten und Grafen v. Isenburg, die v. Gebhardt, die (v.) Farenheid und die Riebeck angeführt seien.

III. Wappen- und Siegelkunde.

Zu der Frage der Entstehung der Flaggen Schwarz-Rot-Gold und Schwarz-Weiß-Rot hat E. Zechlin im wesentlichen auf Grund der Reichsakten aus der Reichsgründungszeit einen wertvollen Beitrag geliefert, der in diese verhängnisvolle Streitfrage Klärung und Ruhe bringt ( 503). Die aufgeregte Polemik dagegen, die er über diese Frage und über das mit verschiedenen Ergebnissen verwertete Material mit Veit Valentin ausgefochten hat ( 502), ist ein wenig erfreulicher Beleg für deutschen Gelehrtenstreit. Entgegen der sonst allgemein vertretenen Ansicht, daß die Entstehung des Dreifarbs Schwarz-Rot-Gold auf die Farbe der Jenaer Urburschenschaft (Schwarz-Rot mit goldenem Zweig) und die Uniform der Lützower zurückzuführen ist, vertritt Czermak (Der  deutsche Herold 1927, 24) die auch von der Familie v. Lützow geteilte Ansicht, daß die Farbenfolge Schwarz-Rot-Gold auf die »Paradeuniform« der mecklenburgischen Landsmannschaft »Vandalia« in Jena zurückgeht. Zechlin zieht diese Möglichkeit immerhin ernstlich in Erwägung, während Erman ( 501) sie als »offenbaren Unsinn« ablehnt.

IV. Historische Landschaftskunde; historisch-politische Geographie.

Einigen Landschaftsgebieten sind geistvoll überschauende Betrachtungen umfassender Art gewidmet worden, um ihren kulturgeschichtlichen Charakter zu kennzeichnen oder sie in die großen erdräumlich bedingten Geschichtszusammenhänge hineinzustellen. In solcher Weise hat der ausgezeichnete Kenner südwestdeutscher und rheinischer Geschichte, Al. Schulte, das Bodenseegebiet behandelt ( 531). Die Erlebnisse eines Grenzlandes in schicksalhafter Lage zeigt A. Hessel an dem Beispiel Friauls ( 518), das Italiens Ein- und Ausgangspforte gewesen ist und in stetem Wechsel vorherrschender kultureller Einflüsse und machtpolitischer Wirkungen gestanden hat, von der Ausstrahlung römischimperialer Macht und Wirtschaft an über die Zeiten, da hier langobardische Grenzschutzkolonien entstanden und im Hochmittelalter sich eine Annäherung an Deutschland vollzog, bis ein erneuter Angleich an Italien um die Mitte des 13. Jahrhunderts stattfand, danach die Eingliederung in das venezianische Staatswesen eintrat und wiederum das Land der wechselnden Herrschaft europäischer Großmächte anheimfiel. In ausgeprägtem Gegensatz zu solchem Grenzlandsgeschick und doch nicht ohne Ähnlichkeit des Geschehens schildert Er. Jäger ( 307) Thüringen, das  deutsche Binnenland, als einen politischen Raum, dem die Zwischenlage zum Schicksal wurde: an sich eine wohl abgeschlossene Landschaft, die zur Basis eines in sich gefestigten Staatswesens geeignet gewesen wäre, und doch in Wirklichkeit von geringer staatsbildender Kraft, von Westen nach Osten an einer der wichtigsten Verkehrsbahnen Mitteleuropas gelegen, offen zugleich dem von Norden, von der Mittelelbe her, vordringenden Einfluß. In einem Gang durch die Jahrhunderte werden die wechselvollen Geschicke Thüringens dargetan, bis zu den Zeiten, da der Anschluß an den Norden gefestigt ist und nun die geopolitische Zwischenlage dieser deutschen Herzlandschaft zum wirtschaftlichen Segen wird. -- Die zentrale Lage und die feste Umwallung mit Naturgrenzen ist von stark bestimmendem Einfluß auf die Geschichte Böhmens, dieser »Zitadelle« Europas, gewesen. Dies erörtert in feinsinnigem, auf trefflicher Kenntnis beruhendem Überblick ein Aufsatz H. Hirschs über die Grenzverhältnisse dieses Landes ( 509), wobei insbesondere auch die siedlungsgeschichtlichen Vorgänge berücksichtigt sind. Die einzelnen Grenzgebiete ringsum werden genau durchgesprochen; zwei Stadien der Grenzbildung zeigen sich in einem Prozeß der Entwicklung aus den Naturgrenzen zur linearen und politischen Grenze: die Schmälerung des Grenzgürtels durch das Vorrücken der deutschen Siedler von außen her, sogar über die mittlere Linie des Grenzsaumes hinaus, sodann die Ausbildung der Grenzverhältnisse unter dem Einfluß fürstlicher Hausmachtpolitik, wobei Gebiete zu Böhmen kamen, die früher zur Zeit der deutschen Besiedlung noch gar nicht dazu gehört hatten. -- Eine sehr gründliche Einzeluntersuchung hat der vielumstrittene Limes Saxoniae durch H. Hofmeister gefunden ( 570). Nach einer Rückschau auf die Wege bisheriger Forschung wird das Problem in topographischer, historisch-philologischer (Adamtext) und archäologischer Hinsicht erörtert; ein genaues Kartenbild ist beigefügt. Der Verfasser erklärt den Limes als eine unter Ludwig dem Frommen geschaffene Anlage (v. J. 822), die jedoch bald verfiel. Später (um 1062) war der Ausdruck nur geographische Bezeichnung eines Bezirks, in dem nach der Tradition schon seit Otto d. Gr. Rechte in Anspruch genommen wurden.

V. Siedlungsgeschichte.

Der Siedlungskunde Tirols hat erneut H. Wopfner Arbeiten gewidmet, darunter eine solche zusammenfassender Art, wobei er die vordeutsche und  deutsche Zeit umspannt ( 515). Die Ausführungen gehen auf die dort wohnhaften Volksstämme ein und schildern den Gang der Besiedlung auf den Terrassen und Schuttkegeln, an den Hängen, in den Haupt- und Nebentälern; Deutsch-Südtirol reicht, wie er dartut, vom Brenner südwärts bis zur Etschtalenge, zur Salurner Klause (Gossensaß ist tatsächlich Gotensitz). Als ältere Siedlungen sind Schutzsiedlungen auf der Höhe anzusehen (Kastellsiedlungen). Rätoromanische Siedlungsformen sind das Straßendorf und das zusammengeballte »Massendorf«. Die jüngeren Dorfanlagen der Deutschen, denen der intensivere Landesausbau zu danken ist (homines laboris), zeigen weiteren Abstand der Baulichkeiten (in lockeren Weilern, Rotten); die Einzelhöfe sind Erzeugnis spätmittelalterlicher deutscher Binnenkolonisation. Bei enggebautem Straßendorf ist oft nicht zu entscheiden, ob es auf romanische Gewohnheit oder den Verkehr zurückzuführen ist. -- Für das Elsaß stellt eine Arbeit Ph. Hammers ( 534) die im Besitz mehrerer Gemeinden befindlichen Wälder (Haingeraide, Hardt, Ried u. a.) zusammen; er erklärt sie als Trümmer der einst von den germanischen Gaugemeinden überlassenen Hundertschaftsmarken, freilich ohne tiefer in den Nachweis für diese Auffassung einzugehen. -- Eine außergewöhnlich lehrreiche Studie bietet Fr. Metz für das badische Unterland ( 532). Es ist die Arbeit eines Geographen, der das Land und seine Siedlungen völlig aus eigener Anschauung kennt und, neben Beherrschung des Schrifttums, besonders Kartenstudien treibt. Beobachtungen der Landesnatur und des Landschaftsbildes, ausgezeichnet durch Anschaulichkeit, stehen im Vordergrund; dazu treten reiche Mitteilungen über die wirtschaftlichen Verhältnisse in Stadt und Land. Auch der Historiker kann viel daraus entnehmen; erwähnt sei, daß in der »Weilerfrage« der Ausbaucharakter der Orte mit Weilernamen betont wird.

V. Siedlungsgeschichte.

Wie schon bei den zuletzt genannten Arbeiten, so spielt erst recht für das eigentliche Nordostdeutschland das Problem der slawischen Siedlungs- und Kulturzustände im Vergleich zu den deutschen eine Rolle. Eine Überschau nach dem derzeitigen Stande des Wissens bietet eine Sammlung von Aufsätzen, die W. Volz ( 228) herausgegeben hat: »Der ostdeutsche Volksboden«; Historiker und Philologen haben dazu Beiträge für einschlägige Fragen geliefert (der Verfasser dieses Berichts, A. Dopsch, R. Holtzmann, R. Much, M. Vasmer, E. Gierach, H. Witte, C. Krollmann, E. Keyser, Fr. Lorentz, Br. Ehrlich, H. Gollub, K. J. Kaufmann, M. Laubert), G. Aubin behandelte in großem Überblick die Entwicklung der ostdeutschen Agrarverfassung. (Vgl. auch S. 519) Dazu liegen nicht wenige Sonderveröffentlichungen vor. Beachtlich ist eine Untersuchung H. Krabbos ( 584), worin die 1108 gebotene Schilderung der wilden Grausamkeit slawischer Völkerschaften im Elbgebiet an der Hand der Quellenzeugnisse nachgeprüft wird, mit dem Ergebnis, daß es in dem langen harten Grenzkampf an solchem Verhalten auf beiden Seiten nicht gefehlt hat. O. Ed. Schmidt, der bekannte Verfasser der Kursächsischen Streifzüge, hat den Wenden der Ober- und Niederlausitz ein Buch gewidmet ( 609), das gute Kenntnis, ruhiges und sachliches Urteil sowie anschauliche Erzählung und Schilderung aufweist; es ist verdienstlich, daß voreingenommenen Ausstreuungen über das Wendentum damit entgegengetreten wird. Einer eingehenderen siedlungsgeschichtlichen Untersuchung von den vorgeschichtlichen Zeiten bis zur deutschen Kolonisation ist freilich noch manche Aufhellung vorzubehalten. Eine fleißige Einzelstudie zur Siedlungskunde der Mittelmark hat W. Gley vorgelegt ( 586). Ausgehend von den physisch-geographischen Verhältnissen, berücksichtigt er vornehmlich die Ortsformen und Ortsnamen, zieht auch erfreulicherweise Flurkarten, zumal ältere, zu seinen Studien heran und hat überdies ein weitschichtiges Material an historischen Quellen, bis ins 17. Jahrhundert hinein, verwendet. Im wesentlichen gelungen erscheint das Endergebnis, der Nachweis der einstigen Verbreitung der Slawen, wofür die natürliche Beschaffenheit der von ihnen eingenommenen Räume nahe den Wasseradern die Erklärung bietet; eine gefällige Karte bringt dies ansprechend zum Ausdruck. Auch die Schätzung der Volkszahl der Slawen (um 1150: etwa 25 000) und der geringen Bevölkerungsdichte vorkolonialer Zeit verdient Beachtung. Das Bemühen Gl.s um agrargeschichtliches Verstehen ist anerkennenswert; es liegen auch brauchbare Beobachtungen dazu vor (über die Art der Hufen, Wendenfelder), jedoch kann die gegensätzliche Schilderung des slawischen und deutschen Agrarwesens nicht als einwandfrei gelten. Mit Recht hervorgehoben wird der Einfluß der Straßen auf den Gang der Kolonisation wie auch auf die Siedlungsformen. Für die Oberlausitz hat W. Heinrich ( 607) die Verbreitung der »fränkischen Hufe« mit Hilfe von Messungen der Fluren nach Länge und Breite (Hufengröße 42 sächs. Acker = 23,10 ha) nachzuweisen unternommen; ihm folgt Joh. Langer ( 608) mit noch umfassenderen Studien, zugleich in fleißiger, glücklicher Auswertung von Flurnamen. Die bedeutendste


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Leistung zur Siedlungsgeschichte Schlesiens bringt ein Buch Jos. Pfitzners ( 614), vornehmlich für das Breslauer Bistumsland; kenntnisreich und umsichtig geschrieben, ausgezeichnet durch eine höchst vielseitige Problembehandlung fördert es an seinem Teil auch siedlungsgeschichtliche Fragen. Es bringt neue Beweise für die  deutsche Einwanderung nach Schlesien zur Kolonisationszeit (aus den Papsturkunden), beleuchtet das Verhalten der Deutschen im Neulande (Zehntentrichtung, Fastenbrauch) und bringt Aufschlüsse zur Siedlungspolitik der schlesischen Fürsten und der Breslauer Bischöfe, so daß die Darstellung weit über die rein verfassungsgeschichtliche Ermittlung hinausgelangt. Flurstudien haben bei dem Gebotenen noch nicht nutzbar gemacht werden können. Kleinere Studien liegen für einzelne Kreise vor ( 612 f.). In einer Untersuchung sucht Jungandreas ( 610) die Herkunft der »Siedlerstämme« zu ermitteln. Rheinische Einwanderung (auch aus Hessen) ist schon früh festzustellen; am stärksten vertreten sind Obersachsen, nächstdem der bayrische Einfluß, während alemannischer nicht mehr zu erkennen ist, der niederdeutsche jedenfalls bedeutungslos blieb. Die Beschäftigung mit der Landschaftsgliederung und Bevölkerungsverteilung des unteren Weichsellandes hat W. Geisler ( 595) darauf geführt, auch eine Kennzeichnung der ländlichen Siedlungsformen dieses geographisch wie volksgeschichtlich so merkwürdigen Gebiets vorzunehmen. Eine gleiche Mannigfaltigkeit stellt sich dabei heraus, wie anderwärts. Altertümlich erscheinen die Weiler, die, darin den Gutssiedlungen ähnlich, in natürlicher Schutzlage angelegt sind; die Dörfer mit der Besitzform der Haken haben fast ausnahmslos die Weilerform, die Bevölkerung der »Weilerdörfer« ist kaschubisch. War schon bisher in der Weichselniederung die Schaffung der Kulturlandschaft als  deutsche Leistung erkannt, so erweisen sich nun die Straßen- und Angerdörfer auf den Weichselhöhen gleichfalls als Werk der deutschen Siedlung. Ebenso gilt dies für die reihenförmig angelegten »Deichhufendörfer«. Diese Dorfformen des Weichsellandes stehen am Schluß der Entwicklung ostdeutscher ländlicher Siedelung. -- Eine Breslauer Dissertation K. Heidrichs über die mittelalterliche  deutsche Kolonisation in Polen ( 628) ist bisher nicht im Druck erschienen. -- Für die Kaschubei bietet ein gründlicher Kenner dortiger Sprache und Geschichte, Fr. Lorentz ( 601), eine quellenmäßig begründete Untersuchung der Siedlung und des Volkstums zur Ordenszeit. Das Kaschubische ist ein pomeranischer Dialekt; erst später gerät es zumal in den Grenzgegenden unter den Einfluß des Polnischen. Als die ersten Deutschen kamen Missionare nach Ostpommern; seit 1178 entstanden klösterliche Niederlassungen,  deutsche Kaufleute stellten sich ein (1260 Gründung von Dirschau), seit der Mitte des 13. Jahrhunderts siedelten sich nun auch  deutsche Landleute an,  deutsche Güter und Dörfer breiteten sich aus. Unter der Herrschaft des deutschen Ordens (seit 1309) nahm die  deutsche Besiedlung stark zu, um kolonisierende Klöster sowie die Städte: die Ordenszeit galt den Bauern als das goldene Zeitalter.

IV. Lyrik.

In Italien interessiert man sich sehr für die Herleitung des Wortes »Goliarde«, und auch 1926 ist wieder ein umfassender Artikel von V. Crescini dazugekommen. Er hatte in seinen Appunti su l'etimologia di goliardo, Atti Istit. Veneto LXXIX, 1919--1920, 1079 in ausführlicher Darstellung und mit vielen Belegen den Gedanken entwickelt, daß das Wort gula (gulosus, gulae deditus) das Primäre sei; durch Anhängung des Suffixes -hart sei golart daraus geworden; wohl in Anlehnung an den gefräßigen Riesen Goliath, Golias habe sich goliart daraus entwickelt. Während W. Meyer- Lübke, Germ.-Roman. Monatsschr. 14, 1926, 76 sich ihm anschließt, verfocht F. Ermini, La Cultura A. I Nr. 4, S. 169 die These, daß Golias den Anspruch auf Priorität habe. Gegen ihn verteidigt Crescini, Postille goliardiche, Atti Ist. Veneto LXXXV, 1925--1926, 1065 ff. noch einmal unter Anführung neuer Beweise seine Ansicht und bringt zum Schluß eine hübsche Parallele, den Gorgias ingurgitantium abbas, der ganz entsprechend aus gurges, vulgär gurga entstanden sei. Dagegen hält J. H. Hanford ( 656) an der vielfach akzeptierten Deutung von Golias = diabolus fest. Um dem schwankenden Begriff Bischof Golias Inhalt zu geben, prüft er die bei Wright, Mapes unter dem Namen des Golias gedruckten Gedichte und sucht die gemeinsamen Züge herauszufinden -- ein nicht ganz unbedenkliches Verfahren, denn Wrights Zusammenstellung ist doch bis zu einem gewissen


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Grade ein Produkt des Zufalls. Die Tradition der ioculatores sei zweifellos alt, vielleicht ein Erbteil der Antike, neue Gestalt habe sie gewonnen im Primas Hugo von Orleans, der mit seinem Dives eram bei Wright vertreten ist, weitere Züge kamen dazu durch den Erzpoeten, dessen Beichte ebenfalls dort steht; weiteres bieten dann die übrigen Goliaslieder. Sehr hübsch liest sich die Schilderung des Primas und Erzpoeten, und der Zusammenhang zwischen den beiden ist ja wohl zweifellos, im ganzen möchte man doch manches Fragezeichen setzen. -- Zum ersten Gedicht des Erzpoeten (bei Manitius trägt es die Nr. II) Lingua balbus hebes ingenio sind neben der Göttinger Hs. zwei weitere heranzuziehen, clm 14343 und Breslau I Q 102, deren Abweichungen von K. Fiehn ( 658) verzeichnet und beurteilt werden. Sie bringen manche beachtenswerte Lesart, vor allem ist hervorzuheben, daß die zweite Strophe mit ihrer Hilfe richtig hergestellt werden kann. Im zweiten Gedicht (Manitius Nr. VIII) des Erzpoeten, in dem er in persona Ionae prophetae auftritt, hat die Wendung V. 56 vatem decalvatum Erklärungen gefunden, die nicht befriedigen. K. Strecker ( 659) erinnert daran, daß Jonas in der Kunst und auch in der Literatur (Cena Cypriani des Johannes Hymmonides) als Kahlkopf auftritt, in der erwähnten Ausdrucksweise mithin weiter nichts zu sehen ist als eine Variation für Jonam. Auch die Frage, warum der Dichter dies eigenartige Pseudonym gewählt hat, beantwortet der Verfasser in Fortsetzung des eingeschlagenen Weges: Jonas war nach den bildlichen Darstellungen nicht nur kahl, sondern auch nackt, als er vom Walfisch ausgespien wurde. Wenn also der Dichter als Jonas auftrat, so wollte er damit die Vorstellung erwecken, daß er, wenn der Walfisch -- die Verbannung vom Hofe -- ihn freigäbe, gebessert und ebenso rein sein wolle wie ein neugeborenes Kind, quasimodogenitus, wie es in der bekannten Beichte des Dichters heißt. Unser Gedicht ist also als Gegenstück zu jener Beichte zu betrachten. Anhangsweise wird darauf hingewiesen, daß wir die Vagantenzeile neben Abaelard auch schon beim Primas antreffen. -- Die deutschen Strophen der Carmina Burana, die schon oft, namentlich von den Germanisten, zum Gegenstand der Untersuchung gemacht worden sind, ohne daß eine Einigung über ihren Wert, über ihr Verhältnis zu den lateinischen Liedern, denen sie angehängt sind, speziell über die Frage, ob die deutschen Strophen Nachbildungen der lateinischen sind oder umgekehrt, erzielt worden wäre, hat O. Schumann ( 655) von neuem sorgfältig geprüft. Zuletzt hat H. Naumann, Reallex. d. deutschen Literatur, Carmina Burana, die Meinung vertreten, die deutschen Strophen seien den lateinischen Gedichten zur Angabe der Melodie angehängt worden. Demgegenüber kommt der Verfasser in überzeugender Untersuchung zu dem Ergebnis, daß in irgendeinem gelehrten deutschen Freundeskreis eine Anzahl lateinischer Lieder, meist Frühlings- und Liebeslieder, gedichtet wurde, natürlich nach den Regeln der lateinischen Rhythmik, wobei nicht ausgeschlossen ist, daß gelegentlich auch  deutsche Strophen nachgebildet wurden. Diese Lieder wurden in ein Buch zusammengeschrieben, und dabei vielleicht auch einige ältere fremde Stücke wie Nr. 112. 138 mit aufgenommen. Der Sammler kam auf den Gedanken, zu den lateinischen Liedern formale Parallelen in der deutschen Lyrik aufzusuchen und anzufügen, vielleicht als Singmuster. Einige Parallelen stimmten, bei andern begnügte er sich mit allgemeiner Ähnlichkeit; wo auch die fehlte, dichtete

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er (oder mehrere Genossen) selbst neue, was vor allem für die Strophen gelten dürfte, wo die  deutsche Strophe der lateinischen entspricht, in der deutschen Lyrik aber keine Entsprechung hat, besonders die Vagantenstrophe. So oder ähnlich muß man sich diese deutschen Zusätze erklären. Wenn das stimmt, muß man natürlich aufhören, in diesen deutschen Strophen etwas besonderes Wertvolles zu sehen und womöglich bei der Frage nach dem Ursprung des deutschen Minnesanges auf sie zurückzugehen. Noch wichtiger ist ein anderes Ergebnis, das für die Beurteilung der ganzen Hs. in Betracht kommt. Die deutschen Strophen sind mit wenigen Ausnahmen alles andere als altertümlich und volkstümlich, ziemlich dürftige Reimereien und Zusammenstoppelungen üblicher Motive und Phrasen, und einzelnes ist unverkennbar Entlehnung aus Minnesängern, deren Zeit ungefähr feststeht. Danach werden wir für die deutschen Strophen in den Ausgang des 13. Jahrhunderts geführt, müssen also den Codex Buranus etwa 50 Jahre später setzen, als man bisher anzunehmen pflegte. Und auch für die Lokalisierung ist aus den deutschen Texten ein Schluß zu ziehen: Die von W. Meyer aufgebrachte Meinung, die Sammlung stamme von der Mosel, ist nicht zu halten, der Dialekt weist nach Bayern. Diese Ergebnisse werden der von dem Verfasser zusammen mit A. Hilka vorbereiteten Ausgabe zugrunde gelegt werden. Sie beruhen auf einer erneuten minutiösen Prüfung der Hs. Gewissermaßen programmatisch für die zu erwartende Ausgabe ist ein Aufsatz des Verfassers ( 657), in dem er zwei besonders wertvolle Gedichte, das schöne und ergreifende Nr. 88 Hucusque me miseram, in dem er ein reales Erlebnis sieht (vgl. dagegen F. Baethgen,  Deutsche Vierteljahrsschr. 5, 56) und das darauffolgende ebenfalls sehr fesselnde Deus pater adiuva eingehend analysiert und Stellung nimmt zu den Methoden, nach denen man sie bisher behandelt hat. -- Auf die ziemlich unbeachtet gebliebene Hs. Fulda C 11 fol. s. XV, die eine Anzahl Gedichte enthält, die freilich auch sonst bekannt sind, weist Strecker ( 634) hin. Ebenda vergleicht er die Metamorphosis Goliae mit Martianus Capella und zeigt, daß letzterer für das Verständnis und die Verbesserung des Gedichtes von ziemlichem Werte ist. -- Von den Tegernseer Liebesbriefen, die M. Haupt im kritischen Apparat von Minnesangs Frühling abdruckt, endet der zweite mit einer Reihe abrupter Satzanfänge, und man erkennt ohne weiteres, daß es Hexameteranfänge sind. R. Ganszyniec ( 647) hat sich das Vergnügen gemacht, diese zu ergänzen, wobei er von der möglichen, aber doch ganz unsicheren Annahme ausgeht, daß es leoninische Hexameter waren. Wertvoller sind die angehängten Beispiele dafür, daß chimera in Klerikerkreisen als Spitzname für Dirne gebraucht wurde. --

VI. Verschiedenes.

C. Weyman ( 629), der seit langer Zeit Neuerscheinungen auf dem Gebiete der christlich-lateinischen Poesie mit stets außerordentlich fördernden Beiträgen zu begleiten pflegt, hat dankenswerterweise hier einen großen Teil der an den verschiedensten Stellen zerstreuten und deshalb leicht übersehenen Bemerkungen zusammengestellt und dadurch nutzbar gemacht. Ein ausgezeichnetes Register wird wesentlich dazu beitragen, dies Ziel zu erreichen. Ein großer Teil des Buches beschäftigt sich mit der frühchristlichen Dichtung, berührt also das Mittelalter nicht direkt, aber bei dem großen Einfluß, den diese auf die spätere Zeit ausgeübt hat, kommen diese kritischen Bemerkungen auch dem Mittelalter zugute. Anderes geht das Mittelalter direkt an, wie die Beiträge zu Fortunatus, Isidor (Versus de bibliotheca), Poetae lat. aevi Carolini IV., zum Liber benedictionum Ekkehards IV., den Quirinalien des Metellus von Tegernsee, Jakob Werners Sprichwörtern und Sinnsprüchen. -- Kritische Notizen zu Hilkas Ausgabe der Historia sapientum und des Dolopathos, sowie zu Lehmanns parodistischen Texten Nr. 6 gibt K. Strecker ( 634). -- Das Verhältnis von Isidors Etymologien zu Cassiodor klärt Th. Stettner ( 640) durch den Nachweis auf, daß Useners auch früher schon angezweifelte Annahme, Isidor und Cassiodor hätten beide dieselbe ältere Enzyklopädie benutzt, unhaltbar ist. -- Die eigenartige Form (Mischung von Prosa und Versen), in der die Chantefable Aucassin und Nicolette auftritt, scheint in der französischen Literatur des Mittelalters einzigartig dazustehen, darum hat sie die Romanisten viel beschäftigt und ist auf die verschiedenste Weise erklärt worden; Reinhard ( 653) stellt die recht naheliegende Behauptung auf, die Form sei aus dem klassischen Altertum hergeleitet (dagegen W. Suchier, Philol. Studien.. K. Voretsch dargebracht 1927, 170, 2), und gibt eine kurze Übersicht über die Geschichte der Satura Menippea bis zu Bernhard v. Chartres und Alanus. -- Die lateinische Vorrede zum Heliand ist in der Art von Sagversen abgefaßt, die durch prosaische Interpolationen unterbrochen sind. E. Sievers ( 643) behauptet die absolute Identität der Stimme des Verfassers dieser Praefatio mit der Stimme des Hrabanus Maurus in der Vorrede zu den Laudes sanctae crucis, damit sei der Verfasser der anonymen Vorrede festgestellt. Auch der Versabschnitt 30 des deutschen Tatian müsse von Hraban sein. -- Stilistischer Art ist M. B. Ogles ( 632) Artikel. Ausgehend von der Beobachtung, daß in Walter Maps De nugis curialium, wovon er eine Übersetzung vorbereitet, ein Wechsel zwischen natürlichem, klarem und andererseits gesuchtem und künstlichem Stil stattfindet, legt er dar, daß hier die Tradition nicht unterbrochen ist, sondern daß die peritia pulchre loquendi von den Rhetorenschulen übernommen wurde und durch das Christentum


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keine formelle, sondern nur materielle Änderung erfuhr. Er untersucht dann, wo dieser emphatische Stil und wo der einfache aufzutreten pflegt. Von Cursus und Reimprosa spricht er auffallenderweise nicht. -- Der Titel von H. Brauers ( 638) Schrift führt etwas irre, denn der Hauptakzent liegt durchaus auf dem ersten Teil desselben. Die Aufarbeitung der alten Kataloge in den »Mittelalterlichen Bibliothekskatalogen« fordert ja dringend zu einer Ausschöpfung des Materials für die Bildungsgeschichte der einzelnen Klöster auf; der Verfasser hat die Aufgabe für St. Gallen übernommen und vergleicht die für dies Kloster besonders reichhaltigen Angaben mit den erhaltenen Beständen. Erst gewissermaßen anhangsweise kommt er dann auch auf das  deutsche Schrifttum zu sprechen. Er stützt sich nur auf gedruckte Quellen, und man wird ihm durchaus rechtgeben, wenn er selbst versichert, daß durch Einsicht in die Hss. das Bild naturgetreuer ausgefallen wäre; man kann vielleicht sogar sagen, daß diese Einsicht eigentlich Vorbedingung für ein solches Unternehmen gewesen wäre, und es ist zu wünschen, daß der Verfasser, der diese Studien fortsetzen zu können hofft, diesen großen Mangel ausschaltet, vorläufig operiert er gar zu sehr mit Vermutungen, die durch P. Lehmanns überlegene Sachkenntnis, die man gelegentlich in den Noten findet, nicht gerade bestätigt werden. Technisch ist zu bemerken, daß der Verfasser nicht an die Bedürfnisse des Lesers denkt; z. B. versäumt er es oft, wenn er von gedruckten Texten spricht, mitzuteilen, wo man sie findet, und man muß, wenn z. B. kleinere Gedichte erwähnt werden, sich diese mühsam aufsuchen, während andererseits für die einzelnen Werke des Prudenz nicht nur der Titel, sondern auch eine  deutsche Übersetzung desselben gegeben wird, aber wieder nicht der Name des Herausgebers (Bergman). Einzelnes berührt eigenartig, so wenn die Translatio s. Galli durch die Translatio s. Marcellini et Petri hervorgerufen sein soll, wenn der Vergil in Capitalis quadrata dem heiligen Gallus gehört haben soll, wenn Verse auf einen festen Trinker und Witzbold in leoninischen Hexametern mit Reimen wie impletum -- acetum auf die Jugendzeit des Abtes Grimaldus bezogen werden. Sehr zu loben ist das ausführliche Register. -- C. Plummer ( 639) gibt eine sehr reichhaltige Liste von Randnotizen aus irischen Handschriften, aus denen man ein lebensvolles Bild von den Gewohnheiten dieses eigenartigen Völkchens gewinnt. Selbstverständlich sind sie im Original wiedergegeben, und eigentlich kann nur ein Keltist als Leser gedacht werden, doch wird jeder Freund des Mittelalters mit Vergnügen und Nutzen das allgemeine Charakterbild, das auf Grund der Marginalien entworfen wird, lesen.

II. Mundartforschung.

Der von G. Wenker begründete und von Ferd. Wrede erfolgreich weitergeführte Sprachatlas des deutschen Reiches ist so


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weit gediehen, daß die erste Lieferung ( 664), bestehend aus einer das ganze  deutsche Sprachgebiet umfassenden Grundkarte und dem seinerzeit von Wenker entworfenen Nordwestblatt, sowie sechs Einzelkarten in doppelter Ausführung (als farbige Eintragung auf einer Grundkarte und als Pausblatt) samt erläuterndem Text, erscheinen konnte. Sie enthält die Kartenblätter: 1. Lautverschiebung, 2. das Fürwort »ich«, 3. »dir«, 4. »beißen«, 5. die Endung der 3. plur. ind. praes., 6. die Sinnverwandten für »Pferd« und »Füße«.

II. Mundartforschung.

Weitere dialektgeographische Beiträge der Marburger Schule bringt der Jg. II (1925/26) des »Teuthonista, Zs. f.  deutsche Dialektforsch. u. Sprachgesch.«; ich nenne davon: S. 1--18 Th. Frings und E. Tille, »Kulturmorphologie«, ein wertvoller Beitrag zur Verteilung der Gesindetermine im Rhein- und Moselland, mit fünf Karten; S. 46--55 und 107--133 H. Jacobs, »Dialektgeographie Südmecklenburgs«; S. 91--106 W. Kuck, »Die nordöstliche Sprachgrenze des Ermlandes« (Ostpreußen): Die ermländischen Mundartgrenzen stimmen im großen und ganzen mit den Grenzen der vordeutschen Landschaften überein.

III. Ältere Sprachgeschichte.

E. Maschke ( 725) stützt sich bei der Bestimmung der Herkunft und Bedeutung der in den althochdeutschen Glossen überlieferten Waffennamen auch auf die germanischen Lehnwörter in fremden Sprachen und auf kulturgeschichtliche Tatsachen, wodurch die hübsche Studie allgemeinere Bedeutung erhält. Demselben Namen entspricht zu verschiedenen Zeiten nicht der gleiche Gegenstand: So war z. B. »Halsberg« ursprünglich eine Fortsetzung des Helmes zum Schutze des Halses, wurde aber später mit dem Panzer verbunden und auf diese Art schließlich zur Bezeichnung des Panzers selbst. -- Ein zwar kurzer, aber sehr wichtiger Beitrag ist Edw. Schröders Hinweis ( 665) auf das Testament des westfränkischen Grafen Ekkard zu Perrecy bei Autun aus dem Jahre 876, das u. a. die Bestimmung enthält, es möge auch das der Äbtissin von Faremoutier gehörige Evangelium Theudiscum seiner ehemaligen Besitzerin zurückgegeben werden, eine neue Bestätigung dafür, daß die  deutsche Sprache in der Karolingerzeit in Frankreich nicht nur bekannt war, sondern in gebildeten Kreisen auch gelesen wurde.

V. Ortsnamen.

Die Schweiz hat in Küblers Buch ( 690) eine sehr reichhaltige Untersuchung der Ortsnamen des Kantons Graubünden erhalten, nur würde man wünschen, daß der Verfasser mit urkundlichen Belegen weniger gespart hätte. Nach einer Einleitung über die mit dem 12. Jahrhundert einsetzende  deutsche Besiedlung bringt der erste Teil »Die Elemente der Namen deutschen Ursprungs« in alphabetischer Reihenfolge. Für den zweiten Teil, der »Die Namen romanischen Ursprungs« behandelt, verweise ich auf die Besprechung des Buches durch R. v. Planta, Zeitschrift für Ortsnamenforschung III, 219 ff. Der dritte Teil bespricht »Die Örtlichkeitsnamen, die Personennamen enthalten«.

VII. Personennamen.

Hier ist auch die bereits besprochene Übersicht von Brückner ( 724) nochmals zu nennen, da in ihr abgesehen von der gelegentlichen Erwähnung einiger slavischer Personennamen auf S. 5--8 Richtigstellungen zu mehreren von Jegorov falsch gedeuteten Familiennamen beigebracht werden. Es handelt sich dabei um mecklenburgische Adelsnamen wie »Schorlemer, Suckow, Barnekow, Parkentin« und um die Feststellung, daß der Schweriner Bischof Brunward (1195--1228) kein Slawe gewesen ist. Bemerkenswert, wenn auch nicht recht überzeugend scheint mir die Behauptung, daß »die zahlreichen Iwane, die gerade für den mecklenburgischen Adel charakteristisch sind, für den Kenner


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nur den alten Zusammenhang mit dem Westen (Westfalen, Flandern) beweisen«, weil  deutsche Iwane vom 11. bis 13. Jahrhundert im Hennegau und am Oberrhein nachzuweisen seien.

I. Allgemeines.

Während die Versuche einer Gebietsabgrenzung zwischen deutscher Altertumskunde und historischer Volkskunde noch zu keinem allseitig befriedigenden Ergebnisse geführt haben, geht Fehrle ( 726) von der


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praktischen Seite an die Frage heran, indem er die Germania des Tacitus als Quelle deutscher volkskundlicher Forschung auswertet. Der durch Norden stark erschütterte Glaube an die Zuverlässigkeit der volkskundlichen Angaben des Römers soll hier durch Vergleiche mit vorgeschichtlichen und volkskundlichen Tatsachen der Gegenwart wieder gekräftigt werden; es handele sich in der Germania nicht nur um ethnographische Wandermotive; es liege echte Kunde vor, wenn die Volksreligion behandelt werde: Verehrung des Neumonds; Losstäbchen vom fruchttragenden Baum; weiße Decke beim Losen; Wirkung des Zufalls; Dreizahl; Tempel der Nerthus (= Steinhegung oder Altar an geheiligter Waldstätte); Götterbilder (rohe Holzblöcke mit körperlicher Andeutung). Auch die Angaben über Gastfreundschaft, Wohn- und Vorratsgruben seien zuverlässig. -- Das Verhältnis von Philologie und Volkskunde zueinander untersucht Mackensen ( 727) in seiner Greifswalder Antrittsvorlesung. Die Philologie will die Entwicklung des deutschen Geistes in seiner sprachlichen Erscheinung und in der Blüte der Literatur erfassen, die Volkskunde will den Geist der Grundschicht deuten, aus der die schöpferischen Taten geläuterter Kultur erwachsen. Somit ist auch die Volkskunde eine historische Wissenschaft. Diesen Grundgedanken verfolgt Mackensen ( 728) weiter in dem Aufsatze über die Ziele und den Inhalt volkskundlichen Schaffens. Die Volkskunde als Wissenschaft will weder der alten, guten Sitte wieder zu ihrem Rechte verhelfen, noch bloßes Sammlertum bleiben; sie will die Wissenschaft vom Volksmenschen werden; sie blickt auf die Vergangenheit, wo sie das Jetzt aus sich heraus nicht zu verstehen vermag. Sie hat auch eine sozialpolitische Aufgabe, indem sie durch ihre Erkenntnisse ausgleichend und klärend wirkt. Ihr Gegenstand sind die wahrnehmbaren Massenerscheinungen des Volkslebens auf geschichtlicher Grundlage, also ebensosehr die in der Masse erzeugten, nie aus ihr herausgewachsenen Formen, wie die in die Masse hinein- oder zurückgebildeten Dinge und Gegenstände und die Gesetze dieser Kulturmischung. -- Der Methodik der Sachvolkskunde dient der Aufsatz von Pessler ( 729), der über die Grundbegriffe volkstumskundlicher Landkarten handelt. Erst die Karte bringt Überschaubarkeit in die Forschungsergebnisse. Auf solchen Karten sind zu verzeichnen: Körper, Geist, Sprache und Sachen (Körpergröße, Kopf- und Gesichtsform, Färbung; Volksglaube, Dichtung, Sitte; Laute, Tonfall, Wörter, Beugungsformen; Siedlung, Haus, Hausrat, Landwirtschaft, Verkehr, Handwerk, Nahrung, Tracht usw.). Dann erst lassen sich Schlüsse auf die überlieferungsarme Vorzeit tun; geschlossene, inselartige Vermengungsgebiete zeigen so Wanderungen, Übertragung und Aussterben. Ursachen für Entstehung und Verbreitung, für Häufigkeit; Grenzen; Rein- und Zwischenformen; Alter der Grenzen; Kerngebiete, Verbreitungsmittelpunkte lassen sich von solchen Karten ablesen. So entsteht vergleichende Volkskunde. -- Die enge Verbindung von sozialem Wandel und volkskundlichen Kulturerscheinungen beleuchtet der Aufsatz von Wegener ( 730) über die deutschen Volkshandschriften des späten Mittelalters. Dichtung und Buchillustration werden grobnerviger; der Holzschnitt kommt dem Drange zu naturalistischer Gestaltung entgegen. Die Handschrift wird weltlich, oft antikirchlich. Buchwerkstätten versorgen den Handel. In Niederdeutschland finden sich fast nur religiöse und Rechtshandschriften. Die Prager Hofkunst italienisch-französischer Art verfällt; in den neuen Volkshandschriften werden die südwestdeutschen Landschaften führend. Seit 1480

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werden die Handschriften den holzschnittgeschmückten Drucken gegenüber Luxusartikel. In den billigen Holzschnitten, Bilderbogen und Kinderbüchern lebt jener Geschmack bis ins 19. Jahrhundert weiter. -- In die Geburtsstunde der Wissenschaft der Volkskunde führt der Aufsatz von John Meier ( 731) über Goethes und des Freiherrn vom Stein Bemühungen um die Begründung einer Gesellschaft für die Veröffentlichung deutscher Geschichtsquellen. Die Absicht, auch das Volksleben in den Forschungskreis einzubeziehen, mußte man aber fallen lassen; erst die Gegenwart hat die auch von den Brüdern Grimm geforderte Organisation zur Erforschung des Volkstums geschaffen, wenn auch das notwendige Forschungsinstitut für  deutsche Volkskunde noch nicht ins Leben gerufen ist. -- Die Frage der Erscheinung und Entstehung des Volkstums wird von Hellpach ( 732) in seiner Heidelberger Antrittsvorlesung behandelt. Jahn hat das Wort »Volkstum« geschaffen; er meint damit »Idee, Wesensgehalt des Volkes«. Aussehen und Sprache sind seine Erscheinungsformen. Aber Sprachgemeinschaft schafft Volkstum; das haben die Tschechen erkannt. Die Sprache wiederum ist durchaus konventioneller Volkstumsbesitz; sie tönt nicht als Stimme des Blutes. Erst die besonderen physiologischen Bewegungen des Sprechens formen die Züge der Nationalgesichter, etwa der englischen Volksphysiognomie. So wird auch das fränkische, das schwäbische Gesicht als Ausdruck von Uranlage und Geschichte (Sprache). Rassen sind durch Kreuzung und Standort abwandelbar. In der Geschichte sind Rassengemische kulturwichtiger geworden als Rasseneinheiten. -- Den besten Überblick über den Stand der volkskundlichen Forschung gibt der von John Meier herausgegebene Sammelband » Deutsche Volkskunde« ( 733). Besondere Bedeutung für die Geschichtsforschung hat darin O. Lauffers gedrängte Darstellung der Siedlungsvoraussetzungen und Formen seit altgermanischer Zeit: Einzelhof (Hauländereien S. 19), Haufendorf, Rundlinge der alten Wendengrenze als  deutsche Anlagen, das (wohl wendische) Angerdorf, das Reihendorf in den Formen des deutschen Waldhufen- und Marschendorfes im Koloniallande; das niederdeutsche kellerlose Dielen-Fletthaus, (Einheitshaus), sein Kampf mit der von Oberdeutschland vordringenden Ofenstube, seine friesische Abart mit dem wehrhaften Spikerbau; die Grenze dieses niederdeutschen Hauses, die sich gegen Süden mit der bronzezeitlichen Westgermanengrenze deckt, so daß hier eine Erbform aus jener Zeit vorliegen wird; das oberdeutsche Haus mit Keller, Zweifeuerstätte und überwiegend durchgeführter Trennung von Wirtschafts- und Wohnräumen, in der mitteldeutschen Hofform bereits aus römischer Zeit durch Grabungen nachgewiesen; im Ostlande Laubenhaus mit der schwarzen Küche, wo über die Wendenzeit hinweg oft germanische Bauformen weiterleben. -- Die Grundlagen der Flurnamenforschung umreißt mit Meisterhand John Meier ( 733, S. 145--168); er bespricht die Begriffe: frühgeschichtliche Feldwirtschaft, Mark, wilde Feldgraswirtschaft, Dreifelderwirtschaft, Hufe, gemeine Mark, Allmende, Gewanne, Gemengelage der Hufen; er erweist das Anwachsen der Flurnamen seit vorkarolingischer Zeit und erläutert ihre Bedeutung für Wirtschafts-, Rechts-, und politische Geschichte: Steinwege, Heidenstraßen, Haderwege, Dietwege, Hochstraßen, Salzsteige usw. Desgleichen werden die Ortsnamen nach ihren Bildungsgesetzen behandelt: Stellenbezeichnungen, Siedlungs- und Siedlerbezeichnungen (-ingen, -ing, -hausen, -hof, -hofen, -weil, -weiler); die Methode der Ortsnamenforschung, ihr Stand, ihre Verwertung für Stammesgeschichte und

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Siedlungsgeschichte werden gestreift (illyrische, ligurische, keltische, romanisiert keltische, slawische, nichtdeutsch-germanische,  deutsche Stammesnamen). -- Aus Panzers ( 733, S. 219--262) Darstellung des deutschen Märchens sei der Historiker nachdrücklich auf den Abschnitt S. 249 ff. hingewiesen, wo die Märchenmotive als ernsthafte Geschichtsquelle für die Einsicht in Denkweise und Kultur der Urzeit gewertet werden: Namenglaube, Totemismus, Schatten- und Spiegelbild, Medizinmänner, Traumerlebnis, Menschenopfer.

II. Monographien zur historischen Volkskunde.

Der von H. Nollau herausgegebene und eingeleitete Sammelband ( 734) über die germanische Wiedererstehung unserer Gesittung ist für einen breiten Leserkreis berechnet, setzt sich aber aus Beiträgen der berufensten Forscher zusammen und bietet somit einen zuverlässigen Überblick über die einzelnen Forschungsgebiete. Der  deutsche Aufstieg ist -- das ist die Grundüberzeugung der Beiträge -- heute nur aus deutscher Seele und deutscher Kultur möglich, nicht von der Befruchtung durch die Fremde zu erwarten. In dieser bewußten Einseitigkeit, die ein Abrücken von dem durch die Antike gebändigten Kulturwillen des deutschen klassischen Idealismus bedeutet, liegt Stärke und Gefahr der Überspannung zugleich; fruchtbar in einer Zeit der Selbstbesinnung, würde diese Grundthese doch stärkstes Hindernis für die Ausbildung einer gemeinsam europäischen Geistigkeit und somit Verzicht auf das Mitbestimmungsrecht des deutschen Volkes im abendländischen Geisterkampfe bedeuten. Jeder Beitrag des Werkes entwirft zunächst in strenger Sachlichkeit ein Bild des altgermanischen Kulturstandes, des Wandels dieses Kulturbesitzes unter der Einwirkung der Fremdströmungen, die im Mittelalter eindringen, des Weiterlebens trotz solcher Fremdwirkungen, des Wiedererstarkens im Laufe der letzten Jahrzehnte und anschließend einen Überblick über die wissenschaftliche Wiederaufdeckung der alten Kultur. Das Werk will Taktgefühl für die Anbahnung einer deutschen volksechten Zukunftsbildung wecken. Otto Lauffer überschaut das Wachsen und Werden des Germanentums und seiner Sachkulturgüter; Andreas Heusler entwirft ein meisterliches Bild der altgermanischen Sittenlehre, ohne jedoch der Bedeutung der christlichen Einflüsse für die für uns gültige Sittlichkeit und die daraus erwachsenden sozialen Beziehungen gerecht zu werden; Claudius Freiherr v. Schwerin umreißt die germanische Rechtsgeschichte, Karl Helm die Grundzüge der germanischen Religion und ihre Verschmelzung mit dem Christentum. Weniger für historische, als für allgemein kulturkundliche Belehrung kommen in Betracht die Geschichte der deutschen Tonkunst von Müller-Blatau und die Geschichte der deutschen Sprache von Klaudius Bojunga sowie die Überblicke über die Dichtung von Friedrich von der Leyen und über die bildende Kunst von Albrecht Haupt. -- In das noch heißumstrittene Gebiet der Rassenkunde führt ein umfängliches kulturpolitisches Werk von G. Schott ( 735) hinein, der es unternimmt, die Kulturaufgaben des 20. Jahrhunderts im Geiste der Chamberlainschen Grundlagen des 19. Jahrhunderts darzustellen; er erwartet die Wiedererstehung deutscher Weltanschauung in Religion, Kunst und Wissenschaft von einer entschiedenen Säuberung deutschen Wesens, vom Kampfe gegen Rom und Juda. Sein erstrebenswertes Ziel ist ein Christentum ohne jüdische Beimischung, ohne dogmatisch-moralische Bindung, auf künstlerisch-religiöser Grundlage. Dabei werden die Psalmen als Schöpfung arischen Geistes betrachtet; Karl Schefflers Geist der Gotik wird als schleichender Bolschewismus abgetan.


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Die Quelle für die mythologisierenden Ausführungen ist Simrocks Mythologie, die 1869 erschien. Damit ist wohl die Geistesrichtung des Buches hinreichend gekennzeichnet. -- Festeren Boden gewinnen wir unter den Füßen bei v. Künssberg ( 736), der uns in der Ausgabe deutscher Bauernweistümer wertvolle rechtsgeschichtliche Quellen zur Volkskunde zugänglich macht. »Die deutschen Bauern vom 14. bis zum 18. Jahrhundert sollen uns selbst berichten, wie ihre Lage war, welche Rechte sie hatten, was für Lasten sie drückten.« Juristenrecht und Bauernrecht stehen hier zunächst noch nicht im Gegensatze zueinander; doch man sieht, wie der Gegensatz zwischen Herrschaft und Bauernschaft den Rechtsgegensatz fördert. Die Dorfgemeinschaft als Genossenschaft bildet die Grundlage; Eideshelfer, gehegtes Ding, Blutrache als Recht sind noch alte Überlieferung; Kraft und Recht bedingen sich gegenseitig; der Vollkräftige ist Vollberechtigter. Die Auswahl berücksichtigt das  deutsche Reich, Österreich, die Schweiz und das Elsaß. -- In die Rechtsgeschichte greift auch Tardels Aufsatz ( 737) über, der die Testamentsidee als Formmotiv der Dichtung seit dem ältesten Tiertestamente, dem Testamentum porcelli, um 400 n. Chr., bis zum Testamentum asini der Vagantenzeit bespricht; die Humanisten erweitern und übersetzen die antike Schweineparodie. -- Einen entscheidenden Fortschritt bedeutet für die Geschichte der deutschen Sachkultur Gerambs umfängliches Werk über die Rauchstuben ( 738). Die norisch-keltische Zeit kennt in den Ostalpen nur ein Herdhaus. Die Slawen bringen den Kochofen mit, der Bade-, Schlaf- und Backofen wird und den vorgeschichtlichen Herd verdrängt. Die Deutschen fügen ihren Kochherd mit dem Herdbocke hinzu. So entsteht die Wohnkultur der Rauchstube, die in ihrer ältesten Form eine vorgelegte offene Laube besitzt. Der slawische Backofentyp hat seine Vorgeschichte in dem skytischen Badezelte, das Herodot beschreibt. Das Verbreitungsgebiet der Rauchstube umfaßt auch Finnland und stellt einen nordosteuropäischen hauskundlichen Kulturkreis dar. Der Name Rauchstube unterscheidet diese Form seit dem 15. Jahrhunderte von der neu eindringenden deutschen reinen Ofenstube. -- Ein Grenzgebiet der Geschichtsforschung und der Volkskunde behandelt der Vortrag, den Geramb ( 739) bei der Tagung des Gesamtvereins der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine in Kiel 1926 gehalten hat. Die Trachtenforschung hat es mit der Ergründung eines historischen Entwicklungszustandes zu tun. Der Geist der Zeit Ludwigs XIV. oder der Revolution schafft seine eigene Tracht. Wenn sich auch die Trachten deutscher Landschaften erst gegen Ausgang des Mittelalters voneinander abheben, so sind die Grundlagen unserer Trachten doch bis über die Frühgeschichte hinaus in die Vorgeschichte zu verfolgen. Die Trachtenforschung vermag die Territorialgeschichte zu erhellen und alte Wirtschaftswege zu erschließen. -- Der Sachvolkskunde dient auch der Aufsatz von Grün ( 740) über den deutschen Friedhof des 16. Jahrhunderts. Eine Geschichte des Friedhofes gibt es noch nicht. Das 16. Jahrhundert begräbt um die Kirche abgesehen von Zeiten der Epidemien; es begräbt, um den Toten auszuzeichnen, auch in der Kirche und in Erbgrüften. Andersgläubige und Unwürdige werden ferngehalten; ungetaufte Kinder und Wöchnerinnen haben ihren umhegten Platz. Blumenschmuck ist z. B. in Württemberg noch 1587 verboten, 1649 dagegen gestattet. Noch sind Totenbretter weitverbreitet; Grabsteine und Kreuze sind Sitte. Seit dem Ende des 12. Jahrhunderts kommt das ausgegrabene Gebein ins Beinhaus. Die Kirche sorgt für Fürbitten.

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-- Die Behandlung der Selbstmörder im deutschen Brauche stellt Geiger ( 741) dar, um zu zeigen, wie sich hier die Anschauungen der Völker nähern, welche Einflüsse mitwirken, wie alter Brauch, durch neue Anschauungen gedeckt, weiterlebt. Das germanische Gefühl sah im Selbstmorde (Erhängen) nichts Entehrendes; der Selbstmörder, der sich Wotan opferte, ward weder bestraft noch gefürchtet; im christlichen Mittelalter aber behandelt ihn Staat und Gericht wie den schlimmsten Verbrecher. Die Leiche wird gehängt, verbrannt, verscharrt. Augustin verurteilt den Tod durch eigene Hand; das Konzil von Braga verbietet die christliche Bestattung. In der Schweiz wird neben anderen Strafen seit 1384 auch das Rinnenlassen üblich; die Leiche wird in einem Fasse in den Fluß geworfen. Pfählen, Köpfen, im Sumpfe versenken, am Kreuzwege verscharren, Steine und Reisig auf das Grab werfen, gilt als Abwehr wiederkehrender Selbstmörder. In Preußen verschwindet die Erwähnung des Selbstmordes erst 1851 aus dem Gesetzbuche. Dem Aufsatze ist ein umfängliches Literaturverzeichnis beigegeben. -- Die Geschichte der Volksmedizin erhält einen auch methodisch wertvollen Beitrag in dem Werke von Klebs und Sudhoff ( 742) über die ersten gedruckten Pestschriften. Klebs hat bereits mit Eugénie Droz 1925 in Paris ein Buch erscheinen lassen: Remèdes contre la peste. -- Facsimilés, notes et listes bibliographiques des incunables sur la peste. Er veröffentlicht jetzt die alphabetische Liste von 145 Pestinkunabeln, deren älteste vom 22. April 1472 bei J. Bämler in Augsburg in der »Ordnung der Gesundheit, Regiment Sanitatis zu Deutsch« erschien, wo im Kap. 3 die Pestilenzlehre geboten wird. Der erste selbständige  deutsche Pestdruck ist Steinhöwels Pestbüchlein, das vom 11. Januar 1473 von J. Zainer von Reutlingen in Ulm beendet ist. Diese Schrift veröffentlicht in Faksimile K. Sudhoff mit einer klaren Einleitung (S. 169--224) über Steinhöwels humanistische und medizinische Wirksamkeit. --Schuster ( 743) untersucht den Kodex der Berliner Staatsbibliothek Hamilton 407, der Bl. 229--282 eine Folge meisterhafter Bilder medizinischer Pflanzen, Gesteine und anderer Naturprodukte enthält. Die Abbildungen dieses für Philippe le Bel (1268--1314) zusammengestellten Werkes stammen aus der Medizinschule von Salern. Hier sind alle Arzneidrogen beisammen, über die Salern um 1315 verfügte. Sie gehen wohl auf Joh. Plataearius († 1161) zurück und durch diesen bis auf das Kräuterbuch des Cratenas im 1. Jahrhundert n. Chr. Ein genauer Vergleich der Berliner Bilder mit den Bildern und Pflanzennamen der deutschen Frühdrucke des Herbarius ( 1485) und Hortus Sanitatis ( 1491) ergibt, daß die gesamten Frühdrucke dieser Gruppe nichts anderes als nachplatearische Fassungen des salernitanischen Heilmittelverzeichnisses sind.

IV. Volkskunde der Einzellandschaften.

Rieglers Werkchen über die Hexenprozesse ( 749) ist aus Vorträgen hervorgegangen, die sich an Byloff »Das Verbrechen der Zauberei« anschließen. Wertvoll sind die Protokolle zu dem Feldbacher Prozesse (1673--1675) und dem Trautmannsdorfer (1688--1690), wo 70 und 38 Personen angeklagt waren. Sämtliche Prozesse von 1581 an werden verzeichnet. Das Land Steiermark steht hinsichtlich der Häufigkeit dieser Prozesse an der Spitze der österreichischen Lande. --Reicke ( 750) untersucht das Nürnberger Volkstum nach seinen historischen Grundlagen. Römer haben dort nie gesessen, wohl aber Markomannen, die nach Böhmen wanderten, um den Hermunduren=Thüringern Platz zu machen. Um das 6. Jahrhundert oder erst zur Zeit Karls des Großen kommen die Baiwaren. Slawischer Einschlag in der Nürnberger Gegend ist trotz gegenteiliger Behauptung nicht erweisbar. Doch werden von den Agilolfingern dort fränkische Beamte angesiedelt. So entsteht die Mischung schwerfälligen oberpfälzischen Temperaments mit leichterem, fränkischem Blute. Die Nürnberger sind arbeitsam, besonnen, aber lebenslustig und aufgeweckt; maßhaltend, intelligent, praktisch, technisch gewandt, erfinderisch. -- Auf den volkskundlichen Quellenwert spätmittelalterlicher Predigthandschriften weist J. Werner ( 751) hin, indem er den Exempelbestand einer Rheinauer Predigtsammlung (Zürich, Stadtbibl. C 102) veröffentlicht. -- Nationaler Chauvinismus in völkerpsychologischem Gewande ist das Buch von Dumon ( 752), L'intelligence en face de la race; l'expérience de l'Alsace. Theorien volkskundlicher Natur werden nach Bedarf herangezogen, um eine


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politische These zu erweisen. Danach wird das Elsaß von einer neolithischen Bauernrasse bewohnt, die durch die darüberflutenden Völkerwellen nur in Einzelzügen und in der Sprache beeinflußt ist. Seelische Grundtatsachen einer Rasse gibt es nicht. Die heutigen Eigenschaften der Elsässer (Zug der Organisation bei freiheitlicher Grundhaltung) sind Ergebnisse junger politischer und sozialer Einflüsse. Die nationale Tendenz ist gerichtet auf Frankreich als Kulturträger und Schutzstaat. Das Selbstbestimmungsrecht ruht nicht auf dem Gegenwartswillen der Masse, sondern auf vernünftiger Ausdeutung der Tradition, ist also für die heutigen Autonomisten abzulehnen, schon deswegen, weil das Elsaß der Schlüssel Europas ist und daher im Interesse des Friedens französisch bleiben muß. »Le principe des nationalités: il n'est pas l'expression plus ou moins confuse de l'idée de race; il n'est pas non plus la manifestation d'un décret momentané d'une volonté collective absolument autonome; il est, au contraire, la synthèse complète et vivante de la vie propre d'une nation en accord avec les lois immuables de l'intelligence.« Ein in seiner Verworrenheit und wissenschaftlichen Prinzipienlosigkeit gefährliches Buch! Man lese ihm gegenüber, was Wentzcke ( 753) über die Kultur in Elsaß und Lothringen sagt, sowie die Schrift von G. Wolfram ( 754) über die kulturellen Wechselbeziehungen zwischen Elsaß und Baden. Einen historischen Beitrag zu dieser Frage liefert O. Lauffer ( 755), der die Gestalt Geilers von Kaisersberg als Ausdruck des Deutschtums im Elsaß zur Zeit des ausgehenden Mittelalters zeichnet. -- Wie die  deutsche Kaisersage mit dem Rheine verknüpft ward, zeigt Becker ( 756) an einer Speirer Sage vom Jahre 1530, nach der gespenstige Mönche, die zum Augsburger Reichstage wollen, über den Rhein setzen. Diese Sage steht in Verbindung mit der Überlieferung vom bergentrückten Kaiser, die wohl zuerst 1426 vom Chronisten Engelhus von Einbeck in den Kyffhäuser lokalisiert worden ist. -- Als Quelle zur deutschen Kulturgeschichte wertet Wilken ( 757) die niederdeutschen evangelischen Kirchenordnungen des 16. Jahrhunderts aus. Er benutzt die Sammlungen von Richter und Sehling. Aus ihnen ergibt sich, daß auch die Gebildeten in dieser Zeit die niederdeutsche Umgangssprache pflegen. Reich ist die Ausbeute für Volkshumor, Sprichwörter, für die Erkenntnis des Bildungsgrades der Geistlichen, der Kirchenzucht und Sitte, des Armen- und Krankenwesens, der Volksmoral und des Aberglaubens. Der Mangel an Geistlichen eröffnete auch geistig und moralisch Minderwertigen den Weg ins Amt; die Besoldung war unzureichend. Die Predigt ward zum wirksamen Mittel der Kirchenzucht; kleiner Bann und feierliche Exkommunikation unterstützten die Autorität; auch die öffentliche Kirchenbuße und weltliche Strafen helfen mit. Marien- und Heiligenfeste bleiben noch teilweise bestehen, ebenso lateinische Gesänge, Zeremonien, Sakramentsspendung und Begräbnisse nach katholischem Brauche. Armen- und Krankenfürsorge nehmen stark zu. Stellenweise bleibt auch die Beschwörung Besessener zugelassen. -- Eine quellenmäßige Darstellung der Gesundheitspflege Braunschweigs im 16. Jahrhunderte gibt Fuhse ( 758). Schmutz und verseuchtes Wasser, Trunksucht der Bürger begünstigten Epidemien. In der Pestzeit wurden Pflegehäuser, Stadtphysici und Heilmittel bereitgestellt. Als Wundärzte arbeiteten auch Scherer (Barbiere); seit 1564 stehen die Quacksalber unter Ratsaufsicht. Gefährliche Irre werden an Ketten in die Torenkisten (Holzverschläge) gesperrt; 1556 beschwört der Superintendent erfolgreich ein besessenes

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Mädchen. -- Der ersten Reihe volkskundlicher Aufsätze über Ost- und Westpreußen, die 1921 erschien, läßt Schnippel ( 759) eine zweite ebenso sorgfältige Sammlung folgen, in der er den Bauernkalender, Hochzeits- und Totenbräuche, Weihnachtssitten, Beschreibungen alten Hausgeräts, volkstümlicher Spiele und Orakel sowie eine Studie über die Hausgewerbe des Spinnens und des Webens vereinigt. -- Von schlesischen Scharfrichterfamilien berichtet Olbrich ( 760); im 17. und 18. Jahrhunderte waren die Thiele die am meisten verzweigte Familie; seit 1570 bis Ende des 18. Jahrhunderts ist die mit ihr eng verwandte Familie Kühn nachweisbar. Auch in der Kirche galten sie als unehrlich. Noch 1808 wurde dem Breslauer Scharfrichter das bürgerliche Stimmrecht vorenthalten. --Klapper ( 761) berichtet über das Predigtwerk des Augustiner-Chorherrn Bernhard Fabri, der zwischen 1437 und 1463 in Grünberg 16 starke Quartbände mit Predigten füllte, die mit ihrem umfänglichen kulturgeschichtlichen Materiale einen Einblick in das bürgerliche Leben einer spätmittelalterlichen Stadt des deutschen Ostens gewähren: Tracht, Sitte der Frauen, Kopftuch, Schleier, Strohhut, Filzhut der Mädchen; Häuslichkeit, ehelicher Zwist; Männersitte; Trunk; Jahresbräuche; Todaustreiben; Bräuche im Lebenslaufe; Grünberger Wein; Kindbettsitten; Aberglauben; Sprichwort; deutsches Kirchenlied; Malerei; Erzählungsmotive; mythische Vorstellungen; Frau Holle. --Peuckert ( 762) sucht die Schriften schlesischer Mystiker volkskundlich zu verwerten. Er reiht aus J. Böhmes Schriften Stellen aneinander, in denen sich der Glaube an Spukerscheinungen äußert und die auf Theophrastus Paracelsus zurückführen. Böhme strebt danach, aus Volksglauben und christlicher Lehre eine neue Religion abzuleiten. --Schoppe ( 763) setzt seine Veröffentlichungen aus schlesischen Malefizbüchern des 16. Jahrhunderts fort (vgl. Mitt. d. Schles. Ges. f. Volksk. XXV): Rotwelsch, Wanderburschensitten, Spiele, Verlöbnis, Ehe, Kindesraub, Kindesmord, Teufelsglaube, Kinderherzessen, Zauber, Krankheiten. Emil Lehmann ( 764) gibt in seiner feinsinnigen Sudetendeutschen Volkskunde eine Deutung des Wesens der dreieinhalb Millionen Deutschen, die in der Tschechoslowakei das alte böhmische Gebiet bewohnen; wie ihr Gemüt zwischen Abgeschlossenheit und Aufgeschlossenheit schwebt, was aus der Lage der Dörfer, die vom engen Gebirgstale in die Weite der Ebene streben, aus dem burgartigen Gehöfte und der Gemeinsamkeit der Dorfangelegenheiten, aus der Mischung des Blutes zu deuten ist. Die vorangestellte Siedlungsgeschichte ist eine gedrängte Darstellung der Geschichte der Sudetendeutschen überhaupt geworden. Das fremdartige Wesen der Tschechen mit ihren Runddörfern (S. 24) ist gut gekennzeichnet. -- Der gründlichste Kenner der böhmischen Kunstüberlieferung, J. Neuwirth ( 765) gibt einen knappen Überblick über die sudetendeutsche Kunstgeschichte; er beginnt mit den vorgeschichtlichen Funden, verweilt bei der Blüte der Ordenskultur und des Prager Hofes Karls IV., beleuchtet die Nachblüte der nachhussitischen Zeit und behandelt mit besonderer Liebe die Kunstschöpfungen der Barockzeit. Ein bedeutsamer Abschnitt ist der vielgestaltigen Betätigung des Kunstgewerbes gewidmet. Böhmen, Mähren und Schlesien kommen gleichmäßig zur Darstellung. -- Im wesentlichen auf Nordmähren beschränkt sich R. Hadwich ( 766) in seiner reichhaltigen Sammlung von 258 Totenliedern, 449 Grabsprüchen und 46 Grabreden; die Texte sind zwischen 1750 und 1850 entstanden, meist von Schulmeistern auf Bestellung gefertigt, im Sterbehause oder am Grabe vorgetragen

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worden, gehen aber in ihren Elementen auf die Lieddichtung des 16. Jahrhunderts zurück und stellen sich in der Überlieferungsgeschichte in den großen Kreis der germanischen Totenlieder. Sie enthalten Betrachtungen über die Vergänglichkeit und den Tod, über Diesseits und Jenseits, die in den älteren Stücken dem Toten selbst in den Mund gelegt werden. Anlehnungen an das evangelische und katholische Kirchenlied, an literarische Vorbilder wie Gryphius, Gellert, Matthisson, Klopstock, Hölty, Schubart sind häufig. -- Eine historisch begründete Volkskunde der Siebenbürger Sachsen bietet Schullerus ( 767) in Grundzügen. Er schreitet von dem äußeren Bilde der Landschaft bis zum geistigen Leben vor: Dorf- und Feldmark (Freitum als gemeinsamer Dorfbesitz; Sondereigen; Edelerde der Grafengeschlechter); Wirtschaft; Zigeunerhilfe; Feldhüter; Früchte und Vieh; Weinbau; das Straßendorf mit der Kirchenburg; die Stadt als Schutzstätte; Haus und Wohnstube; Hof und Garten; Rückschlüsse auf die Stammheimat aus Trachtenresten und Sprache.

I. Hilfsmittel und Arbeiten allgemeinen Inhalts.

Die Zeitschriften sind um das »Nachrichtenblatt für  deutsche Vorzeit« vermehrt worden. Während Mannus, Prähistorische Zeitschrift, Wiener Prähistorische Zeitschrift und Germania nur zwei- bis dreimal jährlich erscheinen, kann das in jährlich zehn Heften herauskommende Nachrichtenblatt ganz anders die ständige Fühlung mit der lebendigen Forschung vermitteln, wie sie der Denkmalpfleger und der Museumsbeamte, der Fachmann und die Vertreter der Nachbarwissenschaften gleichermaßen benötigen. Die neue Zeitschrift dient den Tagesfragen der vorgeschichtlichen Forschung, unter denen diejenige des praktischen Denkmalschutzes die wichtigste ist; sodann bietet sie Tätigkeitsberichte, Fundnachrichten und Übersichten über die neuen Veröffentlichungen. Übrigens stellt jetzt auch die Zeitschrift Germania die Neufunde aus ihrem südwestdeutschen Arbeitsgebiete in übersichtlicher Form zusammen, so daß nunmehr für jedermann die Möglichkeit besteht, sich über den neugewonnenen, der endgültigen Veröffentlichung noch harrenden Fundstoff aus deutschem Boden bequem zu unterrichten. Freilich muß im Anschluß an diesen Ausbau auch ein Verlust gebucht werden. Der als »Internationale kritische Zeitschrift für das Gesamtgebiet der prähistorischen Forschung« im Jahre 1924 gegründete »Urgeschichtliche Anzeiger« hat nach zwei Jahrgängen sein Erscheinen eingestellt. Infolgedessen fehlt der vorgeschichtlichen Archäologie jetzt ein Mittelpunkt für eingehende Besprechungen ihres Schrifttums. Wertvolle Würdigungen finden sich versteckt an Plätzen, an denen man sie nicht vermutet; unwesentliche Neuerscheinungen sieht man mitunter sechsfach oder noch häufiger angezeigt, und manches Wichtige findet kaum Beachtung.

III. Ost-, Mittel- und Norddeutschland.

Einen kurzen Abriß der Besiedlungsgeschichte des Weichselmündungsgebietes verdanken wir La Baume ( 844), der, ohne auf das archäologische Beweismaterial im einzelnen einzugehen, die Ergebnisse der Vorgeschichtsforschung über die Völker und Stämme Westpreußens gemeinverständlich darlegt. Weit ausführlicher ist die Behandlung der Vorgeschichte Böhmens und Mährens durch Menghin ( 841). Sie will die wichtigsten Kulturen und kennzeichnendsten Funde des Sudetenlandes durch Wort und Bild erläutern und sie in den Rahmen der europäischen Gesamtentwicklung einpassen. Trotz mannigfacher Vorarbeiten besonders tschechischer Forscher hat die Verarbeitung des Fundstoffes im Sudetengebiet bisher noch nicht mit dem Fortschritt der Wissenschaft Schritt gehalten. Es war daher eine schwierige Aufgabe, die sich der Verfasser gestellt hat. Ist die Lösung auch nicht in allen Teilen gleichermaßen glücklich gelungen, so muß das Buch doch als erste  deutsche Zusammenfassung der böhmischen und mährischen Vorgeschichte, die eine von weiten Kreisen lange empfundene Lücke ausfüllt, besonders begrüßt werden. Der Verfasser versteht es ausgezeichnet, in knappen, treffenden Worten die Hauptlinien eines Fragenkomplexes zu erfassen. Schon sein Vorwort, in dem er die methodischen Fehler der früheren tschechischen Forschung berührt, bietet hierfür ein schönes Beispiel. Aber mitunter ist gar zu viel Stoff auf engsten Raum zusammengepreßt, so daß manche wertvollen Andeutungen kaum recht zur Geltung kommen. Der Historiker wird es bedauern, daß die ältesten Kulturen am ausführlichsten und treffendsten geschildert werden, während die späteren Zeiten


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viel kürzer und flüchtiger abgetan werden. Für die germanische Siedlungsepoche ist erfreulicherweise im gleichen Jahre eine besondere Darstellung von Preidel ( 843) herausgekommen, auf die wir unten noch einmal hinweisen. Die Vorgeschichte nur eines böhmischen Bezirkes legt Jahn ( 842) vor. Das Friedländer Gebiet war als Gebirgsland wenig besiedelt; trotzdem kann auf Grund der wenigen Funde der Mensch dort schon für die Steinzeit festgestellt werden und die Bedeutung des Friedländischen als Paßzone und Durchgangsland auch für die Folgezeiten nachgewiesen werden.

II. Darstellungen.

Das letzte, nicht ganz vollendete Werk von L. Duchesne, das H. Quentien aus seinem Nachlaß herausgegeben hat, seine Geschichte der Kirche im 6. Jahrhundert ( 1929), enthält in dem Abschnitt über die fränkische Kirche (S. 486--550) auch eine kurze Übersicht über die politische Geschichte des Frankenreichs in jener Zeit, erzählt mit der Gabe anmutiger Darstellung, über die der Verfasser immer verfügte. Auch das Buch von Sir Samuel Dill († 1924) über die römische Gesellschaft Galliens in der Merowingerzeit ( 862) ist nach dem Tode des Verfassers von anderen herausgegeben und zeigt mehr noch durch Wiederholungen als durch gelegentliche Versehen und Äußerungen von Weltkriegsstimmung, daß Dill nicht die letzte Hand an sein Werk hat anlegen können. Es bildet eine Art Fortsetzung seiner älteren Bücher von 1904 und 1898 über die römische Gesellschaft von Nero bis Marc Aurel und im letzten Jahrhundert des Weströmischen Reiches und behandelt die Geschichte Galliens und seine inneren Zustände vom Zusammenbruch der römischen Herrschaft bis zum Untergang Brunhildens und der Wiederherstellung der Reichseinheit durch Chlothar II. Dill beschränkt sich auch keineswegs, wie man nach dem Titel erwarten könnte, auf die Darstellung der Verhältnisse in den romanischen Kreisen Galliens, sondern beschäftigt sich nicht minder mit dessen germanischen Eroberern, vor allem Burgundern und Franken. Er ist kein Freund der neueren Quellenkritik und theoretischer Konstruktionen etwa auf dem Gebiet der Verfassungsgeschichte, eine gewisse Abneigung namentlich gegen  deutsche Forschung tritt mitunter hervor, und im einzelnen mahnt die Art zur Vorsicht, wie z. B. Hincmars Vita Remigii in Schutz genommen oder das im 17. Jahrhundert erfundene Glückwunschschreiben des Papstes Anastasius an Chlodwig benutzt wird. Aber der Verfasser versteht gut zu erzählen, er zeichnet in starkem Anschluß an die Quellen, namentlich an Gregor von Tours ein lebendiges Bild der Zustände des Frankenreiches im 6. Jahrhundert -- das Werk erinnert so in mancher Hinsicht an die alten »Récits« von Thierry oder an Loebells »Gregor von Tours«, Bücher, die ja trotz ihres Alters und Veraltetseins eine gewisse Stellung behaupten.

II. Darstellungen.

Das wertvolle Buch von F. Dvornik ( 866) über die Slawen, Byzanz und Rom im 9. Jahrhundert (Travaux publiés par l'Institut d'études slaves IV) fällt großenteils aus dem Bereich der deutschen Geschichte; im Mittelpunkt steht die Balkanhalbinsel, wenn etwa der Anteil von Byzanz an der Bekehrung der Slawen, besonders der Bulgaren und die Wirksamkeit des Photios zur Darstellung kommen. Aber das Buch berührt doch auch die  deutsche Geschichte, indem natürlich auch der Aufenthalt von Konstantin (Kyrillos) und Methodios bei den Mährern, die Bestellung des letzteren zum Erzbischof von Pannonien durch Hadrian II., der Kampf der bayrischen Bischöfe um dieses Missionsgebiet und die zwischen fränkischem und byzantinischem Einfluß stehenden Slawen Dalmatiens darin angemessene Berücksichtigung finden, mag das Werk auch mit seinen Vorzügen manche Schwächen verbinden (vgl. die Besprechung von P. E. Schramm,  Deutsche Literaturzeitung 1928, Sp. 139 ff.).

Daß die  deutsche Kaiserchronik erst um 1150, nicht in ihrem Hauptteil bereits vor 1131, abgefaßt ist, bleibt nach M. Lintzel ( 873) auch dann bestehen, wenn sie dem Verfasser des deutschen Rolandsliedes bekannt war. Denn dieses dürfte, wie Lintzel mit älteren sehr ansprechend annimmt, nicht in die Zeit Heinrichs des Stolzen um 1131, sondern erst in die Zeit Heinrichs des Löwen um 1170 gehören.

II. b) Urkunden. Briefe. Rechtsquellen.

Zu den Kaiserurkunden des 10.--12. Jahrhunderts liegen eine Reihe von Einzeluntersuchungen vor, die teils an die Monumenta-Ausgabe anknüpfen, teils mittelbar oder unmittelbar als Vorarbeit für sie dienen. Zum Ottonianum von 962 ist auch hier auf die an anderer Stelle (S. 185 u. 424) gewürdigte Untersuchung von E. E. Stengel ( 1894) über die Entwicklung des Kaiserprivilegs für die römische Kirche hinzuweisen. -- Eine verlorene echte Urkunde Heinrichs IV. von 1058 möchte K. Helleiner ( 392) aus einem der gefälschten österreichischen Freiheitsbriefe erschließen. -- A. Brackmann ( 397) zeigt, wie das umstrittene Diplom Heinrichs IV. für Hirsau von 1075 zwischen 1080 und 1090 verfälscht wurde, nachdem Abt Wilhelm 1079, nicht schon 1075, sein Kloster an Cluni angeschlossen und reformiert hatte; er weist dabei darauf hin, wie die deutschen Reformer und insbesondere Wilhelm nicht von Anfang an, sondern erst allmählich politische oder kirchenpolitische Folgerungen aus ihren Bestrebungen gezogen haben und wie selbst Gregor VII., »nicht von vorneherein als 'Revolutionär' fertig, sondern durch die Tradition gebunden«, 5 Jahre, bis 1080, gebraucht habe, um seine praktische Politik in Einklang mit seinem 1075 proklamierten System zu bringen. -- Die Fälschung Lothars III. für Kloster Hillersleben aus der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts, der aber eine echte Urkunde desselben Kaisers von 1135 zugrunde liegt, wird von E. von Ottenthal ( 403) zusammen mit den andern, zum Teil ebenfalls verunechteten Hillersleber Stücken von 1096--1221, meist Halberstädter Bischofsurkunden, behandelt. -- Hans Hirsch ( 390) ermittelt Ort und Zeit der Entstehung mittelalterlicher Fälschungen (14./15. Jahrhundert bzw. 1329/41) auf den Namen Ottos III., Lothars III. und Konrads III. für zwei Adelsfamilien von Piacenza. In einer zweiten Arbeit ( 391) erweist er von zwei angezweifelten Urkunden Konrads III. für S. Ambrogio in Mailand von 1129 wenigstens die eine, von ihm erstmalig gedruckte als echt; mit Recht deutet er auf die Möglichkeit, man möchte sagen Notwendigkeit einer politisch gerechteren Beurteilung des italienischen Unternehmens des Gegenkönigs hin. Auf Konrad und die durch ihn veranlaßten Unruhen in der Lombardei 1129 ff. deutet D. Germain Morin auch den Schluß einer Mailänder Synodalrede eines Abtes Ubert (von St. Simplician?), die er in den Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens N. F. 12 (g. R. 43), 1925 (München 1926), S. 1--13 veröffentlicht hat. -- Fedor Schneider ( 174) druckt aus ehemals Veroneser Überlieferung, die sonst z. B. Aufschluß über die Familie des Gegenpapstes Cadalus gibt, 8 teilweise auch anderweitig bekannte Stücke von 1018--1184, darunter Urkunden Heinrichs IV. und Friedrichs I. sowie eine Urkunde des Welfen Heinrichs (des Schwarzen) von 1100 aus Este und 3 bei Hübner noch nicht verzeichnete Placita von 1018, 1034 und 1077. -- H. Zatschek ( 393) zeigt die Verwendung von »Formularbehelfen« in der Kanzlei Konrads III., die auch schon den Codex Udalrici kannte, und Friedrichs I. und verfolgt dabei das Eindringen des »päpstlichen Formulars« in die  deutsche Königsurkunde. -- Die Urkunden der Kaiserin Constanze, der normannischen Gemahlin Heinrichs


S.268

VI., hat R. Ries ( 178), dessen Heidelberger Dissertation über Constanze leider ungedruckt geblieben ist, in 127 Nummern von 1191--1198 verzeichnet und mit sorgsamen kritischen Ausführungen begleitet. W. Holtzmann hat dazu ein paar Stücke beigesteuert und eins davon, für S. Maria del Patir bei Rossano an andrer Stelle ( 175) gedruckt.

a) Allgemeines.

Der 5. Band der Cambridge Medieval History ( 890 und 1893) mit dem Untertitel »Der Kampf zwischen Kaisertum und Papsttum« schließt sich unmittelbar an den 4 Jahre früher erschienenen 3. Band »Deutschland und das abendländische Kaisertum« an. Er zeugt, wie seine Vorgänger, von dem tatkräftigen Eifer der Herausgeber, die im Laufe der Jahre mehrmals gewechselt haben, und gibt ein gutes Bild von dem, was die englische Geschichtswissenschaft für das Mittelalter heute zu leisten vermag. Denn als ihr Werk stellt sich das Unternehmen und besonders der vorliegende Band im wesentlichen jetzt dar, an dem unter 17 Mitarbeitern neben 14 Engländern mit 19 von 23 Kapiteln nur noch 2 Franzosen und ein Italiener mit zusammen 4 Kapiteln beteiligt sind. Die Schilderung führt im allgemeinen von der Mitte des 11. bis gegen Ende des 12. Jahrhunderts, in den geistesgeschichtlichen Abschnitten noch etwa 100 Jahre weiter, und greift in diesen wie in dem Eingangskapitel über die Kirchenreform und bei der Entstehung der italienischen Städte auch weiter, zum Teil erheblich weiter, zurück; die Darstellung des Mönchtums und des Römischen und Kanonischen Rechts ist sogar bis zum Ausgang des Mittelalters erstreckt. Die Anordnung, deren Schwierigkeiten auf der Hand liegen und bei einem solchen Sammelwerke nie ganz befriedigend zu überwinden sein werden, gibt hier weniger Anstoß als bei früheren Bänden. Zweckentsprechend folgen sich die Abschnitte Kirchenreform (von J. P. Whitney), Investiturstreit bis zum Wormser Konkordat, Deutschland unter Heinrich IV. und Heinrich V., die Normannen in Unteritalien (von dem verstorbenen F. Chalandon) und dann, etwas störend abgetrennt durch die beachtlichen Kapitel über die städtische Entwicklung in Italien bis 1200 (von C. W. Previté-Orton) und über den Islam in Syrien und Ägypten von 750--1100 (von W. B. Stevenson), die Kreuzzüge, die von der anderen Seite her auch schon in dem 4., byzantinischen Bande, behandelt waren, und ihre Wirkungen auf das Abendland (von 3 verschiedenen Verfassern, sehr ausführlich der 1. Kreuzzug von W. B. Stevenson) und in 4 Abschnitten die  deutsche und die italienische Geschichte von 1125--1197. Dann wird in 3 Abschnitten die englische Geschichte von Wilhelm dem Eroberer bis 1189 (mit den Hauptergebnissen der Domesday-Forschungen des inzwischen verstorbenen W. J. Corbett) und, nur für die Zeit von 1108--1180, die französische Geschichte nachgeholt. Spanien und die nordischen Länder, aber auch Ungarn, Polen und sogar Böhmen sollen erst in dem folgenden Band behandelt werden, so daß die vorliegende Schilderung nach einer gerade für uns sehr wichtigen Seite hin noch kein abgeschlossenes Bild gibt. Die Darstellung der deutschen und der von ihr nicht zu trennenden italienischen Geschichte, die uns hier besonders angeht, leidet einigermaßen an der Zerlegung in 2 parallele Reihen, die dann wieder, so geschickt es anging, abschnittweise ineinandergefügt sind. Das wird weniger für die Zeit vor 1125 fühlbar, wo beide Teile in einer Hand, von Z. N. Brooke, lagen und die vielen Wiederholungen aufeinander abgestimmt sind, als nachher, wo Austin Lane Poole die Vorgänge in Deutschland unter Lothar, Konrad III., Friedrich Barbarossa, aber der verstorbene Ugo Balzani die italienischen Dinge der gleichen Zeit behandelt hat, während für Heinrich VI. A. L. Pooles beides umspannende Darstellung sich mit dem Schluß von Chalandons Normannenkapitel


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berührt. Besonders leidet darunter, was natürlich die Bearbeiter selber mehr oder weniger empfunden haben, die Darstellung Friedrich Barbarossas, wo wir zuerst seine ganze  deutsche Regierung bis zu seinem Kreuzzuge und Tode erhalten und dann erst zu der Kaiserkrönung, Roncaglia und dem Schisma kommen. Es ist klar, daß eine solche Abgrenzung auch bei einem grundsätzlich auf Arbeitsteilung aufgebauten Werke hätte vermieden werden müssen -- und auch können. Aber das ist nur ein besonders krasses Beispiel. Nicht an der Aufteilung des Stoffes unter eine Mehrzahl von Bearbeitern an sich, sondern an der grundsätzlich zu äußerlichen Art, in der diese Aufteilung vorgenommen ist, liegt es ja, daß diese zur Zeit ausführlichste Behandlung des gesamten Mittelalters im Grunde doch nur ein Nebeneinander von Einzeldarstellungen, keine wirkliche Gesamtgeschichte geworden ist. Ein sehr gelehrtes und zu tatsächlicher Belehrung nützliches Werk bleibt sie darum doch. Auch für die genannten Abschnitte ist die Gelehrsamkeit der Verfasser über jeden Zweifel erhaben, wenn sie schließlich auch kaum mehr als eine achtbare Zusammenfassung nach dem damaligen Stande des Wissens, freilich nicht immer ganz bis zu den letzten Forschungen hin (z. B. für den Prozeß Heinrichs des Löwen) und nicht ganz ohne Irrtümer, geboten haben und vielleicht auch nicht mehr haben bieten wollen. Auch die umfangreichen Schlußkapitel über die Kommune- Bewegung besonders in Frankreich, über das Mönchtum, über das Römische und das Kanonische Recht im Mittelalter und über Unterrichtswesen und Philosophie sind wesentlich große Vorratskammern voller Tatsachen, Namen und Daten, die gewiß ihre Benutzer finden werden. Auch nach der stofflichen Seite hin zu kurz gekommen ist wenigstens in dem vorliegenden Bande die Wirtschaftsgeschichte. Von den Karten ist nicht gerade viel Aufhebens zu machen. Sie sind eines solchen Werkes, mit wenigen Ausnahmen, nicht würdig. Man sollte, wenn sie nicht nach Form und Inhalt ganz anders ausgestaltet werden können, auf sie lieber verzichten, da genügend bessere in leicht zugänglichen Atlanten zur Verfügung stehen. Erwünscht wären dagegen mehr genealogische Übersichten. Erwähnt sei das umfangreiche Literaturverzeichnis. -- Anschließend seien die kurzen Bemerkungen von L. Halphen ( 903) vor allem über die wirtschaftlichen und sozialen Umwälzungen genannt, die sich aus der Wiedergewinnung des Mittelmeers und seiner Randländer für die europäische Schiffahrt und den europäischen Handel infolge der Kreuzzugsbewegung (im weitesten Sinne, auch Spanien und Sizilien mitbegreifend) ergaben.

a) Allgemeines.

Das Buch von Fedor Schneider ( 2393) über Rom und Romgedanken im Mittelalter ist nach Gegenstand und Methode zwar wesentlich geistesgeschichtlich; es kann aber auch hier nicht übergangen werden, weil es sich um einen sehr stark politisch wirksamen Vorstellungskreis handelt, der auf unsere Geschichte gerade während der »Kaiserzeit« bestimmend eingewirkt hat. Um so nachdrücklicher ist auf diese gedanken- und ausblickreiche Studie hinzuweisen, als es sich um eine Leistung handelt, deren geistige Energie der Fülle und Mannigfaltigkeit des hier vor uns nicht nur ausgebreiteten, sondern auf nur 228 Seiten -- der Rest sind gehaltvolle Anmerkungen -- auch anschaulich belebten und verbundenen Wissens ebenbürtig ist. Von hoher Warte und in weitestem Zusammenhang durchmustert der Verfasser etwa den Zeitraum von Theoderich bis zu den Staufern, mit Ausblicken vor- und rückwärts, um festzustellen oder doch anzudeuten, was ist von dem Erbe des römischen Altertums


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im Rom des Mittelalters lebendig geblieben und wie weit hat das mittelalterliche Rom mit diesem antiken Erbe auf die Renaissance als Anfang des modernen Geistes eingewirkt. Er zeigt den Romgedanken in seinem anfänglichen Fortleben auch in der Kirche, die in Rom an die Stelle des Imperators getreten ist, und in seinem Ringen mit der hier von Gregor dem Großen ausgehenden und später in den Kluniazensern verkörperten Gegenströmung bis zu deren endgültigem Siege unter Gregor VII., der durch die Verschmelzung des römischen Nationalgefühls in seiner politischen Wendung mit dem kirchlichen Programm der Kluniazenser die Universalkirche, »Statthalterei des überirdischen Herrn der Seelen« und zugleich weltlichen Staat, die »römische Kirche«, schuf. Der Verfasser zeigt uns weiter den Romgedanken, wie ihn die Stadtrömer empfanden, in seinen Beziehungen und in seinem Gegensatz zu dem allgemeinen Kaisergedanken und zu der lombardisch-nationalitalienischen Strömung, wobei er wieder, wie schon oft, nachdrücklich die führende Rolle des langobardischen Volksbestandteils in der italienischen Entwicklung zu unterstreichen bemüht ist. Er zeigt, wie die Kaiseridee in der Renaissance des römischen Rechts erst von Ravenna, dann von Bologna aus im späteren 11. und im 12. Jahrhundert eine von den lebenden Römern nicht mehr abhängige Rechtfertigung fand, und er weist darauf hin, wie aus der Einwirkung des Romgedankens auf die Lombarden das italienische Nationalgefühl erwuchs. »Der Romgedanke als nationale Idee ist durch das universale Papsttum des hohen Mittelalters verdorben worden wie das  Deutsche Reich. Aber der Romgedanke hat doch eine welthistorische Bedeutung. Er hat die nationale Bewegung bei den Langobarden entscheidend beeinflußt, er ist zum Ferment des italienischen Nationalgefühls und der neuen nationalen Kulturbewegung bei ihnen geworden.« Die Stärke des Buches liegt im Frühmittelalter, wo es auch die Fülle der Erscheinungen selber am unmittelbarsten zu uns sprechen läßt. Besonders eindringlich und mit innerstem persönlichen Anteil in Zustimmung bzw. Ablehnung werden hier Cassiodor und von der Gegenseite Gregor der Große behandelt; die im besondern literar- oder bildungsgeschichtlichen Abschnitte ragen auch sonst hervor. Mit besonderer Liebe ist z. B., um von Anastasius und Johannes Diaconus zu schweigen, Benedikt von St. Peter, der Verfasser des Liber politicus und der Mirabilia Romae kurz vor der Mitte des 12. Jahrhunderts gezeichnet. Für die politische Geschichte darf vor allem die Behandlung Theophylakts und Alberichs, der Crescentier und der Tuskulaner nicht übersehen werden, des »heroischen Säculums des Romgedankens«, das uns hier mit vielen neuen Lichtern und Urteilen vorgeführt wird. Ob freilich diese Lichter immer richtig gesetzt sind, das ist eine Frage für sich, und wie in dem sehr persönlichen Urteil über Theodorich und Gregor den Großen, so wird der Verfasser auch hier vielleicht bei manchem Leser mehr oder weniger Zustimmung, sicher aber bei vielen entschiedene Ablehnung finden, wenn er z. B. das ottonische Imperium eine Fehlkonstruktion vom ersten Augenblick an nennt und notwendig »die besonders naturwidrige Pseudomorphose des abendländischen Imperiums sich in Phantasmen und Illusionen verzehren« läßt. Der Verfasser stellt eine nähere Begründung seines Standpunktes an anderer Stelle in Aussicht, und so wird sicherlich auch er der Ansicht sein, daß hier eine wesentlich ideengeschichtliche Beweisführung nicht mehr ausreicht. Der Verfasser schreibt -- und man wird darin keinen Nachteil sehen -- außerordentlich temperamentvoll; er arbeitet mit

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starkem Licht und Schatten und zeichnet meist mit kräftigen, geraden Linien, wobei es freilich nicht immer ohne Gewaltsamkeit abgeht. Er fordert in seiner Formulierung oft geradezu den Widerspruch heraus, und an Widerspruch, auch an berechtigtem Widerspruch, wird es ihm nicht fehlen. Aber anregend und belehrend ist sein Buch für jeden Fachgenossen in hohem Maße, und keiner, der es liest, wird es anders als mit lebhaftem Anteil lesen.

a) Allgemeines.

F. Landogna ( 914) will darlegen, wie sich seit Julius Nepos und Odovakar ein von dem Imperium unterschiedenes regnum Italicum bildete und wie dieses administrativ und politisch von seinem Mittelpunkt in Pavia aus von den Langobarden bis ins 11. Jahrhundert in zusammenhängender, auch bei der fränkischen oder der deutschen Eroberung nicht unterbrochenen Entwicklung seine Wesenheit entfaltete, wobei ihm allerdings neben treffenden Bemerkungen bei der näheren Ausführung gar manche anfechtbare Behauptung oder reichlich gewagte Konstruktion mit unterläuft. Diese Selbständigkeit des italischen Staates rechnet Landogna nur bis zu Konrad II. und Heinrich III. Von da an geht nach ihm der Begriff des regnum Italicum im Imperium auf, und Friedrich I. und Friedrich II. stützen sich bei ihrem Versuch, die zentrale Organisation wiederherzustellen, nicht mehr auf das königliche, sondern auf das kaiserliche Recht -- was mindestens für Friedrich I. nicht zutrifft. Nach Legnano und dem Frieden von Konstanz wird das regnum Italicum dann ganz zu einem leeren Namen ohne Inhalt. In dem allmählichen, widerstandslosen Verschwinden dieser dem Lande von außen, von fremden Eroberern auferlegten Einheit sieht Landogna ein Glück für die nationale Zukunft Italiens, die dadurch hätte verzögert oder abgelenkt werden können. Die Auffassung Italiens als eines Lehens (feudo) des deutschen Imperiums, sofern sie früher geäußert ist, kann jedesfalls seit langem nicht mehr als die  deutsche Meinung gelten, die sich vielmehr grundsätzlich hier kaum sehr von Landogna unterscheidet. -- Nicht vorbeizugehen ist hier auch, obwohl nur wenige Seiten die  deutsche Kaiserzeit betreffen, an den Betrachtungen, in denen Karl Hampe ( 234) eine »Kulturbilanz« der »durch nahezu zwei Jahrtausende« »dauernd auf das engste verflochtenen Beziehungen der beiden Länder Italien und Deutschland« zu ziehen versucht. -- Zeitlich viel weiter gespannt ist auch der geschickte Überblick über die Geschichte Friauls, d. h. für unsere Zeit im wesentlichen des Patriarchenstaats Aquileja, in dem A. Hessel ( 518) zeigt, wie auch für dieses, im 12. und 13. Jahrhundert zumal in der Oberschicht seiner Bevölkerung stark deutsch durchsetzte Grenzland allzeit nicht die lokalen, sondern die allgemeinen europäischen


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Verhältnisse das Schicksal entschieden. -- Die inhaltreiche, leider noch nicht abgeschlossene Studie von Margarete Merores (»Der venezianische Adel. 1. Teil: Die Geschlechter«. In: Vierteljahrschr. f. Sozial- u. Wirtschaftsgesch., XIX, 1926, S. 193--237), die im wesentlichen bis gegen 1200 führt, ist hier schon deshalb wenigstens zu erwähnen, weil sie entschieden gegen die außerordentlich scharfe Kritik auftritt, die neuerdings von italienischen Forschern an dem Chronicon Altinate geübt ist. Hoffentlich wird sie darauf noch näher zurückkommen können.

b) Sachsen.

Daß die Ostpolitik Ottos des Großen nicht an der Oder haltmachte, führt ansprechend A. Brackmann ( 894) aus. Er zeigt, daß die Magdeburger Ansprüche auf das Bistum Posen nicht lediglich auf Fiktion beruhen, und möchte das Schweigen der offiziellen Gründungsurkunden aus einem grundlegenden Unterschied zwischen der kaiserlichen und der päpstlichen Auffassung erklären, indem zwar Johann XII. 962 noch dem Kaiser ohne Begrenzung nach Osten die Befugnis gab, nach Belieben Bistümer zu errichten, 967/68 unter Johann XIII. sich aber die Kurie hinsichtlich der Eingliederung des inzwischen wenigstens bis zur Warthe unterworfenen Polens in die  deutsche Kirche den kaiserlichen Wünschen versagt habe; ebenso sei auch die Gründung des Prager Bistums erst nach dem Tode dieses Papstes möglich geworden, der mit seinem Widerstand in den entscheidenden Jahren die weitreichenden, letztlich auch Ungarn ins Auge fassenden Pläne Ottos I. zum Scheitern gebracht habe und deshalb für die Geschichte des Ostens eine besondere Bedeutung beanspruchen könne.

I. Quellen und Untersuchungen zur Quellenkunde.

Entsprechend der bekannten Tatsache, daß Geschichtsquellen, deren Verfasser weite historische Räume mit großem Blick überschauen, im spätmittelalterlichen Deutschland fast ganz fehlen, bieten die im Berichtsjahr erschienenen Quellenausgaben überwiegend landschaftlich Wichtiges. Leidinger ( 931) veröffentlicht den deutschen Text eines doppelseitig beschriebenen Pergamentblattes mit Nachrichten für die Zeit von 1126 bis 1308. Sie entstammen bekannten lateinischen Quellen aus Erfurt. -- Die Ausgabe der Genuesischen Annalen in den Fonti per la storia d'Italia ( 889) ist bis 1279 weitergeführt, die mit 1280 beginnende Darstellung des Jacopo d'Oria ist für einen weiteren Band aufgespart. Der Herausgeber, Cesare Imperiale di Sant Angelo, liefert dazu eine breitangelegte Einleitung: 112 S. zu 187 S. Text. Die Erläuterungen in den Fußnoten schöpfen z. T. aus Ungedrucktem, so erhalten wir z. B. S. 115--122 den Text des Vertrages Karls von Anjou mit Genua vom 12. Aug. 1269. Für die  deutsche Geschichte haben besonders die Nachrichten über Manfred und Konradin Bedeutung. -- In die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts führen zwei Regestenwerke. Neu begonnen haben die von F. Martin bearbeiteten Regesten der Erzbischöfe von Salzburg ( 184). Sie schließen sich an das Salzburger U. B. an und erreichen mit der ersten Lieferung das Jahr 1270. Fortgeführt wurden die Regesten der Straßburger Bischöfe von A. Hessel und M. Krebs bis zum Jahr 1299 ( 187). Krabbos Regesten der Markgrafen von Brandenburg ( 198) haben eine die Jahre 1308--1314 umfassende Fortsetzung erhalten. Für die Reichsgeschichte ist sie zu beachten wegen der Königswahlen in den beiden Grenzjahren. --Aloys Schmidts ( 928) Untersuchungen über das Carmen satiricum occulti Erfordensis beschäftigen sich mit einer Quelle, die das 1279 vom Mainzer Erzbischof über die Stadt verhängte Interdikt zum Gegenstande hat. Sie ist zwar schon zweimal gedruckt, aber damals konnte die beste, in Hamburg liegende Handschrift noch nicht herangezogen werden, die man erst nachträglich auffand. Varianten aus dieser werden nun mitgeteilt. Der Hauptreiz des Gedichts ist die farbige Schilderung des städtischen Lebens. Heinrich von Kirchberg, der Erfurter Stadtschreiber, wird darin sehr unsanft mitgenommen. Abweichend von Grauert vermutet Schmidt, daß Conradus de Githene (= Geithain) die Satire gegen den Stadtschreiber, ein Nicolaus de Bibera die anderen Teile, vielleicht von Mitarbeitern unterstützt, verfaßt habe. -- Für die Jahre 1346--1348 liegt nun der achte Band der Constitutiones ( 204) vor, dessen Schlußlieferung, die von R. Salomon und W. Finsterwalder angefertigten Register enthaltend, im Berichtsjahre erschien. Er wird der letzte seiner Art sein, denn die folgenden werden vielfach gekürzte Texte und dazu Erläuterungen in deutscher Sprache bringen.

II. Darstellungen.

In die sonst unrühmliche Regierungszeit Wenzels fällt der Feldzug Karls VI. von Frankreich gegen den Herzog Wilhelm von Geldern. Dieses Ereignis, erfreulich für die  deutsche Geschichte, weil der Herzog ruhmvoll daraus hervorgeht, wichtig für die französische, weil Karl VI. sich seitdem von der burgundischen Bevormundung freimacht, schildert Schulte ( 954) klar und eindrucksvoll. --Hollnsteiner ( 956) macht den Versuch, zu zeigen, wie Sigmunds Stellung auf dem Konstanzer Konzil nach den unter seiner eigenen Mitarbeit neu erschlossenen Quellen, besonders den Tagebüchern des Kardinals Fillastre, erscheint. Gerade dieser einseitig französisch eingestellte Kardinal läßt den Einfluß Sigmunds gut erkennen, die Mittel, mit denen er seine Wünsche durchzusetzen sucht, die Widerstände, die er allenthalben findet. Nicht einverstanden bin ich nur, wenn Hollnsteiner aus Sigmunds Absicht, die Reform vor der Papstwahl durchzusetzen, folgert: »Auch ein Beweis, wie wenig man in Konstanz selbst an die Oberhoheit des Konzils über den Papst glaubte«. Es genügt doch vollständig die Annahme, man habe -- mit vollem Recht -- an dem ernstlichen und nachhaltigen Willen des Papstes zur Reform gezweifelt. -- Unter Verwendung bisher unbekannter Dokumente aus den Archiven von Brüssel und Dijon und der Pariser Nationalbibliothek behandelt Quicke ( 955) Sigmunds Beziehungen zu Burgund. Herzog Friedrich von Österreich, der dem Papste Johann XXIII. zur Flucht verholfen hatte, verweigerte der aus Brabant stammenden Witwe seines Bruders Leopold die Herausgabe ihres Witwengutes. Anknüpfend an die Verstimmung zwischen diesem Friedrich und Sigmund, suchten die Burgunder Sigmunds Beistand gegen jenen zu gewinnen. Die Annäherung hatte keinen Bestand, denn schon strebten die Burgunder danach,


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Johann IV. von Brabant mit der berühmten Jakobäa, der Erbin von Hennegau, Seeland und Holland, zu verheiraten, und darein vermochte Sigmund natürlich nicht einzuwilligen. Auch auf die Frage des Tyrannenmordes, die in Konstanz verhandelt wurde, haben diese Beziehungen eingewirkt.

I. Allgemeines.

Ein Werk, das die  deutsche Geschichte während unserer ganzen Periode wenigstens berührt, ist das von Hill ( 1031). Er verfolgt die dänische Politik vom 15. bis 19. Jahrhundert unter besonderem Hinblick auf die Sundzölle von ihrer Einführung am Anfang des 15. Jahrhunderts bis zu ihrer Ablösung in der Mitte des 19. Aus den für uns in Betracht kommenden Kapiteln III bis V kann man entnehmen, eine wie große Rolle diese Zölle in dem Kampfe um das »Dominium Maris Baltici« spielten und wie stark auch die norddeutschen Städte und Staaten an dieser Frage interessiert waren. Auch für die Geschichte des 30 jährigen Krieges ist die Sache natürlich von großer Wichtigkeit. Der Verfasser hat für diese ältere Zeit nur gedrucktes Material verwendet, dieses aber gründlich und geschickt verarbeitet.

II. Quellen.

An neuen Quellen zur politischen Geschichte der Zeit hat das Berichtsjahr nur wenig gebracht. Auf Hasenclevers ( 1018) Abdruck der Geheimartikel zum Frieden von Crépy ist schon im vorigen Bande S. 255 hingewiesen worden. In die Vorgeschichte des damals beendeten Krieges führt uns die Korrespondenz ( 1017) Karls V. mit dem Statthalter von Mailand Marquis del Vasto, deren spärlich erhaltene Reste aus den Jahren 1540 bis 1542 der Herzog von Alba aus seinem Familienarchive veröffentlicht. Für die  deutsche Geschichte ist sie nur in sofern von Bedeutung, als sie die allgemeine Lage charakterisiert und einige Notizen über das Vordringen des Luthertums nach Italien bringt. -- Einen archivalischen Beitrag zur Geschichte Johann Friedrichs des Großmütigen liefert Junius ( 1019), nämlich die Stücke aus dem in Weimar ruhenden Briefwechsel des Kurfürsten während seiner Gefangenschaft, die sich auf seine künstlerischen Bestrebungen, vor allem auf die Tätigkeit Lukas Cranachs beziehen.

IV. Deutsche Fürsten.

Obgleich ein großer Teil der Akten über die Regierung des Markgrafen Hans von Küstrin 1758 verbrannt ist, hat Mollwo ( 1028) es doch verstanden, unter Ausnutzung alles irgendwie aufzutreibenden Materials ein lebensvolles Bild von ihm zu gestalten. Wir lernen in dem Markgrafen einen sehr energischen, fleißigen und sparsamen, ja fast allzu geschäftstüchtigen Fürsten kennen. Sein strenges Festhalten an der einmal erkannten, von Luther gefundenen Wahrheit erweckt Sympathie für ihn. Die scheinbaren Widersprüche seines Verhaltens in der Zeit des Schmalkaldischen Krieges werden durch seine irrtümliche Überzeugung, daß der Angriff des Kaisers nicht der Religion gelte, erklärt. In den Zeiten des Interims wurde er dann ein Hauptträger des Widerstandes. Die Jahre 1546 bis 1555 sind ja natürlich diejenigen, wo Hans am meisten mit der großen Politik in Berührung kam, von der er sich sonst mehr fernhielt in der richtigen Erkenntnis von der Kleinheit und Schwäche seines Gebietes. Dieses zu vergrößern war er erfolgreich bemüht. Als musterhafter Haushalter hatte er die Mittel dazu. Die verschiedenen Zweige der inneren Verwaltung seines Territoriums werden möglichst auch unter Berücksichtigung der Gehilfen verfolgt. Charakteristisch ist besonders der absolutistische Zug, der durch die Handlungen des Markgrafen geht, eines Vorläufers der preußischen Könige


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des 18. Jahrhunderts, die ja durch seine Tochter Katharina auch seine Nachkommen waren. Die Beziehungen zwischen Frankreich und den deutschen Protestanten von 1531--1552 werden von Zeller ( 1025) einer neuen eingehenden Darstellung unterzogen. Diese bildet jedoch in seinem umfangreichen Werke, das auf umfassender Literaturbenutzung und gründlicher archivalischer Forschung beruht, nur die Einleitung zu einer genauen Schilderung der Einnahme von Metz durch Heinrich II. Ein eignes Kapitel ist der Verfassung, den religiösen und wirtschaftlichen Verhältnissen in der Stadt vor 1552, ihren Beziehungen zu Frankreich und dem Reiche gewidmet. Von allgemeinem Interesse ist, daß der Verf. ein Streben der französischen Politik nach der Rheingrenze für das Mittelalter leugnet, erst seit der Mitte des 15. Jahrhunderts einzelne unmaßgebliche Stimmen derart zu finden vermag, das Ereignis von 1552 als einen Zufall betrachtet, der Idee der Rheingrenze und der natürlichen Grenzen noch für das 17. Jahrhundert geringe Bedeutung zuschreibt, ja noch für die Zeit der französischen Revolution  Deutsche als die ersten Vertreter dieser Gedanken bezeichnet. Die 42 Aktenstücke aus den verschiedensten Archiven, die beigegeben sind, beziehen sich alle auf die Vorgänge von 1551/52. Ein zweiter Band soll die Annexion d. h. die Entwicklung der Dinge bis 1648 behandeln.

I. Allgemeines.

Von dem mit erstaunlicher Schnelligkeit fortschreitenden großen Pastor schen Werke ( 1022) ist 1926 Band 10, 1927 Band 11 erschienen. Jener umfaßt die Pontifikate Sixtus V., Urbans VII., Gregors XIV. und Innozenz' IX., dieser wird ganz durch das Klemens' VIII. angefüllt. Abgesehen von dem, was über die allgemeine Tätigkeit der Päpste gesagt wird, kommen natürlich nur einzelne Kapitel des Werkes für die  deutsche Geschichte in Frage. Aus dem 10. Bande sei da auf die ziemlich ins einzelne gehende Schilderung der gegenreformatorischen Tätigkeit der Prager, Kölner und Grazer Nuntien, der Schwierigkeiten, die sich ihnen entgegenstellten, der Unterstützung, die sie in Deutschland fanden, der Erfolge, die sie hatten, verwiesen. Schwierigkeiten ergaben sich besonders aus der Persönlichkeit Rudolfs II. Unter den Maßregeln, die direkt von Rom aus im Sinne der Gegenreformation erfolgten, ist besonders die Anordnung Sixtus' V. zu erwähnen, daß die Bischöfe alle vier Jahre zur Berichterstattung nach Rom kommen sollten, ferner aus der Zeit Innozenz' IX. die Errichtung eines besonderen Staatssekretariats für Deutschland und die Wiedererrichtung der Congregatio Germanica. Aus dem 11. Band seien besonders die eifrigen Bemühungen Klemens' VIII. um die Abwehr der Türkengefahr, wofür er nicht nur Geld zahlte, sondern sogar ein Hilfsheer stellte, und um die Bildung einer Liga gegen die Türken hervorgehoben, ferner seine Mitwirkung bei den Verhandlungen über die Nachfolge Rudolfs II. Auf dem Gebiete der Gegenreformation und der katholischen Restauration in Deutschland konnte man unter diesem Pontifikat bedeutende Erfolge erzielen. Die Wirkungen der Tätigkeit Gregors XIII. machten sich jetzt geltend, wenn auch einzelne  deutsche Kirchenfürsten noch zur Unzufriedenheit Anlaß gaben. Trat man doch jetzt schon in die Zeit Ferdinands von Steiermark und Maximilians von Bayern ein. Die Haltung der Kurie gegenüber den großen Streitfragen der Zeit, der Straßburger, der Aachener, der jülichklevischen wird verfolgt, ebenso ihr Anteil an den Erfolgen der Gegenreformation in den einzelnen deutschen Territorien und in den österreichischen Erblanden. Als Helfer erscheinen dabei neben den Jesuiten die Kapuziner. Der Anteil des Papstes an allem ist sehr stark.

III. Einzelheiten aus der Zeit der Gegenreformation.

Als Übergang zur Literatur über die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges sei die Arbeit von Paul ( 1032) erwähnt. Sie zeigt, daß die Habsburger schon seit den siebziger Jahren des 16. Jahrhunderts versuchten, Schweden für ein Bündnis gegen die Niederlande und gegen Dänemark zu gewinnen, und dabei bei König Johann und bei dem Kronprinzen Sigismund ein gewisses Entgegenkommen fanden. Nachdem dieser dann König von Polen geworden war, dachte man daran, ihn in seinem Kampfe um Schweden zu unterstützen. Für die  deutsche Geschichte haben diese Dinge nur insofern Bedeutung, als man ähnlich wie später bei den bekannten maritimen Plänen der Habsburger in den zwanziger Jahren des 17. Jahrhunderts die Mitwirkung der Hansastädte zu gewinnen suchte.

IV. Dreißigjähriger Krieg.

Zu der Frage nach den wirtschaftlichen Folgen des Krieges liefert Mayer ( 1794) einen Beitrag. Sein Grundgedanke ist, daß die Konkurse vom Ende des 16. Jahrhunderts nur die großen Gesellschaften trafen, die zwar für den Bergbau und die  deutsche Wirtschaft überhaupt anfangs manches geleistet hatten, sich dann aber durch ihre internationalen Geschäfte dem deutschen Wirtschaftsleben entfremdeten. Daher war ihr Niedergang für die  deutsche Wirtschaft von keiner entscheidenden Bedeutung. Erhalten blieb die mittelalterliche Stadtwirtschaft. Sie wurde erst durch den Dreißigjährigen Krieg zerstört. -- Zum Schlusse sei noch die Dissertation von Stöwesand ( 1045) erwähnt. Sie schildert zwar nur das Leben eines Privatmannes, ist aber kulturgeschichtlich recht interessant und liefert durch die Zergliederung der Werke Stockmanns auch einen Beitrag zur Quellenkunde der Zeit.

II. Von 1648--1700.

Die  deutsche Geschichte in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts steht unter dem Zeichen schwerer äußerer Not, hervorgerufen durch die ausgreifende, rücksichtslose Eroberungspolitik Ludwigs XIV. und durch die letzten gefährlichen Vorstöße der Türken. Zugleich aber bietet sie uns das Bild eines innern Wiederaufstiegs nach den furchtbaren Wirren des Dreißigjährigen Krieges, eines Wiederaufstiegs, der auch schon auf politischem Gebiete in der Erhebung Brandenburgs zu einem achtunggebietenden, starken Staat deutlich wird. Um die Erforschung des Lebens und der Tätigkeit des Führers und Trägers dieser Erhebung, des Großen Kurfürsten, hat sich wissenschaftlicher und patriotischer Eifer seit Jahrzehnten bemüht. Mit Befriedigung können wir feststellen, daß sie im Berichtsjahre zu einem gewissen Abschluß gelangt ist. Von der großen Quellenpublikation der Urkunden und Aktenstücke zur Geschichte des Kurfürsten ist der letzte Band der Abteilung: Politische Verhandlungen erschienen, ein ungeheures Material liegt damit vollständig vor ( 1055). Der von M. Hein mit Sorgfalt und Sachkenntnis bearbeitete Band umfaßt im wesentlichen die meist in auszugsweiser Zusammenfassung wiedergegebene Korrespondenz zwischen dem Kurfürsten und seinen Gesandten und


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Beauftragten in Polen, Braunschweig-Lüneburg, Dänemark, Schweden und Ostfriesland während der letzten Jahre der Regierung Friedrich Wilhelms. Vielfach noch ergänzt, z. B. durch Berichte Spanheims aus Paris und Schmettaus aus Wien, bietet sie ein lückenloses Bild der brandenburgischen Politik gegenüber den nordischen Mächten und den norddeutschen Fürstentümern in der fraglichen Zeit. -- Die auch nach außen trefflich ausgestattete Biographie des Kurfürsten von H. v. Petersdorff ( 1053) entspricht, obwohl sie sich an weitere Kreise wendet und auf Literaturangaben und Anmerkungen verzichtet, durchaus den Anforderungen der Wissenschaft. Ohne irgendwie weitschichtig zu werden oder sich in Einzelheiten zu verlieren, gibt Petersdorff doch eine überaus eingehende, dabei anziehende und fesselnde Darstellung der Wirksamkeit Friedrich Wilhelms von seiner Jugend, während der Brandenburg sich in einer höchst demütigenden Lage befand, bis zu dem Ausgang, bei welchem der Staat gefestigt und geachtet als eine nicht mehr zu übersehende, wichtige Figur auf dem Schachbrett Europas stand. Nach Schilderung der Zeit bis zum Regierungsantritt und der politischen Lehrjahre, die das erste Ringen um Pommern beim Ausgang des Dreißigjährigen Krieges und den mißglückten Überfall auf Jülich in sich schließen, behandelt der Verfasser in einem besonderen Kapitel zusammenfassend Friedrich Wilhelms Persönlichkeit. Eine einseitig borussische Stellungnahme wird man ihm bei aller Bewunderung, die er offenbar seinem Helden entgegenbringt, dabei kaum vorwerfen können. Er verschweigt nicht die mannigfachen Fehler und Schwächen der Politik des Kurfürsten, er gibt ihre »duplicité«, über welche die jeweiligen Bundesgenossen mit Recht klagten, zu, er betont auch, daß es nicht angehe, den zwar deutsch fühlenden, aber doch in seiner politischen Haltung nur von rein brandenburgischen Interessen bestimmten Fürsten als einen bewußten Vorkämpfer des nationalen Gedankens zu feiern. Die Belege für diese allgemeinen Darlegungen bringen die folgenden Abschnitte, die sich mit der staatsmännischen Tätigkeit Friedrich Wilhelms seit 1650 befassen. Die ersten Reformversuche führen auf die Persönlichkeit des Grafen Waldeck, der, ebenso wie später Schwerin und Derfflinger, eine ausgezeichnete Charakteristik erhält. Der Kampf um die preußische Souveränität schafft die Grundlage für die Sicherung der Machtstellung im Innern, die der Kurfürst in den sechziger Jahren durchführt, während er gleichzeitig nach außen eine Politik der freien Hand betreibt. Dem Kampf um die evangelische Freiheit, wie Petersdorff das Eintreten für Holland gegen Ludwig XIV. doch wohl nicht ganz zutreffend nennt -- auch daß es sich hierbei um den größten Entschluß Friedrich Wilhelms gehandelt habe, leuchtet mir nicht ein --, und dem glorreichen, im Endergebnis aber erfolglosen Krieg gegen Schweden folgt die Zeit des engen Bundes mit Frankreich, dessen reichsschädliche Wirkung nicht bestritten wird. In den letzten Jahren allerdings steht der Kurfürst wieder gegen den Sonnenkönig, nicht nur aus religiösen, sondern auch aus politischen Gründen. Unterdessen ist der Ausbau Brandenburg-Preußens vor sich gegangen, in einem besonderen Abschnitt unter diesem Titel schildert Petersdorff Verwaltungs- und Wirtschafts-, Kolonial- und Kulturpolitik. Mit einem Bericht über die Familienverhältnisse und den Ausgang des Kurfürsten schließt das treffliche Buch, dem noch einige wichtige Dokumente: Gutachten, Instruktionen und Schreiben aus der Feder Friedrich Wilhelms, als Anlagen beigegeben sind.

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II. Von 1648--1700.

In der Lebensgeschichte des Großen Kurfürsten begegnen uns markante Frauengestalten, seine erste Gemahlin insbesondere, die Oranierin Luise Henriette, dann aber auch eine Französin, die energische Königin Luise Marie von Polen, mit der Friedrich Wilhelm zeitweise eine lebhafte politische Korrespondenz unterhielt. Umgekehrt hat seinem großen Gegenspieler, dem Sonnenkönige,


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eine  deutsche Frau nahegestanden, seine berühmte Schwägerin, die Pfälzerin Liselotte. Das Interesse für sie scheint nicht zu erkalten: nachdem im letzten Berichtsjahr M. Strichs Darstellung ihres Lebens erschienen ist (vgl. Jahresberr. I, 1925, S. 261), kann in diesem Jahr J. Wille seine treffliche Biographie der urwüchsigen, gescheiten Prinzessin in vierter erweiterter Auflage vorlegen ( 1057). Auf Grund der beiden sich gegenseitig in der wertvollsten Weise ergänzenden Bücher dürfte nunmehr Liselottes Bild, ihr Wesen und Wirken, ihre Vorzüge und ihre Fehler, endgültig feststehen. Willes anziehende Schilderung verrät insbesondere ein gutes Einfühlungsvermögen in die geistige Haltung der merkwürdigen Frau, in ihre von bizarren Einfällen nicht freie, im ganzen aber auf dem Grundsatz der Toleranz sich aufbauende Stellung zu den religiösen Fragen. -- Von Liselottes Vater, dem um die Pfalz so hochverdienten Karl Ludwig, handeln zwei kleinere Mitteilungen C. Speyers ( 1060, 1067). Einmal berichtet er über den literarischen Streit, der sich im 18. Jahrhundert um die Frage der Duellforderung des Kurfürsten an Turenne als Führer der die Pfalz verwüstenden französischen Truppen erhoben hat, und druckt die zwischen Karl Ludwig und dem Marschall gewechselten Schreiben sowie den Bericht Turennes an den Kriegsminister Louvois ab. An der Tatsache der Forderung, die schon Voltaire als sicher angenommen hatte, kann danach kein Zweifel sein. In dem andern Aufsatz wird nachgewiesen, daß der im Jahre 1693 erschienene Roman in Gedichtform: Des Churfürsten Carl Ludwig Liebes-Händel mit der Baronessin von Degenfeld, teilweise aus einer Dichtung des der schlesischen Dichterschule entstammenden Daniel Caspar von Lohenstein gefälscht worden ist.

§ 20. Deutsche Geschichte von 1740--1815.

Der mit Campo-Formio akut gewordenen Frage nach dem Fortbestehen des Reiches bemächtigte sich die -- private wie offiziöse -- Publizistik. Schulz ( 1127) führt die in ihr erwogenen Lösungsmöglichkeiten vor: Erhaltung des Reichszusammenhangs, sei es mit starker kaiserlicher Spitze, sei es als Union mit oder ohne Präsidialmacht, oder Ersetzung des Reiches, sei es durch eine Süddeutschland oder Süd- und Westdeutschland umfassende Republik, sei es durch zwei Kaisertümer Österreich und Preußen neben einem Triasbund. Die Frankfurter Union von 1805 hat in der politischen Literatur keinen Niederschlag gefunden. -- In die Franzosenzeit der Pfalz und Rheinhessens führt uns die in jeder Beziehung, nach Darstellung und Methode vorzügliche und vorbildliche Arbeit Springers ( 1117). Auf Grund der in Speyer und Darmstadt liegenden Akten und umfangreicher Literatur (über 400 Titel) erbringt er den Beweis, daß die Bevölkerung wohl die Revolution ersehnte, weil sie von ihr die Beseitigung mancher Mißstände erwartete, daß sie aber bis 1802 die Rückkehr der alten Gewalten erhoffte und von einer zisrhenanischen Republik oder gar von Einverleibung in Frankreich nichts wissen wollte. Die französische Verwaltung suchte seit der grauenhaften und doch wenig ergiebigen Tätigkeit der »Ausräumungskommission« im Plünderwinter 1793--1794 zwei sich widersprechende Ziele zu vereinigen: Ausnützung des Landes für die Bedürfnisse der Armee und innere Gewinnung der Pfälzer für die Ideen der Revolution und für Frankreich. Bei dem Vorrang des ersteren Momentes erzielten selbst Merlin von Diedenhofen und Hoche hinsichtlich des zweiten nur geringe Erfolge. Die Verwaltung des Generalkommissars Rudler (1797--1798) bedeutet für die Pfalz den Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert, soweit Rechtspflege, Wirtschaft und soziale Fragen in Betracht kommen; jedoch verhindern seine Personalpolitik und seine Kirchenpolitik eine innere Angleichung der Pfalz an Frankreich; die Adressen der Pfälzer für Anschluß an Frankreich vom Jahre 1798 sind nach Sp.s Forschungen eine von den Besatzungsbehörden eingeleitete Stimmungsmache mit kümmerlichem Erfolg. Rudlers Nachfolger sind unfähige Vollfranzosen; im Herbst 1799 steht die Pfalz vor dem Aufruhr: rheinische Vendée. Da kommt Napoleon und mit ihm eine neue Zeit, verkörpert in dem Präfekten Jeanbon St. André. Er erreicht das eine Ziel, Flüssigmachung von Geldern für die Politik Napoleons, in hohem Maße; er scheitert mit dem andern, Angleichung an Frankreich. Der Pfälzer fühlt sich kulturell als Deutscher; er sieht wohl in den Franzosen die Befreier vom Feudalismus und in Napoleon den großen Soldaten und den Schöpfer des Code. Aber der Kampf gegen die  deutsche Sprache und die wirtschaftlichen Nöte (Rhein-Zollgrenze) verschärfen besonders seit 1809 den Gegensatz, bis 1814 der Tag der Befreiung erscheint.

§ 20. Deutsche Geschichte von 1740--1815.

In der neueren Literatur über den Freiherrn vom Stein, die Stern ( 1134) bespricht, steht weniger das Reformwerk als die Persönlichkeit im Vordergrund (Ricarda Huch). Steins geschichtliche Werke werden als wertvolle Quelle für seine Staatsauffassung und sein Staatsideal ausgebeutet (Bresslau, Gradenwitz, Botzenhard). Strittig ist noch immer Steins Stellung zum deutschen Nationalgedanken; gegen die Auffassung, daß sein Nationalgefühl eingebettet sei in


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einen europäischen Universalismus (Meinecke), wendet sich die neuere Meinung, die, den Einfluß kosmopolitischer Tendenzen ablehnend, Steins »Europäertum« aus realpolitischen Erwägungen erklärt und den Hauptzweck seiner Politik in der Wahrung der »Nationalität« erblickt (Ulmann, Drüner). Auch eine vergleichende Bewertung, ob Stein oder Bismarck der größere sei, ergibt kein einheitliches Resultat (Neubauer, Lenz, Huch). Einen Beitrag zu diesen »Stein- Fragen« steuert Kallen ( 1135) mit seinem Versuch bei, das  Deutsche in Stein hervorzuheben. »Stein ist und bleibt ein Aristokrat, ein Ritter, kein Junker.« Aus seiner Abstammung entspringt seine Religiosität, sein Standesbewußtsein, der in ihm stetig lebendige Gedanke der deutschen Einheit. Die zu seiner Durchführung notwendigen Eigenschaften findet er allein in Preußen; deshalb schließt er sich diesem Staate an. Seine äußere Politik, Befriedigung der Forderungen der französischen Behörden, mußte scheitern. Sie wird ergänzt durch die innere Politik, die »nicht die Organisation der Verfassung, sondern die Vervollkommnung des Menschen, des Trägers der Verfassung«, erstrebt. Die Steinsche Reform steht nach Ursprung, Methode und Geist in entscheidendem Gegensatz zu den Ideen von 1789: nicht das Individuum, sondern die Gemeinschaft ist für Stein das Ausschlaggebende. Aus diesem »Gemeingeist« heraus verlangt er nicht nur den deutschen Staat, sondern auch ein europäisches Staatensystem. Bei allem Mangel an Verständnis für die soziale Frage des vierten Standes zeigt er doch den Weg zu ihrer Lösung: Befreiung durch Eigentum. Die zweite Großtat Steins, die nur seiner dämonischen Natur gelingen konnte, ist, daß er die Befreiung zu einem Freiheitskrieg von Fürst und Volk gemacht hat. Eine scharfe Kritik Meineckes (Hist. Zt. 137, 395) wirft Kallen eine in patriotischem Eifer begangene Vereinfachung des Bildes von Stein vor. -- Das auf den besten Darstellungen aufgebaute, von vaterländischem Geist getragene Buch Estorffs ( 1136) über Scharnhorst legt den Nachdruck weniger auf den großen Feldherrn als auf den edlen Menschen, der vermittels der eingestreuten Briefe lebendig als Vorbild für unsere Tage im Sinn der inneren Erneuerung hingestellt wird. -- In der verdienstvollen Ausgabe der prächtigen Briefe E. M. Arndts aus Schweden an den praktischen Arzt Weigel in Stralsund, besorgt von Gülzow ( 1152), tritt uns Arndt nicht nur als der »hervorragende kulturgeschichtliche Anempfinder« entgegen, sondern auch als der Sucher nach dem germanischen Menschenideal, als der Romantiker voll Begeisterung für das Volkstümliche und voll Liebe zur Natur, als der Staatsgelehrte, der wirtschaftlich-sozial in einem kräftigen Bauernstand (wie in Dalarne), politisch in der monarchischen Einherrschaft, im Einheitsstaat, die Zukunft Deutschlands erblickt. -- Bei der Bedeutung B. G. Niebuhrs für den preußischen Staat und die  deutsche Nation stellt die Herausgabe seiner Briefe in der authentischen Form (die von seiner Freundin Dore Hensler besorgte Ausgabe ist in höchstem Grade, ja entstellend überarbeitet) ein hohes Verdienst für Anreger, Verleger und die beiden Herausgeber, Gerhard und Norvin ( 1133) dar. Der erstere gibt in der Einführung ein scharf umrissenes Bild von dem Menschen und seinem Werk. Aus den Briefen tritt uns Niebuhr in seiner Herbheit und seinem Ernste, in seiner von dem doppelten Drang zu praktischer Betätigung und zu wissenschaftlicher Leistung hin und her gerissenen Natur, tritt uns der erfahrene Finanzmann und der Monarch im Reich der Wissenschaften, der bürgerstolze Holsteiner, der an seinem Vaterland hängende

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Däne, der Freund englischen Wesens, der Gegner des Adels und der Demokratie, der Verehrer Steins, entgegen. Nur ganz langsam unter dem Einflusse Steins und unter dem überwältigendem Eindruck der Volkserhebung von 1813 wird N. zum Preußen, der die Eigenart und die Kräfte seines Staates voll erfaßt. Die Ausnutzung des Bandes, der über den Reventlowschen Kreis in Emkendorf und die preußischen Reformer manch Neues bringt, wird durch das Fehlen eines Registers stark behindert. -- In einem von Ulmann ( 1151) mitgeteilten Briefe Max v. Schenkendorfs an die Prinzessin Wilhelmine von Preußen bezeugt er von sich, daß er weder ein leichtbeweglicher Demokrat noch ein erstarrter Aristokrat sei, daß er wohl »Kampf gegen das historische Ungetüm, aber auch Unterwerfung unter Geschichte und Recht gepredigt habe«. -- Eine Ergänzung zu Meineckes »Weltbürgertum und Nationalstaat« und eine Parallele zu Brandts »Politik und Geistesleben in Schleswig-Holstein« bietet Böttiger ( 1129). Er schildert die Wendung von dem stark kommerziell gefärbten Weltbürgertum Hamburgs zur nationalen Idee zuerst an führenden Persönlichkeiten, wie Fr. Perthes, F. Benecke, D. Chr. Mettlerkamp und K. Sieveking, dann die Haltung von Senat, Volk und Patrioten im Jahre 1813, insbesondere die Tätigkeit der letzteren in dem hanseatischen Direktorium.

I. Die Zeit der Restauration (1815--1847).

Auch die wissenschaftliche Forschung hat diesen Anlaß zu einigen wertvollen Veröffentlichungen benutzt, obwohl sie eines besonderen Anstoßes eigentlich nicht mehr bedurfte: nach dem Kriege knüpfte die Forschung an die Arbeiten Hashagens, K. A. v. Müllers, Schellbergs und Uhlmanns an. Hermann von Grauert stellte den Grafen Joseph de Maistre und Joseph Görres gegenüber (Köln 1922). Eduard Schubert untersuchte den Ideengehalt von Görres' Schriften »Teutschland und die Revolution« und »Europa und die Revolution« (Köln 1922) und setzte damit unmittelbar Uhlmanns aufschlußreiches Buch fort. Josef Nadler gab in einer Betrachtung über Görres und Heidelberg feinsinnige Formulierungen über den Romantiker Görres (Preuß. Jahrbücher 1924). Auguste Schorn schrieb eine (bisher ungedruckte) Dissertation über »Görres' religiöse Entwicklung bis zum Jahre 1824«, phil. Diss. Köln 1925 (lag dem Referenten nicht vor), welche als »aufschlußreich« bezeichnet wird. Arno Duch gab eine zweibändige Auswahlsammlung in der Sammlung »Der  Deutsche Staatsgedanke« (1921) heraus. So war der Boden für eine Beteiligung der Wissenschaft an dem Görres-Jubiläum bereitet.

I. Die Zeit der Restauration (1815--1847).

Zu den Arbeiten über Görres ist allgemein zu bemerken, daß die von Hashagen (Westdeutsche Zeitschrift f. Geschichte u. Kunst Bd. 32, S. 410 ff.) ausgesprochene Warnung vor Überschätzungen und Übertreibungen auch heute noch teilweise am Platze ist, wenn auch überall das Streben nach konfessioneller Unbefangenheit sichtbar wird. Es ist im Sinne Hashagens eine Überschwenglichkeit, wenn Braubach ( 1180) Görres »als einen der universalsten Menschen, die es je gegeben«, bezeichnet oder wenn Schubert es als »eine ebenso merkwürdige wie unbestreitbare Tatsache« hinstellt, »daß unsere Gebildeten -- um von weiteren Volkskreisen erst gar nicht zu reden -- von Leben, Wirken und Bedeutung eines unserer größten Geister des vorigen Jahrhunderts (von mir gesperrt) so gut wie nichts wissen«. Jeder


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Popularisierungsversuch findet an Görres' geistiger Eigenart selbst seine unübersteiglichen Schranken schon innerhalb des katholischen Volksteils, viel mehr aber, wenn er für das ganze  deutsche Volk in Anspruch genommen wird, wie es Kallen will ( 1180 a). Görres aus den engen Fesseln des Konfessionalismus zu befreien, in denen er sich durch die Nachwirkung seiner letzten Lebensperiode verstrickt hat, ist ein Zug, der die Forschung bestimmt und befruchtend auf die früher viel verkannte Jugendperiode eingewirkt hat. Schon in dem jungen kirchenfeindlichen Görres läßt sich der Katholik auffinden und seine geistige Haltung zur Aufklärung und zur französischen Revolution aus der besonderen politischen und geistigen Lage erklären, in welcher sich damals der Katholizismus in Deutschland befand. Von hier aus fällt, wie Heinrich Dähnhardt ( 2452 a) zeigt, ein neues Licht auf den jungen Görres: der Zusammenbruch der geistlichen Staaten am Rhein wurde für ihn persönlichstes Schicksal, aber zugleich Schicksal seiner Heimat überhaupt. »Es wurde für Görres' politische Haltung entscheidend, daß das Leben ihn zu keiner Zeit dahin führte, über sich selbst diese Majestät des Staates als konkrete Macht anzuerkennen ... Görres wuchs heimatstreu, aber staatenlos auf« (S. 24). Dähnhardt weist die Einheit des Geistes in Görres aus der Tatsache auf, daß die Betrachtungsweise und die Problemstellung (Kirche und Staat!) in der Jugend und im Alter die gleiche ist; in der Art der Betrachtungsweise spricht sich bei Görres seine besondere Eigenart aus. »Görres war Aufklärer, zwar dem Gehalte des Gedachten, nicht aber nach der Art des Denkens.« Zu der Frage der Originalität des Görresschen Denkens kommt Dähnhardt zu ganz präzisen Feststellungen. Görres war bei aller religiösen Tiefe seines Geistes vor allem Politiker und Publizist. »Die Spontaneität seines Geistes söhnt mit der vielfach mangelnden Originalität desselben aus« (S. 39). »Wir haben kaum eine Berechtigung, Görres' Schaffen unter den Vorzeichen überlegener geistiger Gestaltung zu sehen. Es will eher unter den Vorzeichen seiner eigenen Entstehung, d. h. im Lichte eines geistigen Durchbruchsversuches gegen umgebende Gewalten betrachtet werden« (S. 40). In diesem gleichartigen Schicksal, das Görres persönlich und die politische Gestalt seiner rheinischen Heimat trifft, liegt die Ursache für seine spätere Rückkehr zur Kirche zu einer Zeit, als er die Heimat endgültig verloren hatte. Die Linien, die den jungen Görres mit dem politischen Katholizismus verbinden, treten nicht so klar zutage wie die persönliche Entwicklungslinie. Während Dähnhardt das Unmethodische, Sprunghafte und Zufällige in Görres' geistiger Entwicklung sicher mit Recht hervorhebt, bemüht sich Reiße ( 1181 und in Nr. 209) die  deutsche und französische Ideenwelt, der sich Görres als Rheinländer gleichmäßig hingibt, in ihren einzelnen Spuren, die sie in Görres' Schriften hinterlassen haben, aufzuweisen: die Aufklärung tritt Görres in Kant, Fichte und Condorcet, die irrationalen Gegenströmungen in Rousseau und vor allem in Herder entgegen. Der Einfluß Schellings ist, wie ein Aufsatz von A. Dyroff ergibt (enthalten in Nr. 209) von den bisherigen Forschern und auch noch von Reiße zu hoch eingeschätzt, doch vertieft Reiße die Kenntnis Görres' besonders durch eine eingehende Analyse der Schrift »Glauben und Wissen« und macht für seine Hinwendung zum indischen Mythus vor allem den Einfluß Herders geltend, durch dessen Führung er die wissenschaftliche Literatur über Indien kennenlernte. Reißes eindringende und über die bisherigen Arbeiten hinausführende

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Studie zeigt Görres' starke geistige Rezeptivität, die begierig nach allem greift, was sich an wissenschaftlichen Ideen in seiner Zeit regt. Der Politiker in ihm, der immer seine tiefste Anlage bleibt, wird seit 1800 verdeckt von dem Gelehrten, der in rastlosem Aufnehmen ein Weltbild zu formen sucht. Reiße und Dähnhardt ziehen Linien von der Frühzeit zu dem späteren Görres und schlagen dadurch manchen neuen Pfad durch das teilweise schwerdurchdringliche Dickicht der Görresschen Gedankenwelt. Die Einheit in Görres zu finden, ist das lebhafte Bemühen aller neueren Görres-Forscher: dies geschieht z. T. sogar auf Kosten der doch nicht zu leugnenden Widersprüche seiner Entwicklung. Alle Formeln, welche diese Einheit herstellen wollen, erweisen sich nur als Teilergebnisse, sei es daß der »Kampf gegen jegliche Tyrannei« (H. Münster) oder »Freiheit und Rhein« (Kallen) als leitende Idee von Görres' Leben dargestellt werden. So erscheint Görres' Wirken als Opposition gegen den Absolutismus in Kirche und Staat; so bleibt er zeitlebens Revolutionär: diese formale Haltung wird eigentlich immer von außen her mit positiven Inhalten gefüllt; eine Geistesströmung hat, wie Kallen (a. a. O. S. 5) meint, seine Entwicklung durch alle Wandlungen hindurch begleitet und bestimmt, ihr gewissermaßen die Richtung gegeben: das ist die Philosophie der idealistischen Epoche. Während für die Frühzeit die Beziehungen schon hinreichend festgestellt sind, bedürfen sie für die letzte Periode noch eines genaueren Nachweises, als ihn Kallen in seiner Festrede geben kann: es wird sich dann wohl zeigen, daß auch dieser Wegweiser durch Görres' Leben nicht zuverlässig genug ist, um sich ihm allein anzuvertrauen. Im Gegensatz zu Kallen rückt Wohlers Görres wieder näher an die Romantik: »Das Suchen des Einzelmenschen nach seinem Platz im Weltall -- das ist das Grundgesetz der Romantik, es ist das Grundgesetz von Görres' Leben« (Görres und das Rheinproblem in Nr. 209).

II. Die Revolution von 1848--1850.

Eine Untersuchung des Politikers Kinkel fehlte bisher trotz der vielversprechenden Arbeiten Bollerts von 1913 und 1916. Die Abhandlung des Amerikaners De Jonge ( 1222) baut z. T. auf Material auf, welches die verstorbene Ms. Ferguson für eine politische Biographie Kinkels gesammelt hatte: diese verdankt die Anregung zur Beschäftigung mit dem Stoff Prof. Ernst Elster in Marburg, dessen Schülerin sie 1912 war: hierüber berichtet das Vorwort von Robert Herndon Fife. Dies verdient auch hier festgestellt zu werden, da der Verfasser (De Jonge) in seiner Einführung glaubt, daß erst die Revolution von 1918 das Interesse an Kinkel und den »Achtundvierzigern« in Deutschland geweckt habe. Er glaubt den deutschen Historikern Vernachlässigung der »Achtundvierziger« vorwerfen zu können. Wenn er im gleichen Zusammenhang sagt: Under the Hohenzollern regime these men were held to be rebels against a political order which was accepted by historians and scholars as the last word in the philosophy of the state, so ist die Herkunft dieses Vorwurfs aus der »Ideologie von Versailles« nur allzu deutlich. Der Verfasser hält nun wiederum den Friedensvertrag von 1919 für das letzte Wort der Geschichte und macht ihn zum Maßstab der Beurteilung, wenn er sich Kinkels Anschauungen zu eigen macht: He saw in the establishment of a strong Hohenzollern empire, in the seizure of French Lorraine a potential danger to the peace of Europe. Less than fifty years later Germany was made a republic by the World War and not only Lorraine but also the German Alsace reverted to France (S. 147). Ähnlich urteilt der Verfasser über Kinkels Polenpolitik im Vergleich mit den Ergebnissen des Weltkrieges. Er stellt Kinkel und Bismarck (S. 148) gegenüber: Kinkels plan for a Pan-Germanic union was considered by many as a chimera, yet such a league of the nations of one race would undoubtedly have been cemented much more firmly than Bismarck's famous Triple Alliance which crumbled to pieces at the first signs of an approaching storm following the assassination of Archduke Francis Ferdinand at Sarajevo.« Solche Urteile sind nicht belanglose Entgleisungen oder Schiefheiten der Darstellung, sondern hinter ihnen verbirgt sich, bei näherem Zusehen, eine ganz bestimmte Einstellung zur deutschen Geschichte, welche an westlich-demokratischen Idealen gemessen wird. So irrt sich De Jonge auch, wenn er der Mehrzahl der »Acht- undvierziger« eine republikanische Gesinnung zuschreibt; es kann auch vom


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historischen Standpunkt nicht ohne Einschränkung zugegeben werden, daß die Revolution von 1918 die Ideale von 1848 ausgeführt habe (der Verfasser beruft sich auf Hugo Preuß!). Diesen Geschichtsbetrachtungen ausländischer Beurteiler wird der  deutsche Historiker seine besondere Aufmerksamkeit, aber zugleich geschärfte Kritik zuwenden müssen, um die Fehlerquellen rechtzeitig aufzudecken, die hier verborgen liegen. Abgesehen von den Einwendungen, die gegen das historische Urteil dieses Buches zu machen sind (und die hier um ihrer allgemeinen Bedeutung willen hervorgehoben werden), bietet das Buch eine stoffreiche Darstellung, welche bisher unbenutzte Zeitungsaufsätze Kinkels (in der »Bonner Zeitung«, in der »Neuen Bonner Zeitung« und -- besonders wertvoll -- im »Hermann«, einem von Kinkel herausgegebenen Emigrantenblatt in London) heranzieht und dadurch die Linien der politischen Bilder der Persönlichkeit schärfer zeichnet, als es Bollert möglich war (Freiligrath und Kinkel 1916). De Jonge will vor allem den Vorwurf der politischen Unbeständigkeit von Kinkel abwehren. Er zeigt, daß bald die Forderung der politischen Freiheit, bald die der deutschen Einheit in seinem Denken vorwaltet: ähnliche Abwandlungen erfährt sein nationales und kosmopolitisches Denken. Die Gründe, weshalb Kinkel trotz mancher tiefer Einsichten scheitern mußte oder anders gesagt, weshalb Bismarck und nicht Kinkel (wie der Verfasser zu wünschen scheint) das  Deutsche Reich gegründet hat, bleiben unerörtert; daher wird die tiefste Problematik und Tragik der »Achtundvierziger« und speziell Kinkels nicht erkannt.

I. Allgemeine Literatur über Bismarck.

Die Veröffentlichung der großen Friedrichsruher Ausgabe der Gesammelten Werke Bismarcks schreitet schnell vorwärts, und mit den in diesem Jahresbericht anzuzeigenden beiden Bänden ( 1284) ist der Teil der Ausgabe, der den Gesprächen des Reichsgründers gilt, abgeschlossen. Der Herausgeber W. Andreas hat nur solche Gespräche aufgenommen, die wirklich beglaubigt überliefert sind, und mit größter Sorgfalt die Spreu vom Weizen gesondert. Ein großer Teil der hier gedruckten Gespräche ist natürlich bekannt, nur wenige, freilich mehrfach sehr wertvolle Gespräche waren bisher unveröffentlicht. Aber auch von dem schon gedruckten Material war vieles an so zerstreuten und entlegenen Stellen veröffentlicht, daß die Zusammenfassung an leicht erreichbarer Stelle begrüßenswert ist. Vor allem ergibt diese Zusammenfassung aller beglaubigten Privatgespräche Bismarcks ein außerordentlich plastisches Bild seiner Persönlichkeit, und somit ist diese Ausgabe nicht nur für weitere Kreise, sondern auch für die wissenschaftliche Forschung von sehr erheblichem Wert. -- Das Bismarck- Buch von Emil Ludwig ( 1285) muß in diesen Berichten erwähnt werden, weil es -- wie überhaupt die Schriften des bekannten Publizisten -- starken Einfluß auf breite Schichten unseres Volkes und auch des Auslands hat. Wissenschaftlich ist es höchst unzulänglich gearbeitet, aber auch abgesehen von allen wissenschaftlichen Maßstäben erfüllt das Buch den Anspruch nicht, eine wirklich einheitliche Darstellung der Persönlichkeit Bismarcks zu bieten. Ludwig gibt bunte, zum Teil gute, vielfach flimmernde Bilder, nicht sehr viel mehr. Das Gesamtbild, das Ludwig zeichnet, ist nicht nur höchst einseitig, sondern


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in sich auch widerspruchsvoll. (Vgl. meine ausführliche Besprechung in Bd. 138 der Historischen Zeitschrift.) -- Die von v. Petersdorff veröffentlichten Briefe Bismarcks an Rudolf von Auerswald ( 1245) aus den Jahren 1860--1861 zeigen zunächst den Gegensatz Bismarcks zur Politik von Schleinitz, wobei er sich auch über schlechte Information beklagt. Die Briefe sind aber vor allem für Bismarcks Persönlichkeit interessant. Er wendet sich gegen Vorwürfe, die ihn als Bonapartisten bezeichnen; er sei weder österreichisch noch russisch oder französisch, sondern preußisch; er erblickt »unser Heil nur im Vertrauen auf unsre eigne und auf die  deutsche Nationalkraft«. Über seine frühere Haltung sagt er, »zwischen den Pommerschen Kartoffelfeldern ... lernt man eben nicht europäische Politik richtig zu beurtheilen«. -- Die Arbeit von Franz ( 1287) -- eine Göttinger Dissertation -- vertritt in einer höchst fruchtbaren Untersuchung mit vollem Recht die Ansicht, daß Bismarcks politisches Denken durchaus am Staat und nicht an der Nation orientiert war. Die Frage sei nicht, preußisch oder deutsch, sondern Staat oder Nation. Weder vor noch nach 1871 habe Bismarck ein Gefühl für eine Nationalitäten-Politik gehabt, was seine Stellung zum Deutschtum in Österreich ebenso deutlich illustriert, wie seine rein staatlich bestimmte Einstellung zur Erwerbung von Elsaß-Lothringen. -- H. Wolff ( 1288) behandelt Wesen und Art der Bismarckschen Geschichtsauffassung, ist sich dabei der Schwierigkeit seiner Fragestellung durchaus bewußt und betont selbst, daß bei Bismarck von einer Geschichtsphilosophie im eigentlichen Sinne nicht gesprochen werden kann. Gerade deshalb ist diese Untersuchung gut und wertvoll, so wenig es bei der Art des vorliegenden Problems möglich ist, mit wenigen Worten über den Inhalt zu berichten. Der Verfasser betont vor allem, daß Bismarcks Auffassung geschichtlicher Dinge stets von der Politik und seinen politischen Zielen her bestimmt worden sei.

II. Innenpolitik der 50er und 60er Jahre, nationale Bewegung.

Die Stuttgarter Antrittsrede von Rapp ( 1234 a), der mancherlei wertvolle Arbeiten zur Geschichte der deutschen Einheitsbewegung geliefert hat, versucht knapp die Entwicklung des Kampfes um die  deutsche Einheit im letzten Jahrhundert zusammenzufassen und nimmt dabei auch zu Problemen der Gegenwart Stellung. Wir glauben, vieles anders sehen zu müssen als Rapp, ohne das an dieser Stelle ausführen zu können. -- Die Arbeit von Hagenah ( 1247) behandelt den Anteil der Schleswig-Holsteiner an der nationalen Bewegung. Die materialreiche und interessante Untersuchung zeigt deutlich die enge Verbindung der schleswig-holsteinischen Bewegung mit dem Nationalverein. Der Verfasser betont mit Recht den starken Einfluß, den die nationale Bewegung im allgemeinen, und in Schleswig-Holstein im besonderen, für die Vorgänge der allgemeinen Politik und den Erfolg Bismarcks hatte. -- Der Aufsatz von Pagel ( 1249) bildet den Teil einer größeren Arbeit und behandelt die öffentliche Meinung in Mecklenburg von 1866--1871. Gegen den Krieg von 1866 wandte man sich ziemlich allgemein. Später traten die bürgerlichen Kreise für die neue Lage und den Norddeutschen Bund ein, mit deshalb, weil man davon auch einen innenpolitischen Umschwung gegenüber dem Feudalsystem erhoffte. Die Kreise der Ritterschaft waren auf das äußerste verstimmt und kämpften vor allem gegen ein deutsches Parlament. Sie sahen ihre alten Vorrechte durch den norddeutschen Staat bedroht. Der von diesen Kreisen beherrschte Landtag fügte sich nur der Zwangslage, und die Landräte baten den Großherzog, die Würde eines preußischen Generals niederzulegen. Pagel behandelt besonders eingehend den Wahlkampf von 1867, der in Mecklenburg wie überall in der klaren Front für oder gegen die neuen Zustände geführt wurde, und mit einem Siege der Liberalen über die konservativ-ständisch-partikularistischen Kreise endete. Erst der Krieg von 1870 führte auch in den herrschenden Schichten zu einer Wendung.

V. 1870--71.

Den ungünstigen Eindruck, den uns das Tagebuch vom Kronprinzen Friedrich Wilhelm gewinnen läßt, verstärken noch Briefe, die das Kronprinzenpaar an die Königin Viktoria von England richtete, die jetzt in der Fortsetzung der Ausgabe des Briefwechsels der englischen Königin ( 1281 und 1282) enthalten sind. Man sieht, daß Bismarck von den engen Beziehungen des Kronprinzenpaares zum englischen Hofe nicht ohne Grund Indiskretionen fürchtete. Man soll freilich nicht verkennen, daß das Kronprinzenpaar gerade in kritischen Zeiten, vor allem während der drei Kriege, seinen Einfluß auf die Königin vielfach im Sinne der preußischen und deutschen Politik einsetzte, was vor allem für das Jahr 1864 nicht ohne Bedeutung für die gesamte Haltung der englischen Politik gewesen ist. Aber auf der anderen Seite ist ohne Zweifel in manchen Fällen die Grenze entschieden überschritten, die der  deutsche Kronprinz und auch seine Gemahlin, selbst als Tochter der englischen Königin, in ihren Äußerungen über  deutsche Verhältnisse einzuhalten sich aus nationalen und politischen Gründen hätte gezwungen sehen müssen. Auch sonst ist diese Fortsetzung des Briefwechsels der Königin Viktoria, der durch Auszüge aus ihren freilich bearbeiteten Tagebüchern ergänzt ist, auch für die  deutsche Geschichte für den Zeitraum von 1862--1878 wichtig. Für die Zeiten der Reichsgründung bestätigen diese Bände, vor allem für die Haltung zur Schleswig-Holsteinschen Frage, daß hier Viktoria den deutschen Anschauungen sehr viel freundlicher gegenüberstand, als ihre Berater, was wir schon bei der Besprechung der Korrespondenz von Russell im vorigen Jahresbericht (S. 284, Nr. 1237) hervorhoben. In den Jahren 1865--1866 ist sie freilich der preußischen Politik sehr wenig günstig gesinnt. Außer den Briefen des Kronprinzenpaares finden sich auch Briefe des Königs und Kaisers Wilhelm und seiner Gemahlin. Bei der deutschen Übersetzung wäre zu beanstanden, daß der  deutsche Herausgeber die englischen Einleitungen, die gerade über die deutschen Verhältnisse sehr einseitig sind, kommentarlos wiedergibt, so etwa über die Entstehung des Krieges von 1870. Wenn die Einführung hier die Schuld am Kriege auf deutscher Seite sucht, so zeigt gerade das veröffentlichte englische Briefmaterial, daß man 1870 in England Frankreich und nicht Deutschland die eigentliche Verantwortung für den Kriegsausbruch zuschrieb.

VI. 1871--1890. Allgemeines.

Die populäre Darstellung der deutschen Geschichte seit 1870 durch Wirth ( 1278) genügt, auch wenn man auf wissenschaftliche Ansprüche verzichtet, nicht den geringsten Anforderungen. Neben schlechter Disposition und überaus einseitiger politischer Tendenz enthält die Schrift eine Fülle von tatsächlichen Fehlern und zeigt vor allem in den Abschnitten über die Außenpolitik seit 1871, daß ihrem Verfasser anscheinend die Fülle der neuen Literatur, die an das  deutsche Aktenwerk anknüpft, nicht bekannt ist; Gebrauch hat er jedenfalls davon nicht gemacht, und es ist bedauerlich, daß derartig minderwertige Schriften anscheinend leicht einen Leserkreis


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finden. -- Die Schrift von Stadtler ( 1277) ist zum großen Teil ausgesprochen politisch und deshalb hier nicht zu besprechen. In dem historischen Teil werden trotz Neigung zu Konstruktionen richtig der preußische Staat und die nationale Bewegung als die zwei entscheidenden Faktoren, auf denen Bismarcks Reich aufbaute, bezeichnet. Der Untergang des Reiches von 1871 wird daraus erklärt, daß nach Bismarck die unpolitische Ader der Deutschen -- verkörpert auch durch die Persönlichkeit Wilhelms II. -- wieder zum Durchbruch gekommen sei, eine nicht ganz unberechtigte, aber viel zu einseitige Auffassung.

VII. Außenpolitik 1871--1890.

Der Aufsatz von Klingenfuß ( 1293) über Beust und Andrassy beruht auf Wiener Aktenmaterial und zeigt deutlich die Sonderpolitik, die Beust als österreichischer Botschafter in London in deutschfeindlichem Sinne trieb. Darüber hinaus ist die Arbeit für die allgemeine Beurteilung der Krise von 1875 recht interessant. --Gauld ( 1296) behandelt die Vorgeschichte der englischösterreichischen Verständigung über die orientalischen Dinge in der Zeit des Berliner Kongresses und teilt einige Stücke aus den englischen Akten mit. -- Auf Grund des Nachlasses Corti ( 1295) wird dessen Haltung auf dem Berliner Kongreß dargestellt. Corti trat entschieden für die Annäherung Italiens an Österreich ein und machte das zu einer Art Bedingung für die Annahme des Postens als Minister des Äußern. Sein Verzicht auf Kompensationen für Italien führte zu starker Unzufriedenheit der italienischen öffentlichen Meinung und veranlaßte dann Cortis Rücktritt. -- Die Arbeit von Schünemann ( 1289) betont im Sinne der sich allgemein durchsetzenden Auffassung, daß das Bündnis von 1879 nicht die Option Bismarcks für Österreich und gegen Rußland bedeute. Er wendet sich dabei vor allem gegen das in den vorhergehenden Jahresberichten von uns erwähnte Buch von Heller (S. 292, Nr. 1259) und betont ihm gegenüber mit Recht, daß das österreichische Bündnis von 1879 jedenfalls für Bismarck alles andere war als die Vorstufe zur Schaffung eines Mitteleuropa. -- Eine gewisse Überschätzung des österreichischen Bündnisses im früheren und von Heller verteidigten Sinne enthält auch der Aufsatz von Behrendt ( 1306), der aber für das speziell behandelte Thema höchst interessant und inhaltreich ist. Der Verfasser schildert auf Grund von Wiener und Berliner Akten die Bedeutung der polnischen Frage im Rahmen der Außenpolitik der Jahre 1885--1887, vor allem für das Verhältnis Deutschlands zu Österreich. -- Der Aufsatz von Bourgeois ( 1304) behandelt im wesentlichen auf Grund des deutschen Aktenwerkes die Bedeutung der römischen Frage bei der Entstehung des Dreibundes, die er sehr stark unterstreicht. Leider macht Bourgeois auch in dieser speziellen Untersuchung von seiner Auffassung sehr reichlichen Gebrauch, daß Deutschland unter dem Vorwande, den Frieden zu sichern, tatsächlich die  deutsche Hegemonie habe aufrichten wollen. -- Gegen einen Aufsatz von Bourgeois aus dem Jahre 1924, der von derselben Gesamtauffassung aus den offensiven Charakter des Dreibundvertrages von 1887 nachzuweisen sich bemühte, polemisiert mit Recht die Arbeit von Trützschler von Falkenstein ( 1308).

§ 23. Deutsche Geschichte 1890--1914.

In eingehender Analyse der deutschen Akten hat ein französischer Fachhistoriker, Vermeil ( 1336 a), die  deutsche Politik von 1900--1908 untersucht. Seine Schrift ist bemerkenswert durch unumwundene Anerkennung der großen Leistung der deutschen Herausgeber, das Zugeständnis, daß die Forderung absoluter Vollständigkeit Unmögliches verlangt, und Zugabe der Berechtigung der sachlichen Disposition der Sammlung. Die Wirkung dieser Anerkennungen wird freilich abgeschwächt durch eine Einleitung M. E. Chaumiés, die vielfach entgegengesetzte Ansichten vertritt. Das Schlußurteil Vermeils gesteht zu, daß die  deutsche Politik den Frieden gewollt hat, aber es meint, daß sie durch ihre Methoden den Krieg vorbereitet und auch ihre Gegner zu entsprechenden Gegenmaßnahmen gezwungen habe. Die Wirkung der deutschen Publikationen spricht sich auch darin aus, daß er vor einer Verkettung der Kriegsverantwortung mit den letzten Krisentagen des Jahres 1914 warnt, diese vielmehr in der ganzen inneren und äußeren Entwicklung Deutschlands suchen will, das, im Zentrum des bewaffneten Friedens stehend, zum tragischen Verhängnis Europas geworden sei.

§ 23. Deutsche Geschichte 1890--1914.

Die der Agadirkrise folgende Episode deutsch-englischer Ausgleichsbemühungen hat E. Bourgeois ( 1343) in einem Aufsatz über die Haldane-Mission behandelt, der das Scheitern der Sendung ganz der englischen Beunruhigung über die  deutsche Flottennovelle zuschreibt, die Bedeutung des französischen Einspruches dagegen dadurch zu beheben sucht, daß er ihn als erst nach der eigentlichen englischen Entscheidung erfolgend darstellen möchte. Rätselhaft


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bleibt dann nur, warum Bertie den französischen Ministerpräsidenten so dringend zu dieser Intervention auffordern mußte. --Graf Metternich hat als neues Dokument seines Widerstandes gegen die Novelle von 1912 eine für Bethmann Hollweg bestimmte, eingehende Denkschrift vom 10. 1. 1912 ( 1345) publiziert, die seine schon bekannten Argumente umfassend und in besonders nachdrücklicher Formulierung enthält.

§ 23. Deutsche Geschichte 1890--1914.

Poincarés Aufsatz über das  deutsche Rätsel in den Monaten nach Agadir ( 1344) bringt Bruchstücke aus der Berliner Berichterstattung J. Cambons und des Militärattachés Pellé, die selbst aus der minimalen deutschen Heeresvorlage von 1912 eine Gefährdung Frankreichs konstruieren, obwohl sie doch auch wieder über Friedenswillen Wilhelms II. und trotz Empfindlichkeit über die Niederlage von Agadir von fortgesetzten demonstrativen Höflichkeiten der deutschen Regierung berichten müssen. -- Der dritte Band seines großen apologetischen Erinnerungswerkes ( 1343a) besitzt nicht die gleiche Bedeutung wie die beiden ersten Teile und der inzwischen bereits erschienene vierte Band über den Kriegsausbruch. Auch hier finden sich jedoch bemerkenswerte Bruchstücke aus den Berichten P. und J. Cambons. Die Entlastungskampagne gegen die Iswolski-Dokumente setzt sich in dem Bestreben fort, seine Stellung als Präsident so gebunden wie möglich erscheinen zu lassen. Sehr unglücklich ist Poincarés Polemik gegen die Anklage der Pressebestechung; sie muß die Tatsächlichkeit dieses Korruptionsfeldzuges zugestehen und versucht nur, den eigenen Anteil möglichst abzuleugnen. Die Darstellung der Rüstungskampagne von 1913 versucht wieder, die Einführung der dreijährigen Dienstzeit in Frankreich als Folge der bei dem entscheidenden Beschluß des Ministerrates vom 5. März noch unbekannten deutschen Vorlage erscheinen zu lassen. Sie wagt es, sich dabei erneut auf die Fälschung der Ludendorff-Denkschrift zu berufen, gibt aber im selben Atem an, daß diese erst am 19. März eingelaufen sei, also erst zwei Wochen nach der erfolgten Entscheidung! Ebenso unverändert wie der Gebrauch dieser Fälschung ist die Berufung auf die Mitteilungen Baron Beyens über die Unterredung Wilhelms II. und Moltkes mit dem belgischen König bei dessen Potsdamer Besuch. Der Advokatencharakter der Memoiren hat sich so in diesem Teile nicht verändert. -- Der Artikel Stumms ( 1348) über die Mission House im Frühjahr 1914 führt nicht über die kritische Feststellung hinaus, daß der amerikanische Vermittlungsversuch an der abweisenden Zurückhaltung Englands versandet sei.

§ 23. Deutsche Geschichte 1890--1914.

Die wissenschaftlich größte Leistung des Jahres 1926 für unsere Epoche ist schließlich der Abschluß der deutschen Aktenpublikation ( 1351) gewesen. In ausgedehntestem Umfange behandeln die erschienenen Schlußbände 30--39 der Sammlung (denen als Registerband noch ein vierzigster gefolgt ist) in vierzehn Teilen die Ereignisse vom Tripoliskriege bis zur Mordtat von Sarajevo, in ihrer schnellen Bearbeitung eine Höchstleistung der Energie der Herausgeber darstellend. Die Übersicht über diese neuen Stoffmassen wird allerdings durch den mächtig gestiegenen Umfang einigermaßen Schwierigkeiten bereiten, da die sachliche Disposition mit der größeren Breite der chronologischen Verarbeitung des gleichzeitigen Materiales sich noch stärker als bisher widersetzt. Da die Notwendigkeit der größeren Ausdehnung für den Zweck der Sammlung unbestreitbar ist, wird man es doppelt begrüßen, daß auch das Schwertfegersche Kommentarwerk ( 1352) mit seinem unentbehrlichen chronologischen


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Verzeichnis der Aktenstücke inzwischen zum Abschluß gelangt ist. -- Der Abschluß des großen Werkes, mit dem Deutschland als erste Macht seine ganze Vorkriegsdiplomatie rückhaltlos der Weltöffentlichkeit und internationalen Forschung zugänglich gemacht hat, hat eine Reihe von Anerkennungen deutscher und ausländischer Gelehrter veranlaßt, die die Bedeutung des Ereignisses würdigten ( 1353-- 1355). Überzeugender noch ist die Tatsache, daß es inzwischen außer der im Gang befindlichen Herausgabe der englischen Dokumente auch die Frage der Publikation des französischen Materiales erneut, und wie es scheint entscheidend, in Fluß gebracht hat. Allerdings ist nun gerade von französischer Seite die  deutsche Publikation neben vielfacher Anerkennung ihrer einzigartigen Bedeutung und der Größe der in ihr enthaltenen Arbeitsleistung Gegenstand skeptischer Kritik gewesen (vgl. außer 1355 auch 1336 a). Für die früheren Teile der Sammlung ist größere Vollständigkeit verlangt worden; vom französischen Standpunkt aus begreiflich sind die wertvollen Anmerkungen Thimmes als dem Urteil des Lesers vorgreifend getadelt worden. Während der weitere, von Lajusan gelegentlich geäußerte Verdacht, daß die  deutsche Auswahl von tendenziösen Einflüssen nicht frei sei, nur auf das schärfste zurückgewiesen werden kann und vor der Sammlung als ganzem tatsächlich in nichts zerbricht, wird man jener sachlichen Kritik zugeben können, daß für die von französischer Seite gewünschte chronologische Anordnung starke Gründe sprechen, denen freilich ebenso gewichtige zugunsten der deutschen Lösung gegenüberstehen. Die Forderung größerer Vollständigkeit kann freilich zweischneidige Folgen haben, wenn sie mit dem dringenderem Bedürfnis baldiger Publikation der französischen Akten in Konflikt gerät. Nachdem der französische Entschluß hierzu einmal der Welt bekanntgegeben ist, kann man nur hoffen, daß die Beschäftigung mit der deutschen Sammlung sich in einem durch die Tat die Berechtigung zur Kritik erhärtenden, absehbar baldigem Erscheinen eines französischen Gegenstückes fruchtbar erweist.

a. Bibliographie und Quellenkunde.

Ausgehend von der mächtig gestiegenen, in ihrer Notwendigkeit bejahten Steigerung des Interesses für die Geschichte der jüngsten Gegenwart hat E. Müsebeck in einem inhaltreichen Aufsatz ( 1356) zur Frage gestellt, wie die moderne Archivverwaltung durch weitgehende vorarbeitende Erschließung ihrer Aktenmassen einer soliden wissenschaftlichen Fundamentierung dieser Arbeit entgegenkommen kann. Bei der Begrenztheit der Mittel, die nur an wenigen entscheidenden Punkten Aktenpublikationen umfassenden Inhaltes erlaubt, empfiehlt er die Aufstellung von inhaltlich orientierenden knappen Aktenstandsberichten, die dem Forscher über das Material so weitverzweigter Sammlungen wie des Potsdamer Reichsarchives eine erste Kenntnis vermitteln sollen. Die Bearbeitung von stichwortartigen Inventarheften dieser Art (so für Kriegsbriefe zur kulturellen Geschichte des Weltkrieges und für persönliche Nachlässe) ist probeweise im Reichsarchive bereits eingeleitet worden. Der Gedanke, auch für die Behördenakten zur neueren Geschichte seit Anfang des 18. Jahrhunderts den begrenzten Publikationen auf diese Weise orientierenden Hintergrund durch kollegiale, umfassend organisierte Arbeit aller deutschen Archivverwaltungen zu verschaffen, verdient auf


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jeden Fall ernsteste Beachtung. -- Eine verwandte Arbeitsweise hat bereits die in dem Sammelwerk der Carnegie-Stiftung erschienene Bibliographie zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Vereinigten Staaten im Weltkriege ( 1358) tatsächlich angewendet. Die knapp charakterisierten Aktenbestände und offiziellen Veröffentlichungen der amerikanischen Zentralbehörden im Kriege, ergänzt durch kurze Hinweise auf parallele Quellenbestände bei den einzelnen Staatsverwaltungen, geben in aller Skizzenhaftigkeit doch schon ein eindrucksvolles Bild von der Größe der inneren Mobilmachung der Vereinigten Staaten im Weltkriege und zeigen den Wert, den solche Orientierungsmittel für den Forscher erlangen können. -- Bescheidenere Ziele hat sich das französische Parallelwerk der Carnegie-Sammlung von Camille Bloch ( 1359) gesteckt. Es begnügt sich mit einer von 1914--1919 führenden Bibliographie der gedruckten Literatur, einschließlich des gesamten Zeitschriftenmateriales, zur Geschichte des Wirtschafts- und Sozialkrieges und ersten Wiederaufbaues in Frankreich. Hinweise auf nichtveröffentlichtes dokumentarisches Material der Verwaltung sind nur zufällig aufgenommen. Für den deutschen Forscher sei auf die umfassenden Verzeichnisse der Literatur über  deutsche Invasion und Okkupation während des Krieges im Kapitel XI hingewiesen.

b. Kriegsschuldfrage und Kriegsausbruch.

In der darstellenden und resumierenden Behandlung der Schuldfrage hat 1926 das Ausland den literarisch größeren Raum eingenommen. Zwei der bedeutsamsten französischen Bücher dieser Art haben  deutsche Übersetzer gefunden: Demartials Mobilmachung der Gewissen ( 1372), das in scharfer Wendung vor allem gegen die chauvinistische Tätigkeit von Lavisse die allgemeine moralische Verfehmung Deutschlands bekämpfte, ist für das engere Fachinteresse des Historikers wichtig durch die Streiflichter, die er auf Mittel und Wege der Propaganda vor und im Kriege wirft, im übrigen überwiegend ein bedeutendes Dokument des Nachkriegskampfes um die Reinigung der geistigen Athmosphäre. Im Dienste dieser Aufgabe wird es zur schneidendsten Kritik der Kriegspsychose, die überhaupt geschrieben ist, um durch die Widerlegung der Lügen dem Gegenwartskampf gegen den Krieg zu dienen. --Marguerittes Buch über die Verbrecher ( 1373) gibt eine wenigstens in kurzer Skizze schon 1871 einsetzende kritische Gesamtuntersuchung über die Ursachen des Krieges. Sie wirft Deutschland vor, dem Evangelium der Gewalt am stärksten gedient zu haben, weil sie seine Machtstellung bis zur Jahrhundertwende sehr überschätzt und schwächt die Bedeutung der französischen Revancheidee im ganzen bedenklich ab. Je näher sie dem Ausbruch des Weltkrieges kommt, desto stärker setzt sich das Streben nach strenger Unparteilichkeit durch. Die Politik Poincarés, gleichlaufend mit den geheimen napoleonischen Ideen des Oberkommandos unter Joffre und Foch, wird nach ihrer die Entwicklung zum Krieg entscheidenden Bedeutung scharf erkannt. Die Iswolski-Akten kommen zu ihrem vollen Rechte. Der Herbst 1912 bringt nach dem Verfasser für Poincaré die endgültige Ersetzung der Friedenspolitik durch die Politik des Krieges. Sein Schlußurteil für Frankreich besagt, daß die Nation den Frieden, der (regierende) Nationalismus den Krieg gewollt habe. Die einzige Belastung der deutschen Politik während der Julikrise bleibt der Blankoscheck an Österreich, während Poincaré als Anpeitscher des allgemeinen Krieges (im Gegensatz zu dem lokalisierten Österreichs gegen Serbien) kritisiert wird. In völliger Deckung mit den Schlußergebnissen von Fabre-Luce werden als die eigentlichen Angreifer von 1914 Sasonow, Poincaré und Paléologue festgestellt. Die Skala der Verantwortlichkeiten nennt in erster Linie Frankreich, Rußland und Österreich, ihnen folgend Deutschland, dessen Blankovollmacht gegen Serbien sehr schwer beurteilt wird, in letzter Linie England, für das der Kampf aber ebenfalls ein reiner Interessenkrieg für seine bisherige Suprematie gewesen sei.

b. Kriegsschuldfrage und Kriegsausbruch.

Neben solchen Leistungen kritischer Selbständigkeit stehen in Frankreich freilich auch heute noch Wiederbelebungen der Schuldlüge, zum Teil auch mit eigenartigen innerpolitischen Motiven, wie Florent-Matters Gegenschrift über die wahren Schuldigen ( 1374). Nach Florent sind Lüge und Machtrausch das Wesen der deutschen Politik, die Weltherrschaft ihr Ziel gewesen. Das wird begründet mit Lächerlichkeiten wie der Klage, Wilhelm II. habe mehr Geld für Heer und Marine ausgegeben, als sein Großvater, der Sieger von Sedan. Der Hinweis auf die Existenz von Memoiren Delcassés, die These, dessen Sturz 1905 sei die Ursache der Weltkatastrophe gewesen, wütende Ausfälle gegen die Revisionskampagne wider die Versailler Verträge beweisen den politischen Pamphletcharakter des Buches. Als Ganzes ist es ein Symptom, was


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in Frankreich noch an Ungereimtheiten in der Kriegsschuldfrage gewagt werden darf. -- Das belgische Buch von Fastrez: »Die Verantwortlichkeit Deutschlands« ( 1375) ist sorgfältiger gearbeitet, möchte aber die  deutsche Kriegsschuld durch die These der Abhängigkeit der deutschen Regierung von ihrem Generalstab beweisen. Inhaltlich hält es sich meist an die Anschauungen Renouvins, die nach der militärischen Seite hin etwas ausgebaut und vergröbert sind. Moltkes Telegramme an Conrad vom 30. Juli sollen den endgültigen Sieg des deutschen Generalstabes bedeuten. Eigenen wissenschaftlichen Wert besitzt auch dieses Buch nicht. Der Vorwurf, daß Deutschland seit dem 14. Juli seine Mobilmachung vorbereitet habe, wird auf ganz unmögliches, veraltetes Material gestützt. So kommt auch dieses Werk der Defensive im Schuldkampf zu dem Urteil, daß der Krieg durch den deutschen Generalstab als Angriffskrieg heraufbeschworen sei.

b. Kriegsschuldfrage und Kriegsausbruch.

Ein Gegenstoß gegen die  deutsche Forschung, die seit den Enthüllungen von Ljuba Jowanowitsch das Vorwissen der serbischen Regierung um den Mordplan von Sarajevo behauptete und in weiterem Rahmen dieses Verbrechen als die direkte Folge der serbischen Propaganda wertete, ist erfolgt durch den bekanntesten englischen Freund der südslawischen Sache, Seton-Watson. Sein Buch über Sarajevo ( 1383), mit großer Spannung erwartet, wurde zu einer wissenschaftlichen Enttäuschung. Es ist ein großes Plaidoyer für bosnischen Ursprung des Mordplanes mit manchen neuen Einzelbeiträgen zur inneren Unterwühlung Österreichs vor 1914. Dem eigentlich kritischen Punkte, der Frage nach den Zusammenhängen der revolutionären südslawischen Bewegung in der Doppelmonarchie und Serbien, ist der Verfasser mehr aus dem Wege gegangen, als daß er versucht hätte, diese Verbindungen ernstlich zu widerlegen. Wegerers Nachweise über Fäden zwischen serbischer Regierung und Schwarzer Hand werden leichthin beiseite geschoben. Die Enthüllungen Ljubas, der Angelpunkt der ganzen Diskussion, kommen nur in einem wenige Seiten umfassenden, verlegenem Anhang zum Kapitel VI zur Sprache und sollen als unbeachtliche Wichtigtuereien erledigt werden. Die Argumentation ist vielfach befremdend veraltet: über die Annexionskrise und Konopischt werden Ausführungen vorgetragen, die noch nicht auf die  deutsche Aktenpublikation basiert sind; der Bericht Wiesner soll als Beweismittel gelten, daß eine Komplizität Serbiens an dem Morde nicht vorgelegen habe. Die Schwäche dieses Thesenbuches ist so recht geeignet, die Stärke der jetzigen Nachweise für Serbiens Kriegsverantwortung eher zu unterstreichen, als zu widerlegen. -- Boghitschewitsch hat denn auch in der Kriegsschuldfrage ( 1384) sofort erneut auf die seit 1903 kontinuierliche Verbindung der bosnischen Revolutionselemente mit Serbien hingewiesen, A. von Wegerer ( 1385) festgestellt, daß die durch Ljubas Aussagen entfesselten serbischen Diskussionen eine Entkräftung seiner Behauptungen in keiner Weise gebracht haben.

b. Kriegsschuldfrage und Kriegsausbruch.

Geringeren Raum als dieses serbische Problem hat die Forschung über die Haltung der übrigen am Kriege beteiligten Staaten in den letzten Wochen vor der Katastrophe beansprucht. Gegen Sasonow hat G. Frantz ( 1388) noch einmal Geschichte und Bedeutung der russischen Mobilmachung untersucht, die nach dem Urteil des russischen Generals Gurko Deutschland gar keine andere Wahl ließ, als seinerseits sofort die militärischen Operationen einzuleiten, und dabei erneut die Behauptung des russischen Ministers widerlegt, daß die militärische Vorbereitung Rußlands hoffnungslos rückständig gewesen sei. -- H. Lutz veröffentlichte als Vorläufer seines Grey-Buches einen Aufsatz über Lord Greys freie Hand ( 1391), der bereits wie später das Buch Grey durch eine eingehende psychologische Erklärung zu retten versucht, indem er den Staatsmann Grey trotz seiner zugestandenen Verschleierungskünste auf eine


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möglichst tiefe Stufe herabdrückt, um an die letzte Ehrlichkeit des Menschen glauben zu können. -- Der Artikel von Charles-Roux ( 1392) bringt über die diplomatischen Verhandlungen nichts Neues, weist aber neben Stimmungsschilderungen des Londoner Publikums in den kritischen Tagen einige interessante Notizen über Zusammenarbeit der französischen Botschaft in London mit der zum Krieg drängenden unionistischen Partei auf. -- Die Diskussion über die Verletzung der belgischen Neutralität setzte sich fort in einem Artikel von E. Gottschalk ( 1397), der sie gegen Mendelssohn-Bartholdy unter dem Gesichtspunkt des Notwehrrechtes als strategische Nothandlung verteidigt, die kein Verbrechen gegen das Völkerrecht bedeute. -- Gegen die  deutsche Verteidigungskampagne wendete sich eine eingehende belgische Studie von de Ridder ( 1396), die einen guten Überblick über die ganze Diskussion gewährt. Sie urteilt, wie für den belgischen Standpunkt begreiflich, streng rechtlich formal, wertet auch wieder irrig den Schlieffenplan als Beweis deutscher Expansionstendenzen, gibt aber einen guten Einblick in die Argumente, die Belgien gegen den Vorwurf geltend macht, seinerseits vor 1914 nicht mehr den strengen Rahmen der Neutralität innegehalten zu haben. Leider nimmt auch hier die Widerlegung längst überholter deutscher Kriegsthesen breiten Raum ein, obwohl R. erkennt, daß jetzt nicht diese, sondern die neueren Aufstellungen von Schwertfeger, Osswald, Karo und Montgelas maßgebend sein müßten. -- Eine Studie von Leclerc ( 1398) über Belgien am Vorabend der Invasion betont in verwandtem Sinne, daß noch in dem belgischen Kronrat, der die Ablehnung des deutschen Ultimatums beschloß, von französischer Unterstützung nicht die Rede gewesen sei. Auch hier soll also herausgearbeitet werden, daß eine vorbereitete Anlehnung Belgiens an die Entente nicht existiert habe.

b. Kriegsschuldfrage und Kriegsausbruch.

Schließlich sind noch einige  deutsche Beiträge zur Schuldfragendiskussion zu nennen. Die Unbelehrbarkeit gewisser deutscher Kreise illustrieren die Arbeiten von Kantorowicz über die Fälschungen der Farbbücher ( 1370) und Kanners Schlüssel zur Kriegsschuldfrage ( 1371), der aus dem Briefwechsel Moltke--Conrad vom März 1909 eine den Dreibund ersetzende Militärkonvention mit Erweiterung des Casus Foederis herausdichtet und natürlich auch die russische Gesamtmobilmachung nur als harmlose, rein technische, nur gegen Österreich gerichtete Maßnahme ansieht. -- Gegen die hier wiederkehrende, ursprünglich französische Tendenz, im deutschen Generalstab, speziell dem Verhalten Moltkes vom 29.--31. Juli, den entscheidenden Anstoß zur Entfesselung der Katastrophe zu entdecken, hat in einer gründlichen Studie Theo-


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bald von Schäfer ( 1395) eingegriffen. Er erklärt Moltkes umstrittene Telegramme an Conrad aus der militärisch sehr berechtigten Sorge, daß Österreich mit seinen Vorbereitungen in zu starken Rückstand gegen Rußland geraten werde. Schäfer kann nach Mitteilungen Haeftens gerade aus der Nacht vom 30. zum 31. Juli, also gleichzeitig mit den erregten Warnungen nach Wien, neue Beweise für den sorgenvollen Friedenswunsch des Generals beibringen, der nur notgedrungen durch die Furcht vor dem drohenden Vorsprung der Gegner in die Rolle des Warners und Antreibers gezwungen wurde. Mißtrauische Anfragen Conrads über das zu erwartende Verhalten Deutschlands, die Schäfer nach den Akten des Reichsarchives noch für den ganzen 31. Juli publiziert, zeigen, wie gering der Eindruck der Depesche Moltkes vom 30. Juli gewesen ist, und daß man trotz Tiszas bekanntem Ausruf in Wien nicht Moltke, sondern den Reichskanzler als maßgebend für die Haltung Deutschlands angesehen hat. Jene vielberufenen Moltke-Telegramme sind so tatsächlich ohne Einfluß auf die Frage von Krieg und Frieden gewesen, das selbständige Eingreifen Moltkes ist nicht kriegerischen Velleitäten, sondern der nachgerade schwer erträglichen Saumseligkeit Bethmanns gegenüber der drohenden Gefahr zuzuschreiben. Sie bedeuten eine militärisch berechtigte Nothandlung des deutschen Generalstabschefs.

c. Allgemeine und diplomatische Gesamtgeschichte des Krieges.

Die Aufsätze, die Ch. Appuhn ( 1401 a) über die  deutsche Politik im Kriege gesammelt hat, vermögen der deutschen Forschung nichts Neues zu sagen; immerhin sind sie zum Teil, so die Studien über die öffentliche Kriegsmeinung Deutschlands gegenüber Frankreich und über die päpstliche Friedensaktion von 1917, durch das Urteil eines sorgfältig sich informierenden Ausländers über  deutsche Dinge von Interesse.

f. Einzelne Phasen der militärischen Geschichte des Krieges.

Die Reibungen zwischen deutscher O. H. L. und Conrad von Hötzendorf hat Th. v. Schäfer ( 1465) für den Herbst 1914 behandelt. Er weist Conrads Kritik der ersten deutsch-österreichischen Offensive in Polen ruhig zurück als Unmögliches verlangend, da zu dieser Zeit die Abgabe von 20--30 deutschen Divisionen nach dem Osten sachlich ausgeschlossen, ohne stärkere  deutsche Kräfte mehr aber nicht erreichbar gewesen sei. Conrads Rückendeckung für die zweite Offensive von Thorn her wird als großzügig anerkannt, obwohl sie auch dem Bestreben diente, einen möglichst breiten österreichischen Besatzungsstreifen in Polen zu sichern. Conrads Gereiztheit gegen Falkenhayn, am schärfsten in der Diskussion über Fragen des gemeinsamen Oberbefehls, wird menschlich zutreffend aus dem Gefühl schwindender eigener Kraft verstanden. -- Der parallelgehende Aufsatz von Conrad Lehmann ( 1466) ist in der strategischen Kritik doch nicht auf gleiche, zu maßvollem Urteil anhaltende militärische Sachkenntnis aufgebaut.


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f. Einzelne Phasen der militärischen Geschichte des Krieges.

Zwei französische Studien von Palat und General de Castelli ( 1471 bis 1472) behandeln die französische Führung in den Tagen vom 15. bis 23. August 1914. Beide kritisieren scharf, daß Joffre das  deutsche Umfassungsmanöver zu spät erkannt habe, und zollen der Führung des Generals Lanrezac (V. französische Armee) aus dem entgegengesetzten Grunde hohe Anerkennung. -- Ein Aufsatz von Villate ( 1470) betont die Erschöpfung der deutschen Armeen zu Beginn der Marneschlacht und übt daraufhin scharfe Kritik an der überhetzenden deutschen Führung, die nicht wie Joffre mit frischen Reserven in den entscheidenden Kampf getreten sei.

§ 25. Ältere Rechts- und Verfassungsgeschichte (bis 911).

Was weiterhin die geschichtlichen Spezialforschungen des Berichtsjahres angeht, so stehen nach stofflichem Belang und zeitlichem Ausmaß an erster Stelle die familienrechtliche Monographie von E. Hoyer ( 1515) und die sachenrechtliche Studie von V. Ernst ( 1529). Jedoch am tatsächlichen Ertrag gemessen sind gerade diese beiden Bücher höchst ungleich. Denn während Ernsts Forschungen anregen und fördern, selbst wo ihre Ergebnisse abwegig sein dürften, halte ich das Hoyersche Buch im großen und ganzen für wenig gelungen. Vielleicht sind die Hauptschwächen Hoyers: seine Berufung auf antiquierte Literatur und die Nichtberücksichtigung neuerer Forschungsergebnisse, rechtshistorischer wie quellenkritischer, zum Teil dadurch bedingt, daß ihm die bescheidenen Hilfsmittel der Deutschen Universität in Prag die Arbeit aufs äußerste erschwert haben. Aber auch darüber hinaus kann ich mit seiner Methode nichts Rechtes anfangen. Denn obwohl ich die Notwendigkeit anerkenne, die lebendige Fülle altdeutscher Rechtsanschauungen der juristischen Begriffswelt einzugliedern und so unter historischen Gesichtspunkten gewissermaßen kategorial erstarren zu lassen, mutet es doch allzu konstruktiv an, wenn der Verfasser auf Grund einer recht dogmatischen Tacitusexegese zunächst die durch den Muntkauf familienrechtlich charakterisierte Kaufehe als die Vollehe im Sinne der germanischen Rechtsordnung definiert und dann als Entwicklungsergebnis der fränkischen Zeit fünf Formen von Ehen minderen Rechts (Konsens-, Entführungs-, Ungenossen-, Kebs- und Sklavenehe) dagegen abgrenzt, ja schließlich von seiner Definition her bestreitet, daß z. B. die Raubehe in germanischer Zeit rechtsgültig gewesen sein könne. -- Was andererseits das Buch von Ernst anlangt, so liegt sein Schwergewicht in der Zeit des Hochmittelalters, so daß ich es hier nur oberflächlich zu streifen vermag. Ausgehend von bisher kaum benützten Lagerbüchern, Urkunden und Akten des schwäbischen Quellenkreises (vom Ende des 13. Jahrhunderts ab) trägt Ernst eine neue Theorie des deutschen Liegenschaftsrechtes vor, die in der These gipfelt: das  deutsche Grundeigentum sei aufgebaut auf der Zwing- und Banngewalt der Sippe, die hauptsächlich das Untersagen freier Nutzung auf einem Teile der Dorfmarkung bedeute; nur von dieser Grundlage aus sei die spätere Verteilung von Grund und Boden in ihrer mannigfachen Bedingtheit verständlich; selbst die überragende Stellung des Salhofes sei von diesem Sippenurrecht abzuleiten und vollends die Grundherrschaft habe daneben eine völlig untergeordnete Bedeutung gehabt. Man begreift, daß eine derartige Kampfansage an die herrschende Meinung von A. Dopsch ( 1529) in Bausch und Bogen abgelehnt worden ist; jedenfalls dürfte sich die Hoffnung K. Wellers (Hist. Zt. 136, 323 ff.), die Ernstsche Lehre würde in Bälde Allgemeingut sein, wohl kaum in diesem Umfang erfüllen. Im Gegenteil fordert das inhaltsreiche und verdienstvolle Buch bei aller Anerkennung zu schweren Bedenken heraus, wie schon die fördernde Besprechung durch K. A. Eckhardt ( 1529) zur Genüge erweist. Insonderheit halte ich für brüchig und schwach, was Ernst zu Cäsar, Strabon und Tacitus vorbringt. Wohl ist es ihm auch da gelungen, mit Zwing und Bann die germanische Äckerzuteilung an die Sippenverbände in einem wichtigen Punkte überraschend lebendig zu machen. Aber wenn er glaubt, vor allem aus Cäsar seine eigene Theorie sozusagen Wort für Wort ablesen zu können, so


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dürfte das wohl eine Selbsttäuschung sein; denn in Wahrheit holt er seine Erkenntnisse im wesentlichen aus den Quellen des 13. und 14. Jahrhunderts und handhabt sie dann als Vehikel einer ziemlich summarischen Interpretation des Cäsar- und Tacitustextes, die selbst vor philologischen Gewaltsamkeiten gelegentlich nicht zurückschreckt. Die Begründung meiner Einwände kann ich freilich nur an anderer Stelle erbringen.

§ 25. Ältere Rechts- und Verfassungsgeschichte (bis 911).

Zu den bisher genannten Einzelforschungen auf dem Felde der frühmittelalterlichen Rechts- und Verfassungsgeschichte kommen schließlich noch einige Abhandlungen allgemeineren Inhalts und die einschlägigen Abschnitte aus größeren rechtshistorischen Darstellungen. Unter jenen sei zunächst verwiesen auf die gewichtige Auseinandersetzung von U. Stutz ( 1507) mit den Hauptwerken von A. Dopsch, ferner auf die gehaltvolle Universitätsrede von E. Feine ( 1497), in der dieser den Schicksalen und Nachwirkungen der gemeingermanischen Grundlage in den Rechten der einzelnen Länder Europas nachgeht, und schließlich auf die von rechtsphilosophischen Erwägungen durchtränkte Untersuchung von E. Jung ( 1499), worin Jung die zeitgemäße Frage nach der sittlichen Begründbarkeit des Rechtszwanges und der öffentlichen Gewalt verfolgt und in diesem Gedankenzuge auch Heer- und Gerichtsbann als die erste und älteste Form einer öffentlichen Befehlsbefugnis bei den Germanen bespricht. -- Was nun die eigentlichen Darstellungen im Berichtsjahre anbetrifft, so ist vor allem die ausführliche Schilderung zu nennen, die unser Zeitraum als Période Franke (du V au X siècle) bei E. Chénon ( 1504) findet, der gerade damit mehr als ein Drittel seines imposanten Werkes über die Geschichte des französischen Rechtes ausfüllt. Entstanden ist Chénons Darstellung aus rechtsgeschichtlichen Vorlesungen, die der Verfasser in den Jahren 1895 bis 1925 an der Universität Paris gehalten hat. Freilich an das Meisterwerk Brunners oder auch nur an Schröders  Deutsche Rechtsgeschichte reicht die Leistung nicht heran. Wohl aber bietet Chénon einen sorgfältig gearbeiteten, gut gegliederten und klaren Überblick, ausgestattet mit reichen Literaturhinweisen und ausgezeichnet durch eine wohlabgewogene Darlegung der schwebenden Streitfragen und Probleme. Das sind Vorzüge, die auf Schritt und Tritt den sachkundigen Forscher verraten, der sich selbst in Spezialuntersuchungen auf diesem Gebiete betätigt hat. Aber daneben treten doch auch beträchtliche Mängel zutage, namentlich auf dem Gebiete der Quellenkritik. So kennt Chénon anscheinend weder Zeumers bahnbrechende Geschichte der westgotischen Gesetzgebung noch dessen wichtige Ergänzungsstudie zur Quartausgabe der Leges Burgundionum. So wägt er u. a. Krammers Bevorzugung des salischen 99-Titeltextes gegen die Meinung Pardessus' ab und ignoriert überhaupt die  deutsche Lex-Salica-Forschung seit jenem Beitrag von Krammer zu der Festschrift für Brunner. -- Zu dem Werke Chénons kommt endlich noch der gedankenreiche Aufriß des germanischen Rechts, den die sichere Hand Cl. v. Schwerins für die weiteren Kreise der Gebildeten gezeichnet hat ( 1497a). Diese Skizze auf knappstem Raum verdient aber Beachtung auch in der Fachwelt; denn sie stellt einen in dieser Art erstmaligen Versuch dar, die eigentümlich deutschen Rechtsanschauungen durch die ganze Entwicklungszeit des deutschen Rechtes hindurch


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zu verfolgen, um auf diesem Wege ihre aktuelle Bedeutung für die Rechtsbildung der Gegenwart herauszuarbeiten und damit Wissenschaft und Leben in einer wissenschaftlich möglichen Form zu verknüpfen.

§ 26. Rechts- und Verfassungsgeschichte des Hochmittelalters.

Der Bericht über das Jahr 1926 bietet im Gegensatz zu dem für das vorausgehende Jahr dem Verfasser Gelegenheit, darauf hinzuweisen, daß all die großen Probleme, die die Rechtsgeschichte derzeit kennt und um deren Gestaltung sie sich bemüht, durch kleinere und größere Arbeiten gefördert worden sind. Auch das, was in den Übersichten der kommenden Jahre noch deutlicher in Erscheinung treten wird, kann schon an einzelnen Arbeiten der folgenden Besprechung hervorgehoben werden: Daß die rechtsgeschichtliche Forschung alle Belange erfaßt, die eine wissenschaftliche Arbeit überhaupt darbietet, und daher jetzt von jenem Zustand nicht die Rede sein kann, den Freiherr von Dungern einmal im Ton der Klage sich »auf sich selbst« zurückziehen genannt hat. Schon bei der ersten hier vorzuführenden Arbeit ist z. B. der Zusammenhang mit Fragen, die auch in unserer Gegenwart eine Rolle spielen, unverkennbar. Es sind immer wichtige Angelegenheiten der Rechtsgeschichte, in denen V. Ernst ( 1529) das Wort ergreift. Merkwürdig ist auch, daß es so häufig die besondere Vertrautheit mit der Geschichte des schwäbischen Rechtsgebietes ist, die zur Grundlage wird, von der Probleme von allgemeiner Bedeutung gesehen und erörtert werden. Diesmal hat Ernst der Entstehung des deutschen Grundeigentums eine Schrift gewidmet, deren Ergebnisse in den Sätzen gipfeln: »Das  deutsche Grundeigentum ist aufgebaut auf der Zwing- und Bannherrschaft der Sippe. Nur von dieser Grundlage aus ist seine Verteilung und mannigfaltige Bedingtheit verständlich.« »Das  deutsche Grundeigentum ... trägt ... alle Spuren einer sekundären und abgeleiteten Einrichtung an sich, bis ihm aus einem fremden Recht Inhalt und Kraft zufließt.« Nun haben sowohl der von der Lehre E. Mayers stark beeinflußte Hauptsatz als auch andere Ausführungen des Verfassers, namentlich das erste »Römerzeit« überschriebene Kapitel, in dem er bis auf Caesar und Tacitus zurückgeht und damit in ein Wespennest strittiger Fragen vorstößt, Widerspruch gefunden (vgl. Dopsch, Mitt. d. österr. Instituts f. Geschichtsforschung, 41, 425 ff. u. Eckhardt, Zeitschr. d. Sav.-Stift. f. Rg. germ. Abt., 46, 420 ff.). »Das Fehlen privaten Grundeigentums« wird man kaum als »Ertrag, den die römischen Quellen für die Entstehungsgeschichte des deutschen Grundeigentums liefern«, bezeichnen dürfen. Abgesehen von der Markgemeinde hat ein solches jedenfalls in sehr früher Zeit schon bestanden. Doch hat gerade Eckhardt in der schon erwähnten, höchst beachtenswerten Besprechung auch die guten Seiten der neuesten Leistung des schwäbischen Forschers anerkannt und dem Leser wirkungsvoll vorgeführt. »Die Zwing- und Banngewalt wurzelt nicht in der Grundherrschaft, sondern in der Gemeinde der freien Markgenossenschaft.« Damit hat die grundherrliche Theorie wieder eine ihrer Stützen verloren. Aus der Zwing- und Banngewalt wird auch die Entstehung der Grundabgaben abgeleitet, deren Nutznießer der niedere Adel ist, der hohe aber dort, wo er die Rechte des niederen aufgesogen hat. Der kirchliche Grundbesitz


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»ist ein sekundäres Gebilde, das seine Entstehung den grundbesitzenden Laien verdankt«. »Träger der Zwing- und Banngewalt« ist der Herrenhof im Dorfe, in dem der Salhof der früheren Zeit fortlebt. Unabhängig von den Eigentumsverhältnissen müssen nicht bloß die Zinsbauern, »sondern sämtliche Ortsbewohner die innerhalb Bannes sitzen« für die Bestellung des Sallandes Dienste leisten. Gegen diese Verbindung des Salgutes mit Zwing und Bann hat Eckhardt a. a. O. 425 Einsprache erhoben, dafür zwischen der Gerichtsbarkeit, deren Inhaber im Salhof saß, und Zwing und Bann Beziehungen angenommen und jedenfalls damit den Weg gewiesen, den die künftige Forschung wird betreten müssen, wenn sie die bereits von Wyß und Stutz erarbeiteten Ergebnisse mit dem, was Ernst gefunden hat, vereinigen will. Vielleicht wird dann auch die Standeszugehörigkeit des adeligen Salhof-Inhabers als Rechts- und Einflußquelle erkannt werden. Auch dem abschätzigen Urteil des Verfassers über den Begriff der Grundherrschaft (»Die  deutsche Geschichte bedarf seiner nicht«) tritt Eckhardt nicht bei. Aber es ist bezeichnend, daß Ernst aus anderer Einstellung heraus zu dieser Auffassung gelangt ist wie seinerzeit G. v. Below und Seeliger, als sie den Sturm auf die grundherrliche Theorie eröffneten. Ernst mag im einzelnen und in wichtigen Fragen in die Irre gegangen sein, zweifellos hat er auf Probleme hingewiesen, die nicht so bald von der Tagesordnung der rechtsgeschichtlichen Forscherarbeit verschwinden werden. -- Die Ausgabe eines Heftes des historischen Atlas der Niederlande, enthaltend die Marken von Drente, Groningen, Overijsel und Gelderland und die wertvollen Erläuterungen hierzu, die namentlich über die Bezirks- und Gemeindeverfassung von Overijsel neues Licht verbreiten, nimmt E. Mayer ( 1530) zum Anlaß, um auf Grund einer besonders wichtigen Urkunde von 1133 darzutun, »daß die Zahl der vollberechtigten Höfe eines Schultheißenbezirks ungefähr hundert beträgt«, was er als eine Bestätigung der von ihm in früheren Arbeiten vorgetragenen Auffassung von der Bedeutung der Hundertschaft als eines zahlenmäßigen Verbandes ansieht. Diese wie die weiteren Ausführungen, in denen Zusammenhänge zwischen Kriminalgerichtsbarkeit und Hundertschaft, zwischen Amtsbezirk des Schultheißen und Kirchspiel dargelegt werden, dürfen, da es sich um Fragen handelt, auf welche die mit der Herstellung historischer Atlanten beauftragten Rechtshistoriker immer wieder stoßen, das Interesse der Forschung im besonderen Ausmaß beanspruchen.

§ 26. Rechts- und Verfassungsgeschichte des Hochmittelalters.

Den standesgeschichtlichen Forschungen ist im Berichtsjahr eine hervorragende Förderung zuteil geworden. E. E. Stengel ( 1532) hat die verschiedenen Lehren über den Ursprung der Ministerialität überprüft und gegenüber der territorialen Betrachtungsweise, die in den letzten Arbeiten dieser Art vorherrschend war, die Aufmerksamkeit der Forschung auf die Grundprobleme zurückgelenkt. Dabei werden jene Zeugnisse, die vor dem 11. Jahrhundert liegen, auf ihre Aussagen hin untersucht und nicht die des 11. und 12. Jahrhundert, die in den bisherigen Beiträgen im Vordergrund gestanden hatten. Man wird diesen methodischen Vorgang lebhaft begrüßen dürfen. Auf dem von Stengel beschrittenen Wege konnte die Lehre Hecks, nach der die Ministerialität »aus einer ungebrochenen kontinuierlichen ständischen Entwicklungslinie hervorgegangen ist« als verfehlt bezeichnet werden. Die Ministerialität »ist nicht die gerade Fortsetzung eines alten Volksstandes, sondern... ein Ergebnis des sozialen Umbildungsprozesses, der die Entwicklung der Grundherrschaft begleitet hat«.


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Den nämlichen Werdegang haben die Wachszinsigen im Anfang durchgemacht, bis der Gegensatz zwischen ritterlicher und bäuerlicher Lebensweise zwischen ihnen und den Ministerialen eine Kluft aufgetan hatte, die als Standesgegensatz empfunden werden mußte. Das Dienstverhältnis in den verschiedenen Formen »der Bereitschaft zum Dienst sowohl im Heer als bei Hofe und in der Herrschaft« hat »den Inbegriff des aufblühenden Dienstmannentums recht eigentlich« ausgemacht, mochten die Angehörigen dieser Klasse teilweise auch freier Herkunft sein. -- Diese Ausführungen Stengels hat Ganshof ( 1533), ein Schüler Pirennes, in seiner Geschichte der Ministerialität in Flandern und Lothringen leider nicht mehr benutzen können, aber auch sonst ist von der Kritik (vgl. Stutz, Dte. Lit.-Ztg., 47, 905 ff., Dopsch, Mitt. d. österr. Instituts f. Geschichtsforschung, 42, 93 ff., Molitor, Zs. d. Sav.-Stift. f. Rg. germ. Abt., 47, 809 ff.) die Nichtberücksichtigung der deutschen Literatur angemerkt worden. Im übrigen haben die genannten Forscher das Buch als einen wertvollen Beitrag zur Verfassungsgeschichte des westlichen Deutschlands namentlich im 11. und 12. Jahrhundert anerkannt. Die Verhältnisse liegen in Flandern und Lothringen verschieden, hier prägt sich in dem Aufkommen der Ministerialität mehr das  deutsche, dort mehr das französische Vorbild aus. Der Unterschied besteht darin, daß die französische Ministerialität, deren Bestand Ganshof mit Pirenne bejaht, sich unter dem Einfluß des Feudalismus rascher entwickelt hat als in Deutschland. In Frankreich und ebenso in Flandern ist nach den ersten Jahren des 12. Jahrhunderts von Ministerialen nicht mehr die Rede, sie sind im Adel aufgegangen. In Deutschland dagegen hat sich die Entwicklung langsamer vollzogen, freier Adel und Ministerialität stehen dort im 12. Jahrhundert einander gegenüber. Ähnlich ist der Werdegang in Lothringen, ohne die nämliche Rolle zu spielen wie im Reich haben die Ministerialen von Brabant, Lüttich, Namur und des Hennegau im 12. und in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts eine beachtenswerte Stellung inne. Im 13. Jahrhundert macht sich französischer Einfluß geltend, aber die Ministerialität ist in Lothringen doch noch im 14. Jahrhundert nachweisbar und hält sich im Osten und Südosten des Landes bis ins 15. Jahrhundert hinein. Das Aufgehen des unfreien Adels im freien vollzieht sich unter französischer Einwirkung zuerst im Hennegau und in Namur in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, in der Mitte dieses Jahrhunderts in Brabant, später noch in den Gegenden an der Mosel. In den Städten (Brüssel, Lüttich, Cambrai und Utrecht) erfolgt eine Angleichung der mit dem Handel beschäftigten Ministerialen an das Bürgertum. Alle diese Ausführungen dürfen das besondere Interesse auch der deutschen Forschung in Anspruch nehmen, deren Vertreter auf die Verschiedenartigkeit der Entwicklung in Deutschland und in Frankreich auch bereits aufmerksam geworden sind. So hatte schon Forst-Bataglia in seiner Schrift »Vom Herrenstande« beobachtet, daß die Vermischung der Hochadeligen mit den Dienstmannengeschlechtern seit dem 12. Jahrhundert vom Westen her sich vollzieht und nach und nach erst den deutschen Osten erreicht. Ebendeshalb wäre aber eine Heranziehung der in Gefolgschaft des Buches von Schulte »Der Adel und die  deutsche Kirche« entstandenen standesgeschichtlichen Arbeiten deutscher Gelehrter sehr erwünscht gewesen. -- Auf die sehr wichtigen Nachweisungen des Verfassers über die einzelnen Ministerialenfamilien in den genannten Gebieten und ebenso über die weltlichen und geistlichen Großen, in deren Bereich Ministerialität nachweisbar ist, sei eigens

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hingewiesen, hier ist ein Material zusammengetragen, das jedem, der sich mit der Verfassungsgeschichte dieser Gebiete beschäftigt, wichtige Aufschlüsse bieten wird. -- Die vom 8.--13. Jahrhundert im altbairischen Gebiet nachweisbaren Barschalken (= zinsgebende Knechte), deren rechtliche Stellung Anna Janda ( 1534) untersucht, entstammen wahrscheinlich der romanischen Bevölkerung, die nach dem Abzug der Römer am Ausgang des 5. und zu Beginn des 6. Jahrhunderts in den Gegenden zurückgeblieben ist, von denen im 6. Jahrhundert die Baiern Besitz ergriffen haben. Die rechtliche, soziale und wirtschaftliche Stellung der Barschalken ist zwar keine einheitliche, doch gibt es gemeinsame Züge dieser Standesklasse: »sie sind minderfreie Hintersassen, an die Scholle gebunden und dem Grundherrn mit Zins und Dienst verpflichtet, dabei aber persönlich frei.«

§ 26. Rechts- und Verfassungsgeschichte des Hochmittelalters.

An den Schluß des Überblickes sei die Anzeige einer Quellenausgabe gesetzt, die bereits das Studium des spätmittelalterlichen Rechtes zu fördern berufen ist, anderseits aber doch, wie die folgenden Nachrichten hinlänglich dartun, einer territorialen Einordnung widerstrebt. Die Ausgabe der Summa legum des sogenannten Doctor Raymundus von Wiener-Neustadt durch Gál ( 1537) darf als ein Zeichen dafür gewertet werden, daß die wissenschaftlichen Körperschaften, im vorliegenden Fall die Savigny-Stiftung dank der Rührigkeit ihres jetzigen Vorsitzenden Ulrich Stutz, sich allmählich von den Kriegsfolgen zu erholen und neuerdings Aufgaben größeren Stils zu ergreifen und durchzuführen beginnen. Das Werk, auf das zuerst Tomaschek, dann zuletzt Bartsch und Seckel die Aufmerksamkeit der Rechtshistoriker gelenkt hatten, liegt nun in einer Ausgabe vor, deren Vortrefflichkeit noch Landsberg in einer ausführlichen Anzeige (Zeitschr. d. Sav.-Stift. f. Rg. germ. Abt., 47, 821 ff.) anerkannt hat. Dem lateinischen Text, zu dessen Herstellung der Herausgeber die bekannten Hss. geprüft und vier bisher unbekannte hinzugefügt hat, ist in Spaltendruck eine dem bayrisch-österreichischen Rechtsgebiet angehörende  deutsche Übersetzung beigegeben, die in das Ende des 15. oder den Beginn des 16. Jahrhunderts zu setzen ist. Die Aufklärung der Entstehungsverhältnisse des Rechtsdenkmales ist schwierig. Hatte man seit Seckels glänzender Arbeit geglaubt, Wiener-Neustadt als Ursprungsort und als Verfasser einen Doctor Raymundus ansehen zu dürfen, so lehnt Gál diese Meinung ab, verlegt die Entstehung nach Polen und will auch den Namen des Verfassers, den der erste Druck angibt (Raymundus Parthenopensis alias Neapolitanus), als solchen für die Summa nicht mehr gelten lassen. Daß dieser mit dem Zivilisten Raymundus Cumanus, der um 1400 in Bologna und Padua gewirkt hat, gleichgesetzt werden könnte, muß auch als Möglichkeit ausgeschlossen werden; denn die Bezeichnung Cumanus ist meines Erachtens auf Como und nicht auf Cumae bei Neapel (Gál, S. 112) zu deuten. Aber auch sonst sind gegen die Beweisführung Gáls Einwände zu erheben, die Landsberg in sorgfältiger Darlegung vorgebracht hat. Die Frage, ob in dem frühestens aus den Jahren 1300--1320 überlieferten Stadtrecht von Wiener-Neustadt die Summa bereits benutzt ist, hat Landsberg gegen


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Gál, der das Verhältnis der beiden Quellen umkehren möchte, bejaht. Hier liegt, wie ebenso in dem Nachweis, daß die Summa in Preßburg in amtlichen Gebrauch gewesen ist, ein Anzeichen nicht nur für die Verbreitung der Rechtsquelle im deutschen Südosten -- der freilich eine solche in den mit sächsischem Recht bewidmeten Städten Polens gegenübersteht -- sondern auch dafür vor, daß in der Summa ein aus Italien stammender, von »italischer Rechts- und Staatsgelehrtheit« erfüllter Traktat mit Zusätzen deutschrechtlicher Art und Herkunft in Österreich zu einem Ganzen verarbeitet worden ist. Gewiß ist auch die Annahme Landsbergs der »Summist müsse zum österreichischen Rechtsgebiet wie zum polnischen einige Beziehungen gehabt haben«, nur eine Verlegenheitsauskunft, die aber so viel beweist, daß die verwickelten Fragen der Quellen der Summa, der Bedeutung, die sie selbst als Rechtsdenkmal erlangt hat, und endlich auch der Verfasserschaft eines Doctor Raymundus weitere Klarstellungen erfordern.

I. Allgemeines.

Von den im Berichtsjahr erschienenen Arbeiten zur Verfassungsgeschichte seit 1806 schneidet wohl die von R. Schmidt ( 1604) die allgemeinsten Probleme an, indem sie »den preußischen Einheitsstaat und den deutschen Bundesstaat« behandelt. Sie greift freilich in doppelter Weise über die Grenzen des mir zugewiesenen Bereiches hinaus, in ihrem Ausgangspunkt sowohl, der schon vor dem Beginn der eigentlichen deutschen Geschichte in der Zeit der germanischen Stammesreiche liegt, wie in ihrem Zielpunkt, der in der Gegenwart, im politischen Kampf gegen den Artikel 18 der heutigen Reichsverfassung und die Bestrebungen auf Auflösung des preußischen Staates zu sehen ist. Aber da das preußisch- deutsche Problem seinen Schwerpunkt im 19. Jahrhundert hat, da vor allem die von H. Preuß wiederaufgenommene Forderung, daß Preußen in Deutschland aufgehe, damals entstanden ist, so wird der Aufsatz von Schmidt wohl am besten hier besprochen. Er bekämpft die Auflösungstendenzen nicht allein aus politischen Erwägungen, die uns hier nicht zu kümmern haben, sondern zugleich aus seinem geschichtlichen Empfinden und Denken heraus. Er wehrt sich gegen die Auffassung, als habe sich das  deutsche Volk seiner staatlichen Entwicklung zu schämen, als sei es bis 1918 ein Opfer dynastischer Machtpolitik gewesen und komme erst jetzt mit der geplanten Neuverteilung der Länder zu seinem Recht. Demgegenüber will er den Sinn und das Recht der bisherigen staatlichen Geschichte aufdecken, schließt sich dabei freilich allzu eng an A. v. Hofmanns historisch-geographische Betrachtungsweise an, als daß er die schicksalhafte Verknüpfung von Reichs- und Territorialgeschichte, von individuellen und allgemeinen Faktoren wirklich verstehen und den Gang der deutschen Geschichte deutlich machen könnte. Gewiß kommt es im Staatsleben vor allem auf die Macht und die Beherrschung der entscheidenden geographischen Stellen an. Aber ist mit einem so allgemeinen Satz irgend etwas zur Erklärung der wiederholten Verlagerung des geographischen Schwerpunkts der deutschen Geschichte gesagt, ist die Tatsache, daß die politische Macht Deutschlands seit dem Interregnum im Kolonialgebiet


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sich sammelt, nicht im alten Lande der »vis regni«, geographisch bedingt? Auch das Aufkommen des brandenburgisch-preußischen Staates und sein 1866 endgültig errungener Sieg über Österreich scheint mir auf ganz anderen Faktoren zu beruhen als den geographischen. Und so sehe ich auch die Schwäche der Forderung nach dem Aufgehen Preußens in Deutschland nicht in der Verkennung geographischer Momente, sondern in der Geringschätzung der von Schmidt mit Recht hervorgehobenen staatlich-organisatorischen Leistung des preußischen Staates zumal seit 1815, mit der die Möglichkeit einer einheitlichen Zusammenfassung Deutschlands praktisch erwiesen worden ist.

II. Einzelarbeiten.

Das schwierige Gebiet der Erforschung der öffentlichen Meinung betreten wir mit dem Buche von E. Franz ( 1617), das unter dem Titel »Bayrische Verfassungskämpfe« die Entwicklung der bayrischen Verfassung von 1818 bis 1848 »im Spiegel der zeitgenössischen Literatur« verfolgt. Die methodische Schwierigkeit aller derartigen Arbeiten scheint mir darin zu liegen, festzustellen, wieviel politische Macht und Kraft hinter den einzelnen Äußerungen der öffentlichen Meinung denn steckt, d. h., um mit Tönnies zu sprechen, neben der öffentlichen Meinung als äußerer Gesamtheit widersprechender mannigfacher Meinungen, die öffentlich laut werden, auch die öffentliche Meinung als einheitlich wirksame Kraft und Macht herauszudestillieren. Ob diese Aufgabe überhaupt einwandfrei gelöst werden kann, mag zweifelhaft erscheinen. Für die Zeiten des beginnenden politischen Lebens in Deutschland und der noch ganz unsicheren Parteibildung sind die Schwierigkeiten kaum zu überwinden, und Franz ist mit vollem Recht mehr darauf ausgegangen, uns ein anschauliches Bild von der großen Zahl der Schriftsteller und der bunten Menge der von ihnen vertretenen Ansichten zu geben, als daß er versucht hätte, ihre Gewichte abzuschätzen. Auf Einzelheiten einzugehen, ist hier nicht der Ort; aber ich möchte doch darauf hinweisen, wie sich die allgemeine  deutsche Entwicklung zugleich mit den besonderen bayrischen Verhältnissen in der Publizistik widerspiegelt; Karlsbader Beschlüsse und Julirevolution auf der einen Seite, die Persönlichkeit Ludwigs I. und die territoriale Zusammensetzung des Königreichs aus altbayrischen und fränkischen und pfälzischen Landesteilen sind wichtige Momente in der Geschichte des bayrischen Meinungskampfes.

II. Einzelarbeiten.

Den Verfassungsbestrebungen des Landesausschusses für Elsaß-Lothringen von 1875 bis 1911 hat F. Bronner ( 1626) eine eingehende Studie gewidmet, die auch ohne Benutzung ungedruckter Quellen wichtige neue Ergebnisse gebracht hat. Auch diese Schrift soll hier nur vom deutschen, nicht vom landesgeschichtlichen Standpunkt aus gewürdigt werden, obwohl es schwer ist, das Besondere und Lokale vom Allgemeinen, das Verfassungsgeschichtliche vom Politischen, ja Außenpolitischen zu trennen. Die Zusammenhänge drängen sich von der ersten Seite an auf, schon vor der deutschen Besitzergreifung, noch während der Belagerung von Straßburg, wo sich ein Teil der altstraßburger Bürgerschaft von Frankreich verlassen fühlte und mit dem Gedanken einer neutralen


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Autonomie nach reichsstädtischem Muster zu spielen anfing, bis zu dem Abschluß der Verfassung von 1911. Andererseits zeigt gerade die genauere Untersuchung mancher Vorgänge, wie unberechtigt es ist, allenthalben nach hochpolitischen Motiven zu suchen und einfache und naheliegende Erklärungen wegen ihrer Alltäglichkeit außer acht zu lassen. Besonders deutlich wird das beim Vergleich der beiden in ihrem Ergebnis weit auseinandergehenden Reichstagswahlen, der von 1887, die wegen der Niederlage aller regierungsfreundlichen Kandidaten gern als vernichtendes Urteil über die  deutsche Politik ausgegeben wird, und der von 1890, bei der die 1887 siegreiche Partei eine ebenso vernichtende Niederlage erlitten hat. Bronner zeigt, wie viele Stimmungen die Wahl von 1887 beeinflußt haben, wie wenig man sie als Verdikt über die  deutsche Verwaltung, als Wiederholung des Protestes von 1871 auffassen darf; und besonders lehrreich für die Erkenntnis des politischen Lebens in Elsaß-Lothringen ist die Betrachtung der Wahl von 1890, die regierungsfreundlich ausfiel mit zum Teil überraschenden Mehrheiten, weil man von guten Wahlen die Wiederaufhebung des 1887 zur Strafe verhängten Paßzwangs erhoffte.

II. Einzelarbeiten.

Der Verlauf der Verfassungsbewegung im Elsaß und in Lothringen -- denn gerade Bronners Schrift zeigt, wie wenig die beiden Landschaften innerlich verbunden waren -- ist in seinen großen Zügen bekannt, der rasche Fortgang von der Diktatur 1871 bis zur Statthalterherrschaft 1879, dann der Stillstand bis ins neue Jahrhundert; er ist nicht nur für die  deutsche Reichsregierung bezeichnend, sondern auch für Elsaß-Lothringen, in dessen Landesausschuß die Verfassungsfrage bis 1903 keine Rolle gespielt hat. So erhebt sich die freilich mehr politische als historische Frage, ob nicht eine mutige Initiative seitens des Reiches das Reichsland hätte gewinnen können. Stehen doch selbst die Anfänge der Verfassungsbewegung seit 1900 nicht eigentlich im Gegensatz zu Deutschland. Das Außenpolitische würde sich freilich auf alle Fälle geltend gemacht haben, auch wenn die Verfassung vor der erneuten Verschärfung der deutsch-französischen Beziehungen erlassen worden wäre. So läßt diese Untersuchung eines auf den ersten Blick begrenzten verfassungsgeschichtlichen Themas die Grenzen der verfassungsgeschichtlichen Betrachtungsweise klar hervortreten.

II. Allgemeine Parteigeschichte.

Als dann die Slawen im Parlament die Mehrheit errangen, trat zwar auch bei den übrigen auf dem Boden des Staates stehenden deutschen Gruppen, den liberalen und demokratischen, das nationale Moment stärker hervor, und sie schlossen sich in der Abwehr mehrfach mit den Deutschnationalen zusammen. Naturgemäß verloren deren letzte Ziele aber durch diese Entwicklung an Bedeutung, da die Behauptung des Deutschtums innerhalb Österreichs in den Vordergrund trat und die die österreichische Staatsidee bejahenden Gruppen an sich schon die zahlreicheren waren. Erst im Weltkriege tauchten wieder Versuche zu engerer staatlicher Verbindung mit Deutschland auf. Aus Molischs Schilderung gewinnt man den Eindruck, daß die Deutschen in Österreich in


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noch stärkerem Maße als die Reichsdeutschen die militärischen Erfolge überschätzten. Der Kreis des Deutschen Klubs stellte ein zentralistisch germanisierendes Programm auf, durch das die Selbstverwaltung von den Deutschen, wo sie Minderheit waren, verlangt, wo sie Mehrheit waren, verweigert wurde. Demgegenüber zeigte schon das Verhalten des Ministerpräsidenten Stürgkh, der über Versprechen nicht hinausging und mit den Tschechen gut Freund blieb, daß die Macht der letzteren keineswegs als gebrochen anzusehen war. Mit der Verschlechterung der Lage wurden die Deutschen sehr schnell wieder in die Defensive gedrängt, so daß sie sich schon vor Oktober 1918 für den Fall des Föderativstaates durch Abkommen zum Schutz der Minderheiten zu sichern suchten. Schließlich gab die Katastrophe des Gesamtstaates sie in einem Augenblick frei, als es unter dem außenpolitischen Druck weder für sie noch für das  Deutsche Reich möglich war, die Idee des großdeutschen Nationalstaates zu verwirklichen.

IV. Katholische Parteien.

Im Gegensatz zu Hofmann, der die Probleme kompliziert, ist Freiherr v. Hirschs »Stellungnahme der Zentrumspartei zu den Fragen der Schutzzollpolitik 1871--1890« ( 1657) zu primitiv gearbeitet. Es geht doch nicht an, ein solches Thema rein vom wirtschaftswissenschaftlichen Standpunkt ohne jede historische Schulung und Kenntnis zu bearbeiten. Hirsch hat nach seiner eigenen Angabe weder in München noch in Köln politische Historiker gehört. Demgemäß wird der Übergang der Reichspolitik vom Freihandel zum Schutzzoll in den siebziger Jahren, der naturgemäß im Mittelpunkt der Arbeit steht und ein gutes Drittel des Buches einnimmt, ohne Kenntnis der Aufzeichnungen von Lucius, Tiedemann usw. dargestellt. Dabei war letzterer der spiritus rector der ganzen Aktion und hat bekanntlich auch wichtiges Quellenmaterial veröffentlicht. Auch Oswald Schneiders in Schmollers Jahrbuch erschienene Arbeit über Bismarck und die preußisch- deutsche Freihandelspolitik 1872 bis 1876 kennt er nicht, wie überhaupt das Literaturverzeichnis in seiner äußeren Aufmachung schon einen schlechten Eindruck macht; August Reichensperger wird konsequent als »Reichensberger« vorgestellt, Verlagsort und Jahr sind bald mitgeteilt, bald nicht. Hirsch schließt mit dem Satz: »Alles in allem: das Zentrum ist stets schutzzöllnerisch gewesen!« Das ist natürlich nur bedingt richtig und kann von Hirsch nur behauptet werden, weil er die Stellungnahme des Zentrums nicht im Rahmen der Gesamtpolitik betrachtet. Ich wies schon im Vorjahr an dieser Stelle (S. 355/356) darauf hin, daß das Zentrum im ersten Jahrzehnt nach der Reichsgründung bei jedem einzelnen Problem durchaus durch den Kampf um die Macht mit dem Liberalismus beeinflußt sein mußte. Wäre es Bismarck gelungen, seinem ursprünglichen Plan entsprechend, die Finanz- und Wirtschaftsreform so durchzubringen, daß die neuen Einnahmen unter Stärkung der vom Liberalismus begünstigten unitarischen Tendenz dem Reich und nicht den Einzelstaaten zugeflossen wären, so ist gar kein Zweifel, daß das Zentrum gegen die ganze Reform gestimmt hätte, also mit den freihändlerischen Parteien gegangen wäre.

V. Liberale Parteien.

Der zweite Band der Wentzcke-Heyderhoffschen politischen Briefsammlung »Im neuen Reich« 1871--1890 ( 1651) ist von Paul Wentzcke selbst bearbeitet. Seine Aufgabe war weniger angenehm als die Heyderhoffs, des Bearbeiters des ersten Bandes (vgl. Jahresberichte 1925, S. 356). Im ersten Bande treten alle inneren Gegensätze vor dem Wunsch, die  deutsche Einheit durchzusetzen, allmählich zurück. Die Briefe des zweiten Bandes mußten in ihrem Zusammenhang die Gründe für den schnellen Zerfall der großen Partei ergeben und tun dies auch dank dem Geschick, mit welchem Wentzcke die teilweise im Privatbesitz ruhenden, längst vergessenen und in ihrer politischen Bedeutung nicht erkannten Briefe aufgespürt hat. Naturgemäß ist das Gesamtbild unerfreulich. Es ist wohl richtig, daß, wie einige der Briefschreiber meinen, übertriebener Doktrinarismus und gekränkte Führereitelkeit bei den sich ständig erneuernden Zwisten eine erhebliche Rolle spielte. Aber es bleibt zu beachten, daß es während der autokratischen Regierung Bismarcks


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für alle Parteien außerordentlich schwierig war, ihre Grundsätze zu wahren, ohne vernichtender Bekämpfung durch den Kanzler anheimzufallen. In der Historischen Zeitschrift Band 138, S. 58, Anm. 2 hat kürzlich Otto Westphal an dem Band Kritik geübt, weil Wentzcke einseitig den linken Flügel der Nationalliberalen zu Worte kommen lasse und keine Erklärung dafür gebe. Ich habe die Sammlung darauf nochmals durchgesehen und gefunden, daß die in dem Werk vertretenen Nachlässe rechtsgerichteter Parlamentarier wie Hölder, Treitschke, Marquardsen, Miquel, Bennigsen, denen des linken Flügels wie Lasker, Stauffenberg, Freytag zahlenmäßig durchaus die Wage halten. Wenn trotzdem die Briefe des letzteren Flügels dominieren, so geht daraus hervor, daß sie eben im Vordergrund des Parteilebens standen. Auffallend ist das Versagen des Briefwechsels Ende der achtziger Jahre. Waldersees jüngst veröffentlichte Korrespondenz ist z. B. für den Anteil der Liberalen an den Intriguen, die zu Bismarcks Entlassung führten, weit ergiebiger. Freilich grade die Hauptkorrespondenten der früheren Zeit waren tot (Lasker) oder hatten sich ganz (Treitschke, Sybel) oder teilweise (Forckenbeck, Stauffenberg) vom parlamentarischen Leben zurückgezogen. Hervorgehoben seien noch die biographischen Mitteilungen, die mit ihren kurzen Lebensabrissen die schnelle Orientierung über Briefschreiber und Empfänger wesentlich erleichtern.

Handelsgeschichte.

Wie im Vorjahre läßt sich eine rührige Tätigkeit auf dem Gebiete der Handelsgeschichte nicht verkennen. Aber man wird doch methodisch vorsichtiger sein müssen, wenn der aufgewandte Fleiß dem Ertrage auch nur einigermaßen entsprechen soll. Insbesondere sollten die Themen von Dissertationen den Kräften der Doktoranden sorgfältiger angepaßt werden. Denn sonst erhalten wir gutgemeinte Referate, nicht aber neue Aufschlüsse. Wer z. B. W. Böckels Frankfurter Dissertation der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät ( 1728) über »Wirtschaftliche Zusammenschlüsse und Organisationsformen im Handel und Gewerbe in der Zeit vom 14.--16. Jahrhundert« auf Feststellungen hin durchsieht, die über K. Bücher, E. Gothein u. a. hinausgehen, wird die Arbeit enttäuscht aus der Hand legen. Dabei ist die Fragestellung gut und von erheblicher Wichtigkeit. Sie war aber zu schwierig für den Doktoranden. In Zukunft werden wir solche Arbeiten ebenso wie die rein lokalhistorischen Studien als durch die Bibliographie erledigt ansehen, ohne sie in diesen Forschungsberichten zu besprechen. Auch wird man sich mehr als bisher hüten müssen, längst bearbeitete Themen ein zweites Mal, und zwar unvollständiger als früher vorzunehmen. Die Nachlässigkeit, die in der mangelnden Berücksichtigung namentlich der ausländischen Literatur so häufig eingerissen


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ist, hat im Vergleich mit der Vorkriegszeit die Erkenntnis eher zurückgeworfen als gefördert. So schildert G. Dept ( 1722) die Beziehungen der englischen Krone von 1154--1216 zu den flandrischen Kaufleuten und berührt damit Fragen, die über die englisch-flandrische Geschichte hinaus allgemein handelsgeschichtliches Interesse haben. Aber das  deutsche Schrifttum kennt er nicht, und damit steht er nicht allein. Es ist nun keineswegs eine nationalistische Anwandlung, wenn wir ihm daraus einen Vorwurf machen, sondern die wohl nicht widerlegbare Einsicht, daß nun einmal der  Deutsche, zum mindesten vor dem großen Kriege, an der Wirtschaftsgeschichte der Nachbarvölker stark mitarbeitete. Schaltet man die deutschen Arbeiten aus, so rächt die Unterlassung sich am ungenügenden Ergebnis. -- Geradezu einen Musterfall verlorener Arbeitsmühe stellt G. Bens dar. In seinem offenbar mit Liebe gearbeiteten Buche über den deutschen Warenfernhandel im Mittelalter ( 1713, jetzt von 31 auf 104 S. erweitert, im Titel »Warenfernhandel« anstatt »Warenhandel«) führt er in einem alphabetischen Verzeichnis die mittelalterlichen Waren auf, ohne über Allbekanntes hinauszukommen. Diese Zusammenstellung soll dann K. Büchers Unterschätzung des Warenfernhandels widerlegen. Daß darüber die Kritik schon seit fast drei Jahrzehnten gesprochen hat, dürfte Verfasser entgangen sein. Wozu der Aufwand an Fleiß und Mühe?

Handelsgeschichte.

Dasselbe gilt begreiflicherweise von des Referenten eigenen Beitrag zum Festheft der Historischen Ztschr. für Karl Wenck ( 1789). Er bespricht die Haltung der deutschen Reformatoren und Humanisten zu den ökonomischen Problemen der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Anlehnung an seine Versuche, den wirtschaftspolitischen Gehalt der Reichspolitik zu bestimmen (vgl. Jahresber. 1, S. 363). Sehr deutlich prägt sich die Gegnerschaft gegen Rom und Venedig aus; Luxuseinfuhr, Geldausfuhr werden verdammt, nationalpolitische Abwehrmaßnahmen werden gefordert und auch in die Tat umgesetzt. -- Das Interesse für die Hochfinanz ist nach wie vor rege. Man verzeichnet drei Fuggermonographien ( 1791--1793, vgl. auch 1743), davon gleich zwei Lebensbilder des großen Jacob Fugger aus der Feder von J. Strieder und E. Reinhardt. Wir stellen hierzu Th. Mayers Äußerungen über die  deutsche Volkswirtschaft vor dem 30jährigen Kriege ( 1794). Jede Arbeit über diese ebenso interessante wie wenig bearbeitete Zeit ist willkommen.

II. Kapitalistische Entwicklung.

Höhestand und Niedergang der deutschen Volkswirtschaft behandeln zwei kleine, aber tiefschürfende Aufsätze von R. Häpke und Theod. Mayer. Häpke ( 1789) hebt sehr treffend hervor, wie die  deutsche Wirtschaft im Reformationszeitalter sich zu einem mächtigen Gebilde entfaltet hat, das seine Wurzeln weithin in der Welt erstreckte und zugleich im Inneren fröhlich emporwuchs, wie aber im vollen Gegensatz zu ihren Leistungen und Erfolgen die ersten, die den nationalwirtschaftlichen Gedanken damals mit Macht in die Öffentlichkeit trugen, die Humanisten und Reformatoren, einen Chor der Mißvergnügten darstellen, die nur die übeln Seiten des jungen Kapitalismus, das ungezügelte Gewinnstreben, Wucher, Monopolkäufe, Preistreiberei, sehen und vom Standpunkt der Konsumenten und Schmalbesoldeten aus leidenschaftlich verdammen. In der Zeit einer fast einzigartigen Hochkonjunktur prophezeien sie Verarmung, eifern gegen den Abfluß des Edelmetalls durch Luxus und römische Ausbeutung und haben keinen Blick für die fließenden Wohlstandsquellen. H. führt weiter aus, wie der nationalwirtschaftliche Gedanke auch in der Wirtschaftspolitik des Reiches Ausdruck findet, und bemerkt nicht mit Unrecht, daß man seit dem Siege der kleindeutschen Politik Bismarcks die Wirksamkeit des Reichs gegenüber der der Territorien auf diesem Gebiete doch wohl zu gering geschätzt habe.

II. Kapitalistische Entwicklung.

Auf eine Kehrseite jener Blütezeit deutscher Wirtschaft weist Th. Mayer ( 1794) treffend hin: daß nämlich ihre hervorragendsten Vertreter, die großen süddeutschen Handelshäuser, zwar im Welthandel und im internationalen Geldgeschäft sich ausschlaggebend betätigten, aber für die  deutsche Volkswirtschaft verhältnismäßig wenig bedeuteten, wie ja auch das oberdeutsche Kapital mit der hansischen Seehandelspolitik keine Verbindung eingegangen ist und die reichen wirtschaftlichen Kräfte des deutschen Volkes dem Ausland gegenüber


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niemals zusammengefaßt wurden. Infolgedessen haben allerdings auch die Zusammenbrüche jener Häuser die  deutsche Volkswirtschaft nicht empfindlich geschädigt, brachten nicht den Verlust lebenswichtiger Kräfte, trafen nur ganz wenige Teile des Volks. Einen wirtschaftlichen Rückgang vor dem Dreißigjährigen Kriege will M. nicht anerkennen, die versteuerten Vermögen in vielen Städten seien gestiegen, Breslau, die Lausitzer Weberei kamen gerade damals zu hoher Blüte, selbst der  deutsche Handel nach Venedig nahm bis weit in das 17. Jahrhundert zu. Allerdings war die Belastung der Volkswirtschaft durch die Kleinstaaterei, die Sicherungspolitik der selbständigen Städte und die vielen Hofhaltungen sehr stark, und der Mangel an politischem Rückhalt war ein dauerndes Schwächemoment. Aber erst der Krieg hat volkswirtschaftliche Funktionen und breite Volksschichten nachhaltig geschädigt oder vernichtet, die Stadtwirtschaft und ihre Organisation zerstört, die Folgen waren daher ganz andere als die des Rückgangs am Ende des 16. Jahrhunderts.

§ 35. Gesamtdeutsche Wirtschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts.

Unter den zu dieser Gruppe gehörenden Werken gebührt die Palme Marianne Webers Biographie ihres Gatten ( 1669). Dies Lebensbild des berühmten Nationalökonomen ist eines der eigenartigsten, tiefsten und ergreifendsten Bücher, das die  deutsche biographische Literatur aufzuweisen hat. Mit kräftiger Hand wird der Schleier, der über Max Webers Werdegang und seinen an Tragik so reichen Lebensschicksalen lag, fortgezogen, und ohne Schonung der eigenen und des Gatten Persönlichkeit, ohne Schonung der Weberschen Familie und Umwelt gibt uns die Verfasserin Einblicke in intime Vorgänge, die ein anderer scheu verschwiegen hätte, die aber offengelegt werden mußten, weil sonst Wesen und Denken, Schaffen und Handeln Webers in manchen Phasen seines wildbewegten Lebens schwer verständlich gewesen wären. Zahllose Briefstellen hat Frau Marianne in den Text eingestreut. Es geschah, wie sie im Vorwort schreibt, um den Gatten »selbst aus dem Buche sprechen zu lassen und seine Gegenwirkung auf das Alltägliche, wie auf die geistigen und politischen Bewegungen seiner Zeit zur Anschauung zu bringen.« Diese persönlichen Äußerungen sind es, die uns so rasch mit dem Helden des Werkes befreunden. Denn sie zeigen seine Eigenheiten und großen Charakteranlagen. Sie kennzeichnen besser, als es die Schilderung vermag, den leidenschaftlichen, übersprudelnden Tat- und Willensmenschen Weber, der als Gelehrter und akademischer Lehrer, als Schriftsteller und Redner, als Politiker und Kämpfer seine eigenen Wege ging. Es kam vor, daß er in seiner Heftigkeit, ja Maßlosigkeit sich mit Freunden überwarf und manchen seiner Getreuen Unrecht tat. Im ganzen aber war Max Weber ein Mann aus einem Guß, eine starke Persönlichkeit, dem die Natur als schönste Gaben kernigen Humor, Liebenswürdigkeit und Edelmut gegenüber dem Schwachen geschenkt hatte. »Er prüfte und verwarf -- nicht leicht, denn er verstand,« sagt einer seiner reifsten Schüler. »Er verwarf rücksichtslos, aber wo er etwas fand, das ihm wertvoll erschien, da setzte er sich ganz dafür ein, um es zur Entfaltung zu bringen, und wiederum war ihm nichts zu gering.«

§ 35. Gesamtdeutsche Wirtschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts.

An Eingehen auf Einzelheiten ist hier natürlich nicht zu denken. Hervorheben wollen wir nur, daß der Autor auf Grund sorgfältigster archivalischer Studien im ersten Bande darlegt, wie Preußen nach der Katastrophe von 1806 und nach der Franzosenzeit sein in Wirrwarr geratenes Münzwesen wieder in Ordnung gebracht, und welche Früchte das neue Münzgesetz von 1821 getragen hat. Eine der schwierigsten Aufgaben war die Regelung des in heillosem Zustand befindlichen Scheidemünzwesens und die Verdrängung der namentlich in den westlichen Provinzen der Monarchie umlaufenden fremden Münzen. Es gelang der Zähigkeit des preußischen Beamtentums, die Hemmnisse zu überwinden. Um 1830 waren die alten, zum Teil recht entwerteten Scheidemünzen aus dem Verkehr verschwunden und eine Scheidemünzpolitik ins Leben gerufen, um die der  deutsche Süden Preußen geradezu beneidete. Ebenso wurde dem preußischen Gold- und Silberkurant die Alleinherrschaft in den Ländern der schwarzweißen Flagge gesichert.


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I. Quellen.

Der Überlieferungsgeschichte des Liber pontificalis widmet M. Buchner eine Abhandlung ( 1892). Er versucht nachzuweisen, daß die Kölner Hs. (B), ein für Erzbischof und Erzkaplan Hildebald (784--819) hergestelltes Exemplar, mit der verwandten Hs. B (Paris), für Hildebalds Nachfolger im Erzkapellanat, Hilduin von S. Denys, geschrieben, auf ein Exemplar der Hofkapelle zurückgeht, das zu den von Leo III. an Karl gesandten Büchern gehört haben dürfte. Ob der Schluß auf fränkischen Archetyp der B-Klasse der Hss. bündig ist, könnte jedoch nur eine breiter auf die Gesamtüberlieferung des Liber pontificalis aufgebaute Untersuchung abschließend erweisen. -- E. Perels ( 1895) handelt von den Briefen Nikolaus I. im Streit zwischen Le Mans und Calais; er verteidigt gegen Lesne die Echtheit des Briefes an Hinkmar und sucht für die Entstehung des gefälschten Privilegs für St. Calais eine neue interessante Deutung; vermutlich liege ein Empfängerentwurf, der von der Kurie abgelehnt wurde, aber versehentlich in das Register und von dort in mehrere Sammlungen von Nikolausbriefen gelangte, vor. A. Mercati hat in zwei Papyrusfetzen im Schatz der Kapelle Sancta Sanctorum die Reste eines der zwischen dem Ludovicianum und dem Ottonianum liegenden Kaiserpakten nachgewiesen ( 380); er vermutet, daß es sich um die Urkunde Widos und Lamberts für Papst Formosus vom Jahre 892 handelt. -- Diesen Fund Mercatis ordnet sodann Stengel in feinsinniger und exakter Untersuchung in die Entwicklung des Kaiserprivilegs für die römische Kirche 817--962 ( 1894) ein; die nach-ludovicianischen Vorschichten des Ottonianum werden dabei textlich und sachlich genauer als bisher ergründet. Neu ist vor allem der gelungene Nachweis eines Paktums, das Ludwig II. im Jahre 872 als Dank für die Lösung von dem erzwungenen Eide an seine langobardischen Feinde der römischen Kirche dargebracht hat, neu auch eine schärfere Bestimmung des Inhalts des Paktums Karls d. K. vom Jahre 876, das keine wesentlichen Änderungen in den Nachurkunden bis zum Ottonianum erfahren hat, wie man bisher annahm. -- P. W. M. Peitz versucht eine neue Ansicht über den Zeitpunkt der Anlage des Registrum super negotio imperii Innocenz III. und im Zusammenhang damit über das Eingreifen des Papstes in den Thronstreit zu begründen ( 1904). Die Briefgruppe RNJ. 1--3, 6--10 weist er erst der Zeit unmittelbar vor der Registrierung, und damit der Anlage des Sonderregisters selbst, zu, also auch Nr. 3, die erste Wendung der welfischen Partei zugunsten Ottos IV. nach Rom, die man sonst ins Jahr 1198 zu setzen pflegt; die Schwierigkeit der englischen Schreiben Nr. 4 und 5, die sicher zu 1198 gehören, beseitigt er durch die Annahme, daß sie nachträglich -- das eine nur auszugsweise, soweit die  deutsche Frage betreffend -- mitaufgenommen seien, und daß man sachlich also in Richard von England denjenigen zu erblicken habe, welcher die Wendung der deutschen Welfenpartei nach Rom veranlaßte. Eine ganz ähnliche Technik der Registrierung und Einfügung einschlägigen älteren Materials will er für die (gleichfalls abweichend von früheren datierte) Gruppe RNJ. 12--15 nachweisen. Sachlich ergäbe sich, daß Innocenz


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nicht von vornherein eine Einmischung in den Thronstreit beabsichtigt, sondern umgekehrt zunächst volle Zurückhaltung beobachtet habe. Das letzte Wort wird mit dieser Darlegung freilich noch nicht gesprochen sein.

I. Gesamtdeutsche Entwicklung der Kirchengeschichte.

Johannes Kapistranus ist einer der hervorragendsten italienischen Wanderprediger aus der Schule des hl. Bernardin von Siena († 1456). Er durchwanderte in den fünf Jahren seiner Tätigkeit in Deutschland fast den ganzen Süden und die Mitte, dazu Schlesien, Polen und Ungarn. Hofer gibt Aufschluß über die Predigtweise des Kapistranus ( 1943), nachdem schon früher E. Jakob, F. Dölle und G. Buchwald Predigtentwürfe von ihm veröffentlicht hatten. Johannes predigte lateinisch, ein Dolmetsch übersetzte das Gesagte ins  Deutsche. Der Homilie zog er die thematische Predigt vor und setzte sich vor allem zur Aufgabe, die Verbreitung der Verehrung seines Lehrers Bernardin zu fördern und die Rückkehr der Hussiten herbeizuführen. Er liebte Predigtreihen über ein bestimmtes Thema. Bei der steigenden Bedeutung, welche im 15. Jahrhundert die Predigt nahm, als in fast allen Städten besondere Predigtpfründen gegründet wurden, sind Untersuchungen, wie die vorliegende, besonders zu begrüßen.

IV. Ordens- und Klostergeschichte der einzelnen Territorien.

Aus dem Werke des P. Bernardin Lins ( 1974) interessiert vor allem die Feststellung, daß die Abtrennung einer besondern bayerischen Ordensprovinz und ihre Zuweisung an die italienischen Reformaten in engem Zusammenhang miteinander und mit der landesfürstlichen Politik Herzog Maximilians I. steht, der als der eigentliche Gründer anzusehen ist. Wenn der Orden bei den Straßburger Observanten verblieb, so konnte Max niemals hoffen, die Erlaubnis zur Gründung einer eigenen Provinz zu erhalten. Leichter ließ sich das unter dem Vorwand einer gottgefälligen Reform erreichen. Auch so mußte er noch viele Wiederstände überwinden, aber seine Zähigkeit setzte sich durch. Am 1. März 1625 bestätigte Urban VIII. die bayrische Reformatenprovinz. Anfangs wurde sie von Italienern geleitet. Das Jahr 1638 bringt den ersten bayrischen Provinzial. In die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts fällt die Blütezeit der Provinz. Es beginnt aber auch, genährt durch innere Lehrstreitigkeiten, der Verfall. Weitere Einbußen bringt die Zeit des Staatskirchentums. Schließlich gibt es nur noch drei Zentralklöster. Neues Leben bringt erst das 19. Jahrhundert unter Ludwig I. Im 2. Teil seines Werkes behandelt Lins das religiöse Leben (die Statuten) und die Missionstätigkeit der bayrischen Franziskaner. Erwähnt sei schließlich auch noch die Tatsache, daß, nachdem 1747 ein siebenter Poenitentiar am Lateran angestellt wurde, und zwar für die  deutsche Sprache, dieser von 1750 an über 100 Jahre der bayrischen Reformatenprovinz entnommen wurde. In einem besonderen Aufsatz ( 1975) bringt Lins Ergänzungen zu den Ausführungen des zweiten Teils.

IV. Ordens- und Klostergeschichte der einzelnen Territorien.

Das auf der Höhe des Mittelalters gegründete Prämonstratenserstift Windberg sollte wie alle Klöster dieses Ordens in erster Linie der Seelsorge dienen. Windberg verdankt seine Berühmtheit aber weniger dieser Wirksamkeit als vielmehr der Tatsache, daß in den Folianten der Windberger Bibliothek altes deutsches Schrifttum in reicher Fülle gesammelt und aufbewahrt wurde. Für die Geschichte der deutschen Sprache ist die kostbare Windberger Glossenliteratur bereits verwertet und wissenschaftlich ausgebeutet worden. Unter den historischen Hss. scheint mir von besonderem Interesse der Codex 22 201. Er enthält u. a. eine Abschrift der berühmten drei Briefe (Friedrichs I., Hadrians


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IV., Bischof Hillins von Trier), in denen die Frage der Gründung einer deutschen Nationalkirche erörtert wird. Man hat die Briefe längst als Fälschung erkannt, aber sich bisher dabei auf die um ein Jahrhundert jüngeren Abschriften gestützt, die in Stablo und Niederaltaich sich befinden. Vielleicht veranlaßt die Windberger Hs., auf die Sturm aufmerksam macht ( 1981), daß man die Frage von neuem aufrollt. Aus Windberg stammt auch die erste  deutsche Kalenderberechnung (computus). Eine reiche Predigtliteratur, Briefe und Kirchenväter, Askese, Mystik, Kirchenrecht liegt hier handschriftlich erhalten und wartet auf den Bearbeiter. Einen guten Führer bietet der Münchener Handschriftenkatalog unter der Rubrik: Windberg. -- Die Arbeit von Winkler ( 1982) führt aus dem Mittelalter heraus in das 19. Jahrhundert, in die Zeit des Aargauer Klostersturms, des Schweizer Sonderbunds, Metternichs. Das österreichische Angebot eines Asyls an die Benediktiner, die aus dem von Habsburgern einst gegründeten Kloster Muri vertrieben waren, wurde nicht zuletzt von der großen Politik diktiert. Die katholische Macht Österreich hatte den Klostersturm im Aargau nicht hindern können. Die Gründung eines Priorates sollte nun wenigstens einen ständigen Protest gegen die Aufhebung bedeuten und den Anspruch der Mönche auf Rückkehr nach Muri aufrechterhalten. Die Geschäftsführung Metternichs, sein Einfluß auf den Kaiser, die Intriguen der österreichischen Verwaltung erfahren eine interessante Beleuchtung.

IV. Ordens- und Klostergeschichte der einzelnen Territorien.

Oliger ( 2019) stellt einen eigenartigen Irrtum W. Wattenbachs richtig. In einer Prager Hs. des Johannes Aquensis, auf den W. zuerst aufmerksam macht, las er, daß Fratizellen (Brüderchen, bratričkové) 1324 aus der Mark nach Böhmen gewandert seien. Weil er dabei übersieht, daß hier die Mark Ankona gemeint ist, so läßt er diese »Ketzer« als  deutsche Waldenser aus der Mark Brandenburg ziehen. Beziehungen zwischen italienischen Fratizellen und böhmischen Hussiten sind auch anderweitig bezeugt.

I. Gesamtdeutsche Entwicklung.

A. Pöschl ( 2028) gibt eine Darstellung der Entstehung des geistlichen Benefiziums, das er »die elementarste Größe im Aufbau der kirchlichen Verfassung durch lange Zeiträume« nennt. Als Ziel seiner auf mehr als 20 jähriger Forscherarbeit beruhenden Untersuchung stellt er die teilweise Rückkehr zu älteren Auffassungen hin, wie sie Thomassin in seiner vetus et nova ecclesiae disciplina circa beneficia et beneficiarios schon im 18. Jahrhundert vertreten hatte. Die neue Benefizientheorie, die Pöschl »unabhängig von allen noch so feststehend scheinenden Ansichten« aus den Quellen heraus darstellt und eingehend begründet, gipfelt in dem Satze, »daß das geistliche Benefizium im später typischen Sinne -- als ständiges und ständig verliehenes kirchliches Amt oder Amtsgut -- soferne es dabei als Allgemeinerscheinung in Frage kommt, keineswegs schon ein Produkt des karolingischen Zeitalters, sondern vielmehr erst ein solches des 12. Jahrhunderts ist« ... daß es »erst der kanonisierenden Interpretationskunst der scholastischen Juristen seine Entstehung verdankt«. Das Wort beneficium hat »mehrfach seine Bedeutung gewechselt, ... noch im 11., ja selbst bis weit ins 12. Jahrhundert hinein« wird es »als Fremdkörper im Organismus des kirchlichen Rechtes und der kirchlichen Verfassung empfunden«. »Eine feste Verbindung der Benefizialgüter mit den amtlichen Stellungen« ist erst »etwa seit dem Ausgang des 11. Jahrhunderts« gegeben. Die vier Abschnitte, in die der Verfasser seine große Abhandlung gliedert »Das Benefizialwesen im allgemeinen und seine Beziehungen zur Kirche« »Kirchliche Güter und Anstalten als Benefizien« »Geistliche Ämter


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als Benefizien bis zum 12. Jahrhundert« »Die Entwicklung des kirchlichen Benefizium nach dem 12. Jahrhundert« wird jeder Vertreter des kanonischen Rechtes mit Gewinn lesen, wenn ihn auch im einzelnen manches befremden und er in der Hauptsache zu einem ablehnenden, der Gültigkeit neuerer Anschauungen entsprechenden Standpunkt gelangen sollte. Auf § 17 des 4. Abschnittes, der den höheren Kirchenämtern gewidmet ist, sei eigens hingewiesen. Pöschl wendet sich dort gegen die Auffassung Fickers, als seien die Regalien »der ganze Besitz der Kirchen an irdischen Gütern und Machtmitteln gewesen« und stellt dafür zu Beweis, daß den Reichskirchen gegenüber jener Regalienbegriff zur Anwendung gelangt sei, der als Inbegriff aller »ihrem Wesen nach in den Bereich des Staates als unverlierbarer, unveräußerlicher Bestand gehörenden Größen« im 12. Jahrhundert besonders im Kampfe Friedrichs I. mit den lombardischen Städten ausgebildet worden ist. Die Regalien der Kirchen wären also »ein viel engerer Kreis von Gütern und Rechten innerhalb ihres Gesamtbesitzstandes gewesen«. Pöschl würde m. E. der von ihm vertretenen Lehre nützen, wenn er seine Ergebnisse in einer abgerundeten Gesamtdarstellung vorlegen würde, und nicht in einzelnen Abhandlungen, in denen auf die bereits erschienenen ebenso verwiesen wird wie auf die, die noch in Aussicht stehen. -- Den eben vorgezeichneten Weg hat Lesne ( 2036), mit einem ähnlichen Thema beschäftigt, beschritten. Von seiner Geschichte des Kirchengutes in Frankreich ist im Berichtsjahr die zweite Hälfte des zweiten Bandes erschienen, die eine eingehende Darstellung der Rechte des westfränkischen Königs über Kirchen und Kirchengüter enthält. Im Vordergrunde der in zwei Abteilungen gegliederten Untersuchung stehen die Entscheidung über die rechtliche Natur dieser Kirch-Herrschaft des Königs und die Beantwortung der Frage, welchen Gebrauch die Herrscher mit diesen Rechten Bistümern und Klöstern gegenüber gemacht haben. Rechte des Gründers, des Schutzherrn und Königs haben bischöfliche Kirchen und Abteien zu königlichem Eigentum und zu königlichen Benefizien gemacht. Die Arbeit, der man sorgfältige Benutzung der Quellen nachrühmen darf, bietet eine ziemlich vollständige Darstellung der Kirchenverfassung der westfränkischen Reichshälfte im 9. Jahrhundert und soll der deutschen Forschung schon deshalb zur näheren Berücksichtigung empfohlen werden, weil sich im ostfränkischen Reichsteil während des 9. und 10. Jahrhunderts eine ähnliche Entwicklung vollzog, die die Vertreter der deutschen Verfassungsgeschichte vorwiegend unter dem Gesichtspunkt der Entfaltung des Eigenkirchenrechtes auf die höheren Stufen der kirchlichen Organisation zu sehen und darzustellen gewohnt sind. Eben deshalb aber hätte die  deutsche rechtsgeschichtliche Literatur in weiterem Ausmaß, als das tatsächlich der Fall ist, herangezogen werden sollen. Von den in Gefolgschaft der Lehre von Stutz entstandenen Arbeiten erscheint nur die von Voigt über die Klosterpolitik der karolingischen Herrscher stärker benutzt, Arbeiten von Stutz werden erwähnt, aber nicht alle, die eine Anführung verdient hätten. So wäre die wichtige Feststellung auf S. 65, daß nach Hincmar von Rheims die Bistümer und Abteien beneficia seien, die sie aus der Hand des Königs empfangen, unbedingt in Beziehung zu den Ausführungen von Stutz Realencyklopädie f. protest. Theol. u. Kirche 23, 370 zu setzen gewesen, nach denen die Denkschrift, der diese Worte entstammen, eine unbedingte Anerkennung und Verteidigung des königlichen Eigenkirchenrechtes durch den führenden Kirchenpolitiker Westfranciens

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im 9. Jahrhundert bedeutet. Der kirchliche Standpunkt des Verfassers tritt wiederholt deutlich hervor.

1. Gesamtdeutsche Entwicklung.

Die inhaltlich weitgreifendsten Erörterungen über das Deutschland des Zeitalters der katholischen Restauration brachte unser Berichtsjahr im Rahmen des vornehmlich dem eindrucksvollen Pontifikat eines Sixtus V. (1585--1590) gewidmeten zehnten Bandes von Pastors Papstgeschichte ( 1022). Gewiß hat eine Schilderung der Persönlichkeit und Regierungspraxis wie dieses ungewöhnlichen Papstes selbst, so seiner in schnellster Folge sich ablösenden Nachfolger Urban VII., Gregor XIV. und Innocenz IX. (1590--1591) von vielen Entwicklungen und Vorgängen zu sprechen, die einem nur auf  deutsche Lande und Menschen eingestellten Interesse ganz entfallen -- wenn je ein Pontifikat, dann hat ja dasjenige Felice Perettis in Rom selbst und im Temporale seine Spuren hinterlassen, ist in internationale Verwicklungen vor allem mit Spanien und Frankreich verstrickt gewesen, hat mit vollem Bewußtsein kirchliche Weltpolitik getrieben. Einerseits fielen mehr oder weniger der allgemeinen Geschichte angehörige Tragödien wie die Ermordung Heinrichs III. von Frankreich, der Prozeß der Maria Stuart, der Untergang der Armada in diese kurzen Jahre, anderseits liefen Missions- und Kreuzzugspläne von großem Ausmaß in ihnen um. Von den allgemein kirchlichen Vorgängen im engeren Sinne sei hier eben noch auf die Bearbeitung der sixtinischen Septuaginta und der ihrer Mängel wegen wenigstens nicht rechtskräftig veröffentlichten Vulgata unter Sixtus hingewiesen. Namentlich die den Jesuiten gewidmeten Abschnitte unseres Bandes haben inzwischen eine nicht unbegründete Kritik herausgefordert (vgl. P. M. Baumgarten in Zeitschr. f. Kirchengesch. 46 [1927] 232 ff.). Sie auf die von Pastor gebotene Schilderung der religiös-kirchlichen Lage im damaligen Deutschland zu übertragen, liegt deshalb kein Anlaß vor, weil diese sich im wesentlichen auf die bereits seit langem von Ehses, Hansen, Meister, Reichenberger und Schweizer veröffentlichten und eine Überprüfung leicht ermöglichenden Nuntiaturberichte aus jenen Jahren, daneben auf die von Schmidlin für das Menschenalter vor dem Dreißigjährigen Kriege vor zwei Jahrzehnten herausgegebenen Statusberichte der Bischöfe an die römische Konzilskongregation stützen kann. Außerdem läßt sie es an Ergänzungen aus der Spezialliteratur und auch an Verwertung eigener Funde im einzelnen nicht fehlen. Man wird Pastor beipflichten müssen, wenn er (S. 362, Anm. 6), die seinerzeit im Einvernehmen mit ihm unternommene Herausgabe der Diözesanberichte, so wie sie geschehen ist, heute nochmals gegen eine vornehmlich ihre Schattenseiten beleuchtende Kritik verteidigend, feststellt, »der richtige Maßstab zu wahrheitsgetreuer Beurteilung« ergebe sich »aus der vergleichenden kritischen Betrachtung anderer Quellen«. Mit letzteren sind auch die Einzelarchive der Bistümer gemeint. Die religiös-kirchlichen Verhältnisse in Deutschland im Zeitalter Sixtus' V. waren, wie unser Werk sie zusammenfassend darstellt, stark reformbedürftig: Man hatte die tridentinischen Beschlüsse, einige wenige Oberhirten


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wie Julius Echter von Würzburg ausgenommen, noch kaum durchgeführt, die Sittenlosigkeit im Klerus bestand fort, der Hof Kaiser Rudolfs II. stellte keinen sehr eifrigen Vorort katholischer Interessen dar, zeigte sich vielmehr sowohl Lutheranern als Calvinisten gegenüber von großer Schwäche. Die Neubesetzung von Diözesen konnte unter Sixtus wenigstens überwiegend im Sinne der katholischen Restauration erfolgen. Besonders hingewiesen haben möchte ich hier noch auf die prägnante Charakterisierung der sich in dem Jahrfünft rasch ablösenden Prager, Grazer, Kölner und Luzerner Nuntien bei Pastor sowie auf seine ausgiebigen Mitteilungen aus den Reformdenkschriften des römischen Diplomaten Minuccio Minucci über Deutschland.

II. Mystik.

Auch die flämische und niederländische Mystik ist Gegenstand mehrfacher Untersuchung gewesen. J. van Mierlo, S. J., hat von den aus der Mitte des 13. Jahrhunderts stammenden Visionen der Hadewych, in denen eine innige Christusmystik uns entgegenweht, eine kritische Ausgabe mit Kommentar veranstaltet und in Leben und Lehre dieser Mystikerin Licht gebracht ( 43) unter Mitarbeit von L. Reijpens. Dem gleichen Forscher verdanken wir eine Edition und Erklärung des Büchleins von den sieben Graden der Liebe der Beatrix von Nazareth, die viel Verwandtes mit Hadewych hat ( 44). Die Geschichte der Devotio moderna erfährt eine wertvolle Bereicherung durch P. Deborgnes Monographie über Johannes Mombaer (Mauburnus), dessen Leben und Schriften, besonders sein Rosetum, sorgfältig untersucht werden ( 45). Wir werden auch auf Einflüsse Alberts des Großen auf diesen Autor aufmerksam. Die Einwirkungen der niederländischen Mystiker auf die spanische Literatur des 16. Jahrhunderts speziell auf Juan de los Angelos is sind von P. Groult in sorgsamer Detailuntersuchung aufgehellt ( 46). Dionys der Kartäuser, Thomas von Kempen, Ruysbroeck und Heinrich Herph sind die Hauptvermittler dieses Einflusses der niederländischen Mystik auf den genannten spanischen Mystiker. Auch das Rosetum des Mauburnus war in Spanien verbreitet. H. Boehmers Abhandlung Loyola und die  deutsche Mystik scheint dem Verfasser unbekannt geblieben zu sein.

§ 43. Humanismus.

Besonders wertvoll ist, daß B. dem ersten Band eine Einführung in das Gesamtwerk vorausschickt, die das äußere und innere Schicksal des großen Unternehmens darlegt. Sie war ursprünglich für die Einleitung zum Rienzo- Briefwechsel bestimmt, wo B. die Bedeutung Rienzos für die geistige Wandlung seiner Zeit geschildert hatte. Sie ist aber auch an dieser Stelle willkommen, da sie auch den mit der Entstehungsgeschichte des ganzen Werks und dem Denken und den Studien B.s weniger Vertrauten nun einen Einblick in die Konzeption ermöglicht, von der das ganze ausgeht. Es bedürfte ja in der Tat einer Rechtfertigung, wenn in einem der Geschichte der deutschen Bildung gewidmeten Werke der Briefwechsel Rienzos einen so breiten Raum einnimmt, wie nicht minder, daß in diesen Forschungen ausgesprochene Kanzleiprodukte mit der größten Liebe und Ausführlichkeit nach kritischen Grundsätzen ediert werden, die man sonst nur bei Werken von literarischem Wert anzuwenden pflegt. So erhalten wir in diesem Vorbericht zunächst ein menschliches Dokument von besonderer Eigenart, das Bekenntnis eines Literarhistorikers, der seine Arbeit im weitesten Sinn als kulturhistorisch auffaßt und von der Verbundenheit der einzelnen Zweige der menschlichen Bildung eine großartige Vorstellung hat. Darauf beruht der Wert der B.schen Forschungen überhaupt und dieses Berichts im besonderen auch für den, der, wie der Referent, gegen die Ergebnisse im ganzen wie im einzelnen Bedenken hat. Es handelt sich also für B. eigentlich um die Frage der Entstehung und Einigung der neuhochdeutschen Schriftsprache. Diese Frage ist aber für ihn mit nichten ein bloßes Problem des Lautstandes, der Wortbildung und Wortwahl, der Syntax- und Periodenbildung, sondern ein Abbild und Niederschlag der ganzen deutschen Kulturbewegung. In dem Bestreben den Punkt zu finden, wo sich der ostmitteldeutsche Grundcharakter des neuhochdeutschen Sprachtypus zuerst literarisch deutlich aufweisen läßt, und wo zugleich die  deutsche Schriftsprache zum erstenmal bewußt unter dem Einfluß einer fremden Kultur geformt wird, ist B. auf das Böhmen Karls IV. geführt worden. Damit hat sich ihm die Frage nach dem Charakter der ausländischen Muster und der ausländischen Beeinflussung verbunden, und aus den Studien über Dante, Petrarka und Rienzo hat er seinen Renaissancebegriff entwickelt, den ich im vorherigen Bericht charakterisiert habe (S. 464). Für all dies, insbesondere auch für die methodologischen Voraussetzungen der ganzen Arbeit wird man sich in Zukunft an dieser Stelle zu orientieren haben.

§ 43. Humanismus.

Auf eine Kritik dieser Aufstellungen kann in diesem Zusammenhang nicht eingegangen werden. Die Hauptfragen, welche geklärt werden müssen, sind folgende: Kann man die spiritualistische Umwandlung von mittelalterlichen Begriffen wie Sacerdotium und Imperium, denn um eine solche handelt es sich bei Rienzo und zum Teil auch bei Dante, als wesensbildend und wesensbestimmend für diejenige nationalitalienische Entwicklung ansehen, die wir Renaissance zu nennen gewohnt sind, und die jedenfalls mit ganz ausgeprägten Zügen Italien von 1250--1550 beherrscht? Kann man nachweisen, daß mit dieser Bewegung einerseits apokalyptische Vorstellungen, anderseits aber auch antike Gedanken eine morphologisch bestimmte und zeugungsfähige Verbindung eingegangen sind? Läßt sich weiterhin für Böhmen zeigen, daß die dortige geistige Bewegung unter Karl IV., die unzweifelhaft zur Entstehung der deutschen Kanzleisprache geführt hat, eine geschlossene  deutsche Kulturbewegung spiegelt? Darf man also den Ackermann aus Böhmen in ähnlicher Weise als Ausdruck einer solchen Kulturbewegung betrachten, wie man es unzweifelhaft mit den sprachlichen Formungen der deutschen Geniezeit und speziell des jungen Goethe tun kann? Endlich, gibt es Fäden, die von hier zum deutschen Humanismus und zu einer mit Recht so zu nennenden deutschen Renaissance hinführen? Diese Fragen sind, wie man sieht, von höchstem Interesse. Als entschieden in B.s Sinne kann ich keine einzige von ihnen betrachten.

§ 43. Humanismus.

Das für die Geschichte des deutschen Geistes wichtigste Problem, das Verhältnis des Humanismus zur Reformation, hat in großzügiger Weise Hans v. Schubert in seinem Festvortrag bei der Tagung der Luthergesellschaft in München behandelt ( 2403). Der Sinn des Vortrags ist, zu zeigen, daß Antike und Christentum, die als innerlich verschiedene Größen bereits im Urchristentum einen für beide Teile beschränkenden und wesensverändernden Bund eingegangen sind, am Ende des Mittelalters wieder auseinandertreten und in Humanismus und Reformation als selbständige Größen dastehen. Die Frage nach dem Verhältnis des Humanismus zur Reformation in Deutschland beschränkt sich also nicht auf etwaige humanistische Einflüsse auf das Werden Luthers und seines Glaubens, sondern geht auf das Verhältnis, in das dieser bereits gestaltete Glaube zu dem aus italienischen und deutschen Einflüssen erwachsenen deutschen Humanismus tritt. Das Problem ist also die geistige Auseinandersetzung der reformatorischen Bewegung mit den verschiedenen in Deutschland nachweisbaren Richtungen des Humanismus. Auch bei Sch. steht dabei natürlich das Problem Erasmus-Luther im Vordergrund, doch ist es im weitesten Zusammenhang gesehen und fortgeführt bis zu dem großen Ausgleichsversuch zwischen Humanismus und Reformation, die den Schulmeistergeist des Humanismus in ihre Dienste stellt, also bis auf Melanchthon und das, was für die  deutsche Bildung aus ihm folgt. -- Ein Teilproblem dieses Zusammenhangs habe ich von einer anderen Seite her zu klären versucht, indem ich die Loci communes des Melanchthon auf ihre logische Struktur hin untersuchte ( 2404). Es zeigte sich, daß das System der Loci, wie es Melanchthon anwendet, zwar auf das humanistische Rhetorikschema zurückgeht, das zuerst Agricola in Deutschland heimisch gemacht hat, daß aber zwischen Agricola und Melanchthon die bedeutsame Veränderung der Loci aus logischen Kategorien zu Sachbegriffen liegt, und daß sich aus dieser Veränderung der besondere Charakter des Melanchthonischen Wissenschaftssystem erklärt, das dann über ein halbes Jahrhundert in Deutschland geherrscht hat. -- Es ist bekanntlich besonders auch für die Jurisprudenz wichtig geworden. Ein Schüler Melanchthons, der es hier mit starken Wirkungen angewendet hat, ist Conrad Lagus, über dessen Zwickauer Weichbildrecht Clemen ( 2434) interessante Notizen gibt. -- Eine von mir angeregte Dissertation W. Ehmers ( 2417) versucht, an Rudolf Agricola und Mutian zu zeigen, welchen Einfluß der Humanismus in Deutschland auf die Bildung der Persönlichkeit gehabt hat. Bei Agricola ergibt sich als Grundlage der künstlerische, bei Mutian der gelehrte Formtrieb. Für eine Auswirkung zur Persönlichkeitsbildung ist bei Agricola wie bei Mutian das Streben wichtig, die Vielseitigkeit des Wissens von einer inneren Einheit aus zugestalten. Der Unterschied zwischen beiden liegt vor allem darin, daß Agricola die Bildungselemente seiner Zeit instinkthaft in naturbedingtem Wachstum, Mutian dagegen in mühevoller und bewußter Arbeit zum Aufbau seiner Persönlichkeit verwendet.

III. Der Staat Friedrichs des Großen 1740--1786.

Die Serie »Behördenorganisation« der Acta Borussica hat mit dem im Berichtsjahre erschienenen XII. Bande das Ende des siebenjährigen Krieges erreicht ( 1609). Die Zentralbehörden in Berlin sind auch weiter in ihrer Wirksamkeit fast völlig gelähmt, die Provinzen, soweit nicht dauernd in Feindeshand, oft auf selbständiges Handeln angewiesen. Schwer leiden die westlichen Gebiete des Staates unter dem Druck der französischen und österreichischen Besatzung, der in Ostfriesland zu einem, freilich rasch zusammenbrechenden Bauernaufstand führt. Cleve, Mark, Mörs und Geldern schließen 1759 eine Konvention mit den Franzosen, durch die die bisher ungeregelten Kontributionen an Geld und Naturalien fixiert werden, müssen sich jedoch in den folgenden Jahren starke Erhöhungen der ursprünglichen Sätze gefallen lassen. Zu den preußischen Provinzen zählt de facto das Kurfürstentum Sachsen. Mit seiner Verwaltung ist das General-Feldkriegsdirektorium betraut, dessen Chef, der Minister v. Borcke, zu Ende des Jahres 1759 unter Bezeugung der königlichen Ungnade nach Berlin zurückgeschickt wird. Das Feldkriegsdirektorium wird nunmehr unter dem Geh. Rat Zinnow mit dem Feldkriegskommissariat vereinigt, ist aber noch mehr wie bisher nur ausführendes Organ des Königs. Die letzten Teile des Bandes berichten bereits von den Anfängen des Retablissements in Pommern und in der Neumark und von der Wiedereinfügung Ostpreußens in den Staatsverband. -- Eine letzte Ergänzung der deutschen Ausgabe der »Werke Friedrichs des Großen« bildet die von G. B. Volz herausgegebene Publikation über Friedrich im Spiegel seiner Zeit ( 1086), deren erster Band die Zeit bis zum Ausbruch des siebenjährigen Krieges umfaßt. Gestützt auf gründliche Kenntnis des gesamten Quellenstoffes hat V. die wesentlichsten Zeugnisse, die den Eindruck des großen Königs auf seine Mitwelt wiedergeben, zusammengestellt. Neben bereits bekanntem Material wird mancherlei bisher nicht Veröffentlichtes geboten, darunter der wichtige Briefwechsel Hilles und Woldens mit dem General v. Grumbkow aus der Küstriner Zeit und die aufschlußreichen Berichte französischer Diplomaten, in denen der König, sein Hof und sein Staat zusammenfassend charakterisiert werden. Die von M. Kutschmann sorgfältig ausgewählten Textbilder sollen den schriftlichen Äußerungen ergänzend zur Seite treten. -- Auch die lang entbehrte Ikonographie Friedrichs d. Gr. hat uns G. B. Volz geschenkt ( 1085). Sie vereinigt auf 40 Tafeln die wichtigsten bildlichen und plastischen Darstellungen, die über das Äußere des Königs Aufschluß geben. Eine Überschau über das uns vorliegende Material zeigt, daß wir uns kein völlig sicheres und verläßliches Bild


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von der Erscheinung Friedrichs machen können. Festen Anhalt bietet nur die Schilderung, die Karl August 1786 von der Gesichtsbildung des Königs entwarf, und seine, von Waldeyer so schön beschriebene Totenmaske, die auf den beiden letzten Tafeln des Werkes wiedergegeben ist. -- Die von G. B. Volz besorgte  deutsche Ausgabe des Briefwechsels zwischen Friedrich und seiner Schwester Wilhelmine ( 1087) wird durch einen zweiten Band abgeschlossen, der die Briefe der Jahre 1740--1758 enthält. Der Gewinn, den wir ihm verdanken, ist wiederum beträchtlich. Wir sind jetzt in der Lage, die Entwicklung des Verhältnisses zwischen dem Könige und der Markgräfin genau zu verfolgen und dadurch endgültig festzustellen, daß der Konflikt des Geschwisterpaares im wesentlichen durch Wilhelmine verschuldet worden ist, deren eigene Darstellung in den Memoiren sich als durchaus irreführend erweist. Sehr hübsch sind die zum ersten Male abgedruckten Reisebriefe Wilhelmines, ein liebenswürdiger Beitrag zur Geschichte der deutschen Italienfahrten. -- Großes Aufsehen erregten die von J. Richter herausgegebenen Briefe Friedrichs d. Gr. an seinen vormaligen Kammerdiener (besser: Geh. Kämmerer) Fredersdorf ( 1088), von denen bisher nur 40 Stücke bekannt geworden waren. Wir besitzen damit endlich den umfangreichsten Briefwechsel des Königs in deutscher Sprache und zugleich die Dokumente eines durch 25 Jahre bewährten Vertrauensverhältnisses. Fredersdorf verwaltete die königliche Privatschatulle, war der Mittelsmann in künstlerischen Dingen und wurde gelegentlich auch herangezogen, wo die hohe Politik die Dienste eines zuverlässigen Mannes aus niederer Sphäre erforderlich scheinen ließ. Er war, wie Voltaire sagte, »le grand factotum du roi Frédéric«, der an dem persönlichen Ergehen des kränklichen und hypochondrischen Fredersdorf ein rührendes Interesse nahm. So eröffnen die Briefe den Zugang zu bisher fast ganz verschlossenen Gebieten des Innenlebens des großen Königs. Daß die Richtersche Ausgabe für wissenschaftliche Zwecke nicht gedacht ist und ihnen auch keineswegs genügt, kann nicht verschwiegen werden. Die von dem Herausgeber gewählte Methode einer Vermischung von Briefabdruck und erklärenden Expektorationen, welch letztere überwiegen, ist wenig glücklich. Zu beachten ist die Besprechung von G. B. Volz (Forsch. z. brand.-preuß. Gesch., Bd. 39, 163 ff.), die auch wesentliche Richtigstellungen zur chronologischen Einreihung der oft undatierten Briefe des Königs bringt. -- Eine der wichtigsten Quellen zur Altersgeschichte Friedrichs, das Tagebuch des Marchese Lucchesini, liegt nun endlich in wissenschaftlich brauchbarer Ausgabe vor ( 1091), die F. v. Oppeln-Bronikowski nach dem Manuskript des Geh. Staatsarchivs besorgt und G. B. Volz mit einer gut orientierenden Einleitung und reichhaltigen Anmerkungen versehen hat. Wer die schwer lesbare Handschrift Lucchesinis kennt, wird die Leistung der Herausgeber anerkennen und eine Reihe entstellender Lese- (oder Druck-?) Fehler in Kauf nehmen. Der wichtigste Vorzug der neuen Ausgabe besteht darin, daß das zeitlich früheste Heft der Aufzeichnungen, das im Manuskript versehentlich zu hinterst eingeheftet und demgemäß bisher dem Jahre 1783 zugewiesen worden war, nunmehr chronologisch richtig an erster Stelle steht. Über den Quellenwert des Tagebuchs kann kein Zweifel sein. Lucchesini pflegte, war er an der Tafel oder in vertrautem Gespräch gehört hatte, noch am gleichen Abend in knapp und nüchtern referierender Weise aufzuzeichnen, oft bezaubert durch die geistreiche und vielseitige Art des Königs, oft aber auch von Kritik erfüllt,

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wenn die Unterhaltung sich naturwissenschaftlichen oder ökonomischen Dingen zugewandt hatte, ein kühler und unvoreingenommener Beobachter. -- Bei dem ausgesprochenen Mangel an bedeutenden Memoiren zur preußischen Geschichte ist es besonders zu begrüßen, daß K. E. Schmidt-Lötzen seine Bearbeitung der Tagebücher des Grafen Lehndorff fortgeführt hat ( 1100). Die neu vorliegenden Teile umfassen die beiden Jahre 1786 und 1787, die Lehndorff teils in Ostpreußen, teils am Hofe verlebt hat, und enthalten zahlreiche wichtige Mitteilungen für die Zeit des Regierungswechsel. Lehndorff sah ihn voller Spannung herannahen, im Glauben, es werde sich ihm eine neue Laufbahn eröffnen, wenn der Sohn des geliebten August Wilhelm den Thron bestiegen habe, fand sich aber völlig enttäuscht.

IV. Niedergang und Wiederaufbau des Staates 1786--1840.

Unter dem Titel »Vom Leben und Sterben der Königin Luise« vereinigt H. O. Meisner ( 1139) eine Reihe von Aufzeichnungen Friedrich Wilhelms III. über seine Gemahlin. P. Bailleu hatte sie für seine Biographie der Königin bereits benutzt. Daß sie vollständig und von sorgfältigen Anmerkungen begleitet jetzt im Druck vorliegen, wird man mit besonderem Dank begrüßen. Die Gebete des Königs um die Erhaltung der Gattin in der Zeit ihrer tödlichen Erkrankung, die Schilderung ihres Wesens, die in kleinen Zügen des täglichen Lebens das Bild der Verlorenen festzuhalten sucht, der Rückblick auf die Zeit der ersten Begegnung, sind geschichtliche Dokumente persönlichsten Inhalts, die niemand ohne innerste Anteilnahme lesen wird. -- C. Griewank, dessen schöne Ausgabe der Briefe der Königin Luise wir im Bericht des Vorjahres erwähnten, veröffentlicht einige Nachträge aus den schicksalsschweren Zeiten von 1806--1809 ( 1138), darunter das wichtige Schreiben der Königin an ihre Schwester Therese (7. Okt. 1807), mit deren Hilfe sie eine Milderung der französischen Forderungen zugunsten Preußens zu erreichen hoffte. -- Die neuere Literatur über den Freiherrn v. Stein wird von A. Stern in klug abwägender


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Übersicht referiert ( 1134). Es sei hervorgehoben, daß er es als irreführend ablehnt, Stein auf das Ideal »der mittelalterlich-feudalen Gesellschaftsordnung« (Botzenhard) festzulegen. In der Frage, wieweit universale Gedanken bei Stein von Einfluß gewesen sind, ist St. geneigt, »ohne die scharfsinnigen Ausführungen Meineckes zu unterschätzen«, die Partei Ulmanns und Drüners zu ergreifen. -- Auch G. Kallen ( 1135) will an eine vorwiegend kosmopolitische Denkweise Steins nicht glauben und bekennt sich zu der Formulierung: »Universale und nationale Ideen waren im Bewußtsein Steins zu einer höheren Einheit verknüpft.« Leitmotiv seines Lebens ist der  deutsche Gedanke, und die Hoffnung, ihn durch Preußen verwirklicht zu sehen, führt ihn in dessen Dienste. Die Städteordnung, die größte Schöpfung der Reformzeit und aus Steins eigenstem Geiste entstanden, ist ganz »deutsches Urbild« (gegen M. Lehmann, aber auch im Gegensatz zu der rein preußischen Auffassung E. v. Meiers). -- Eine Denkschrift Beymes aus dem Sommer 1806, die L. Dehio ( 1613) veröffentlicht, verlangt die »Aufstellung eines unmittelbaren obersten Konferenzministeriums« und energische Neuerungen in der militärischen Organisation des Staates, spricht aber dabei der französischen Allianz das Wort und zeugt so zwar von der Einsicht in die Notwendigkeit einer Reform, nicht aber vom Willen zu heroischem Widerstande. Immerhin ist diese Denkschrift geeignet, zu einer gerechteren Würdigung Beymes den Weg zu bahnen. -- Einen Teil der »Geheimgeschichte« Varnhagens und damit zugleich einen Beitrag zur Erkenntnis seines Charakters bringt C. Mischs ( 1170) Untersuchung über das Adelsprädikat des merkwürdigen Mannes. Sie ergibt, daß Varnhagen, vielleicht in gutem Glauben an seine adlige Abstammung, den Zusatz v. Ense angenommen hat, um sich beim Eintritt in die österreichische Armee Vorteile zu verschaffen. 1826 wurde das Hausministerium auf die Ungeklärtheit seines Adelsanspruchs aufmerksam, den Varnhagen tatsächlich nicht erweisen konnte. Er mußte schließlich froh sein, durch Vermittlung des ihm wohlwollenden Bernstorff seine Nobilitierung -- nicht die Anerkennung seines Adels! -- durchzusetzen.

II. Gesamtdarstellungen.

Da eine umfassende Geschichte des Ordenslandes seit den Tagen Johann Voigts leider noch immer fehlt, wurde mehrfach versucht, in kurzen Abrissen, die für den modernen Betrachter wichtigsten Abschnitte der Landesgeschichte darzulegen. Neuartige Wege verfolgt in dieser Hinsicht J. Kaufmann, indem er die  deutsche Geschichte Westpreußens in einem Bilderatlas der wichtigsten Urkunden und Akten aus dem Besitz des Danziger Staatsarchives vorführt ( 324). Da das Deutschtum des Weichsellandes für die sogenannte »polnische Zeit« auch von der deutschen Forschung nicht selten bezweifelt wird, sind die abgebildeten Quellen gerade dem 16. bis 18. Jahrhundert entnommen. Sprache, Kanzleigebrauch und Inhalt der Schriftstücke liefern den untrüglichen Beweis, daß in viel größerem Umfange und mit weit längerer Dauer, als bisher gewöhnlich angenommen wurde, Stadt und Land an der deutschen Kultur festgehalten haben. Die Größe und Klarheit des Druckes gestatten dieses »Urkundenbuch in Bildern« auch für schrift- und aktengeschichtliche Übungen etwa in historischen Seminaren zu verwenden. Weniger glücklich ist der Heimatatlas für Ost- und Westpreußen von Harms und Wiechert ausgefallen ( 592). Sein bedauerlichster Mangel ist die grundsätzliche Herauslassung jener Teile Westpreußens, die jetzt zur Republik Polen gehören; damit sind alle geschichtlichen Zusammenhänge zerrissen. Auch sind geschichtliche Übersichtskarten in zu geringer Zahl beigefügt. Der gleiche Fehler einer Beschränkung auf die heutigen politischen Grenzen eignet der Darstellung Ostpreußens, des Memelgebietes und Danzigs durch Mielert ( 591). Das mit trefflichen Bildern versehene Werk, das in der bekannten Reihe »Monographien zur Erdkunde« von Velhagen und Klasing erschienen ist, läßt zudem in vielen Fällen die hinreichende Vertrautheit mit Land und Leuten, ihrer Geschichte und ihrem Charakter vermissen, so daß es einem wissenschaftlichen Urteil nicht immer standhalten kann. Es ist bedauerlich, daß der Verlag gerade für dieses Buch, dem bei der hergebrachten Unkenntnis östlicher Verhältnisse sonst weiteste Verbreitung zu wünschen wäre, nicht einen anerkannten Fachmann zu gewinnen gewußt hat. Um dem Bedürfnis weiterer Kreise nach besserer Unterrichtung über das Weichselland zu genügen, haben sich mehrere der besten Kenner der einschlägigen Gebiete, wie u. a. W. Geisler, W. La Baume, Fr. Lorentz, J. Kaufmann, M. Laubert,


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zusammengetan, um Landschaft, Bevölkerung, Besiedlung und die wichtigsten politischen Wandlungen in der Geschichte des »polnischen Korridors« darzulegen. E. Keyser hat das Werk unter dem Titel »Der Kampf um die Weichsel« herausgegeben ( 229). Die Darstellung reicht von den ältesten Zeiten, in denen das Land bereits dem germanischen Kulturkreise angehörte, bis in die neueste Zeit und erweist besonders in der Abhandlung W. Geislers über »die natürlichen Landschaften des Weichsellandes«, der eine methodisch anregende Karte beigegeben ist, daß der geschichtlich gewordene Lebensraum an der unteren Weichsel durch die Machthaber von Versailles völlig willkürlich zerschnitten wurde. Zu der gleichen Einsicht führt die Schrift Gustav Roethes über »Das geraubte  deutsche Westpreußen«, der selbst ein gebürtiger Graudenzer mit aller Leidenschaftlichkeit, die ihn kennzeichnete, die Bedeutung der deutschen Kultur für die Entwicklung des Landes und die verheerenden Folgen der neuesten polnischen Herrschaft veranschaulicht ( 323). Noch straffer hat E. Keyser den schon Jahrtausende währenden Kampf um die Weichsel in einem Vortrage in der Berliner Universität zusammengefaßt, der jetzt auch im Druck erschienen ist ( 327).

III. Bevölkerungsgeschichte.

Aus den gleichen nationalpolitischen Gründen, denen die letztgenannten Schriften entsprungen sind, ist die bevölkerungsgeschichtliche Forschung in Ost- und Westpreußen besonders lebhaft gefördert worden. Die bedeutendste Veröffentlichung auf diesem Gebiete ist unstreitig »Die Geschichte der Kaschuben« von Fr. Lorentz, dem bekannten Slawisten, der Sprache, Geschichte und Volkskunde dieses westslawischen Stammes viele Jahrzehnte hindurch eingehend erkundet hat ( 325). Die Kaschuben werden von ihm als eine von den Polen ursprünglich durchaus unabhänige Völkerschaft erwiesen, deren Kultur und Sprache erst im Laufe der Jahrhunderte von ihren südlichen Nachbarn stärker beeinflußt wurde. Aber auch  deutsche Einwirkungen auf ihre Mundart und Vorstellungswelt sind deutlich erkennbar. Da die Kaschuben seit dem Aussterben des pommerellischen Herzoghauses am Ende des 13. Jahrhunderts der eigenen politischen Führung entbehrten, sind sie den Einwirkungen ihrer Umgebung stets stark ausgesetzt gewesen. Die sorgfältigen Anmerkungen zu der flüssig geschriebenen Darstellung bergen für die landesgeschichtliche Forschung viele neue Aufschlüsse. Das gleiche gilt von der Abhandlung desselben Verfassers über »die Bevölkerung der Kaschubei zur Ordenszeit« ( 601), in der die noch zu ermittelnden Namen der Besiedler der Kaschubei im 14. Jahrhundert zusammengestellt sind. Leider ist die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts, die gerade den anwachsenden deutschen Zustrom bezeigen würde, nicht mehr berücksichtigt. Nur wenig bekannt ist es ferner, daß in der nächsten Nachbarschaft der Kaschubei, in der Gegend von Konitz, sich ein Siedlungsgebiet westfälischer Einwanderer aus dem 15. bis 16. Jahrhundert, die Koschneiderei, erhalten hat. J. Rink hat ihrer Geschichte und Mundart nachgespürt und ein ausführliches Verzeichnis ihrer Orts- und Flurnamen herausgegeben ( 707). Über den Stand der Masuren-Forschung berichtet H. Gollub ( 598), der auch die Besiedlung des masurischen Seenrückens durch preußische, masurische und  deutsche Einwanderer seit dem Anfang des 15. Jahrhunderts an anderem Orte genauer dargelegt hat ( 597). Das Land ist keineswegs, wie es von polnischer Seite immer hingestellt wird, »urslawisches« Gebiet, sondern erst auf Veranlassung des


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Deutschen Ordens urbar gemacht worden. Dabei haben die hieran beteiligten Nationalitäten sich so weit vermischt, daß trotz Beibehaltung der masurischen Umgangssprache mit dem protestantischen Bekenntnisse auch immer die bewußte und gewollte Zugehörigkeit zum deutschen Kulturkreis ausgesprochen wurde. Bei der Abstimmung im Jahre 1920 haben sich 97½ Prozent der Masuren für den Verbleib beim Deutschen Reich erklärt. Der Verfasser betont mit Recht, daß es wohl nicht bloßer Zufall ist, wenn die Hymne »Ich bin ein Preuße« gerade in Lyck, der Hauptstadt Masurens, gedichtet wurde. Bedeutsame Beiträge zur Bevölkerungs- und Siedlungsgeschichte Ost- und Westpreußens enthält auch das Sammelwerk von W. Volz »Der ostdeutsche Kulturboden« in seiner zweiten erweiterten Ausgabe ( 228). Krollmann schildert in ihm die vielverschlungene äußere Politik des Deutschen Ordens unter bisher nur wenig beachteten Gesichtspunkten. Laubert erweist, daß bereits vor dem Einsetzen der Fridericianischen Kolonisation die Provinz Westpreußen etwa zu gleichen Teilen von Deutschen und Polen bewohnt wurde. Ilse Rhode hat inzwischen in sorgfältigen statistischen Untersuchungen, deren Ergebnis auf eindrucksvollen schwarz-weiß Karten wiedergegeben ist, das Nationalitätenverhältnis in Westpreußen zur Zeit der polnischen Teilungen gleichfalls untersucht ( 594) und damit die Darlegungen Lauberts bestätigt. Br. Ehrlich schildert die Herkunft und Ausbreitung der alten Preußen ( 228).

VI. Kirchengeschichte.

Nachdem die Geschichte der Christianisierung in anderen deutschen Landschaften vielfach mit Erfolg der Patrozinienforschung entnommen wurde, ist kürzlich auch für das Ordensland der gleiche Weg beschritten worden. In mühsamer Arbeit hat Erika Tidick ( 2078) die Belege für die Wahl der Kirchenpatrozinien bis 1525 zusammengestellt; nur wenige Quellen sind ihr entgangen. Leider sind die Heiligen der Kapellen und Altäre nicht mitberücksichtigt, obwohl gerade sie auf die Heiligenverehrung der Bevölkerung gute Schlüsse zulassen. Auch sind sie häufiger leichter zu ermitteln und ihre Entstehung genauer zu datieren, als es bei den Kirchenheiligen zumeist möglich ist. Wie sich von selbst versteht, hat der  Deutsche Orden den größten Einfluß auf die Wahl der Patronizien ausgeübt. Die ritterlichen Heiligen St. Georg, dem die Aussätzigen-Spitäler gewidmet waren, und St. Michael fanden reiche Verehrung gleich den vier weiblichen Hauptheiligen, St. Katharina, St. Barbara, St. Margarete und St. Dorothea. Ihre Verehrung wurde sicherlich durch die Beziehungen zum Kölner Kirchengebiet bestimmt, wie auch entsprechend der Herkunft der meisten Ordensritter süd- und westdeutsche Heilige sehr beliebt waren. Der niederdeutsche Einschlag der Bevölkerung spiegelte sich dagegen in der Vorliebe der Bürger für St. Nikolaus und St. Jakob wider. Auf skandinavische Beziehungen deutet St. Olaf hin, dem besondere Altäre geweiht waren. Auch entsprach es niederdeutschem Brauch, wenn die Heilige Gertrud vornehmlich in Hospitälern verehrt wurde. Eigene Heilige hat das Ordensland nicht hervorgebracht. St. Adalbert, der im Samland erschlagen ward, wurde nur in wenigen Orten verehrt. Die Adalbertkirche bei Danzig hat T. übersehen. Die selige Jutta von Sangershausen erreichte ebensowenig, wie die fromme Dorothea von Montau, eine Danziger Bürgersfrau, aus politischen und finanziellen Gründen ihre rechtzeitige Heiligsprechung. Weitere Untersuchungen zur Kirchengeschichte enthalten die »Olivaer-Studien« von E. Keyser ( 407), die der Gründung dieses ersten deutschen Zisterzienserklosters im Preußenlande, seinen Urkundenfälschungen und seinem frühesten Grundbesitz gewidmet sind. Die Matrikel des päpstlichen Seminars zu Braunsberg von 1578--1798 legt G. Lühr in einem Schlußbande vor ( 2544), während Bastgen einige, zum Teil von Niebuhr stammende Schriftstücke zur Preuckschen Stiftung in Rom am Anfang des 19. Jahrhunderts wiedergibt ( 2143).

§ 48. Posen.

Die  deutsche Kolonisation des Mittelalters auf polnischem Boden ist der Gegenstand einer sehr umfangreichen, leider noch ungedruckten Dissertation der Breslauer staatswissenschaftlichen Fakultät von E. Heidrich ( 628). Die Schrift trägt zwar im wesentlichen kompilatorischen Charakter, besitzt aber den großen Vorzug, daß auch die polnische Literatur ausführlich herangezogen und die in ihr jetzt eingerissene Tendenz nach möglichster Abschwächung des Prozesses erfolgreich widerlegt wird. Leider konnte das Tycsche Buch über die Anfänge der Bewegung nicht mehr benutzt werden (Początki kolonizacji usw. Posen 1924). Als Kuriosum sei erwähnt, daß z. B. Prof. Tymieniecki die Einführung des Weinbaues als das Werk romanischer Klöster hinstellt, weil einer der dabei genannten Männer einen französisch anklingenden Namen trägt.

§ 48. Posen.

Stark wird nach deutschem Muster die Heimatkunde gepflegt, der z. B. eine Beilage des Gostyner Kreisblattes dient. Unter den Stadtgeschichten ist die Ecksteins für Punitz bedeutsam (S. 146). Störend wirkt indessen die deutliche Neigung zur Herabdrückung des deutschen Kulturanteils. Die  deutsche Willkür der Schmiedeinnung noch 1525 wird verschwiegen und durch Übersetzung lateinischer Eintragungen in den Stadtbüchern polnisches Volkstum vorgetäuscht. Unleugbare  deutsche Einflüsse werden als schlechthin »ausländisch«


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bezeichnet. Der angekündigte Beweis einer überwiegend polnischen Bewohnerschaft ist danach als mißglückt zu betrachten und auch die Grundherren waren anfänglich  Deutsche (die Habdanks, nach Semkowicz normannischen Ursprungs, dann die erst später polonisierten Wiesenburg). Zum 500- jährigen Bestehen der kleinen Stadt Ritschenwalde veröffentlicht der Direktor des statistischen Amts der Stadt Posen, Zaleski, einen kurzen Abriß der Geschichte des Orts (S. 159), der gleichfalls die Möglichkeit des deutschen Ursprungs außer acht läßt und weiter den späteren nichtpolnischen Zusatz der Bürgerschaft verschweigt (z. B. 1793 bei dem Anfall an Preußen durch die zweite, nicht, wie Z. mehrfach schreibt: dritte polnische Teilung 42,5 Proz. ohne die Deutschkatholiken). Besonders häufig sind  deutsche Namen, die auf Einwanderung nach den Schwedenkriegen (in die umliegenden Dörfer auch schon früher) zurückgehen, unter den an leitender Stelle stehenden Männern.

§ 48. Posen.

Die Revolution von 1848 in Krotoschin stellt Gymnasialdirektor K. v. Krotowski dar (Straźnica Zachodnia 4). Hiernach war K. eine deutschgesinnte Stadt mit nur einem Drittel polnischer Bevölkerung. Der dafür gebrauchte Ausdruck »verdeutscht« ist irreführend, denn das gleiche Verhältnis bestand schon 1793. Dank des energischen Obersten v. Bonin wurde die Stadt für den Süden gleich Bromberg für den Norden »ein Brennpunkt der preußischen Gegenwirkung gegen die polnische Bewegung«. Wenn K. den damaligen Frankfurter Abgeordneten wegen seines Eintretens für eine das Polentum schädigende Demarkationslinie schmäht, so berührt es eigentümlich, daß er es durchaus nicht für ungerecht hält, wenn 1919 die von jeher  deutsche Stadt gleich Lissa, Rawitsch, Bojanowo usw. ohne Volksbefragung Polen zugelegt wurde. Die Entwicklung Posens vom statistischen Standpunkt aus untersucht Zaleski (Wachstum um 551 Prozent von 1816--1910, um 134 Prozent bis 1871). Die große Einwanderung der letzten Jahre ist nicht normal und ihre Folge die jetzige chronische Arbeitslosigkeit. Die übrigen größeren Orte waren rein oder überwiegend deutsch, was bei Einschätzung der Volksverteilung nicht immer berücksichtigt worden ist. Wenn der Motor für die städtische Entwicklung der Verkehr ist, so befindet sich Posen dank der Fürsorge Preußens in ungewöhnlich günstiger Lage. Bei der großen Gewerbeausstellung von 1895, der einzigen von Deutschen und Polen gemeinsam veranstalteten, wurden Polen in den Ehrenausschuß aufgenommen und die Ausstellungszeitung erschien zweisprachig (Zaleski in Kronika Miasta Poznania S. 197 ff.). Dagegen hat Polen kurz nach dem Umschwung alle deutschen Straßennamen bis auf die Lenaustraße und den Bergerplatz beseitigt und war geschmacklos genug, die Seecktstraße nach dem feigen Meuchelmörder an einem polnischen Gendarmen und Vater von 7 Kindern, dem Emissär Babinski, umzutaufen. 1879 legte im Gegensatz zu diesem Fanatismus der  deutsche Magistrat gegen die Beseitigung der zweisprachigen Straßenschilder Protest ein. Anzuerkennen ist an Zaleskis Buch (Nazwy ulic w Poznaniu [Die Straßennamen in Posen]) aber, daß es entgegen den chauvinistischen Deutungsversuchen Rudnickis an der deutschen Ableitung von Schilling, Wilda, Kuhndorf usw. festhält.

§ 48. Posen.

Starken deutschen Anteil in dem erst nach 1550 zunftmäßig zusammengeschlossenen Buchbinderwesen weist ein Aufsatz Dr. Marja Swiezawskas nach (Exlibris VII), wiewohl diese Tatsache durch sinnlose Übersetzungen zu trüben versucht wird (Sztro statt Stroh; selbst Lorentz Schmidt in Leipzig wird zu einem Wawrzyniec Szmidt). Ein hinterlassenes Verzeichnis für Handwerksgerät verrät zahlreiche  deutsche Fachausdrücke.

§ 48. Posen.

Die von dem Direktor des Kaiser-Friedrich-Museums Gumowski gegebene Schilderung der städtischen und königlichen Münzunternehmungen zu Posen, Fraustadt, Bromberg um 1600 zeigt diese als  deutsche Anlagen, geleitet


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von Val. Jahn aus Goslar, Joh. Dittmar, Andr. Laffert, Becker, Peter Schröder aus Braunschweig, Theod. Busch aus Hameln, Paul Penzer, Georg Schultze, Joh. Wilh. und Rud. Lehmann aus Dresden (vgl. das vielfach benutzte Buch von Kirmis). (In: Kronika Miasta Poznan.) Anläßlich der Eröffnung des Diözesanarchivs in den Räumen der 1519 als Pflegestätte des Humanismus entstandenen Lubranskischen Akademie zu Posen widmet ihr der Geistliche Mazurkiewicz eine Abhandlung (In: Wiadomości ala Drukowienstwa nr. 7--9), die den entscheidenden Einfluß des später aus religiösen Gründen vertriebenen Christ. Hegendorfer (ein »nicht wieder gut zu machender Verlust«) auf die Ausgestaltung des Lehrbetriebs und die Wirksamkeit anderer deutscher Dozenten zu ihrem Recht kommen läßt.

II. Gesamtdarstellungen.

In erster Linie ist hier E. Rosendahls »Niedersächsiche Geschichte« ( 290) zu nennen. Sie ist von der Kritik zum Teil stark abgelehnt, da sich keine  deutsche Reichsgeschichte und keine  deutsche Landesgeschichte vom Stammesgesichtspunkte aus schreiben läßt. Ein solches Bemühen läuft immer auf eine welfische Territorialgeschichte heraus. Und so wird in dem Werke nicht die »niedersächsische Geschichte im Spiegel der Reichsgeschichte«, sondern die Reichsgeschichte im Spiegel der welfischen Territorialgeschichte behandelt. Daß der Verfasser die umfangreiche Spezialliteratur nicht beherrscht und manche Einzelheiten unrichtig darstellt, ist für ein derartiges Werk kein Vorwurf. Und der Versuch, dieses große wichtige Thema einmal zu behandeln, bleibt immerhin anzuerkennen. -- Eine willkommene Einführung in ihr Werden und Wesen erhält die für die Geschichte des deutschen Städtewesens so bedeutende Stadt Goslar durch P. J. Meier ( 291), der hier zum ersten Male als Frucht langjähriger eingehender Forschungen seine Ansichten über die Entstehung der Stadt Goslar und die kapitalistische Großgewerkschaft des Rammelsberges im Zusammenhang vorträgt. Da seine topographischen Ausführungen den Fachgelehrten Anlaß zu eingehenden Auseinandersetzungen geben werden, wie der Verfasser selbst glaubt, sind


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uns die kunsthistorischen Bemerkungen des topographischen Abschnittes vielleicht wertvoller, da auf diesem Gebiete für Goslar bisher nichts Befriedigendes vorlag und Meier es reizvoll versteht, auf Grund seiner hohen Sachkenntnis die dortigen Altertümer ins rechte Licht zu setzen. -- O. Weltzien ( 292) hat eine umfangreiche »Celler Geschichte« geschrieben, die zwar einen guten Überblick über die alte Herzogsstadt gewährt, doch in einigen Teilen ihren ursprünglichen Charakter -- sie ist aus einem Heimatbuche erwachsen -- nicht verleugnet. Der wissenschaftliche Apparat und brauchbare Register werden sehr vermißt. -- Unter Benutzung der Keetzschen »Geschichte der Stadt Uelzen« gibt G. Matthias ( 293) den ersten Band eines »Heimatbuches der Stadt und des Kreises Uelzen« heraus. Es ist eine Stadtgeschichte im Rahmen der politischen Geschichte von der Gründung des Klosters bis zur Gegenwart, in der das kulturgeschichtliche Moment in den Vordergrund gestellt ist. Voran geht eine Geschichte des Heimatbodens seit der Eiszeit. Quellen und Literaturangaben erhöhen den Wert des auf der Benutzung des städtischen Archives beruhenden Werkes, dem ein Personen- und Sachregister beigegeben ist.

III. Recht und Verfassung.

Drei Arbeiten behandeln lübeckische Rechtsverhältnisse. Das Jubiläumsjahr erforderte eine wissenschaftliche Untersuchung von Lübecks Stellung als Reichsstadt. Diese Aufgabe löst Johs. Kretzschmar ( 302) im Anschluß an eine Wiedergabe des Freibriefs von 1226 in Urtext und Übersetzung in der Festschrift des örtlichen Geschichtsvereins. Die Gründung Lübecks fällt in die Zeit, da neben den lediglich durch ihre Ummauerung von den Landorten unterschiedenen Städten durch Gründung königlicher Marktstädte


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ein neues Recht in die Erscheinung trat und nachher königliche und bischöfliche Städte der persönlichen Gewalt ihrer Stadtherren entwuchsen. Der Freibrief von 1226 gebraucht zum erstenmal den Begriff der Reichsstadt im technischen Sinne. Die reichsstädtischen Pflichten -- Huldigung, Heerfahrt und Reichssteuer -- wußte Lübeck wohl in Einzelheiten zu modifizieren, gehörte aber doch nicht zu den sieben bevorrechteten »Freistädten« im staatsrechtlichen Sinne des 14. und 15. Jahrhunderts, deren Stellung Kretzschmar kurz herausarbeitet. Die Selbständigkeit der Reichsstädte in ihren Angelegenheiten verlieh ihnen eine den fürstlichen Landeshoheiten vergleichbare Stellung. Ein besonderes Merkmal war die Reichsstandschaft. Während aber die süddeutschen Reichsstädte aufs engste mit dem Reich verknüpft blieben, waren die Beziehungen zwischen dem Reich und den norddeutschen Reichsstädten beiderseits flau. Auf dieser Voraussetzung erwuchs Lübecks wesentliche Bedeutung als führende Hansestadt. -- Für die nach dem Chronisten Arnold angenommene Begabung Lübecks mit Soester Recht hatte sich bisher keine durchschlagende Erklärung gefunden. Nunmehr widmet Fr. Philippi der Frage eine scharfsinnige Untersuchung ( 1580). Von einer Andeutung Frensdorffs ausgehend, kommt er zu dem Ergebnis, daß die Verwandtschaft sich in der Regelung der Bodenrechte findet, indem Lübeck ähnlich wie Soest den Grund und Boden meist zu Weichbildrecht, einer Art Erbbaurecht, übertrug, wodurch den Siedlern die Erwerbung erleichtert wurde, und durch Einführung der Weichbildrente dem kaufmännischen Kreditbedürfnis entgegenkam. Die Verschiebung des Eigentumsbegriffs erweiterte zugleich den Kreis der zeugnisfähigen Männer, da unter der septa domicilii des unbescholtenen Bürgers das zu Weichbildrecht errichtete Wohnwesen verstanden wurde. Eine weitere Übereinstimmung zwischen Lübeck und Soest findet Philippi in der Dreiklassengliederung ihrer Bürger. Dabei geht er für Lübeck mit Rörig über die irrige Auffassung Wehrmanns auf Pauli und Frensdorff zurück, während er sich für Soest auf von Klocke stützt. In den Ergebnissen findet er eine Bestätigung der Auffassung, daß das mittelalterliche  deutsche Stadtrecht sich als ein den neuen städtischen Verhältnissen angepaßtes Landrecht darstelle. -- M. Wenzels Beitrag über die Hoheitsverhältnisse in der Lübecker Bucht ( 1637) polemisiert in dem schwebenden lübeckisch-mecklenburgischen Rechtsstreit gegen die früheren gutachtlichen Äußerungen Fritz Rörigs, wie gegen die vorläufige Entscheidung des Staatsgerichtshofs, die sich deren Auffassung wesentlich zu eigen machte. Der grundsätzliche Gegensatz besteht darin, daß Wenzel von allgemeinen Rechtstheorien ausgeht und auf sie gestützt die Möglichkeit einer Entwicklung lübeckischer Hoheitsrechte auf dem Wege des Gewohnheitsrechts leugnet. Er verwendet sich schließlich für einen Vergleich der streitenden Parteien. Es bleibt abzuwarten, ob der Staatsgerichtshof im Endurteil seinen vorläufigen Standpunkt verläßt. (Vgl. auch S. 534.)

IV. Verkehr und Wirtschaft.

Von Hoheitsverhältnissen zum Verkehrswesen bilden einige Arbeiten über Flaggen- und Münzgeschichte die Überleitung. Die Entwicklung der lübschen Flagge verfolgt G. Fink ( 496) nach Schiffssiegeln, bildhaften Darstellungen und redenden Quellen mit dem Ergebnis, daß das von Weiß und Rot geteilte Tuch immer den Grundtyp dargestellt hat, besondere Anforderungen daneben nur Spielarten entstehen ließen -- so namentlich die Staatsflagge mit dem Adler. In systematischer Folge werden alle


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charakteristischen wehenden Zeichen betrachtet, von dem frühesten Flögel bis zu den jüngsten Dienstflaggen und Fahnen. -- Eine Hamburger Untersuchung von H. Reincke ( 497) geht auf Flagge und Wappen ein. In beiden kehrt das Rot-Weiß der alten Reichsfarben wieder (vgl. J. Kretzschmar in Lüb. Forschungen 1921). In einzelnen Fällen nur wich man vom roten Fahnentuch oder von dem Bilde der Burg ab. Beachtlich sind zwei Feststellungen Reinckes: daß der besonders gestaltete Mittelturm der Burg einen Kirchenturm als Symbol des erzbischöflichen Stadtherrn darstellt, und daß das ursprünglich der Farbe des Backsteins entsprechende Rot der Wappenburg später in Weiß verkehrt wurde, um sich ohne umgebenden Schild vom roten Flaggentuch abzuheben. Nebenher gibt die Arbeit originelle Mitteilungen über die Flaggenausrüstung hamburgischer Schiffe und erörtert -- auf Egmont Zechlin gestützt -- Hamburgs Anteil an der schwarz-weiß-roten Reichsflagge. -- Ein Aufsatz von Wilh. Jesse ( 1765) vertritt das späte 12. Jahrhundert als Ausgangstermin der hamburgischen Münzgeschichte. Auch abgesehen von den Münzverträgen mit Lübeck, Lüneburg und den anderen wendischen Städten greift die Arbeit vielfach über das Hamburgische hinaus und bietet mancherlei zur niedersächsischen Numismatik überhaupt. Die Entwicklung wird bis zur Talerprägung und zu dem münzpolitischen Eingreifen des Kreises verfolgt. -- Mit einer handelsgeschichtlichen Studie führt H. Nirrnheim ( 1766) die neuen Hamburgischen Geschichts- und Heimatsblätter ein. Er setzt darin kurz auseinander, wie Amsterdam als Haupterbin von Utrecht durch Einbeziehung in das hansische Verkehrsnetz groß wurde, wie in der Amsterdamer örtlichen Hanse das hamburgische Element überwog und der Niedergang des Hamburger Bierhandels der Bedeutung Amsterdams entscheidenden Abbruch tat. -- Die Dissertation von Johanna Müller über Bremens Handel und Verkehr im Mittelalter ( 1767) ist ein Zeugnis dessen, was die reiche hansische Geschichtsliteratur für die Behandlung von Einzelgebieten hergibt. Bis jetzt liegt der erste Teil -- bis zur Aufnahme Bremens in die Hanse, im Jahre 1358 -- vor. Bei der reichlich akademischen Gliederung dieses »chronologischen Teils« wäre ein einstweiliger Überblick über das, was folgen soll, erwünscht gewesen. -- Völlig neues bietet eine erstmalig als Vortrag bekanntgegebene Lübecker Untersuchung F. Rörigs ( 1768). Sie widerlegt den in der Wissenschaft fortgeerbten Irrtum, dem hansischen Kaufmann sei der reine Großhandel fremd gewesen. Um die Mitte des 14. Jahrhunderts repräsentiert ein ganz neuer Typ die Oberschicht des hansischen Handels: der Kaufmann mit ausgedehntem Schriftenverkehr, mit auswärtigen Vertretungen und weitreichenden Kreditgeschäften. In ihm erblickt Rörig den Vorläufer des modernen Kaufmanns und führt auf seine überlegene Technik wesentlich den Sieg Lübecks über Gotland zurück. Die Arbeit klärt ferner die Entwicklung des Lübecker Gewandschnitts. Dabei stellt sich für die Zeit um 1370 eine Gliederung der Handelskreise in vier Schichten heraus, deren oberste als reiner Großhandel einen Umsatz hatte, dessen Ausmaße die bisherigen Annahmen weit hinter sich lassen. -- Eine Dissertation von W. Braun ( 1767 a) über den Lübecker Salzhandel bis zum Ausgang des 17. Jahrhunderts erweitert die Kenntnis der Verhältnisse nicht wesentlich. -- Aus dem oben genannten Lübecker Heimatbuch ( 303 a) verdient hier der Aufsatz von R. Keibel hervorgehoben zu werden, weil er, auf zuverlässigen Studien beruhend, den ersten umfassenden Überblick über die

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lübeckische Wirtschaftsgeschichte seit Beginn des 19. Jahrhunderts bietet. Man sieht die Stadt aus primitiver Wirtschaft mit bescheidenem Bankverkehr und einem kaum den Namen verdienenden Fabrikwesen mehr und mehr hineinwachsen in das Zeitalter der Technik, die schweren Nachwirkungen der französischen Okkupation, die verkehrspolitischen Behinderungen durch Dänemark und die aus der gesamtdeutschen Entwicklung erwachsenen ernsten Probleme aus eigner Kraft überwinden und ihre Sonderstellung im Ostseegebiet behaupten, nur vorübergehend in ihrer Entwicklung ungehemmt, bis in den zeitgemäßen Ausbau der Industrieanlagen der Weltkrieg eingriff und die Stadt neuerdings in eine schwierige Verteidigungsstellung drängte. Die Urteile sind vielfach durch statistische Angaben belegt. Der einen Persönlichkeit, deren Bedeutung Keibel besonders unterstreicht, Emil Possehl, wird von E. Curtius ( 1842 a) ein Sonderaufsatz gewidmet. Der Verfasser bietet -- ganz unsystematisch -- »Erinnerungen«, zumeist Bruchstücke aus seinem freundschaftlichen Gedankenaustausch mit Possehl. Nimmt man daraus nur den Grundgedanken der Wirtschaftsdenkschrift von 1912, die Betreibung der Fehmarnlinie und die sichere Beurteilung der Lage zu Beginn des Weltkrieges, so hat man das Bild einer Führerpersönlichkeit von großem Ausmaß, wie sie in der Tat Emil Possehl über Lübeck hinaus für die  deutsche Gesamtwirtschaft dargestellt hat. -- Ein Stück Gewerbegeschichte bietet W. L. von Lütgendorff anläßlich der Fünfhundertjahrfeier der Lübecker Malerinnung ( 1842 a), wobei er in richtiger Einstellung das Handwerkliche in den Vordergrund rückt, das im alten Maleramt mit der Kunst vereinigt war. An das Maleramt knüpfte bei der Einführung der Gewerbefreiheit 1868 die freie Innung an, die wiederum 1898 in die neue Zwangsinnung überging. In flüssiger Erzählung schildert der Verfasser Personen, Zustände und Leistungen und gibt dabei viele kulturgeschichtlich interessante Einzelheiten. Ein alphabetisches Verzeichnis aller bekannten Mitglieder des Amtes und der Innung ist beigegeben.

II. Gesamtdarstellungen.

Die bedeutendste Neuerscheinung der letzten Jahre auf dem Gebiete der schlesischen Geschichte ist das stattliche Buch von J. Pfitzner ( 614), der unter scharfer kritischer Stellungnahme zu den in Betracht kommenden wissenschaftlichen Problemen nicht nur Schlesiens, sondern des gesamten kolonialen Nordostens den Versuch unternommen hat, trotz des noch fehlenden schlesischen Urkundenbuches eine Besiedlungs-, Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte des Breslauer Bistumslandes bis zum Beginn der böhmischen Herrschaft zu schreiben. Das von der Wissenschaft auf das lebhafteste begrüßte, nach mancher Richtung hin bahnbrechende Werk hat infolge des umfangreichen darin angeschnittenen Fragenkomplexes eine eindringende Würdigung aus berufener Feder erst jetzt erfahren. Diese Besprechung durch H. v. Loesch stimmt den Darlegungen Pfitzners im allgemeinen zu, vertritt aber in einzelnen Punkten vielfach abweichende Auffassung. Gegen die Darstellung Pfitzners, die in dem Ringen der Bischöfe mit der weltlichen Gewalt Herzog Heinrich IV. als geschworenen Feind des Bistums (S. 131) und als Grundzug seiner Persönlichkeit die »Feindschaft gegen die Kirche« (S. 122) hinstellt, wendet sich im diesjährigen Band der Ztschr. d. Ver. f. Gesch. Schles. (Bd. 62, S. 65 ff) E. Mätschke, dessen Einwendungen sich im allgemeinen nur gegen die einseitige Darstellung Pfitzners über Heinrich IV. und gegen die ohne nähere Begründung erfolgte Beiseiteschiebung der durch Mätschke im Bd. 59 dieser Zeitschrift aufgestellten Behauptungen richten. -- Ein besonders großes Verdienst hat Pfitzner sich durch die weitgehende Heranziehung der durch die  deutsche Forschung bisher nicht genügend berücksichtigten slawischen Forschungsergebnisse und vor allem des tschechischen Schrifttums erworben. Die dem Werke noch nicht beigegebenen Karten beabsichtigt Pfitzner im zweiten Teil seiner Arbeit beizubringen. -- W. Jungandreas ( 610) berichtet vorweg über die Ergebnisse seiner auf Grund des Lautstandes durchgeführten (1928 erschienenen) umfangreichen Untersuchung, »Beiträge zur Erforschung der Besiedlung Schlesiens und zur Entwicklungsgeschichte der schlesischen Mundart«. -- Dem 1922 von der Historischen Kommission für Schlesien veröffentlichen ersten Bande der Schlesischen Lebensbilder, der in kurzen Lebensabrissen 76 im 19. Jahrhundert in Schlesien hervorgetretene Persönlichkeiten behandelt, ließen die Herausgeber zugleich als Ehrengabe für den Breslauer Historikertag in vorzüglicher Ausstattung den zweiten Band ( 448) folgen. Zurückgreifend bis zur preußischen Besitzergreifung Schlesiens bringt derselbe aus der Feder sorgsam ausgewählter Mitarbeiter in zum Teil sehr eingehenden Biographien Einzelbilder von 60 führenden Männern aller Stände und Berufe Schlesiens, die sich in geschickter Anordnung für die friderizianische Zeit und die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts zu einem den Geist der Zeit trefflich veranschaulichenden Bilde runden. Von Gestalten, deren Bedeutung weit über die Grenzen der Provinz hinausgehen, seien nur genannt die Gesetzgeber Carmer und Suarez, der Philosoph Christian Wolff, der Romantiker J. v. Eichendorff, der Politiker Fr. v. Gentz, aber auch die schlesischen Provinzialminister Schlabrendorff und Hoym, der Oberpräsident Theodor v. Merckel, die Reformatoren des schlesischen


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Schulwesens K. A. Freih. v. Zedlitz und der Saganer Abt Joh. Ignaz Felbiger, der Opernkomponist K. Ditters v. Dittersdorf, der Architekt K. G. Langhans, der Dichter und Historiker Joh. Casp. Manso, der Begründer des Altkatholizismus Johannes Ronge usw. dürfen mehr als ein schlesisches Interesse beanspruchen. Aus der Reihe der jüngst Verstorbenen sind die Namen des Generals und Militärschriftstellers Kraft Prinz zu Hohenlohe-Ingelfingen († 1892), des Kardinals Kopp († 1914), des Mediziners Ehrlich († 1915), der Nationalökonomen K. Jentsch († 1916) und Gothein († 1923), des Historikers Rachfahl († 1925), des Geographen Partsch († 1925) usw. weit über Schlesien hinaus bekanntgeworden. Die beigegebenen Bildnistafeln sind zum Teil nach wenig oder gar nicht bekannten Gemälden, Stichen und Photographien ausgewählt worden.

III. Historische Landeskunde und Ortsgeschichte.

Über die Form der fränkischen Hufenstreifen geben die beiden Abhandlungen von W. Heinrich ( 607) und Joh. Langer ( 608), denen Flurskizzen beigegeben sind, Aufschluß. Beide, die südliche Oberlausitz behandelnde Arbeiten enthalten die Maßbestimmungen der fränkischen Hufe, die indessen infolge der Vermessung mit zwei verschieden langen Ruten nur selten mit dem gewollten Maß übereinstimmt. Die Besiedlungsgeschichte des Kreises Jauer von G. Schönaich ( 613) ist eine kurze kritische Zusammenfassung der in den Regesten zur schlesischen Geschichte wie in der sonstigen wissenschaftlichen Literatur gewonnenen Ergebnisse, die besonders durch das Herausarbeiten größerer Gesichtspunkte einen wertvollen Baustein zur allgemeinen schlesischen Siedlungsforschung darstellt. Seit A. Markgrafs Herausgabe der »Descriptio tocius Silesie« (Script. rer. Siles. XVIII, Breslau 1902) ist unsere Kenntnis über Barth. Stein, den Verfasser dieser ältesten Heimatkunde Schlesiens, in manchen Einzelheiten gefördert worden. Vollständig aufgeklärt ist jetzt die Entstehungsgeschichte dieser Beschreibung Schlesiens durch A. Schaube ( 117), nach dessen scharfsinnigen Feststellungen Stein den Plan zu einer Schrift um 1500 in Krakau bereits faßte und ihn, angeregt durch die Beschreibung Nürnbergs von K. Celtis (1502) und die (damals nicht in Erfüllung gegangenen) Hoffnungen auf die Begründung einer Universität Breslau, im vierten Jahre seines Rektorates der Breslauer Domschule (1504 bis 1505) im wesentlichen zur Ausführung brachte. 1512 nach Schlesien zurückgekehrt, fügte er die glänzende Beschreibung Breslaus hinzu, die das Werk mit zwei einleitenden Gedichten abschloß (1513), wozu später (1514 oder 1515) noch eine kurze statistische Zusammenstellung über Breslaus Kirchen und Altäre kam. -- In seinem die politische und geschichtliche Zugehörigkeit Oberschlesiens zum deutschen Kulturkreis beleuchtenden Abriß der Geschichte Oberschlesiens weist M. Laubert ( 337) nach, daß bis 1848 von irgendwelchen Beziehungen Oberschlesiens zu Polen nicht die Rede sein kann: Ohne den mindesten Zwang gewann das Deutschtum infolge seiner kulturellen Überlegenheit beständig an Boden und die  deutsche Sprachgrenze rückte unaufhaltsam nach Osten vor. Erst die infolge der Unkenntnis der Berliner Zentralstellen vorgenommene systematische Polonisierung des oberschlesischen Volksschulunterrichts nach 1848 ließ die von außen hineingetragene polnische Propaganda wirksam werden, aber der Weltkrieg hat auch nach polnischem Zeugnis gezeigt, daß die Provinz in allen ihren Bevölkerungskreisen loyal war. -- Zum vielbehandelten Thema der Stadtgründungen im kolonialen Osten teilt G. Schön-


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aich ( 611) mit, daß von den 63 im 13. Jahrhundert in Schlesien gegründeten Städten nur etwa die Hälfte nach dem sog. ostdeutschen »Normalplan« mit dem viereckigen Markt (Ring) in der Mitte angelegt worden sind. Der Dreiecksmarkt (Neiße, Leobschütz) und der Straßenmarkt (Neumarkt, Nimptsch, Goldberg, Löwenberg usw.) sind deutliche Abweichungen von diesem Normalplan. -- Zur Topographie der Stadt Neiße veröffentlicht H. Dittrich ( 615) 29 Ansichten und Pläne der Stadt Neiße nebst Erläuterungen, angefangen mit Hartmann Schedels Weltchronik (1493), dem Städtehandbuch von Braun und Hogenberg ( 1591), dem etwa gleichzeitigen Hayerschen Plan von Neiße und dem Kupferstich von Math. Merian usw. -- Der älteren und mittelalterlichen Topographie und Befestigungsgeschichte wie der allgemeinen stadtbaulichen Entwickelung von Liegnitz, das Friedrich d. Gr. nach der Besetzung durch die Österreicher i. J. 1757 endgültig entfestigen ließ, dient die Arbeit von Fr. Pfeiffer ( 618). -- Die beiden Schriften von F. Stolle zur ältesten Glatzer Geschichte ( 619 u. 620), die sich gegen die die  deutsche Kolonisation der Grafschaft Glatz verneinende »Bretholzsche Lehre« (Geschichte Böhmens u. Mährens, Bd. 1) und deren Anhänger richten, sind nicht im Tone ruhiger, rein wissenschaftlicher Sachlichkeit gehalten, sondern stellen (besonders 619) eine heftige Polemik dar. Gleichwohl wirkt gegenüber der Bretholzschen Annahme einer »deutschen Stadt Glatz« mit »Mauern, Türmen und Toren« für das Jahr 1114 der Nachweis Stolles überzeugend, daß 1114 neben der slawischen Burg Kladsko nur eine dürftige slawische Siedlung oder »Vorburg« bestand, die auch 1184 nur ein slawischer Marktflecken (forum Cladsco) mit »forensis ecclesia« war und erst in der Periode der deutschen Kolonisation z. Z. Ottokars II. (1253 bis 1278) wirklich  deutsche Stadt mit deutschem Recht wurde. -- A. Brückner ( 708) stellt die für Breslau angenommene Benennung nach dem Böhmenherzog Vratislaw I ohne hinreichenden Nachweis als eine Fabel hin und wirft die Behauptung auf, daß Breslau nach einem Slowaken resp. Polen benannt wurde.

V. Wirtschaftsgeschichte.

Über das seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts vorhandene Projekt einer Donau-Oder-Verbindung, deren Anfangspunkt nach den jetzigen politischen Verhältnissen nicht mehr Wien, sondern das an der Marchmündung liegende Theben sein wird, weil dann die gesamte Kanalstrecke bis Oderberg innerhalb der tschechoslowakischen Republik zu liegen kommt, handelt H. Anders ( 1873 a) in seiner Breslauer staats- und rechtswissenschaftlichen Dissertation, die mit statistischen Beigaben die Notwendigkeit dieser Verbindung für Schlesiens Industrie, Handel und Verkehr wie für die  deutsche Wirtschaft und die außerdeutschen Staaten kurz beleuchtet und den Donau- Oder-Kanal als internationalen Verkehrsweg zwischen dem Schwarzen Meere und der Ostsee betrachtet. -- Der im achten Bande der Mitteilungen des Liegnitzer Geschichts- und Altertumsvereins (S. 204 ff.) begonnene, im neunten Bande (S. 104 ff.) fortgesetzte Beitrag von P. Mylius ( 617) zur Geschichte des Wasserbaues in Niederschlesien findet mit einem Nachtrag über die Mühlen des Liegnitzer Mühlgrabens und weiteren Abhandlungen über die Liegnitzer Gewässer usw. ihren Abschluß. -- Dem im neunten Bande dieser Liegnitzer Zeitschrift vorangegangenen Aufsatz über die Geschichte der Töpferkunst in Liegnitz fügt K. Strauß ( 823) eine mit Abbildungen versehene Abhandlung über die infolge des reichen Tonvorkommens früher fast in jeder kleinen Stadt Niederschlesiens betriebene Herstellung von Topfwaren an, die aber trotz mancher bemerkenswerten Arbeiten nirgends die Blüte des Bunzlauer Tongeschirrs erreicht hat. -- Die bedeutende Kunst der handgewebten schlesischen Damastdecken im Zeitalter Friedrichs des Großen zeigen fünf Abbildungen durch A. Schellenberg ( 1875). Das Hauptzentrum der schlesischen


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Damastweberei, die die sächsische an feinster Qualität nicht erreichte, war Schmiedeberg und Hirschberg, doch wurde sie in und nach dem Siebenjährigen Kriege auch nach anderen Orten gebracht. -- Unter Berücksichtigung der allgemeinen Fragen des deutschen Innungswesens gibt G. Kersten ( 1706) eine quellenmäßige Darstellung der Brieger Bäckerinnung, die besonders durch den Abdruck der 1326 beginnenden Innungsurkunden einen brauchbaren Baustein zur deutschen Zunftgeschichte liefert. -- F. Stolle ( 616) erbringt den Nachweis, daß die in der (ca. 1300 entstandenen) Vita s. Hedwigis (Script. rer. Sil. II, 1--114) einmal als Lombardicum miliare, dreimal als Polonicum m. u. fünfmal als miliare ohne Attribut genannte gemeine schlesische Meile mit der Elle von Magdeburg nach Schlesien übertragen wurde und ein Merkmal deutschkolonialer Natur Schlesiens ist.

2. Historische Landeskunde, einschließlich Ortsgeschichte.

O. E. Schmidt ( 609) bietet mehr volkstümlich als wissenschaftlich einen Überblick über das Wendentum in der Lausitz, hauptsächlich der sächsischen. Für weite Kreise sind offenbar auch die geschichtlichen Abschnitte bestimmt; wissenschaftlich enthalten sie kaum etwas Neues, aber sie sind gefällig geschrieben und erfüllen darum den Zweck der allgemeinen Aufklärung über die Einordnung der Wenden in das  deutsche Volks- und Staatsgefüge. Denn sie sind nur der Rahmen für die Erörterung der Zeitfragen nach dem Woher und Wohin der Wenden gegenüber den radikalen Ansprüchen der Tschechen auf diese angebliche slawische Minderheit. Besonders scharf, aber mit Recht kehrt sich Schmidt gegen das einseitige und flache Machwerk von Vierset: Un peuple martyr ( 1923), dem er wiederholt dreiste Lügen oder Entstellungen nachweist. Dankenswert ist die Übersicht über die Literatur am Schlusse, während die Karte über die Verteilung von Wenden und Deutschen -- bei aller Anerkennung der Schwierigkeit dieser Aufgabe -- mit ihrer Anlage doch nicht klar genug das Zahlenverhältnis wiedergibt. Sehr hübsch sind die farbigen Trachtenbeigaben. -- In weiterem Zusammenhang mit dem gesamten geschichtlichen und kulturellen Leben der Lausitz behandelt O. E. Schmidt das Wendentum umfangreicher als früher in seinem zweiten Band der »Kursächsischen Streifzüge«, deren dritte erweiterte Auflage im Berichtsjahre erschien. Sonst enthält diese Neuauflage noch manche Verbesserungen, über die Schmidt im Vorwort berichtet. Vgl. auch die gut orientierende Besprechung von H. Beschorner im Neuen Archiv f. Sächs. Geschichte 1926, S. 167. --

3. Quellen und Darstellungen nach der Reihe der Ereignisse.

Über die Ortsgeschichte hinaus darf E. Grönlund ( 1195) die Berücksichtigung seiner fleißigen Arbeit für die  deutsche Geschichte von 1825 bis 1848 beanspruchen. Die Entwicklung der liberalen Aufklärungsarbeit und die allgemeinen Zustände in dem noch krähwinkelhaft anmutenden Zwickau jener Jahre sind gut dargestellt und wohl typisch für viele andere Städte im damaligen Deutschland. In Zwickau wird der Reiz daran menschlich dadurch gesteigert, daß der Magister Karl Ernst Richter der Träger der Ideen und der Held des Kampfes zugleich ist. Mit der »Biene«, einer Zeitschrift von satirisch-politischem Gepräge, schaffte er sich einen Leserkreis weit über Zwickau hinaus und kämpfte für Volksbildung und Verfassung in Sachsen. Aber schließlich wurde er durch die Zensur mundtot gemacht, durch behördliche Plakereien trotz seiner Stellung als Landtagsabgeordneter in seinem bürgerlichen Leben zugrunde gerichtet und wanderte 1835 aus. Damit bricht die Darstellung Grönlunds, hoffentlich nur vorläufig, ab. --

I. Quellenkunde und Hilfswissenschaften.

Das Unternehmen R. A. Kellers ( 25) hat mit dem vorliegenden zweiten Band einen vorzüglichen Abschluß gefunden. Denn nicht nur quantitativ, sondern vor allem qualitativ ist dieser dem ersten, 1922 erschienenen, bei weitem überlegen. Er bildet tatsächlich einen sehr erwünschten literarischen Ratgeber und Helfer für jegliche Art heimatkundlicher Tätigkeit. Diese Rheinlandkunde, die das Gebiet vom Oberrhein bis zum Niederrhein umfaßt, ist nicht nur dadurch verdienstlich, daß sie uns auf die wichtigsten literarischen Erscheinungen über die zahlreichen Themata rheinischer Kultur hinweist, sondern auch durch die vielfach trefflichen kurzen geschichtlichen Überblicke, die -- wie etwa der von A. Mailänder über Saargebiet und Deutschlothringen oder der von P. Wentzcke über  deutsche Kultur im Elsaß und Lothringen -- vollständig abgeschlossene Essays bieten. Sehr dankenswert ist auch die wohl vom Herausgeber beigesteuerte Übersicht über Archive, Bibliotheken und Sammlungen im Rheingebiet nebst 3 Karten ihrer Verbreitung sowie die Gesamtübersicht über die im 1. und 2. Band enthaltenen Beiträge. Bei dem regen Interesse, das im Rheinland für die Heimatkunde erwacht ist und das jetzt auch durch die Schule gefördert wird, darf man wünschen, daß dieses Buch eine baldige Neuauflage erlebt. -- Außerdem wäre hier auf einige Einzeluntersuchungen und Quellensammlungen hinzuweisen.

II. Gesamtdarstellungen.

Die lange Besetzung der Rheinlande durch fremdländische Truppen hat in Verbindung mit den vielfachen Bedrückungen, denen sich der seit langem freiheitlich gesinnte Rheinländer ausgesetzt sieht, eine überaus intensive Heimatbewegung hervorgerufen und damit eine Fülle heimatkundlicher Literatur, die unter viel Spreu auch manches Wertvolle enthält. Neben den Heimatblättern ist hinzuweisen auf Darstellungen einzelner Städte und Kreise, an denen sich meist ein ganzer Stab von Mitarbeitern beteiligt, um die Entwicklung des betreffenden Objekts nach den verschiedensten Seiten hin zu beleuchten, dabei aber auch der Vergangenheit Rechnung zu tragen. Hier ist das ansehnliche von G. Entner herausgegebene Werk über Neuß ( Deutsche Kunst- und Verlagsanstalt Düsseldorf 1926. 236 S. 1 Kte. 8.) zu nennen. Es bietet, wenn es auch im wesentlichen die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt im Auge hat, eine ganze Reihe wertvoller Aufsätze zur städtischen Geschichte. Über das Römerkastell Novaesium berichtet K. Koenen als bester Sachkenner. Er beschränkt sich hier nicht auf das früher von ihm ausführlich behandelte Römerlager, sondern gibt auch Aufschlüsse über das fränkische Kastell, die Bauten des fränkischen Salhofs, Hofkapelle, Stifts- und Pfarrkirche, den Vorort am Kreuz und die Quirinus-Verehrung. W. Ewald behandelt die Entwicklung des Stadtplans und der Befestigung von Neuß an der Hand zahlreicher Pläne. Entscheidend bei der Bildung des mittelalterlichen Stadtplans war die alte Römerstraße, die von Süden nach Norden das Stadtgebiet durchzieht. Einen Teil des zum fränkischen Salhof Niuse östlich von dieser Straße gehörigen Guts hatte Erzbischof Kunibert von König Dagobert als Geschenk


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erhalten. Der Salhof war noch 1062 im Besitz des Kaisers, ging aber, vielleicht unter Anno, an das Erzstift über. Der alte Bezirk des Königshofs hebt sich noch heute als geschlossene zentrale Anlage scharf von der jüngeren Umgebung ab. Der Abschluß der Stadterweiterung ist ins Ende des 13. Jahrhunderts zu setzen. Die Stadtbefestigung bewährte sich glänzend in der Zeit der Belagerung durch Karl den Kühnen, die G. Kallen auf quellenkritischer Grundlage schildert.

III. Geschichte Landeskunde.

Gleich daneben ist ein Werk zu nennen, dessen Verfasser ganz in der am Bonner Institut durchgeführten Methode geschult und nach Aubin zur Leitung dieses Instituts berufen worden ist. Gefördert durch die Vorarbeiten von H. Aubin und Frings und dabei doch überaus selbständig in der Erfassung der Probleme und im Urteil untersucht F. Steinbach ( 535) in Anknüpfung an J. Hallers Auffassung von der Entstehung des deutschen Reichs alle Fragen, die sich auf die deutschen Stämme und die Volksgrenze im Westen beziehen. Zwei Fragen stehen für ihn im Vordergrund: »1. Sind die als  deutsche Stämme bezeichneten Einheiten wesensverschieden von der im deutschen Volke verkörperten, geschichtlich gewordenen Einheit? 2. Ist das Zusammenwachsen der Stämme zum deutschen Volke erst und nur das Ergebnis der politischen Schicksalsgemeinschaft seit dem 10. Jahrhundert oder waren hier natürliche Grundlagen in einer früheren Entwicklung vorgebildet?« Die Ergebnisse der frisch gegen vorgefaßte Meinungen vorgehenden Untersuchung sind, um das gleich vorweg zu bemerken, grundstürzend und aufschlußreich. Sie beziehen sich auf Dialekte, Ortsnamen und Bauernhausformen in ihrem Verhältnis zu den Stämmen, behandeln aber auch ausführlich die Weilerfrage und Sprachgrenze. Allen Versuchen, rheinische Spracherscheinungen auf bodenständige keltoromanische Grundlagen zurückzuführen, steht Steinbach skeptisch gegenüber. Er konstatiert, daß von den Sprachräumen und Grenzzonen, die heute feststellbar sind, keine einzige Erscheinung mit einiger Sicherheit auf einen germanischen Stamm bezogen werden könne; zwangloser lassen sie sich vielmehr durch natürliche politische oder kirchliche Verkehrsräume und Verkehrsströmungen erklären. Die Ortsnamenforschung habe sich als kein geeignetes Mittel erwiesen, Herkunft und Siedlungsgebiet der germanischen Stämme zu bestimmen. Die Ortsnamen sind Zeugnisse kultureller Zusammenhänge verschiedener Siedlungsperioden. Auch die Bauernhausformen stehen in keinem Zusammenhang mit germanischen Stammesgrenzen. Die deutschen Stämme sind geschichtlich gewordene Einheiten. Mit den Stämmen in diesem Sinne stehen auch die Dialekte, die Hausformen und sogar die Ortsnamen in Beziehung. Steinbach bestreitet die Möglichkeit, die Stammesgliederung in gerader Linie auf germanische Stämme der Zeit vor der Völkerwanderung zurückzuführen. Denn die Stämme sind Neubildungen im neuen Raume. Die Weilerorte gehören der fränkischen Siedlungsperiode an. »Die Sprachgrenze ist nicht das unmittelbare Ergebnis des Siedlungsvorgangs, sondern beruht auf der natürlichen Scheide der vorherrschenden Verkehrsbeziehungen nach West- oder Mitteleuropa; sie ist ein Ausdruck des Gesamtverlaufs der Kulturentwicklung.« Damit ergibt sich dann auch, daß die kulturelle Aussonderung des Deutschtums vor der Entstehung des deutschen Staates erfolgt sein muß. -- Eine sehr gründliche Untersuchung über die Weilerorte des Kölner Bezirks verdanken wir W. Kaspers ( 693). Nach Erledigung der etymologischen Frage kommt er zu dem Ergebnis, daß diese Orte


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der keltogermanischen Periode der Besiedlung mit führendem römischen Einschlag angehören. Auch die kirchlichen Verhältnisse werden in der Untersuchung berücksichtigt. -- In der weitgehenden Beachtung der geographischen Bedingungen für die Anlage und das Aufblühen der Städte zeigt sich P. Koof ( 542) als verständnisvoller Schüler H. Aubins. Die Arbeit beruht lediglich auf bereits gedrucktem Material, bietet aber durch die richtige und erschöpfende Verwertung dieses Materials doch ein abgerundetes, lebensvolles Bild. Die Stadterhebungen Jülichs setzen erst nach der Niederwerfung des Kölner Erzbischofs in der Worringer Schlacht ein. Dabei sind als eigentliche Gründungsstädte nur drei (Bergheim, Kaster und Nideggen) zu bezeichnen. Alle übrigen waren schon vor der Verleihung von Stadtrechten »lebenskräftige Dörfer, die wichtige städtische Elemente, nämlich Handwerker und Gewerbetreibende, besaßen«. In besonderem Maße hat die Kirche die Weiterentwicklung der Dörfer beeinflußt, daneben ist auch die Straßenlage von Wichtigkeit gewesen. Wenn die Landesherren diese Dörfer zu Städten erhoben, so beabsichtigten sie wohl in erster Linie die militärische Sicherung des Landes, dadurch aber auch die Sicherung der blühenden Siedlungen selbst. Diesen fortifikatorischen Zwecken dienten ganz allgemein die Akziseprivilegien. Von den für den Begriff der mittelalterlichen Stadt geltenden Wesensmerkmalen trifft das Stadtmerkmal auf dem gerichtlichen Gebiet nicht zu. Die Ausbildung des Rates scheint in den meisten Städten erst in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts erfolgt zu sein. -- Zeigt die vorstehende Untersuchung u. a., daß Straßen den Anlaß zur städtischen Entwicklung eines Orts geben können, andrerseits aber auch, daß umgekehrt die Straßenanlagen durch Städtegründungen beeinflußt werden, so ergibt sich in jedem Fall für die Forschung die Notwendigkeit, nach Möglichkeit die historischen Straßen festzulegen. Für die römsiche Zeit besitzen wir seit 1923 den Erläuterungsband zum geschichtlichen Atlas der Rheinprovinz von I. Hagen, dem der Verfasser jetzt ( 540 u. 816) ein erstes Ergänzungsheft hat folgen lassen, das die in den Jahren 1924 und 1925 erzielten Fortschritte der Forschung und weitere Einzelheiten bietet. Es wäre zu wünschen, daß der Verfasser sich auch einmal mit den älteren Forschungen bzw. Hypothesen über die Römerstraßen auf dem rechten Rheinufer nördlich vom Limesgebiet auseinandersetzte. Kommen für die Römerstraßen im wesentlichen die archäologischen Funde in Frage, so ist zur Feststellung des Zugs der mittelalterlichen Straßen eingehende Durchsicht der Itinerarien, Geleitsregister und Rechnungen sowie des urkundlichen Materials vonnöten. Auch hier zeigen sich hoffnungsvolle Anfänge. So schildert J. Nottebrock ( 541), einer Anregung A. Schultes folgend, die für das Mittelalter sehr bedeutungsvolle Aachen--Frankfurter Heerstraße in ihrem bisher wenig erforschten Verlauf von Aachen bis an den Rhein, den sie in Sinzig erreicht. Dieser Teil der früher viel benutzten Straße, die in ihren Grundzügen als eine karolingische Anlage angesehen werden darf, ist heute durch Flurzusammenlegungen usw. kaum mehr erkennbar. Der Verfasser rekonstruiert sie auf Grund alter Itinerarien, beschreibt sie genau nach ihren einzelnen Abschnitten und gibt ein anschauliches Bild ihrer Bedeutung und Benutzung im Frühmittelalter. Er bereichert die Untersuchung durch einen kurzen Überblick über das mittelalterliche Straßennetz im Gebiet von Hunsrück und Eifel. -- Hatte schon der Aufsatz O. Schlüters (in Nr. 227) die westlichen Grenzverhältnisse Deutschlands einer Prüfung unterzogen, so sucht in ausgiebiger

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Weise K. Linnebach ( 539) an der Hand von 42 Karten, denen er im einzelnen kurze Erläuterungen mitgibt, zu beweisen, daß die durch den Versailler Vertrag gezogenen Grenzen Deutschlands im Westen den natürlichen Gegebenheiten Hohn sprechen und weder die natürliche Grenze noch die Völkergrenze beachten. Überdies verhöhnen sie auch die Grundsätze, die als Friedensgrundlage (Wilson) feierlich vereinbart waren.

II. Gesamtdarstellungen.

Wenn im 19. Jahrhundert oft und bis zu einem gewissen Grade mit Recht darüber geklagt worden ist, daß die elsässische Geschichtsschreibung sich mit den Lorbeeren Schoepflins und Grandidiers begnüge, so gilt dasselbe für Lothringen und Dom Calmet vielleicht noch in verstärktem Maß. Wer tiefer dringende Studien zur lothringischen Geschichte macht, ist auch heute noch auf die unhandlichen Wälzer des gelehrten Benediktiners angewiesen, dessen Riesenarbeit bei allen Verdiensten, die sie für ihre Zeit hatte, doch unsern Ansprüchen nicht mehr genügen kann. Auf dem Gebiet der Quellenedition fehlt so gut wie alles; die Mettensia und die in deutscher Zeit veröffentlichten Quellen zur lothringischen Geschichte können nicht darüber hinweghelfen, daß wir ein Urkundenbuch der Stadt Metz und Regesten der drei Bistümer sowie (von einigen monographischen Ansätzen abgesehen) der Herzöge von Lothringen noch immer entbehren müssen. Daß es um die Geschichtsdarstellung etwas besser bestellt ist, haben wir vor allem Parisot zu verdanken, von dessen dreibändiger Histoire de Lorraine ( 275) im Berichtsjahr die zweite Auflage des ersten Bandes vorgelegen hat. Neues Lob braucht dieser seit ihrem ersten Erscheinen anerkannten Leistung nicht gespendet zu werden. Sie überragt auch die gangbare  deutsche Darstellung von Derichsweiler in mancher Beziehung. Derichsweiler stellt die ganze lothringische Geschichte unter den Gesichtspunkt des Kampfes um die Westmark, beschränkt sich fast ganz auf das Herzogtum Lothringen und beginnt erst mit dem Zerfall des Karolingerreiches. P. verfolgt die Geschichte der région Lorraine, der später als Lothringen bezeichneten Gebiete, bis in die Vorzeit zurück und widmet gerade der merowingisch-karolingischen Zeit, die ihm einen Höhepunkt der lothringischen Geschichte bedeutet (Lothringen als »pépinière de prélats, de hauts fonctionnaires et même de rois«) liebevolle Aufmerksamkeit. Von besonderem Wert sind die


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regelmäßig eingeschalteten Kapitel über Verfassung und Recht, wirtschaftliches, geistiges und kirchliches Leben. Sie nehmen freilich einen so breiten Raum ein, daß die Geschichte der politischen Entwicklung darüber häufig zu kurz kommt. Wer sich etwa über die Politik eines Herzogs rasch orientieren will, muß die Angaben mühsam aus verschiedenen Kapiteln zusammensuchen und sich am Ende doch mit einigen kargen Andeutungen begnügen und zu Spezialwerken und Quelleneditionen greifen. Wenn also für die dritte Auflage des Buches ein Wunsch offenbleibt, so ist es der, daß die mit »Histoire de la région Lorraine« überschriebenen Kapitel weiter ausgebaut und mit nicht zu spärlichen Hinweisen auf die urkundlichen Grundlagen der Darstellung versehen werden. Gewiß wird das Werk dadurch an Ausdehnung zunehmen und einen noch ausgesprochener wissenschaftlichen Charakter erhalten. Ein Schaden wäre das nicht, da Parisots Arbeit ohnehin für populäre Zwecke zu umfangreich und außerdem für die geschichtlichen Interessen weiterer Kreise anderweitig gesorgt ist. -- Wir nennen hier die einbändige lothringische Geschichte von Morizet ( 276), die sich neben Parisot mit Ehren behaupten kann und besonders der im Vorjahr angezeigten Darstellung von Gérardin in jeder Beziehung überlegen ist. Durch angemessenen Verzicht auf ein Übermaß von Einzelheiten gewinnt der Verfasser Raum für deutliche Hervorhebung der Grundzüge. Erwähnt sei die mehrfach betonte Tatsache, daß sich die Formen des modernen Staats- und Wirtschaftslebens in Lothringen langsamer herausbildeten als in den Nachbarlandschaften, hinter denen Lothringen auch an geistigen und künstlerischen Leistungen zurückstand. Die französische Politik wird im allgemeinen mit einer Unbefangenheit beurteilt, die um so mehr anzuerkennen ist, je öfter sie in den Publikationen der letzten Jahre vermißt werden mußte. Die Zeit der deutschen Herrschaft, an deren Ende sich das Land »en plein développement économique et intellectuel« befand, hätte allerdings eine etwas weniger stiefmütterlichere Behandlung verdient.

III. Historische Landeskunde.

A. Brackmann ( 273) behandelt in einem skizzenhaften Überblick den Charakter des Elsaß als eines politischen Binnenlandes, das Jahrhunderte hindurch als Bestandteil des Herzogtums Schwaben und Hauptsitz der salisch-staufischen Macht fest in das  deutsche Reich eingegliedert war und aus diesem Zustand erst durch die seit dem 13. Jahrhundert konsequent einsetzende französische Ausdehnungspolitik gewaltsam herausgerissen wurde. (Zu S. 21 unten ist zu bemerken, daß es einen kaiserlichen Vogt zu Hagenau in staufischer Zeit noch nicht gegeben hat; vgl. Jos. Becker, Gesch. d. Reichslandvogtei im Elsaß, Straßburg 1905.) -- Wenn wir für Lothringen in diesem Zusammenhang das Bändchen Metz und Lothringen ( 274) erwähnen, das auf weiteste Kreise berechnet ist und der wissenschaftlichen Forschung fernsteht, so geschieht das deshalb, weil ein so gründlicher Kenner des Landes wie Wolfram zur Erläuterung der vorzüglich ausgewählten Bilderreihe einen kurzen gediegenen Überblick über die Haupttatsachen der lothringischen Geschichte gibt und besonders die oft nicht genügend beachteten Unterschiede zwischen elsässischer und lothringischer Kulturentwicklung scharf hervorhebt. Die Ausführungen des Geschichtskundigen wie die einleitende Skizze A. H. Rauschs und die reichhaltige Reihe der Abbildungen dienen aufs beste dem Zweck des Büchleins, verständnisvolle Liebe zu dem verlorenen Lande zu wecken und wachzuhalten. -- Das vielbehandelte Problem der keltischen Ortsnamen


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im Elsaß und in Lothringen unterzieht A. Laugel ( 691) in einem Aufsatz der Revue d'Alsace einer erneuten Behandlung. Daß die Fortdauer keltischer Namen in Lothringen viel ausgebreiteter ist als im Elsaß, wird durch seine Ausführungen erhärtet. Die Liste der mit absoluter Sicherheit auf keltische Wurzel zurückzuführenden elsässischen Namen dürfte aber kaum eine Bereicherung erfahren. Gegen manche der von L. vorgeschlagenen Ableitungen lassen sich schwere Bedenken nicht unterdrücken, z. B. Dauendorf (Tauginheim) aus Dunocatus, Artolsheim (Artolvesheim!) aus Zusammensetzung mit dem keltischen Praefix artos. Doch muß hier das letzte Wort dem Sprachforscher überlassen bleiben. -- E. Becourt ( 1991) beginnt in der Revue d'Alsace eine umfangreiche Veröffentlichung über die Geschichte von Andlau im 14. Jahrhundert; wir behalten uns vor, nach dem Abschluß der Arbeit darauf zurückzukommen.

VI. Kirchengeschichte.

Das wichtigste Quellenwerk zur mittelalterlichen Kirchengeschichte der heute badischen Lande, die Regesta episcoporum Constantiensium, erfreut sich jetzt eines raschen Fortschreitens, seitdem die Folgen des Krieges und der Inflation überwunden sind. Im Berichtsjahr hat der dritte, die Jahre 1384 bis 1436 umfassende Band durch die mit gewohnter Gründlichkeit von K. Rieder gearbeiteten Register seinen Abschluß erhalten ( 186). Da das Material zum vierten Band schon großenteils gesammelt ist, besteht begründete Aussicht, daß die wertvolle Publikation in absehbarer Zeit wie geplant bis an die Schwelle des Reformationszeitalters geführt werden kann. -- Die kleineren Beiträge zur oberrheinischen Kirchengeschichte sind zumeist wieder im Freiburger Diözesanarchiv vereinigt. Daß L. Baur seine früher begonnene Arbeit über das Pfründenwesen der Reichsstadt Buchhorn mit drei Abschnitten über die Verwaltung und Besetzung der Pfründen sowie die Pflichten der Pfründner zu Ende führt ( 2047), sei an dieser Stelle nur kurz angedeutet, da das Thema nicht in den Umkreis der badischen Geschichte gehört. -- Aus der Arbeit Strohmeyers über St. Trudpert ( 398) hebe ich


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die Bemerkungen S. 136 ff. über die geographischen Benennungen hervor, die für die Interpretation von JL 8563 nicht unwesentlich sind. Im übrigen kommt Str., dem es in erster Linie um eine Ehrenrettung der Trudperter Fälscher zu tun ist, über die früheren Feststellungen Schultes und von Weechs nicht hinaus. Seine Arbeit ist deshalb ziemlich verfehlt, weil es nur dann Zweck hat, die Trudperter Fälschungsfrage aufzugreifen, wenn man die damit zusammenhängenden Probleme, wie das Verhältnis der Habsburger und der Bischöfe von Straßburg zum Kloster sowie den Ursprung und die Entwicklung der Vogtei auf Grund einer eindringlichen Urkundenkritik erneut prüft. Dieser dornenvollen Aufgabe ist Str. ausgewichen. Im einzelnen noch einige Richtigstellungen! Die Urkunde von 1211, die auf S. 124 als wahrscheinlich gefälscht, S. 134 als allerdings gefälscht bezeichnet wird, ist nicht nur in einem Kopialbuch überliefert, wie Str. angibt, sondern in drei angeblich originalen Ausfertigungen, deren Unechtheit evident ist (vgl. Regesten d. Bischöfe v. Straßb. 784); die Datierung der Bischofsurkunde im Trudperter Dingrodel ist unzulänglich (vgl. ebenda 828) usw. Auch der König Albrecht im Jahre 1186 (S. 116) ist sehr bedenklich. -- Schrohes Ausführungen über die oberrheinische Jesuitenprovinz ( 2115) bringen aus den in der Mainzer Stadtbibliothek verwahrten Catalogi personarum einiges statistisch-biographische Beiwerk zu Duhrs Geschichte der Jesuiten. -- Das Schicksal des Klosters Allerheiligen, das nach der Säkularisation in kurzer Zeit aus einem der ehrwürdigsten Baudenkmäler zu einer traurigen Ruine wurde, bildet kein Ruhmesblatt der badischen Verwaltung. K. Rögele ( 2116) schildert diesen »Untergang« des Klosters an Hand der Akten. Eine Übersicht über den Personalbestand und den Besitz des Klosters zur Zeit der Säkularisation ist beigegeben. -- Zur kirchlichen Geschichte des 19. Jahrhunderts liefert H. Baier zwei Beiträge. Der Aufsatz über Wessenbergs Romreise ( 2102) bringt gegenüber der Darstellung von Beck manches Neue, da die von Baier als Hauptquelle herangezogenen Briefe Wessenbergs von dem bisher zugrunde gelegten Reisebericht, der erst später unter dem Eindruck des Mißerfolgs der Reise abgefaßt wurde, in nicht unwesentlichen Punkten abweichen. Auch einige ganz sinnentstellende gewaltsame Änderungen, die Beck an seinen Texten vorgenommen hat, werden berichtigt. Die Einwirkung Österreichs auf W.s Reiseplan ist stärker gewesen, als man bisher angenommen hatte. B. sagt geradezu, Wessenberg sei als »Werkzeug Metternichs« nach Rom gegangen. -- Aus dem Briefwechsel J. V. Burgs mit Major Hennenhofer bringt der gleiche Verfasser ( 2123) zahlreiche unbekannte Einzelheiten zur Errichtung der oberrheinischen Kirchenprovinz und des Erzbistums Freiburg, an der Burg als »Geschäftsmann der badischen Regierung« einen sehr wesentlichen, von seinen zahlreichen Gegnern allerdings stark bestrittenen Anteil hatte. -- In die vierziger und fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts, da sich der  deutsche und der badische Katholizismus nach Überwindung der Krisenzeit neu festigte und politisch zusammenschloß, führt uns die Arbeit Schnütgens über F. J. Mone, die im Berichtsjahre zum Abschluß gebracht wurde ( 2120). Mone hat neben seinen umfassenden wissenschaftlichen Leistungen auch auf dem Gebiet der Kirchenpolitik eine in der Öffentlichkeit nicht allzu stark hervortretende, aber darum doch weitgreifende Tätigkeit entfaltet. Zur Freiburger Kurie stand er in ebenso enger Beziehung wie zu den badischen Regierungskreisen; an der Bewegung, die zur Gründung

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der katholischen Vereine führte, war er entscheidend beteiligt. Mones Grundüberzeugung von der Kirche als dem »konservativen Zentrum der Welt« bestimmte seine kirchenpolitische Betätigung, die man vom gegnerischen Standpunkt aus tadeln kann, aber doch wenigstens als folgerichtig verstehen und anerkennen sollte.

III. Landesgeschichte.

Für das spätere 16. und 17. Jahrhundert ist kein wesentlicher Beitrag zur allgemeinen Landesgeschichte zu verzeichnen. Erst die Zeit Herzog Carl Alexanders (1733--1737) ist wieder vertreten durch Elwenspoeks »auf Grund sämtlicher Akten, Dokumente, Überlieferungen« aufgebaute Darstellung der Geschicke »des großen Finanziers und galanten Abenteurers« Jud Süß ( 2323). E. verzichtet von vornherein auf eine wissenschaftliche Auswertung des für Wirtschafts- und Finanzgeschichte besonders aufschlußreichen Materials zu dieser durch Hauffs Novelle in die  deutsche Literatur eingeführten Episode der württembergischen Geschichte; er bemüht sich vor allem um eine möglichst angenehm lesbare, aber objektiv gehaltene Herausarbeitung der Persönlichkeit und der persönlichen Erlebnisse des jüdischen Kavaliers, der zweifellos als Opfer der aufgewiegelten Volksleidenschaft und eines ungerechten, mit E. nur als politischer Mord zu bezeichnenden Justizakts fiel, während mindestens gleich schwer belastete christliche Helfer Carl Alexanders nahezu straffrei ausgingen. Immerhin hat der Verfasser auch die politischen Voraussetzungen für die Süßschen Finanzoperationen unter wohl nicht immer genügend kritischer Verwertung neuen Materials mehrfach kurz skizziert; da, wie auch H. Hefele in einem weiter unten zu besprechenden Aufsatze aufzeigt, die politischen Pläne Carl Alexanders im wesentlichen eine wichtige Vorstufe zu der Politik König Friedrichs I. bilden, da ferner alle früheren Arbeiten über Jud Süß aus bestimmten Gründen das vorliegende Material nur beschränkt verwerten konnten, verdient E.s Schrift, solange keine wissenschaftliche Neubearbeitung des Stoffes auf gleichen Materialgrundlage vorliegt, die Beachtung des Historikers. -- Für den Zeitraum der Revolutionskriege ist eine Studie von I. H. Greef über die Schlacht von Malsch-Rotensol-Dobel vom 9. Juli 1796 zu erwähnen, durch


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deren unglücklichen Ausgang die Österreicher und ihre Verbündeten gezwungen wurden, den Franzosen den Weg in die württembergischen Lande und nach Ulm freizugeben ( 1124). Neben ortsgeschichtlichem Material verwertet der Verfasser auch sächsische und österreichische Archivalien.

I. Rechtsgeschichte.

Daß die Forschung über die älteste  deutsche Rechtsgeschichte der einzelnen Stämme seit dem Weltkriege nur langsam wieder einsetzte, wurde S. 326 des 1. Jhrg. unserer »Jahresberichte« dargelegt. Nun sind die beiden Ausgaben der Lex Bajuvariorum von Ernst Frh. v. Schwind ( 1518) und von K. Beyerle ( 1519 a) erschienen. Erstere, vor dem Erscheinen schon von B. Krusch unter die Lupe genommen, bietet entsprechend den mühevollen Vorarbeiten von dreißig Jahren einen erschöpfenden Variantenapparat. Aber in der Frage des Ursprungs und ersten Aufbaus, der Gewinnung eines Archetyps und der übrigen Rätsel dieser Lex greift Resignation Platz.


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Beyerles Buch ist im Hauptteil eine handliche Ausgabe dieser Lex, »belebt durch den Augenschein der Lichtdruckwiedergabe des Originals« und auch sonst als Festgabe zur Jahrhundertfeier der Münchener Universität sehr gut ausgestattet. Sie nimmt in der ausführlichen Einführung neben den Fragen des Verhältnisses zu den anderen Leges, auch der Entstehungszeit und der Zusätze besonders zur Ursprungsfrage Stellung, indem sie um den Nachweis des westgotischen Ursprungs der ältesten bayerischen Benediktiner (Niederaltaich) mit Erfolg sich bemüht, endlich die Niederschrift als ein literarisches Werk im Dienste der fränkischen Politik aus kirchlichen Kreisen hinstellt (vgl. auch S. 362).

II. Augsburg und das übrige Schwaben.

Reich an interessanten Einzelheiten sind die Aufzeichnungen des Lebküchners Chr. Gottfr. Silanus Ammerbacher ( 1153) über die Napoleonische Zeit in Nördlingen, über volle 30 Jahre von 1785 bis 1815 gehend. --Frickhinger gab die Fortsetzung der in Jahresberr. Bd. 1 Nr. 2064 genannten, breit angelegten Geschichte des Hospitals zu Nördlingen: Ablösung der Gilten, Frohnen und Zehnten in den einzelnen Spitaldörfern, Spitalpfarrei, Gewerbebetriebe des Hospitals (Mühle, Schmiede und Brauerei), Ausgaben auf die Herren- und Laienpfründen, aufs Findelhaus und die Kindsbettanstalt. -- Der »gemeine Kasten« wurde nach Stark ( 2066) in der Reformationszeit der Erbe der mittelalterlichen Liebestätigkeit. Spitäler, Seel-, Leprosen-, Pilger- und Elendhäuser, Almosenspenden werden geschildert in den ehemaligen Reichsstädten des heute bayerischen Schwabens, einschließlich Ulm, nämlich Lindau, Kaufbeuren, Kempten,


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Memmingen, Augsburg und Donauwörth. --Eichheim ( 1687) läßt durch eingehende Behandlung des Stoffes seine Geschichte des Zollwesens einer Reichsstadt zu einer Geschichte ihres Handels auswachsen. Nicht bloß der Durchgangs-, auch der Binnenhandel erfährt seine Würdigung, da auch die Lebensmittelabgaben herangezogen werden. --Brauns Arbeit ( 2236), von Otto Hartig angeregt, schildert einen Arzt von Beruf, der als Mathematiker und Kalenderschreiber vielfach arbeitete, einen Kampf um  deutsche Sprache und Sitte führte, der eine Lehrer- und Seelsorgernatur, ein custos sanitatis für Leib und Seele war. --Braun ( 2237) bespricht auch die Predigt des Franziskanerguardians Joh. Wintzler über die Anrufung der Heiligen, die er auf Pauli Bekehrung in der Martinskirche zu Memmingen gehalten hat. -- Von Vock ( 365) sind aus der Regierungszeit von 3 Kemptener Äbten (1320--1381) 149 Urkunden, davon 118 im Original, geschrieben von 23 verschiedenen Händen, untersucht worden. Sichere Namen der Schreiber, die alle später Stadtschreiber geworden sind, kann er nur vier feststellen. Pergament, Schriftspiegel, Initialen, einzelne Buchstaben, Kürzungen usw. werden geprüft.

V. Namenkunde.

Die Ortsnamen, umfassend Siedlungsnamen, ohne Flur- und Lagenamen auszuschließen, sind bei Eberl ( 687) gemäß dem Titel nach ihrer zeitlichen Schichtung betrachtet. Die keltische, römische und älteste  deutsche Namensschicht wird daher unterschieden. Es folgen die ältere Aufbausiedlung und die zweite Rodungsperiode (11. u. 12. Jhrh.). Ein Nachschlageverzeichnis der Grund- und Bestimmungswörter macht das Werk besonders brauchbar. -- Schiffmanns Abhandlung ( 513) ist eine Ergänzung zu seinem Buche »Das Land ob der Enns«. Es wird bewiesen, daß die Gaunamen (Mattig-, Ater-, Pon- und Pinzgau) ursprünglich Ortsnamen sind und daß dies auch bezüglich des Traungaus i. e. S. zutrifft. --Buchner ( 716) gibt ein nicht vollständiges Verzeichnis von bayerischen Familiennamen, deren Sinn heute nicht mehr verständlich ist, weil der Beruf ausgestorben ist. Der zweite Teil ist in den »Blätt. des bayer. Landesver. f. Familienkunde« erschienen. -- Die Bayern haben nach E. Schwarz ( 680) unter Walchen die südlich der Donau vorgefundenen Romanen verstanden. Barschalken (in der Übersetzung tributales) sind Freie, aber an die Scholle gebunden. --Zeiß ( 524) sagt: »Bis auf weitere Beweise darf das 10. bis 11. Jahrhundert als die Zeit gelten, welcher im allgemeinen die Entstehung der Wimpassing-Orte zuzuweisen ist«; denn erst im 12. Jahrhundert treten sie urkundlich häufiger auf. Es ist also ihr Hinaufrücken in die Einwanderungszeit der Bajuwaren entschieden abzulehnen. --Espan ( 687 a) kommt in Bayern in allen Kreisen, mit Ausnahme vielleicht von Oberfranken vor. Es ist ein der Gemeinde gehöriger, zur Weide für Großvieh dienender Platz


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in der Nähe des Dorfes, aber nicht in der Almende. Schnetz trennt E-span, d. h. Ee soviel wie Recht, Gemeinde und spannen-leichtes Fesseln der Zugtiere, damit sie dem benachbarten Kulturland durch Abweiden keinen Schaden zufügen können.

X. Neuere Geschichte seit 1820.

Über Fürstprimas Karl von Dalberg als Freund der Armen und Mäcen der Gelehrten weiß H. Huber ( 1128) einiges Neue aus der Zeit um 1813 zu sagen, in der Hauptsache auf Grund eines erstmals benützten Faszikels Korrespondenzen mit seinem Aschaffenburger Kabinettsekretär, Geheimrat Müller. -- Die weitläufigen Verhandlungen des bayerischen Landtages nur als Hintergrund verwendend gibt E. Franz ( 1617), in erster Linie auf Grund des damals wichtigsten Faktors politischer Beeinflussung, d. h. der Flugblattpresse einerseits, der zeitgenössischen literarischen Erzeugnisse großen Formats anderseits, eine Geschichte der bayerischen Verfassungskämpfe 1818--1848. Die Jahre 1830--1832 bedeuten Höhepunkt und Peripetie. Dabei werden markante Persönlichkeiten der Zeit wie König Ludwig I., der liberale Würzburger Universitätsprofessor W. J. Behr, Staatsminister v. Zentner, J. v. Rudhart, E. v. Schenk, K. v. Abel u. a. zum Teil in wesentlich neuem Licht gezeigt. Zugleich bietet das Buch eine bisher vermißte Einführung in die Anfänge des bayerischen, hauptsächlich fränkisch-pfälzischen Liberalismus in seinen verschiedenen Schattierungen. -- Einzelheiten zu dieser Epoche tragen W. Winkler ( 1212) und J. Sauter ( 1810) bei, ersterer, indem er weitverbreitete Irrtümer über den schriftlichen Nachlaß König Ludwigs I. richtigstellt und den legitimierten Forscher in das tatsächlich Vorhandene einweist, letzterer, indem er über die weitgehenden, in England gefaßten und von dort befruchteten Pläne dieses Pioniers bayerischen und deutschen Eisenbahnwesens aus dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts einige beachtliche Neuigkeiten veröffentlicht. -- Der Kern der Studie über Bayerns Haltung zum preußischen Unionsprojekt, der letzten großen, von Doeberl ( 1211) selbst noch vollendeten Arbeit dieser Serie, liegt in der klaren Erfassung der Probleme, welche das Unionsprojekt Friedrich Wilhelms IV. für die Einstellung des deutschen Südens, im besonderen Bayerns, zur deutschen Einigung in den Jahren nach dem Versagen des Frankfurter Parlaments aufwarf. Diese Lösung der deutschen


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Frage »mit einem Schlag« widersprach den Aspirationen des von der Triasidee mehr und mehr erfüllten Königs Max II. und seines leitenden Ministers Freiherrn von der Pfordten, dessen Nachlaß Doeberl erstmals ausgiebig verwenden durfte. Besonders zu beachten ist, wie gerade von der Pfordten, der Neubayer, der Protestant, dem Preußen nach Religion und Tradition näher liegen mußte als Österreich, aus teilweise guten Gründen das preußische Unionsprojekt bekämpfte und zum Scheitern brachte. -- Von tief innerlicher Erfassung der Strömungen in der katholischen deutschen Gelehrtenwelt des 19. Jahrhunderts, repräsentiert in drei Charakterköpfen, zeugen des gleichfalls verstorbenen F. Vigener ( 2104) Skizzen über den Tübinger, dann Münchner Theologieprofessor Möhler, den nachmaligen Fürstbischof von Breslau, v. Diepenbrock, und den Münchner Professor der Dogmatik J. v. Döllinger. Was hier in Zusammenfassung von Bekanntem und Darreichung neuer Erkenntnisse über die »Symbolik« Möhlers, über seine Beziehungen zu Döllinger, über die Einwirkung des bekannten Regensburger Bischofs Sailer auf Diepenbrock, über des Westfalen prächtige  deutsche Gesinnung, über Döllingers Härte im Kampf gegen sich und andere, über seine Stellung zu Ranke u. a. m. gesagt wird, ist von hohem Reiz. Gegenüber den Aufsätzen über Möhler und Diepenbrock fällt jener über Döllinger wesentlich ab, da ihm die letzte Feile fehlt. Auch der recht hartnäckig geübte Verzicht auf Quellenangaben ist für den nachfahrenden Forscher verdrießlich -- der Tod hat Vigener die Feder zu früh genommen. Aber auch so bleibt es noch eine beachtenswerte Leistung des feinsinnigen Gelehrten. -- An F. Solleders ( 1313) Aufsatz wird der Forscher einmal die Zusammenstellung der wichtigsten Literatur über Ludwig II., sodann die mit den notwendigen Anmerkungen versehenen »Aufzeichnungen eines Augenzeugen« der letzten Tage Ludwigs II. auf Neuschwanstein, des Ministeralkommissäre Kopplstätter, begrüßen, da wir gerade über die zweite Staatskommission bisher nur regierungsseitig aus dem Jahre 1886 unterrichtet waren.

II. Gesamtdarstellungen.

Je lebendiger die Einheitlichkeit nationaler Geschichtsauffassung in dem Bewußtsein aller Deutschen als Notwendigkeit empfunden wird, um so stärker wächst das Verlangen, sich mit den alten trennenden Geistesmächten auseinanderzusetzen. Von Schaden für die Wissenschaft wird es nur, wenn man übersieht, das Tote als Totes zu behandeln. Diese notwendige Scheidung zwischen Abgestorbenem und Lebendigem ist Kaindl nicht ganz gelungen. Der Gegenstand, den Kaindl ( 235) in seinem »Österreich, Preußen, Deutschland« behandelt, verdiente wirklich einmal auf Grund eingehender Quellenforschung mit jener Objektivität dargestellt zu werden, wie sie nur aus dem unmittelbaren Verkehr mit den zeitgenössischen Zeugnissen hervorgeht. Kaindl selbst hat als »Zweck« seiner Arbeit bezeichnet: »ich will der geschichtlichen Wahrheit zu ihrem Rechte verhelfen, die Kluft zwischen den Volksgenossen hüben und drüben überbrücken, beim deutschen Volke den großdeutsch-mitteleuropäischen Gedanken, der seit Karl dem Großen das  deutsche Schicksal beherrscht, stärken, endlich darauf verweisen, daß dieser sich nur durch den Föderalismus verwirklichen läßt.« Obwohl sich K. bewußt ist, daß die Ausdrücke »großdeutsch«, »kleindeutsch«, »ganzdeutsch« erst seit 1848 in Aufnahme kamen, will er sie auch für die frühere Zeit dort benützen, »sobald die ihnen zugrunde liegenden Begriffe vorhanden sind«. Die 12 Kapitel, in die das Buch zerfällt, gliedern sich folgendermaßen: 1. Das alte Kaisertum als Träger des großdeutschen Gedankens und seine Gegner, 2. Deutschlands Erniedrigung. Das Erlöschen der deutschen Kaiserwürde. Anteil Österreichs und Preußens an den Befreiungskriegen,


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3. Deutschlands Wiederaufbau und seine Hemmnisse. Die wahre Bedeutung des Deutschen Bundes und des Föderalismus, 4. Die Unterdrückung der deutschen Einheits- und Freiheitsbewegung. Die Ausbreitung liberaler Ideen in Österreich vor 1848, 5. Das Aufkommen des kleindeutschen Standpunktes und die Anfänge des großdeutsch-österreichischen Widerstandes. Der großdeutsche Gedanke in Österreich vor 1848, 6. Die  deutsche Frage von der Februarrevolution bis zur Frage an Österreich. Der großdeutsche Sommer in der Frankfurter Nationalversammlung, 7. Die deutschen Mächte und die Nationalversammlung. Schwarzenbergs Vorschlag des 70-Millionenreiches. Das Scheitern des kleindeutschen Kaisertums, 8. Preußens kleindeutsche Versuche. Zurück zum Deutschen Bunde. Österreichs großdeutsche Bemühungen und der Neuabsolutismus. 1866, 9. Bismarcks großdeutsche Pläne und ihr Scheitern, 10. Das Schwinden des großdeutschen Geistes im Deutschen Reich. Großdeutsche Belebungsversuche. Alldeutsche Bewegung im Reich und ihr geringer Erfolg, 11. Der  deutsche Gedanke in Österreich seit 1848. Ganzdeutsche und großdeutsche Bestrebungen. Schutzarbeit und Anschlußbewegung, 12. Der  deutsche Föderalismus und das mitteleuropäische Problem.

II. Gesamtdarstellungen.

Aus diesen Kapitelüberschriften allein mag man ersehen, daß hier so ziemlich alle die Geschichte Österreichs und fast ganz Deutschlands berührenden Schicksalsfragen angeschnitten werden. K. begnügt sich aber nicht damit, die historischen Tatsachen festzustellen, er sucht sie vielmehr auch noch in ein bestimmtes politisches Ideal einzubauen, das ihm als Heilmittel wider die  deutsche Zerrissenheit vorschwebt. Sie sind ihm durchwegs Beweise, daß es nur der Föderalismus war und ist, auf dessen Grundlage die Deutschen ihr staatliches Ideal zu verwirklichen imstande sind und waren. So überschneidet sich in K.s Ausführungen geschichtswissenschaftliches mit politischem und weltanschaulichem Wollen, das von einer stark preußenfeindlichen Gedankenrichtung getragen wird. (B.)

III. Geschichtliche Landeskunde.

Mit gutem Grund werden die Schriften des Innsbrucker Instituts für Sozialforschung in den Alpenländern durch eine volkskundliche Studie H. Wopfners über die  deutsche Siedlungsarbeit in Süd tirol ( 516) eröffnet. Auf knapp 40 Seiten entrollt uns W. in meisterhafter Kürze und Anschaulichkeit diese Siedlungsarbeit während eines Jahrtausends, die ersten Phasen der Festsetzung des bayrischen Stammes, das Fortschreiten der Germanisierung bis ins 12. und den Ausbau der Innenkolonisation bis ins 14. Jahrhundert in Hof, Dorf und Stadt. Der Unterschied gegenüber Churrätien tritt sinnfällig hervor. -- Denselben Gegenstand hat H. Wopfner unter stärkerer Miteinbeziehung der vordeutschen Siedlung und unter Beigabe instruktiver Bilder und Pläne in gedrängtester Kürze nochmals behandelt ( 515), wobei er die Umgebung Bozens besonders ins Auge faßt. -- Auch C. Battisti berührt mit seinem Berichte über die Deutschsüdtiroler Ortsnamenforschung 1914--1924 ( 648) ebendieses Thema, wobei er die vorromanischen und die romanischen (ladinischen) Ortsnamen besonders berücksichtigt. Die grundlegende Bedeutung der von Tarneller und anderen deutschen Forschern geleisteten Arbeiten ist durchaus anerkannt. -- L. Steinbergers einschlägige Beiträge ( 682) beziehen sich vornehmlich auf R. Stafflers Hofnamen im Landgerichte Kastelbell unter stärkerer Betonung ihres philologischen Gehaltes. -- Ebendiesem Forschungszweige gilt in weiterem Sinne auch die Vortragsfolge Deutschsüdtirol ( 223), deren erster Teil schon 1925 erschienen ist. H. Voltelini skizziert darin die Geschichte, W. Winkler die statistischen, A. Verdroß die rechtlichen Verhältnisse. W.s Vortrag und Anhang enthalten eine Fülle sehr beachtenswerten tabellarischen und graphischen Beiwerks. W. Steinhausen führt die Ortsnamen als Zeugen auf. -- All diesen zumeist den Nöten der Gegenwart entsprungenen Abhandlungen und Vorträgen wird H. Margreiters Verzeichnis der Literatur über Südtirol seit 1919 ( 18) als willkommene Ergänzung angereiht werden können. Vollständigkeit war angesichts des Interesses, dem die Lage Deutschsüdtirols in der Gegenwart auf der ganzen Welt begegnet, nicht zu erzielen. Gleichwohl hat M., zumal was die italienische Literatur betrifft, die reichsitalienischen Literaturübersichten nicht unwesentlich ergänzen können. Das Verzeichnis gliedert sich in fünfzehn Fachgruppen.

a) bis 1378.

Die gesamte böhmische Frühgeschichte umfaßt Šusta (S. 162, Nr. 51) in seinem zweibändigen, erstmalig 1916--1919 erschienenen Werke, dessen erster Band nunmehr in zweiter Auflage vorliegt. Die tschechische Wissenschaft darf mit Stolz auf dieses Werk blicken. Š. greift jene entscheidende Epoche heraus, in der Böhmen weit über die Landesgrenzen hinauswuchs, ein Zentralpunkt deutscher Geschichte, ein maßgeblicher Faktor der französischen, italienischen, ungarischen und polnischen Politik geworden und gewesen ist: die Zeit von 1300--1320, da Wenzel II., III., Habsburger wie Albrecht I., Johann von Luxemburg, Philipp IV. der Schöne und Bonifaz VIII. in der europäischen Politik miteinander rangen. Vergeblich wäre das Unternehmen, hier auch nur in Hauptzügen den reichen Inhalt von Š.s Werk wiedergeben zu wollen. Š. hat hier


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mit Meisterschaft ein Musterwerk politischer und sozialgeschichtlicher Betrachtungsweise, in engster Verbindung mit Verfassungs- und Geistesgeschichte zustande gebracht, das eine Übersetzung ins  Deutsche im vollsten Maße verdient. Für Š. ist der genannte Zeitraum der Endpunkt alles dessen, was sich in der slawischen, vor allem dann in der deutschkolonialen Zeit entwickelte, zugleich Ausgang jener Bewegungen, die im Hussitentum gipfelten. Gerade dieses weite Ausgreifen läßt das Werk neben seinen politischen Seiten zu einer Verfassungs- und Sozialgeschichte der beiden entscheidenden Jahrhunderte: des 13. und 14. werden. Da das fesselnd geschriebene Werk auf einen größeren Leserkreis berechnet ist, wurde der wissenschaftliche Apparat auf ein Mindestmaß eingeschränkt. Dennoch erkennt der Fachmann überall das Aufbauen auf den unmittelbaren Quellen. Ausgehend von der Einwirkung der Geldwirtschaft und den sozialen Verhältnissen der slawischen Zeit zeigt Š. die Folgen der deutschen Kolonisation auf, deren Wirkung im Sudetenraume in vielem nachhaltiger gewesen ist als in der Nachbarschaft. Das Bergwesen ist eine der Haupttriebkräfte mit für das Herbeiströmen deutscher Siedler, wenngleich daneben eine sehr bedeutende bäuerliche Besiedlung einherging, was besonders betont werden soll, da Š. sein Augenmerk vor allem der städtischen Entwicklung schenkt. Patriziat und Adelsmacht entstehen in dieser Zeit. Beide liegen im 14. Jahrhundert im heftigen Kampfe. Die Regierung Ottokars II. wird eingehender gewürdigt, Wenzel II. in bedeutend helleren Farben als gemeinhin gezeichnet. An seinen Plänen und seinem Gedankengute zehrt noch Karl IV. Unter Wenzel II. wächst die Przemyslidenmonarchie mächtig an, Ungarn und Polen werden in das politische Interessengebiet Böhmens einbezogen. Im Kampfe von deutschem König und Papst wie Frankreich spielt es eine selbständige Rolle, immer mehr quillt es aus dem Reichsganzen hinaus gerade unter der Mithilfe deutscher Geistlichkeit und Ritterschaft, die durch den Einzug der Luxemburger immer mehr an Macht gewinnen. Der Vergleich Böhmens mit Frankreich wird von Š. oftmals mit Recht gezogen. Das ruhelose Auf- und Abwogen der politischen Geschehnisse wird bis ins einzelne verfolgt, wobei das Wirken wirtschaftlicher Triebkräfte in den Vordergrund gestellt wird. Neues Licht fällt auf die Politik Heinrichs VII., Ludwigs des Baiern und Friedrichs von Österreich. Der entschiedene Sieg des Adels unter Johann bestimmt dann Böhmens innenpolitische Zukunft. Gerade der Adel hat, da er sich auf die Seite der tschechischen Nation stellte, gegen das  deutsche Patriziat ein wirksames Gegengewicht dargestellt, da er sich, wenngleich nicht restlos, der tschechisch-nationalen Bewegung anschloß. Karls IV. Zeit ist bereits erfüllt von all den sozialen Kämpfen, die sich aus der deutschen Kolonisation und dem politischen Umschwunge unter Johann ergaben. Der Vergleich mit dem Schicksal der slawischen Bevölkerung in den Elbe- und Oderlanden drängt sich mehr denn einmal auf, wo die Städte wie Breslau oder die Sechsstädte der Lausitz gerade einen überragenden politischen Einfluß erlangt haben, der ihnen in Böhmen nur zeitweise gegönnt war, dann aber vom Adel abgejagt wurde. Darin sieht Š. den Grund, warum Böhmen nicht völlig eingedeutscht worden ist.

c) bis 1918.

Trotz des reichhaltigen vorhandenen Schrifttums über die tschechische Wiedergeburt, die so eng mit der deutschen Kulturwelt verknüpft ist, bringen neue Betrachtungsweisen, wie die Fischers in seiner großen Palacký-Monographie noch immer Neues, auch für die  deutsche Geschichte Wichtiges zutage. Auf das Werk wird später eingegangen werden. Besonders die Wiener Archive bergen noch manches zur Erhellung dieser für  Deutsche wie Tschechen gleich wichtigen Zeit. Das beweisen vor allem Kazbundas (S. 160 Nr. 27 f.) Arbeiten, die dem Vormärz gewidmet sind. Nicht so sehr ist in diesem Zusammenhange zu betonen, daß er Havlíčeks Persönlichkeit durch die von den Ämtern verfaßten Berichte, Gutachten usw. heller beleuchtet, sondern daß dabei neuerlich zutagetritt, wie Metternich Panslawismus und »Tschechismus« nur dann bekämpfte, wenn sie politisch-russische Färbung annahmen, während nationaldeutsches Streben unbedingt unterdrückt wurde. Ein eigenartiges Licht auf die gesamte Politik gegenüber den Slawen wirft es, wenn Šafařík Zensor war und Havlíček in einem seiner bezeichnenden Berichte 1847 (er wird deutsch mitgeteilt) gegenüber den Berichten der Prager Polizeidirektion verteidigte.

c) bis 1918.

Der sudetenländischen Geschichte fehlt es bisher an größeren eingehenden Gesamtbearbeitungen, besonders für die neuere Zeit. Daher ist jeder Ersatz zu begrüßen. Als notdürftiger Ersatz zu werten ist H. Traub: Naše politické dějiny v 19. stol. (Unsere politische Geschichte im 19. Jahrhundert), 156 S., die als populäre Zusammenfassung der tschechoslowakischen Geschichte des 19. Jahrhunderts -- sie behandelt die Slowaken mit -- gelten darf, so daß sie von vornherein auf neue Erkenntnisse verzichtet, leider auch alte Fehler wiederholt, so wenn Josef II. neuerdings unterschoben wird, er habe aus den verschiedenen Nationalitäten »ein Volk, nämlich ein deutsches«, machen wollen, wenn vom geschlossenen deutschen Sprachgebiete, das durch die deutschen Kolonisten gerodet worden ist, als von verdeutschten Gebieten gesprochen wird usw. Dennoch überragt diese Arbeit die oben genannte von Srb beträchtlich. Im Literaturverzeichnis hätten außer Fischel doch auch noch einige andere  deutsche Arbeiten einen Platz verdient.

V. Rechts- und Verfassungsgeschichte.

Der neuerstandene Staat veranlaßte die akademischen Lehrer, rechtsgeschichtliche Lernbehelfe für ihre Hörer zu schaffen, deren einige im Berichtsjahre vorliegen. Kapras (S. 160, Nr. 26) konnte sich dabei auf seine große, seit 1912 erscheinende, bisher unvollendete Rechtsgeschichte der böhmischen Länder stützen und seinen Studenten einen


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knappen, auch die historischen böhmischen Nebenländer berücksichtigenden Abriß vorlegen, der neben dem großen Werke selbständigen Wert besitzt, da die neuere Literatur verarbeitet und in einem nützlichen Anhange mit verzeichnet ist. Auch der verdiente Erforscher der slawischen Rechtsgeschichte Kadlec (S. 160, Nr. 24) verbesserte seine bis 1848 reichende, 1907/08 erstmalig erschienene Verfassungsgeschichte Mährens und bearbeitete besonders die Zeit bis 1628 vollständig neu. Anerkennenswert dabei ist, daß er die mährischen Verhältnisse nicht nur in den böhmischen, sondern allgemein slawischen und deutschen Rahmen einordnet, wie es bei dem Verfasser der »Dějiny veřejného práva v střední Evropě« (1924) (Geschichte des öffentlichen Rechtes in Mitteleuropa) gar nicht anders zu erwarten ist. Hinzugenommen hat K. auch Schlesien (Troppau-Jägerndorf). Ein Literaturverzeichnis ist beigegeben. Baxa (S. 159, Nr. 3) hat schließlich für die Zeit nach 1848 einen Abriß des öffentlichen Rechtes in Mitteleuropa (Deutsches Reich und Österreich) geliefert, diesen bis 1918 geführt, allerdings in erster Linie Böhmen berücksichtigt, während das  Deutsche Reich entschieden zu kurz kommt.

VI. Wirtschaftsgeschichte.

Einen auf langjährigem Sammelfleiße beruhenden Überblick über die Bauernfrage im Hussitentum legt Chaloupecký (S. 159, Nr. 7) vor. Dieses für breitere Kreise berechnete Büchlein behandelt die agrarische Entwicklung seit der slawischen Zeit, trachtet die Gegensätze zwischen slawischer und deutscher Zeit zu erfassen, äußert aber in der Bewertung der Kolonisation Ansichten, die nur mit größter Vorsicht aufgenommen werden können. Sie gipfeln in dem Satze: »Und so zerfließt unter der kritischen Analyse in gleicher Weise die  deutsche Kolonisationsidylle, wie uns die romantischen Vorstellungen von der urzeitlichen slawischen Idylle zerflossen.« Eindrucksvoll schildert er dann die Verschlechterung der Lage des Bauernstandes im 14. Jahrhundert, zugleich die Entstehung ideologisch-soziologischer Strömungen bei den geistigen Führern der Zeit, welche ein wahrhaftes Humanitätsprogramm, besonders auf die Armen und Unterdrückten berechnet, entwickelten. Die Bauernfrage und -befreiung beschäftigte die Vorgänger von Hus fast insgesamt, der sich dann selbst ausgiebig damit beschäftigte. Die hussitische Bewegung war ja auch zum Teil eine soziale, welche durch die hussitische Revolution aus den Fugen getrieben und um die unmittelbaren Erfolge gebracht worden, aber nie mehr aus den Köpfen geschwunden ist.

VII. Kirchengeschichte.

Wegen des so engen Zusammenhanges von Staat und Kirche, von religiösem und politischem Schicksal auf sudetenländischem Boden erfreut sich die Kirchengeschichte eifriger Pflege. Daher fand auch Schmid ( 2058) für seine großangelegte Darstellung der Entstehung der westslawischen Pfarrorganisation auf sudetenländischem Boden bereits zwei verläßliche und aufschlußreiche Arbeiten von Krofta und Hrubý vor, auf die er sich für die Sudetenländer stützen konnte. Er hat jedoch mit bewährtem Scharfsinn das gesamte Material nochmals sorgfältig durchgearbeitet und hat zum Teil die früheren Erkenntnisse bestätigt, zum Teil Neues zutage gefördert. Die stete Umschau in der slawischen Nachbarschaft hilft manche Besonderheit böhmischer Kirchenorganisation sinnfällig machen, manche vereinzelt dastehende Tatsache als gemeinslawische Erscheinung erkennen. Wie in seinen früheren Arbeiten behandelt auch hier Schm. systematisch die einschlägigen Fragen wie Burgenkirche, Zehnten, Patronat, Eigenkirche, Ausstattung der Kirchen, versucht Fragen wie den Kirchenstreit zwischen Andreas und Ottokar neu zu beleuchten. Erneut geht aus Schm.s Arbeit hervor, wie ungemein stark der weltliche Einfluß besonders auf das niedere Kirchenwesen bis ins späte Mittelalter war. Angemerkt sei noch, daß auch die durch die  deutsche Besiedlung hervorgerufenen Änderungen eingehend beleuchtet werden, so daß nach der kirchenrechtlichen Seite hin die bisher offenstehenden Fragen als gelöst zu betrachten sind.


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I. Schweden.

Außerordentlich wertvoll für  deutsche Geschichte ist der neue Band von Rikskansleren Axel Oxenstjernas Skrifter och Brefväxling hrsg. von der Kungl. Vitterhets-Historie och Antiqvitets-Akademien, II. Abt., Bd. 7 ( 11). Er enthält die Briefe des Kanzlers aus dem Jahre 1632, das in seinem Leben eines der


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wichtigsten war. Er hatte den Auftrag erhalten, für die bevorstehenden Entscheidungskämpfe die einzelnen schwedischen Armeen zur Verstärkung des Hauptheeres zusammenzuziehen, als ihn die Kunde vom Tode Gustaf Adolfs traf und ihm alsbald die politische und die militärische Leitung des Krieges zufiel. Unter den weit über 700 in diesem Bande abgedruckten Briefen und Aktenstücken berührt die überwiegende Mehrzahl  deutsche Verhältnisse. Die Herausgabe besorgte in mustergültiger Weise Herman Brulin.

A. Allgemeines.

In der Entwicklung der polnischen Geschichtsforschung bildet das erste der beiden Berichtsjahre einen bedeutsamen Markstein: zur Neunhundertjahrfeier der Königskrönung Bolesław Chrobrys versammelten sich die polnischen Historiker in Posen zu ihrem IV. Allgemeinen Kongreß ( 121): durch die  deutsche »Historische Gesellschaft für Posen« war auch ein Zweig der deutschen Geschichtswissenschaft auf ihm vertreten. Die Sammlung der für den Kongreß bestimmten Referate ( 173) gewährt einen trefflichen Überblick über den Stand der polnischen Geschichtsforschung und zeigt, wie eng an der Mehrzahl der Probleme, die sie beschäftigen, auch die  deutsche Wissenschaft interessiert ist. Aus ihrer Zahl seien hier L. Finkels Rückblick auf die Ergebnisse der früheren Kongresse ( 71) erwähnt, der besonders die Lücken in der Durchführung der von ihnen beschlossenen Probleme aufzeigt, und W. Konopczyńskis Anregungen ( 112), deren Zweck es ist, Wege zu weisen, deren Beschreiten in Zukunft das Entstehen derartiger Lücken verhindern soll. Referate von programmatischer Bedeutung für einzelne Zweige der polnischen Geschichtsforschung und über bestimmte Aufgaben monographischer Untersuchung werden, soweit sie für die  deutsche Geschichtswissenschaft besondere Bedeutung haben, noch weiterhin zu erwähnen sein. Im selben Jahre haben sich viele der hervorragendsten Vertreter der polnischen Forschung zu einer umfassenden Huldigungsgabe für den Meister der polnischen Rechtsgeschichte, aber auch der polnischen Mediävistik in weitestem Sinne, Oswald Balzer, zusammengefunden ( 125), dessen Bedeutung für die Erforschung der polnischen Verfassungsgeschichte, in der so manche deutschen Kulturelemente wirksam geworden sind, uns sein Schüler Z. Wojciechowski schildert ( 255); verschiedene Aufsätze der Balzer-Festschrift wie der bescheideneren Ehrengabe für den Soziologen Ludwik Krzywicki ( 227) werden noch zu würdigen sein, ebenso manche der Einzelstudien, die der Begründer der polnischen Wirtschaftsgeschichte, Franciszek Bujak, zu einem Sammelband von »Geographisch-historischen Studien« ( 34) vereinigt hat. Durch eine Würdigung seines Lebenswerkes aus der Feder O. Haleckis ( 91) ist auch der um die Geschichte des polnischen Mittelalters hoch verdiente Waitz-Schüler St. Smolka, der Biograph des schlesischen Herzogs Heinrichs des Bärtigen,


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geehrt worden. Die durch das Beispiel der deutschen Wissenschaft in stärkstem Maße befruchtete Entwicklung der polnischen historischen Forschung im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts schildert in kurzen Zügen und in populärer Form Z. Wojciechowski ( 254), während M. Handelsman in meisterhafter Weise, in gedrängtester Form und doch bibliographisch zuverlässig, über Inhalt und Ziele der gesamten polnischen Geschichtswissenschaft, soweit sie heute noch Bedeutung hat, unterrichtet ( 93); freilich weiß man nicht recht, was er unter der »deutschen Firnis« versteht, deren Verschwinden er herbeiwünscht: doch wohl nicht die methodische Durchbildung, die sich die Begründer der modernen polnischen Forschung seinerzeit an den deutschen Forschungsstätten angeeignet und die sie so trefflich in ihrer heimischen Wissenschaft einzubürgern verstanden haben.

B. Beiträge zur deutschen Geschichte außer Zusammenhang mit der Erforschung der polnischen Geschichte.

Auf Grund sorgfältiger Analyse der gleichzeitigen Quellen bemüht sich Marjan Henryk Serejski um die Aufhellung der in der historischen Forschung -- deren deutscher Zweig von ihm wie von Manteuffel leider nicht überall auf Grund der letzten Formulierung ihrer Ergebnisse herangezogen wird -- nicht einheitlich beurteilten Frage nach der Stellung der fränkischen Monarchie des 5. und 6. Jahrhunderts zum römischen Reichsgedankens ( 216): im Gegensatz namentlich zu Fustel de Coulanges und Hauck, in Übereinstimmung mit Forschern wie Waitz, von Halban und Kurth, findet Serejski keine Spuren einer tatsächlichen Anerkennung der Abhängigkeit des Frankenreichs vom Imperium. Die fränkischen Herrscher haben, von Chlodwig an, zwar vielfach die Freundschaft der Kaiser gesucht, ihr Primat unter den christlichen Monarchen, auch ihre Stellung als Beschützer der gesamten katholischen Kirche, niemals aber ihre weitergehenden, auf eine tatsächliche Unterstellung des Frankenreiches unter ihre Gewalt abzielenden Ansprüche anerkannt: Münzen mit kaiserlicher Prägung ließen sie nur auf Grund wirtschaftlicher Erwägungen schlagen. Die gallische Kirche sieht seit Chlodwigs Taufe in den fränkischen Königen die rechtmäßigen Nachfolger der Kaiser in der Landesherrschaft und läßt sich auch nicht in den Dienst der von einzelnenen Päpsten vertretenen, auf die Wiederherstellung der Reichseinheit abzielenden Politik stellen, trotzdem sie an der Einheit der kirchlichen Organisation festhält. Die gallisch-römische Gesellschaft endlich lebt zwar vielfach noch in den Traditionen der kaiserlichen Zeit, pflegt sie, von den fränkischen Herrschern gefördert, in ihrem Schrifttum, zieht aber keinerlei politische Folgerungen aus dieser Einstellung, huldigt vielmehr einstimmig der ihre Rechtssicherheit gewährleistenden neuen Ordnung. In die Form eines Beitrages zur Quellengeschichte kleidet M. Handelsman selbst das Ergebnis seiner Studien über die bestimmenden Kräfte im Merowingerreiche des 7. Jahrhunderts: seine aufschlußreiche Untersuchung über die sog. praeceptio von 614 liegt in polnischer und französischer Fassung vor ( 94). Über die Boretiussche Ausgabe auf die Handschriften zurückgehend, stellt der Verfasser fest, daß der von dem Editor als II bezeichnete Text, obgleich in späterer Niederschrift erhalten und durch Lesefehler seines Abschreibers stellenweise unverständlich, der verlorenen Urschrift des Denkmals näher steht als der früher niedergeschriebene, äußerlich korrektere Text I. Die eingehende inhaltliche Analyse seiner Bestimmungen führt zu dem Schluß, daß manche von ihnen den tatsächlichen Rechtsverhältnissen des merowingischen Staates nicht entsprechen, dagegen deutliche Verwandtschaft mit Bestimmungen des römischen und namentlich des westgotischen Rechts verraten, daß sie ferner augenscheinlich


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die besonderen Bedürfnisse des aquitanischen Klerus im Auge haben. Die Einordnung in die politische Zeitgeschichte, der Vergleich mit anderen gleichzeitigen Quellen, namentlich mit den Beschlüssen der fränkischen Synoden und dem Edikt von 614 erlaubt die Annahme, daß die sog. praeceptio nicht einen wirklichen Akt königlicher Gesetzgebung darstellt, daß sie vielmehr eine Formulierung des kirchenpolitischen Programms des aquitanischen Klerus enthält, die, wahrscheinlich um 613 oder zwischen 622 und 629 entstanden, diesem als Handhabe bei der Vertretung seiner Wünsche auf den Reichsversammlungen dienen sollte, in deren tatsächlichen Beschlüssen von ihrem Inhalt immer wichtige Abstriche gemacht worden sind. Unmittelbar in die  deutsche Verfassungsgeschichte des Mittelalters führen die Untersuchungen des jungen, 1927 in der Blüte seiner Jahre seinen Arbeiten, von denen auch die  deutsche Geschichtswissenschaft viel erwarten durfte, entrissenen Rechtshistorikers Teodor Tyc über die Entstehung und den Charakter der Immunität der elsässischen Abtei Weißenburg: da sie inzwischen in französischem Gewande in Buchform erschienen sind (L'Immunité de Wissembourg, Strasbourg 1927), genügt hier der Hinweis, daß die polnische Zusammenfassung der Hauptergebnisse ( 231) in der Einleitung methodische Erwägungen über die Wichtigkeit der monographischen Untersuchung der älteren deutschen und französischen Immunitätsverhältnisse für die Erkenntnis ihrer jüngeren polnischen Entsprechungen bringt.

1. Quellenveröffentlichungen. Quellenkunde.

Die Quellen der polnischen Geschichte des Mittelalters haben fast ausnahmslos für den deutschen Historiker mittelbare oder unmittelbare Bedeutung: darum sei der übrigens geringfügige Ertrag der Berichtsjahre an neuen Publikationen vollständig verzeichnet: neben kleineren Veröffentlichungen, wie der einiger für die Kirchen- und Verfassungsgeschichte wertvoller großpolnischer Urkunden durch K. Maleczyński ( 149, Berichtigungen in 180) und einiger für den Heraldiker wichtiger Gerichtsakteneintragungen aus Masovien durch Z. Wdodiszewski ( 248), einer für Übungszwecke bestimmten, von St. Arnold geschickt besorgten Auswahl aus den erzählenden Geschichtsquellen des polnischen Mittelalters ( 6) stehen umfassendere Editionen, die der Kenntnis der Geschichte des deutschen Rechts auf polnischem Boden zugute kommen: das gilt ebenso von der noch von dem unermüdlichen Editor mittelalterlicher Urkunden- und Aktenschätze B. Ulanowski († 1919) geschaffenen Sammlung der Urkunden und Akten der Warschauer Kollegiatkirche (1355--1554) ( 4) -- man könnte sie geradezu als Lesebuch zur Geschichte des deutschen Siedelungsrechts in Masovien bezeichnen -- wie von K. Kaczmarczyks an A. Warschauers »Stadtbuch von Posen« ( 1892) anknüpfenden Posener Ratsakten ( 5): sie bringen natürlich in erster Linie privatrechtliches Material, aber auch wichtige Nachrichten zur Kenntnis der Stadtverfassung, der Zunftorganisation, der Handelsbeziehungen der Stadt, der sozialen und ethnischen Gliederung ihrer Bevölkerung. Namentlich für die Erkenntnis der letzteren bietet das Verhältnis der deutschen zu den polnischen Personennamen manche Anhaltspunkte, die greifbarer sind als die aus der Sprache der einzelnen Eintragungen (neben einer Mehrzahl lateinischer stehen zahlreiche  deutsche Texte und ein polnischer Eintrag) sich ergebenden. Der Erforschung der Entwicklung des deutschen Stadtrechts auf polnischem Boden dienen auch die von J. Ptaśnik mitgeteilten, für Lemberg bestimmten Rechtsbelehrungen des Krakauer Rates über das im 16. Jahrhundert geschaffene Institut des Quadragintavirats (187, vgl. auch 190). Unmittelbar dem Interessenkreis der schlesischen Historiker gehört der kleine, aus Ulanowskis Nachlaß von St. Kutrzeba veröffentlichte Traktat ( 58) an, der Bestimmungen über eine infolge angeblich gehässigen Verhaltens der Breslauer Bevölkerung gegenüber den polnischen Kaufleuten jedenfalls kurz nach 1529 angeordnete Sperrung der aus Polen nach Schlesien führenden Handelsstraßen enthält.

1. Quellenveröffentlichungen. Quellenkunde.

Auf die meisterhafte Studie Wł. Abrahams über das älteste erhaltene polnische Pontifikale, von der im Berichtszeitraum nur ein kurzer Auszug ( 2) erschienen ist, werden wir wegen ihrer Bedeutung für die Historiker der Liturgie, des deutschen und des kanonischen Rechts im nächsten Bericht bei der Würdigung ihrer inzwischen ( 1927) erschienenen Buchausgabe zurückzukommen haben. Für die  deutsche Stadtbuchforschung sind wichtig der kurze Bericht von K. Sochaniewicz über das kürzlich aus Rußland zurückerworbene, deutsch geschriebene Einträge aus den Jahren 1363--1418 umfassende älteste Thorner Schöffenbuch ( 223) und die Beschreibung der Lubliner Stadtbücher durch J. Riabinin ( 195).

2. Geschichtsphilosophie. Gesamtdarstellungen.

Nur lose mit der polnischen Geschichtsforschung verbunden ist das in neuer, wenig veränderter Auflage vorliegende umfangreiche Buch des einstigen Mitarbeiters F. Rachfahls, Jan Korwin Kochanowski, über die Eigenwerte der polnischen Psyche, ihre Verkörperung in der Geschichte und ihre Stellung im Vergleich mit der Wesensart der übrigen Kulturvölker ( 109): aus ihm lernen wir den verdienten Herausgeber des masowischen Urkundenbuches in seiner Geschichtsphilosophie als begeisterten Vertreter eines bis in die äußersten Konsequenzen hinein verfolgten Individualismus national-polnischer, aristokratischer Einstellung kennen; seine den Geist des Messianismus eines Mickiewicz atmenden Ausführungen sucht er durch algebraische Formeln, in denen die Sonne des Südens und der Nebel des Nordens, Osten und Westen, Individualität und Masse als mathematisch faßbare Werte erscheinen, zu stützen. Daß vor seinen Augen die  deutsche Geistesart keine Gnade findet, ist begreiflich: er identifiziert sie völlig mit der preußischen Politik der Deutschordenszeit und der jüngsten Vergangenheit. Sie ist ihm typische Vertreterin der sonnenlosen, »nördlichen« Mentalität, in der die zur Maschine gewordene Masse das Individuum und seine Eigenwerte völlig ausschaltet, die dem Kultus der Materie und der physischen Überlegenheit schrankenlos huldigt, der Welt einen alles nivellierenden


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»Deutschen Frieden« aufdrängen will und nur »preußbare und unpreußbare Werthe« (sic!) kennt. Ähnlich schlecht kommen im Urteil Kochanowskis übrigens auch die Russen und die Juden weg, auch den Italienern und den Engländern hat er viel Unangenehmes zu sagen, trotzdem diese letzteren seiner Ansicht nach in ihrer Entwicklung den Polen in vielen Zügen nahe stehen, da auch bei ihnen der Staat hinter der Gesellschaft zurücktritt, so daß der britische, angeblich aus dem Willen der Reichsteile geborene, nicht ihnen aufgedrängte Imperialismus als brauchbares Muster für die erträumte Neugestaltung Mitteleuropas unter polnischer Führung erscheint, die u. a. auch der »Zivilisierung« Preußen-Deutschlands dienen soll. Daß die polnische Geschichtsforschung den Gedankengängen Kochanowskis ablehnend gegenübersteht, hat einer ihrer berufensten Vertreter in eingehender Auseinandersetzung mit seinem Buch entschieden ausgesprochen (F. Bujak in seinen Studja historyczne i społeczne, Lwów-Warszawa-Kraków 1924): so braucht auch der  deutsche Historiker in ihnen nicht mehr zu sehen, als ein in seiner Art interessantes Dokument einer Geistesrichtung, die zwischen subjektiven Gefühlen und objektiver Forschung nicht zu scheiden wußte, deren Äußerungen glücklicherweise sonst in der polnischen Geschichtswissenschaft zu vereinzelten Ausnahmeerscheinungen geworden sind. Ein wirklich historischer Geist spricht aus dem Versuch des Sozialhistorikers Kazimierz Tymieniecki, bestimmte charakteristische Eigenschaften der Volkspsyche aus der Geschichte zu erklären ( 236): in der Herleitung der Freiheitsliebe, der Fähigkeit zu autonomer Organisation, aber auch des Mangels an sozialer Disziplin und an Ausdauer, die seiner Ansicht nach für den moralischen Typus des Polen charakteristisch sind, aus der besonderen Gestaltung der Sozialverfassung im mittelalterlichen Polen macht er die Probe auf das Exempel.

2. Geschichtsphilosophie. Gesamtdarstellungen.

Zu den wichtigsten Neuerscheinungen der Berichtsjahre gehört die zusammenfassende Darstellung der Geschichte Polens im Mittelalter aus der Feder dreier jüngerer Krakauer Historiker; Roman Grodecki, Stanisław Zachorowski, Jan Dąbrowski ( 79), von denen freilich der zweite nicht mehr unter den Lebenden weilt: so konnte seine das 13. Jahrhundert und die Regierungszeit Władysław Łokieteks († 1333) umfassende Darstellung ( 259) nur dem von der Krakauer Akademie veröffentlichten Sammelwerk über die politische Geschichte Polens entnommen werden, dessen längst vergriffener, dem Mittelalter gewidmeter Band durch die neue Veröffentlichung einigermaßen ersetzt wird. Von ihren drei Teilen zeichnet sich der erste, Grodeckis Darstellung der ersten drei Jahrhunderte polnischer Geschichte ( 78) durch ihre Geschlossenheit und namentlich durch die weitgehende Berücksichtigung der Sozial- und Wirtschaftsverfassung aus, deren Erforschung ja durch den Verfasser selbst in hervorragendem Maße gefördert worden ist: freilich ist er infolgedessen nicht immer der Gefahr entgangen, Hypothetisches als Gesichertes darzustellen, auch außerhalb des Bereiches seiner eigenen Forschungstätigkeit. Subjektiv ist gleichfalls die Bibliographie zusammengestellt, in der man u. a. auch die für die Beschäftigung mit dem polnischen Frühmittelalter unentbehrlichen maßgebenden Werke über die gleichzeitigen Epochen der deutschen und böhmischen Geschichte vermißt. Von solchen Mängeln sind die Darstellungen Zachorowskis und Dąbrowskis im allgemeinen frei -- in der Bibliographie des ersteren vermißt man freilich manche wichtige tschechische


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Werke --: der bewährte Rechtshistoriker zeigt sich als Meister in einer die Auswertung auch der letzten Einzelheiten ermöglichenden Gliederung seines schwierigen Stoffes, hinter der freilich die Schilderung der Gesamtentwicklung zurücktreten muß. Auf die nähere Beschäftigung mit der Verfassungs- und Sozialgeschichte der von ihm geschilderten Epoche mußte Zachorowski, da seine Darstellung für ein ausschließlich der politischen Geschichte Polens gewidmetes Sammelwerk bestimmt war, verzichten, trotzdem gerade sie für die Gestaltung der Geschicke des damaligen und namentlich des späteren polnischen Staates entscheidende Bedeutung besitzt: so klafft leider auf diesem Gebiete eine fühlbare Lücke zwischen den Ausführungen Grodeckis und denen des Darstellers der Geschichte Polens in der Zeit von 1333 bis 1506. Dąbrowski war bisher namentlich als ausgezeichneter Kenner der polnisch-ungarischen Beziehungen hervorgetreten, die ja in der Zeit Kasimirs des Großen, noch mehr während der Personalunion Polens und Ungarns nach seinem Tode, dann unter den ersten Jagellonen für die polnische Geschichte besondere Wichtigkeit haben: so ist es nur natürlich, daß auch in seiner zusammenfassenden Darstellung ( 56) die Schilderung der auswärtigen Politik der polnischen Herrscher im Vordergrunde steht. Die Geschichte der inneren Verhältnisse des Landes geht dabei freilich keineswegs leer aus, doch erhebt sich, was Dąbrowski über sie zu sagen weiß, im allgemeinen nicht viel über eine Zusammenfassung der Ergebnisse der bisherigen Forschung; ihre Lücken werden nicht geschlossen. Ein so wichtiges Kapitel der polnischen Geschichte wie etwa »die Kirchenpolitik Kasimirs des Großen« bleibt auch heute noch zu schreiben. Trotz mancher Unvollkommenheiten wird das Gesamtwerk auf lange hinaus zum unentbehrlichen Rüstzeug für jeden gehören, der seine Arbeiten irgendwie in Berührung mit Problemen der polnischen Geschichte des Mittelalters bringen: der  deutsche Historiker wird für die eingehende Behandlung der Beziehungen Polens zu seinen deutschen Nachbarn, dem Reich, Brandenburg, dem Deutschordensstaat, besonders dankbar sein, nicht weniger für die ausgiebige Berücksichtigung der Geschichte Schlesiens und seiner Beziehungen zu den übrigen Teilen des ursprünglichen polnischen Siedelungsgebietes, die alle drei Teile des Sammelwerkes auszeichnet.

3. Einzeldarstellungen zur politischen Geschichte nach der Reihenfolge der Ereignisse.

Die Beschäftigung mit der polnischen Geschichte des 11. Jahrhunderts ist durch die von St. Zakrzewski besorgte und durch eine feinsinnige Würdigung des Autors, des Schöpfers der polnischen sozialgeschichtlichen Forschung, eingeleitete Neuausgabe der wichtigen Skizzen zu seiner Geschichte von Tadeusz Wojciechowski ( 252) in dankenswerter Weise erleichtert


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worden. Ihr Verfasser war dem Herausgeber in vieler Beziehung geistesverwandt: wie er ein Meister in der Heranziehung, Auswertung und Kombination der spärlichen, vielfach entlegenen Quellen seines Arbeitsgebietes, noch kühner wohl in den auf ihnen aufgebauten Schlüssen. So tragen mancher seiner immer höchst scharfsinnigen Hypothesen von vornherein den Stempel der Unhaltbarkeit: außerordentlich anregend und belehrend sind seine Studien immer. Auch der  deutsche Historiker findet in dem prächtig ausgestatteten Buch manches, was ihn unmittelbar angeht, so Wojciechowskis Ausführungen über die polnischen Unternehmungen im Dienst der Mission unter den Ljutizen, zu denen er sicher mit Recht auch die Begründung des Bistums Lebus rechnet, seine Darstellung der Verflechtung der Vorgeschichte der Krönung Bolesławs II. mit dem Gang der päpstlichen und der Reichspolitik, vor allem aber seine höchst wertvollen Beiträge zur Lebensgeschichte Ottos von Bamberg, in denen auch der erst jüngst durch A. Hofmeister in seiner Bedeutung voll erkannte Prüfeninger Biograph ganz zu seinem Rechte kommt. Am fruchtbarsten für die Wissenschaft ist die neue Auffassung des Konflikts zwischen Bolesław II. und dem hl. Bischof Stanislaus von Krakau geworden, die Wojciechowski in seinen Skizzen zum erstenmal vorgetragen hat: seine Anschauung, daß Stanislaus wegen seiner Teilnahme an einer Verschwörung der Unzufriedenen gegen den König von diesem zum Tode verurteilt, nicht aber, wie die Tradition behauptet, weil er als Schützer der kirchlichen Freiheit seiner Eigenmacht entgegentrat, ermordet worden sei, war schon 1909 von einigen kirchlich gesinnten Forschern -- unter ihnen waren Gelehrte von der Bedeutung eines Wojciech Kętrzyński und eines St. Smolka -- in einem von der Redaktion des führenden katholischen Organs Polens herausgegebenen Sammelwerk bekämpft worden. Auch dieses liegt jetzt in neuer Auflage vor ( 257), eingeleitet durch eine Übersicht über den seitherigen Gang und die Ergebnisse der Diskussion, die K. Krotoski -- natürlich in kirchlichem Sinne -- bearbeitet hat. Dabei konnte er schon die fesselnde Studie benutzen, die Władysław Semkowicz der Stanislausfrage, angeregt durch die Hinweise schwedischer Kunsthistoriker auf den schwer zu erklärenden plastischen Schmuck des romanischen Taufbeckens einer südschwedischen Dorfkirche, widmet ( 215): auf sie muß hier besonders hingewiesen werden, weil ihr Verfasser in dem Bestreben, alle Deutungsmöglichkeiten zu prüfen, ehe er sich für die Gleichsetzung des Inhalts der schwedischen Darstellung mit dem der Stanislaus-Legende entscheidet, auch die Überlieferung der Legende des hl. Fridolin von Säckingen eingehend heranzieht und ihre Kritik durch den Nachweis einer Interpolation in der maßgebenden Handschrift in bedeutsamer Weise fördert, dann weil er der Entstehung des Auferweckungsmotivs -- Stanislaus soll den Schenker eines von dessen Verwandten der Kirche streitig gemachten Gutes auferweckt haben, um ihn gegen diese zeugen zu lassen -- in der Hagiographie verfolgt, sein erstmaliges Vorkommen in der Legende der hennegauischen hl. Aja feststellt und daran rechtshistorisch bedeutsame Ausführungen knüpft (die wunderwirkende Macht des heiligen Patrons dient kirchlichen Anstalten gewissermaßen als Urkundenersatz beim Schutze ihres Besitzes) und endlich, weil er die allgemeine Kirchengeschichte durch den Nachweis fördert, das die in den Liber Extra aufgenommene Dekretale Alexanders III., die unter der Jahreszahl 1170 als Grundlage des gemeinrechtlichen

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Verbots der Heiligenverehrung sine papae licentia gilt, sich nicht, wie man bisher annahm auf einen in dies Jahr fallenden Vorgang im Kloster Lisieux in Frankreich bezieht, sondern erst 1172 als Bulle an König Kanut Erykson von Schweden gerichtet worden ist (ein Auszug aus dem diese letzte Beweisführung enthaltenden Kapitel der Arbeit ist auch als 214 erschienen).

3. Einzeldarstellungen zur politischen Geschichte nach der Reihenfolge der Ereignisse.

Als Beitrag zur Geschichte der Deutschordenspolitik wird der  deutsche Historiker auch die gehaltvollen Studien zur Geschichte Samaitens im 13. Jahrhundert ( 263) werten, die St. Zajączkowski vorlegt, ein junger Forscher, der sich die Geschichte des litauischen Reiches im Mittelalter zu seinem besonderen Arbeitsgebiet erwählt und auch ein wertvolles Referat über den Stand der Forschung innerhalb seines Bereichs ( 262) geliefert hat, das allerdings der Bedeutung der russischen und ukrainischen Beiträge wohl nicht ganz gerecht wird. Die historisch-geographischen Ausführungen über die Grenzen Samaitens im Untersuchungszeitraum, die Zajączkowski bietet, sind freilich großenteils inzwischen durch die Arbeiten von G. und H. Mortensen überholt; ihren Eigenwert diesen gegenüber behalten sie besonders deshalb, weil sie auch die Ergebnisse der jenen unbekannt gebliebenen Burgwallforschung berücksichtigen. Höchst aufschlußreich sind die Untersuchungen des polnischen Forschers über die politische Stellung Samaitens zu Großlitauen und dem Deutschordensland: an der Zugehörigkeit Samaitens zu Litauen bei Beginn des 13. Jahrhunderts ist nicht zu zweifeln, ebensowenig an dem Verwandtschaftsverhältnis zwischen den samaitischen Fürsten dieser Zeit und Mendog (Mindowe). Die bekannten Schenkungsurkunden des letzteren zugunsten des Ordens und des von ihm begründeten litauischen Bistums beurteilt Zajączkowski günstiger als seine Vorgänger, namentlich als W. Kętrzyński: daß Mendog sich weiter Gebiete entäußerte, die nur lose mit seinem eigentlichen Herrschaftsbereich verbunden waren, um seine Stellung in diesem zu festigen, erscheint ihm durchaus wahrscheinlich. Eingehend werden die Versuche des Deutschen Ordens um die Jahrhundertmitte, sich Samaitens zu bemächtigen, gewürdigt -- wichtig ist auch der Hinweis darauf, daß dies Land auf Grund des Teilungsvertrages von 1237 als Zubehör der Diözese Semgallen betrachtet werden konnte --: die Erbauung der Feste Memel sollte in erster Linie diesem Zwecke dienen. An dem Widerstand der Bevölkerung scheitert nicht nur das Bemühen des Deutschen Ordens, scheitern auch Mendogs Verständigungs- und Christianierungsbestrebungen: die siegreichen Samaiter übernehmen die Führung im Abwehrkampfe Gesamtlitauens, sie nötigen 1261 Mendog zum Abfall vom christlichen Glauben und zur Abkehr vom Orden; trotzdem wird er 1263 von ihrem Führer Trojnat ermordet, und auch in den folgenden Jahrzehnten greifen sie in die Entwicklung des litauischen Staates in bedeutsamer Weise ein.

3. Einzeldarstellungen zur politischen Geschichte nach der Reihenfolge der Ereignisse.

Unter den der Geschichte des polnischen Stammlandes im 13. Jahrhundert gewidmeten Arbeiten ist die zusammenfassende Darstellung des Kampfes um die polnische Westmark aus der Feder von T. Tyc ( 234) für den deutschen Historiker die wichtigste: seit dem Zusammenschluß der polnischen Stämme war Großpolen zunächst die Aufgabe zugefallen, den Kampf um die Odermündung zu führen, gestützt auf die Polen und Pommern scheidende Netzelinie. An die Stelle der Gegenspieler in diesem Kampfe treten seit der Mitte des 13. Jahrhunderts als gefährliche Nachbarn die kolonialdeutschen Fürsten, zunächst der Erzbischof von Magdeburg, dann und vor allem die brandenburgischen Askanier. Die ersten Verluste erleiden noch die schlesischen Piasten als Herren von Lebus: seitdem dies 1251 endgültig in  deutsche Hände übergegangen ist, bröckeln die westlichen, bald auch die nördlichen Randgebiete Großpolens langsam, aber unaufhaltsam ab, um in der brandenburgischen Neumark aufzugehen. Erst Kasimir dem Großen gelingt es, den Prozeß zum Stehen zu bringen und teilweise rückgängig zu machen. Die Ursache für die Unterlegenheit der großpolnischen Herzöge im Kampfe mit ihren brandenburgischen Nachbarn erkennt Tyc in der Minderwertigkeit der militärischen und wirtschaftlichen Organisation des Landes: das Verteidigungssystem gründete sich noch auf die Landesburgen und die feindwärts sich dehnenden Grenzwüsten. Städte im Rechtssinn als militärische und wirtschaftliche Kraftzentren fehlten zunächst noch ganz, die Dörfer lieferten ihren Herren nicht einen Ertrag, der diesen größere Aufwendungen im Dienste der staatlichen Organisation ermöglicht hätte. Abhilfe konnte nur die wirtschaftliche und militärische Kräftigung des Landes durch seine Durchsetzung mit städtischen und ländlichen Siedlungen deutschen Rechts bringen. So löst sich das Rätsel, wieso es kommt, daß gerade Persönlichkeiten, in deren deutschfeindlichen Äußerungen das erwachende polnische Nationalgefühl am deutlichsten durchklingt, wie etwa Erzbischof Jakob Świnka von Gnesen, gleichzeitig tatkräftige Förderer der deutschrechtlichen Siedlung gewesen sind, und daß die erste Blütezeit des Kolonisationsvorgangs zusammenfällt mit der stärksten Bedrängnis der großpolnischen Grenzen von seiten des politisch und militärisch organisierten Deutschtums Brandenburgs. Das 13. Jahrhundert als Blütezeit der deutschen und deutschrechtlichen Kolonisationstätigkeit ist auch für die ethnische, kulturelle und politische Loslösung Schlesiens von Polen von größter Bedeutung gewesen: so können wir an dieser Stelle einen Hinweis auf das Programm einfügen, in dem J. Dąbrowski Grundsätze für die Beschäftigung mit der Geschichte Schlesiens im Rahmen der polnischen Geschichtsforschung aufstellt ( 57), nachdem schon K. Tymieniecki unter den von der polnischen historischen Wissenschaft bisher zu ihrem Schaden vernachlässigten Gebieten die schlesische Geschichte an erster Stelle genannt hatte ( 238): vier Hauptgesichtspunkte zeigt Dąbrowski auf, die seiner Ansicht nach die Richtung der Forschung bestimmen sollen. Die geographischen, wirtschaftlichen und politischen Gründe der Abkehr Schlesiens von Polen und seines Anschlusses an Böhmen (nicht an Deutschland) sind zu untersuchen, --


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