1925 | 1926 | 1927 | 1928 | 1929 | 1930 | 1931 | 1932 | 1933-34 | 1935 | 1936 | 1937 | 1938 |

1925

II. Geschichtschreibung in zeitlicher Reihenfolge.

Auch Sparwald ( 139) wirft die Frage nach dem Verhältnis Niebuhrs zur Romantik und zur Aufklärung auf. Unter Zurückweisung Onckens, der Niebuhr neben Heeren und Schlosser von der Aufklärung des 18. Jahrhunderts bestimmt sein lasse, läßt er Niebuhr der Aufklärungshistoriographie völlig entwachsen sein: seine geistige Haltung habe nichts mit dem Rationalismus gemein. Wohl weise seine Geschichtschreibung vielfach romantische Elemente auf, aber als Romantiker dürfe man ihn nicht bezeichnen. Seine Bedeutung (»der Lessing der deutschen Geschichtsforschung«) für die Geschichtswissenschaft liege in der Handhabung der historisch-kritischen Methode, hierin als Schüler von  F. A. Wolf, dessen Einfluß man bei der geistigen Individualität eigener Prägung und Farbe, die Niebuhr repräsentiere, doch nicht zu hoch anschlagen dürfe.

II. Geschichtschreibung in zeitlicher Reihenfolge.

Es liegt nahe, im Anschluß an diese nachdenklichen und anregenden Betrachtungen auf die Bilder hinzuweisen, die von dem Wirken und Wesen dahingegangener Historiker der letzten Jahrzehnte in würdigen Nachrufen ( 142 bis 169), auf die Bilder auch, die von ihrer Entwicklung und Stellung der Historie lebende Fachgenossen ( 135) gegeben haben. Schwerlich werden die meisten unter ihnen den Schmeidlerschen Typen sich einfügen. Die individuelle Mannigfaltigkeit in Studien und Zielen, Arbeitsgebiet und Arbeitsweise legt doch gerade für das reiche Leben der Historie in Deutschland Zeugnis ab. Und zugleich dafür, wie sehr Zufälligkeiten und auch Persönlichkeiten (wie z. B. Moriz Ritter, s. Goetz [ 165] und von Below [ 135]) bestimmend einwirken können. Im einzelnen mag hingewiesen werden auf die hohe Würdigung, die als Gelehrter wie als Mensch Ludo Moritz Hartmann ( 158  f.) gefunden hat (vgl. auch W. Lenel in Hist. Zt. 131, 571--574) und auf den interessanten, von Beyerhaus gebrachten Nachweis, daß auf die Gestaltung von Janssens deutscher Geschichte, mehr noch im 2. als im 1. Bande, Onno Klopp mit dem Lutherhaß des Konvertiten und dem Preußenhaß des Welfen in tendenziöser Weise eingewirkt hat ( 143). (Über »katholische Bestrebungen zur Revision der deutschen Geschichts- und Literaturauffassung« s. Nr. 136.)

Spezielles.

Für die ganze Periode vom 9. Jahrhundert bis zur Gegenwart liegen nur drei Beiträge vor. Die Dissertation von W. Müller-Schöll ( 405) untersucht die Entwicklung des päpstlichen Kanzleitypus von 1061--1185 und stellt Beziehungen zur Schrift in Augustinerurkunden fest. Der Fragenkomplex wird meines Erachtens auf breiterer Grundlage nochmals geprüft werden müssen. H. Schneider gibt G. Milchsacks ( 408) »Was ist Fraktur?« neu bearbeitet heraus, eine Streitschrift, welche zwar in Einzelheiten als überholt gelten kann (ich verweise z.B. auf die irrig angenommenen Beziehungen zwischen der italienischen Rotunda und der deutschen Schwabacher), dennoch schon um der originellen Fassung willen ihren Wert behalten wird. Zu dem für die neuere Schriftentwicklung so wichtigen Kapitel der Schreibmeister steuert  F. Leberecht ( 409) einiges Material aus Sachsen bei, will aber mehr praktischen als wissenschaftlichen Zwecken dienen.

§ 6. Urkundenlehre.

Die reizvollsten, ihrer Lösung harrenden Fragen stellt dem Urkundenforscher die Übergangszeit vom Altertum zum Mittelalter (hierzu im Vorjahr die wichtige Abhandlung K. Brandis, Ravenna und Rom. Neue Beiträge zur Kenntnis der römisch-byzantinischen Urkunde. Archiv  f. Urkundenforschung 9, S. 1--38). Nachklänge antiken Brauches lassen sich da wie bei den Urkunden im engeren Sinne so bei den Briefen (zu den Briefen des Mittelalters vgl. u. a. auch 791, 831, 2048/49 und aus dem Vorjahr 832) nachweisen, vor allem auch bei den merkwürdigen Litterae Formatae. Daher ist es zu begrüßen, daß diesen die schon im vorigen Berichtsjahr begonnene fleißige Untersuchung Klara Fabricius' (Die Litterae Formatae im Frühmittelalter, Archiv  f. Urkundenforschung 9, 39--86, 168--94) gewidmet ist. An Hand der eingehenden, wenn auch vielleicht nicht immer ganz überzeugenden Darlegungen läßt sich jetzt verfolgen, wie diese nach Ansicht der Verfasserin durch das Konzil von Nizäa eingeführten, ursprünglich nur durch Geheimzeichen, erst später durch Unterschrift, besonders aber durch Bleisiegel ihrer Aussteller beglaubigten, von Bischöfen bzw. Metropoliten an Gleichgestellte gerichteten Empfehlungsschreiben für reisende Geistliche bis zum 6. Jahrhundert in der gesamten, dann besonders in der gallisch-fränkischen und britisch-angelsächsischen Kirche verwendet wurden, im 8. bis 10. Jahrhundert mit den Dimissorien, den Entlassungsschreiben für Geistliche, verschmolzen, die das Bistum wechselten, und im 10. bis 11. Jahrhundert abkamen.

§ 6. Urkundenlehre.

Verhältnismäßig starke Beachtung fanden die Herrscherurkunden (hierzu aus dem Vorjahr u. a. 832 sowie  F. Reinöhl, Die gefälschten Königsurkunden des Klosters Drübeck, Archiv für Urkundenforschung 9, S. 123--40; L. Bittner, Die Lehre von den völkerrechtlichen Vertragsurkunden [auch Zusammenfassung unter gleichem Titel im Archiv für Urkundenforschung 9, S. 154--60]). Zunächst befassen sich verschiedene Arbeiten mit einzelnen Stücken (hierzu auch 418).  F. Schneider ( 417) sucht, teilweise in Übereinstimmung mit Chroust, K. Ariperts II. Urkunde für B. Emilian von Vercelli (Troya 377) im Kern als echt, aber als durch B. Leo verunechtet zu erweisen und ihren ursprünglichen Wortlaut wiederherzustellen. Prou ( 398) behandelt eine Urkunde Karls des Kahlen, Holtzmann bespricht ( 419) ein in Abschrift und teilweiser Nachzeichnung überliefertes, vermutlich echtes Diplom Ludwigs II. und nimmt anmerkungsweise zu Buzzis Arbeit über die Bobbieser Fälschungen, namentlich (ablehnend) zu dessen Angriff auf die Echtheit der Exemptionsurkunde Honorius I. (JE. 2017) Stellung. Sparbers Bemerkungen über die Urkunden Ludwigs IV.


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(Mühlbacher 1997), Konrads II. (DK. II. 103) und Friedrichs I. (St. 4292) für Brixen ( 872) sind nur wegen der sehr verkleinerten Abbildungen dieser Stücke erwähnenswert. Hirsch ( 421) erläutert die in Urschrift und einer durch Einschübe verunechteten Nachzeichnung vorliegende, in letzterer Fassung von Herzog Welf, Friedrich I. und Heinrich VI. bestätigte Urkunde Heinrichs V. für die Kanoniker von Lucca (St. 3188), klärt die Entstehung des Lucceser libro grande di privilegi und dessen Verhältnis zu dem verlorenen älteren Stadtbuch auf und teilt eine abschriftlich überlieferte, bisher unbekannte Urkunde Friedrichs I. für S. Giovanni in Persiceto (bei Bologna) mit (zu Friedrichs I. und II. Urkunden vgl. auch 842, 1560a). Endlich erörtert Hammer ( 535) unter Beigabe von Abbildungen vom Standpunkt der Kunstgeschichte aber auch der Urkundenlehre aus die einzigartige Prachtausfertigung einer die Verleihung der Würde eines eques auratus an den churrätischen Ritter Schir von Prevost verbriefenden Urkunde Karls V., deren Miniaturen die Überreichung des Privilegs durch den Kaiser und den Ausstellungsort (Innsbruck) darstellen. (Zu den Miniaturen in Handschriften urkundlichen Inhalts vgl. auch Mayer, A. L., Spanische Miniaturen des frühen Mittelalters. Mit 3 Abbildungen. [Kunst u. Künstler, Jg. 23, Heft 7, S. 264--267.])

I. Allgemeines und Sammelwerke.

Allgemeine Erörterungen über Begriff und Aufgaben der historischen Geographie haben nicht stattgefunden. Wohl aber kommt einer Arbeit H. Aubins ( 520), die der Erforschung der Rheinlande gilt, allgemeine Bedeutung in methodischer Hinsicht zu. Mit der Begründung des Instituts für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande an der Universität Bonn, in dessen Veröffentlichungen Aubins programmatische Schrift erscheint, ist eine sehr glückliche Organisation für diese Studien geschaffen worden; und mehr als dies: es wurden neue Arbeitsmethoden ersonnen und erprobt, neue Bahnen der Forschung beschritten. In einem Aufsatz Aubins über »Aufgaben und Wege der geschichtlichen Landeskunde« werden die grundsätzlichen Darlegungen geboten. Es handelt sich um eine schöpferische Synthese der Ergebnisse aller geschichtlich gerichteten Fachwissenschaften unter dem Gesichtspunkt, daß die historische Landschaft als einheitliches Gebilde erfaßt wird, ihre Entwicklung und kulturelle Eigenart daraus Beleuchtung empfängt. Erkenntnis der Naturlandschaft, Archäologie, Verfassungs- und Rechtsgeschichte, Wirtschaftsgeschichte, Siedlungskunde, Sprachwissenschaft, Volkskunde, auch Kirchen- und Kunstgeschichte sollen zu dem gemeinsamen Bau beitragen. Als besonders eigenartig und fruchtbar hat sich die Zusammenarbeit der Sprachforschung und Volkskunde mit der Geschichte erwiesen, wodurch lehrreiche neue Aufschlüsse gewonnen worden sind; ist doch die Sprache als ein Verkehrsgut anzusehen, so daß die sprach- und wortgeographischen Erscheinungen aus der Verkehrsgeschichte,


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darum auch aus der politischen Territorialgeschichte ihre Erklärung finden. Von größter Wichtigkeit ist für all die einschlägigen Forschungen ihre Festlegung im Kartenbild; nur so ist die vergleichende Betrachtung recht durchführbar. Darum hat der Verfasser einen übersichtlichen Bericht über die in der Rheinprovinz schon so hoch entwickelte historische Kartographie beigefügt. An dem Beispiel der Eifellandschaft wird sodann gezeigt, wie die neue Art der Forschung aufschlußreich und lebensvoll durchgeführt zu werden vermag. Mit Recht wird endlich dargetan, daß diese Studien für die günstige Entfaltung der jungen Heimatbewegung und die Volksbildung von entscheidender Bedeutung sein werden. -- Auch A d. Helbok hat sich in tiefgründigen Darlegungen zur Methode der vom Lande ausgehenden geschichtlichen Forschung geäußert ( 124  f.). Nicht vom Staatsproblem her möchte er die Landesgeschichte angesehen wissen; sie soll »die Geschichte jener wundervollen Symbiose zwischen Erde und Volk sein, die an jedem Ort zu anderem Ergebnis führte, in ihrer Gesamtheit aber den innersten Kern der deutschen Geschichte offenbart«. Im Hinblick darauf wird sie ihre eigene Forschungsmethode ausbilden müssen. Es gilt die Naturlebenslagen zu erarbeiten: Bodengestalt und Bodenart, Klima; daran schließen sich Flurforschung, Hausforschung und Familiengeschichte an. Für die Erarbeitung der Kulturlebenslagen ist (nach H. Naumann) die Scheidung der primitiven Gemeinschaftskultur und der Kultur der geistigen Oberschicht des Volkes wesentlich; Volkskunde ist zu treiben (Erforschung des Brauchtums, des Volkstums, der Mundart). Auch hierbei wird die Wichtigkeit kartographischer Darstellung betont; Winke für die nötigen Sammeleinrichtungen werden gegeben, der Wert der Heimatkunde für die Bildung wird (nach Ed. Spranger) ausgeführt.

IV. Siedlungsgeschichte.

Um die Förderung der Siedlungsgeschichte Nordostdeutschlands hat sich jetzt H.  F. Schmid ( 585) verdient gemacht, indem er die Entwicklung der darauf bezüglichen slawischen Forschung für dies Gebiet behandelt und die einzelnen Leistungen polnischer und russischer Gelehrter kennzeichnet, bei weitherziger Anerkennung des Gebotenen auch kritische Bemerkungen nicht fehlen läßt. In der Tat ist es dringlich, jenes wissenschaftliche Schrifttum mehr zu berücksichtigen, als dies bisher zu geschehen pflegte; dafür hat Schmid manchem die Augen geöffnet. Die Befähigung dazu unter historischen Gesichtspunkten hat er durch seine eigenen Arbeiten zur Rechts- und Kirchengeschichte des deutschen Ostens erwiesen.

I. Allgemeines.

Bei den Besprechungen, die der Gründung vorausgingen, ist natürlich betont worden, daß es überall an Hilfsmitteln mangele und namentlich das Fehlen eines Lexikons große Verlegenheit bereite. Die Beschaffung eines solchen ist mittlerweile von anderer Seite in die Hand genommen worden. Die Geschichte dieses Unternehmens findet man Rev. des études latines I, 1923, 50 ff., III, 1925, 188  f., und in dem dafür gegründeten Archiv, dem man zur Auswahl zwei Titel gegeben hat, Bulletin Du Cange und Archivum latinitatis medii aevi, I, 1924, 5 ff. Dieser Doppeltitel ist um so sonderbarer, als er gar nicht zutrifft, denn der ursprüngliche Plan, das bekannte Glossarium des Du Cange zu erneuern, ist fallen gelassen worden, und wir werden eine Bearbeitung des Forcellini-de Vit erhalten ('Le Dictionnaire du latin médiéval est la suite naturelle du Forcellini-de Vit'). Man erkennt leicht, daß da ein


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Kompromiß zugrunde liegt, und findet dies von Ussani a. a. O. 209  f. bestätigt. Übrigens wird man weder den einen noch den anderen Titel gebrauchen, sondern hat nach der nun einmal eingerissenen Unsitte die Sigle ALMA eingeführt. -- Das Studium der Vorverhandlungen ist recht interessant, hier können nur die Hauptpunkte hervorgehoben werden. Die Unternehmerin ist die Union académique internationale, und zwar wird sie ihr Unternehmen ohne Hinzuziehung der durch den Thesaurus l. l. schon reichlich in Anspruch genommenen deutschen und österreichischen Akademien durchführen. Ein Ausschuß tritt jährlich im Mai in Brüssel und nach Bedarf im Januar in Paris zusammen. An der Spitze steht H. Gölzer. Das Wichtigste aus den aufgestellten Richtlinien ist folgendes: Der Plan, den Du Cange umzuarbeiten (refondre), den übrigens m. W. zuerst Meyer-Lübke vertreten hat, ist, wie gesagt, aufgegeben, statt dessen soll Forcellini-de Vit die Grundlage bilden. Alle Wörter, die dort fehlen oder eine andere Bedeutung angenommen haben, sollen registriert werden; Wörter, die dem alten Gebrauch entsprechen, werden ohne speziellere Nachweisungen aufgeführt. Personen- und Ortsnamen bleiben ausgeschlossen. Nicht latinisierte Fremdwörter werden aufgenommen, wenn sie syntaktisch in den entsprechenden Text eingefügt sind. Beginnen wird das Lexikon etwa da, wo der Thesaurus aufhört; es wird aber kein vollständiges Lexikon der mittelalterlichen Latinität, sondern soll etwa mit dem Jahre 1000 schließen; die Grenze wird nach den einzelnen Ländern verschieden angesetzt, zum Beispiel 1066 für England, 987 für Frankreich, für Deutschland nach den Ottonen. -- Jedes Land soll die auf seinem Boden erwachsene Literatur bearbeiten, für Deutschland, Österreich und die Schweiz, die nicht beteiligt sind, treten die Länder ein, die keine mittellateinischen Schriftwerke aufzuweisen haben, wobei natürlich Amerika den Löwenanteil erhält. Bei der Verzettelung der Texte soll beachtet werden 1. die Schreibweise des Wortes, wo z. B. auch der Wechsel zwischen e und ae im Innern, die Unterschiede in der Assimilation in Kompositis, falsche Verdoppelung u.a. hervorzuheben sind; 2. die Prosodie, wenn sie von der klassischen abweicht; 3. die Morphologie, z. B. Abl. der 3. Dekl. auf i oder e; 4. die Etymologie, wenn der Autor des verzettelten Werkes sie angibt; 5. Semasiologie, wo jede spezielle Bedeutung notiert wird. -- Es ist deutlich, daß die Durchführung des Planes nicht leicht sein wird, und verschiedene Punkte fordern die Kritik stark heraus. Vor allem natürlich die willkürliche Beschränkung auf die Zeit bis zum Jahre 1000; das heißt, auf ein Lexikon für die Zeit, für die man es am allerdringlichsten bedarf, für das 12. und 13. Jahrhundert werden die jetzt Lebenden wohl alle verzichten müssen. Und ganz verfehlt scheint mir der Gedanke, da mit dem Jahre 1000 der Orbis Romanus definitiv aufgehört habe, werde für die darauf folgende Zeit jedes Volk die bei ihm bodenständige Literatur allein bearbeiten müssen. Es ist doch eine bekannte Tatsache, daß die internationale lateinische Sprache eben nicht aufhört und für einen großen Teil dieser Literatur die Heimat nicht festgestellt werden kann. Wer entscheidet da, wem solch Stück zufällt? Wer wird dem Suchenden sagen, in welchem der vielen Lexika, mit denen die Welt beglückt werden soll, er es finden kann? Man wird die Probe auf das Exempel machen können, in England hat sich gleichzeitig ein Commitee on a Dictionary of Late Medieval British Latin (bis 1600) gebildet. Man darf gespannt sein, wie es sich z. B. zu der sogenannten

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Goliardendichtung verhalten wird; wird es die Apocalypsis Goliae als englisch oder französisch ansehen? Wenn als Grund für diese Beschränkung noch angeführt wird, nach 1000 seien wenige Texte vorhanden, die in einer brauchbaren Ausgabe vorlägen, so trifft das für die frühere Zeit doch auch vielfach zu. Auf Beda ist in den Verhandlungen schon mehrfach hingewiesen worden; geradeso steht es bei vielen anderen Autoren. Und wie wird man sich zu den Texten verhalten, die zwar gut, aber ohne kritischen Apparat ediert sind, wie Isidors Etymologien? Daß bei diesem Unternehmen die varia lectio in weitgehendem Maße berücksichtigt werden muß, ist doch wohl klar. Wie will man die in den Richtlinien geforderte Scheidung von e und ae u. dgl. durchführen? Ganz besonders bedauerlich und mir völlig unverständlich ist der Beschluß, daß sämtliche Orts- und Personennamen unter den Tisch fallen. Wenn sie ausgeschlossen bleiben sollten, so könnten sie doch wenigstens mit exzerpiert werden, um vielleicht später einmal als ein gesondertes Onomasticon zusammengestellt zu werden, wie es erfreulicherweise wenigstens Italien für seinen Anteil tut. Nicht ganz klar ist es mir geworden, wie es mit den zahllosen Wörtern gehalten werden soll, die die klassische Bedeutung bewahrt haben: »On les enregistrera seulement pour mémoire usw.« (ALMA I, 66). Zur Nachweisung der im Mittelalter so wichtigen Imitation klassischer Autoren wird man danach, wie es scheint, das künftige Lexikon nicht benutzen können.

II. Hilfsmittel.

Solche Übersichten, Anregungen, Definitionen haben wir m. E. vorläufig genug. Welche Hilfsmittel hat das Jahr 1925 geliefert, um Mittellatein zu lernen? Denn gelernt muß es werden wie jede andere Wissenschaft. Hoffentlich stirbt die Ansicht bald einmal aus, daß für die Beschäftigung mit diesem Gebiete keine Vorbereitung nötig sei, daß man z. B. mittellateinische poetische Texte behandeln könne, ohne W. Meyers Arbeiten studiert zu haben. Daß ich nicht übertreibe, zeigen einige zu nennende Arbeiten mit vollster Deutlichkeit. Die Geschichte von Lantfrid und Cobbo ist bekanntlich in zwei Fassungen erhalten, in rhythmischen Fünfzehnsilbern und einer nicht ganz klarer Sequenzenformen (beide jetzt M. G. h. Carmina Cantabrigiensia ed. K. Strecker 1926, 13 ff.). G. Paris hatte bemerkt, daß man in der letzteren einzelne rhythmische Fünfzehnsilber herauszuhören glaube, vielleicht sei sie aus einem rhythmischen Liede entstellt. Das war glücklicherweise 40 Jahre lang unbeachtet geblieben, bis E. Chatelain darauf stieß und unverdrossen an die Arbeit ging, das ursprüngliche Gedicht wiederherzustellen ( 642). Eine merkwürdige Verirrung, von der man am besten schweigt. Einiges habe ich a. a. O. im Nachtrage (S. 136) gesagt. Mit den angewandten Mitteln kann man jedes Caesarkapitel in rhythmische Fünfzehnsilber verwandeln. Von der umfangreichen Literatur über die beiden Gedichte hat der Verfasser nichts gesehen, er behauptet sogar, die Sequenz stehe in einer Oxforder Handschrift. Auch der Pariser Fassung widmet er seine Aufmerksamkeit: Kenner brauche ich kaum darauf aufmerksam zu machen, daß die sogenannten Taktwechsel sämtlich aus der Welt geschafft werden; vor 30 Jahren machte man das bei uns auch. Nützlich ist an der Arbeit, daß die Pariser Handschrift neu verglichen ist. -- Mit ähnlicher Unbefangenheit behandelt Th. Reinach (ALMA II, 194) eine Grabschrift aus Lyon vom Jahre 1029. Er legt da gelegentlich Anschauungen über mittellateinische Prosodie und Grammatik zutage, die gerade in einer dem Mittellatein gewidmeten Zeitschrift stark befremden müssen. Wenn er trotzdem das Verständnis des Textes nicht unwesentlich gefördert hat, so ist dies an den Stellen geschehen, wo ihm diese Unkenntnis nicht hindernd in den Weg trat. -- Daß man bei der Herausgabe eines Gedichtes Grammatik, Form und Prosodie sorgfältig studieren muß, zeigt auch der Wiederabdruck des Militarius, einer hübschen Variante der Sage vom Bunde des Menschen mit dem Teufel, bei R. Petsch ( 650). Ich habe Zs.  f. d. A. 63, 103 ff., gezeigt, daß der gebotene Text an vielen Stellen nicht zu halten ist und schon mit Hilfe der drei benutzten Handschriften meist mit ziemlicher Sicherheit herzustellen ist. Ich kann jetzt ergänzend hinzufügen, daß mir nachträglich zwei weitere Handschriften bekannt geworden sind, Kopenhagen 4° 1634 und Danzig Mar. q. 24, die meine Vermutungen ziemlich restlos bestätigen und einige neue Besserungen bieten.

IV. Epos.

E. Petri ( 787) handelt über die Handschriften der Vita s. Brigidae metrica, die Person des Dichters, grammatische und metrische Fragen und gibt einen Teil des Textes zur Probe. Es ist wünschenswert, daß die Verfasserin in die Lage kommt, die nötige Neuausgabe zu liefern. Zum Epos de Carolo magno et Leone papa, das auch hier wieder dem Angilbert zugeschrieben wird, weist D. Tardi in einer recht belanglosen Arbeit ( 637) noch ein paar Entlehnungen aus Fortunat nach, hat aber unterlassen, mitzuteilen, daß die Hauptarbeit


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längst durch B. Simson geleistet war. -- Die Walthariusausgabe von K. Strecker ist 1924 in neuer Auflage erschienen ( 797). Eine wesentliche Verbesserung ist es, daß die Lesarten der Handschriften B und P vollständig mitgeteilt werden konnten. In der Vorrede werden alle Handschriften auf ein Exemplar zurückgeführt, das wohl den Geraldusprolog schon hatte. Die angelsächsischen und mittelhochdeutschen Bruchstücke mußten fortfallen. Über die Walderebruchstücke handelt L. Wolff, Zs.  f. d. A. 62, 81 ff. Er gewinnt ein besseres Verständnis, indem er II 1--10 Hagen zuweist, der also Besitzer des Miming sei. Wie weit seine Ausmalung des Schlußkampfes richtig ist, steht dahin. H. Schneider, Das riesig starke Roß, Zs.  f. d. A. 62, 109, tritt für die Scheffelsche (Grimmsche) Auffassung der Schilderung von Walthers Auszug aus dem Hunnenlande ein, für mich wenig überzeugend. Sehr bedauerlich ist der Ausdruck, der Dichter sei fast noch ein Schuljunge. Wenn man das zugesteht, muß man notgedrungen denen beistimmen, die das Gedicht Ekkehart absprechen. -- Zum Ruodlieb ist 1924 in Breslau die Dissertation von H. Ottinger, Untersuchung über das Latein des Ruodlieb, erschienen. Durch eine Fülle von Parallelen aus der spätantiken und auch klassischen Literatur wird nachgewiesen, wie unberechtigt Seilers Bemühungen waren, überall Germanismen zu finden. Leider ist die nützliche Arbeit nur in Maschinenschrift vorhanden.

V. Lyrik.

Da die Figurengedichte des Optatianus Porphyrius im Mittelalter vielfach nachgeahmt wurden, ist seine Kenntnis für das Verständnis vieler mittellateinischer Gedichte wichtig. Über ihn handelt Elsa Kluge, Hist. Jb.45, 57, kritisch und hat dann alsbald eine neue Ausgabe, Leipzig, Teubner, 1926, folgen lassen. -- Zu den Poetae lat. aevi Carolini IV, II 2, liefert C. Weyman ( 636) einige Nachträge. -- Die Arbeit Henschels über Notkers Sequenzen ( 640) wendet sich an die Neumenforscher. -- Der Briefkodex des Froumund von Tegernsee enthält auch seine Gedichte. Um beides nicht auseinander reißen zu müssen, ist das ganze Corpus als Bd. 3 der Epistolae selectae der MG. von K. Strecker ( 810) herausgegeben worden; zugefügt sind die beiden Briefcorpora, die auch in der Handschrift angehängt sind. Auf den Aufsatz von B. Schmeidler ( 811), der sämtliche Briefe des ersten Corpus von Froumund selbst geschrieben sein läßt, kann erst eingegangen werden, wenn er vollständig vorliegt. -- Der Lyrik des 12./13. Jahrhunderts hat sich das Interesse in der letzten Zeit in hohem Maße zugewendet. H. Brinkmann hatte im Neophilologus IX, 1924, 203, »Anfänge lateinischer Liebesdichtung im Mittelalter«, sich auch mit den Cambridger Liedern beschäftigt und sie als Lehrbuch für angehende Vaganten bezeichnet. Speziell an dem bekannten Nachtigallenlied hatte er nachweisen wollen, wie diese Lieder unter den Vaganten von Mund zu Mund gingen und jeder es seinem Geschmack anpaßte. Ohne auf die vielen bedenklichen Behauptungen dieses Aufsatzes einzugehen, zeigt K. Strecker ( 638), daß Brinkmanns Auffassung des Liedes auf einer falschen Beurteilung des Handschriftenverhältnisses beruht und die längere Fassung des Gedichtes die urprüngliche ist, die schon im 10. Jahrhundert hübsch parodiert worden ist. Ebendort ist gezeigt, daß die Interpretation der Invitatio amicae vielfach fehlgeht. -- Um etwas Licht in die Chronologie der lateinischen Lyrik des 12. Jahrhunderts zu bringen, untersucht H. Brinkmann ( 646) das Verhältnis der Metamorphosis Goliae zu dem Streitgedicht Phyllis und Flora, die verwandt


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sind und sogar einen Vers gemeinsam haben. Er weist Phyllis und Flora die Priorität zu, und da er die Metamorphosis auf Grund nicht ganz einwandfreier Überlegungen um 1150 setzen zu müssen glaubt, wäre Phyllis und Flora älter. Demgegenüber zeigt K. Strecker, Zs.  f. d. A. 62, 180, daß die Metamorphosis den gemeinsamen Vers aus Martianus Capella hat, das zeitliche Verhältnis also umgekehrt ist. Zs.  f. d. A. 63, 111, hat er dann nachgewiesen, daß die Metamorphosis auch sonst vielfach von Martianus abhängig ist und an vielen Stellen aus ihm emendiert und erklärt werden kann. Brinkmann hat, Entstehungsgeschichte des Minnesangs 2, Anm., erklärt, daß er seine Ansicht vom Verhältnis der beiden Gedichte aufrecht hält, und es bleibt abzuwarten, wie er das begründen wird. -- Das lateinische Liebeslied will H. Brinkmann ( 630) aus der merowingischen »Freundschaftsepistel« herleiten, die naturgemäß erotischen Charakter annahm, als sich um die Wende des Jahrtausends eine grundlegende Wandlung in der Struktur der Seelen ergab und die eifrige Lektüre des Ovid ihre Wirkung auszuüben begann. Das Buch ist begeistert aufgenommen, aber auch sehr kühl abgelehnt worden. K. Strecker hat D. Lt.zt. 1925, 2183 namentlich betont, daß der Verfasser sich mit der ausgedehnten Literatur nicht gründlich genug beschäftigt hat. Dasselbe gilt von W. H. Moll ( 648). Die Lektüre des Buches ist geradezu qualvoll wegen der Verschwommenheit, die das Ganze beherrscht. Was der Verfasser sich eigentlich unter Vagantendichtung vorstellt, bleibt völlig dunkel, und merkwürdige Äußerungen, daß z. B. der Streit zwischen Phyllis und Flora im Himmel vor einem hohen Rat Apollons geschlichtet werde, machen es schwer, an Druckfehler zu glauben, wenn beharrlich von der Apocalypsis oder der Praedicatio »Gollae« gesprochen wird. Die Gegenüberstellung deutscher und lateinischer Verse ist ja recht interessant, vielfach aber wenig überzeugend. -- Wünschenswert ist es, daß man eine möglichst ausgebreitete Übersicht über die in Betracht kommenden Handschriften erhält, deshalb ist die Publikation von O. Dobiaš-Roždestvensky ( 622) zu begrüßen, die, leider in russischer Sprache, eine in der Art der Not. et Extr. gehaltene Übersicht über Cod. Petersburg Lat. O. Ch. XIV No. 11 gibt, der aus Böhmen stammt und sich, wie ich hinzufügen kann, mit Prag 2637 eng berührt. Wenn der Inhalt auch nicht viel Neues bringt und textkritisch noch weniger liefert, so ist doch der neue Nachweis wichtig, daß Gedichte wie die Beichte, Multi sunt presbyteri u. a. auch im Osten verbreitet waren. -- Nach Polen versetzt uns R. Ganszyniec ( 623), der auch S. 171 die Rota Veneris des Magisters Boncompagno abdruckt, freilich ohne Apparat und ohne Angabe der Handschriften. -- Die Person des Walter von Chatillon ist durch den Nachweis deutlicher geworden, daß ihm die Lieder von St. Omer gehören. Diese hat K. Strecker ( 641) mit Kommentar herausgegeben und hofft, bald die der Pariser Handschriften zusammen mit anderen folgen lassen zu können. -- Vom Archipoeta entwirft H. Brinkmann ( 647) in ausgesprochenem Gegensatz zu W. Meyer ein ansprechendes Bild. Wenn er aber wahrscheinlich machen will, daß er am Hofe Ottos von Freising in die augustinische Gedankenwelt eingeführt worden sei, so wird er wohl wenig Gläubige finden. Zur Erklärung des Dichters gibt E. Herkenrath ( 649) einige Nachträge. Der von Holder-Egger N. A. 17, 1892, 495 gedruckte Rhythmus auf den Sieg des Lombardenbundes 1175 hat nach den Darlegungen von A. Monteverdi ( 651) vermutlich einen Cremoneser zum Verfasser. -- Zu P. Lehmanns Parodie im Mittelalter gibt

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K. Strecker ( 631) Ergänzungen und Berichtigungen und für die von ihm edierten parodistischen Texte eine Reihe von Verbesserungsvorschlägen. --

VI. Drama.

Wenn auch heute niemand mehr an die Zeit denkt, wo Aschbach den Mut fand, die Regensburger Hrotsvithandschrift als eine Fälschung zu erweisen und die Dichterin aus der Geschichte der deutschen Literatur zu streichen, so ist es doch von Interesse, daß wenige Jahre nach Frenkens schönem Funde in Klagenfurt Fragmente einer neuen Handschrift aufgetaucht sind, die, wie H. Menhardt ( 643) berichtet, 200 Verse aus der Maria und einiges aus der Sapientia erhalten haben. Die Handschrift, aus der sie losgelöst sind, hat im 15. Jahrhundert der Wiener Dominikanerbibliothek gehört. Kritischen Wert haben die Stücke nicht, sie sind Reste einer Handschrift, die im 11. Jahrhundert aus der Regensburger abgeschrieben worden ist. -- Ihren Dramenstil hat die Dichterin, wie B. J. Jarcho ( 644) darlegt, nicht nur an Terenz gebildet, sondern sich, speziell in den Schulszenen, auch an die in Gesprächsform abgefaßten Lehrbücher Alchvines angelehnt. Mit Recht macht er auf die Möglichkeit aufmerksam, daß sie wohl nicht die Bücher Alchvines selbst zu diesem Zweck studiert habe, sondern mit Bewußtsein den aus Alchvine stammenden Dialogstil der Schule, der ihr von Jugend an geläufig war, an geeigneten Stellen anwandte. -- Gegen die immer wieder auftauchende Annahme, daß Hrotsvit ihre Dramen für die Aufführung gedichtet habe, nimmt G. R. Coffman ( 628) energisch Stellung, hält es aber doch für möglich, daß diese in der Schule statt des Terenz vorgetragen und so auch benachbarten Kongregationen bekannt wurden; denn, das ist sein leitender Gedanke, es sei falsch, anzunehmen, daß Gandersheim gewissermaßen eine literarische Insel gewesen sei, es habe sicher in reger geistiger Beziehung zu Hildesheim gestanden. Überhaupt müsse man, um das mittellateinische Drama zu verstehen, den ganzen literarischen und geistigen Hintergrund in Betracht ziehen. Die Verbindungslinien, die er zwischen den einzelnen Bildungsstätten (Gandersheim, St. Emmeram, Tegernsee, Benedictbeuern, Fulda, Hildesheim usw.) zieht, sind interessant, wenn auch nicht immer beweisend. Das Prinzip, daß die Literatur der Zeit kosmopolitisch, international war, ist sicherlich richtig. Daß das Hildesheimer Nikolausspiel auf Gandersheimer Einflüsse zurückgehe, wagt er nicht strikte zu behaupten. -- Die Frage, warum das geistliche Spiel gerade vom Ostertropus seinen Ausgang nahm, beantwortet J. Schwietering ( 632) dahin, daß es die Stimmungsatmosphäre, die aus der elevatio crucis und visitatio sepulchri erwuchs, die ekstatische Verzückung der Osternacht, die Freudenklänge des nach langer Fastenzeit wieder erklingenden Allelujas waren, die zu liturgischer, dramatischer Gestaltung drängten. -- Eine liturgisch-dramatische Himmelfahrtsfeier druckt N. C. Brooks Zeitschrift  f. d. Altertum 62, 91 ff., aus einer Moosburger Handschrift des 14. Jahrhunderts; doch ist sie älter. Während rein szenische Darstellungen der Himmelfahrt auch sonst bekannt sind, liegt hier eine richtige Dramatisierung vor.

VII. Glossen.

Die Vorarbeiten für ein mittellateinisches Wörterbuch tragen natürlich dazu bei, die namentlich von W. M. Lindsay betriebene Beschäftigung mit den Glossen zu beleben. Es kann hier nicht jeder kürzere oder längere Beitrag zu der ALMA verzeichnet werden, wie etwa der von C. Plummer ( 634), doch sei der vorzügliche Aufsatz von W. M. Lindsay, Note on the use of glossaries (ALMA I, 16) hervorgehoben, wo auf vier Seiten klargemacht


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wird, was eine Glosse ist. J.  F. Mountford ( 633) legt die Bedeutung der Vergilscholien für die Entstehung der Glossen dar. Die Glossaria latina iussu Academiae Britannicae edita sind mir bisher unzugänglich geblieben. Das Latein in Urkunden schließlich bespricht C. Brunel ( 633a). Eine sehr sorgfältige und auch für unsere Zwecke zu empfehlende Arbeit ist M. Hammarström, Glossarium till Finlands och Sveriges Latinska Medeltidsurkunder jämte språklig Inledning, Helsingfors 1925.

VIII. Übersetzungen.

J. H. Pitmans Ausgabe und Übersetzung von Aldhelms Rätseln ( 639) hat uns nicht vorgelegen. G. Frenken, Wunder und Taten der Heiligen, eröffnet eine von Fr. v. d. Leyen herausgegebene Sammlung: Bücher des Mittelalters ( 2014). Der Eindruck des hübsch ausgestatteten Werkes ist nicht ganz einheitlich. Während die Sammlung der Legenden, die Form, wie sie geboten werden, offensichtlich auf ein weiteres Publikum berechnet sind, erhebt die Einleitung, die eine praktische Literaturgeschichte der christlichen Legende sein soll, durchaus wissenschaftliche Ansprüche, und auch die Beigaben am Schluß, namentlich das Motivregister, wird der Forscher gern heranziehen. -- Daß Dantes bei uns wenig bekannte Schrift De vulgari eloquentia durch die treffliche Übersetzung von  F. Dornseiff und J. Balogh ( 627) zugänglicher gemacht wird, ist sehr erfreulich. Reichliche, sehr gelehrte Anmerkungen machen manche Stelle erst recht verständlich. Vgl. auch u. 792, 793, 796, 839.

§ 12. Allgemeines zur deutschen Geschichte.

Es ist hier in unserem Zusammenhang nicht der Ort, auf diese Publikation im einzelnen einzugehen, besonders, da wir inzwischen bereits auf zwei große Aufsätze (Kaehler in H. Z. 135, 1; Joachimsen in Archiv  f. Pol. u. Gesch. 1926 H. 1, 2) hinweisen können, die ihren Gesamtgehalt herausgearbeitet haben. Meinecke hat in einer einleitenden Einführung das Bild Doves als eines der letzten Repräsentanten des klassischen Liberalismus gezeichnet, im Anschluß vor allem an Doves publizistische Aufsätze aus den ersten Jahren nach der Reichsgründung. Die harmonisch gedämpfte Gesamtatmosphäre jener Zeit dringt so, an dem Bilde eines ihrer edelsten Vertreter deutlich gemacht, erneut auf uns ein, da wir von dem Sekuritätsbewußtsein dieser Generation ebensoweit entfernt sind, wie sie selbst über die spekulativen Bedürfnisse der Väter hinweggekommen zu sein glaubte. Dove selbst stand -- es geht dies aus seinen Briefen ebensosehr wie aus der Einführung Meineckes hervor -- den Erscheinungen der Zeit oft als scharfer Beobachter, mit herber Skepsis, gegenüber, und das gleiche vorsichtige Abwägen leitete ihn in Publizistik und Forschung. In seiner Gesamthaltung uns unerreichbar, in der Richtung auf eine von Erschütterungen freie Harmonie uns fremd, mutet er die Heutigen als Kind einer vergangenen Epoche an, und doch als eine Persönlichkeit, deren weiser Überlegenheit die Gegenwart, vor drängendere und quälendere Fragen gestellt, nichts Ebenbürtiges an die Seite zu setzen vermag.

III. Ost-, Mittel- und Norddeutschland.

Über die Merowingerzeit Mitteldeutschlands liegt eine ausführliche Veröffentlichung eines Gräberfeldes von Obermöllern bei Kösen von  F. Holter ( 765) vor. Handelt es sich in der Hauptsache auch nur um einen Fundbericht, so ist die Grabung des Verfassers so sorgfältig, die Funde so bedeutungsvoll und der Bericht mit so zahlreichen und guten Abbildungen versehen, daß die Arbeit einen guten Einblick in die Kultur des altthüringischen Reiches, besonders seines Ostteils, vermittelt, wie er in ähnlicher Reichhaltigkeit bisher nur aus dem Mittelpunkt Altthüringens, aus Weimar, bekannt war. Die Landesanstalt für Vorgeschichte zu Halle a. d. S., die mehrere Jahre lang infolge dringender musealer Aufgaben die Veröffentlichungstätigkeit unterbrechen mußte, hat sich


S.223

durch Herausgabe dieser gut ausgestatteten Schrift ein großes Verdienst erworben. Dasselbe Institut veröffentlichte im gleichen Jahre nicht nur die umfangreiche, oben besprochene Steinzeitarbeit Niklassons, sondern auch die folgenden Abhandlungen. Es steht daher im Jahre 1925 mit seiner Veröffentlichungstätigkeit durchaus an der Spitze. Eine gewisse Ergänzung zu Holters Arbeit ist die Zusammenstellung der merowingerzeitlichen Funde des Nordteils des alten Thüringerreiches durch W. Schulz ( 767). Die Fundverteilung spricht dafür, daß die Gaueinteilung der Karolingerzeit zwischen Ohre und Harz schon in die Merowingerzeit zurückreicht. Aber auch für die Karolingerzeit des Nordharzgebietes weiß derselbe Verfasser durch die Bodenforschung wertvolle Ergebnisse zu fördern (W. Schulz, Die Begräbnisstätte der Karolingerzeit an der Boxhornschanze, Stadtkreis Quedlinburg. Mannus, 4. Erg.-Bd. Leipzig [C. Kabitzsch] 1925, Seite 157--169, mit 15 Abbildungen). Es gelang ihm, die Gräber der Vorfahren des sächsischen Herzogsgeschlechts der Billunger auszugraben.

I. Quellen.

Für die Zeit, da die Geschichte der germanischen Eroberer Britanniens sich von der der Festlandgermanen löst, steht unter den wenigen keltischen Quellen nach Gildas die seltsame, aber durch die erste Erwähnung König Arthurs so einflußreiche Kompilation des Nennius im Vordergrunde. Seit der Ausgabe Mommsens galt die ursprüngliche Historia Brittonum als das Werk eines unbekannten Verfassers aus dem 7. Jahrhundert, Nennius nur als ein späterer Überarbeiter. Demgegenüber zeigt  F. Liebermann († 1925) in der letzten Arbeit seines so jäh abgeschlossenen Forscherlebens ( 784), daß Nennius, ein Kymre (so Max Förster, War Nennius ein Ire?, in 193, der Finke-Festgabe, S. 36--42), doch der Verfasser des Werkes gewesen ist, von dem er mehrere Ausgaben besorgt hat, und daß er im ersten Drittel des 9. Jahrhunderts geschrieben hat und hie und da von Beda abhängig ist.

I. Quellen.

Auch der Aufsatz von Fr. Poxrucker über die Quellen zur Geschichte des hl. Maximilian ( 786) arbeitet stark mit fragwürdigen Vermutungen über die frühchristliche Zeit der Ostalpen, wenn er aus der geringwertigen Vita Maximiliani von wahrscheinlich 1291 das Dasein einer Legende des frühen 9. Jahrhunderts erschließen will, und steht so zurück hinter der umsichtigen Selbstbeschränkung des ihm unbekannten Buches von J. Zeiller (Les origines chrétiennes dans les provinces danubiennes de l'Empire romain [Bibliothèque des Écoles françaises d'Athènes et de Rome 112], 1918, S. 64  f.) und hinter der methodischen Kritik, die P. E. Martin in seiner Arbeit über die Anfänge des Klosters Disentis ( 2159) an der Passio Placidi geübt hat. Die Freisinger Bischofschronik in deutscher Sprache, deren erste Hälfte bis 1158 B. Arnold aus dem Nachlaß von J. Schlecht veröffentlicht hat ( 788), ist eine Kompilation des früheren 17. Jahrhunderts und hier nur zu erwähnen wegen der eingehenden Erläuterungen der Herausgeber, die gelegentlich nützlich sein können. Für die Kritik von Legenden im allgemeinen verdient auch an dieser Stelle das stoffreiche Buch von Fr. Lanzoni hervorgehoben zu werden, das neben den Büchern etwa von Delehaye und Günter schon durch den weitergesteckten Rahmen seine Stelle findet (Studi e testi 43: Genesi svolgimento e tramonto delle leggende storiche, Roma, Tipografia Vaticana, 304 S.).

I. Quellen.

Mit der frühkarolingischen Annalistik beschäftigen sich die viel Unsicheres und Bestreitbares enthaltenden, an sein älteres Buch anknüpfenden Ausführungen von J. R. Dieterich über die Geschichtschreibung des Klosters Reichenau ( 790, 2077) und die sich an Giorgi anschließenden Bemerkungen von S. Tafel bei Lindsay ( 386, S. 55  f.) über die kurzen Annales Lugdunenses. Ferner wird in den von der Bibliotheksgeschichte ausgehenden Fuldaer Studien von Paul Lehmann ( 395) die Entstehung der Annales Fuldenses antiquissimi durch eindringende Untersuchung der gesamten Überlieferung über Sickel und Kurze hinaus aufgehellt, und die Art der darin wie in den Annales Corbeienses benutzten Northumbrischen Ostertafeln von 703/704 deutlich gemacht (von neugewonnenen Einzelheiten verzeichne ich das Geburtsjahr des Hrabanus Maurus 780). Der ebenfalls Fulda geltende Wunsch von  F. Flaskamp ( 2023) auf eine in der Tat wünschenswerte Neuausgabe von Eigils Vita Sturmi wird vielleicht in absehbarer Zeit Erfüllung finden.

I. Quellen.

Einhards Translatio Marcellini et Petri hat nicht nur wegen der Person ihres Verfassers vielfach Beachtung gefunden, sondern auch durch ihren Inhalt als Quelle der Kultur- und Ortsgeschichte. So lag es nahe, diese Schrift auch weiteren Kreisen durch eine deutsche Übersetzung zugänglich zu machen; Karl Esselborn's auch von kurzen Anmerkungen begleitete Übertragung ( 792) wird so sicherlich vielen Anklang finden (die Verbesserung einer Stelle, die Fr. L. Ganshof zu der Ausgabe von Waitz mit Recht vorgeschlagen hat, Bulletin Du Cange II, 89--91, hat Esselborn unabhängig von ihm vorgenommen). Die zugehörige Einleitung, die auch über Einhards Leben und übrige Werke unterrichtet, ist 1927 als Sonderabdruck aus dem Archiv für hessische Geschichte und Altertumskunde, N.F. 15, erschienen (Karl Esselborn, Einhards Leben und Werke, Darmstadt, Histor. Verein für Hessen, 65 S.); ihr ist eine


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Verdeutschung der rhythmischen Passio Marcellini et Petri in Prosa beigegeben sowie von Einhards Brief an Lupus über die Verehrung des Kreuzes. Die von dem Verfasser noch vermißte Schrift Einhards über die Psalmen (S. 44  f.) ist neuerdings in Vercelli aufgefunden worden (s. Neues Archiv 44, 202).

I. Quellen.

Den einst von E. Dümmler begonnenen 6. Band der Epistolae der Mon. Germ. hat E. Perels ( 795) mit den Briefen Papst Hadrians II. (867--872) nach 23 Jahren zum glücklichen Abschluß gebracht. Waren die Briefe auch sämtlich schon bekannt, so ist ihre Benutzung doch jetzt durch die Heranziehung der Handschriften und die Erläuterungen des Herausgebers auf sichere Grundlagen gestellt; Perels' Ausgabe der Briefe Nikolaus' I. (1912) findet so für den Ausgang Lothars II. und den Kampf um sein Erbe ihre erwünschte Fortsetzung (W. Holtzmann, Historische Zeitschrift 134, 1926, 565  f., weist nach, daß Brief 27, S. 733, nicht an Ludwig den Deutschen gerichtet sein kann, sondern nur an einen geistlichen Würdenträger, vielleicht den Erzbischof von Mainz).

I. Quellen.

In ein anderes süddeutsches Kloster, nach Hirsau, führen die Quellen zur Geschichte des hl. Aurelius, die der Bollandist H. Delehaye unter den Heiligenleben des 9. und 10. November in dem 4. Band der Acta sanctorum Novembris (Brüssel 1925, S. 128--142) bearbeitet hat. Aurelius war ein orientalischer Bischof, der 475 in Mailand gestorben war und dessen Reste von dort um 830 durch den aus Schwaben stammenden Bischof Noting von Vercelli nach Deutschland kamen, wo ihm in Hirsau eine Kirche geweiht wurde. Hier hat man noch im 9. Jahrhundert die schon früher von den Bollandisten veröffentlichte 1. Vita Aurelii (S. 134--137) verfaßt, eine Legende mit einem kurzen Bericht über die Translation; ungedruckt war dagegen bisher außer Prolog und Schluß die 2. Vita (S. 137--141), die der Abt Williramm von Ebersberg († 1085) Wilhelm von Hirsau (1069--1091) gewidmet hat, der allerdings nur literarische Bedeutung zukommt, nicht zum wenigsten wegen


S.231

der Person ihres berühmten Verfassers. Delehaye hat seiner Ausgabe auch das 1. Kapitel der Historia Hirsaugiensis monasterii (SS. XIV, 254  f.) aus dem Codex Hirsaugiensis beigegeben.

I. Quellen.

Von der Chronica monasterii Casinensis des Leo von Ostia weist Paul Lehmann ( 400) ein Bruchstück (SS. VII, 651  f.) im Haag nach von einer um 1100 geschriebenen Handschrift aus Stavelot, von der andere Blätter in London und Paris zum Vorschein gekommen sind. Er vermutet, daß der Band durch Abt Wibald von Corvey und Stavelot, der 1137 auch Montecassino geleitet hat, in den Norden gekommen sei, und erörtert in diesem Zusammenhang überhaupt den Austausch von Büchern zwischen Deutschland und dem Gebiet Beneventanischer Schrift.

I. Quellen.

Eine für die Geschichte des Grenzgebietes deutsch-französischen Volkstums bei Calais, aber auch darüber hinaus kulturgeschichtlich wichtige Quelle, die Geschichte der Grafen von Guînes, die von Lambert von Ardres um 1200 verfaßt sein will, hatte W. Erben 1922 als erst um 1400 gefälscht nachzuweisen versucht. Dagegen tritt Fr. L. Ganshof ( 822) mit guten Gründen wieder für die Echtheit dieses lebensvollen Werkes ein, und auch Erben hat im Neuen Archiv 46 ( 1926), 621  f., die Berechtigung eines Gegengrundes anerkannt, wenn er auch im übrigen die Beweisführung von Ganshof nicht als ausreichend ansieht und zu neuer Untersuchung auffordert. Kurz vorher hatte er bereits, als er die literarische Art des Werkes in weiterem Rahmen kennzeichnete (Über die Erwähnung eigener Erlebnisse bei Geschichtschreibern des Mittelalters, in den Mitteil. des österr. Inst. 41, 1926, 18 ff.), ebenfalls die Entscheidung zwischen 1200 und 1400 als nicht gesichert anerkannt. Von belgischen Quellen der Stauferzeit hat W. W. Rockwell die Miracula Cornelii papae aus dem Prämonstratenserstift Ninove bei Gent, die er aus der nach Amerika verschlagenen Handschrift zuerst vollständig in einer Göttinger Dissertation 1914 veröffentlicht hatte, durch eine Neuausgabe ( 2163) allgemeiner zugänglich gemacht. H. Delehaye macht aus einer Brüsseler Handschrift eine Aufzeichnung über drei Konversen des Zisterzienserklosters Villers in Brabant, Arnold, Hermann und Nikolaus, bekannt (Acta sanctorum Novembris IV, 277 bis 279), eine Quelle der Gesta sanctorum Villariensium, bei deren Ausgabe Waitz den von ihm nicht gesehenen Text unrichtig beurteilt hat (SS. XXV, 194). [W. Levison.]

a) Allgemeines.

Über die bei uns viel zu wenig bekannte und schwer zugängliche slawische Literatur zur Geschichte des deutschen Nordostens und der slawischen Grenzstaaten des Reiches unterrichtet eingehend in Fortsetzung eines bereits 1924 erschienenen Berichtes H.  F. Schmid ( 585), der damit eine außerordentlich


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fühlbare Lücke ausfüllt. Besonders sind die ausführlichen Erörterungen über die umfangreiche und offenbar wertvolle, aber doch wohl sehr der Kritik bedürfende Arbeit von D. N. Jegorov über die Kolonisation Mecklenburgs im 12. und 13. Jahrhundert (mit Faksimile des Ratzeburger Zehntregisters) und die Studien von R. Tymeniecki über die Rechts- und Sozialgeschichte der Pommern und Polaben (in Pommern und Mecklenburg) hervorzuheben.

b) Sachsen.

Die langobardischen Otbertiner haben für uns als die männlichen Vorfahren der jüngeren Welfen besondere Bedeutung. Über die ältesten Generationen im 10. und früheren 11. Jahrhundert handelt C. Manaresi (Appunti alla genealogia degli Obertenghi proposta dal Gabotto. Arch. stor. lomb. ser. VI, Anno 52, 1 [1925], 196--200). Anknüpfend an eine bereits 1918 erschienene Arbeit Gabottos (I marchesi Obertenghi, conti di Tortona, fino alla pace di Luni, 945--1125, in:  F. Gabotto, Per la storia di Tortona nella età del comune, Turin 1922--25, Bibl. d. soc. stor. subalpina 96, N. S. 2, S. 149--190, vorher im Giornale storico della Lunigiana 9, 1918, S. 3--47 gedruckt) nimmt er mit diesem den ältesten Otbert I. bereits am 23. Juni 953 als Pfalzgrafen an, übt aber an anderen, in der Tat nicht genügend begründeten Aufstellungen G.s Kritik. Eine Urkunde vom 9. Juli 1011, aus der man bisher auf einen Adalbert, der auch schon Markgraf gewesen sein müßte, als Vater des Markgrafen und Pfalzgrafen Otbert I. und somit ältesten Ahnherrn der


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Este und der Welfen geschlossen hat, erklärt Gabotto, ebenso wie die mit ihr zusammenhängende Urkunde vom 13. März 1002, anders, so daß dieser Adalbert nicht der Vater, sondern sein bisher als Adalbert II. bezeichneter Sohn sein würde. Das erscheint recht beachtenswert. Die Einwendungen von Manaresi, dessen Erklärung von nepos als Bruderssohn in der Verbindung Adalbertus filius b. m. Obberti et nepus b. m. Adalberti qui fuit similiter marchio freilich nicht gerade einleuchtet, greifen diesen Punkt nicht an, sondern betreffen nur die Deutung der anderen Personen.

b) Sachsen.

Seine große Studie über die Beziehungen zwischen abendländischem und griechischem Kaisertum und römischer Kirche in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts, die bereits vor dem Berichtsjahr liegt (Hist. Zt. 129, 424--75), hat P. E. Schramm durch zwei Untersuchungen zur Geschichte Ottos III., besonders des Jahres 997, ergänzt. In der einen ( 832) versucht er eine neue Datierung der Gerbertbriefe dieses Jahres, indem er davon ausgeht, daß Gerbert bereits am 9. April 997 bei Otto III. in Aachen gewesen sein müsse (vgl. dazu B. Schmeidler im Årsbok 1926 von Vetenskaps-Societeten in Lund S. 23--25, der eine neue Untersuchung der ganzen Gerbertschen Sammlung fordert). In der anderen ( 831) veröffentlicht und erläutert er neun Briefe eines byzantinischen Gesandten Leovon seiner Sendung ins Abendland 997-98, die bisher zwar nicht ungedruckt, aber fast unbenutzt und zum großen Teil unverständlich geblieben waren, auch weiterhin bei der vielfach dunklen Ausdrucksweise und dem nicht gerade guten Text mannigfachen Zweifeln Raum bieten. Schramm beleuchtet mit ihrer Hilfe vor allem Aufstellung und Ende des auch in der Hauptarbeit näher gewürdigten Gegenpapstes Philagathos, an dessen Erhebung der griechische Gesandte trotz persönlicher Abneigung nicht unbeteiligt erscheint. -- In der obenerwähnten Abhandlung über die Beziehungen zwischen abendländischem und griechischem Kaisertum und römischer Kirche tritt Schramm mit guten Gründen, wie auch der Referent in der Dten. Lit.-Ztg. 1921, S. 220  f., dafür ein, daß Ottos II. Gemahlin Theophanu nicht als Tochter des Romanos II. dem sogen. makedonischen Kaiserhause zuzurechnen, sondern nur als Nichte des Johannes Tzimiskes zu betrachten ist. Die ungedruckte Dissertation von R. Zimmermann über die Witwenausstattung der Theophanu ( 833) hat uns nicht vorgelegen.

c) Salier.

Mit der Entwicklung der rheinischen Bischofsstädte im 11. Jahrhundert und ihrem Anteil an den Kämpfen Heinrichs IV. beschäftigt sich Eberhard Freiherr v. Danckelman ( 837), der den Ministerialen als den Trägern des kriegerischen Geistes in der an sich militärisch weniger tüchtigen städtischen Bevölkerung die entscheidende Rolle in dieser Bewegung zuspricht. Gegen seine Quellenbenutzung und -auslegung hat  F. Keutgen ( 838) nicht ohne Grund scharfen Widerspruch erhoben und gegenüber der »wenig wahrscheinlichen« Grundauffassung auf die an gleicher Stelle erschienene und zum Teil dieselben Dinge behandelnde Untersuchung von Luise v. Winterfeld ( 1613) über die Anfänge des Gemeinwesens der Stadt Köln hingewiesen.

c) Salier.

Die Geschichte des 1. Kreuzzuges bis zur Wahl Gottfrieds von Bouillon (22. Juli 1100) von  F. Chalandon ( 856) ist als der einzig vollendete Teil einer geplanten allgemeinen Geschichte der Kreuzzüge aus seinem Nachlaß


S.239

herausgegeben, wodurch manche Unebenheiten erklärt werden. Man wird sie neben dem weiter unentbehrlichen Buche von Röhricht mit Nutzen heranziehen, auch wenn an Tatsächlichem Neues kaum zu bringen war. Chalandon will vor allem dem griechischen Standpunkt mehr gerecht werden und sucht auch, wie schon in seinem Buch über Alexios I. Komnenos, die Bedeutung des Hilfegesuches von 1095, soweit es überhaupt erfolgt sei, möglichst einzuschränken. Noch die Einladungen nach Clermont haben nach ihm von dem Kreuzzug nichts enthalten, den er ganz dem persönlichen Antrieb des Papstes zuschreibt. Auch die Vorläufer des eigentlichen Zuges und die Vorgänge in der Heimat (Judenverfolgungen am Rhein) werden geschildert. Angehängt ist eine kurze Übersicht über die inneren Verhältnisse in den Kreuzfahrerstaaten im 12. Jahrhundert ohne Belege, die in dieser Form nach dem Urteil der Herausgeberin wohl nur einen kurzen vorläufigen Entwurf darstellt. Ergänzend ist hinzuweisen auf die schon 1924 erschienene Arbeit von J. Laurent ( 859) über Edessa von 1071--1098. Die Adoption Balduins durch Thoros faßt er mehr als eine Form der Höflichkeit auf, aus der dann Balduin den unerwarteten Anspruch auf Mitherrschaft hergeleitet habe. -- Zur Vorgeschichte vgl. auch die eindringende Untersuchung von W. Holtzmann ( 1991), der ausführlich auch über die Orientpolitik Gregors VII. und seines Gegners Wibert-Clemens' III. handelt.

d) Staufer.

Zu dem Lösegeld, das der englische König dem Kaiser zu zahlen hatte, mußten 1194 auch die Juden beitragen. Die Exchequer-Rolle, die deren Zahlungen verzeichnet, hat J. Abrahams herausgegeben (Miscellanies of the Jewish hist. soc. I, London 1925, S. LIX--LXXIV. Vgl.  F. Liebermann, Hist. Zt. 133, 148).


S.241

d) Staufer.

Die geographischen Vorstellungen und Kenntnisse des Abendlandes in der Zeit von etwa 1100--1250 schildert in klarer Gliederung das außerordentlich stoffreiche Buch von John Kirtland Wright ( 855). Mit den Kreuzzügen hat es nur äußerlich insofern Zusammenhang, als diese im wesentlichen in die hier behandelten anderthalb Jahrhunderte fallen. Es ist nicht etwa das Ziel des Verfassers, ihre Einwirkung auf das geographische Wissen herauszuarbeiten. Dieses hat nach ihm während seines Zeitraumes keine wesentliche Veränderungen erfahren. Was er schildert, ist wesentlich das gelehrte Wissen, in Ergänzung zu Beazley, der sein Augenmerk vorwiegend auf die Reisen und Forschungen richtete. Doch weist er wiederholt, auch grundsätzlich, auf die praktische Beobachtung als wichtige Quelle neben der gelehrten Überlieferung hin und sucht deren Anteil verschiedentlich abzugrenzen. Daß in dieser Richtung mit Nutzen weitergegangen werden kann, hat W. Vogel (Hist. Zt. 136, 553  f.) ausgeführt. Natürlich kann ein solches Buch nur zum Teil auf eigener Forschung beruhen. Für die einleitenden Abschnitte (über den Einfluß der Antike, der älteren christlichen Kirche und des Islams) stützt sich der Verfasser bewußt auf die maßgebende Literatur, aber auch für die folgenden Kapitel, die grundsätzlich auf die gedruckten Quellen zurückgehen (nur für das Kapitel über die Längen- und Breitenbestimmung auch handschriftliches Material verwerten), kann natürlich in diesem weiten Rahmen nur eine mehr oder weniger genaue Schilderung nach dem zeitigen Stande der Forschung erwartet werden. Das gilt besonders von der Übersicht über die Quellen S. 88--129, ist aber auch in dem eigentlichen Hauptteil über Inhalt und Art des geographischen Wissens (S. 133--352: Kosmogonie, Kosmologie und Kosmographie; Meteorologie und Klimatologie; Wasser und Gewässer; Land und Landschaft, auch Landschaftsgefühl; Längen- und Breitenbestimmung; Kartographie; Länderkunde) nur streckenweise anders. Aber der große Nutzen dieser sehr gelehrten, mit reichen Nachweisen versehenen Zusammenfassung so vieler und vielfach schwer erreichbarer Dinge aus auch sachlich nicht einfachen Grenzgebieten ist gerade für den Historiker


S.243

augenscheinlich. Wenn zu der Literatur und den Ausgaben der Quellen sich öfter Nachträge und Verbesserungen ergeben, so ist das demgegenüber nicht so erheblich, und auch die von jedem auf seinem Gebiet leicht zu häufenden Bemerkungen zu den sachlichen Ausführungen machen für die Leistung als Ganzes nicht so viel aus. Bei »Alemannia« (S. 325) vermissen wir einen Hinweis auf das bekannte Buch von Vigener. Was über »Gallia« (nach Otto von Freising) gesagt wird (S. 331), ist reichlich dürftig, und als seltsamen Anachronismus verzeichnen wir die Einordnung des Elsaß unter Frankreich (für das 12. Jahrhundert!). [A. Hofmeister.]

§ 17. Deutsche Geschichte 1254--1347.

F. Baethgen.)

III. Karl V.

Wenn das Werk Merrimans die deutsche Geschichte nur eben berührt, das Rosis sie so gut wie ganz unberücksichtigt läßt, so werden wir durch die Erörterungen über die Vorgänge bei der Wahl Karls V. mitten in diese hineingeführt. Auf einer Äußerung des englischen Sekretärs Richard Pace, die Sanuto uns überliefert hat, einer Stelle in einer Schrift Luthers vom Jahre 1521 und einer Bemerkung des Kurfürsten von Mainz aus dem Jahre 1528 baut Kalkoff ( 927) die Hypothese auf, daß Friedrich der Weise am 27. Juni 1519 mit vier Stimmen, darunter seiner eignen, zum Kaiser gewählt worden sei, aber schon nach drei Stunden abgedankt habe, da Ludwig von der Pfalz ihn unter dem Druck der in der Nähe der Wahlstadt zusammengezogenen Truppen im Stich ließ. Alle andern Quellen müssen sich dieser Annahme fügen. Man muß zugeben, daß jene drei Stellen auffallend sind und einer Erklärung bedürfen. Die besonders von Brandi ( 928) nachgewiesene Unwahrscheinlichkeit der Hypothese ist aber so groß, daß man eben nach andern Erklärungen wird suchen müssen. Abgesehen von diesem Grundgedanken bringt das Buch Kalkoffs dank der außerordentlichen Personal- und Quellenkenntnis des Verfassers wieder manche Aufklärung, wenn auch die »emotionale« (cf. Häpke, Zeitschr.  f. d. ges. Staatswissenschaft Bd. 82, 1927, S. 159--166) Betrachtungsart des Verfassers seinen Urteilen gegenüber zur Vorsicht mahnt. Von Wichtigkeit sind vor allem die Untersuchungen über das Verhalten der Kurfürsten bei den Wahlverhandlungen, über die Stellungnahme der öffentlichen Meinung zur Wahl Karls, über die politischen und militärischen Vorbereitungen, besonders auf habsburgischer Seite, und die Zergliederung der Wahlverschreibung. Hier wird man manches lernen können, wenn auch Kalkoff die Kurfürsten wohl zu sehr entlastet, die der Wahl Karls günstigen Stimmen zu sehr als habsburgische Mache hinstellt und mit den Rüstungen auf beiden Seiten auch Vorgänge in Zusammenhang bringt, die wenig damit zu tun haben; bezüglich der Wahlverschreibung erscheint es Ref. zweifelhaft, ob es überhaupt zu einer solchen gekommen wäre, wenn man einen deutschen Fürsten gewählt hätte.


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VI. Bauernkrieg.

Die Dissertation von Baerwald ( 939, jetzt in 2. Aufl. gedruckt im Urquellverlag Erich Röth, Mühlhausen i. Thür., 1925) stellt eine Erweiterung des Zeitschriftenaufsatzes ( 940) dar. Nur im Buch findet man die Quellenübersicht, das Kapitel über die beiderseitigen Führer, die Schlußbetrachtung, die Zeittafel und die Zusammenstellung des Schrifttums über den Bauernkrieg, außerdem sind einige Bilder beigegeben; die auf dem Titel erwähnten Karten liegen dem Exemplar des Referenten nicht bei. Der Verfasser ist entschieden bemüht, auf Grund der kritisch gesichteten Quellen zu einem selbständigen Urteil über die Vorgänge vor und während der Schlacht bei Frankenhausen zu kommen. Daß man aber im einzelnen doch noch anderer Meinung sein kann, zeigt die Besprechung von Brinkmann in den Mühlhäuser Geschichtsblättern 25/26, S. 356  f. In einigen Punkten kommen wohl auch Bärwald und Zimmermann ( 941) zu verschiedenen Ergebnissen. Dieser will eine populäre Darstellung des Lebens Müntzers geben. Das Buch ist gut geschrieben und flicht recht geschickt Auszüge aus den Schriften Müntzers ein. Neue Tatsachen erfahren wir wohl nicht, das Bekannte ist aber hübsch dargeboten. Auch diese Schrift ist mit einigen Bildern geschmückt. Pietsch ( 943) bringt nach einer Übersicht über die Literatur zur Geschichte des Bauernkrieges im sächsischen Vogtlande und im Erzgebirge Auszüge aus den Rechnungen der Ämter Plauen und Voytsberg aus jener Zeit und gibt die nötigsten Erläuterungen dazu.

III. Einzelheiten aus der Zeit der Gegenreformation.

In die Blütezeit der Gegenreformation führt uns Schellhass ( 2210) und gibt uns einen wertvollen Einblick in die Verhältnisse im Bistum Konstanz zur Zeit Gregors XIII. Neu ist allerdings nur das 6. Kapitel, während die ersten fünf schon in der Zeitschr.  f. G. d. Oberrheins 1917 und 1918 gedruckt waren. Wir werden vor allem über das Schicksal der Äbte Funck von Petershausen und Gyger von St. Georgen zu Stein a. Rh. unterrichtet. Ihr Lebenswandel veranlaßte den Nuntius Ninguarda, gegen sie vorzugehen. Ihre Absetzung und die Vereinigung beider Klöster waren das schließliche Ergebnis.

II. Von 1648--1701.

Die Türkennot war es vor allem, die in Österreich den Gedanken des stehenden Heeres aufkommen ließ. Sie war auch im 17. Jahrhundert noch nicht gebannt, in der Belagerung Wiens 1683 fand sie vielmehr erst ihren Höhepunkt. Über diesen denkwürdigen Vorgang bringt  F. H. Marshall eine eigenartige, bisher unbekannte Quelle zur Veröffentlichung ( 986). Es handelt sich um die griechische Übersetzung einer noch im Jahre 1683 erschienenen italienischen Flugschrift, die der im Dienste des Fürsten der Walachei stehende Kreter Jeremias Cacavelas 1686 anfertigte. Während das italienische Original sich in der Nationalbibliothek zu Venedig befindet, war Cacavelas' Manuskript in den Besitz des Britischen Museums gelangt. Marshall gibt außer Einführung und Register den griechischen Text mit Glossar und eine mit kritischen Anmerkungen versehene englische Übertragung. Trotzdem die italienischen Autoren sich hüten, die Führer der Christen irgendwie zu kritisieren, und trotz einzelner Ungenauigkeiten hat der Bericht, der auf sehr guten Informationen beruhen muß, doch bedeutenden historischen Wert.

II. Napoleonische Periode.

Unter den Biographien bietet die von G. Roloff ( 1083) eine gedrängte, übersichtliche Zusammenfassung unserer Kenntnis von Napoleon, im Sinn Fourniers und Lenz'. Leitidee der napoleonischen Politik ist der Kampf gegen England; Höhepunkte sind die Angriffspläne auf England (1804/05) und Indien ( 1808). Erscheint Napoleon so als zweiter Alexander, so tritt er doch durch die Macht des Schicksals in die Fußtapfen Karls des Großen (kontinentaler Reichsgedanke). In der Vollendung und Sicherung der Revolutionserrungenschaften -- staatliche Einheit und rechtliche Gleichheit -- für Frankreich und in der Vorarbeit für die nationalen und konstitutionellen Staaten Europas sieht Roloff die Bedeutung Napoleons. »Wesensdarstellung« will die Biographie von E. Ludwig ( 1082) sein. In lebenden Bildern und dramatischen Szenen will er uns die Psyche Napoleons erschließen. Als ihre Grundelemente will Ludwig erkennen das Korsentum Napoleons, seine Doppelpoligkeit als phantastischer Schwärmer und überlegter Rechner -- beides von genialen Ausmaßen --, der Drang, sein Ich an der Spitze der Menschheit zu entfalten im Sinn des antiken, vergöttlichten Kaisers. Deshalb will Napoleon den Orient erobern, wo dies Ideal einzig zu verwirklichen ist; und der Kampf gegen England ist ein Stück des Ringens um den Orient, nicht umgekehrt. Im Zeitalter des Individualismus und Nationalismus jedoch muß Napoleon, 2000 Jahre zu spät gekommen, scheitern. Den schärfsten Gegensatz zu der psychologischen Betrachtungsweise Ludwigs bildet die Darstellung von G. Bourgin ( 1084). Sie ist Tatsachenschilderung. Die systematische Darstellung des napoleonischen Systems, die Schilderung der Entwicklung des englischen und russischen Imperiums, die Darlegung der wirtschaftlichen Verhältnisse und des sozialen Gefüges des napoleonischen Zeitalters sind Vorzüge. Aber eben die Schilderung der wirtschaftlichen, sozialen und verfassungsrechtlichen Vorgänge und Elemente drängt die Person Napoleons, die Außenpolitik, das Militärische derart in den Hintergrund, daß das ganze Zeitalter verzeichnet ist. Die Biographie von  F. M. Kircheisen ( 1081), von der jetzt der 5. Band, das Konsulat, vorliegt, ist Tatsachenerzählung, verzichtet aber dabei auf tiefer eindringende Beurteilung. -- Neue Quellen zur napoleonischen Zeit erschließt der Earl of Kerry ( 1092) aus den Bowood-Papers. Briefe und Aufzeichnungen des Grafen von Flahault, eines Adjutanten Napoleons, geben neue Einzelheiten zur Geschichte der Feldzüge von 1809--1815 und zum Liebesroman des Grafen mit der Königin Hortense sowie wichtige Aufschlüsse zur kritischen Beurteilung der »Correspondance de Napoléon I.«. Aus den Papieren des Admirals Keith fällt manch neues Licht auf die Bellorophon-Episode. Aus den französischen Kriegsarchiven bietet der 5. Band der Correspondance inédite de Napoléon I., herausgegeben von E. Picard und L. Tuetey ( 1093), etwa 800 Schriftstücke


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zur Vorbereitung und Einleitung des russischen Feldzugs und etwa 300 aus dem Feldzug selbst, eine Dokumentensammlung, gleich wertvoll für den Militärhistoriker und den politischen Geschichtler.

I. Gesamtdarstellungen.

Eine deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts sieht sich heute vor eine viel schwerere Aufgabe gestellt wie vor dem Weltkriege: nicht der Aufstieg Deutschlands, die Kämpfe um die Einheit und die wirtschaftliche Entwicklung sind zu schildern -- historische Erscheinungen, welche trotz mancher Schatten in dem glänzenden Bilde doch zu starker Zuversicht Anlaß gaben --, sondern sie muß zugleich die Ursache für die das 19. Jahrhundert erst wirklich abschließende Katastrophe des Weltkrieges mit ihrem für Deutschland so unheilvollen Ausgang aufdecken; diese Ursachen können aber nicht in der Geschichte dieses kurzen Zeitraumes gefunden werden: sie liegen in der ganzen deutschen Vergangenheit. Das Buch von Schnabel »Deutschland in den weltgeschichtlichen Wandlungen des letzten Jahrhunderts« ( 1108) erwächst aus der Problematik der deutschen Geschichte: die deutsche Mittelage und die partikularistischen Neigungen werden als die Hauptkomponenten der Entwicklung vorangestellt; so gewinnt Schnabel einen Gedankenaufbau, in den sich der eigentliche Gegenstand seines Buches mit innerer Notwendigkeit eingliedert. Das ist das wissenschaftlich Reizvolle an einer deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts, daß ihr noch die Aufgabe gestellt ist, sie als eine historische Einheit zu begreifen und zu den früheren Jahrhunderten in eine sinnvolle Beziehung zu setzen: diese Aufgabe kann sich erst dem heutigen Historiker eröffnen, der nicht mehr -- wenn auch die Verbindung mit dieser Epoche noch sehr lebendig ist -- »Zeitgeschichte« schreibt, sondern eine in sich abgeschlossene Periode. In diesem Sinne faßt denn auch Schnabel seine Aufgabe auf. Die Schwierigkeiten des Stoffes und der Probleme werden nicht umgangen, sondern mit besonderem Nachdruck


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aufgezeigt; darin liegt auch die anregende Kraft dieses Buches. Die Stellung Deutschlands unter Großmächten bildet entsprechend der Themastellung das Hauptproblem, doch stehen diesen Abschnitten vorzügliche knappe Schilderungen der sozialen, wirtschaftlichen, verfassungs- und verwaltungsgeschichtlichen Entwicklung zur Seite. Die geistige Geschichte ist stellenweise etwas dürftig, doch mußte sie nach dem Charakter des Buches zurücktreten. Für die Stellung zu den innerpolitischen Fragen der Vorkriegszeit ist die Heraushebung Friedrich Naumanns (S. 220  f.) kennzeichnend. Der wirtschaftliche, industrielle und technische Aufstieg Deutschlands wird stärker, als es sonst üblich ist, berücksichtigt. Männern wie Friedrich List und Werner Siemens wird Schnabel so vom allgemein-geschichtlichen Standpunkt aus gerecht. Schnabel verkennt jedoch nicht die Gefahren, welchen der steigende Industrialismus Deutschlands vor dem Kriege entgegenging. Auf Einzelheiten kann nur hingewiesen werden. Schnabels Urteil über Richelieus Rheinpolitik (S. 10 ff.) verträgt eine Korrektur nach den Forschungsergebnissen Wilhelm Mommsens. Die Einwirkungen der auswärtigen Mächte auf die deutsche Geschichte, die zu den Grundthesen des Buches gehören, bedürfen an manchen Stellen einer noch schärferen Hervorhebung, so namentlich in der Revolution von 1848. Der Malmöer Waffenstillstand wird erst bei späterer Gelegenheit erwähnt; von Englands, Frankreichs und Rußlands Gegenwirkung gegen den deutschen Einigungsversuch durch die Paulskirche erfährt man zu wenig. Ähnliches gilt von 1870, wo zwar von Englands feindlicher Haltung, doch von Rußland (Pontuskonferenz) nicht die Rede ist.

II. Einzeldarstellungen.

Die Handelsinteressen lenkten die englische Politik in einem Grade wie die keiner anderen Macht: denn England allein von allen Staaten, Nordamerika nicht ausgenommen, konnte alle inneren und äußeren Kräfte für die wirtschaftlichen Ziele einsetzen. Diese spielen auch für die Stellung Englands zur deutschen Einheit (Precht, Nr. 1127, behandelt die Jahre 1848--1850) eine ausschlaggebende Rolle neben dem Bedenken Englands, im Kern Mitteleuropas eine neue große, das europäische Gleichgewicht störende Macht entstehen zu lassen.


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Von deutscher Seite dachte man sich die Aufgabe Englands ganz anders: nicht zufällig sind in den vierziger Jahren von mehreren Seiten Pläne einer deutsch-englischen Allianz entstanden. Precht erwähnt freilich die wichtigste Denkschrift nicht, die von Friedrich List im Jahre 1846, also vor dem Plan des Fürsten Leiningen, verfaßte Schrift »Über den Wert und die Bedingungen einer Allianz zwischen Großbritannien und Deutschland«, welche sowohl Friedrich Wilhelm IV. wie Peel vorgelegen hat; Peel hat ihr eine in ähnlichem Sinne gehaltene ablehnende Antwort erteilt wie der Leiningischen Denkschrift (Precht S. 16 ff.). Die Illusionen über die englische Politik trübten nicht nur den Politikern der deutschen Nationalversammlung den Blick, sondern täuschten auch die leitenden Männer der preußischen Politik, namentlich den König und Radowitz. Freilich erwies sich die englische Politik in dem schleswig-holsteinischen Konflikt als ausgesprochen deutschfeindlich, nach einer anfänglichen unparteiischen Haltung Palmerstons. Der Fehler, den die preußische Politik (Arnim) machte, als sie sich von der englischen Vermittlung abwandte und die schwedische in Malmö dafür in Anspruch nahm, hat sich schwer gerächt: dieser Fehler wiederholte sich sogar noch einmal bei dem Berliner Waffenstillstand. Die einzelnen Züge der preußischen Politik sind nicht nur tatsächlich bereichert, sondern auch im Urteil vertieft und geben ein im ganzen klareres und überzeugenderes Bild als die Darstellung Sybels, welcher in der Schilderung dieser Ereignisse etwas summarisch verfährt. Entscheidender als die englischen Drohungen wirkten wohl die russischen auf die preußische Politik ein, weil sie ernster gemeint waren. Palmerston konnte wohl kaum die englische Macht für Dänemark einsetzen, dazu fehlte doch das entscheidende Interesse der englischen Politik. Um den Einfluß in Dänemark nicht an Rußland und damit das dominium maris baltici zu verlieren, unterstützte Palmerston mit dem ganzen Gewicht seiner Politik die weitestgehenden Forderungen der Dänen, so daß seine Vermittlervorschläge immer mehr den dänischen Wünschen entgegenkamen, selbst gegen den Widerspruch der Königin Victoria. Die Parlamentsverhandlungen und die Presse zeigen, wie weit sich die Politik der Regierung auf die öffentliche Meinung stützen konnte. Es fehlt nicht an freundlichen Stimmen, die Deutschlands Einigung mit Wohlwollen betrachteten und die preußische Politik in der schleswig-holsteinischen Frage zu stützen suchten, vor allem auf Seiten der Liberalen (Gladstone, die »Daily News«, »Edinburgh Review«), der einflußreichere Teil des Parlaments und der Presse war dänenfreundlich und sah die Einigungsbestrebungen mit Mißtrauen. In der englischen Presse zeichnete sich die »Times« durch kaum zu überbietende Feindseligkeit gegen alles, was in Deutschland und Preußen geschah, aus. Es ist sehr wertvoll, daß Precht die einflußreichsten Organe bei wichtigen Gelegenheiten zitiert und dadurch ein klares Bild gibt, welche Kräfte in England die auswärtige Politik förderten und welche ihr entgegenarbeiteten. Alle Fragen der deutschen Einheitsbewegung werden in ihrer Wirkung auf die englische Politik gezeigt. Zu den Anfängen der deutschen Flotte nahm England eine schroff abweisende Haltung; die Zentralgewalt wurde niemals anerkannt, dem Reichsverweser bei seiner Wahl nur ein Begrüßungsschreiben gesandt. England unterstützte Österreich in seinen Bestrebungen zur Wiederaufrichtung des deutschen Bundes. Für Preußens Unionspläne brachte es nur Mißtrauen auf. Sogar im kurhessischen Konflikt kam es nicht zu einer Hinneigung

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zu Preußen, welches die Rechte der Untertanen gegen den wortbrüchigen Fürsten verteidigte, weil man dahinter wieder das Interesse Preußens, sich in Norddeutschland auszudehnen, witterte. So war denn England mit der Punktation von Olmütz einverstanden, weil es die alten Verhältnisse herstellte und die Gefahr eines Deutschen Reiches für die nächste Zukunft bannte. (Precht verlegt, S. 115  f., die Aufhebung der Navigationsakte irrtümlich in das Jahr 1848, statt 1849.)

§ 27. Ältere Rechts- und Verfassungsgeschichte (bis 911).

Dabei fehlt es dieser frühesten Periode weder an lebendigen Fragen und Problemen, noch selbst an Forschungsergebnissen von größtem Format. Ich meine die beiden Studien von K. v. Amira und von B. Krusch, zwei Werke, die zwar dem Berichtsjahr vorausliegen, aber wegen ihres überragenden Gehaltes gleichwohl hier erwähnt werden müssen. Jenes (Die germanischen Todesstrafen, S. B. d. bayr. Akad. Philos.- phil. u. hist. Kl. 1922, 31. Bd., Abh. 3) tritt in seinem Kernstück vermöge erschöpfender Auswertung eines schier unübersehbaren Schrift- und Bildmaterials den »Rechtsaltertümern« Jacob Grimms an die Seite und entwickelt in meisterhafter Handhabung vergleichender historischer Methode eine festgefügte Theorie der altgermanischen Strafrechtsursprünge, die u. a. nicht nur den ursprünglichen Opfercharakter der öffentlichen Todesstrafen wohl unwiderleglich dartut, sondern auch im übrigen der seit Brunner allgemein angenommenen These, die öffentlichen Strafen seien Abspaltungen der einstigen Friedlosigkeit, mit machtvoller Begründung entgegentritt. Dieses ( 1557), ein Triumph historisch-philologischer Quellenkritik, bedeutet inhaltlich und methodologisch einen Markstein im Fortschritt der Legesforschung. Denn wie einst Waitz das Textproblem der Lex Salica, so hat nunmehr Krusch -- veranlaßt durch den Auftrag, die damals noch im Druck befindliche Neuausgabe der Lex Baiwariorum (MG. LL. sectio I, tom. V, pars II) zu begutachten -- die Textkritik auch der bayerischen, alemannischen und ribuarischen Leges, aufsteigend bis zu der letzten und schwierigsten Frage nach deren mutmaßlicher Entstehung, auf die unverrückbare Grundlage gestellt, von der alle künftige Forschung ausgehen muß. Freilich des näheren auf diese bahnbrechenden Untersuchungen einzugehen, fehlt hier der Raum; sie sind ja ohnehin nur an der Hand der Texte zu erfassen und zu würdigen. Nur soviel sei noch gesagt, daß Krusch an vielen und entscheidenden Punkten zu einem völligen Bruch mit der germanistischen Schulmeinung geführt worden


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ist. So wird u. a. der Nachweis erbracht, wie mißraten oder mit welchen Gebrechen belastet die Ausgaben der drei oberdeutschen Leges sind, die Brunner Sohm, Lehmann und v. Schwind anvertraut hatte, während umgekehrt gerade Merkels angeblich verfehlte Folioausgabe des Bayerngesetzes eine bedeutsame Rechtfertigung erfährt. So wird ferner das Bayerngesetz selbst für ein Edikt Theuderichs IV. erklärt, das in seinem Kern ca. 728 nach Unterwerfung des Stammes durch Karl Martell entstanden sei, wobei vornehmlich die alemannische Lex, und zwar in der Fassung Herzog Lantfrids († 730), zur Grundlage gedient habe, während andererseits von der Herkunft der beiden ersten bayerischen Titel aus Brunners verschollenem merowingischen Königsgesetz keine Rede sein könne. Kein Wunder daher, daß der bedrängten communis opinio in  F. Beyerle ( 1557) ein Anwalt erstand, der sich bemühte, die wuchtigen Angriffe Kruschs durch einen temperamentvollen Gegenstoß zu parieren. Die damit eingeleitete Kontroverse dauert zwar heute noch an, und zur Einmischung ist hier nicht der Ort. Immerhin will es mir scheinen, als hätte  F. Beyerle dabei den von Krusch herausgearbeiteten Tatbestand handschriftlicher Überlieferung, auf den sich dessen Beweisgang lückenlos aufgebaut hatte, in einer Weise beiseite zu schieben versucht, die m. E. nicht nur die Verdienste des Gegners verkennt und dessen eigentliche Stärke unterschätzt, sondern die wohl auch grundsätzlichen Bedenken unterliegt.

§ 27. Ältere Rechts- und Verfassungsgeschichte (bis 911).

Was nun die Veröffentlichungen des Jahres 1925 selber angeht, so haben von den früheren Gesamtdarstellungen, die den in Rede stehenden Zeitraum mit umfassen, die Grundlegung zur Verfassungsgeschichte von G. v. Below ( 1546) und die Rechtsgeschichte von H. Fehr ( 1539) eine zweite Auflage erfahren. Dazu kommt das allerdings knappe zusammenfassende Kapitel bei L. Schmidt ( 732) über die »innere Entwicklung der Völkerwanderungszeit«, dem wir im übrigen auch einen Beitrag zur Verfassungsgeschichte des ostgotischen Reiches in Italien verdanken, der über Mommsen und Hartmann hinaus die Stellung der comites Gothorum aufzuhellen versucht ( 1552  f.). Aus dem Bestreben, durch die Aufarbeitung der schwer übersehbaren Spezialliteratur dem Studenten zu einem Überblick über das Ganze zu verhelfen, oder um durch ein Fazit des bisher Geleisteten die Forschung zu zielbewußtem Fortschritt anzuregen, sind auch zwei ausländische Darstellungen größeren Zuschnitts entstanden: die Geschichte des französischen Rechtes von J. Declareuil ( 1545) und die des italienischen Rechtes von E. Besta ( 1548); beide behandeln mit vorzüglicher Kenntnis der deutschen Fachliteratur auf weite Strecken Probleme, die auch für die älteste deutsche Rechts- und Verfassungsgeschichte von Belang sind.

§ 27. Ältere Rechts- und Verfassungsgeschichte (bis 911).

Aus dem gleichen Grunde verdient die sorgsamste Beachtung der Fachwelt das 1924 ins Leben gerufene Publikationsorgan der rechtshistorischen Schule Spaniens: Anuario de Historia del Derecho Español (Madrid I, II; 1924 f.), das sich zum Ziele gesetzt hat, unter Mitarbeit auch außerspanischer Fachleute die für die Gesamtentwicklung europäischen Rechtes so bedeutsame Geschichte des spanischen Rechtes im weitesten Umfang zu bearbeiten, und zu diesem Zwecke außer einer Bibliographie sowohl größere Abhandlungen als auch wichtige Texteditionen verspricht. Angesichts der vielfach noch unerschlossenen spanischen Urkundenschätze, auf deren Wert namentlich für


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die Zeit vor der Verfassung der entwickelteren Fueros und Coutumes kein Geringerer als E. v. Hinojosa verwiesen hatte, und in Anbetracht der längst bekannten, aber noch keineswegs ausgeschöpften Tatsache, daß auch nach 711 in den christlichen Staaten der iberischen Halbinsel germanische Rechtselemente lebendig blieben, die sogar ursprünglicheres Gepräge tragen als die stark romanisierten Leges Visigothorum, wird man von der Verwirklichung dieses Programmes noch manches überraschende Ergebnis erwarten dürfen. Namentlich scheint mir nach dieser Richtung die Arbeitsgemeinschaft mit der deutschen Forschung verheißungsvoll, die ja auch ihrerseits, wie neuerdings wieder die energischen Vorarbeiten P. Kehrs zur Hispania pontificia dartun, ein gesteigertes Interesse für die Erschließung des spanischen Mittelalters an den Tag legt. Nur möchte gerade deshalb vermieden werden, daß eine derart unzulängliche Arbeit zum Abdruck gelangt, wie die »Studien zur spanischen Rechtsgeschichte bis zur Einführung des Fuero juzgo« von A. Hartwig (Zt.  f. vergl. Rechtswiss. 41, 241--268), die neben der gediegenen Skizze v. Rauchhaupts über »Vergleichspunkte in der Entwicklung des spanischen und deutschen Rechts« (ebd. 388--422) und vollends nach den tief schürfenden Untersuchungen von E. Mayer-Würzburg zum altspanischen Obligationenrecht (ebd. 38, 31--240; 39, 1--67) einigermaßen befremden.

§ 28. Rechts- und Verfassungsgeschichte des Hochmittelalters.

An den Schluß dieses Berichtes sei die Besprechung einer Abhandlung von E. Ruffini Avondo über das Majoritätsprinzip bei den römisch-deutschen Kaiser- und Königswahlen gesetzt, deren Inhalt ähnlich wie die eingangs vorgeführte Schrift von Besta über das ganze Hochmittelalter sich erstreckt, die mit dem Anfang sogar in die germanische Zeit zurückgeht, mit den Endergebnissen aber bis ins 17. Jahrhundert hinaufreicht. Der Leistung Bestas darf sie auch in Entstehungsart und Durchführung einigermaßen zur Seite gestellt


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werden; auch sie ist aus Vorträgen hervorgegangen (Atti della Accademia delle Scienze di Torino Bd. 60, Torino 1925, 392 ff., 441 ff. u. 557 ff., Il Principio maggioritario nelle elezioni dei Re e Imperatori romano-germanici) und zeichnet sich durch genaue Kenntnis der deutschen Literatur und der deutschen Rechtsquellen -- nur Stengels Nova Alemanniae scheinen nirgends aufgeführt -- und durch übersichtliche und geistvolle Behandlung des Stoffes aus. Den Ausgangspunkt findet der Verfasser in einer Darstellung der germanischen Folgepflicht, die im Gegensatz zum Mehrheitsprinzip die Minderheit zwang, dem Urteil der Mehrheit beizutreten und dadurch die in älterer Zeit geforderte Einmütigkeit der Wahl herbeizuführen. Dem abschätzigen Urteil, das Ruffini Avondo dabei über die Folgepflicht abgibt, in der er eine Verletzung des Individualprinzipes erkennt, ist bereits Hugelmann (Mitt. d. österr. Instituts  f. Geschichtsforschung 42, 147) entgegengetreten. In der älteren Zeit, von der Wahl Arnulfs bis zur Bulle Innocenz' III. venerabilem, und zwar gerade in den großen Thronstreitigkeiten am Ausgang des 12. Jahrhunderts, die die Entscheidung des genannten Papstes herbeiführten, hat das Mehrheitsprinzip noch eine durchaus zweite Rolle gespielt. Nach der Meinung Ruffinis, der auch Hugelmann beipflichtet, hat es sich durchgesetzt, da »praktische Augenblicksbedürfnisse mit der kanonistischen Korporationstheorie zusammengewirkt haben«. So tritt es schon im Königswahlgesetz licet iuris bedeutsam hervor, in der goldenen Bulle aber ist es für Königs- und Kaiserwahlen endgültig anerkannt.

§ 29. Städtewesen des Mittelalters.

Werden wir hier auf europäische Rechtsvergleichung hingewiesen, so erörtert Frölich ( 1612) den Wert lokaler Siedelungsforschung für die ältere städtische Verfassungsgeschichte. Er wägt die in dieser »verfassungstopographischen« Richtung gehenden Forschungen Keussens und des Referenten über Köln, Rörigs über Lübeck gegen einander ab. Insbesondere aber stellt er die Bedeutsamkeit der Methode Rörigs heraus, deren Prinzip es ist, das Schicksal der einzelnen städtischen Grundstücke zu verfolgen und dadurch eine Anschauung von den rechtlich und wirtschaftlich führenden Gruppen der Bürgerschaft zu gewinnen. Er nimmt auch das Ergebnis R.s an: die Besitzverhältnisse am Lübecker Markt weisen auf die ursprüngliche Macht eines bei der Gründung hauptbeteiligten Unternehmerkonsortiums und der von ihm ausgehenden Familien zurück.  F. möchte diesem Bilde der führenden Kolonialstadt eine weitgehende typische Bedeutung zusprechen. Es sei geeignet, den Ursprung des Vorrangs einzelner Familien verständlich zu machen und so insbesondere die Ratsverfassung zu erklären; daneben könne aber der Aufbau der Kolonialgründung Lübeck auch die Struktur der vorangehenden städtischen Entwicklung im altländischen deutschen Siedlungsgebiet ausdeuten helfen.  F. möchte das namentlich für Köln gelten lassen und darum über die Entstehung dieses Gemeinwesens in mancher Hinsicht anders urteilen als der Ref.

I. Quellenwerke zur Behördenorganisation.

Endlich hat die zweite Hälfte des 11. Bandes der Acta Borussica erscheinen können ( 1658), der die von Posner auf Grund der von Martin Haß begonnenen Sammlungen bearbeitete Fortsetzung der Verwaltungsakten von Ende 1757 bis Ende 1758 bringt. In diesem Bande, der mitten in die Kriegszeit hineinführt, tritt das Thema der Organisation der Behörden völlig zurück hinter der Notwendigkeit ihrer Bewährung unter dem Druck des großen Weltgeschehens. Von allen


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Grenzen ist das Schicksal über das junge Staatsgebilde hereingebrochen. So wird der Charakter der Verwaltungsakten ein ganz neuer, weitausgreifender, indem der Behördenorganismus auf die äußerste Probe gestellt wird. Es entsteht also auch für den Forscher die Frage, wie sich das absolutistische Beamtentum gegenüber den ihm unter schwerster Belastung (Gehaltssperre, feindlichmilitärischem Druck, persönlicher Gefährdung usw.) auferlegten Verantwortungen verhielt und -- verschieden genug -- bewährte, und andererseits: wie tief das Staatswesen von der Organisation durchdrungen und gestaltet worden war. Kein Zweifel, daß sich die Treue und Hingebung des Beamtentums bewährt hat. Dennoch empfindet man, daß es, von wenigen, freilich sehr hervorragenden Einzelnen abgesehen, ohne den anfeuernden, treibenden, beseelenden Geist des großen Königs nichts wäre. So rückt der königliche Wille noch mehr in die Mitte der Tätigkeit der Behörden als sonst. Das zeigt sich besonders deutlich in dem Hinwegschreiten des Königs über die wichtigste Zentralbehörde, das Generaldirektorium, oberhalb dessen und über das hinweg er die persönliche Leitung in der Hand behält. Erst in diesem Kriegsbande fühlt man völlig, wie tief dieser von den Preußenkönigen aufgebaute Behördenorganismus von der spannenden und zusammenballenden Kraft der königlichen Mitte abhängig ist, und wie gering in einem überwiegend großen Teil dieses Beamtentums noch die selbständig wirksame Kraft ist. Diese Akten liefern eine Fülle neuen Materials für das Bild des Königs und für den Gesamtaspekt des um seine Existenz ringenden Staates. -- Ähnlich scharf tritt die Gestalt der Gegenspielerin des Königs, der Maria Theresia, für den Bereich der inneren Staatsbildung Österreichs hervor in dem neuen Bande der Kretzschmayrschen Publikation über die österreichische Zentralverwaltung ( 1670), der mit den übrigen, bald folgenden Bänden der zweiten Abteilung des Gesamtwerkes die Akten zur Geschichte der Organisation der Zentralverwaltung von 1743 bis 1848 umfassen soll. Noch fehlt der erste Band der Abteilung, der die zusammenfassende geschichtliche Darstellung dieser Epoche bringen soll. Er wird erst nach Beendigung der Aktenbände erscheinen. Die Archivalien des vorliegenden Bandes gruppieren sich um die Errichtung des Direktoriums in publicis et cameralibus. Die mit 1743 einsetzende Vorgeschichte bringt die Akten zur Aufhebung der Bankalität und zur Neuordnung des Staatskassenwesens sowie zur Geschichte des Münz- und Bergwerkdirektoriums. Schon die ersten Pläne zur Errichtung des Direktoriums, die vom Grafen  F. W. Haugwitz stammen, und die Entwicklung dieser Pläne im Verfolg seiner Reformvorschläge für Schlesien seit 1742 sowie auch ausdrückliche Bezugnahmen in seinen Plänen zeigen, wie sehr Haugwitz und mit ihm der Kaiserin das Beispiel der preußischen Behördenorganisation vor Augen stand. Die aktive Mitarbeit Maria Theresias an diesen Plänen ist von erstaunlichem Umfang. Die Akten über die Eingliederung der neuen Zentralbehörde in die gesamte Organisation sowie Akten zur Geschichte einiger älterer Behörden beschließen den Band.

§ 33. Verfassungsgeschichte des 19. Jahrhunderts.

F. Hartung.)

I. Allgemeines.

Suchen wir die Fülle der Neuerscheinungen zu gliedern, so glauben wir, daß die genialen Werke M. Webers, wie sie pietätvoll aus seinem Nachlaß herausgegeben sind ( 1714, 1718), weniger geschichtlich als soziologisch weiterwirken werden. In der allumfassenden Kühnheit seiner Gedanken liegt ja ihr Hauptwert. Das aus einem Kolleg über Allgemeine Wirtschaftsgeschichte zusammengestellte Buch ( 1718) darf hier in Anlehnung an meine Besprechung, Mittlg. a. d. Histor. Litt. 53, S. 49, dahin gekennzeichnet werden, daß wohl eine Geschichte vom Agrarwesen, Gewerbe, Bergbau, nicht aber eine wirklich organische Wirtschaftsgeschichte gegeben wird. Webers Vorlesungen erscheinen »doch mehr (als) der historische Teil einer universalen Volkswirtschaftslehre, als eine Wirtschaftsgeschichte, die einerseits autonom neben der Sozialökonomik stünde und andererseits einen selbständigen Zweig am Baume der Geschichtswissenschaft darstellte«. Die soziologischen Anregungen werden fruchtbarer sein als die Förderung der historischen Einzelkenntnis. Vgl. jetzt schon die wichtige, an Weber und Sombart anknüpfende Arbeit von Horst Jecht, Vierteljschr.  f. Soz.- und Wirtsch.gesch. XIX, H. 1--3, über das Städtewesen mit besonderer Betonung der Umschichtung der Bevölkerung in den spätmittelalterlichen Industrieorten. [Häpke.]

III. Späteres Mittelalter.

Zum Berichtsjahr selbst gehört dann  F. Rörigs kommentierte Ausgabe des Handlungsbuchs von Herm. Warendorp und Joh. Clingenberg aus dem Lübecker Staatsarchiv, das man früher in seiner Bedeutung für die Handelsgeschichte


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weniger zu würdigen verstanden hatte ( 1781). Eine wesentliche Studie über die Anfänge der kaufmännischen Buchführung im Deutschland des 13. Jahrhunderts ist beigegeben. Die tiefgründigen genealogischen Forschungen stehen im Zusammenhang mit Rörigs sonstigen wirtschaftsgeschichtlichen Studien auf Grundlage der lübischen Überlieferung (vgl. 1837 Markt zu Lübeck, erschienen 1922, ferner 1793 Anwendung seiner Forschungen auf die allgemeine Hansegeschichte um 1350, vgl. auch die Gutachten Rörigs in einem Fischereiprozeß des lübischen Staates gegen Mecklenburg mit der Entgegnung von W. Strecker,1739--41). Im Anschluß daran gedenken wir der genealogischen Untersuchungen über den wirtschaftlichen Aufbau des städtischen Patriziats: Hat es sein Vermögen der Grundrente oder dem Handel zu verdanken? In eingehender Sachkenntnis entscheidet sich L. v. Winterfeld für Köln für das letztere, also für Handelsgewinn ( 1824), dazu E. v. Ranke 1799 in populär-wissenschaftlicher Form über Kölns hansische Handelsblüte; gleichfalls auf Kölner Archivmaterial beruht ihre anregende Skizze ( 1784), worin sie eine Nachprüfung der sittlichen Bindungen fordert, die bei Handelsgeschäften anerkannt waren. Damals wie heute ist das Geschäftsleben oft Wege gegangen, die recht selbständig neben den kirchlich anerkannten Normen verliefen.

II. Messewesen.

Je mehr in der Zeit des Merkantilismus die protektionistischen Schranken überall emporwuchsen, desto wesentlicher war es, daß die Messen dem freien internationalen Warenaustausch noch Zufluchtstätten boten. Die Messen zu Frankfurt a. d. O. allerdings nahmen infolge der besonders schroffen Wirtschaftspolitik Friedrichs des Großen mit der Zeit eine Sonderstellung ein, wie das eine ausführliche Monographie jetzt darlegt. Eine solche war um so mehr ein Bedürfnis, als außer einer kleinen Darstellung von 1875 (Ed. Philippi) eine auf breiterer Quellenunterlage beruhende noch nicht vorhanden ist. Für die vorliegende Untersuchung von Dehne ( 1939) sind vornehmlich die Akten des Regierungs- und des Stadtarchivs von Frankfurt, auch Dresdener und Leipziger Akten benutzt; von Literatur leider nicht die Acta Borussica, Handelspolitik sowohl wie Seidenindustrie, andernfalls hätten z. B. die Ausführungen über den Seidenhandel (S. 95ff.) vollständiger werden können, auch Rödenbecks Beiträge (Bd. II) sind dem Verfasser entgangen. Die Aktenausbeute war besonders ergiebig für die Zeit von 1740 bis 1815, die demgemäß vorwiegend behandelt ist. Fortlaufende Meßberichte werden für die Zeit von 1752 bis 1809 gebracht. Die im 17. Jahrhundert entstandenen Messen zu Frankfurt a. d. O. hatten ihre Bedeutung darin, daß sie den polnischen Juden die nächst erreichbare Gelegenheit boten, ihre Produkte gegen Manufakturwaren unter dem Schutz der Messefreiheit umzutauschen. Es waren vorwiegend Manufakturen aus Sachsen, Hamburg, dem Reich, Holland, Frankreich, die da eingehandelt wurden; erst Friedrich der Große hat zielbewußt und zäh dahin gearbeitet, die Fabrikate aus den eigenen Landen immer mehr gegen die fremden zur Geltung zu bringen, die Inländer gegen die Ausländer zu bevorzugen. Sein Ideal, aus den Frankfurter Messen möglichst einen brandenburgisch-polnischen Markt zu machen, hat er allerdings nicht annähernd erreicht: aus einer Statistik der in- und ausländischen Verkäufe 1773--86 (S. 180  f.) geht hervor, daß erstere nur leicht zu-, letztere leicht abgenommen haben. Dagegen hat der Fiskalismus und Protektionismus dieser Regierung die freie Entfaltung der Messen offenbar zurückgehalten, denn diese nahmen erst einen überraschenden Aufschwung, sowie mit dem Tode des Königs die Schranken etwas gelockert wurden und vor allem die Regie mit ihren übermäßigen Kontrollschikanen verschwand. Als der von der Regie ausgeheckte, viel verurteilte Meßaccisetarif von 1772 durch einen gemäßigten Tarif 1787 ersetzt wurde, stiegen die Meßacciseeinnahmen sofort von durchschnittlich 33 000 auf über 80 000 Thl.!


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IV. Städte und Länder.

Dahin gehört der weitaus größte Teil von Ernst Hammer, Tuchhandel und Tuchindustrie in M., wobei jedoch von letzterer nur das Handwerk bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts behandelt, das Fabrikwesen einer späteren Bearbeitung vorbehalten geblieben ist. H. hat Akten des Staats- und des Stadtarchivs zu Magdeburg sowie des Berliner Geheimen Staatsarchivs benutzt;


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die Literaturverwendung ist etwas ungleichmäßig: Spengler, Preußentum und Sozialismus, gehört doch nicht hierher, anderseits ist die Handels-, Zoll- und Akzisepolitik der Acta Borussica nicht benutzt und somit vieles wiederholt, worauf nur hingewiesen zu werden brauchte. Manches ist schief gesehen, die allgemeinen wirtschaftspolitischen Betrachtungen (S. 258  f., 347) sind so unglücklich gefaßt, daß sie besser unterblieben wären. Die Bemerkung (S. 290) über scharfe Senkung der Schutzzolltarife in den 1790er Jahren trifft nicht zu, ebenso die Folgerung (S. 335), die Vereinigung der Zeugmacher mit den Tuchmachern 1780 bedeute den Niedergang jener, denn diese Maßnahme wurde, auch in Berlin, nur getroffen, um den fortwährenden Streitigkeiten der beiden nah verwandten Gewerbe ein Ende zu machen.

V. Wirtschaftswissenschaft.

 F. Eschrich ( 1946) schildert, was in österreichischer und besonders in preußischer Zeit geschehen ist, um in Schlesien brauchbare Grundlagen für die Landbesteuerung zu schaffen. Während eine zwanzigjährige österreichische Katastrierungsarbeit ohne praktisches Ergebnis blieb, hat preußische Tatkraft 1742--1750 das ganze Werk durchgeführt, allerdings nicht selbständig, sondern vornehmlich auf eben jene österreichischen Vorarbeiten gestützt, auch nicht zuverlässig, sondern für Statistik und Agrargeschichte nur Annäherungswerte bietend.

§ 37. Gesamtdeutsche Wirtschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts.

Deutsche Schriften zur Kolonialgeschichte und zur Geschichte der nordamerikanischen Union bespricht mein Aufsatz im 50. Jahrgang der Hansischen Geschichtsblätter ( 1871). Leider war er schon ausgedruckt, als rasch nacheinander zwei wertvolle Aufschlüsse bietende Arbeiten erschienen: Georg Friederici, »Der Charakter der Entdeckung und Eroberung Amerikas durch die Europäer«, Bd. I (Stuttgart-Gotha,  F. A. Perthes, 1925) und Adolf Rein, »Der Kampf Westeuropas um Nordamerika im 15. und 16. Jahrhundert« (im gleichen Verlage, 1925). Mit Nachdruck habe ich in meiner Studie auf zwei wissenschaftliche Einrichtungen hingewiesen, die der Pflege lateinamerikanischer Auslandkunde dienen. Es handelt sich einmal um das von dem zu früh verstorbenen Bernhard Schädel in Hamburg gegründete »Iberoamerikanische Institut«, sodann um das von Otto Quelle in Bonn geschaffene »Iberoamerikanische Forschungsinstitut«. Die Publikationen und die sich in erfreulicher Weise vermehrenden Büchersammlungen der beiden Institute setzen deutsche Geographen, Sprachforscher und Historiker instand, ganz anders als bisher an der Erforschung Lateinamerikas und seiner Kultur, in Vergangenheit und Gegenwart, teilzunehmen.

III. Einzelne Perioden.

Das Interesse der Forschung konzentrierte sich bei weitem am stärksten auf die Gipfelperiode der Papstgeschichte vom 11. bis 13. Jahrhundert. A. Fliche, der die Periode der Reformzeit bereits in zahlreichen Arbeiten mit viel Fleiß und Gelehrsamkeit, aber leider auch mit nicht einwandfreier Kritik und einseitig klerikaler Einstellung behandelt hat, widmete der Wahl Gregors VII. eine erneute Untersuchung ( 1986). Die Darstellung des Commentarius electionis und der Briefe stellt er als vollgültige Zeugnisse aus dem Originalregister nebeneinander und weist die Behauptung Bonizos von einer hervorragenden Rolle des Hugo Candidus ab. Aber man vermißt eine Erklärung dafür, wie zwei so verschieden lautende Versionen zu Recht nebeneinander bestehen können. (Ich habe sie in meinem Aufsatz »Gregor VII. in seinen Briefen«, Hist. Zeitschr. 130, 3.  F., 34, 1924, S. 1 ff., den  F. noch nicht kannte, zu geben versucht.) Die Frage nach der Bestätigung der Wahl durch Heinrich IV. beantwortet  F. mit Ja, allzu bestimmt auf die fragwürdige Autorität Lamberts hin. -- In den literarischen Investiturstreit hinein führt die Studie von  F. Schneider ( 1990): Eine antipäpstliche Fälschung des Investiturstreits. Er analysiert in sauberer quellenkritischer und historisch-geographischer Arbeit die eine der bekannten Fälschungen Leos VIII. für Otto d. Gr., die cessio donationum, und weist, weit über die ungenügende Ausgabe von Weiland in MG. Const. I. hinaus, die Personen- und die Besitzliste teils als ein mit Fleiß und Mühe aus dem Liber pontificalis (und zwar einer den Handschriften E 1 und 6 nahestehenden Form) zusammengestoppeltes Mosaik, teils als mit aktuellem Interesse aus süditalisch-normannischen Gebieten, mittelitalischen Reichsabteien und mit Ravenna strittigen Burgen des Grafenhauses der Guidi hergestelltes Besitzprogramm einer ravennatischen Territorialpolitik großen Stils nach. Der Fälscher gehörte dem Kreise Wiberts aus Ravenna an und ist wahrscheinlich niemand anders als Petrus Crassus, auf den bereits J. Ficker mit genialem Spürsinn hinwies.


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III. Einzelne Perioden.

Ch. Bémont ( 1992) handelt von der Bulle Hadrians IV. »Laudabiliter« betr. Irland, ohne das eigentliche kritische Problem, nämlich die diplomatische Echtheit der von Scheffer-Boichorst (Mitt. d. Inst.  f. österr. Gesch., Erg.-Bd. IV) und auf ihm fußend von Thatcher (The University of Chicago Decennial publications, 1903) als Stilübung beurteilten Urkunde zu fördern, da er diese Frage ausdrücklich ausschaltet. Es ist ihm überdies die wesentlich tiefer schürfende Arbeit von A. Eggers in Hist. Studien, hrsg. von E. Ebering, H. 151, 1922, entgangen, welche eine (über den Rahmen dieses Berichts weit hinausgehende) eingehende neue Diskussion der Echtheitsfrage und des ganzen historischen Problems, wobei die Argumente Scheffer-Boichorsts und die dagegen erhobenen Einwände gegeneinander abzuwägen sein werden, notwendig macht.

I. Gesamtdeutsche Entwicklung.

Die Hallenser Dissertation von  F. Arnold ( 2122) zeigt an einem landschaftlich begrenzten Stoff, wie sich die aus der Lehre Schultes von der ständischen Gliederung der deutschen Kirche erkennbaren Verhältnisse in sozialer und personengeschichtlicher Hinsicht ausgewirkt haben. Auf Grund der Nachrichten der Zimmerschen Chronik, die im Laufe des 16. Jahrhunderts von verschiedenen Verfassern über die Geschichte des 1594 ausgestorbenen Geschlechtes der Freiherren und Grafen von Zimmern verfaßt worden ist, schildert der Verfasser in bunter Folge die Bestrebungen des Adels, für zweite und dritte Söhne zur Versorgung die Aufnahme in ein Domkapitel zu erlangen, Pfründen, Präbenden und Expectanzen zu erwerben. Der Eintritt in das Domkapitel war in Straßburg an das Statut der Ahnenprobe gebunden, demzufolge 14 Ahnen von Vater- und ebenso viele von Mutterseite nachgewiesen werden mußten. Diesem exklusivsten aller Kapitel steht das Kölner nahe, während Speyer und Konstanz auch Ministeriale, Vertreter des niederen Adels und Bürgerliche in den Reihen ihrer Domherrn aufführen können. Über all diese Verhältnisse, die zum Teil schon bekannt gewesen sind, bietet die Zimmersche Chronik brauchbare Nachrichten, so vor allem eine Liste der Straßburger Domherren von 1531. Die folgenden Abschnitte schildern die schweren Schäden, die daraus sich für die kirchlichen Verhältnisse Deutschlands ergaben -- aus der oft mangelhaften Vorbildung dieser adligen Bewerber, aus der Umgehung der Residenzverpflichtungen, aus der Einsetzung von Vikaren und aus dem weltlichen Leben, das viele dieser adligen Domherren geführt haben. Solche Ergebnisse machen die Arbeit von selbst zu einem Beitrag zur Geschichte der Reformation, die aus solchen Mißbräuchen den stärksten Gewinn ziehen mußte.

II. Die einzelnen Territorien.

Die Arbeit von Krüger ( 2135) enthält neben Mängeln, die bereits bemerkt worden sind (vgl. Bauermann, Zeitschr. d. Sav.-Stift.  f. Rg. kan. Abt. 14, 541 ff.), brauchbare, ja wertvolle Ergebnisse. Die Geschichte des münsterischen Archidiakonats Friesland wird bis in die Zeit zurückverfolgt, zu der die Christianisierung des Landes unter dem Friesen Ludger sich vollzog, in dessen Nähe sich ein Diakon befand, dem die Obliegenheiten eines Archidiakons zugewiesen gewesen sein dürften. 1152 wird ein Engelbertus prepositus Frisie genannt, den wir als ersten Archidiakon jüngerer Ordnung in Friesland ansehen müssen. In anderen Urkunden führt er auch den Titel eines vicedominus. Auf Grund ihrer obersten Stellung an Kathedral- bzw. Kollegiatkirchen nennen sich die Archidiakone prepositi. Prepositura und archidiconatus sind in Friesland einander gleichzusetzen. Die Gewalt dieses prepositus Frisie war über ganz Friesland ausgebreitet; er war Domkanoniker, besaß aber keine Synodalgerichtsbarkeit über die Laien seines Sprengels. Diese wurde von Anfang an von Dekanen oder Pröpsten verwaltet, deren Strafgewalt ungewöhnlich groß war. Sie waren vom Archidiakon unabhängige Laien, friesische Grundherren, »Eigentümer eines mit dem Propsteiamte verbundenen Gotteshauses«, man könnte »von einem Eigendekanate reden«. Archidiakon und Dekane empfingen ihr Amt in forma beneficii vom Ordinarius. Der Archidiakon führt die Aufsicht über den Dom-, Stadt- und Landklerus. Das friesische Archidiakonat jüngerer Ordnung ist eine organische Fortsetzung des Archidiakonats Frieslands älterer Ordnung. Der friesische Offizial ist ein bischöflicher Beamter, archidiakonale Offiziale sind in Friesland unbekannt geblieben.

II. Die einzelnen Territorien.

v. Loesch ( 2138) bespricht H.  F. Schmids Arbeit über den Zehentstreit zwischen Mainz und den Thüringern im 11. Jahrhundert und die Anfänge der decima constituta in ihrer kolonisatorischen Bedeutung und die Abhandlung des nämlichen Verfassers über das Recht der Gründung und Ausstattung von Kirchen im kolonialen Teile der Magdeburger Kirchenprovinz. Aus diesem Forschungsbericht sei die Auffassung vermerkt, daß in der Abneigung der thüringischen Bevölkerung gegen die Einführung des Naturalzehnten der Grund zu erblicken sei, der der decima constituta zu weiterer Verbreitung verholfen habe. --Keyser ( 2139) setzt mit Erfolg auseinander, daß die kirchenrechtliche Stellung der Deutschordensgemeinden verstanden werden müsse aus den kirchlichen Vorrechten, die Honorius III. und seine Nachfolger dem Orden, in dem die Päpste ein Werkzeug ihrer Politik erkannten, gewährt haben. Während die Bestimmungen der Kurie dem Orden u. a. in der Begründung eigener Kirchengemeinden, in der Befreiung vom Pfarrzwang und von der richterlichen Gewalt des Ordinarius und der weltlichen Gerichte und in den Fragen des Begräbnisrechtes weitgehende Selbständigkeit verliehen, waren die Bischöfe und Prälaten verpflichtet, ihre Obliegenheiten gebührenfrei zu verrichten, es war ihnen verwehrt, Abgaben zu erheben, zum mindesten waren sie im Genuß nutzbarer Rechte, etwa des Herbergsrechtes, weitgehenden Einschränkungen unterworfen. So erwuchs durch die Hand der Päpste dem Orden »eine bedeutsame Ausnahmestellung im Verbande der Kirche«, die sich unter der Führung hervorragender Ordensmeister zu einer Machtgrundlage des Ordensstaates ausbildete und diesem und nicht den Zielen der Kurie dienstbar wurde.

I. Gesamtdeutsche Entwicklung.

Christiani ( 2186) macht den Begründer des Deutschkatholizismus Ronge aus seiner persönlichen Veranlagung, der individuellen Lage, in die er


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gestellt war und ebenso den allgemeinen Anschauungen seines Zeitalters begreiflich. Bei dem umstrittenen Thema, das Ronge persönlich wie auch die deutschkatholische Bewegung als solche noch bedeuten, berührt es doppelt angenehm, daß die Schrift -- wenn man auch in ihr nicht jedes einzelne Wort zu unterschreiben braucht -- ernsthaft nach Objektivität strebt, reiche Belege gibt und den Hintergrund der kirchlichen Verhältnisse in Schlesien möglichst breit ausmalt. Vgl. meine Einzelanzeige Theol. Revue 24, 17  f. -- Die 1924 erschienene große Ketteler-Biographie Vigeners hat begreiflicherweise gerade in unserem Berichtsjahr die kritischen Federn stark beschäftigt. Selbständigen Wert hat vor allem die jedem Interessenten der katholischen Bewegung im Deutschland des 19. Jahrhunderts reiche Anregung bietende Besprechung Spahns ( 2188), die einerseits das im Grunde konservative Denken und nach einer körperschaftlichen Ordnung im Staate verlangende Streben des Bischofs stark heraushebt, anderseits Ketteler in die kirchliche und politische Verbundenheit des »oberrheinischen Raumes« stellt. Vgl. auch noch meine Anzeige von Vigeners Werk Histor. Jahrbuch 45, 91 ff. --Heinsius ( 2189) läßt, auf einer »psychologischen Struktur des Katholizismus und Protestantismus« fußend, reichlich zwanzig Typen katholischer Geistigkeit und Frömmigkeit im vorigen Jahrhundert und etwas vorher oder nachher -- Männer, die bis zuletzt in der äußeren Gemeinschaft der Kirche beharrt, wie solche, die sie früher oder später verlassen haben --, möglichst mit ihren eigenen Worten ihre innere Einstellung zur Kirche und den Entwicklungsgang, den ihr Leben in kirchlich-dogmatischer und kirchlich-disziplinärer Hinsicht aufweist, andeuten. Er schließt daran uns hier wieder weniger interessierende psychologische und soziologische Ausblicke an. Die Beschäftigung mit diesen Theologen von Sailer und Wessenberg bis Kraus und Schell, von Gossner und Henhöfer bis Spicker und Hoensbroech gibt, so sehr bei den meisten von ihnen das Bild, das uns hier geboten wird, der Vertiefung bedarf, einen gewissen Einblick in das religiös-kirchliche Denken und Fühlen mancher von Hause aus mit der gedanklichen Unterlage wie der Praxis des kirchlichen Lebens eng verknüpfter Intellektueller seit der Aufklärungszeit. -- Das Porträt, das Freifrau von Schönberg ( 2190), eine geborene von Savigny, von Karl Friedrich von Savigny, hauptsächlich nach mündlichen und schriftlichen Familienerinnerungen entwirft, zeigt ihren Verwandten besonders als Staatsmann und Politiker, arbeitet aber neben den in erster Linie bei Gründung der deutschen Zentrumspartei betätigten kirchen politischen auch die warm kirchlichen Anschauungen und Bestrebungen dieses einstigen Jesuitenschülers scharf heraus, der 1870 auf Hefele und andere deutsche Bischöfe im Sinne des Unfehlbarkeitsdogmas eingewirkt hat.

II. Die einzelnen Territorien.

Die Übersetzung des mit Kritik zu verwertenden Tagebuchs des Dominikaners Bruns ( 2233), das eine Geschichte der Anfänge der katholischen Gemeinde Potsdam und einen Bericht von der freundlichen Haltung Friedrich Wilhelms I. Bruns, der Gemeinde und überhaupt der katholischen Kirche gegenüber gibt, ist für weitere Kreise bestimmt, die in manchem schon weiterführende Berliner Dissertation von Leonhard Krix von 1915 über diesen Gegenstand -- vgl. meine Besprechung in Theolog. Revue 16, 226  f. -- ist für die Ausgabe nicht benutzt. -- Die von Romeis ( 2234) mit Wärme und Takt erzählte Lebens- und religiöse Entwicklungsgeschichte der Landgräfin Anna von Hessen, einer Enkelin Friedrich Wilhelms III. von Preußen und der Königin Luise, führt an die deutschen Höfe und auch in hohe kirchliche Kreise der letzten zwei Menschenalter vor dem großen Krieg; der lange erwogene, ein rein persönliches Bedürfnis befriedigende Übertritt der Prinzessin zur katholischen Kirche war im Zusammenhang mit der gänzlich ablehnenden Haltung, die Wilhelm II. als Chef des Hohenzollernhauses zeitweilig zu dem Schritt seiner Tante einnahm, seinerzeit auch der großen Öffentlichkeit bekannt und interessant geworden. -- Lühr ( 2235) hat durch die mit Sorgfalt durchgeführte und durch eine eigene geschichtliche Einleitung erläuterte Herausgabe der Braunsberger Matrikel insofern neben der provinziellen sogar der allgemeineren Kirchengeschichte einen Dienst erwiesen, als das Braunsberger Seminar im Laufe der Zeiten unter seinen 1400 Zöglingen auch zahlreiche Ausländer ausgebildet hat, unter anderen mehr als 150 Angehörige des griechisch-unierten Basilianerordens. --Mazura ( 2236) folgt der Entwicklung des politischen Katholizismus von der 1848 gleichzeitig mit der allgemeindeutschen Organisation erfolgten Begründung des »schlesisch-katholischen Vereins« über eine Reihe von Zwischenstationen bis zum Jahre 1879, d. h. bis zur schließlichen Etikettierung eines vorher einen anderen Namen tragenden Vereins als »Verein der Zentrumspartei«. Begreiflicherweise läßt die durch ihre mutige Inangriffnahme eines fast allzu mannigfaltigen Problemkomplexes und z. B. auch ihre lehrreichen statistischen Angaben bemerkliche Studie hier und da noch Fragen offen. Vgl. meine Einzelanzeige im Histor. Jahrbuch 46, 421  f.

I. Luther.

In den reformationsgeschichtlichen Studien nimmt Luther nach wie vor den ersten Platz ein, was nicht bloß durch seine tatsächliche historische Stellung bedingt ist, sondern auch von gewissen Gegenwartstendenzen aus (»Lutherrenaissance«) verstanden werden will. Eine Lutherbibliographie für 1925 gab Hanns Rückert im Jahrbuch der Luthergesellschaft 1926, S. 201--205. Neues Quellenmaterial ist nur in geringem Umfange aufgedeckt worden. Aufschlußreicher als die kleinen, Luther unmittelbar betreffenden Funde ( 2256, 2276), von denen der von Pallas entdeckte Brief Herzog Heinrichs von Sachsen die Antwort auf Luthers Schreiben vom 25. Juli 1539 (= Enders-Kawerau, Briefwechsel XII, S. 212  f.) darstellt und sich auf die erste Visitation im Herzogtum bezieht, sind dabei die von Buchwald ( 2166) ausgewerteten Ablaßpredigten des mit Tetzel befreundeten Leipziger Dominikaners Hermann Rab aus den Jahren 1504--21 (Handschriftenbände 1511--13 Univers.bibl. Leipzig), weil sie uns plastisch, z. T. in geschlossenen längeren Predigtreihen, hineinschauen lassen in die Buß- und Ablaßpraxis, die Luthers religiösen Widerspruch ausgelöst hat. Die wieder reger aufgenommene Arbeit an der Weimarer Lutherausgabe, von der fortan jährlich 2 Bände erscheinen sollen, so daß sie in etwa zehn Jahren beendet sein wird, führte in Bd. X 1, 2 ( 2248) den Druck von Luthers Kirchenpostille fort (Adventsteil nach der Urausgabe von 1522, Sommerteil nach der Ausgabe von Roth 1526) nebst einer Bibliographie der Postillen und historischen Einführungen, von denen W. Koehlers Einleitung in die Wartburgpostille, deren Quellen, Entstehung (Juni 1521 bis Februar 1522), Wirkungen (Bucers Übersetzung), besonders wertvoll ist. Luthers Predigten in Bd. 7 der Münchener Ausgabe ( 2249) sind wie den damit verbundenen Dichtungen und kleineren vermischten Schriften die üblichen Einleitungen und Erläuterungen (von Buchwald, Joachimsen, Merkel, Rehm) beigegeben. In seiner eigenen Ausgabe von 94 Lutherpredigten vom Oktober 1528 bis April 1530 (darunter die über den Katechismus November/Dezember 1528 und über die Sakramente März 1529) versucht Buchwald ( 2251) auf Grund der Nachschriften Rörers und Lauterbachs sowie einer sie z. T. verarbeitenden lateinischen Postille eine Rekonstruktion der Predigten, wie sie tatsächlich gehalten sind mit allem Persönlichen und Lokalbedingten, das stärker als in den von Luther überarbeitet herausgegebenen Predigten hervortritt; eine Einleitung charakterisiert auf Grund dieses neugewonnenen Bildes die Predigtweise des Reformators, dem die Predigt das vorzüglichste Mittel zur inneren Durchsetzung der Reformation war. In Luthers Arbeit an seinen großen Reformatiosschriften vom Jahre 1520 führt die Debatte zwischen W. Koehler ( 2254) und E. Kohlmeyer ( 2255), in der letzterer im wesentlichen seine These über »Die Entstehung der Schrift Luthers An den christlichen Adel« vom Jahre 1922 verteidigt. Danach hätte Luther erst nur die theologische Einleitung der Schrift mit dem Aufruf zum Konzil sowie die erste Reihe von Reformvorschlägen (= Weimarer A. VI, S. 404--427) niedergeschrieben, denen dann nach einer Pause die zweite längere Reihe mit ihren auffälligen Wiederholungen und Erweiterungen, ihrer schärferen Polemik gegen den Papst, ihrem Aufruf


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des Kaisers und der Reichsstände (nicht mehr nur des freien Konzils) angefügt wäre. So angesehen, illustriert die Schrift die fortschreitende innere Entwicklung Luthers während des Sommers 1520, darunter auch seinen realpolitisch bedingten Übergang zu einem wenig eingeschränkten Appell an die Reformationspflicht der weltlichen Gewalten.

II. Andere reformatorische Personen.

Neben der Gestalt Luthers treten die anderen deutschen reformatorischen Persönlichkeiten in der gegenwärtigen Forschung auffallend zurück. Für Melanchthon hat das Berichtsjahr außer einer Neuauflage der Ausgabe seiner Loci communes von Plitt und Kolde (Leipzig, Deichert. 4. Aufl. X, 267 S.) und der Untersuchung von Münch ( 137) über seinen Anteil an dem Chronicon Carionis vom Jahre 1532, die Melanchthons Stellung als »Begründers der protestantischen Geschichtsschreibung« (so Menke-Glückert) stark einschränkt und zeigt, wie seine moralisierende und theologisierende Geschichtsbetrachtung im Laufe der Arbeit offenbar zugunsten des Carionschen Anteils nachläßt, nur einige geringe Inedita erschlossen ( 2257 ff.). Beckers Hinweis ( 2258) enthält auch einen kurzen M.brief vom Jahre 1558. -- Die bei van Rhijn ( 2261) verwertete Korrespondenz M.s mit dem holländischen »biblischen Humanisten« und Anhänger der dortigen devotio moderna Goswin van Halen leuchtet in M.s Beziehungen zu diesen Kreisen der Reform hinein. -- Nicht allein auf Wittenberger und auf Nürnberger Verhältnisse, sondern auf mannigfache gesamtdeutsche kirchliche, literarische und politische Ereignisse der Zeit werfen die 16 Briefe Veit Dietrichs an Menius, die Friedensburg ( 2262) aus den Jahren 1532--1548 veröffentlicht, Licht. -- Für Brenz, den schwäbischen Reformator, der längst eine befriedigende Ausgabe seiner Werke und eine das neue Material verarbeitende Biographie verdient, bringt Bossert ( 2263) nicht nur neue Briefe, sondern u. a. auch eine für seine Ubiquitätslehre wichtige Abendmahlspredigt vom Jahre 1547 mit scharfer Polemik gegen Zwingli bei. -- Aus Brenz' Papieren veröffentlicht Koehler ( 2264) u. a. ein Gutachten des Breslauer Reformators Joh. Heß zur Abendmahlsfeier gegen die Unterschätzung der äußeren Feier seitens der »Sakramentierer« (Schwenckfeldianer), vor allem aber inhaltlich sehr wichtige Propositiones Bucers und Melanchthons aus Abendmahlsverhandlungen in Augsburg 1530, die dem Ausgleich zwischen der Wittenberger und der oberdeutschen Auffassung dienen sollen -- ein Anfang der Unionsbemühungen Bucers auf Grund seiner in der Mitte zwischen Luther und Zwingli stehenden Abendmahlslehre, die erst in der Wittenberger Konkordie des Jahres 1536 einen Vergleich zustande gebracht haben. In diesen Zusammenhang sei


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Gußmanns Fund einer deutschen Handschrift der Augsburger Konfession (»Artikel des Glaubens und Lehre«) im Nürnberger Germanischen Museum ( 2253) gestellt, für den auch Joh. Fickers Untersuchung in der »Christl. Welt« 1925, S. 1051  f., zu vergleichen ist; sie gibt den Stand der Verhandlungen von Mitte Juni 1530 wieder. -- Für Zwingli ist nach langer Pause nicht nur eine Fortsetzung der seit 1919 unterbrochenen kritischen Ausgabe seiner Werke, und zwar des Briefwechsels ( 2252), zu verzeichnen, sondern auch die »Zwingliana«, die Zeitschrift der Züricher Zwingli-Gesellschaft, mit ihren nicht bloß auf Zwingli eingestellten Textpublikationen und Untersuchungen, schreitet fort. In Nr. 2 des Jahrgangs 1925 gibt W. Koehler, der sich je länger je mehr zu dem Zwingliforscher unserer Tage entwickelt hat, für Zwinglis politisch wichtige Epistola de foedere Gallico ein neues Datum; er setzt dieses auch gegen die fünf kath. Orte gerichtete Gutachten, das dem Zaudern der Züricher wie der Franzosen entgegentrat, in den Juni 1531. --Koehlers Vortrag über Luther und Zwingli ( 2287) ist nur eine kurze Zusammenfassung dessen, was K. in seinem großen Werk vom Jahre 1924 über den Abendmahlsstreit beider, auch unter starker Berücksichtigung der beide trennenden politischen Pläne und Verhältnisse, ausgeführt hatte; er betont auch hier, daß das Scheitern der Einigungsversuche in Marburg 1529 den Schweizern zur Last fällt trotz ihrer an sich vorhandenen größeren Weitherzigkeit und Unionsstimmung.

III. Wiedertäufer. Spiritualisten.

Dem radikaleren Typus der Reformation in der Täuferbewegung und im Spiritualismus der Reformationszeit wird theologischerseits häufig noch immer nicht genügende Aufmerksamkeit geschenkt, oder ihm wird zu schnell Polemik unter kirchlichkonfessionellem Gesichtspunkt zuteil. Letzteres ist freilich auch mitbedingt durch die Lobsprüche, die diesen Bewegungen von anderer Seite oft vorschnell gespendet werden. Das gilt nicht bloß von Thomas Münzer, dem »Theologen der Revolution«, wie ihn Ernst Bloch 1922 verherrlichte und in ähnlichem Geiste Alfr. Ehrentreich in seiner Auswahl von Schriften Münzers (Hamburg, Hanseatische Verlagsanstalt, 1925. 139 S.), sondern zum Teil auch von den Spiritualisten in der Schilderung von Jones ( 2240). Die Frage der Toleranz bzw. Intoleranz gegenüber jenen radikaleren Bewegungen führt auch Evans ( 2318) in seiner Studie über die Nürnberger Spiritualisten und Anabaptisten 1524--28 und darüber hinaus über das Geschick der Straßburger, Thüringer und Schweizer Täufer zu schiefen Urteilen über Luthers Schuld an dem scharfen Vorgehen. Hier wird an wertvollen Fragestellungen und Erkenntnissen wie denen Walther Sohms (Territorium und Reformation, 1915) vorübergegangen, obwohl man erst mit deren Hilfe Problematik und Tragik des werdenden protestantischen Konfessionsstaats in ihrer Tiefe erfassen und sehen kann, wie darin die Konfessionalisierungsbewegung auch über Luthers Kirchbauideen hinauswuchs. Um so mehr ist dann Zimmermanns Münzerbiographie ( 941) mit ihrer objektiven Einschätzung der damaligen geschichtlichen Kräfte zu begrüßen, obwohl bei ihm der Theologe Münzer und seine eigenartige Mystik als der tragende Grund auch seines Handelns (vgl. K. Müllers Kirchengeschichte II, 1, S. 310 ff.) nicht genug zur Geltung kommt. Das Mennoniten jubiläum des Jahres 1925 hat die Gedenkschrift 2295 mit ihren wertvollen Einzelstudien veranlaßt. Auf eine


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in der Lübecker Stadtbibliothek seit kurzem vorhandene Lübecker plattdeutsche, von Bugenhagen bevorwortete Schrift über die Münsterer Bewegung vom Jahre 1532, die bisher nur im Londoner Britischen Museum nachgewiesen war, hat Jannasch (Ztschr.  f. Kircheng. 1925, S. 428  f.) aufmerksam gemacht. Corrells Schrift ( 2333) mit ihrer soziologischen Charakteristik des gesamten Täufertums hat nicht nur für die schweizerischen Täufermennoniten, denen sie zunächst gilt, Wert, sondern verfolgt die Gesamtausbreitung der Bewegung und ihre durch die Verfolgungen veranlaßte wirtschaftlichkolonisatorische Tätigkeit, die ihre zeitliche Parallele -- C. führt bis in die Neuzeit hinein -- an der Ausbreitung der alten und der erneuerten Brüderunität hat. Anderseits freilich gräbt C., wie ihm W. Koehler mit Recht vorwirft (Theol. Lit.ztg. 1926, S. 89), ideengeschichtlich nicht tief genug, wenn er den Zusammenhang mit Münzer, Karlstadt und der Zwickauer Bewegung nicht nur nicht sieht, sondern geradezu leugnet. Hier muß Koehlers eigener Beitrag zur Mennoniten-Gedenkschrift ( 2295), über die Züricher Täufer, zur Richtigstellung herangezogen werden, wo auch der ursprüngliche Anteil des Enthusiasmus an der Gestaltung der Bewegung neben den ethisch-gesetzlichen Bergpredigtmotiven richtiger erkannt ist. Mit Recht hat daher ja auch Jones ( 2240) führende Täufergestalten, wie Bünderlin, Entfelder u. a., in seine Darstellung der »geistigen Reformation«, wie sie im unglücklich formulierten Titel der nun vorliegenden Verdeutschung des längst vorteilhaft bekannten englischen Werkes (Spiritual Reformers) genannt werden, einbezogen. Diese deutsche Übersetzung mit ihrer Darstellung Schwenckfelds, Weigels, Jakob Böhmes und anderer festländischer Gestalten neben den englischen Spiritualisten wird gewiß, auch durch ihre Lücken, die deutsche Forschung anregen können. Diese ist ja neuerlich hinsichtlich Jakob Böhmes bei dessen Todesjubiläum 1924 einen guten Schritt vorwärtsgekommen. Unter religions- und theologiegeschichtlichen Gesichtspunkten verdient aus der Reihe der Festschriften die Schrift Bornkamms ( 2289) eine besondere Hervorhebung, da sie Böhme eine ideengeschichtliche Untersuchung mit besonderem Interesse an den etwaigen Lutherschen Elementen in seiner Frömmigkeit und Spekulation widmet. Im Blick auf B.s Christologie und seine Gedanken über Wiedergeburt und Rechtfertigung, Gemeinschaft, Ethik, Geschichte deckt B. das Nebeneinander und Gegeneinander Lutherscher und mystischer Züge in Böhme auf und erweist so zugleich seinen Zusammenhang mit dem vom 16. Jahrhundert her laufenden protestantischen Spiritualismus älterer Zeit (nicht bloß Schwenckfelds), in dem sich ja auch Luthersche Ideen mit der Gegnerschaft gegen den »historischen« Glauben Luthers und gegen die Luthersche Rechtfertigungslehre mischen. Darin, daß Böhme nicht, wie es etwa unter den neueren Biographen Ph. Hankamer besonders stark herausgearbeitet hat, »ein Beginn von kaum erhörter Ursprünglichkeit« ist, wird man Bornkamm unbedingt Recht geben müssen.

IV. Einführung der Reformation. Innerprotestantische Gegensätze.

Die politische Geschichte der Reformationszeit, in deren Gesamtzusammenhang die Frage der Einführung der Reformation innerhalb der einzelnen Territorien hineingestellt werden muß, fällt außerhalb dieses Berichtes. Aus den territorialgeschichtlichen Studien ist Rauschers Bericht über die von ihm für den Druck bearbeiteten ältesten erhaltenen Württembergischen


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Visitationsakten vom Jahre 1536/37 ( 2337) hervorzuheben, weil er in die vorreformatorischen Zustände guten Einblick gewährt, ebenso aus dem gleichen Grunde Zobels Görlitzer bzw. Oberlausitzer Urkundenauswahl nebst Untersuchungen ( 2409; abgeschlossen a. a. O. 102, 1926, S. 189--314), die auf die Initiative des Stadtrats bei Durchführung der Reform ein helles Licht werfen, vor allem aber v. Schuberts Aufsatz über die Nürnberger Reformation in Zusammenhang mit der bewußten Entwicklung Nürnbergs zum Territorialstaat und Kulturzentrum ( 2319) -- nur ein Vorspiel eines geplanten größeren Werks über Lazarus Spengler, bei dem v. Sch. über wichtiges, anderswo noch nicht verwertetes Material (Wormser Reichstagsbericht 1521; Gutachten für den Zusammenschluß der evangelischen Städte 1524 u. a.) verfügt. Stellt man daneben Brauns gleichfalls Neuland aufschließende Arbeit über die seit etwa 1560 einsetzenden gegenreformatorischen politischen und kirchlichen Kämpfe um Nürnberg ( 2196), dazu Schornbaums Ergänzungen in Theol. Lit.ztg. 1926, S. 65  f., so sieht man in einem fast anderthalb Jahrhunderte umfassenden Bilde einer reichsstädtischen Reformationsgeschichte, wie sich die allgemeine Reichsentwicklung einerseits in ihr auswirkt, anderseits aber auch von einem bedeutsamen Einzelterritorium her mitbestimmt wird. Bei Nürnberg wird zugleich deutlich, wie auch die innerprotestantischen Gegensätze politischer oder konfessioneller Art (N. war Gegner der lutherischkonfessionellen Konkordienformel) die Abwehr der katholischen Gegenreformation schwächen, und wie die als »Calvinismus« deutbare Melanchthonianische Lehrentwicklung benutzt werden konnte, um einer so verdächtigten evangelischen Kirche im Hinweis auf den den »Calvinismus« ausschließenden Religionsfrieden die rechtliche Existenzgrundlage zu entziehen. Die 1555 geschaffene Rechtslage hat ja auch in Frankfurt a. M. folgerichtig das Geschick der dortigen wallonischen und flämischen Fremdengemeinde, das K. Bauer ( 2358--59) in seinen archivalisch gut unterbauten Untersuchungen schildert, entschieden und die Entwicklung des Luthertums auf die Konkordienformel hin gefördert, freilich ohne in der theologischen Lehrentwicklung wie in der landesherrlichen Politik andere Richtungen auszuschließen. Wie Nürnberg (s. Braun a. a. O.) im Gegensatz zur Konkordienformel und zum Konkordienbuch sein philippistisches Corpus doctrinae 1573 bis 1806 festgehalten hat, so hat u. a., worauf Feddersens Arbeit ( 2387) erneut und im Zusammenhang mit der allgemeinen Geschichte der protestantischen Symbolbildung hingewiesen hat, auch Schleswig-Holstein sich von dem »Luthertum« ferngehalten; der Kampf um die Konkordie zeigt dort in deren Verbrennung in Kopenhagen durch König Friedrich 1580 einen dramatischen Höhepunkt.

VI. Orthodoxie. Unionsbestrebungen.

Die Zeit der Orthodoxie bedarf trotz der Vorarbeiten Tholucks noch einer gründlichen Erforschung, so daß man sich über jede territoriale Einzelstudie, wie Fritz ( 2338) oder Loewenfeld ( 2395), über Quellenhinweise wie den v. Danckelmans ( 2303), oder Quellenauszüge, wie Buchners Zeitungsexzerpte ( 2526), freuen muß. Von den Genannten erstrebt Fritz auf Grund der württembergischen Materialien ein Zeitbild von 1600--1675 bis zum Eindringen des Spenerschen Pietismus und zeichnet im vorliegenden Jahrgang zunächst auf Grund besonders der Predigt- und Erbauungsliteratur die geistige und religiöse Welt des Pfarrers der orthodoxen Zeit, wobei auch schon die konfessionelle Streittheologie zur Geltung kommt. Wenn einmal das Gesamtbild der Orthodoxie gezeichnet werden wird, werden auch Wotschkes seit Jahren publizierte Briefmaterialien als wertvolle Grundlage verwertet werden müssen (zu 2384 und 2416 treten in diesem Jahre noch die schlesischen Briefe Scharffs an den letzten großen orthodoxen Führer E. S. Cyprian, im Correspondenzbl.  f. Gesch. d. evg. Kirche Schlesiens 18, H. 1, und die Briefe des preußischen Feldpropstes Lampert Gedicke 1724--30 an Cyprian, im Jb.  f. Brandenb. KG.). Denn sie führen über das Persönliche hinaus in die Einzelvorgänge der lokalen und territorialen Geschichte hinein; so Nr. 2416 hinsichtlich der Lage des Luthertums in Prag zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges; 2384 betreffs der Hamburger Pietistenkämpfe des beginnenden 18. Jahrhunderts; Scharffs Briefe hinsichtlich katholischer Bedrückungen, Herrnhuterpropaganda, friderizianischer Religionspolitik und deren Auswirkung in Schlesien; Gedickes Briefe hinsichtlich des Widerstandes gegen die Unionsideen des Königs und die pietistischen Einflüsse. Daß die oft subjektiven, oft auch lokal isolierten Urteile der Briefschreiber nicht einfach als historische Urteile übernommen werden können, ist selbstverständlich; das macht aber die Materialien nicht wertlos. Eine ausführliche Biographie einer führenden Theologengestalt der Zeit, die freilich durch ihre Unions bestrebungen mit der katholischen Kirche stärkste Proteste ausgelöst hat, des hannoverschen Abtes Molanus, hat Weidemann ( 2374) begonnen. Geht er in diesem ersten Band auf Molans Unionsverhandlungen noch nicht ein, so bietet seine Schilderung der konsistorialen Verwaltungstätigkeit Molans, der Kämpfe um die Selbständigkeit des Konsistoriums gegenüber dem landesherrlichen Zugreifen, der polizeilichen Kampfmittel gegen sittlich-religiöse Mißstände, der Frontstellung gegen den beginnenden Pietismus u. dgl. um so mehr ein Zeitbild aus der Orthodoxie. Um die katholisierenden Unionsbemühungen der Zeit handelt es sich in Kiefls Leibnizstudie ( 2176), die in ihrer Neuauflage hinsichtlich Leibniz' Stellung zum Christentum mit Recht viel günstiger urteilt als in der ersten Auflage, der man aber darin Recht geben wird, daß Leibniz die inneren Ursachen der religiösen Spaltung nicht gebührend stark gewürdigt hat. Auf die von katholischer Seite her seit 1658 (Bittschrift bei Gelegenheit der Kaiserwahl in Frankfurt a. M) mehrfach unternommenen Unionsversuche des Jesuiten Jakob Masenius weist Dechent ( 2177) auf Grund einer Gegenschrift des Regensburger Superintendenten Joh. Hnr. Ursinus vom Jahre 1665 hin. Auf


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die andere Linie der Unionsbestrebungen der Zeit, die Geschichte der innerprotestantischen Unionsidee, gehört Flaskamps Studie über den Großen Kurfürsten ( 2300), den er selbst hinter seinen Geheimen Rat Otto v. Schwerin zurücktreten läßt und dem er sogar eine Bedeutung in der Unionsbewegung abstreitet. Das Bild wird aber dadurch falsch, daß Fl. die kurfürstlichen Verbote der Kanzelpolemik und der Streittheologie und seine Politik der Religionsgespräche nicht genau genug beachtet, sondern auf die Selbstverständlichkeit den Ton legt, daß der (reformierte) Kurfürst »die Reformierten förderte, die Lutheraner zurückdrängte«, ohne zu bedenken, inwieweit dies durch den Widerstand der lutherischen Orthodoxie seines Landes gegen den Calvinismus und die Irenik mit bedingt war.

VII. Pietismus. Aufklärung.

Für die Zeit des durch Pietismus und Aufklärung eingeleiteten »Neuprotestantismus« muß aus der Jahresproduktion zunächst auf Troeltschs Gesammelte Werke, Bd. IV ( 204), hingewiesen werden. Denn sind es auch längst bekannte Arbeiten aus Zeitschriften und Sammelwerken, so liegen sie hier doch mindestens teilweise in ergänzter Fassung oder mit Nachträgen versehen vor und geben in ihrem Neben- und Nacheinander ein (wenn auch nicht lückenloses) Bild vom Gang der neuzeitlichen Geistesgeschichte, um deren Verständnis sich Tr. dauernd und immer wieder neu einsetzend bemüht, und durch deren Erschließung er in derselben Stärke wie neben ihm nur noch W. Dilthey auch die neuzeitliche Kirchengeschichtsforschung befruchtet hat. Für die deutsche KG. seien die Aufsätze über Aufklärung, Leibniz und die Anfänge des Pietismus, deutscher Idealismus, die Restaurationsperiode am Anfang des 19. Jahrhunderts, das 19. Jahrhundert (mit den handschriftlichen Zusätzen S. 830 ff. und den ergänzenden Rezensionen S. 779 ff.) besonders hervorgehoben. Das andere Werk, das trotz seiner zeitlichen und räumlichen Beschränkung hier an der Spitze genannt werden muß, ist Wernles nunmehr abgeschlossene Darstellung des schweizerischen Protestantismus im 18. Jahrhundert ( 2335), die für die Schweiz, aber keineswegs in territorial isolierender Betrachtung, so eingehend und plastisch, wie es bisher für kein anderes Land geschehen ist, die Aufeinanderfolge der Bewegungen von der sogenannten »vernünftigen Orthodoxie« an durch Pietismus, Aufklärung und deren Gegenbewegungen hindurch bis ins Revolutionszeitalter hinein schildert; dabei springen gerade auch die schweizerischen Auswirkungen der deutschen Geistesbewegungen, die auch in der Aufklärungszeit neben den französischen Auswirkungen (bes. Voltaire) erkennbar sind, und anderseits die deutsche Befruchtung durch schweizerische Erscheinungen (Rousseau, Lavater, Bodmer und Breitinger, Christentumsgesellschaft, Pestalozzi u. a.) klar heraus. Dabei bleibt W. nie bloß bei den literarischen Quellen stehen, sondern zieht alles, auch Liturgie, Gesangbuch, Tagebücher, Archivakten, Briefe und anderes handschriftliches Material, von Theologen und Laien, heran, um das wirkliche, auch das lokale und persönliche geistige, religiöse, kirchliche, sittliche Leben der Zeit zu konkreten Bildern zu gestalten. Die Personenschilderungen, dazu die Schilderung des Untergangs des Altcalvinismus schon vor der Aufklärung, die Darstellung des aufklärerischen Geisteslebens und der aufklärerischen Emanzipation von Kirche und Sitte, anderseits des Lavaterschen Irrationalismus und des Herrnhutertums mit seinem Gegensatz gegen gesetzlichen Altcalvinismus und rationalen


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Neucalvinismus sind Meisterstücke. Daß Ergänzungen möglich und wünschenswert sind, weiß W. selbst, und das ist bei der Weite des Gegenstandes selbstverständlich. Weiske hat das von ihm aufgefundene Tagebuch Silchmüllers ( 2331) samt anderen Quellen der Halleschen Waisenhausbibliothek in Ztschr.  f. Kirchengesch. 45, S. 88 ff., schon benutzt, um u. a. den deutschen pietistischen Einfluß auf die Schweiz früher als W. anzusetzen, während Hürlimanns Studie ( 2336) über Zürich als Hauptsitz der schweizerischen Aufklärung auch in dem vereinzelten Material, das sie über W. hinaus bietet, neben diesem oder zu dessen Ergänzung kaum in Betracht kommt, da es zu isoliert und oft unter zu unhistorischen Gesichtspunkten dargeboten wird.

I. Die Kontinuität zwischen Altertum und Mittelalter.

Aus dem alten Orient stammt auch jene Vorstellung von einem König- Erretter oder König-Erlöser, die nicht nur als apokalyptische Zukunftserwartung weiterlebte bis ins spätere Mittelalter, sondern auch die Grundlage der Gottesgnadentumsidee bildete, wie sie zumeist im byzantinischen Osten, dann aber, seit der merowingischen und vor allem der karolingischen Zeit auch im Abendlande Eingang in die christliche Welt fand. Der Erforscher der Kaisersage, Kaiserprophetie und Kaisermystik hat die Geschichte dieser Vorstellung eingehend zurückverfolgt ( 2428a) -- bis auf eine »Urtradition der Völker von einem Friedensreich des messianischen Königs: das mit dem ersten Menschen geborene Erlösungsbedürfnis schuf den Gedanken des Erlöserkönigs« (S. 58 f.). Religiöses Urbedürfnis und mystisches Ursehnen der Menschheit also? In auffallendem Widerspruch dazu findet Kampers selbst die Gottesgnadentumsvorstellung der Babylonier und Assyrer, auf die er als die älteste zurückgeht, »grobsinnlich« (S. 47) und, wie es in einer parallelgehenden Abhandlung über den »Rex et sacerdos« ( 2427) heißt, »durchweg plump« (S. 510). Er will aber in dieser babylonischen Anschauung eine »Vorstufe« des »vergeistigten« und religiösen Herrschaftsideals der Perser erblicken -- eine Konstruktion, gegen welche L. Troje ( 2428) begründeten Einspruch erhebt: »Die für die 'Mystik' entscheidende Einstellung aufs Supranaturale, auf die es ankommt ..., das Lebensideal mit überweltlich religiös bestimmtem Inhalt fehlt in Babylon« (S. 99 f.). Troje zweifelt, »ob in bezug auf die Kaisermystik mit Recht von einer Gesamtidee und ihrer Quelle geredet werden darf«; was aber die von Kampers mit besonderem Interesse -- bis hin zu dem Staufer Friedrich II. -- verfolgte Adamsmystik betreffe, so weise »hier die Linie der Entwicklung nicht nach Babylon, sondern nach Iran«. In allem Wesentlichen sucht ja auch Kampers selbst immer die Anknüpfung an iranische Vorstellungen, zumal in ihrer hellenistischen Verbindung mit griechischer Philosophie: mit der Stoa zunächst, dann mit neupythagoräischen Ideen und solchen der hermetischen Literatur. Das Gottesgnadentum Alexanders und der Diadochen wird abgelöst durch das der römischen Kaiser. Eine besondere Rolle spielt Hadrian ( 2428a, S. 49); aber auch Elagabal. »Ob Konstantin so wesentlich anders dachte ...?« (S. 51  f.) In Byzanz macht Justinian Epoche (S. 49 f.); und von Byzanz kommt der Caesaropapismus (für den die alttestamentliche Figur des Melchisedek nur nachträgliche Rechtfertigung bedeutet, keineswegs aber etwa Urgrund der Idee ist -- 2427, S. 513 ff.) herüber in den merowingischen und dann in verstärktem Maße in den karolingischen Westen, um sich hier mit überkommenen heidnischgermanischen


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Vorstellungen vom sakralen Charakter des Königtums zu verschmelzen. Inwieweit es sich bei dem ganzen Komplex überhaupt mehr um eine magische (zauberische) als eine mystische Vorstellungswelt handelt -- diese Frage wird von Kampers nicht bewußt aufgeworfen, obwohl er gelegentlich nahe genug an sie streift ( 2428a, S. 25: Glaube an ein »Mana« bei den -- Amalern; noch »in der christlichen Zeit ... lebten unbewußte Erinnerungen an diese ältere Vorstellung ... fort«. Vgl. S. 35 über die geglaubte Wirkung der Salbung mit dem heiligen Öl; S. 42: Sichtbarkeit der Begnadung als Nimbus; S. 46: Der Nimbus als geglaubte »Ausstrahlung«, vielleicht mit dem Zauberglauben der Naturvölker an das »Mana« zusammenhängend). Beachtlich ist jedenfalls, daß die kirchliche Instanz, das Papsttum, gegen das Priesterkönigtum schon frühzeitig Einspruch erheben mußte (S. 51). Und was in Byzanz schon eingebürgert war, begann auch auf den fränkischen Westen überzugreifen (S. 37). In diesem Zusammenhang deutet Kampers die Kaiserkrönung vom Jahre 800 »zugleich auch« als eine leise Remedur gegen die von fränkischer Seite erhobenen überspannten geistlichen Ansprüche und als eine Wiedereinrenkung des ordnungsmäßigen Verhältnisses zwischen der obersten geistlichen und der obersten weltlichen Leitung der »römisch-christlichen Oekumene« ( 2427, S. 509). Liegt ja doch auch beiderseits stets der Gedanke der rechten »Ordnung« (ordo: 2428a, S. 33), des κοινὸσ νόμοσ der Stoa (S. 41), zugrunde, der göttlichen Weltordnung (S. 33, 36, 41, 52, 55), um deren entsprechende Realisierung es sich handelt. Die Analogie des kaiserlichen mit dem göttlichen Weltregiment führt dabei immer wieder -- noch in der Zeit des großen Schismas (S. 31) -- zu ganz verstiegenen Formulierungen. Bei Friedrich II. verbindet sich das Motiv von der gottgesetzten Notwendigkeit, die Welt zur »Ordnung« zu zwingen, die Erlösungsideologie einer (von Kampers bis in den ältesten Orient zurückgeführten) Adamsmystik und die Idealvorstellung einer Wiederherstellung des Paradiesesfriedens der Urzeit.

II. Das Mittelalter als geistesgeschichtliche Einheit.

Richtig ist freilich, daß »der mittelalterliche Mensch« nicht so leicht zu fassen ist, wie der Verfasser des Notker-Buches sich das dachte. Eher mag das mit »der« mittelalterlichen Weltanschauung möglich sein. Eine Schülerin Fritz Kerns ( 2436) sucht sie an Hand eines repräsentativen mittelalterlichen


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Geschichtswerkes darzulegen. Die »Einstellung jener Jahrhunderte«, die Auffassung »des Mittelalters«, die »bis zum Beginn des Humanismus maßgebende Theorie«, soll an Wipo nur als an einem typisch »mittelalterlichen« Autor aufgewiesen werden. Überall tritt uns eine letzte Zurückbeziehung und Hinordnung auf das Transzendente entgegen: auf Gottes Willen und Urheberschaft, Gottes Fügung und Vorsehung. Auch der Staat wird grundsätzlich »als Heilsanstalt« betrachtet (S. 25). Aber das hat nicht das Mindeste mit »Weltverneinung« zu tun: man steht dabei durchaus fest auf dieser Erde. Zu den normativen Tugenden des Herrscherideals gehören auch prudentia und fortitudo (S. 50); die Milde soll nicht zur Schwäche werden -- auch strenge Gerechtigkeit muß der Herrscher zu üben wissen (S. 36 ff.). Macht und Ehre des Staates sind schätzenswerte und schutzeswürdige Güter (S. 25) -- nur darf ihretwegen nie das allgemein verbindliche Sittengesetz des Dekalogs übertreten werden (S. 26). Denen gebührt die ewige Seligkeit, »qui patriam adiuverint« -- so eignet sich Wipo aus Macrobius die Anschauungsweise des »Somnium Scipionis« an --, um seinerseits hinzuzufügen: »et legem conservaverint« (S. 8). Der Ruhm stellt durchaus einen Wert dar, aber er muß erworben werden durch gutes Handeln, und er muß eben dazu ein »wirksames Mittel der Aneiferung« sein (S. 8, 44). In völlig harmonischer Weise erscheinen transzendente und immanente Gesichtspunkte vereinigt, und die »Heiterkeit«, die von dem Antlitz des idealen rex iustus strahlt (S. 22), ist wie ein sinnenfälliges Symbol dieser Harmonie. Und wie die antiken, so erscheinen auch germanische Elemente zwanglos eingeordnet in die christlich-kirchliche Grundansicht. Adliges Geblüt erscheint nicht als etwas unbedingt Wesentliches (neben den sittlich-religiösen Qualitäten), aber doch als ein unbestrittener Vorzug (S. 18 ff., 30, 38  f., 51).

II. Das Mittelalter als geistesgeschichtliche Einheit.

Und ebensowenig glücklich ist er in seinen Erörterungen historischer Zusammenhänge: sowohl in seiner (wiederum rein konstruktiven) Kritik (zu S. 617: der italienische Humanismus zeigt nirgends eine Einwirkung der nominalistischen Philosophie) wie in der Kritik losig keit, mit der er Dvořák einfach ausschlachtet, um darauf Parallelen etwa zwischen »Walthers gradualistischer Haltung« und der »naturalistischen Richtung der Gotik« (S. 635) zu begründen, wie endlich und vor allem in seiner Aufstellung eines Entwicklungsschemas, nach dem der »Gradualismus« als schließliche Resultante eines Kräfteparallelogramms von »Askese« und »Diesseitigkeit« sich erklären soll (S. 618). Gegen diese (schon Dt. Vjschr. II, 750 vertretene) These, daß es ohne die »Existenz« des »Diesseitstypus« »wohl nie zur Anerkennung des Weltlichen gekommen wäre«, spricht nichts so entscheidend als die Tatsache, daß der »Gradualismus« des Thomas von Aquino in seiner weltanschaulichen Grundstruktur so wenig das späte Ergebnis ist, für das Brinkmann ihn hält, daß man diese Grundstruktur vielmehr bereits bei Augustin deutlich vorgezeichnet findet -- bei Augustin, der nicht der Gegenpol, sondern der Vorläufer des Thomas als Vertreter des ordo- Gedankens ist, wie das in dem erwähnten Martinschen Aufsatz ( 2421, S. 490  f.) hervorgehoben wird. Der falschen Auffassung Augustins als Vertreters eines asketischen Dualismus, die jüngst noch in der »manichäischen« Civitas-Dei-Interpretation Reitzensteins wieder hervortrat, sollte nunmehr endgültig der Garaus gemacht sein durch die als abschließend zu bezeichnende Untersuchung Leisegangs ( 2422). Augustins (nicht manichäische, sondern gerade anti- manichäische) Lehre von den duo civitates ist dadurch gekennzeichnet, daß es sich eben »nicht nur um einen prinzipiellen Gegensatz, sondern zugleich


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um eine Beziehung« handelt, daß civitas Dei und civitas terrena sich »überschneiden« (S. 145), daß sie sich zueinander verhalten wie »imago« und »umbra« (Civ. Dei XV, 2). Wir gehen hier nicht ein auf den von Leisegang behaupteten Gegensatz der augustinischen Auffassung zur paulinischen (S. 131 ff., 153) --, wir halten nur fest den unwiderleglichen Aufweis des Einflusses platonischen Gedankengutes in der Gestalt, die Philon ihm gegeben hatte, und in der Augustin es durch Ambrosius vermittelt erhielt (S. 136 ff., 152). Nachdem die Stoiker zuerst den sichtbaren Kosmos als eine πόλισ oder πολιτεία aufgefaßt hatten (S. 150 A. 3), wurde von Philon das »stoische Bild auf das platonische Weltbild« übertragen (S. 151), und nun auch der κόσμοσ νοή;τόσ, als eine πόλισ νοή;τήac;, als eine πολιτεία τῶν ἱδεῶν bezeichnet -- »d. h. als civitas im Sinne Augustins« (S. 137). Dabei steht der sinnliche Kosmos »der geistigen Welt 'gegenüber', aber nicht im feindlichen Sinne, sondern wie etwas Befreundetem (φίλον)« (S. 147) -- wie das Abbild dem Urbild. In der »scala mystica bei Philon ebenso wie bei Augustinus« ist die Schau der sinnlichen Welt die unterste Stufe, von der man weiter emporsteigt zu der höheren, der Schau der geistigen Welt »hinter« den Erscheinungen, und schließlich zu der höchsten, der Schau Gottes selbst (vgl. Conff. IX, 10). So ergibt sich eine »Rangordnung«, eine »Dreigliederung«: eine gewaltige Synthese, in der die epikuräische, die stoische und die platonische Welt- und Lebensanschauung je eine Stufe bilden (S. 151), und zwar so, daß in diesem »Stufenreich« immer »eins auf das andere angelegt ist« (S. 152). Keine »manichäische Gegensätzlichkeit« also, kein »Dualismus«, sondern ein dreigliedriger Stufenbau. Die »drei Mächte«, welche Brinkmann neben- und gegeneinander wirken sieht, sind in Wahrheit schon hier, also auf der Grenzscheide von »christlicher Antike« und »Mittelalter«, eingeordnet in ein (monistisches) System, in dem »von der untersten bis zur obersten Stufe menschlichen Strebens alles auf das Endziel angelegt« ist (S. 135), und in dem auch die irdischen Güter »bona sunt et sine dubio Dei bona sunt« (Civ. Dei XV, 4), da alles Seiende niemals dem göttlichen Urbild »nur entgegengesetzt« sein kann, sondern »seine Beziehung zu ihm, wenn auch noch so schwach, bewahrt, so lange es da ist«.

b) Die Periodenbildung

Einfluß der Antike, vor allem immer wieder Ovids, begegnet uns auf Schritt und Tritt, wenn wir mit Hennig Brinkmann ( 630) die lateinische Liebesdichtung durch das Mittelalter hindurchverfolgen. Zugleich erhalten wir damit einen wichtigen Beitrag zur Geschichte des Menschen im Mittelalter. Schwerlich indes wohl einen Beitrag zur Charakteristik des spezifisch »mittelalterlichen« Menschen. Dieser »Diesseitstypus« ist doch wohl in ganz ähnlicher Weise in allen Zeiten zu finden. Es handelt sich hier ja durchweg um ganz unreflektierte, rein triebhafte Äußerungen natürlicher Sinnlichkeit und deren recht naiven, oft sogar recht derben literarischen Niederschlag. Von irgendeiner bewußten weltanschaulichen Wertung ist nirgends die Rede. Und völlig abwegig ist es, wenn Brinkmann gar auf Grund dieser Art von Material Epochen zu konstruieren unternimmt. Das erste Auftreten eigentlicher Liebeslyrik »um das Jahr 1000« soll Zeichen einer »großen Geisterscheide« sein: jetzt soll »der Sinnenmensch«, »der weltliche Menschentypus« aufkommen, nachdem »bis dahin« »der jenseitig gerichtete Menschentypus« geherrscht hatte (S. 3, 8 f.). Es leuchtet nicht ein, wie die weltlichen Zeiten der Merowinger, der karolingischen und ottonischen Renaissance (von Italien


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im 9. und 10. Jahrhundert gar nicht zu reden) einerseits, die erst nach 1000 liegende stärkere Auswirkung der kluniazensischen Bewegung andererseits mit einer solchen Konstruktion in Einklang zu bringen sein sollen. Ehrismann (a. a. O., S. 13  f.) zieht die Grenzlinie um »etwa 1050« gerade im umgekehrten Sinne, und Hermann Schneider (um hier nur Literarhistoriker zu nennen) sieht gerade für »das elfte und beginnende zwölfte Jahrhundert« »Weltverachtung und Jenseitssehnsucht« als charakteristisch an -- im Gegensatz zu der vorangehenden »weltbejahenden und wissenschaftsfrohen« Epoche ( 2420, S. 122); erst »im Laufe des 12. Jahrhunderts« werde »die Daseinsfreude zurückerobert«. Was nun diesen letzten Punkt betrifft, so mag Brinkmanns Darstellung ein nützliches Korrektiv bilden. Aber richtiger als dieser erkennt H. Schneider, daß »Weltfeindlichkeit« auf der einen und »Lebensfrische und selbst derbe Töne«, ja Neigung zum Obszönen auf der anderen Seite neben einander vorkommen (S. 138 f.); transzendente Frömmigkeit und ein massives -- unbefangenes, aber oft auch brutales -- Triebleben wohnen beim mittelalterlichen Menschen sehr nahe beieinander.

b) Die Periodenbildung

Mag hier immerhin manches allzu geistreich gesehen und die Gotik allzusehr nach der --Romantik gemodelt sein, und darf ferner gewiß nicht vergessen werden, daß die Renaissance, auf die hiernach die Gotik geradlinig lossteuern soll, sich selbst als ausgesprochen anti gotisch empfand -- liegen also hier auch gewiß noch ungelöste Probleme, so verdient doch vor allem jene Frage eines grundlegenden Wandels der mittelalterlichen Religiosität unbedingt eine nähere Untersuchung. Wichtige Anregungen dafür bietet J. Herwegen (Kirche u. Seele. Die Seelenhaltg. d. Mysterienkultes u. ihr Wandel im Mittelalt.; Münster, Aschendorff, 31 S.). Auf Grund liturgie- und kunstgeschichtlicher Beobachtungen will er jene Tendenz zu allgemeiner Vermenschlichung der gesamten Vorstellungswelt, von der Pinder spricht, als einen fortschreitenden Prozeß durch das ganze Mittelalter hindurchverfolgen -- vom »langsamen Beginn« der Umbildung »etwa in der karolingischen Zeit« bis »zur Selbständigkeit des subjektiven Elementes« »auf der Höhe des 13. Jahrhunderts« (S. 16 f.); und er will diesen »ungeheuren Wandel« des Frömmigkeitslebens, der eine zunehmende Verdrängung des vom Mysterium her bestimmten, sakralen, objektiven, gemeinschaftsbildenden Moments durch das subjektive, ethische Moment bedeutete, auf die »subjektiv betonte germanische Seelenhaltung« zurückführen. Karl Adam (Kirche und Seele. Theol. Quartalschr. 106, 231--239. Entgegnung von J. Herwegen ebd. S. 239 bis 248) hat gegen diese These motivierten Einspruch erhoben. Die auf die spezifisch germanische Seelenhaltung zurückgehende Entwicklung zu »einem verschleierten Semipelagianismus und einem äußerlichen Moralismus« ist vielmehr eine solche, die beim »Durchschnittsgläubigen nur allzu leicht und immer wieder« eintritt (S. 235). Sodann war es nicht Deutschland, sondern das Italien Cimabues und Giottos, das »um reichlich hundert Jahre« voranging in der


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wirklichen »Auflösung der starren, sakralen Kunstform in das realistisch Bewegte, Lebendige, Persönliche« (S. 239). Geht man aber schon einmal zurück bis auf den Beginn der Karolingerzeit, dann -- muß man auch gleich bis auf das Urchristentum zurückgehen (S. 233 f.). Was endlich »gerade die Zeit der Hochscholastik« (Herwegen) anlangt, so betont Adam mit Recht, daß jedenfalls die Hochscholastik selbst doch wohl schwerlich in einen »Umbildungsprozeß vom Objektiven zum Subjektiven« hineingestellt werden kann (S. 234). Wenn freilich Adam dann leugnet, »daß in irgendeiner Epoche des kirchlichen Lebens eine akute, auffällige Verschiebung in der Betonung beider Elemente der Frömmigkeit« je eingetreten sei (S. 235), dann schüttet er das Kind mit dem Bade aus! Jene Verschiebung ist im Mittelalter in der Tat festzustellen. Das »Überwiegen des Moralismus und des äußeren Werktums in der Frömmigkeit« des späteren Mittelalters gibt Adam selbst zu (S. 235). Andererseits verschiebt Herwegens »Entgegnung« das Problem, und zwar in wenig glücklicher Weise, wenn sie nunmehr die subjektiv-moralistische Haltung mit der Vollziehung einer bewußten Trennung von Gott und Welt in eins setzt. Weder das eine noch das andere ist dasjenige, was die tatsächliche Entwicklung kennzeichnet; das ist vielmehr das (von Herwegen ebenfalls stark hervorgehobene) Vordringen eines gefühlsmäßigen Moments subjektiver Art. Dahin gehört z. B. die Corpus-Christi-Mystik, auf die auch Bäumler (a. a. O., S. 469) hinweist, und die er »fast genau gleichzeitig mit der Gotik« beginnen läßt. Auch Gougaud, der in einer Untersuchung über gewisse charakteristische Formen mittelalterlicher Devotion und Askese ( 2142) den in der Passionsmystik des Mittelalters wurzelnden »Vorstufen der Verehrung des hl. Herzens Jesu« eine eingehende Darstellung (S. 74 ff.) widmet, hebt den Gegensatz dieser »weichen und rührenden« Art spätmittelalterlicher Frömmigkeit (S. 77) -- die den ihr entsprechenden literarischen und bildnerischen Ausdruck in jenem auf psychologische Wirkung gehenden Realismus findet, der damals »populär« wird (S. 75, 108  f.) -- gegen die Art der frühchristlichen Jahrhunderte -- eines hl. Hieronymus etwa (S. 75  f., 102) -- klar heraus. Wie vieles übrigens gerade auch in der mittelalterlichen Askese durcheinandergeht, mag eben angesichts des von Gougaud gesammelten Materials deutlich werden: dieser Heroismus der Selbstüberwindung durchläuft die ganze Stufenleiter der Motive von der Abtötung der sinnlichen Begierden (S. 160, 162 ff.) und der Erlangung der Sündenvergebung (S. 180, 183, 186, 190  f.) bis zum »Verdienst« des »Quasimartyriums« (S. 180, 200 ff.); und wenn er schließlich irgendwo in eine robuste Magie umschlägt, die geradezu Gott »zwingen«, seinen Willen den eigenen Wünschen gefügig machen zu können glaubt (S. 147 ff.), so steht unmittelbar neben solcher sehr 'sachlichen' Zweckhaftigkeit, ja in engster Verbindung mit ihr, die ganz persönlich -- etwa in der Geißelung -- erlebte »direkte Gemeinschaft mit der schmerzensreichen Passion Christi« (S. 181; 183: Petrus Damiani; vgl. auch 184 f.). Eine solche subjektiv geartete Religiosität gibt sich z. B. auch in der -- schon in recht früher Zeit feststellbaren -- Pflege der stillen Privatandachten Einzelner am Altar der Kirche (S. 58) kund. -- So reichen in der Tat die Anfänge der von Herwegen verfolgten Entwicklung sehr weit zurück; aber sie vollzieht sich nicht geradlinig. Er selbst hat gelegentlich (und Bernhard Kern, 2042, S. 124, verweist darauf) auf fränkische Profeßformeln der Benediktiner aus dem 8. und 9. Jahrhundert Bezug genommen, in denen der

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objektive römische Gehorsamsbegriff der Regula S. Benedicti in den subjektiven germanischen Treubegriff umgebildet erscheint, -- »bereits die karolingische Klosterreform schärfte aber wieder den ursprünglichen Gehorsamsbegriff der Regula S. Benedicti ein«. Die Entwicklung vollzog sich also in Wellenbewegungen. Und wenn im Gegensatz zu der ursprünglichen grundsätzlichen Nichtberücksichtigung des Unterschieds von Freien und Unfreien auch in das Benediktinertum zeitweise die »germanische Rechtsanschauung« eindrang, so wurde sie doch »seit Mitte des 11. Jahrhunderts« wieder verlassen (B. Kern, S. 125 f.).

b) Die Periodenbildung

Den Wurzeln des religiösen Umbildungsprozesses innerhalb der »romanischen« (im Unterschied von der »gotischen«) Epoche des Mittelalters geht ein sehr lehrreicher Aufsatz von Anton L. Mayer (Altchristl. Liturgie u. Germanentum. Jb.  f. Liturgiewiss. 5, 80--96) nach. »Die Keime« einer Entwicklung der »Subjektivität« glaubt er bis ins 10. Jahrhundert (S. 95  f.) zurückverfolgen zu können -- doch so, daß ein hier zu beobachtender Fall noch etwas »für jene Zeit ganz Unerklärliches« hat. Im allgemeinen sieht er während der romanischen Epoche nur die »Spannung« (S. 82) angelegt, die erst in der gotischen Epoche sich entlädt. Eine Spannung nämlich zwischen den beiden Elementen, deren Auseinandersetzung miteinander und deren Trachten nach Ausgleich miteinander dem Zeitalter seinen geistigen Stempel aufdrückt: zwischen christlicher Antike und Germanentum. Jene altchristliche Seelenhaltung, die liturgisch im Mysterium der sakralen Gemeinschaftsfeier, künstlerisch in der Basilika repräsentativen Ausdruck findet, stößt auf die »faustische« Seelenhaltung des Germanen und muß mit ihr nun irgendwie fertig werden. Das geht natürlich nicht ohne inneren »Konflikt« ab; aber es ist ein »schöpferischer« Konflikt (S. 81) -- wenngleich der Konflikt sich schließlich zum »Riß« erweitert (S. 84 f.): zur gotischen »Formzersprengung« (S. 96) um 1100 (S. 85). Die romanische Zeit stellt noch einen gewissen Ausgleich der Kräfte dar (S. 82, 85): der Drang und die Bewegtheit eines subjektivistischen Wollens, das zur Formlosigkeit tendiert, »bindet sich noch selbst« (S. 81), erscheint »noch gebändigt« (S. 94) -- das Menschliche noch gebunden im Heiligen (S. 82). Klassischer und romantischer Geist (so wenigstens sieht es Mayer) stehen sich gegenüber: Vollendetsein und Ausgeglichenheit dort, Innerlichkeit und Ruhelosigkeit hier. Man wird freilich fragen dürfen, ob die christliche Antike so ohne weiteres als »klassisch« angesprochen werden kann. Man wird weiter fragen dürfen, ob zu »romantischem« Wesen gerade das »Ethizistische« (S. 83) -- das nach unserem Sprachgebrauch doch eher das Gegenteil des »Dämonischen« ist! -- und gar das Juridische (S. 88) gehört! Kann man juridizistische und lyristische (S. 92) Tendenzen so in einem Atem nennen (S. 86)? Die Frage schließlich, ob alle »individualistischen« Tendenzen der frühmittelalterlichen Entwicklung »ausschließlich auf das Germanentum als das treibende Element« zurückgehen, wagt Mayer selbst nicht rundweg zu bejahen (S. 95). Jedenfalls geben seine Ausführungen -- z. B. über den geistigen Weg von den noch ganz im Objektiven lebenden Hymnen des Ambrosius (und ihrer »wahren Klassik«) zu der beginnenden »Romantik« der Sequenzen Notkers, in denen schon der Schritt zum Lied vorbereitet erscheint, wenngleich noch über das Subjektive das Objektive herrscht (vgl. S. 90--94) -- eine Fülle wichtiger Anregungen. Das fortlebende Römertum auf der einen,


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Tendenzen nach Poetisierung und Sentimentalisierung auf der anderen Seite treten deutlich heraus. Doch bleibt der Subjektivismus in dieser Epoche nur »Unterton« (S. 94). Zwischen der Ansicht von dem »unversöhnlichen Dualismus« der Romanik (Panofsky, a. a. O., S. 66) und der entgegengesetzten Ansicht von der »hinter« allem Konflikt liegenden »tiefen Stille« und »Ruhe« des romanischen Bewußtseins, das »ohne 'Problematik'« sei (Bäumler, a. a. O., S. 477), wird hier ein gangbarer Weg aufgezeigt, der zum Verständnis des Unterschiedes und zugleich doch auch des Zusammenhanges zwischen dem romanischen und dem gotischen Mittelalter führt. Zum Einzelnen wird man manches Fragezeichen machen dürfen. Wenn der dem Wesen und der Geschichte nach nicht primäre Rechts charakter der Kirche gegenüber dem »pneumatischen« immer stärker betont wurde, so dürfte denn doch zu fragen sein, ob da der (gewiß nicht zu bestreitende) Einfluß »des germanischen Rechtsempfindens« (Mayer, S. 88) nicht unendlich weit zurücksteht gegenüber dem des römischen Rechtes. Hier -- Wesentliches dazu bringt z. B. auch B. Kern bei ( 2042, S. 6: »Benedikt ist Römer«, und seine Regel ist »Synthese zwischen christlichem Geist und römischer Form« [S. 8], ist »ein Gesetzbuch, lex, ein System rechtlicher Beziehungen«, durch das er der benediktinischen Gemeinschaft -- dieser Keimzelle und diesem Vorbild des corpus christianum des Mittelalters überhaupt, wie B. Kern immer wieder betont, -- »die juristische Struktur gab« [S. 111 ff.]: er »bannte die christliche Gemeinschaftsidee in die eisernen Formen des römischen Rechts« [S. 93]) -- hier also war die wirkliche Verrechtlichung kirchlichen Wesens zweifellos weit eingreifender als da, wo es sich wesentlich um »Sitte und Zeremonien« handelte, die nur der »Illustrierung und Näherbringung« der religiösen Vorgänge dienen sollten (Mayer, S. 88). Und nicht minder begründete Zweifel müssen sich erheben gegen die Mayersche »Parallel«setzung des gotischen und des renaissancemäßigen »Individualismus« (S. 85, A. 15). Denn wenn der germanische Subjektivismus, wie doch Mayer selbst will, aus einem »expressiven« oder dämonischen Drang zur Freiheit der Formlosigkeit kommt, so geht der Wille der Renaissance gerade umgekehrt auf individuelle Formgebung. Bernh. Kern führt, und wohl mit Recht, auf »den germanischen Individualismus« insbesondere auch die Exzesse des mittelalterlichen Asketismus zurück (S. 141, A. 1): das mag am besten zeigen, daß es sich hier geradezu um einen Gegenpol des Renaissance- Individualismus handelt.

b) Die Periodenbildung

An Hand der Entwicklung der deutschen Plastik des 14. Jahrhunderts kommt Pinder (Die dte. Plastik d. 14. Jhd., München, K. Wolff, 86 S., 104 Taf.) dazu, schon um 1350 die »Neuzeit« beginnen zu lassen -- mit jener »bürgerlichen« Kunst und Kultur, die damals vor allem in Böhmen einen bedeutenden Ausdruck fand, sich um den Hof Karls IV. gruppierend. Im Prager Triforium sind Könige und Künstler ebenbürtig eingeordnet in einen Plan: »Hierin ist kein 'Mittelalter' mehr; diese Gesinnung darf man 'Renaissance' nennen.« Und der formengeschichtliche Vorgang -- die »fortschreitende Emanzipation der Büste« -- drückt das gleiche aus: »Loslösung aus dem Mittelalter« (S. 72). Es handelt sich hier darum, ob man nicht in dieser sich um Karl IV. gruppierenden Kultur doch nur ein Vorspiel der deutschen Renaissance, ein Zwischenspiel sehen darf -- eine einigermaßen ephemere Erscheinung, eine Welle, auf die


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wieder ganz andere, eben noch oder wieder durchaus »mittelalterliche« Wellen folgen. Auch wird man fragen dürfen, ob der »Gesichtsausdruck des kompakten Daseinsgefühls« und die »seelische Vordergründigkeit« (S. 73  f. über Karl IV. selbst) schon den »Renaissancemenschen« machen -- wenn auch gewiß die scholastische Bildung noch nicht den »mittelalterlichen Menschen« macht. Jedenfalls kann einem die Wellenbewegung der spätmittelalterlichen Geistesgeschichte kaum deutlicher gemacht werden als durch Pinders eigene Darstellung. Auf eine Zeit der »Naturnähe«, wie sie Naumburg verkörpert, folgen hundert oder doch achtzig Jahre einer neuen »Naturferne« (S. 5 f.), die »wie eine neue Primitivität aussieht« (S. 7), aber ein -- aus »dem Belastenden übermäßig angewandter Naturerfahrung« geborenes -- neues Wollen bedeutet (S. 9), »eine neue Sehnsucht, einen Drang, die sichtbare Form zum Buchstaben des Seelischen zu machen« (S. 10). Die Kunst des Straßburger Mittelportals entspricht »dem neuen Ideal ..., das die Mystik verkündet«: »Daß die Seele um so mehr blühe, als der Leib verdorrt, um so mehr verdorre, als der Leib blüht, ist das neue Bekenntnis dieser Epoche« (S. 11) -- im Gegensatz nicht nur zu dem ritterlichen Ideal, auf das sich Pinder bezieht, sondern auch zu dem der Hochscholastik. Gewiß, »Mystik« gab es auch früher, aber erst jetzt kommt (wenn wir von der mehr peripherischen Erscheinung Eriugenas absehen) der starke neuplatonische Spiritualismus herein: dieses neue Quale, nicht der von Pinder allein betonte »unerhörte Aufschwung« der Mystik, ist das Entscheidende. Für diese, eben neuplatonisch bestimmte, Mystik ist allerdings »Entwerden« das Ziel des Körpers und der Seele. Der Mensch »ein schmaler Kelch des Übersinnlichen: was die Mystik fordert, hat die Plastik sichtbar gemacht« (S. 12). Von der Antike, der man »in den dreißiger Jahren des 13. Jahrhunderts so geheimnisvoll nahe gewesen«, strebt man wieder völlig fort (S. 13). Das »Bedingtheitsgefühl, das der mystische Mensch empfindet«, und sein Trachten nach der »Aufhebung aller Individuation, dem Eingehen in das All selbst, in Gott, formt sich einen Stil der »Entkörperlichung und Schwingung als Sprache der Vergeistigung und der Hingabe an das Außerhalb«, einen Stil, der »die Gestalt rein als das gebogene Gefäß des Unsichtbaren« wiedergibt (S. 24). »Die oberrheinischen Figuren des 14. Jahrhunderts sind gleichsam gar nicht selbst .. Der Schüler Seuses konnte in ihnen den Schauer des heiligen Schweigens finden, der seine innersten Erlebnisse zeichnete« (S. 27). Diese Skulpturen vom Bodensee entsprechen der »lyrischen Prosa der Mystiker, Seuses vor allen« (S. 28). »Entwicklung durch Verzicht« nennt Pinder das treffend -- im Hinblick auf die naturnahe Kunst, die vorangegangen war. Aber, wenn auch Naumburg gewiß so gründlich wie möglich verlassen ist, eine Rückkehr zu Bamberg ist es dennoch nicht -- so wenig, wie nachher die bürgerliche Kunst seit 1350, eine so gründliche Abkehr von der mystischen sie auch darstellt, eine Rückkehr zu Naumburg ist: Wie das Weltgefühl des Bürgers ein völlig anderes ist als das des Ritters, so ist auch die Religiosität der deutschen Mystik eine völlig andere als die der romanischen Epoche: eben jene Vermenschlichung des Göttlichen, die Pinder an dieser mystischen Kunst so eindrücklich nachweist, wäre der romanischen Zeit eine innerste Unmöglichkeit gewesen. »Von einem Gefühlskomplex durchdrungen«, alle Züge des Leidens und des Mitleides an sich tragend -- so wird nicht nur Christus (damals entsteht ja das plastische Motiv des

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»Schmerzensmannes«: S. 37), so wird auch Gottvater gleichwie ein »Gott der Pestkranken« (S. 33) dargestellt. Man stellt sich mit dem Herrn auf einen »vertrauten« Fuß (S. 36), man empfindet »menschenhaft brüderlich« mit ihm (S. 37). Diese Lyrisierung und Sentimentalisierung des Verhältnisses zum Göttlichen ist gewiß denkbar unromanisch. Ja, man dürfte hier, wenn auch entgegen den Intentionen Pinders, etwas von »dem neuen Triebe zur Nähe« finden, den Pinder als charakteristisch für die zweite, die »bürgerliche« Hälfte des 14. Jahrhunderts bezeichnet (S. 66), und in dem er den äußersten Gegensatz zu der mystischen großen »Entrücktheit« erblickt. Aber der gesteigerten Entrücktheit von der Welt entsprach eben ein gesteigertes Nähegefühl gegenüber dem Göttlichen, das nur säkularisiert zu werden brauchte, um in »das Bürgerlich-Nahe« überzugehen. Damit soll der »starke Einschnitt« um die Mitte des Jahrhunderts, den Pinder betont (S. 11, 41) in keiner Weise geleugnet werden; eine so radikale Säkularisierung des Empfindens und Wollens ist gewiß ein denkbar tiefster Einschnitt! Aber es tritt damit doch auch die Kontinuität innerhalb der Entwicklung des Jahrhunderts ins Licht, durch die sich diese ganze Zeit nach 1250 dann doch wieder, bei aller inneren Verschiedenheit, stark abhebt gegen die romanische Epoche. Aber »aus der rechten Entfernung gesehen« (S. 41) wird gewiß um 1350 eine bedeutsame Cäsur bemerkbar: eine Kunst »neuer Leiblichkeit« (S. 33) steigt herauf als Zeugin des beginnenden »bürgerlichen« Zeitalters (S. 34) und seines »neuen Wollens« (S. 42): »Es ist Reaktion: man will nun nicht mehr Lebens ferne. Man will Leben und Breite« (S. 44). »Diese schweren Geschöpfe sind wie nervenlos -- die vorangehenden waren in der höchsten Form fast nichts als Nerv gewesen« (S. 46). Der Zeitgeist, vorher bestimmt durch »die geistige Vorherrschaft der Frau«, »vermännlicht sich wieder« (S. 47). Giotto bezeichnet die parallele Entwicklung der italienischen Kunst (S. 51 f.). Das neu erwachte »Diesseitsgefühl« (S. 58), die -- an Naumburg zurückerinnernde -- neue »Nähe zum Profanen« (S. 60) äußert sich nun auch in einer großen Porträtkunst (S. 54, 70 f.), in der Darstellung gegenwärtiger Menschen.

IV. Übergänge zur Neuzeit.

Den Zusammenhängen zwischen der spätmittelalterlichen Entwicklung und der Renaissance widmet die Forschung seit langem ein Hauptaugenmerk. Und es ist nichts Neues, dabei vor allem auf die verschiedenen »Laienreaktionen« gegen eine einseitig geistliche Orientierung hinzuweisen, wie es neuerdings Hashagen wieder getan hat ( 2425; S. 343, 344, 348); aber gegenüber der durch Burdach (Thode wirkt wohl kaum mehr nach) beliebt gewordenen einseitigen Hervorhebung der religiösen Wurzeln der Renaissance ist es gewiß von Wert, die alte Erkenntnis wieder zur Geltung zu bringen, »daß die Renaissance eine profane Bewegung ist«, deren profane Wurzeln im Mittelalter daher auch in erster Linie aufzusuchen sind (S. 344). Immerhin sollte man aber auch nicht von den »rein profanen Charakterzügen« etwa des Minnesangs reden (S. 345) und sich dabei (S. 344) noch eigens auf Wechßler berufen, der einen ganzen dicken Band über »Minnesang und Christentum« geschrieben hat, welcher mit einem Kapitel über »den Ausgleich zwischen Frauenminne und Gottesminne« endet. Daß in der geistigen Welt des Mittelalters schon verhältnismäßig früh »Risse aufspringen«, leugnet z. B. auch Günther Müllers »Gradualismus«-Aufsatz (Dt. Vjschr.  f. Litt.wiss. u. Geistesgesch. II, 719) nicht -- Hashagen rennt doch wohl weithin offene Türen


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ein --: Nicht nur in »den spätmittelalterlichen Jahrhunderten«, sondern »auch vorher«, bemerkt Günther Müller ausdrücklich, »gabes einseitigen Spiritualismus und einseitige Weltfreude«; erst da aber »zersetzt« sich die mittelalterliche Weltanschauung, wo die »die Gesamtheit die Kraft verliert, diese Tendenzen ... zu bewältigen« (S. 720). Solange, wie Hashagen etwa anläßlich Wolframs zugibt, »jede Art von Selbsterlösung ganz außerhalb der Sehweite« liegt, so lange muß die »Laienreaktion« »nur eine vorübergehende Erscheinung« bleiben, die doch immer wieder »zur Kirche zurücklenkt« (S. 348) --, und so lange haben wir eben vom Mittelalter zu sprechen. Daß aber das Ideal, d. h. die leitende Idee, des Mittelalters nicht eine weltverneinende Askese ist, sondern die »einheitliche harmonische Ordnung« eines »organischen Stufenbaus«, ist auch Hashagens Meinung (S. 337). Den Gegensatz von Ideal und »Leben« (S. 340  f.) und die im Leben des Mittelalters -- wie jeder Zeit -- festzustellenden tiefgehenden »Disharmonien« (S. 343) hebt übrigens auch A. v. Martin ( 2421, S. 496) hervor.

IV. Übergänge zur Neuzeit.

Daß freilich Karls IV. Regierungskunst einen ausgesprochen rationalen Zug aufweist, dürfte nicht zu bestreiten sein. Das aber bedeutet nicht eine Entscheidung für den »Nutzen« und gegen die »Gerechtigkeit« (wie schon die Antike die Alternative der Frage nach dem Verhältnis von Politik und Moral formulierte), sondern die Meinung, daß beides vereinbar sei. Und das ist durchaus auch die Ansicht jenes Philipp von Leyden, auf dessen aus der Mitte des 14. Jahrhunderts stammenden Traktat »de cura reipublicae« schon G. v. Below und ihm folgend Meinecke hinwiesen, und dem nun H. Wilfert eine von Below angeregte Monographie gewidmet hat ( 2487). Leider verschiebt er dabei die Dinge, indem er einen unmöglichen Gegensatz konstruiert: weder »negiert« das Mittelalter »den Staat als solchen«, noch vertritt Philipp von Leyden den Standpunkt des »autonomen« Staates, wenn das die völlige Freiheit des politischen Handelns von allen Bindungen rechtlicher, ethischer, religiöser und kirchlicher Art bedeuten soll. Was das Mittelalter nicht anerkannte, war die Idee der StaatsraisonF. Kern), d. h. die Idee des »souveränen« Staates, der keinerlei übergeordnete Idee, insbesondere keine (übergeordnete) Rechtsidee, gelten ließ. Erst das moderne Denken ging zur »Verabsolutierung« des Staates (S. 3) über. Davon aber ist Philipp von Leyden noch sehr weit entfernt! Das »mittelalterliche theologisch-ethische Weltbild« (S. 13) ist für ihn noch durchaus maßgebend. Noch heißt es: »per malum medium non est ad bonum devenire finem« (Anm. 12). Der Herrscher hat die Gesetze zu respektieren, die »mit Hilfe göttlicher Inspiration« entstanden sind (S. 21) -- worin die Naturrechtslehre, »wenn auch nicht ganz klar«, anklingt (S. 22). Durch »die Rechtsgebundenheit des Herrschers und der Beamten« sind »die Untertanen vor Willkürakten geschützt« (S. 38). »Gottesfurcht und Gerechtigkeitsliebe« werden vom Fürsten gefordert (S. 22); das eigentlich staatserhaltende Element ist die Religion (S. 26). Der »letzte Sinn« des Staates ist transcendent (S. 40). Darum darf der Staat sich keinerlei Macht über die Kirche anmaßen wollen; diese hat volle Freiheit und Selbständigkeit zu beanspruchen und darf vom Staat in keiner Weise benachteiligt werden; die geistliche Gerichtsbarkeit wird bei Strafe von Exkommunikation und Interdikt aufrechterhalten, und Ketzer werden als Feinde wie der Kirche so des Staates behandelt (S. 39). Aber auch die Ordnung der Menschen nach Ständen gilt Philipp von Leyden, wie dem ganzen Mittelalter, noch als »gottgesetzt« (S. 34). Und rechtliche »Gewohnheiten«, denen »durch ihr Alter eine gewisse Autorität innewohnt, sollen..., wenn sie abusum in se non continent, in Geltung bleiben« (S. 38). Gewiß, es ist »nicht mehr jedes unbedeutendste individuelle Privatrecht... dem


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Zugriff des Staates entzogen« ( F. Kern), die mittelalterliche enge Verbindung des germanischen Rechtsgedankens mit der christlichen Ethik und dem Naturrecht erscheint gelockert und »der Druck, den bisher der germanische Rechtsgedanke auf den Staat ausgeübt hatte, verringert« (Meinecke); aber ein radikaler Bruch ist keineswegs vollzogen. Erst in diesem Rahmen ist dasjenige, was der Staatsrechtslehre Philipps von Leyden ihr »modernes« Gepräge verleiht, zutreffend zu würdigen. Und dabei ist weiterhin noch zu berücksichtigen, daß sich Sätze wie die, daß Privilegien und alte Gewohnheiten, quae in se abusum continent, abgeschafft werden sollen, bereits bei den Glossatoren (und hier und da in der französischen staatstheoretischen Literatur) fanden! (S. 13  f.) Und wenn nicht lange danach ( 1404) Johann Gerson eine zweckmäßige Interpretation oder gänzliche Abschaffung solcher Gesetze forderte, die mit dem Zweck der Friedenserhaltung in Widerspruch gerieten, so war solche Forderung an dem höchsten Staatszweck grade des Mittelalters orientiert. Von daher aber war der Weg zu der Forderung zentralistischer Staatsgestaltung bereits geebnet. Und wenn Philipp von Leyden dabei auf das römische Recht »als Rechtssystem eines zentralistischen Staatswesens« (S. 10) zurückgriff, so war dabei doch auch der sehr unmoderne Absolutheitsglaube an die »Vollkommenheit und Endgültigkeit des römischen Rechts« mit im Spiele (S. 23; Anm. 21). Und in allem ist es ihm um die Ordnung, um das wohlgeordnete Staatswesen, zu tun, und um den Kampf gegen alle »Maßlosigkeit« (Anm. 46). Das Prinzip des »utilitas reipublicae« wird nirgends gegen das Rechtsprinzip ausgespielt. Und zwischen dem Nutzen des Staates und dem »singulorum status« wird ein Verhältnis der Konkordanz vorausgesetzt (S. 42).

2. Editionen scholastischer Texte, Quellenwerke. Die Editionen scholastischer Werke kommen für die Geschichtswissenschaft nicht bloß deshalb in Betracht, weil sie hervorragende Denkmäler des mittelalterlichen Geisteslebens in wirklichkeitsgetreuer Form uns darbieten, sondern auch weil sie bei der Eigenart der handschriftlichen Überlieferung des scholastischen Schrifttums für mittelalterliche lateinische Paläographie, für Behandlung von Echtheitsfragen, für Editionstechnik usw. wertvolle Anregungen geben. Aus der Frühscholastik sei hier vor allem die mustergültige mit einer ausführlichen literatur- und ideengeschichtlichen Einleitung versehene Edition der Sentenzen des


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Magister Gandulphus erwähnt, die wir Johannes von Walter verdanken ( 1). Es ist damit ein für Dogmen- und Kirchenrechtsgeschichte des 12. Jahrhunderts gleich bedeutsames Werk, auf dessen hohen Wert schon vor 40 Jahren Denifle aufmerksam gemacht hat, uns zugänglich gemacht. Das Weiterleben der theologischen Schriften des Boethius in der Frühscholastik wird durch W. Jansens Edition und inhaltsreiche, ideengeschichtliche Untersuchung des Kommentars des Clarenbaldus von Arras zu Boethius De trinitate wirksam beleuchtet ( 2). Für die Ära der Hochscholastik des 13. Jahrhunderts kommen in erster Linie als Editionen großen Stils die Ausgaben der Summa Theologica des Alexander von Hales ( 3), des Begründers der älteren Franziskanerschule, und der Summa contra Gentiles des hl. Thomas von Aquin ( 4) in Betracht. Die erstere Edition ist, wie der erste bisher erschienene Band erkennen läßt, eine wirklich monumentale Schöpfung des vor bald einem halben Jahrhundert errichteten Bonaventurakollegs zu Quaracchi bei Florenz und übertrifft noch die mit Recht viel gefeierte kritische Bonaventura-Ausgabe, welche das gleiche Kolleg unter der Leitung von Fidelis a Fanna und Ignatius Jeiler hergestellt hat. Die Prolegomena zum ersten Band der Edition des Alexander von Hales sind für scholastische Handschriftenkunde und Paläographie, für Editionsmethode scholastischer Texte überaus lehrreich und geben in ihren aus der Feder von P. Ephrem Longpré, dem besten Kenner der gedruckten und ungedruckten Franziskanerscholastik, stammenden ideengeschichtlichen Ausführungen eine eindrucksvolle Zeichnung des franziskanischen Augustinismus in seiner namentlich von der Viktorinerschule des 12. Jahrhunderts beeinflußten Prägung. Die Edition selbst hat, wie der Variantenapparat und die Zitatennachweise bezeugen, die hier bestehenden großen Schwierigkeiten glänzend gelöst. Im Rahmen der Publikationen des von P. Aubain Heysse O.  F. M. geleiteten Kollegs von Quaracchi erschien auch die gleichfalls vorzügliche Edition der Quästionen des Franziskanertheologen Petrus Johannis Olivi durch Bernhard Jansen S. J. ( 5). Die von den Dominikanern Constantius Suermondt, Petrus Makey und Clemens Suermondt veranstaltete Ausgabe der Summa contra Gentiles des hl. Thomas von Aquin hat vor allem dadurch auch ein besonderes Gepräge, daß sie in großen Teilen sich nicht bloß auf die gesamte sorgfältig untersuchte handschriftliche Überlieferung, sondern in großen Teilen auch auf das Autograph des großen Scholastikers, eine auch vom paläographischen Standpunkt aus sehr beachtenswerte Urschrift stützt. In den Prolegomena steckt eine Fülle wertvoller Bemerkungen über Editionsprinzipien und Editionstechnik. Die als Appendix in all ihren Eigentümlichkeiten, Streichungen, Ergänzungen, Überarbeitungen usw. dargebotene Wiedergabe der Urschrift läßt uns zugleich einen lehrreichen Blick in die Entstehung des Werkes, in die geistige Werkstätte des mittelalterlichen Denkers tun.

Der Edition scholastischer Texte sind auch eine Reihe von großen Unternehmungen gewidmet, welche teils ausschließlich Textpublikationen sind, teils auch Untersuchungen über die scholastische Philosophie und Theologie des Mittelalters bringen. Die älteste dieser Unternehmungen sind die im Jahre 1891 von Clemens Baeumker, dem bahnbrechenden Erforscher und tiefschauenden Darsteller des mittelalterlichen scholastischen Denkens im Zusammenhang mit der Kultur des Mittelalters, begründeten Beiträge zur Geschichte


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der Philosophie des Mittelalters, die in 25 umfangreichen Bänden bis jetzt etwa 150 Monographien umfassen. Von den darin zuletzt erschienenen Texteditionen seien genannt die von B. Geyer veranstaltete Ausgabe der pilosophischen Schriften Peter Abälards ( 6), für die Erkenntnis der Philosophie des 12. Jahrhunderts von unschätzbarem Wert, die für die Eckhartforschung neue Wege weisende von P. Augustin Daniels O. d. B. veranstaltete Edition der lateinischen Verteidigungsschrift des Meisters Eckhart ( 7), sodann drei Editionen, die Baeumker selbst mit der ihm eigenen kritischen Genauigkeit und quellenkundigen Wissensfülle hergestellt hat: der Schrift De motu cordis des Alfred von Sareshel (Alfredus Anglicus) ( 8), einer für die Kenntnis der Aristotelesüberlieferung und der naturwissenschaftlichen Richtung der Scholastik sehr aufschlußreichen Publikation, sodann der frühmittelalterlichen Glossen des angeblichen Jepa zur Isagoge des Porphyrius (von Baeumker herausgegeben in Zusammenarbeit mit seinem Schüler Sartorius Freih. von Waltershausen) ( 9), schließlich des Traktates Contra Amaurianos, eines anonymen Traktates gegen den Pantheisten Amalrich von Bennes aus dem Anfang des 12. Jahrhunderts ( 10), als dessen Verfasser Baeumker nahezu mit Sicherheit Garnerius von Rochefort erwiesen hat. Ein älteres paralleles Unternehmen, das auf einen abgegrenzten Bezirk des mittelalterlichen philosophischen Denkens eingestellt ist, ist im Jahre 1901 von Maurice De Wulf, dem hochverdienten Historiker der mittelalterlichen Philosophie an der Universität Löwen, unter dem Titel »Les Philosophes Belges Textes et Études« gegründet worden. In letzter Zeit ist in dieser Sammlung eine Fortsetzung (das 8. Buch) der für die geistigen Strömungen und Kämpfe unmittelbar nach Thomas von Aquin sehr bedeutsamen Quodlibeta des Gotfried von Fontaines erschienen ( 11). Ein weiteres, gleichfalls in Löwen bald nach dem Kriege ins Leben gerufenes Unternehmen, das Spicilegium-Sacrum Lovaniense, ein gemeinsames Unternehmen der Universität und der Studienkollegien der Jesuiten und Dominikaner in Löwen, hat in seinen großen, auch die Patristik und die Geschichte des Kirchenrechts umspannenden Arbeitsplan auch die Edition großer scholastischer Werke, z. B. der Sentenzen des Robert von Melun, aufgenommen. Bisher ist auf diesem Gebiet ein allerdings viel umstrittenes, umfangreiches und scharfsinniges Werk über den Verfasser der früher Hugo von St. Viktor zugeteilten Summa Sententiarum aus der Feder von M. Chossat S. J. ( 12) erschienen, der dieses überaus einflußreiche scholastische Werk dem Hugo von Mortagne (um 1155) zuweist. Scholastische Editionen im großen Stile hat auch die von P. Mandonnet herausgegebene Bibliothèque thomiste sich zum Ziele gesetzt. Von Texteditionen sind in dieser Sammlung bisher erschienen eine kritische Ausgabe (nebst ideengeschichtlicher Untersuchung) der Schrift De ente et essentia des hl. Thomas von Aquin durch M.-D. Roland-Gosselin O. P. ( 13) und eine Edition des Correctorium Corruptorii »Quare« durch P. Glorieux ( 14), eine der zahlreichen Verteidigungsschriften, in welchen die ältesten Schüler des hl. Thomas dessen Lehre gegen die Angriffschrift des Franziskaners Wilhelm de La Mare in Schutz genommen haben. Glorieux, der auch die anderen Verteidigungsschriften, z. B. des Johannes Quidort von Paris edieren wird, teilt die unter dem Namen des Aegidius von Rom auch gedruckte mit »Quare detraxistis« beginnende Verteidigungsschrift dem englischen Dominikaner

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Richard Clapwell zu. Ein sehr wertvoller Band der Bibliothèque thomiste ist gleichfalls aus der Feder von P. Glorieux der Quodlibetalienliteratur vom Jahre 1260--1320 gewidmet ( 15). Wir werden damit nicht bloß mit der handschriftlichen Überlieferung dieser scholastischen Literaturgattung vertraut gemacht, sondern erhalten auch einen interessanten Einblick in die mannigfachen Probleme der Philosophie, Theologie, des kirchlichen und sozialen Lebens in der Übergangszeit von der Hochscholastik zum Nominalismus des 14. Jahrhunderts. Das neueste Unternehmen, das auch die Edition scholastischer Texte auf sein Arbeitsprogramm gesetzt hat, sind die Ende 1926 begründeten Archives d'histoire doctrinale et littéraire du moyen âge( 16). Die Herausgeber dieses in selbständigen Heften erscheinenden Unternehmens, das in seiner ganzen Anlage sehr an das Archiv für Literatur- und Kirchengeschichte des Mittelalters von Denifle und Ehrle erinnert, sind Ét. Gilson, Professor der scholastischen Philosophie an der Sorbonne, und der Dominikaner G. Théry, ein überaus scharfsinniger und glücklicher Handschriftenforscher. In den beiden bisher vorliegenden starken Heften sind neben wertvollen Untersuchungen auch sehr wichtige Texteditionen dargeboten: so von Théry eine über A. Daniels mehrfach hinausführende, den Text sinngemäß gruppierende Ausgabe der lateinischen Verteidigungsschrift des Meisters Eckhart mit Angabe der angegriffenen Eckharttexte im Urtext und Zusammenhang ( 17), Editionen unedierter Quästionen der Franziskanertheologen Matthaeus von Aquasparta und Vitalis a Furno durch E. Longpré O.  F. ( 18) und  F. Delorme O.  F. M. ( 19) sowie eine für eine künftige kritische Ausgabe sehr wichtige Untersuchung des Benediktiners A. Wilmart über die Homilien des hl. Anselmus ( 19a). In der Reihe der von der Theologischen Fakultät des Institut catholique zu Paris herausgegebenen Études de Théologie historique hat H.-X. Arquillière eine kritische Ausgabe des Traktates De regimine christiano des Augustinertheologen und Schülers von Aegidius Romanus Jakob von Viterbo veranstaltet ( 20). Dieser 1301/02 entstandene Traktat, den der Verfasser im Titel als »Le plus ancien traité de l'Église« bezeichnet, ist früher schon von R. Scholz analysiert worden und von G. Perugi in kritisch unzureichender Weise ediert worden. Arquillière stellt seiner vortrefflichen Ausgabe eine ausführliche Untersuchung der von Jakob von Viterbo benutzten Quellen voran und unterstreicht besonders den Einfluß Augustins und Hugos von St. Viktor. In sekundärer Weise steht Jakob von Viterbo auch unter dem Einfluß des hl. Thomas von Aquin, dessen Schüler er vielleicht gewesen ist. Es sei schließlich noch auf eine vor allem für Seminarübungen bestimmte Sammlung von scholastischen und mystischen Texten hingewiesen ( 21), die P. Fr. Pelster S. J. und ich herausgeben.

3. Von den zusammenfassenden Gesamtdarstellungen zur Geschichte des scholastischen Denkens sei an erster Stelle die Histoire de la philosophie médiévale von Maurice De Wulf genannt ( 22), die in ihrer Neubearbeitung in zwei Bänden den gewaltigen Stoff meistert. Es ist dieses Werk nach der literarhistorischen (unter der Mitarbeit von A. Pelzer) und nach der ideengeschichtlichen Seite gleich vorzüglich gearbeitet. Die führenden Persönlichkeiten treten scharf hervor, die Entwicklung der Probleme ist aufgezeigt. Das Gemeingut, die gemeinsamen Grundüberzeugungen (La synthèse scolastique) des scholastischen Denkens sind ebensogut wie die Eigenlehre der einzelnen Denker und Schulen klargelegt. Ein Vorzug des Werkes, den besonders der


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mittelalterliche Historiker angenehm empfinden wird, ist die fortwährende Berücksichtigung der Zusammenhänge des scholastischen philosophischen Denkens mit der mittelalterlichen Gesamtkultur. In wirklich unübertrefflicher Weise hat Clemens Baeumker in seiner in Hinnebergs Kultur der Gegenwart erschienenen Darstellung der Geschichte der christlichen Philosophie des Mittelalters ( 23) den Entwicklungsgang des scholastischen Denkens auf dem Hintergrund der mittelalterlichen Weltanschauung mit lebendigen Farben gezeichnet. Der allgemeine Teil ist wohl das Beste und Schönste, was je vom philosophischen Standpunkt aus über mittelalterliche Weltanschauung geschrieben worden ist, und hat, da Baeumker auf allen Gebieten der mittelalterlichen Scholastik als Forscher und Editor Spezialist war, den Vorzug, daß wir hier nicht eine bloß geistvolle Linienführung, sondern ein wirklichkeitsgetreues Bild vor uns haben. -- In das Gesamtbild der mittelalterlichen Scholastik kommen neue Züge und Einträge auch durch mehrere in den letzten Jahren erschienene Werke, welche in der Form von gesammelten Aufsätzen Einzeluntersuchungen über scholastische Persönlichkeiten, Werke und Probleme darbieten. Der erste Band der monumentalen fünfbändigen Miscellanea Francesco Ehrle ( 24), der dem bahnbrechenden Erforscher des mittelalterlichen Geisteslebens, vor allem auch der Scholastik zum 80. Geburtstag gewidmeten Festschrift, enthält auch Abhandlungen zur Geschichte der Philosophie und Theologie des Mittelalters von Cl. Baeumker, M. Grabmann, L. Oliger O.  F. M., E. Longpré O.  F. M., C. Michalski, J. Koch, Fr. Pelster S. J., A. Pelzer u. a., welche großenteils wertvolle handschriftliche Funde vorlegen und neue Materialien bringen. Die im Jahre 1924 erschienenen Studies in the History of Medieaeval science von Ch. Haskins ( 25), eine Sammlung von Aufsätzen eines scharfsinnigen und erfolgreichen Handschriftenforschers, sind in diesem Jahre mit einem Ergänzungsanhang neuabgedruckt wiedererschienen. Für das auf sorgsamst untersuchten Wegen der Übersetzungen sich vollziehende Eindringen der arabischen Philosophie und Naturwissenschaft in die Scholastik, für die bisher noch vielfach in Dunkel gehüllte griechisch-lateinische Übersetzungstätigkeit des 12. Jahrhunderts, für das besonders an den Namen des Michael Scotus geknüpfte geistige Leben am Hofe Friedrichs II. bietet dieser Band gesammelter Aufsätze eine erstaunliche Fülle tiefgründiger vorwärtsführender Forschungsarbeit. Ich habe unter dem Titel ( 26) »Mittelalterliches Geistesleben«, Abhandlungen zur Geschichte der Scholastik und Mystik, einen Sammelband veröffentlicht und in einem programmatischen Einleitungsaufsatz die Forschungsziele und Forschungswege auf dem Gebiete der mittelalterlichen Scholastik und Mystik dargelegt. Von den siebzehn Abhandlungen sind speziell für die deutsche mittelalterliche Geistesgeschichte einschlägig die Aufsätze über Ulrich von Straßburg, über die älteste deutsche Thomistenschule des Dominikanerordens, über eine mittelhochdeutsche Übersetzung der Summa theologiae des hl. Thomas von Aquin, über die deutsche Frauenmystik des Mittelalters und über den Benediktinermystiker Johannes von Kastl, den Verfasser des Büchleins De adhaerendo Deo. -- In den von mir seit Baeumkers Tod herausgegebenen Beiträgen zur Geschichte der Philosophie des Mittelalters erscheinen unter dem Titel Studien und Charakteristiken zur Geschichte der Philosophie des Mittelalters ( 27) gesammelte Aufsätze von Clemens Baeumker, denen ich eine Biographie des unvergeßlichen Forschers und Philosophiehistorikers voranstelle.

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Von diesen Abhandlungen seien besonders hervorgehoben die feinsinnigen, die mittelalterliche Weltanschauung wirksam beleuchtenden Aufsätze über Geist und Form der mittelalterlichen Philosophie, über den Platonismus im Mittelalter und den Renaissanceplatonismus, über den Anteil des Elsaß am geistigen Leben des Mittelalters.

Auch die älteste Schule des hl. Thomas ist vor allem durch die Arbeiten und Anregungen von Kardinal Ehrle, der Klarheit in die um die Lehre des hl. Thomas nach seinem Tode erwachsene Streitliteratur gebracht und Monogaphien über einzelne Thomisten wie Thomas von Sutton, Nikolaus Tivet geschrieben hat, von P. Mandonnet,  F. Pelster u. a. näher bekannt geworden. Ich habe außer älteren Arbeiten in meinem Buche Mittelalterliches Geistesleben die älteste italienische und deutsche Thomistenschule in ihren führenden Persönlichkeiten geschildert und konnte speziell durch Auffindung eines ungedruckten Sentenzenkommentars des Johannes von Sterngassen ( 70) und einer ungedruckten Summa des Nikolaus von Straßburg diese deutschen Mystiker des Dominikanerordens als thomistisch gerichtete Scholastiker feststellen. In Fra Remigio de Girolami O. P. ( 71) konnte ich einen Schüler des Aquinaten und einen Lehrer Dantes nachweisen. Der von P. Fournier ( 72) in seiner kirchenpolitischen Tätigkeit gründlich behandelte Dominikanerkardinal Guilelmus Petri de Godino ist von mir als Verfasser einer Lectura Thomasina, eines auch Thomasinus genannten Leitfadens der thomistischen Lehre, gekennzeichnet worden ( 73). Der Lehrer des hl. Thomas, Albertus Magnus, der Vertreter und Begründer der deutschen neuplatonisch gerichteten Scholastik und der weitschauende und weitherzige Inaugurator des mittelalterlichen christlichen Aristotelismus, ist in letzter Zeit Gegenstand der Funde und Forschungen geworden. Zu den früher von mir und P. Pelster gemachten Funden unedierter Albertuswerke, die der Edition harren, hat A. Pelzer ( 74) in drei Handschriften, denen ich noch eine vierte Stuttgarter anfügen kann, unedierte Quästionen Alberts zur nikomachischen Ethik aufgefunden. -- Die Erforschung der Chronologie des Lebens und der Schriften Alberts ist durch Fr. Pelster ( 75) auf neue feste Bahnen gebracht worden. Angesichts der vielen und umfangreichen Inedita Alberts des Großen und des ungenügenden Zustandes der Gesamtausgaben von Jammy und Borgnet erscheint es mir als eine Ehrensache der deutschen Wissenschaft, eine kritische Gesamtausgabe der Werke dieses größten deutschen Gelehrten im Mittelalter zu veranstalten. Als Gesamtpersönlichkeit ist Albert neuestens in einer Monographie von Fr. Strunz ( 76) und in einer Rektoratsrede A. Schneiders ( 77), der vor mehr als 20 Jahren die Psychologie Alberts d. Gr. glänzend dargestellt hat, gewürdigt worden. Von der ungedruckten großen Summa des Lieblingsschülers Alberts, Ulrichs von Straßburg, dem bedeutendsten Werke des deutschen Neuplatonismus, von der Verbindungslinien zu Meister Eckhart führen, wird Frl. Dagouillon ( 78) die beiden ersten Bücher edieren, Albert Ehrhard eine Gesamtausgabe veranstalten. Ich habe aus dem zweiten Buche der Summa das Kapitel De pulchro, die ausführlichste Schönheitslehre der Hochscholastik, ediert, erklärt und in den Zusammenhang der mittelalterlichen ästhetischen Theorien eingereiht ( 79).

Eine besonders reiche Forschungstätigkeit hat sich in den letzten Jahren um die vielumstrittene Persönlichkeit und Lehre des Johannes Duns Skotus entfaltet. Durch die Forschungen von E. Longpré, der uns auch eine ausgezeichnete, neue Wege aufzeigende Darstellung der Philosophie des Doctor subtilis geschenkt hat ( 91), von A. Pelzer ( 92),  F. Delorme O.  F. M. ( 93), Fr. Pelster ( 94) usw. ist die literarhistorische Untersuchung der Werke des großen Franziskanertheologen auf neue Grundlagen gestellt worden und ist namentlich die Unechtheit einer Reihe von bisher Skotus zugeeigneter Werke, so des wichtigen Werkes De rerum principio, als dessen Verfasser sich der Franziskaner Vitalis de Furno herausgestellt hat, der Theoremata, der Grammatica speculatica, die ich dem Magister Thomas von Erfurt zuteilen konnte, usw., auf Grund handschriftlicher Forschung nachgewiesen. Die Vorarbeiten für eine dringend notwendige neue kritische Gesamtausgabe der Werke des Duns Skotus, die eine der nächsten und vornehmsten Aufgaben des Franziskanerkollegiums von Quaracchi bildet, sind in vollem Gange. Ein zusammenfassendes zweibändiges Werk über Skotus hat uns in diesem Jahre der englische Forscher C. R. I. Harris geschenkt ( 95). Der erste Band behandelt Leben und Werke des Skotus, seine Auffassung über das Verhältnis von Glauben und Wissen, von Philosophie und Theologie, seine Beziehungen zur vorhergehenden Oxforder Franziskanerschule, sein Verhältnis zu Thomas von Aquin und Aristoteles und überhaupt seine Stellung im Entwicklungsgange der mittelalterlichen Scholastik. Eine dankenswerte Skotusbibliographie und Untersuchungen über die Echtheit von De rerum principio und der Theoremata sind eine wertvolle Beigabe zu diesem ersten überaus inhaltreichen Bande. Der


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zweite Band ist der inhaltlichen Darstellung der Philosophie des Duns Skotus gewidmet. Logik und Wissenschaftslehre, Metaphysik, die naturphilosophischen Probleme von Materie und Form, die natürliche Theologie mit besonderer Betonung der Gottesbeweise, Psychologie, Ethik und Politik finden eine gründliche, allenthalben aus den Quellen geschöpfte Darstellung und Beurteilung. Ein Anhang bietet als Inedita des Skotus fünf Quästionen und einen Traktat De cognitione Dei.

§ 45. Humanismus.

Mit dem Verhältnis von Renaissance und Reformation, besonders unter dem Gesichtspunkt ihrer Bedeutung für die Neuzeit, hat sich 1913 Ernst Troeltsch in einem Aufsatz der Hist. Zs. beschäftigt. Dieser Aufsatz liegt jetzt, durch handschriftliche Zusätze ergänzt, in den von Hans Baron gesammelten Aufsätzen von Troeltsch »Zur Geistesgeschichte und Religionssoziologie« vor ( 204). Troeltsch wollte den Gegensatz beider Bewegungen, den er mit Recht für evident hält, einerseits in ihrem Verhältnis zur Gemeinschaftsbildung, andererseits in ihrem Ursprung, hier aus der antiken Geisteskultur, dort aus der prophetisch-christlichen Gedankenwelt, finden. Die sich hier auftuenden Fragen sind von dem Herausgeber Baron selbständig weiter erörtert worden, einmal in einem Literaturbericht, der sehr gut und verständig über die wichtigsten Erscheinungen zur Renaissance in Italien von etwa 1913 an unterrichtet (Archiv  f. Kulturgesch. 17, 226--256), und dann in einem zweiten Literaturbericht ( 2473), der den Streitfragen über den Ursprung des deutschen Humanismus und seiner religiösen Reformbestrebungen nachgeht. Hier ist die wichtigste Streitfrage die, ob man, wie die älteren Forscher und vor allem Dilthey getan haben, die besondere Richtung auf eine Wiederherstellung des Christentums, wie sie dann siegreich bei Erasmus hervortritt, als Nachwirkung des Florentiner Platonismus, vermittelt etwa durch die Oxford-Reformers, betrachten dürfe, oder ob, wie Hermelink zeigen wollte, diese Richtung aus einheimischer Wurzel, vor allem aus der devotio moderna der Brüder vom gemeinsamen Leben zu erklären ist. Das Urteil hierüber hängt zunächst von einer gründlicheren Kenntnis des Florentiner Platonismus ab. Aus den Forschungen hierüber fällt in das Berichtsjahr ein Aufsatz von J. Pusino, der die religionsphilosophischen Gedanken der beiden Häupter der Schule, Ficinos und Picos, schärfer als bisher zu fassen und zu unterscheiden sucht (Zeitschr.  f. Kirchengesch. 1925, S. 504--543). Er geht von der These aus, daß die Renaissance wenigstens in ihrer florentinischen Ausprägung die Tendenz zeigt, die mittelalterlichen Gegensätze von Askese und Weltfreudigkeit zunächst zu steigern, dann aber zu einer optimistischen Religion als moralischer Umwandlung des Christentums zu formen. Dabei erscheinen als wichtigste Fragen die einer natürlichen Religion und des besonderen Verhältnisses des Christentums zu einer solchen, dann die des Verhältnisses von Vernunft und Offenbarung, vor allem bezogen auf das Problem der Willensfreiheit, und die der Harmonie des Weltalls, gesehen durch den Begriff der Schönheit Gottes. In der Behandlung dieser Fragen unterscheidet sich Ficino von Pico. Während Ficino bei einer Art von aufklärerischer Stufenfolge der religiösen Erkenntnis endet, die dem Christentum nur die höchste Stelle in einer Folge von mehr oder weniger vollkommenen religiösen Erkenntnisweisen zuspricht, bleibt bei Pico ein Dualismus zwischen religiöser Erkenntnis, die hauptsächlich innere Erfahrung ist, und optimistischer Bejahung der natürlichen Kräfte des Menschen bestehen. Neben der Aussöhnung einer solchen innerlichen Christlichkeit mit der Lebensbejahung steht dann als zweite Aufgabe bei Fico der Ausgleich dieser Christianitas mit dem überlieferten Allgemeinwissen. Damit würden die wichtigsten Wirkungen des Florentiner Platonismus, vor allem die auf Thomas Morus, Colet, Erasmus und Zwingli, für Pico zu beanspruchen sein. Für Ficino bliebe der universale Theismus übrig, den in Deutschland am besten Mutian vertritt.

§ 47. Allgemeine Kultur- und Bildungsgeschichte der Neuzeit.

Bedeutet für K. die Literaturgeschichte die Geschichte der Kunst, deren Ausdrucksmittel das Wort ist, und will er als Literarhistoriker von stilgeschichtlichen, geistesgeschichtlichen, kulturgeschichtlichen Methoden nichts wissen, so tauchen in den »psychogenetischen« Untersuchungen  F. Brüggemanns ( 2529) K. Lamprechts kulturpsychologische Betrachtungsweisen wieder auf. L. hatte das 18. Jahrhundert das »Zeitalter des subjektivistischen Seelenlebens« genannt, und im Anschluß daran sucht B. an einer durchgeführten seelengeschichtlichen Analyse der Hauptwerke der deutschen Literatur, von Gellerts »Schwedischer Gräfin« bis zu Schillers »Tell« -- in der der eigentliche Wert der Arbeit liegt --, zunächst zu zeigen, wie sich der subjektivistische Mensch während des Aufklärungszeitalters im Kampfe des Bürgertums gegen die höfische Kultur entwickelt, bis dieser gewissermaßen frühsubjektivistische Menschentyp durch einen neuen »überbürgerlich-subjektivistischen« Typus (Stürmer und Dränger) überwunden wird. Dieser neue Typus stellt sich politisch und sozial auf die Seite des Bürgertums, aus dem er hervorging, tritt aber in kultureller Beziehung dem »lendenlahmen« Bürgertum entgegen. Andeutungsweise wird die kulturelle Auseinandersetzung zwischen dem bürgerlichen und dem überbürgerlichen Menschen noch durch das 19. Jahrhundert verfolgt.

§ 47. Allgemeine Kultur- und Bildungsgeschichte der Neuzeit.

Unter den Arbeiten zur Geschichte des Unterrichts- und Bildungswesens enthält die kleine Studie von M. Braubach über das Ende der 1778 gegründeten und 1798 von den Franzosen aufgehobenen Kurkölnischen Universität Bonn ( 2588) in der Hauptsache die Darstellung einer politischen Episode aus der großen Geschichte des Rheinkampfes, in der die Bonner Professoren eine bisher wohl kaum beachtete Rolle spielten und ihren zähen, passiven Widerstand gegen französische Invasion und rheinischen Separatismus mit dem


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Untergang ihrer Hochschule bezahlen mußten. Doch ist die Schrift auch wegen ihrer Beiträge zur Geschichte der Einwirkung Kants auf das katholische Deutschland im Aufklärungszeitalter beachtenswert. -- Mitten hinein in die Geschichte der pädagogischen Theorie und Praxis führt die fleißige Untersuchung  F. Kades über Schleiermachers Anteil an der Entwicklung des preußischen Bildungswesens von 1808--18 ( 2571). Ihr gebührt das Verdienst, die Mitwirkung Schl.s an der preußischen Unterrichtsreform zum ersten Male auf den verschiedenen Gebieten des Unterrichtswesens eingehend verfolgt zu haben. Dabei ergab sich, daß diese Mitwirkung erheblich größer war, als man bisher meinte. Unzulänglich bleibt die Arbeit überall da, wo es sich um eine ideengeschichtliche Würdigung handelt.

§ 47. Allgemeine Kultur- und Bildungsgeschichte der Neuzeit.

Als willkommener Zuwachs unseres spärlichen Besitzes an Selbstdarstellungen des unliterarischen Kleinbürgertums (vgl. Jahresberichte 1923, S. 180  f.) sind unter den autobiographischen Veröffentlichungen des Berichtsjahres die von Charlotte Francke-Roesing herausgegebenen Aufzeichnungen zu buchen, in denen der Langensalzaer Bäckermeister Ch. W. Bechstedt (1787--1867) im Alter von 72 Jahren mit einem für seinen Stand ungewöhnlichen darstellerischen Können die Geschichte seiner Wanderschaft durch Deutschland, Österreich und die Schweiz (1800--1805) für seine Kinder und Enkel auf Grund von sorgfältig geführten Tagebüchern erzählt hat ( 2551). -- E. Castle ( 2548) sucht seinen Neudruck »Reiseskizzen und Kriegserinnerungen des Fürsten Friedrich von Schwarzenberg« -- eines Sohnes des Generalissimus von 1813 -- zu rechtfertigen, indem er anführt, daß die in Buchform erschienenen Schriften des Fürsten zu den seltenen Antiquarien gehören. Aber schließlich gibt es doch noch weitere, inhaltlich wichtigere und darstellerisch reizvollere Selbstzeugnisse aus dieser Welt der reisenden und abenteuernden Seigneurs des frühen 19. Jahrhunderts, deren Benutzung uns -- wenn auch aus anderen Gründen -- sehr erschwert ist. Solange wir den Briefwechsel des Fürsten Pückler, des Prototyps dieser Gattung, in der miserablen Ausgabe der Assing benutzen müssen, mögen die Schwarzenberg, Lichnowsky oder wie sonst seine literarischen Epigonen heißen, noch ruhig etwas warten, bis sie von neuem gedruckt werden.

§ 48. Pressewesen.

Im übrigen war die zeitungsgeschichtliche Produktion des Berichtsjahres weder sehr zahlreich noch durch hervorragende Leistungen ausgezeichnet. Die Jubiläumsfestschrift der »Königsberger Allgemeinen Zeitung« ( 2627) enthält keine Darstellung der Geschichte dieses Blattes, sondern eine Sammlung von Beiträgen, die in erster Linie der Hausreklame, in zweiter der ostpreußischen Kulturpropaganda dienen. -- Eine ausgebildete »Zeitungsbiographie« hat dagegen E. Widdecke in seiner »Geschichte der Haude und Spenerschen Zeitung (1734--1874)« gegeben ( 2624). Es wäre besser gewesen, diese Arbeit nicht einem Anfänger anzuvertrauen, denn die Darstellung der Geschichte einer so alten und bedeutenden Zeitung setzt ein Maß an kultur- und geistesgeschichtlicher Bildung voraus, wie sie der durchschnittliche Student in der Regel nicht besitzt. Den offensichtlichen Mängeln dieser fleißigen und mühevollen Arbeit stehen aber auch Vorzüge gegenüber. Hervorgehoben sei besonders das Interesse für die formgeschichtliche Seite der Arbeit (vgl. z. B. die Ausführungen über den Zeitungsstil). -- Die Arbeit  F. Eggelings über das Halberstädter Zeitungswesen ( 2626) -- ebenfalls eine Dissertation -- hat ihre nicht gerade bedeutende Aufgabe in ansprechender Weise gelöst. Doch hätte das eigenartige Kulturmilieu H.s im 18. Jahrhundert noch feiner herausgearbeitet werden sollen. -- Daß auch auf einem von der historischen Forschung schon so viel beackerten Gebiete wie unserem ältesten Zeitungswesen noch überraschende Funde möglich sind, zeigt die Mitteilung des Leipziger Bibliotheksdirektors J. Hofmann über die Erwerbung einer sogenannten »Neuen Zeitung« aus dem Jahre 1518 ( 2625), die ihrem Alter nach unter den in Deutschland erhaltenen Stücken an achter Stelle steht und die nachweislich älteste Zeitung ist, die in Leipzig gedruckt wurde.

II. Der Staat Friedrichs des Großen. 1740--1786.

An Lebensbeschreibungen des großen Königs ist im Berichtsjahre eine reiche, wenn auch freilich nicht wesentlich fördernde Produktion zu verzeichnen, deren Anlaß in Bewegungen und Bedürfnissen mehr politischer als wissenschaftlicher Art zu suchen ist. Wenn seit dem Zusammenbruch Deutschlands König Friedrich für weite Kreise der eigentliche nationale Heros geworden ist, Symbol unerschütterlichen Durchhaltens, Unterpfand künftigen Aufstiegs, so hat das nicht geschehen können, ohne daß dabei wesentliche Züge des geschichtlichen Bildes verdunkelt worden sind: der Philosoph von Sanssouci scheint zurückzutreten hinter »Fridericus Rex«! Unter diesem Titel liegt in 4. und 5. Auflage auch H. v. Petersdorffs schöne Biographie ( 1022) vor, die neuen Lobes nicht bedarf. Sie ist durch vermehrte Beigabe prächtiger Illustrationen unter Mitwirkung C.  F. Försters zu einem wahren Bilderkompendium der friderizianischen Geschichte geworden. Besonders hingewiesen sei auf das hier wiedergegebene, bisher vergeblich gesuchte Porträt des Ministers vom Hagen, das im Auftrage des Königs von der Malerin Therbusch gemalt und im Audienzzimmer des Generaldirektoriums »in hübschem Rahmen« aufgehängt wurde. -- Eine weitere, von H.  F. Helmolt ( 1020) herrührende Biographie zeichnet sich durch Frische und Lebendigkeit der Darstellung aus, die nicht chronologisch erzählend verfährt, sondern mehr systematisch den einzelnen Wesensseiten und Tätigkeitsgebieten Friedrichs nachgeht. So ersteht das gewohnte, in seinen Zügen nicht gerade vertiefte Bild des Königs. -- Wir wenden uns zu W. Hegemanns ( 1023) Anti-Fridericus, der eine große Abrechnung mit der gesamten preußischen Historiographie sein will. Das Buch referiert die Gespräche eines Amerikaners von feiner und fast universaler Bildung mit einer Reihe von Freunden, unter denen keine Geringeren als Thomas Mann, Georg Brandes und Wilamowitz-Moellendorff erscheinen, und bekennt sich unverhüllt zu der Tendenz, Friedrich den Großen als nationalen Heros aus der deutschen Geschichte zu tilgen. Indem von Stimmen der Zeitgenossen und der Nachwelt nur die mißgünstigen ins Feld geführt werden -- den absprechenden Äußerungen Goethes z. B. ließen sich ebenso viele Zeugnisse der Verehrung gegenüberstellen! --, gelingt es dem belesenen Amerikaner, den König als Feldherrn, Diplomaten, Staatsmann und Mensch von seinem Piedestal zu zerren und von ihm nur einen mittelguten Musiker übrigzulassen, der schlechte Verse machte, von Kriegführung nichts verstand, eine sinnlose Politik betrieb und den größten Teil seiner Zeit bei Tisch verbrachte. Es erweist sich so aufs neue lediglich das eine, daß man von falschen und unhistorischen Gesichtspunkten zu den gleichen falschen Ergebnissen gelangt wie Onno Klopp und andere. Das muß im Falle Hegemann um so mehr bedauert werden, als sein Buch ungewöhnliche literarische Qualitäten besitzt. Besonders mag anerkannt werden, daß die uns Deutschen so wenig geläufige Kunstform des Dialogs mit außerordentlicher Kultur gehandhabt worden ist. --

II. Der Staat Friedrichs des Großen. 1740--1786.

Die Reihe der Spezialuntersuchungen beginnen wir mit M. Wertheimers ( 2497) Dissertation über den Einfluß Friedrichs des Großen auf Voltaire. Das


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glücklich gewählte Thema ist von der Verfasserin, die sich vor allem auf die Koser-Droysensche Ausgabe des Briefwechsels stützt und dessen staatstheoretischen Gehalt analysiert, erfolgreich behandelt worden. Die Rezeption auf seiten Voltaires, die Sakmann bereits angedeutet hatte, tritt stark und eindrucksvoll hervor: sein Staatsideal hat sich unter dem Eindruck der großen Herrscherpersönlichkeit Friedrichs und ihres Wirkens mancherlei utopistischer Elemente entledigt und hat sich den Bedürfnissen der Staatsraison geöffnet. Es wäre zu wünschen, daß M. Wertheimers Arbeit, wenn auch in verkürztem Umfange und von unmäßigem Zitatenballast befreit, durch den Druck der Allgemeinheit zugänglich gemacht würde. -- Von Friedrich dem Großen als Büchersammler und Bücherfreund berichtet B. Krieger ( 1028  f.), seine früheren Ausführungen zusammenfassend und hie und da ergänzend. -- Zur Jugendgeschichte des Königs war im Vorjahre als wichtige Bereicherung des Quellenstoffs der I. Band des Briefwechsels mit der Bayreuther Schwester zu verzeichnen. A. v. Gleichen-Rußwurm ( 1024) hat ihn für seine neue Biographie der Markgräfin Wilhelmine nicht ausgeschöpft, hat sich vielmehr eng an die vielberufenen Memoiren angeschlossen, die er als Psychologe und Kenner des weiblichen Herzens richtig ausdeuten zu können vermeint. Dieser fruchtlose Versuch wäre hier nicht zu erwähnen, wenn nicht der Verfasser bisher unbekanntes Material aus seinem Greifensteiner Familienarchiv hätte heranziehen können, durch das namentlich die mit dem Verhältnis des Markgrafen zu Wilhelmines Hofdame, Wilh. Dor. v. d. Marwitz, zusammenhängenden Probleme einer Klärung entgegengeführt zu werden scheinen. -- Dem Gebiet der auswärtigen Politik gehört eine Dissertation von D. Lühr ( 1039) über die Gesandten Friedrichs am russischen und englischen Hofe in den Jahren 1762--1772 an. Neben den allgemeinen Bedenken, die schon oben gegenüber derartigen Untersuchungen geltend gemacht worden sind, muß in diesem Falle betont werden, daß die Verfasserin doch zum mindesten die Berichte aller Diplomaten, denen ihre Arbeit galt, hätte kennen müssen. Da sie sich aber nur an das gedruckte Material gehalten hat, kann sie die Tätigkeit der preußischen Vertreter in London lediglich nach den Weisungen des Königs und Bruchstücken der Relationen beurteilen, wie sie die »Politische Korrespondenz« enthält. So können eigentlich nur die Ausführungen über v. d. Goltz und den Grafen Solms-Sonnewalde, deren Berichte aus Petersburg in größerem Umfange gedruckt verliegen, Interesse erwecken. Namentlich Solms wird eingehend behandelt und in seinen Fähigkeiten richtig eingeschätzt. Freilich entsteht nur ein Teilbild, da ja Solms über die von der Verfasserin gesteckte Grenze hinaus (bis 1779) auf seinem Petersburger Posten verblieb.

III. Niedergang und Wiederaufbau des Staates. 1786--1840.

Als den ersten Kulturkampf in Preußen bezeichnet P. Schwartz ( 2570) die Gesamtheit jener Maßnahmen, die als ein Feldzug gegen die Aufklärung in Kirche, Schule und Universität die Regierungszeit Friedrich Wilhelms II. erfüllen.


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Das Werk beruht auf umfassender und anschaulicher Verwertung eines reichen Aktenmaterials, wobei man nur bedauern mag, daß -- wohl aus Mangel an Raum -- auf die Nachweisung der einzelnen Fundorte verzichtet worden ist. Gewandte Gruppierung des Stoffes und eine behaglich-lebendige, oft humorvolle Art der Darstellung sind weitere Vorzüge des Buches. Nach einer knappen begrifflichen Erläuterung des Wesens der Aufklärung schildert Schwarz die bestehenden Zustände um 1786 und die Persönlichkeiten des kommenden Kampfes, den der Protagonist Wöllner durchaus nach Art eines Kreuzzuges zu führen gewillt ist. Religions- und Zensuredikt schaffen ihm die Machtposition, von der aus ein erfolgreiches Vorgehen gegen die Aufklärer und Neologen erfolgen sollte; eine Immediat-Examinationskommission und ihr nachgeordnete Provinzialkommissionen werden berufen, um die Ausführung des Religionsedikts zu überwachen und das Eindringen ungeeigneter Kandidaten in den Pfarrer- und Lehrerstand zu verhüten; Visitationen der Kirchen, Schulen und Universitäten sollen die Geister im Zaum halten. Erwägt man, was letzten Endes erreicht wurde, so zeigt sich, daß das orthodoxe Gewaltregiment, so bedrücklich es auf dem Lande lastete, doch nur bescheidene Erfolge erzielte. Das ist nicht allein der Überzeugungstreue der von ihm betroffenen Geistlichen und Lehrer, sondern weit mehr noch dem fast geschlossenen Widerstand des höheren Beamtentums zu danken, das, erfüllt vom Staatsgedanken des großen Königs, sich dem rückwärts gerichteten Kurs entgegenstemmt. -- Daß weite Kreise des preußischen Beamtentums die Forderungen der Zeit erkannten und bei tatkräftigem Willen der obersten Spitze ihnen hätten gerecht werden können, geht aus M. Rumlers ( 1861) Untersuchung über die Bestrebungen zur Befreiung der Privatbauern (1797--1806) hervor. Von der bedauerlicherweise nur in Bruchstücken publizierten Arbeit bringt ein letzter Teil Wichtiges über die Verhältnisse in Ostpreußen, wo die Bedingungen für die Agrarreform so günstig lagen, daß ihre Gegner sich vorsichtig im Hintergrunde hielten. Sie hätte schon damals zustande kommen müssen, wenn von der Zentrale in Berlin dauernd die rechte Stoßkraft ausgegangen wäre. Daß der König und das Kabinett schließlich das Spiel aufgaben, hat seinen Grund vor allem darin, daß die Aufgaben der auswärtigen Politik seit 1803 die vorhandenen schwachen Energien völlig absorbierten. -- Als einen letzten Fall der Kabinettsjustiz schildert  F. zur Bonsen ( 1661) das Eingreifen Friedrich Wilhelms III. in einen Erbschaftsprozeß, der im Jahre 1805 die Regierung zu Münster beschäftigte und durch eine Kabinettsorder zugunsten der Familie v. d. Recke-Volmarstein entschieden wurde, wie man in Münster vermutete, unter dem Einfluß zweier Mitglieder der Familie, die wichtige Staats- und Hofstellungen bekleideten. Die mutigen Gegenvorstellungen der Regierung waren fruchtlos. Zur Bonsen folgt den Aufzeichnungen des Assessors v. Sybel, der Referent in der Sache war, hat aber die Akten des Kabinetts und des Justizdepartements nicht herangezogen, was erwünscht gewesen wäre. --

IV. Geschichte einzelner Landesteile.

Cottbus, weit früher als die übrige Niederlausitz an die Geschichte der Mark gekettet, hat in dem dortigen Verein für Heimatkunde einen rührigen Förderer seiner Vergangenheit gefunden. Aus dem reichhaltigen 2. Bande eines Jahrbuchs sind zwei Artikel als über den engeren Kreis hinausweisend zu nennen: K. Eicke ( 586) zeichnet an der Hand des Stadtplans ein Stück Gründungsgeschichte unter besonderer Betonung des Städtebaulichen, und  F. K. Liersch ( 920) weist auf enge, meist feindliche Beziehungen des Adelsgeschlechts der Stadt, der Herren von Cottbus, zur Oberlausitz hin. Die unerfreulichen Zustände führten schließlich zu einem Anschluß der Herrschaft Cottbus an Kurbrandenburg.

I. Mecklenburg.

In Mecklenburg-Schwerin herrscht seit fast einem Jahrhundert, seit den Tagen eines G. C.  F. Lisch, eine rege Forschertätigkeit auf dem Gebiete der Landesgeschichte. Das Mecklenburgische Urkundenbuch, die Jahrbücher des Vereins für mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde sowie


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zahlreiche Veröffentlichungen, wie sie  F. Stuhr ( 41) in seiner alljährlich erscheinenden Bibliographie zusammenstellt, beweisen das zur Genüge. Dabei hat man in Schwerin den kleineren Bruderstaat Mecklenburg-Strelitz stets mitberücksichtigt. Trotzdem hat man dort wiederholt empfunden, daß ein Mittelpunkt und eine Vereinigung von Freunden und Forschern der Heimatgeschichte fehle und deshalb die wirkliche Teilnahme an ihr recht gering sei. Zunächst galt es, wie H. Witte ( 90) richtig erkannte, ein wirkliches Archiv nach wissenschaftlichen Grundsätzen einzurichten. Denn ein solches, und zwar ein geordnetes, ist die unerläßliche Voraussetzung landschaftlicher Geschichtsforschung. Es ist nun gelungen, in Neustrelitz das Hauptarchiv einigermaßen zu ordnen und benutzbar zu machen, wenn natürlich auch noch viele Arbeiten zu leisten sind. Daß noch sehr viele Mecklenburg-Strelitzer Archivalien in Schwerin aufbewahrt werden, wird oft bedauert. In den Jahren 1843--1845 wurde, wie ebenfalls H. Witte ( 10) erzählt, bereits der Versuch gemacht, einen eigenen Strelitzer Geschichtsverein zu begründen und sich von dem Schweriner loszumachen. Das mißlang damals, weil es eben an einem Archiv und vor allem an Verständnis für die Sache in Schwerin und im eigenen Lande fehlte. Jetzt ist es zumal H. Witte gelungen, einen Mecklenburg-Strelitzer Verein für Geschichte und Heimatkunde zustande zu bringen, der bereits mit einem Bande Geschichtsblätter an die Öffentlichkeit getreten ist.

I. Mecklenburg.

Eine ausführliche Behandlung hat durch den verstorbenen L. Krause ( 332) die Rostocker Heide gefunden. Wenn er die dort vorhandenen Orts-, Forst- und Flurnamen im Zusammenhange erörtert, so findet auch die Geschichtsforschung dadurch eine Förderung, denn eine kritische Flurnamenforschung kann ganz erhebliche Ergebnisse für unsere Kenntnis der früheren Zustände erzielen. Es ist auffällig, daß in der behandelten Heide nur drei wendische Namen mit Sicherheit festzustellen sind. Dürfen wir daraus einen Schluß auf die ehemalige Besiedlung und die Nutzung des Waldes machen? Für die Frage der Abstammung eingewanderter Adelsgeschlechter sind, wie J. von Weltzien ( 511) in Kürze darlegt, die Wappen, die oft älter als die Namen sind, von großer Bedeutung. Ganz neu ist dieser Hinweis freilich nicht. Der Streit zwischen Mecklenburg-Schwerin und Lübeck, der seit Jahren um die Rechtsverhältnisse in der Travemünder Bucht fortgeht, hat  F. Rörig ( 1740f) zu einem neuen Gutachten veranlaßt, in dem er sich gegen ein solches von mecklenburgischer Seite wendet und lebhaft für das Recht Lübecks auf die Wasserfläche eintritt. Ihm antwortet sehr ausführlich W. Strecker ( 1739). Ist die ganze Streitfrage auch in erster Linie staatsrechtlicher Art, so bietet ihre Erörterung doch auch nicht geringes geschichtliches Interesse, z. B. für die Frage der landesherrlichen Hoheit über den Strand und das Meer. In gar manchen Urkunden wird die Fischerei bis an oder in das Meer verliehen, und es ist nicht immer leicht, zu entscheiden, wie die Ausdrücke im einzelnen zu erklären sind. Dafür findet man manchen Fingerzeig in den Gutachten.

I. Mecklenburg.

In drei stattlichen Bänden liegt vor das große Werk von G. Willgeroth ( 2390), in dem die Pfarren Mecklenburg-Schwerins, geordnet nach den Superintendenturen, behandelt sind. In der Hauptsache handelt es sich um eine Zusammenstellung der Geistlichen, die seit dem Dreißigjährigen Kriege in einem einzelnen Pfarrorte tätig waren. Für sie werden reichhaltige biographische Angaben mitgeteilt. Nebenbei werden auch Nachrichten über die ältere Zeit gegeben, die allerdings für die vorreformatorische Zeit aus den Urkunden zu ergänzen wären. Für die Orts- und Familiengeschichte liegt hier ein reiches Material vor. Einige statistische Angaben am Schlusse behandeln die Herkunft und Abstammung der Pastoren und sind für darauf bezügliche Fragen recht lehrreich, wenn z. B. berechnet wird, daß etwa ein Drittel aller aufgeführten Geistlichen als Söhne von Pastoren bezeichnet werden können. Mit dem Archivrat C.  F. Evers (1729--1803) in Schwerin trat der bekannte Direktor der mathematischen Klasse der Berliner Akademie Johann Bernoulli (1744--1807) in Verbindung, dessen Reisebeschreibungen (z. B. durch Brandenburg, Pommern, Preußen usw. 1777/78) oder Sammlungen von Reisebeschreibungen heute noch wohl verwertet werden können. W. Stieda (Jbb. V. Meckl. Gesch. 89, 325--356) teilt Briefe von Evers mit, in denen er über die Verbreitung der Bücher Bernoullis in Mecklenburg Mitteilung macht und auch Verbesserungen vorschlägt oder allerlei Bemerkungen zufügt. Auf das literarische Interesse in dem Lande fällt einiges Licht. Ebenso werden die künstlerischen Bestrebungen einer älteren Zeit durch W. Burmeister beleuchtet. (Wandmalerei in Mecklenburg. Jbb. V. Meckl. Gesch. 89, 229--320.) Die Wandmalereien, die vor 1400 entstanden sind, in 19 mecklenburgischen Orten, in Lübeck Stadt und Land sowie im Lauenburgischen werden stilkritisch behandelt. Dabei zeigt sich ein starker Einfluß von Niedersachsen und vom Rhein oder Westfalen aus. Natürlich hat Lübeck mit seinen weiteren Verbindungen eine besonders starke Bedeutung für die Orte an der Küste und im westlichen Mecklenburg. Dagegen erhält sich im Osten des Landes eine eigene Kunstrichtung, die von außen wenig gestört wird.

II. Pommern.

Für das Mittelalter ist geschichtlich die bedeutendste und interessanteste Stadt wohl ohne Zweifel Sralsund, und doch fehlt immer noch eine wissenschaftliche Geschichte dieser Stadt, obwohl gerade für die ältere Zeit


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gute Quellenveröffentlichungen und Einzeluntersuchungen vorliegen. Vielleicht bringt uns die Neuordnung des Stadtarchivs, die zurzeit vorgenommen wird, der Erfüllung des lange gehegten Wunsches näher. Zunächst müssen wir uns mit volkstümlichen Darstellungen begnügen. Eine solche gibt für die alte Zeit E. Uhsemann ( 358) in durchaus ansprechender und einwandfreier Form. Nach verschiedenen Richtungen führt er durch die Stadt und schildert die alten Wehrbauten, Kirchen, Klöster und Bürgerhäuser, geht aber auch in meist lebenswahren Bildern auf Handel und Gewerbe, Bürgerleben usw. ein. Ist dies Buch wohl geeignet, das heimatliche Interesse zu heben und zu weiteren geschichtlichen Forschungen anzuregen, so bedeutet H. Hoogewegs ( 2103) großes Werk eine bedeutsame Erweiterung der wissenschaftlichen Arbeit und ist in seiner Art fast einzig. Nach dem ersten Bande, in dem 18 Klöster oder Stifter behandelt sind, enthält der zweite die Geschichte von 32, ferner der 3 Ritterorden und eine Zusammenstellung von nicht zustande gekommenen oder zweifelhaften Klöstern. Welch eine Bedeutung sie alle für die geistige und wirtschaftliche Kultur des Landes gehabt haben, tritt deutlich hervor oder läßt sich aus dem hier zusammengetragenen umfangreichen Stoffe leicht erschließen. Nach dem schön gewählten Motto haben sie cruce et aratro das Wendenland erobert und zu einem deutschen und christlichen gemacht. Dies im einzelnen nachzuweisen, ist eine Aufgabe, die durch das hier gebotene Material sehr erleichtert ist. K. Chinnows ( 973) Dissertation über die schon öfter behandelte Stellung Gustav Adolfs zu Pommern liegt nur in Maschinenschrift vor. Seine Forschungen über Pommern im Jahre 1813 hat H. Klaje ( 1103) fortgesetzt und stellt das Aufgebot, die Ausrüstung, den Dienst und den Ersatz der Landwehr dar. Das berühmte Edikt vom 17. März 1813 beurteilt er nicht so günstig wie Max Lehmann, wie er überhaupt neben allem Licht auch den Schatten in den Einrichtungen jener Zeit nicht übersieht. Einen wirtschaftsgeschichtlichen Beitrag gibt B. Menzel ( 1941), indem er das 1754 auf Veranlassung Friedrichs des Großen in Torgelow geschaffene Hüttenwerk behandelt, in dem Raseneisenstein verarbeitet wurde. Als die Ausbeute sich nicht mehr lohnte, verkaufte der Staat 1861 das Werk. Ebenfalls auf den großen König und seinen Vater geht zurück die Arbeit an der Tieferlegung des Vilmsees, die von 1727 bis 1786 die Behörden beschäftigt hat. K. Tuempel ( 1937) behandelt die langen Verhandlungen und mühseligen Arbeiten, in die auch Brenkenhoff eingriff, auf Grund der Akten. Für die Stadt Neustettin erwuchs daraus nicht geringer Vorteil. Die Geschichte eines Dorfes oder Gutes zu schreiben, so daß die Darstellung einen Wert für die Forschung hat, ist nicht so leicht, wie manche glauben. R. Bergmann ( 357) erfüllt die Wünsche nicht, denn in dem ersten Bande ist eigentlich nur von dem Namen Dönnie, von der dortigen Kapelle und von den Geschlechtern, die dort gesessen haben, die Rede. Von der Wirtschaft erfahren wir noch nichts. Ein anschauliches Bild des alten Handwerks entwirft H. Hasse ( 1850) und läßt die alten Schriftstücke häufig reden. Neue Ergebnisse werden kaum gewonnen. Einen Versuch, einen Aufschluß über die genealogische Struktur einer kleinen geschlossenen Gruppe zu gewinnen, unternimmt W. Polthier ( 463), indem er die Blutsverwandtschaft der Mitglieder des Greifswalder Rates 1672/73 feststellt. Da sie freilich weit zurückgeht, war sie bedeutungslos für den politischen Charakter des Ratskollegiums. Ein kleines Stück der sonst ganz verschwundenen mittelalterlichen

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Stadtmauer Stettins hat C. Fredrich (Balt. Stud. N.  F. 27, 337--347) am Bollwerk aufgedeckt.

§ 54. Niedersachsen.

F. Busch.)

I. Allgemeine Quellenkunde.

Den »Plan einer allgemeinen niedersächsischen Biographie«, der durch die Historische Kommission verfolgt wird, behandelt  F. Busch ( 49) in einem erweiterten Vortrage. Während in der Biographie, die schätzungsweise 10 bis


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15 Bände füllen wird, die Personen mit bemerkenswerter Tätigkeit Aufnahme finden sollen, werden in einem »Biographischen Handbuch für Niedersachsen«, für das höchstens zwei Bände in Aussicht genommen sind, alle Personen, die nur einige Bedeutung gehabt haben und nach denen einmal Nachfrage entstehen kann, aufgeführt. Von Genealogien ist die Bearbeitung der Geschichte einer adligen und bürgerlichen Familie zu nennen. »Das Geschlecht der von Estorff«, das im wesentlichen auf Forschungen des 1915 in Masuren gefallenen Generalmajors E. v. Estorff ( 471) beruht, ist ganz in die allgemeine Geschichte des Bardengaues und des späteren Herzogtums Lüneburg verarbeitet. Ebenso hat A. Stüve ( 486) die »Geschichte der Familie Ringelmann« dem Rahmen der Zeitgeschichte eingespannt und so einen Beitrag zur Wirtschafts- und Kulturgeschichte des alten Osnabrück gegeben.

II. Historische Landeskunde.

Die Landeskunde Niedersachsens hat vor allem einige wichtige Beiträge zur Methodik der Stadtgeographie erhalten. Besonderes Verdienst hat sich hier auf dem Gebiete der Grundrißforschung P. J. Meier erworben. Neben rückhaltlosem Lob, wie es O. Schlüter und R. Gradmann gespendet haben, hat freilich die erste Abteilung seines Städteatlasses auch scharfe Angriffe erhalten. Außer Gerlach hat besonders K. Frölich im 44. Bande der »Zeitschrift der Savigny-Stiftung« eine tadelnde Kritik geschrieben. Hierauf antwortet P. J. Meier ( 563), weist die einzelnen Vorwürfe als »Irrtümer« zurück und lehnt die Kritik als befangen ab. Frölich ( 563) vertritt darauf in einer »Gegenerklärung«, ohne von seinen Ausführungen mehr als einen Punkt zurückzunehmen, »mit aller Entschiedenheit den Standpunkt, daß vor einer Methode, die in erster Linie mit Konstruktionen und 'kühnen', jeweils nach Lage der Dinge wechselnden Vermutungen den auftauchenden Problemen beizukommen versucht, der Weg nüchterner und sorgsamer Ausnutzung des gesamten vorhandenen Quellenbestandes den Vorzug verdient«. -- Zu den Arbeiten Meiers gehört auch ein Aufsatz von W. Martiny ( 560). Dieser behandelt die Städte und Flecken auf dem Boden des alten Sachsenstammes und stellt »ein entschiedenes Vorwiegen der ungeregelten Gebilde, bei denen das Erwachsen des Ortes als Flecken auch dann wahrscheinlich ist, wenn der Ort nun schon lange städtisch ist«, fest. Die regellose Ortsgestalt findet er vorwiegend im Tiefland des Nordens samt dem nordelbischen Gebiet, das planmäßig gestaltete Stadtgebilde, »also die herrschaftlich begründete Stadt«, aber im Hügelland östlich der Weser mitsamt dem Lippischen und dem Schiefergebirgsanteil Westfalens. -- Dem widerspricht keineswegs C. L. Wenzel ( 568) in seinem in erweiterter


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Form gedruckten Vortrage, wenn er Münden für eine von einem bestimmten Grundherrn -- Heinrich dem Löwen -- um das Jahr 1175 gegründete Stadt hält. -- Ähnlich wie P. J. Meier vermag auch H. Dörries ( 565) durch sein Werk die geographische Städteforschung wertvoll zu befruchten. Er behandelt die Entstehung und Entwicklung der drei Leinetalstädte und »verfolgt sie gleichsam von der Keimzelle an bis zur heutigen Form«. Nach einleitenden allgemeinen Kapiteln behandelt er die Grundzüge der wirtschaftlichen und topographischen Entwicklung der drei Städte im Laufe der Jahrhunderte. Dann untersucht er im geographischen Teil ihre Lage, d. h. ihre nachweisbaren Beziehungen zur weiteren Umgebung, also die geographische oder Verkehrslage, wie zur allernächsten Örtlichkeit, die topographische oder Ortslage. Die beiden letzten Kapitel sind der Siedlungsform (Grundriß) und dem Siedlungsbilde (Aufriß) gewidmet. Das Kernstück des Werkes ist der geographische Teil; auf historischem Gebiete ist der Verfasser nicht so zu Hause. Hier setzt daher gleich die Kritik ein, besonders durch W. Spieß ( 566). Dieser spricht dem historischen Inhalt eine »wesentliche Förderung unserer wissenschaftlichen Erkenntnis« ab und sieht den Grundfehler darin, daß die Arbeit geographische und geologische Voraussetzungen beweist, oft genug auch nur zu beweisen versucht, und daraus historische Schlußfolgerungen zieht. -- Die Anfänge der Stadt Einbeck, insbesondere die topographische Entwicklung der heutigen Innenstadt, untersucht Spieß ( 567) in einem besonderen Aufsatz. -- G. Schnath bietet in seinem Aufsatze: Eringaburg und Kukesburg. Ein Nachtrag zum »Atlas vorgeschichtlicher Befestigungen Niedersachsens«. (Nachrichtenblatt für Niedersachsens Vorgeschichte, N.  F. 2, 49--55.) ein gutes Beispiel für die Wichtigkeit der Zusammenarbeit von Quellendeutung und Geländeforschung zur Erschließung wichtiger historischer Zusammenhänge.

III. Gesamtdarstellungen.

Erfreulich unter den ernsthaften heimatgeschichtlichen Arbeiten und für solche nach Vorbedingungen und Methode ein glückliches Vorbild ist H. Pröves ( 312) »Wathlingen«, das ganz aus den Quellen in stetem Streben nach Fühlung mit der allgemeinen Forschung und doch volkstümlich geschrieben ist. -- Wie hier, so werden auch von J. Baldus ( 308) die Ergebnisse eigener Studien in volkstümlicher Durchdringung und Formung des Stoffes zur Belebung der Heimatkunde mitgeteilt. Dieses Werk ist als eine Art geschichtlicher Wegweiser gedacht. Auch in D. Kohls ( 317) »Geschichte des Oldenburger Landes« sind die historischen Tatsachen in kritischer Wissenschaft kurz zusammengedrängt und flüssig zur Darstellung gebracht. -- Eine reiche Literatur ist zur Landeskunde Ostfrieslands zu verzeichnen. Auf Grund wissenschaftlicher Studien gibt H. Reimers ( 313) ein Gesamtbild der ostfriesischen Landesgeschichte, das lange ersehnt wurde, den volkstümlichen Lesern, an die sich das Buch in erster Linie wendet, wie den Fachgenossen, die hier wissenschaftlich begründete eigene Stellungnahme vorfinden. Leider mußten Quellen- und Literaturnachweise fehlen. -- In gleich ansprechender Form liefert Reimers ( 314) Beiträge zur Geschichte von »Altaurich« und behandelt darin die Märkte, die »negen Logen« und die Bürgermeister der Stadt. --  F. Ritter ( 572) stellt nach einem kurzen Lebensabriß des Schlesiers Werner, der für kurze Zeit als Festungsingenieur in Ostfriesland war, sechs Städteansichten zusammen. -- G. Sello ( 518) betrachtet nach kritischer Übersicht über die Anfänge und Formen des vom Auricher Upstalsboom


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den Namen führenden Friesenbundes, die topographische Beschaffenheit dieser merkwürdigen Örtlichkeit und beschäftigt sich zum Schluß noch einmal mit der Lage des Upstalsbooms im weiteren Sinne, in ihrer Beziehung zur politischen Geographie Frieslands. Von den Miszellen Sellos ( 569, 571) zu früheren Aufsätzen des Emder Jahrbuches interessiert besonders die erste, die zeigt, »wie in betreff der älteren Zustände des Jeverlandes der sonst ganz wohl orientierte Verfasser die an den nicht unrichtig skizzierten tatsächlichen Vorgängen beteiligten Personen wunderlich durcheinanderwirft und miteinander verwechselt«.

VI. Wirtschaftsgeschichte.

Die Wirtschaftsgeschichte Niedersachsens hat verschiedene Bearbeiter gefunden.  F. Knoke ( 559) steigt in die Anfänge unserer Geschichte hinab und behandelt die Wirtschafts- und Siedlungsverhältnisse zur Römerzeit, als unser Volk in seine Geschichte eintrat. -- H. Schloemann ( 561) untersucht die Siedlungsgeschichte der Angelbecker Mark, zunächst im 16. Jahrhundert, dann aber besonders die wirtschaftlichen Verhältnisse nach dem Dreißigjährigen Kriege, die so verhängnisvoll auf die Gesundheitsverhältnisse der Bewohner gewirkt haben. Er versucht, »die Einflüsse von Bodenart und Oberflächengestaltung auf die Besiedlungsform, die Wechselbeziehungen zwischen Besiedlungsform und Volkscharakter und die Abhängigkeit von Volksdichte, Gesundheits- und Sittlichkeitsverhältnissen von der wirtschaftlichen Entwicklung zu zeigen«. -- R. Middendorff ( 558), dessen Arbeit leider nur im Auszuge gedruckt ist, legt zunächst dar, daß der Verfall der Marken seit dem Ende des 16. Jahrhunderts durch Kriegsnöte, besonders aber aus wirtschaftlichen Gründen eintrat. Trotzdem man diesem Verfall zu begegnen suchte, führte er doch im 18. Jahrhundert zur Inangriffnahme und Durchführung einer planmäßigen Auflösung der gemeinen Marken. -- Der Handel in Braunschweig und Hannover sowie das Glasmacher- und Tischlergewerbe haben Monographien erhalten. H. Metzel ( 1839) gibt zunächst ein Bild von Braunschweigs Binnenhandel, der nach Goslar, Hildesheim und Lüneburg führte. Braunschweig war dank der Förderung Heinrichs des Löwen, für dessen Städtepolitik es neben Lübeck das beste Beispiel ist, der größte Handelsplatz Binnensachsens geworden. Doch auch der Außenhandel über die Nordsee nach England und Flandern und in Länder der Ostsee hatte früh schon große Bedeutung. -- W. Peek ( 1745) zeigt, daß das kaufmännische Gildewesen in Hannover der Entwicklung des Handels entgegenstand. Zuerst hat man hier noch der Einführung der Gewerbefreiheit durch Verschärfung des Zunftzwanges und Wiederherstellung veralteter Zunfteinrichtungen entgegenzuarbeiten versucht, doch der Grundsatz der Arbeitsteilung war zu mächtig geworden, um von den Gilden unterdrückt zu werden. --  F. Tenner ( 1748) gibt einen guten Überblick über die Harzer Glasindustrie, die längst verschwunden ist und nur eine Entwicklungsphase in dem Werdegange unserer jetzigen hochentwickelten Glasindustrie bedeutet. --  F. Fuhse ( 1917) schreibt eine Geschichte des braunschweigischen Tischlerhandwerks von der Erteilung der Innungsordnung ( 1549) bis ins 19. Jahrhundert und behandelt die Stobwasser-Arbeiten, jene seit etwa 1700 in Deutschland auftauchenden mit Relieflack überzogenen Möbel und andere Gegenstände.

VII. Kirchengeschichte.

Die Abhandlungen zur niedersächsischen Kirchengeschichte weisen zum größeren Teile nach Osnabrück und Ostfriesland. Nur die mittelalterliche Kirchengeschichte erstreckt sich auf Hildesheimer und Bremer Gebiet. H. Homanns ( 2136) Dissertation bietet eine wertvolle Ergänzung zu Schreibers »Kurie und Kloster« für die Diözese Hildesheim. Solche Ergänzungen »durch die historische Erforschung der territorialen Verhältnisse« sind eine Forderung A. Brackmanns, der sie selbst für die Salzburger Kirchenprovinz gegeben hat. Das Ziel der Arbeit ist die Erkenntnis der rechtlichen


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Stellung zu den kirchlichen Oberen. Der kuriale Einfluß war in der Diözese nicht stark; das stimmt zu den Ergebnissen Brackmanns. Wohl strebten die Bischöfe nach straffer Zusammenfassung ihrer Gewalt über die Klöster. Der Höhepunkt dieser Machtäußerung lag im 12. Jahrhundert. -- A. Bertram ( 2013) schließt mit dem dritten Band die Geschichte des Bistums Hildesheim ab. Dieser beginnt mit der Regierung Ferdinands von Bayern ( 1612) und geht bis zum Jahre 1905, in dem der Verfasser den Stuhl des heiligen Bernward bestieg. Neben der Geschichte der Bischöfe und der äußeren Entwicklung des Bistums hat Bertram die Geschichte der einzelnen Kirchen und Orden berücksichtigt. -- H. Strunk ( 310) bietet Quellenstücke von Fehden, Bündnissen und Verträgen in der Zeit von 1381 bis 1432, über das kulturelle Leben im 15. Jahrhundert und die Kämpfe der Wurster um ihre Freiheit. -- G. Wentz ( 457) hat eine Reihe von Eintragungen aus dem Brüderschaftsbuch von S. Maria dell'Anima, der deutschen Nationalkirche in Rom, die auf die Provinzen Hannover und Sachsen, die Länder Braunschweig und Anhalt, die Städte Hamburg und Bremen Bezug nehmen, zusammengestellt, um an einem umfassenden Beispiel den Wert der Publikation für deutsche Verhältnisse darzutun. -- Zahlreicher sind die Veröffentlichungen zur nachreformatorischen Kirchengeschichte. Der Jahrgang 29 und 30 der »Zeitschrift der Gesellschaft für niedersächsische Kirchengeschichte« ( 2376) ist dem Oberkonsistorialrat D. Philipp Meyer in Hannover, der am 24. Januar 1927 gestorben ist, gewidmet und führt im Rückblick auf dessen Leitung des damals neu errichteten hannoverschen Predigerseminars den Sondertitel »Erichsburgensia«. Der Inhalt der Festschrift begegnet den besonderen Interessen des Gefeierten: Geschichte des kirchlichen Unterrichts, der kirchlichen Erziehung und des kirchlichen Prüfungswesens. J. Feltrup ( 2377) eröffnet den Band mit einem Beitrag »zur Geschichte des Predigerseminars Hannover-Erichsburg«.  F. Cohrs ( 2373) würdigt Christoph Fischers d. Ä. »Einfältige Form« ( 1575), und Weerts ( 2613) untersucht die Dannenbergsche Schulordnung von 1687. E. Rolffs erzählt von dem »Konfirmandenunterricht des Magisters Weibezahn in Osnabrück«, und J. Beste gibt ein Bild von den Kämpfen des Wolfenbüttler Predigerseminars zur Zeit Henkes. E. G. Wolters veröffentlicht Briefe von und gegen Paulus Felgenhauer in Bederkesa, und P. H. Meyer ( 1838) liefert einen Beitrag über »die wirtschaftlichen Leistungen des Klosters Wülfingshausen für die Landesherrschaft während der Regierung Erichs II.«. -- A. Brenneke ( 2371), der die Geschichte der hannoverschen Klosterkammer bearbeitet, hat aus dem zweiten Abschnitt des ersten Bandes, der das Kirchenregiment der Herzogin Elisabeth behandeln wird, das fünfte Kapitel veröffentlicht, wobei die Darstellung der Verhältnisse des Klosterregiments nur im Auszuge mitgeteilt wird. Die damaligen kirchlichen Verhältnisse erfahren in diesem Kapitel eine erwünschte Beleuchtung. Mit Eifer führt Elisabeth, die das Reformationsrecht »lediglich aus ihrer weltlichen obrigkeitlichen Stellung geschöpft, nicht aus einer Übernahme bischöflicher Befugnisse hergeleitet hat«, die Evangelisierung des Territoriums durch. Der Reformator Corvinus, der auf die Abfassung ihrer Landeskirchenordnung eigensten Einfluß ausgeübt hat, hat das wirkliche Regiment des Landesherrn in der Kirche gebilligt und anerkannt. -- Den ersten Teil der Molanusbiographie hat H. Weidemann ( 2374) aus seiner Lizentiatenarbeit umgestaltet. Ihr schließt sich hier eine Untersuchung über die Stellung

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Molans als Konsistorialdirektor an. Eine biographische Behandlung dieses bedeutenden Loccumer Abtes ist nicht nur lokalgeschichtlich von Wert. Denn die Kämpfe um die kirchliche Einigung nach der politischen Einigung des Landes und die Schaffung einer zentralen Verwaltungsbehörde in dem hannoverschen Konsistorium, die die Amtstätigkeit Molans ausfüllen, tragen eine typische Bedeutung. Neben dem fürstlichen Absolutismus war sein Ziel der kirchliche Absolutismus. Der Sinn für die seelsorgerischen Aufgaben des Geistlichen fehlte ihm ganz. -- Drei Aufsätze behandeln die Osnabrücker Kirchengeschichte. H. Rothert ( 2370) gibt uns in dem Abdruck einer Erkundung über die Religionsverhältnisse der Osnabrücker Ritterschaft eine wertvolle Übersicht über die damals vorhandenen Edelsitze und ihre Besitzer.  F. Schultz ( 2230) widmet nach einer Schilderung der Schicksale des 1235 oder früher gegründeten Stiftes Quakenbrück den Hauptteil seiner Arbeit einer Untersuchung des Kapitels und besonders der Stiftsprobstei bis zu ihrer endgültigen Überlassung an die lutherischen Domherren im Jahre 1669. --Bindel ( 1680) untersucht den Status ecclesiasticus des Fürstentums Osnabrück, den Vitus Büscher mit Hilfe von vier Mitarbeitern geschaffen hat. Diese Polizeiordnung ist für die Beurteilung der kirchlichen und kirchenregimentlichen Verhältnisse von besonderer Bedeutung, weil sie im Gegensatz zu den zeitgenössischen Berichten des Lucenius und Bronkhorst von Protestanten abgefaßt ist. -- Von der ostfriesischen Kirchengeschichte und ihren Kämpfen berichten mehrere Aufsätze.  F. Ritter ( 2379) verrät die unerwartete Tatsache, daß Enno II. zwei Jahre vor seinem Tode im Verein mit seinem Bruder Johann insgeheim und doch unverhüllt die Rückkehr Ostfrieslands zum Papsttum betrieb. -- H. Garrelts ( 2381) unterzieht die lutherischen Berichte vom Jahre 1593 einer eingehenden Untersuchung mit dem Ergebnis, daß sie geschichtlichen Wert haben, und gibt einen textkritischen Abdruck dieser Darstellung sowie des Gegenberichtes. --  F. Ritter ( 2380) handelt über das von dem reformierten Pastor Ritzius Lucas herausgegebene Gesangbuch vom Jahre 1616, das den persönlichen Beziehungen dieses Emder Predigers zu Graf Enno III. seine Entstehung verdankt. -- E. Kochs ( 2383) prüft, soweit es für die reformierte Gemeinde Emden zutrifft, die Frage, »ob fast völlig unberührt vom Rationalismus die reformierte Kirche Ostfrieslands sich jeder Neologie verschlossen hat«, und stellt fest, daß der vulgäre Rationalismus nicht Wurzel geschlagen hat. »Nur gewisse Kreise haben sich dem Idealismus der Aufklärung zugewandt und sind auch durch die Erneuerung des kirchlichen Lebens um die Mitte des 19. Jahrhunderts nicht wiedergewonnen worden.«

VIII. Kultur- und Bildungsgeschichte.

Aus der Geschichte des Bildungswesens sind zwei Arbeiten zu erwähnen. A. Kruckenberg ( 2612) gibt ein ausführliches Bild von der Entwicklung des hannoverschen Volksschulwesens, von dem bisher eine Gesamtdarstellung bis in die Gegenwart hinab fehlte. Der Verfasser behandelt nur die großen Entwicklungslinien von der Reformation bis zum Jahre 1866 und zum Schluß das Schulwesen zur Zeit der Okkupation und die Angleichung an das preußische Schulwesen, die im Jahre 1883 vollendet wurde. -- Da die Ausführungen Schrievers über den »Dom zu Osnabrück und seine Kunstschätze« heute keineswegs mehr genügen, gibt  F. Witte ( 707) den »Domschatz« in vorzüglicher Reproduktion und mit eingehenden archäologischen und kunstgeschichtlichen Erläuterungen


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heraus. Zum Schluß noch zwei volkskundliche Abhandlungen. Die zweite Auflage von W. Lüpkes' ( 707) »Ostfriesischer Volkskunde« ist sehr zu begrüßen. Sie schildert »das eigentliche Volkstum der Ostfriesen, wie es sich in Wohnweise, Kleidung, persönlicher, häuslicher, kirchlicher und politischer Hinsicht, Sitte, Gebräuchen, Spiel, Rätsel, Sang und Sage offenbart«. Unter den Erweiterungen verdienen die Übersicht »Neuere ostfriesische Literatur«, der Abschnitt »Heimat- und Volkskundliches aus dem Harlingerland« sowie die ausführliche Abhandlung »Die Ostfriesen in Amerika« Beachtung. -- O. Brüning ( 1836) macht Angaben über das Modell eines Ilmenau-Segelschiffes, eines Ewers, aus dem Lüneburger Museum und gibt dieses im Lichtbild wieder.

II. Quellen und Darstellungen nach der Reihe der Ereignisse.

Was die Ansiedlung schwedischer Wikinger an der Schlei und ihre Kämpfe mit den Dänen im 9. Jahrhundert betrifft, so schließt sich Lorentzen im großen und ganzen den Ergebnissen an, zu denen H. Philippsen ( 1842) durch eingehende örtliche und quellenkritische Untersuchungen gekommen ist. War bisher von S. Müller und  F. Knorr die Ansicht vertreten worden, an der Schlei hätten damals zwei Städte, das dänische Schleswig am Nord- und das schwedische Haithabu am Südufer, bestanden, so geht Philippsens Annahme dahin, Haithabu habe nördlich und nur vorübergehend südlich der Schlei gelegen und sei demnach mit Schleswig identisch. So hätte auch die südlich der Schlei zutage geförderte Anlage der »Oldenburg«, in der man bisher das alte Haithabu zu finden glaubte, nur das Bollwerk zur Verteidigung der gegenüberliegenden Stadt gebildet. Beide Namen, Schleswig und Haithabu, wären also zeitweilig nebeneinander gebraucht worden, bis schließlich der ursprüngliche Name Schleswig das Übergewicht erlangte.

II. Quellen und Darstellungen nach der Reihe der Ereignisse.

Für die Jahre 1355 bis 1375, d. h. also für die Zeit des großen Ringens zwischen den mit der Hanse verbündeten holsteinischen Grafen und König Waldemar Atterdag von Dänemark, liegt in dem 2. Teil des von V. Pauls ( 186) sorgfältig und umsichtig bearbeiteten IV. Bandes des Schleswig-Holsteinischen Urkundenbuches ein umfassendes Quellenmaterial vor. Es sind allerdings überwiegend lokal- und personalhistorische Vorgänge, die in den über 900, teils in extenso, teils im Auszug, wiedergegebenen oder auch nur verzeichneten Urkunden ihren Niederschlag finden, Verhältnisse des Adels, der Klöster, Kirchspiele, Stände usw., aber die großen politischen Beziehungen, die durch C. E.  F. Reinhardts und D. Schäfers Werke geklärt sind, werden doch, z. B. durch die Abmachungen der Holsteiner mit den näheren oder weiteren Nachbarn, mit Lübeck, König Erich von Schweden, den Herzögen von Mecklenburg und Stettin, durch die Verträge mit Waldemar Atterdag, genauer beleuchtet und belegt. Interessant sind u. a. Vereinbarungen und Korrespondenzen zwischen Heinrich dem Eisernen und König Eduard III. von England, in dessen Diensten der holsteinische Graf eine Zeitlang stand, auch das gelegentliche Eingreifen des Kaisers, Karls IV., sogar in lokale holsteinische Streitfragen.

II. Quellen und Darstellungen nach der Reihe der Ereignisse.

Der zweite Band der von Aage Friis veröffentlichten großen Aktensammlung zur nordschleswigschen Frage ( 1191) bezieht sich in der Hauptsache


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auf das Ende der 1867 begonnenen, dann aber erfolglosen deutsch-dänischen Verhandlungen zwecks Abstimmung in Nordschleswig sowie die Haltung Dänemarks während des deutsch-französischen Krieges. Es ist besonders die Politik des bedeutenden Direktors im dänischen Außenministerium P. Vedel, die durch die dänischen Akten eine wichtige neue Beleuchtung erfährt: sein zähes Festhalten an der Neutralität trotz der starken Lockungen Frankreichs (Gesandtschaft des Herzogs von Cadore), vor denen allerdings England und Rußland die dänische Regierung aufs nachdrücklichste warnten. Friis hat diese Vorgänge noch in einer eigenen Darstellung (1923 erschienen) geschildert. Leider ist, gerade im Vergleich zu der umfassenden, musterhaft gearbeiteten dänischen Aktenpublikation, die im Auftrage des deutschen Auswärtigen Amtes veranstaltete Sammlung der deutschen Akten zur nordschleswigschen Frage ( 1192) keineswegs ausreichend. Daher ist an dieser Edition, namentlich an ihrer Einleitung, in historischen Fachblättern (H. Z. 133; Zeitschr. d. Gesellsch.  f. Schl.-Holst. Gesch. 55) scharfe Kritik geübt worden. Doch soll nicht verkannt werden, daß wertvolle Aktenstücke (z. B. die Papiere betr. Lothar Buchers Verhandlungen mit Quaade 1868 oder der Brief König Wilhelms I. an Zar Alexander II. vom 8. Januar 1870) sich darin finden. Aber der Wert dieser Sammlung kann erst dann zur Geltung kommen, wenn diese Dokumente des Auswärtigen Amtes durch eine Ausgabe nicht nur von weiteren Akten dieser Behörde, sondern auch von solchen anderer Behörden, wie des Preußischen Ministeriums des Innern und des Oberpräsidiums der Provinz Schleswig-Holstein entscheidend vervollständigt werden.

III. Rechts- und Verfassungsgeschichte.

Das von  F. Gundlach ( 1681) herausgegebene älteste Urteilbuch des holsteinischen Vierstädtegerichts hat nur lokalhistorischen Wert, aber die Organisation dieses Gerichts beansprucht doch allgemeines Interesse, da es 1496 von König Hans von Dänemark und Herzog Friedrich I. von Schleswig- Holstein ins Leben gerufen wurde, um zu verhindern, daß der Rat von Lübeck weiterhin die oberste Berufungsinstanz für die holsteinischen Städte mit lübischem Recht bildete. G. hat die Entwicklung und Zusammensetzung des Gerichts, dem Vertreter der vier Städte Kiel, Rendsburg, Itzehoe und Oldesloe angehörten, in der Einleitung zu seiner Edition anschaulich geschildert, auch die Entstehung der besonderen Gerichtsordnung 1568, nach der für die Urteile das lübische und aushilfsweise auch das sächsische Recht gelten sollten.

IV. Wirtschafts- und Sozialgeschichte.

Verfassungsgeschichtlich, aber auch wirtschaftsgeschichtlich, überhaupt im weiteren Sinne kulturgeschichtlich aufschlußreich sind die Städtemonographien von Th. Dittmann, G. Helmer und  F. Bangert. Dittmann ( 328) ist vor allem dem Wesen und Leben der »Ämter« (= Zünfte) in der auf Vicelins Gründung zurückgehenden, wirtschaftlich überaus regen Stadt Neumünster, unter Ausschöpfung einer Fülle bisher nicht verwerteter Akten, nachgegangen, auch in das Gebiet des alten Volksrechts, der Wirksamkeit von Ding und Recht in Neumünster und ebenso in die alten Volksbräuche und -feste werden wir eingeführt, wozu noch personalgeschichtlich fesselnde Nachrichten über die alten adligen und bürgerlichen Geschlechter der Stadt hinzutreten. Auch Helmer ( 327) hat das in Neumünster besonders vielseitige Zunftwesen, systematischer als Dittmann, zum Gegenstand seiner Forschungen gemacht, ist aber dann zu einer Darstellung der Gütererzeugung, ihrer Organisation, ihrer Betriebsformen, der Preisbildung und dem Verbraucherschutz fortgeschritten, die durch instruktive statistische Tabellen und Diagramme für die einzelnen Industriezweige erläutert wird. In noch umfassenderer Weise ist von Bangert ( 329) die Entwicklung der schon im frühen Mittelalter wegen ihrer Salzquellen berühmten Stadt Oldesloe, und zwar von der prähistorischen Zeit bis zur Gegenwart, beschrieben worden. Neben der Bedeutung der Saline wird die der sonstigen gewerblichen Betriebe, der Korn- und Kupfermühlen, Ziegeleien usw., gewürdigt, der Transithandel mit Hamburg und Lübeck, der durch den Alster-Beste-Kanal besonders in Schwung kam. Mit eindringendem Verständnis hat B. auch die kirchlichen, sozialen, sanitären Einrichtungen (Stiftungen u. dgl.) für sein reizvolles Kulturbild berücksichtigt.

IV. Wirtschafts- und Sozialgeschichte.

Daß in Kiel schon früh die Bekämpfung der Volksseuchen auf einem verhältnismäßig hohen Stande war, geht aus amtlichen Verordnungen und Maßnahmen hervor, die P. Hanssen für das 16. bis 18. Jahrhundert im wesentlichen aus den Magistratsakten zusammengestellt hat (Über Seuchenbekämpfung in Kiel im 18. Jahrhundert. Arch.  f. Gesch. d. Medizin 17, 171--80). Es handelt sich zum Teil um Bestimmungen (Absperrungsverfügungen), die in schroffster Weise in die Freiheit und Bewegungsfähigkeit der Bürger eingriffen und selbst die Androhung der Todesstrafe aussprachen. Auch die medizinische Fakultät der Kieler Universität ist mit Vorschriften zur Verhütung und Bekämpfung von Seuchen, etwa durch besonders angegebene Diät, den Behörden zur Seite getreten.

§ 56. Die drei Hansestädte.

Das früheste der neubehandelten Einzelereignisse ist der sogenannte Lüneburger Prälatenkrieg, über den seit dem Lüneburger Aufsatz von Francke (1882--83) und den Anmerkungen von  F. Bruns zur lübischen Ratschronik erst jetzt wieder eine Arbeit erschien. Hans Feldtmann ( 915) legt den Ton auf den Anteil Hamburgs, das nächst Lüneburg und Lübeck am meisten betroffen war, und dessen Rat auf der einen wie sein Domkapitel auf der anderen Seite zu den führenden Kräften im Streit gehörte. Die reich mit Quellen- und Literaturangaben ausgestattete Abhandlung darf auf allgemeinere


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Beachtung rechnen, weil sie einen Ausschnitt aus zwei großen historischen Vorgängen bietet: aus dem Kampf zwischen weltlicher und geistlicher Macht und aus den bürgerlichen Unruhen des 15. Jahrhunderts. Die Darstellung arbeitet das Ineinandergreifen der verschiedenen Fäden klar heraus. -- Der Mangel an seekriegsgeschichtlichen Einzeluntersuchungen verleiht der aufschlußreichen Lübecker Arbeit von Herbert Kloth ( 966) erhöhte Bedeutung. Daß sich über Lübecks letzten Seekrieg im Lübecker Staatsarchiv reiches Material zusammensuchen ließ und aus den großen nordischen Werken von Zettersten und Garde noch ergänzt werden konnte, setzte den Verfasser in die Lage, die Kriegführung nach ihrer organisatorischen, nautisch-technischen, strategischen, taktischen und wirtschaftlichen Seite mehr oder weniger eingehend zu untersuchen und ein wertvolles Ganzes zu geben, das hoffentlich zu weiteren ähnlichen Leistungen anspornt. Mehr auf das Politisch-rechtshistorische eingestellt ist de Hamburger Aufsatz von Alfred Dreyer ( 972), der das Ringen mit Christian IV. um die Stromhoheit behandelt. Wenn sich Hamburg nach zähem Kampf mit dem Schwerte wie mit der Feder und nach Ausnutzung von mancherlei Glücksfällen des Dreißigjährigen Krieges am Ende 1645 zu einem formalen Verzicht auf sein Recht entschloß, so geschah das mit Rücksicht auf den geschädigten Verkehr und um den Preis, daß tatsächlich der Däne den leidigen Glückstädter Zoll beseitigte und der Hansestadt auf der Unterelbe freie Hand ließ. König Christian buchte jedenfalls den Ausgang auf das dänische Verlustkonto. -- Die hamburgische Geschichte seit 1814 fand eine gründliche Darstellung in dem zweibändigen Werk von Ernst Baasch ( 1109). Der Verfasser sucht die wichtigsten für die Entwicklung in Betracht kommenden Momente zu erfassen. Demgemäß teilt er seinen Stoff innerhalb der beiden Hauptabschnitte -- vor und nach 1867 -- im wesentlichen in Längsschnitte. Dabei hält das Politische dem Wirtschaftlichen die Wage, während Kulturelles in kürzeren Übersichten behandelt wird. Das Ziel, »ein Bild mächtig aufstrebenden Lebens zu geben, einer Entwicklung, die trotz aller Hemmnisse und Schwierigkeiten ... den Eindruck eines ersprießlichen Zusammenwirkens staatlicher und privater Organe, Bestrebungen und Gedanken erweckt«, kann nur für den 1. Band als erreicht bezeichnet werden. Die persönliche Färbung mancher Schilderungen erhöht mitunter nicht gering das Lebendigwerden des Stoffs, wirkt aber, namentlich wo es sich um zeitlich näherstehende Zusammenhänge handelt, durch die Härte der Urteile auch bisweilen peinlich. Der erste Teil wird von Erich Wiskemann ( 1110) eingehend in einem Aufsatz gewürdigt, der die Wirksamkeit der treibenden Kräfte in jenen 50 Jahren hamburgischer Geschichte in straffen Zügen vor Augen stellt. Ein kleiner Beitrag von A. Heskel ( 1157) behandelt die diplomatischen Schritte Hamburgs bei der Reichsverweserwahl von 1848 bis zur endlichen Übergabe des Glückwunschschreibens. Für unser neuestes Erleben ist es von Interesse, daß Erzherzog Johann sich damals für eine Abstimmung der schleswigschen Gemeinden über ihre nationale Zugehörigkeit aussprach.

I. Quellenkunde.

Als Fortsetzung der bis zum Jahre 1337 vorliegenden Regesten zur Schlesischen Geschichte veröffentlichten K. Wutke und E. Randt ( 189) von dem für die Jahre 1338--1342 in Bearbeitung genommenen weiteren Bande die erste Doppellieferung in Stärke von 13 Druckbogen, die die Gesamtschlesien betreffenden Urkunden der Jahre 1338 und 1339 in kritischer Würdigung verzeichnet und eine Fülle neuen Quellenmaterials erschließt. Zwei weitere Doppellieferungen, deren letzter neben dem Orts- und Personenregister auch ein umfangreiches Sachregister beigegeben sein wird, sollen folgen. -- Der von E. Graber ( 190) herausgegebene dritte Band der nichtstaatlichen Archive Schlesiens ist das sehr zu begrüßende Ergebnis des von der Historischen Kommission für Schlesien neu beschrittenen Weges, die Verzeichnung der Archivalien tunlichst durch geeignete Kräfte des zu interessierenden Kreises selbst vorzunehmen, während bei den früheren Inventaren (Grünberg, Freystadt und Glogau) alle Arbeiten durch den Herausgeber selbst auf beschwerlichen und kostspieligen Reisen ausgeführt werden mußten. Das umfangreiche Archiv der Stadt Sprottau verzeichnete  F. Matuszkiewicz, während die bedeutendsten Herrschaftsarchive des Kreises, das des Herzogs zu Schleswig-Holstein in Primkenau und das des Burggrafen zu Dohna in Mallmitz vom Herausgeber und die wenig umfangreichen Landgemeindearchive durch ortsansässige Geistliche und Lehrer bearbeitet wurden. Besonders das Primkenauer Inventar, von dem auch ein Sonderdruck ( 85) erschienen ist, erschließt viel neues und wertvolles Material zur Geschichte der schleswigholsteinischen Frage.

III. Historische Landeskunde.

Dem 21. Deutschen Geographentag gewidmet ist die von M. Friedrichsen herausgegebene Festschrift ( 601), die acht wertvolle, im Breslauer geographischen Institut entstandene Arbeiten zusammenstellt, von denen hier besonders auf die Darstellungen von  F. Enderwitz (Das Werden und Wachstum Breslaus), Charl. Thilo (Die Bevölkerungs-, Siedlungs- und Wirtschaftsverhältnisse im Hultschiner Ländchen), Siegfr. Wollheim (Karte der Verbreitung der Waldhufendörfer und Straßendörfer in Schlesien) und P. Steinert (Oppeln, Oberschlesiens


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Regierungshauptstadt. Eine stadt- und verkehrsgeographische Skizze) aufmerksam gemacht sei. -- Das unter Mitwirkung des Osteuropa-Instituts herausgegebene Werk: Oberschlesien und der Genfer Schiedsspruch ( 602) soll, von Sachkennern und Augenzeugen -- Wissenschaftlern, Politikern und Wirtschaftlern -- verfaßt, der Unkenntnis begegnen, die nicht nur im ferneren Deutschland über das Problem Oberschlesien besteht. Nach einem orientierenden Überblick über Land, Geschichte und Leute Oberschlesiens enthüllt sich uns die wirtschaftliche und kulturelle Blüte dieser Provinz vor dem Einzug der interalliierten Kommission, aber um so deutlicher auch der darauf folgende Niedergang des Landes bis zur schließlichen Zerreißung Oberschlesiens mit ihren wirtschaftlichen Folgen. Sehr zu begrüßen ist die durch H. Bellée dem Buche beigegebene umfangreiche Bibliographie, die in der Hauptsache die aus Anlaß der Abstimmung in Oberschlesien erschienene Literatur enthält und über die wichtigsten Fragen Oberschlesiens im einzelnen orientieren soll.

IV. Rechts- und Verwaltungsgeschichte.

Einen wertvollen Beitrag zur Kenntnis der mittelalterlichen städtischen Verwaltung und Rechtspflege in Schlesien liefert uns Fr. Schubert ( 1635) durch seine Untersuchungen über das älteste Glatzer Stadtbuch (1316--1412), wenngleich das die Gründungsgeschichte der Stadt Glatz behandelnde Kapitel durch neuere Forschungen Berichtigungen erfahren hat. --Georg Hoffmann ( 1636) stellt es sich in seiner Dissertation zur Aufgabe, das Verfahren, das in den bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten vor dem Glogauer Schöffengericht galt, darzustellen. Die Beschränkung der Untersuchung auf das 16. und den Anfang des 17. Jahrhunderts erklärt sich aus dem nur für diese Zeit in größerem Umfange vorhandenen Vorliegen zuverlässiger handschriftlicher Quellen. Seiner Darstellung über das Gericht, die Parteien, das ordentliche Verfahren, die außerordentlichen Verfahrensarten, das Beweisverfahren, das Zwangsverfahren und die Rechtsmittel fügt er eine Anzahl von Auszügen aus den Schöffenbüchern bei. -- Das grundlegende Werk von  F. Rachfahl: Die Organisation der Gesamtstaatsverfassung Schlesiens vor dem Dreißigjährigen Kriege (Leipzig 1894) hat durch Hans Hübners Frankfurter Dissertation, von der ein Auszug in der


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Ztschr. d. Vereins für Geschichte Schlesiens Bd. 59 ( 1687) erschien, für die Regierungszeit der Kaiser Ferdinand II. und Ferdinand III. eine Fortsetzung erfahren. Auf den Verhandlungen der Fürsten und Stände und gründlichen Aktenstudien fußend, ist die Darstellung zugleich eine Ergänzung zu K. G. Kries, Entwicklung der Steuerverfassung in Schlesien (Breslau 1842). -- Hinsichtlich des preußischen Grundsteuerkatasters weist  F. Escherich ( 1946) gegenüber der Auffassung von R. Koser (Geschichte Friedr. d. Gr., 4.--5. Aufl., Bd. II, S. 124) darauf hin, daß Idee und Organisationsplan des Ganzen auf das österreichische Vorbild zurückgehen, und bestätigt andererseits die von J. Ziekursch (Hundert Jahre schles. Agrargeschichte, 2. Aufl. 1927, S. 396 ff.) vertretene Ansicht, daß sich schon aus der gesamten Art der Anlage des Katasters seine Unzuverlässigkeit für den Historiker ergibt. Das preußische Kataster, das die Angaben der österreichischen Befundstabellen zumeist einfach wiederholt, berücksichtigt nicht die innerhalb von 20 Jahren eingetretenen Veränderungen. Weder der Gutswert und die dem Gutsherrn zustehenden gewinnbringenden Rechte, noch die Anzahl der Rustikalstellen und die Kopfzahl der verschiedenen Gruppen des Landvolkes können in ihrem vollen Umfange dem Kataster entnommen werden. Man erhält aus dem Kataster allenfalls Vergleichswerte, wenn man noch andere Angaben zu Hilfe nimmt, und der Agrarhistoriker wird das Kataster besonders da, wo es sich um statistische Angaben handelt, mit Vorsicht als Quelle benutzen müssen. Gleichwohl stellt sich das Ganze, im Zusammenhang mit den österreichischen Vorarbeiten betrachtet, als bedeutungsvolle Leistung dar, zumal der gut geschulte preußische Beamtenapparat die ermittelten Angaben unnachsichtlich -- was die österreichische Herrschaft nicht gewagt hatte -- zur Grundlage der Besteuerung machte. -- Anläßlich der Hundertjahrfeier der Eröffnung des 1. schlesischen Provinziallandtages (i. J. 1825) gibt W. Klawitter ( 1662) eine Übersicht über die politische Entwicklung der schlesischen Provinziallandtage und zugleich ein Bild der politischen Entwicklung Preußens bis zum Jahre 1848 in einem schlesischen Ausschnitt. Seit dem Zusammentritt der Volksvertretung in Berlin ist die politische Aufgabe der Provinziallandtage erfüllt, die sich nunmehr ihrem eigentlichen Tätigkeitsfeld, der Selbstverwaltung, zuwenden.

V. Wirtschaftsgeschichte.

Einen knappen Überblick über die wirtschaftlichen und politischen Wechselverbindungen Schlesiens und der Oberlausitz, über den Kampf um die Straßengerechtigkeiten, gibt M. Scholz- Babisch ( 1853), die die zur Kenntnis des Warenhandels zwischen Schlesien und der Oberlausitz sehr aufschlußreichen Arbeiten von Horst Jecht im Neuen Lausitzer Magazin, Bd. 99 u. 100, bespricht. -- Die weitverzweigten Handelsbeziehungen Schlesiens und die umfassenden Vorarbeiten für das von ihm in Angriff genommene großzügige Werk »Breslaus und Schlesiens Handel bis ins


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19. Jahrhundert« skizziert H. Wendt ( 1759) in dem Bericht über die zu diesem Zweck unternommenen handelsgeschichtlichen Archivreisen. --Hans Artur Kuznitzky ( 1761) behandelt in seiner staatswissenschaftlichen Dissertation die wichtige Stellung, die die Zünfte im deutschen Schlesien und besonders in Breslau im Mittelalter und der beginnenden Neuzeit gehabt haben. Nach einer Schilderung des Breslauer Zunftwesens und seiner Probleme begründet er in dem knappen Kapitel, das seiner Arbeit das Thema gegeben hat, warum der Wirtschaftsmensch der 2. Wirtschaftsstufe im Gegensatz zum Wirtschaftsmenschen des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts ein gefesselter war. -- Die von  F. Wiggert ( 1760) ursprünglich geplante Darstellung der Entwicklungsgeschichte der Neumarkter Kürschnerzunft wuchs sich dem Verfasser infolge des außerordentlich reichhaltigen archivalischen Materials des Breslauer Stadtarchivs zu einer Geschichte des alten schlesischen Kürschnerhandwerks aus, die nach den allgemeinen Kapiteln über die Zunftverfassung, das Lehrlings- und Gesellenwesen, die Gewerbegerichtsbarkeit in den Kürschnerzünften, Zunftzwang und Zunftkonkurrenz, die Kürschnerzünfte als fromme Bruderschaften, in einem besonderen Teil die Breslauer Kürschnerzünfte als ausgeprägte Edelkürschnerei und die Neumarkter als Grobkürschnerei behandelt. -- Zur Frage des grundherrlichen Charakters der Leinenindustrie Schlesiens äußert sich V. Loewe ( 1947) über den »Weberzins«, eine regelmäßige Abgabe, die von den Gutsherren für die Befugnis zum Betriebe des Gewerbes auch nach Erlaß des Gewerbesteuerediktes vom 2. November 1810 noch erhoben und als dominiale Gewerbeabgabe endgültig erst durch den § 3 des Gesetzes vom 2. März 1850 beseitigt wurde. -- Die Tatsache, daß das Hirschberger Tal in der Blütezeit des schlesischen Leinengewerbes (im 17. und 18. Jahrhundert) eine überragende Stellung unter allen schlesischen Webergegenden einnahm, veranlaßte E. Michael ( 1951), speziell dieses Gebiet herauszugreifen und das Schicksal der Hausweberei daran zu verfolgen. Gegenüber den 5000 Webstühlen des Hirschberger Tales im 18. Jahrhundert, das damals den größten und kostbarsten Teil der blühenden schlesischen Leinenindustrie stellte, waren 1925 nur noch 33 alte Weber und Weberinnen dort vorhanden; ein letzter Überrest gegenüber dem unaufhaltsamen Fortschreiten der maschinellen Leinenindustrie mit ihren Vervollkommnungen und Verbilligungen. -- Die große Bedeutung gerade der Breslauer Messe, die W. Bosch ( 1949) auf entwicklungsgeschichtlicher Grundlage für Schlesien und den ganzen Osten des Reiches nachweist, erhellt besonders in unseren Tagen seit dem Auftauchen der neuen Staaten des östlichen Europas, die dem Handelsgeiste ungeahnte Wirtschaftsgebiete, namentlich nach Polen, der Tschechoslowakei und Rußland, erschließen.

IV. Quellen und Darstellungen im einzelnen.

Das 400jährige Gedenken der großen Bauernrevolution von 1525 hat zwar viel populäre und wissenschaftliche Literatur entstehen lassen, die aber das heutige Sachsen wenig berührt, da es nur mit seiner Südwestecke an den Ereignissen beteiligt gewesen ist. Darüber, über den Verlauf der Unruhen im Vogtland, berichtet E. Pietsch ( 943). An der Hand der z. T. abgedruckten Quellen, Rechnungen der Ämter Plauen und Vogtsberg, zeigt P., daß der Aufruhr zunächst gefährlich aussah, dann aber sehr harmlos ausging. Darum fiel auch das Strafgericht ausnahmsweise sehr glimpflich aus. Sonst liegen aus dem 16. Jahrhundert nur noch zwei kleine Miszellen von G. Sommerfeldt vor über das politisch bedeutsame Carlowitzische Geschlecht ( 470) und über ein Schreiben des Markgrafen Georg Friedrich v. Ansbach an Kurfürst August ( 967), die nur Stoffwert besitzen. Interessante Streiflichter auf die finanziellen Schwierigkeiten, in die Frankfurt a. M. und Kursachsen durch die kaiserliche Überweisung der Reichskriegssteuerbeiträge Frankfurts an Kursachsen gerieten, wirft Frhr. v. Danckelmans ( 989) Skizze, zugleich ein Beitrag zur Geschichte des Aufstiegs der deutschen Juden. Sehr wertvoll ist der Aufsatz H. Kretzschmars ( 1000) über die albertinischen Seitenlinien. Nach eingehender Betrachtung der rechtlichen Unstimmigkeiten des Testaments Johann Georgs I. von 1652, die auch der »freundbrüderliche


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Hauptvergleich« von 1657 nicht restlos beseitigen konnte, untersucht K. die bisher fast unbekannte Behördenorganisation der Weißenfelser Linie mit ihren Nebenzweigen Querfurt und Barby. Die Inaugural-Dissertation von Th. v. Seydewitz ( 1011) über Augusts des Starken Kabinettsminister Manteuffel ist so vorzüglich, daß sie in der Schriftenreihe »Aus Sachsens Vergangenheit« von der Sächs. Kom.  f. Geschichte als H. 5 gedruckt worden ist; sie wird im Jahrgang 1926 zu würdigen sein. Der Aufsatz P. Haakes ( 1007) ist trotz der reichen Bilderbeigaben konzentrierte Wissenschaft und genügt zur Orientierung über das Verhältnis der Höfe zu Berlin und Dresden in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts. Die unmittelbar aus den Akten erarbeitete Inaugural-Dissertation von H. Odernheimer ( 1044) über L.  F. v. Saul, die gute Aufschlüsse über Brühls Politik gibt, ist leider noch ungedruckt. Der Aufsatz H.-H. Thumanns ( 1185) ist die Zusammenfassung seiner Inaugural-Dissertation. Das Licht, das diese Arbeit auf das Ringen zwischen dem großdeutschen und dem kleindeutschen Gedanken wirft, ist in der Gegenwart ganz besonders wertvoll.

II. Hilfswissenschaften.

Ein von Franz Jostes in der Zschr.  f. dt. Alt. u. dt. Lit. Bd. 40 (N.F. Bd. 28) aus Cod. Palat. Nr. 1447 der Vatikan. Bibliothek mitgeteiltes Magdeburger Kalendarium, das er in das 9. Jahrhundert setzt, gehört, wie Walter Möllenberg in Jahrgang 60 der Geschichtsblätter  f. St. u. L. Magdeburg ( 430) nachweist, einer weit späteren Zeit an.

VI. Wirtschaftsgeschichte.

Eine besondere Förderung ihrer Wirtschaftsgeschichte hat im Berichtsjahr die Stadt Magdeburg durch die Arbeiten Stiedas und seiner Schüler, die zum großen Teil in »Magdeburgs Wirtschaftsleben«, Bd. 1, vereinigt sind, erfahren. Stieda ( 1752) selbst behandelt das Projekt zur Errichtung einer Handelskammer und Börse in Magdeburg zur westfälischen Zeit, das jedoch trotz größter Bemühungen der Kaufmannschaft erst in den Jahren 1824 und 1825 zur Ausführung kommen sollte. -- E.  F. Müller ( 1754) gibt eine zusammenfassende Darstellung über die Magdeburger Gewerbegeschichte bis zum Jahre 1631, die insofern auch für die allgemeine Zunftgeschichte von großer Bedeutung ist, als sich gerade hier mit am frühesten in Deutschland Innungen nachweisen lassen (Schuhmacher 1152--92, Gewandschneider 1183, Schilderer und Sattler 1197). -- Einem Spezialgebiet innerhalb der Magdeburger Gewerbegeschichte, und zwar dem Tuchhandel und der Tuchindustrie, widmet E. Hammer ( 1752) seine Arbeit. Der Schwerpunkt seiner Untersuchung ruht auf der Zeit des 17. und 18. Jahrhunderts, wo die schon verfallene mittelalterliche Tuchindustrie infolge der Begünstigung und Förderung durch die Hohenzollern ihre Blütezeit erlebte. -- An dem Aufschwung der Tuchindustrie hatten einen nicht geringen Anteil die Réfugiés, die auf Grund des 1685 erlassenen Potsdamer Edikts nach Magdeburg gekommen waren. G. Scholz ( 1752) weist in seiner Dissertation vor allem auf die von Pierre Valentin begründete Tuchfabrik hin. An anderen Manufakturen, die den Franzosen ihre Entstehung verdanken, sind noch zu nennen die Fayence- und Porzellanfabrik des Philipp Guichard und die großen Strumpfwirkereien und Seidenstrumpfwebereien, deren Einfluß auf das Magdeburger Wirtschaftsleben nicht hoch genug angeschlagen werden kann. -- Auch die durch den Großen Kurfürsten in seinem Staate begründete Seidenindustrie verdankt in Magdeburg erst den Réfugiés ihren eigentlichen Aufschwung. Nach  F. Fr. A. Vester ( 1752) ist der schon genannte Pierre Valentin der erste, der sich dieses Industriezweiges annahm. Unter den anderen Unternehmungen nimmt das von Diesing und Haase, das 100 Stühle und 600 Arbeiter beschäftigte, den ersten Platz ein. Nach dem Zusammenbruch Preußens trat durch die Maßnahmen der westfälischen Regierung der Verfall der Seidenindustrie ein, der auch nach 1815 wegen des Vordringens der Krefelder Industrie nicht wieder behoben werden konnte. -- Interessante Aufschlüsse über die Magdeburger Elbschiffahrt, insbesondere über den Schiffahrtsbetrieb, die Elbschiffahrtspolitik, das Stapelrecht und den Elbhandel gibt E. W. A. Mai ( 1932). Wenn auch in der Hauptsache das 18. Jahrhundert behandelt wird, so werden doch auch immerhin die früheren Zeiten eingehend berücksichtigt. Besonders hingewiesen sei auf die Bemerkungen über das Stapelrecht, das mit großer Wahrscheinlichkeit auf einen Vertrag mit Erzbischof Buchard von 1309 zurückgeführt wird. -- Die von M. beiläufig gemachten Ausführungen über die Kaufleute- und Schifferbrüderschaft bringen fast ebensoviel wie die Monographie von  F. Moll ( 1756) über den gleichen Gegenstand. Von Wert ist hier nur das, was Verfasser über die Abgrenzung der Kompetenzen der Schifferbrüderschaft gegenüber anderen Innungen, vor allem der der Kaufleute, sagt. -- Gleichfalls mit der Geschichte einer einzelnen Zunft, der der Schröder, beschäftigt sich A. Diestelkamp ( 1755). Lassen sich schon seit dem 13. Jahrhundert Schröder nachweisen, so treten sie uns als Innung im Jahre 1315 entgegen. Der älteste erhaltene Zunftbrief stammt aus dem Jahre 1417 und stellt eine Bestätigung der alten Freiheiten


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dar. -- Aus der anläßlich des 100jährigen Jubiläums der Magdeburger Handelskammer erschienenen Festschrift ( 1753) seien an dieser Stelle die Aufsätze von Leonhard über die Geburtsstunde der Korporation der Kaufmannschaft und über die Entstehung und Entwicklung der Börse hervorgehoben. --

II. Politische Geschichte.

Sonst ist die mittelalterliche Staatengeschichte wenig bearbeitet worden. Das Jahrhundertgedächtnis aber hat ein starkes Eingehen auf die Geschichte des Bauernkriegs gezeitigt, wobei die Person Münzers und die Schlacht bei Frankenhausen im Vordergrund stehen. Baerwald ( 939  f.) behandelt besonders die Kriegshandlungen, kommt jedoch über ältere, von ihm stark benutzte oder kritisierte Arbeiten nicht wesentlich hinaus. Sein Büchlein ist aber für Geschichtsfreunde und weitere Kreise nützlich zu lesen, zumal es auch in die quellenkritischen Fragen einführt.

a) Archivwesen und Handschriftenkunde.

Einen alten Plan wieder aufnehmend, verheißt P. Lehmann ein Buch, das die Bedeutung Fuldas als »Schriftzentrum, Überlieferungs- und Bildungsstätte« würdigen soll. Was wir von dem Werke erwarten können, lassen seine Fuldaer Studien ( 395) ahnen, an deren Ergebnissen die exakte Methode des Forschers und die Augen des gewiegten Paläographen gleichen Anteil haben. Es ist ihm gelungen, in einer bekannten Baseler Handschrift (Basel  F III) ein Fuldaer Bücherverzeichnis festzustellen, das er in die letzten Jahrzehnte vor 800 weist. Bei der Besprechung der bisher bekannten Bücherverzeichnisse und der von ihm früher gegebenen Übersicht über die noch vorhandenen Fuldaer Handschriften kann er berichtigen und ergänzen. Beachtenswert sind seine an den Umschlägen der ältesten Fuldaer Handschriften gemachten Beobachtungen. Und seine weitausholenden Untersuchungen der Annales Fuldenses antiquissimi, deren Handschriften er übrigens als erster nebeneinander benutzt hat, sind nicht nur paläographisch von Bedeutung, der Monacensis (München, Staatsbibliothek Cod. lat. 14 641) tritt jetzt gleichberechtigt neben den bisher


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als das Original angesehenen Vindobonensis (Wien Ms. 460), sie sind aufschlußreich für den von Lehmann besonders betonten und als nachhaltig bezeichneten angelsächsischen Einfluß in Fulda. Lehmanns Arbeiten erfahren eine Würdigung durch den besonderen Aufsatz Redlichs ( 114), dessen Eingehen auf Lehmanns Untersuchung: Quot et quorum libri fuerint in libraria Fuldensi ( 113) zu begrüßen ist, da sie nur schwer zugänglich ist.

II. Gesamtdarstellungen.

Der von  F. Dreher ( 295) verfaßte Führer durch die ehemalige Reichsstadt Friedberg i. H. vereint mit guter Ausstattung und flüssiger Darstellung einen wissenschaftlich wohlbegründeten Inhalt, aus dem der kurze Abriß der Geschichte Friedbergs, die Beschreibung der alten Reichsburg, der Liebfrauenkirche (Stadtkirche) und des Judenbades erwähnt sei. Prof. Dr. Blecher hat eine Beschreibung des Wetterauer Museums beigesteuert.

III. Historische Landeskunde.

In sehr vorsichtiger, aber doch überzeugender Weise bringt Georg Wolff ( 555) seine Beobachtungen über die örtliche Gruppierung der mit -heim zusammengesetzten Ortsnamen der Wetterau als ein Hilfsmittel zur Kenntnis, das fränkische Königsgut in seiner


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ursprünglichen Ausdehnung in der Wetterau festzustellen. Die -heim-Orte bezeichnen nach ihm die schon früh an verdiente Franken ausgegebenen und wenigstens in der älteren Periode nach ihnen benannten Teile des Königsguts, d. h. des den Franken von den die Römer ablösenden Alemannen überlassenen fiskalischen Gebiets der Römer. In der Dichte der -heim-Orte, besonders im Süden der Wetterau, in ihrem allmählichen Abnehmen nach dem Norden zu sieht Wolff einen Beweis für die intensivere fränkische Kolonisation des fruchtbaren Lößgebiets der Wetterau im Gegensatz zu der bloßen Einbeziehung der chattisch-hessischen und thüringischen Gebiete in ihr Reich. --  F. Pfaff ( 554) beschäftigt sich mit der Frage der Entstehung der hessischen Städte, sich aber auf den ihm besonders vertrauten Bezirk des hessischen Diemellandes beschränkend. Die herrschende Ansicht findet durch seine Untersuchungen ihre Bestätigung. Von den Städten der älteren bis in den Beginn des 13. Jahrhunderts reichenden Periode sind drei aus Höfen zu einer Marktsiedlung erwachsen, während nur eine (Wolfhagen) eine planmäßige Gründung als Festung aufzuweisen hat. Die Zeit des ausgehenden 13. Jahrhunderts, in der Hessen seine Herrschaft im Diemellande zu befestigen begann, sah nur planmäßige Gründungen zum Zweck der Sicherung bzw. Erweiterung der Rechte und Gebiete. Neben dem hessischen Landgrafen Heinrich I. traten noch als Gründer ein Angehöriger des Ritter- und des Dynastenstandes auf. Die jüngste Stadt Karlshafen verdankte ihre Gründung wirtschaftlichen Erwägungen des Landgrafen Karl, der hier 1699 Hugenotten und Waldenser ansiedelte.

§ 62. Westfalen.

(J. Bauermann bzw.  F. Flaskamp.)

II. Stadtgeschichte.

Eine größere Zahl Arbeiten, zum Teil hervorgerufen durch die anschwellenden heimatgeschichtlichen Bestrebungen, sind für das Gebiet der Stadtgeschichte zu verzeichnen. Rein auf den Zweck ortsgeschichtlicher Belehrung weiterer Kreise eingestellt und ihrem wissenschaftlichen Gehalt nach dürftig sind die Bücher von Klute ( 305), bemerkenswert allenfalls wegen ausführlicher Mitteilungen über das Stift Fröndenberg und seinen heutigen Zustand, und von W. Vinke ( 304a). Sehr viel höher steht Ruprecht Ewalds O.  F. M. Geschichte der Stadt Brakel ( 304b), allein schon durch die Fülle von Einzelheiten, die er in geschickter und sachkundiger Verarbeitung darbietet.

VI. Lokal- und Territorialgeschichte der Neuzeit.

Eickhoff, H., Zur Geschichte der Stadt Gütersloh und der Nachbarstädte des Kreises Wiedenbrück. Einwohnerbuch des Kreises Wiedenbrück, 5. Aufl., Gütersloh (L. Flöttmann) 1925, S. 5--10, vervollständigt in Zahlen und Namen Eickhoffs frühere Arbeiten aus diesem Felde (vgl.  F. Flaskamp in »Westfalen« 12, 1924/25, S. 82 ff.), besonders seine zusammenfassenden Darstellungen »Geschichte der Stadt und Gemeinde Gütersloh« (v. J. 1904) und »Der Kreis Wiedenbrück in Vergangenheit und Gegenwart« (v. J. 1921). Sprachgeschichtlicher Forschung wird im Einwohnerbuch selbst (S. 295--312) nunmehr eine geschlossene Sammlung der sonderlichen Eigennamen des Verler Landes geboten, denen auch schon H. Wix, Studien zur westfälischen Dialektgeographie im Süden des Teutoburgerwaldes, Marburg 1921, Beachtung geschenkt hat. -- Gleichfalls zur Hundertjahrfeier der Stadt Gütersloh erschien in der Sammlung »Deutschlands Städtebau« eine Monographie »Gütersloh«, Berlin-Halensee, Dari (Deutscher Architektur- und Industrie-Verlag). 4°, 109 S., mit zahlreichen Abbildungen, M. 3,--; geb. M. 6,--. J. Richter behandelt S. 5--32 die Geschichte Güterslohs, L. Schluckebier S. 33--63 die äußere Stadtentwicklung; es folgen S. 64--109 aus der Feder von Fachleuten Darstellungen des regen wirtschaftlichen Lebens (Textil-, Holz-, Fleischwarenindustrie usw.), worin Güterslohs Entwicklung aus dem Dorfe von 1825 zur bedeutenden Stadt von 1925 vornehmlich gründet. --Westfälische Neueste Nachrichten. Festschrift zum 25jährigen Jubiläum. Bielefeld, Gundlach. 2°, 84 S., mit zahlreichen Abbildungen, enthält Aufsätze zur Geschichte des Ravensberger Landes, u. a. E. Schoneweg, Die ravensbergische Erweckungsbewegung und die Anstalt Bethel; ohne Namen, Die Arbeiterbewegung in Bielefeld. [Flaskamp.]

I. Gesamtdarstellungen.

Sollte die Jahrtausendfeier ein kraftvolles Bekenntnis der Rheinlande zum Reich werden, so galt es, auf dem letztgenannten Werke fußend, Umfassendes


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zu bieten. In erstaunlicher Frische hat A. Schulte ( 253) die große Leistung vollbracht, einen ausführlichen Überblick über dieses Jahrtausend rheinischer Geschichte zu geben. Da der Provinzialausschuß der Rheinprovinz (erst im Herbst 1924!) ihm den Auftrag erteilte, dieses Werk zu schreiben, beschränkt sich die Darstellung im wesentlichen auf die Rheinprovinz. Trotzdem dürfen wir es an erster Stelle nennen, denn keine andere Darstellung kommt der Schultes gleich in der Anmut und Schlichtheit ihrer Diktion, in der wohltuenden Objektivität der Schilderung und in der vollen Beherrschung des Stoffs und der Literatur. Diese eminente Leistung wird keineswegs dadurch beeinträchtigt, daß ein Stab von Mitarbeitern ihm zur Seite trat: M. Braubach für die politische Geschichte der französischen Zeit,  F. Steinbach für die Agrargeschichte, A. Wirminghaus für die Wirtschaftsgeschichte, W. Poethen für die neuere Literaturgeschichte und -- was sehr in die Wagschale fällt --Paul Clemen für die Kunstgeschichte. Letzterem ist auch die künstlerische Ausstattung des Werkes zu danken, dessen Grundgedanken Schulte ( 254) an anderer Stelle in knapper Weise zusammengefaßt hat.

I. Gesamtdarstellungen.

Neben dieses als Prachtband ausgestattete Sammelwerk treten zwei weitere Sammelwerke, deren einzelne Aufsätze Beachtung verdienen. Das eine, unter dem Titel »Der Westdeutsche Volksboden« ( 257) von W. Volz herausgegeben, bietet eine Reihe von Vorträgen dar, die bereits 1924 gehalten und dann zu Aufsätzen erweitert wurden. Sie sollen die Öffentlichkeit aufklären über den tausendjährigen Kampf des Franzosentums gegen den westdeutschen Volksboden, der sich »auf alle Gebiete des Lebens, Denkens und Fühlens erstreckt«. Hier sucht zunächst A. Hettner verständlich zu machen, wie Frankreich durch seine überaus günstige geographische Lage und die zentralisierte Bodengestaltung früh zu Kultur und einem einheitlichen Nationalstaat gekommen ist. Gegenüber den haltlosen Behauptungen eines Vidal de la Blache und Brunhes zeigt  F. Metz die Einheit der oberrheinischen Ebene sowie die Übereinstimmung der Kultur usw. auf beiden Rheinufern auf und schließt daran die Mahnung, den Glauben an das Deutschtum der Elsässer nicht zu verlieren. Ganz damit überein stimmen auch die Ausführungen G. Wolframs über den Rhein als natürliche Grenze. Hier wird auch die Behauptung bekämpft, daß die Elsässer als keltische Stammesgenossen und die Orte auf -weiler als gallorömische Gründungen anzusprechen seien. Wolfram weist überzeugend nach, daß die Weilernamen erst in nachrömischer Zeit entstanden sein können. Endlich zeigt er den grundlegenden Unterschied im Hausbau des Elsaß gegenüber dem in Lothringen auf und kommt zu dem Schluß, daß schon seit Cäsars Zeit das Elsaß keltenfrei und rein germanisch besiedelt war. Weitere Ausführungen über die Bevölkerung der Rheinlande im Altertum gibt  F. Koepp, der feststellt, daß die Kelten weder im Rheinland noch auch in Frankreich selbst autochthon waren. Die Denkmäler der La-Tène-Kultur bezeugen die Anwesenheit der Kelten höchstens für die letzten vier Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung. Koenig gibt eine eingehende Übersicht über den verlorenen Reichsboden von der Zeit der deutschen Kaiserherrlichkeit bis zum 19. Jahrhundert und von verlorenem Volksboden. Auf den Aufsatz Platzhoffs über den tausendjährigen Kampf um die deutsche Westgrenze, von dem hier nur ein Auszug vorliegt, werden wir noch zu sprechen kommen. Wertvoll ist der Aufsatz von E. Wechßler, der zum Teil von literarischen Gesichtspunkten aus eine feinsinnige, gedankenreiche Skizze des Aufbaues der französischen Nation im Mittelalter, Neuzeit und Gegenwart auf den drei Stufen Bildungsgemeinschaft (Civilisation), Staatsgemeinschaft (Patrie) und Volkgemeinschaft (Nation) entwirft. Für manchen wird es erwünscht sein, durch den Aufsatz von Kaden einen Einblick in Organisation, Umfang und Ziele der französischen Kulturpropaganda gewinnen zu können.

I. Gesamtdarstellungen.

Ein weiteres Sammelwerk unter dem Titel »Frankreich und der Rhein« ( 258) verdanken wir den Dozenten der Universität Frankfurt. Diese Beiträge zur Geschichte und geistigen Kultur des Rheinlandes bieten ein gediegenes Rüstzeug zum Verständnis der rheinischen Geschichte und der Psyche unseres westlichen Nachbarn. Entstanden aus Vorträgen, die von den Verfassern im Wintersemester 1923/24 gehalten worden sind, behandeln sie vor allem die Frage nach der Zugehörigkeit des linken Rheinufers. G. Wolfram weist in dem Aufsatz »Entstehung der nationalen und politischen Grenzen im Westen« mit guten Gründen die französischen Ansprüche zurück. Ihm, dem ausgezeichneten Kenner der Geschichte von Elsaß-Lothringen, ist es ein leichtes, für das oberrheinische Gebiet besonders anschaulich zu machen (auch an der Hand einer guten Kartenbeilage), wie Volkstum, Siedlungsform und staatliche Entwicklung beide Rheinufer verbinden. In den Bestimmungen des Vertrages von Ribémont (880) sieht er die endgültige Abgrenzung zwischen Deutschland und Frankreich, wie sie im wesentlichen bis 1648 bestanden hat.  F. Schneider, der von 880 ab die Geschichte der lothringischen Frage bis zum Interregnum führt, lehnt dementsprechend auch die Bedeutung des Jahres 925 als Jubiläumsjahr ab. Die unnationale Universalpolitik der Kaiser unterwirft er in seiner gedankenreichen Darstellung einer herben Kritik. Ebenso wie W. Platzhoff, der die französische Ausdehnungspolitik von 1250 bis zur Gegenwart behandelt, befindet er sich mit Kerns Buch (von 1910) in Übereinstimmung. Sehr überzeugend zeigt Platzhoff, daß der französische Revanchegedanke sich nicht nur an der Wiedergewinnung von Elsaß-Lothringen entzündete, sondern immer die Rheingrenze als Ziel im Auge behielt.

I. Gesamtdarstellungen.

R. Kautzsch behandelt »die rheinische Kunst und Frankreich« und kommt zu dem Ergebnis, daß in der rheinischen Kunst überraschend wenig Französisches ist. »Die rheinische Kunst ist kein Sproß oder Zweig der französischen, vielmehr ein besonders reiches, besonders feines und besonders deutsches Glied unserer großen deutschen Kunst.« Eine Fülle schöner Abbildungen, die zu diesem Aufsatz gehören, ist über das ganze Buch hin zerstreut. -- Zum Schluß sucht  F. Schultz den nationalen Charakter der rheinischen Literatur zu erweisen, freilich unter Betonung der wesentlich anderen Voraussetzungen, die gemäß dem Wesen rein geistiger und literarischer Gebilde in Betracht kommen. Ist doch z. B. die mittelalterliche Literatur Europas ein internationales Gebilde und an keinen Raum gebunden. Das Problem »Frankreich und der Rhein« wird eigentlich erst in der napoleonischen Zeit für die deutsche Literatur von tiefer Bedeutung, und erst seit 1815 spielen die Rheinlande auf diesem Gebiet eine besondere Rolle. Diesem rheinischen Schrifttum in seiner Verbundenheit mit dem vaterländischen Denken sucht der Aufsatz gerecht zu werden.

I. Gesamtdarstellungen.

Die Ausführungen in den Beiträgen zur Heimatgeschichte des Kreises Geilenkirchen ( 278) verdienen insofern Beachtung, als dieser ursprünglich ganz auf Landwirtschaft eingestellte Grenzkreis durch das Eindringen der Industrie starke Wandlungen erfahren hat. Neben einem guten Überblick über die Geschichte der Herren von Geilenkirchen finden wir eine zuverlässige Darstellung der jülichschen Mannkammer. Auch eine Untersuchung der Ortsnamen im Zusammenhang mit der Siedlungsgeschichte sowie ein Abriß der Wirtschaftsgeschichte bieten Beachtenswertes. -- In den populär gehaltenen, aber sicher fundierten Aufsätzen des »Mayengau« ( 279) haben die Benediktiner von Maria Laach die Vergangenheit dieses westlich von Koblenz gelegenen, von Mosel und Rhein eingefaßten Landstrichs aufzuhellen gesucht. Förster behandelt Entstehung, Rechtsverhältnisse und Lage des Gaues, der urkundlich sicher schon 755 bezeugt ist. Die Ausführungen von Hilpisch über Kirchen und Klöster (besonders Maria Laach) ergänzen die von Schippers über die kirchliche Baukunst. Letzterer widmet auch den Legenden und Sagen einen fesselnden Abschnitt und zeigt zusammen mit Hopmann, wie die Bodenschätze des Gaues zu Bauten und Plastiken verwandt wurden. Auch einige charakteristische Porträtsiegel teilt er aus diesem Gebiet mit. -- Die Aufsätze von O. R. Redlich und  F. Lau ( 283) beruhen durchweg auf archivalischen Studien. Redlich behandelt u. a. die alten Rheinorte Monheim, Bürgel, Zons und Urdenbach und kommt hinsichtlich der Zeit des Rheindurchbruchs bei Zons zu neuen Ergebnissen. Seine hier veröffentlichten Aufsätze zur Geschichte der Industrie werden unten noch Erwähnung finden, ebenso sein Aufsatz über Karl Theodor. Aus den Beiträgen von Lau zur Geschichte der Stadt Düsseldorf ist besonders beachtenswert die Kritik an einer Ansicht in Merians Westfälischer Topographie, die zu ähnlichen Prüfungen Veranlassung geben sollte. Auch die Ausführungen über die zweite Gemahlin des pfälzischen Kurfürsten Johann Wilhelm beseitigen bisher herrschende unrichtige Auffassungen, und der Aufsatz über Joh. Wilhelms Bankier Joseph Jacobs (den Urgroßvater Heinrich Heines) bietet einen interessanten Beitrag zur Charakteristik der Hofjuden. Eine sehr wertvolle Untersuchung bietet Lau über die Architektenfamilie Pasqualini, deren amtliche Bautätigkeit hauptsächlich der Festung Jülich zugute kam. Sie wird von den Kunsthistorikern eingehend zu würdigen sein. -- In den Beiträgen zur Geschichte der Stadt Bad Ems ( 287) sind besonders die Ausführungen von P. Wagner zur Rechts- und Verfassungsgeschichte der Stadt ergebnisreich. Sie erstrecken sich auf Siegel und Wappen der Stadt. --


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Schließlich ist hier noch das Büchlein von  F. Körholz ( 307) zu nennen, der in knapper Form das Wichtigste aus der Werdener Geschichte in abgerundeten Bildern bietet. Als Hilfsbuch für den heimatkundlichen Unterricht kann es vorzügliche Dienste leisten. Aber auch dem Anspruchsvolleren ist eine solche Orientierung erwünscht, da es an einer neueren Darstellung der Werdener Geschichte fehlt und da hier doch schon die Ergebnisse der Studien Kötzschkes verwertet sind. Trotz der gedrängten Form ist z. B. auch über Verfassung und Verwaltung der Stadt alles Wesentliche gesagt. Auch eine Karte des Stifts ist dem Heftchen beigegeben.

III. Geschichte in chronologischer Reihenfolge.

In einer kleinen Studie stellt O. R. Redlich ( 1042) die Verdienste des Kurfürsten Karl Theodor um Düsseldorf zusammen, die auf kulturellem Gebiet liegen. -- Die Franzosenzeit am Rhein (1794--1814) hat gerade im Hinblick auf die heutigen Verhältnisse zum Vergleich herausgefordert. Die von O. Koellreuter ( 1070) veröffentlichten Briefe der Fritze Jacobi, der Schwägerin des Philosophen  F. H. Jacobi (sie wird als talentvollste und geistreichste der Töchter v. Clermonts in Vaals bezeichnet), an ihren Vetter Hausmann 1797--99 aus Düsseldorf gesandt, zeigen, daß die Franzosen sich damals in Düsseldorf keineswegs Sympathien zu erwerben verstanden. Als Stimmungsbilder sind die frisch und geistreich hingeworfenen Briefe recht lesenswert. -- Auf Studien in den Verwaltungsakten des Kölner Stadtarchivs gründet sich eine Fülle kleiner Aufsätze zur Geschichte der Fremdherrschaft in Köln, die J. Bayer ( 1071) jetzt gesammelt herausgegeben hat. Bemerkenswert sind die hier (S. 148) mitgeteilten Pläne Napoleons über die Rheinbefestigung in Koblenz und Köln.

IV. Rechts- und Verfassungsgeschichte.

Die umfangreiche Publikation von  F. Küch ( 1678a) ist das Ergebnis einer überaus entsagungsvollen Arbeit, denn der Umfang der weitschweifigen ständischen Verhandlungen des 17. Jahrhunderts steht im umgekehrten Verhältnis zu ihrem Wert. Die Edition verdient die größte Anerkennung. Sie wird durch einen guten Überblick über die Entwicklung der politischen Verhältnisse von 1611--24 eingeleitet. Einzig das Fehlen von Registern ist bei dieser mühevollen Publikation zu beklagen.

VI. Kirchen- und Kirchenverfassungsgeschichte.

An grundlegenden Arbeiten über die ältere Geschichte der rheinischen Erzstifter hat es im Berichtsjahre gefehlt. Immerhin sind eine Reihe Einzelschriften und Aufsätze erschienen, die Beachtenswertes bieten. Dem Bestreben des Trierer Erzbischofs, den Primat über das belgische Gallien und damit über Reims zu erlangen, liegt, wie G. Kentenich im Trierer Heimatbuch ( 275) nachweist,


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die Trierer Gründungssage von Trebeta, dem Sohn der Semiramis, zugrunde. Im Codex Udalrici von 1125 wird die Trebeta-Inschrift zuerst überliefert. -- Dem Kölner Erzbischof Engelbert I. von Berg, dem Heiligen, widmet H. Foerster ( 2028a) eine populär geschriebene Biographie. Es ist ihm gut gelungen, das innere Wachstum dieses bedeutenden Kirchenfürsten und Politikers herauszuarbeiten. Bei der Schilderung seiner Ermordung hält er sich allzu streng an die psychologisch vielfach anfechtbare Darstellung des Caesarius von Heisterbach und wandelt dabei ganz in den Bahnen Fickers. -- Für einzelne Stifter und Klöster liegen manche Arbeiten vor, die auch für das Allgemeine nicht ohne Ertrag sind. -- G. J. Schorn ( 2085) will auf Grund archivalischer Studien ein Bild des ältesten Mainzer Kollegiatstifts, seines Werdens und Wirkens sowie seines inneren Aufbaues geben. Er bietet eine ganz übersichtliche populäre Darstellung, die freilich wenig individuelle Züge aufzeigen kann. -- A. Bach ( 2088) behandelt zunächst die Grundherrschaft des Koblenzer St. Kastorstifts in Ems, die schon um das Jahr 1000 bestanden haben wird, an der Hand eines hier veröffentlichten Weistums des 14. oder 15. Jahrhunderts, sowie die Vogtei der Grafen von Nassau. Seine weiteren Ausführungen gelten dem Umfang des alten Kirchspiels Ems, der Ausübung des Patronats durch das Kastorstift und dem Umfang der Zehntverpflichtung. Die Arbeit schließt mit einem Überblick über die Geschichte des stiftischen Besitzes in Ems. --  F. Baix ( 2089) bietet den ersten Band einer Geschichte der Reichsabtei Stablo-Malmedy, an der es bisher trotz der grundlegenden Arbeiten von J. Halkin fehlte. Er führt sie bis zum Regierungsantritt des Abts Poppo ( 1021) und berücksichtigt dabei sowohl die äußeren Schicksale wie die wirtschaftlichen und rechtlichen Verhältnisse der Abtei, nicht minder die künstlerische und literarische Tätigkeit ihrer Insassen. -- Als 3. Teil der Werdener Geschichtsquellen veröffentlicht Otto Schantz (Werden 1925) Bernhard Roskamps Katalog nach der Originalhandschrift. Er ist besonders für die Zeit nach der Reformation des Klosters Werden wertvoll. Jeder Novize wird hier gleich bei seinem Eintritt nach Namen, Herkunft, Geburt eingetragen. Dann folgen die Daten der Einkleidung, Profeßleistung, der verschiedenen Weihen und der Übertragung einzelner Ämter und Würden. So bietet er einen guten Einblick in die inneren Verhältnisse.

I. Bibliographie. Archive. Bibliotheken.

An Stelle der Übersichten über die elsässische Geschichtsliteratur, die vor dem Kriege von Marckwald, Kaiser u. a. in der Zeitschrift  f. d. Gesch. d. Oberrheins alljährlich veröffentlicht wurden, wird der deutsche Forscher jetzt die elsaß-lothringischen Bibliographien Poewes im Elsaß-Lothringischen Jahrbuch benutzen ( 36). Von französischer Seite ist diese Verkoppelung der beiden Landschaften getadelt worden. Wenn nun auch etwa der Versuch, eine elsaß-lothringische Geschichte zu schreiben, wie ihn Karl Stählin unternommen hat, auf starke Bedenken stoßen muß, so scheint es mir doch durchaus zulässig und jedenfalls dem heutigen Interesse des deutschen Publikums entsprechend, wenn vermischte Aufsätze und bibliographische Angaben über beide Länder in einem gemeinsamen Rahmen dargeboten werden. Die Franzosen bevorzugen das System der getrennten Behandlung. Während von der elsässischen Bibliographie, die von der Straßburger Faculté des Lettres herausgegeben wird, im Berichtsjahr keine neue Lieferung erschienen ist, hat die Bibliographie Lorraine, die als Teil der Annales de l'Est erscheint, eine umfangreiche, für den Spezialforscher unentbehrliche Fortsetzung erfahren ( 37), nicht in Form einer rein bibliographischen Aufzählung, sondern ausführlicher kritischer Besprechungen, die manche wertvolle Einzelheit bieten; deutsche Publikationen werden freilich nur in Auswahl berücksichtigt und nicht immer mit der nötigen Objektivität beurteilt.

II. Geschichtliche Landeskunde.

Eine höchst wertvolle Ergänzung zu Theobald Walters Alsatia superior sepulta bietet der Abdruck des die Jahre 1357--1525 umfassenden Nekrologs der Schlettstadter Pfarrkirche durch J. Clauß ( 450) und die beigegebene systematische Zusammenstellung aller Schlettstadter Grabinschriften von 1306 bis 1781. Es genügt, die Namen Dringenberg, Wimpheling und Beatus Rhenanus zu nennen, um den über das rein familien- und lokalgeschichtliche Interesse sich erhebenden Wert der Publikation zu kennzeichnen. Besonders erwähnt seien die Abbildungen der Totenbüste, die nach einem i. J. 1892 aufgefundenen Kalkabguß angefertigt wurde und wahrscheinlich Adelheid v. Büren darstellt. Zur richtigen Datierung der auf S. 1097 abgedruckten Urkunden ist auf die Ausführungen Hessels (Zeitschr.  f. d. Gesch. d. Oberrheins N.  F. XXX, 289) zu verweisen.

II. Gesamtdarstellungen.

Die Reichenauer Mönche Tatto, später Lehrer an der Schule, und Grimalt, nachmals Erzkaplan Ludwigs des Deutschen und Abt von St. Gallen, sandten im Jahre 817 dem Bibliothekar Reginbert eine Abschrift der Regel des hl. Benedikt, die heute den reinsten Wortlaut wiedergibt (St. Gallen Cod. 914). Im Anschluß an dies wichtige Ereignis gehen P. M. Rothenhäusler und K. Beyerle der Klosterverfassung, der Gebetsverbrüderung und dem Ämterwesen nach. Im Anschluß an die römische Liturgie schreiben A. Manser und K. Beyerle über die liturgische Grundrichtung der Reichenau, über die Reliquienschätze, die Jahrzeitstiftungen und Karitäten (so die Memorienstiftung des Grafen Eberhard d. Seligen von Nellenburg vom Jahre 1056) und gewinnen dabei auch


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für Kunst und Dichtung wichtige Aufschlüsse. E. Göller untersucht die Sonderstellung der Reichenau. Sehr wichtig war das Privileg des deutschen Papstes Gregor V. (986--999), daß die Äbte der Reichenau vom Papste konsekriert werden sollten. In der Mitte des 11. Jahrhunderts bahnte sich die Exemtion des Klosters an, mit der sich die Bischöfe von Konstanz abfinden mußten. Hadrian IV. (1154--1159) gewährte Inful, Ring und Banngewalt. Als die Romfahrten zu kostspielig wurden, erhielt das Kloster das Privileg, daß die Äbte einen beliebigen Bischof um die Weihe bitten konnten: der Bischof von Konstanz ist niemals aufgefordert worden, das verbot die Reichenauische Tradition.  F. Beyerle handelt über die Grundherrschaft der Reichenau, Immunität und Hofrecht werden erörtert. K. Beyerle beschäftigt sich mit den Marktgründungen der Reichenau in Allensbach -- die bekannte Markturkunde vom 2. Mai 1075 (Orig. G.L.A. Karlsruhe) zeigt, wie der Abt Eggehard vorging, dem der eigene Vater, Graf Eberhard von Nellenburg, in Schaffhausen ein gutes Beispiel gegeben hatte --; in Radolfzell; auf der Insel selbst: »der Markt Reichenau lag dem Klosterkomplex gerade gegenüber«; in Steckborn und geht zum Schluß auf die Entstehung der Gemeinde Reichenau ein. L. Braumann-Honsell beschäftigt sich mit den Gewässern der Insel und gibt einen Beitrag zu ihrem wirtschaftlichen Leben. Da wir keine Vorstellung davon haben, »was für Prägebilder die Äbte im Früh- und Hochmittelalter auf ihre Münzen setzen ließen«, versucht Roller zunächst aus den überlieferten Urkunden festzustellen, zu welchen Zeiten die Äbte Münzen geschlagen haben, und prüft dann die bisher der Reichenau zugewiesenen Stücke. Im Zusammenhang mit seinen bekannten Forschungen geht A. Schulte ein auf die Zusammensetzung des Konvents nach dem Geburtsstande und richtet seine Aufmerksamkeit auf die Ministerialen, die Lehensleute aus hohem und niederem Adel und der Bürgerschaft.

III. Quellen und Darstellungen nach der Reihenfolge der Ereignisse.

Schellhaß ( 2210) druckt die früher in der Zeitschrift für Geschichte des Oberrheins Bd. 71 (N.  F. 32, 1917) und Bd. 72 (N.  F. 33, 1918) veröffentlichten Aufsätze wieder ab und fügt zu diesen fünf Kapiteln auf Grund von Petershausischen und anderen Akten ein sechstes hinzu. Erlangte die Stadt Zürich in dem erbitterten Kampf um Petershausen und Stein freie Verfügung über wichtige Dokumente und Wertsachen, so trug auch die Kurie durch Beseitigung der Äbte Funck und Geiger (Gyger) einen Erfolg davon, indem straffere Zucht im Bistum Konstanz eingeführt werden konnte. Ein ausführliches Inhaltsverzeichnis ist beigegeben, in das auch alle Namen aufgenommen sind.

IV. Ortsgeschichte.

Die überaus umfangreiche ortsgeschichtliche Literatur kann hier natürlich nur in ganz strenger Auswahl vorgeführt werden. Wir beginnen mit dem seit dem 14. Jahrhundert im habsburgischen Besitz befindlichen Donaustädtchen Ehingen. Die von dem greisen Oberstudienrat Dr. Hehle herausgegebene Auswahl aus seinen zahlreichen geschichtlichen Studien über die Stadt und ihre Umgegend (Geschichtliche Forschungen über Ehingen und Umgegend. Ehingen, Ortmann 1925) vermittelt in anspruchsloser, nicht immer freilich genügend kritischer Form dankenswert Einblicke in die kriegerischen Schicksale und die innere, kirchliche und kulturelle Geschichte der Stadt; von Wert sind auch die kurzen biographischen Skizzen über den aus Ehingen gebürtigen Humanisten Jacob Locher und den der Umgegend Ehingens enstammenden Astronomen Joh. Stöffler. -- Die Sammlung


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von Aufsätzen des früheren Eßlinger Stadtarchivars P. Eberhardt ( 245) enthält im wesentlichen Beiträge zur historischen Topographie der alten Reichsstadt Eßlingen (Häusergeschichte), neben denen kleine Untersuchungen über geschichtliche Ortssagen und bekanntere Eßlinger Familien u. dergl. zurücktreten. Eine wichtige Ergänzung zu den Forschungen K. O. Müllers und J. Zellers über die ältere Geschichte des heutigen Friedrichshafen, der früheren Reichsstadt Buchhorn, bildet die etwas breit angelegte, aber auf Grund eingehender archivalischer und quellenkritischer Studien durchgeführte rechtsgeschichtliche Abhandlung Ludwig Baurs über die Geschichte des kirchlichen Pfründenwesens in der Reichsstadt Buchhorn ( 2127), die zwar keine erschöpfende Geschichte der Pfarrei Buchhorn geben will, aber einer solchen recht nahe kommt. Die kirchengeschichtlich überaus interessante, recht komplizierte Entwicklung der Pfarrei wird klar herausgearbeitet. Für Heilbronn sind drei gründlich gearbeitete Aufsätze von M. von Rauch zu nennen: 1. »Die Erer in Heilbronn« ( 470a), wo die Geschichte der vom 14. bis zum 16. Jahrhundert in Heilbronn blühenden adligen Familien der Erer, die der Stadt eine Reihe tüchtiger, in der Geschichte hervortretender Bürgermeister geliefert hat, geschildert wird; 2. »Die Heilbronner Kauf- und Ratsherrnfamilie Orth« ( 485a), deren Geschicke uns einen wertvollen Einblick in das wirtschaftliche und geistige Leben der Reichsstadt vermittelt; 3. schließlich berichtet R. uns noch von Geldgeschäften und verwandtschaftlichen Beziehungen Konrad Wimpinas in H. (Bll. württ. Kirchengesch. N.  F. 29, 116--120). E. Mack ( 1880  f.) fährt mit der von ihm beliebten, durch Verzettelung der Kräfte und Mangel an sachlicher Verarbeitung nicht gerade vorbildlichen Einzelveröffentlichung von Materialien zur Geschichte Rottweils fort: durch Herausgabe zweier Aktenstücke aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die für die Wirtschaftsgeschichte der Stadt ein gewisses Interesse bieten, ferner durch Wiederabdruck des von dem Rottweiler Stadtarchivar Schultheiß verfaßten Artikels »Rottweil« aus dem 1791/92 zu Ulm erschienenen Röderschen Lexikon von Schwaben. -- Umfangreich und zum Teil recht wertvoll ist die Literatur zur Geschichte der alten Reichsstadt Ulm. Die Frage nach den ältesten geschichtlichen Siedlungen auf dem Boden Ulms, zu der in den eifrigen, leider über zahllose kleine Aufsätze und Artikel zerstreuten topographischen Studien Adolf Kölles treffliche Vorarbeiten vorliegen, hat durch die aufschlußreichen Ergebnisse der Forschungen Max Ernsts über die Beziehungen des Klosters Reichenau zum ältesten Ulm (Mitteilungen des Vereins für Kunst und Altertum in Ulm 23 [1924]) neues Interesse gewonnen. In diesen Zusammenhang gehört auch der Versuch L. Traubs ( 676), den Namen »Ulm« aus einem vermutungsweise erschlossenen alten keltischen Namen des Blauflusses abzuleiten, der von dem Flußlauf auf die an seiner Mündung in die Donau gelegene Siedlung übertragen worden wäre. P. Gößler (Ulm. Oberschwaben. Mitteil. d. Ver. ... 24, 5--22) sucht in einem lehrreichen Überblick über die Geschichte des Ulmer Bodens und seiner Besiedlung von der Bronzezeit bis in die alemannische Epoche von der Seite der Vorgeschichte her die Verbindung mit den wichtigen Feststellungen, die Ernst und Kölle über das Ulm der Merowinger- und Karolingerzeit gemacht haben, herzustellen. Einen wertvollen Beitrag zur mittelalterlichen Verfassungsgeschichte Ulms stellt die eindringende Untersuchung Martin Fehls ( 1602) über den vielerörterten Vogteivertrag

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dar, den Ulm 1255 mit Graf Albrecht IV. von Dillingen abschloß. Im Gegensatz zu der bisherigen Auffassung, daß mit diesem Vertrag sich die stauferfreundliche Stadt nach dem Tode des letzten Staufenkaisers dem stauferfeindlichen Grafen von Dillingen unterworfen und ihm die alten Vogteirechte wieder zugestanden habe, kommt Fehl zu dem gut begründeten Ergebnis, daß in Ulm vor dem Vertrag keinerlei Vogtei bestanden, vielmehr höchstens die im 12. Jahrhundert ausgestorbene pfalzgräfliche Linie der Dillingen als Inhaberin der schwäbischen Pfalzgrafschaft der Vogtei verwandte Rechte in Ulm im Besitz gehabt habe. Fehl sieht in dem Abschluß des Vertrags den Ausfluß einer bewußt arbeitenden Sicherungs- und Territorialpolitik der Stadt, die als die stärkere Partei um den Preis geringer, ihrer Selbständigkeit kaum abträglicher Zugeständnisse den in Ulm und Umgebung reich begüterten Grafen an sich fesselte und durch Einbeziehung des Landgerichts extra civitatem in die Vogteibefugnisse sich einen wesentlichen Einfluß in der weiteren Umgegend und damit die Grundlagen zu einer städtischen Territorialpolitik zu schaffen verstand. Vogtei und Schultheißenamt und das Verhältnis des Ulmer Stadtrechts zum Vogteivertrag werden in grundlegender Weise erörtert. Die Arbeit dürfte den wichtigeren Untersuchungen auf dem Gebiete der städtischen Verfassungsgeschichte zuzurechnen sein. -- Ein Bild von der großen Stadterweiterung und Neubefestigung, die die Stadt Ulm im Zeitalter Ludwigs des Bayern durchführte, entwirft der schon oben rühmend hervorgehobene Erforscher der geschichtlichen Topographie Ulms, Adolf Kölle (»Die große Stadterweiterung des 14. Jahrhunderts« in »Ulmische Blätter für heimatliche Geschichte« 1 [1924/25], S. 20 u. ö.). Dem Ulmer Humanistenkreis gehörte der Deutschordenskaplan Hans Böhm an, dessen 1515 in der Gedichtsammlung »Liber heroicus« veröffentlichten Lobspruch auf Ulm der jüngst verschiedene Ulmer Stadtarchivar Greiner mit einer deutschen Übersetzung und einer einleitenden Abhandlung über Lebensgang und Schriften des 1535 zu Rothenburg o. d. T. verstorbenen Poeten neu zum Abdruck bringt. (»Hans Böhm und sein Loblied auf die Reichsstadt Ulm« in »Ulmische Blätter für heimatliche Geschichte« I [1924/25], S. 2 ff. u. ö.). Über das Schutz- und Trutzbündnis, in dem sich Mai 1533 zur Abwehr der kaiserlichen Bemühungen um eine Erneuerung des 1534 ablaufenden Schwäbischen Bundes Ulm mit Nürnberg und Augsburg auf sieben Jahre zunächst zusammenfand, unterrichtet uns Kurt Weißer. Auch die 1541 zustande gekommene Verlängerung des Bündnisses darf nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, daß der Versuch dieses Städtebundes, im Gegenspiel zwischen Schmalkaldenern und dem neuen kaiserlich-katholischen Bunde eine eigene, die Neutralität seiner Mitglieder sicherstellende Rolle zu behaupten, nach kurzem Anlauf gescheitert ist und schließlich ein völliges Auseinandergehen der drei Städte in ihrer Politik nicht hat verhindern können. (»Das Bündnis der drei Reichsstädte Ulm, Augsburg und Nürnberg von 1533--1547« in »Ulmer Historische Blätter« 1 [1924/25], Nr. 3 u. 4.) Einen späten, der Periode des Dreißigjährigen Krieges angehörenden Nachzügler der Ulmer Reformationsepoche behandelt S. Eberle (»Ulms Reformationsversuche 1633 und 1634.« Rottenburger Monatsschrift für praktische Theologie 8 [1924/25], S. 44 ff u. 64 ff.) in seiner auf Ulmer Archivalien beruhenden Darstellung des kurzlebigen Versuchs der Stadt, auf ihr 1632 zu Frankfurt mit Gustav Adolf abgeschlossenes Bündnis gestützt, die Säkularisation der ihrer Jurisdiktion

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unterstellten oder in ihrem Gebiet gelegenen Klöster und Kloster- wie Ordensbesitzungen, soweit diese den Anstrengungen der Stadt zum Trotz die Stürme der Reformationszeit überdauert hatten, nachträglich zu erzwingen und in den zugehörigen Kirchen und Dörfern die Reformation durchzuführen. Eine brauchbare und fleißige erste Verarbeitung des im Ulmer Stadtarchiv verwahrten Materials zur Geschichte des Ausganges der Union 1620/21 bietet Hermann Maurer ( 971). Die Urteile und Schlüsse des Verfassers verraten freilich gelegentlich einen gewissen Mangel an richtiger Einschätzung und Abwägung der verschiedenen geschichtlichen Faktoren. Die entscheidende Schuld an dem Mißgeschick eines Bündnisses, dem neben den Städten die bedeutendsten protestantischen Fürsten angehörten, zwei wirtschaftlich niedergehenden, finanziell zerrütteten und in ihrem engsten Daseinskreis unter schwerem politischen Druck stehenden Städten (Ulm, Straßburg) zuweisen zu wollen, bedeutet eine völlige Verkennung der seit dem 14./15. Jahrhundert (wo derartige Urteile eher zu begründen wären) eingetretenen Kräfteverschiebung, die den alten Reichsstädten -- von dem besser gestellten Nürnberg zunächst abgesehen -- die Möglichkeiten zu einer über ihren engsten Interessenkreis hinausgreifenden großzügigen Politik längst verschlossen hatte. Daß der wirtschaftliche Niedergang Ulms tatsächlich schon Jahrzehnte vor dem Dreißigjährigen Krieg eingesetzt hatte und durch den Krieg und seine Folgen höchstens beschleunigt und stärker akzentuiert wurde, weist A. Vorbach in einer auf eingehenden Quellenstudien sich gründenden Arbeit ( 1882) nach, die einen interessanten Beitrag zu der Frage nach den wirtschaftlichen Folgewirkungen des großen Krieges im allgemeinen darstellt. Allerdings wird man sich im Vergleich zu anderen Landstrichen immer vor Augen halten müssen, daß Ulm und sein Gebiet von der Kriegsfurie verhältnismäßig schwach heimgesucht worden ist, und daß daher z. B. aus der Tatsache, daß die Ulmer Gewerbezweige, die noch vor dem Krieg in Blüte gestanden hatten, sich rasch wieder erholten, nicht ohne weiteres Folgerungen allgemeiner Natur abgeleitet werden dürften. Wichtig für unsere Kenntnis der wirtschaftlichen und finanziellen Entwicklung Ulms ist der von dem verdienten Erforscher der schwäbischen Münzgeschichte G. Schöttle auf Grund langjähriger Studien verfaßte Überblick über die Münz- und Geldgeschichte der Stadt ( 1726) von den Anfängen bis zur Zeit nach dem Weltkrieg. Leider fließt das Quellenmaterial für die besonders interessante mittelalterliche Epoche recht dürftig, so daß der Hauptnachdruck notgedrungen auf der Darstellung der neuzeitlichen Entwicklung liegt. Die Übersicht, die uns Schöttle unter steter Herausarbeitung der Zusammenhänge mit der allgemeinen Entwicklung in Schwaben, im übrigen leider ohne jede nähere Quellenangabe im einzelnen, verschafft, ist als solche recht wertvoll, zumal die Untersuchung auch auf die weiterreichenden finanzpolitischen Maßnahmen der Stadt ausgedehnt ist. Auf mehrere kleinere, aber Neues bietende Aufsätze zur mittelalterlichen Gewerbe- und Zunftgeschichte Ulms von Hans Hasenöhrl (»Die Zunftverfassung im mittelalterlichen Ulm« in »Ulmische Blätter« 1 [1924/25], S. 65 u. ö.; »Das Lohnwesen im alten Ulm« in »Ulmer Historische Blätter« 1 [1924/25], Nr. 9; »Das Lehrlings-, Gesellen- und Meisterwesen im mittelalterlichen Ulm«, ebenda Nr. 12 ff.) sei noch hingewiesen, da sie wohl als Teilabdrucke und Seitenschosse der bisher nur im Maschinendruck vorliegenden Heidelberger Dissertation des Verfassers über die Gewerbepolitik der Stadt Ulm im 14./15. Jahrhundert anzusehen

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sind. Schließlich ist auch eine kleine Schrift von Major a. D. Erbelding ( 1088a) erwähnenswert, die die kriegerischen Ereignisse in und um Ulm während der Kämpfe zwischen Napoleon I. und den Österreichern im Jahre 1805, von Ulmer Lokalinteressen geleitet, behandelt.

VI. Kirchengeschichte.

Eine dankenswerte Fülle neuer Erkenntnisse und Einblicke in das geistige und kirchliche Leben im Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges vermittelt die


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breit angelegte, mit Liebe entworfene Schilderung der inneren Geschichte des württembergischen Pfarrerstandes in den schicksalschweren Jahrzehnten zwischen 1600 und 1675, mit deren Veröffentlichung  F. Fritz ( 2338) beginnt. Der gleiche Verfasser führt uns eine für die Tage der Landverderberin Grävenitz recht bezeichnende Episode in den Erlebnissen des Uracher Diakonus Zorer vor Augen, der 1708 der Mutter der Grävenitz das Abendmahl zu verweigern wagte ( 2343).

II. Quellen und Darstellungen.

Auf eine im Staatsarchiv Luzern aufbewahrte Sammlung von Urkunden zur Pfälzer Geschichte macht erneut E. Lind ( 183a) aufmerksam (vgl. Th. Sickel, Über Kaiserurkunden in der Schweiz S. 51; Gött. Nachr. 1904, S. 428). Einst im Besitz der Familie Gatterer wurde die Sammlung nach des jüngeren Gatterer Tod 1838 an das Kloster St. Urban bei Luzern verkauft und kam nach Aufhebung des Klosters an den Kanton. Die älteste der für die pfälzische Ortsgeschichte wichtigen Urkunden ist eine Kaiserurkunde Ludwigs II. vom Jahre 877, die jüngste stammt aus dem Jahre 1274. -- Als letzte Gabe des um die Geschichte des Bistums Freising so hochverdienten Prälaten Dr. Schlecht ( 788) legt der historische Verein Freising den 1. Teil einer Ausgabe der deutschen Freisinger Bischofschronik vor. Die Chronik, die wahrscheinlich am Beginn des 16. Jahrhunderts verfaßt wurde, liegt nur in mehreren voneinander abweichenden Abschriften vor. Der von Schlecht unter Mitwirkung von B. Arnold mit ausführlichem Kommentar veröffentlichte Teil reicht von Korbinian bis zum Tode Bischof Ottos I. ( 1158) und ist einer erst kürzlich aus dem Hauptstaatsarchiv an die Bayerische Staatsbibliothek gekommenen Handschrift (Cgm. 5805) entnommen. (Vgl. auch die Besprechung durch W. Levison oben S. 226.) -- Das Landbuch A des Amtes Bayreuth, das A. Lippert ( 1595) veröffentlicht, wurde als Steuerbuch um 1386 begonnen und bis Ende des 14. Jahrhunderts fortgesetzt. Für den Familienforscher wie für die Ortsnamenurkunde des Bayreuther Landes bietet es reiche Ausbeute. -- B. Schmeidler ( 827) weist auf die Bedeutung Frankens für das deutsche Königtum im Mittelalter hin. Das Herzogtum Franken, das Otto I. für die Krone einzog, war bis ins 13. Jahrhundert der wichtigste Stützpunkt für die Könige, die durch den Besitz dieses im Herzen Deutschlands gelegenen Kronlandes allen anderen Fürsten überlegen waren. Der Investiturstreit war, vom innerdeutschen Standpunkt aus gesehen, ein Kampf um den Besitz


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Frankens. Für das Herzogtum Franken selbst, das sich unter dem Schutz der Könige und ihrer Stellvertreter, der Bischöfe von Bamberg und Würzburg, mächtig ausbreitete, war diese Verbindung von größtem Vorteil. Für das Königtum dagegen bedeutete der Verlust des Herzogtums Franken nach dem Interregnum eine schwere Einbuße. -- Heinrich II. als Förderer der Stifte St. Emmeram, Ober- und Niedermünster in Regensburg schildert ein Aufsatz  F. Heidingsfelders ( 834). Dem Stifte St. Emmeram, das unter Abt Ramwold seine Blüte erlebte, bestätigte der Kaiser 1021 seine Besitzungen und Rechte, dagegen war er am Bau der Kirche nicht beteiligt. Durch seine Aufträge an die Regensburger Schreibschulen trug Heinrich II. zur Blüte der Buchmalerei und Goldschmiedekunst bei. Zeuge davon sind eine Reihe herrlicher Miniaturhandschriften, darunter das Evangeliar der Äbtissin Uta von Niedermünster. Die alte Kapelle in Regensburg hat Heinrich 1002 mit königlichen Freiheiten begabt, das dortige Gnadenbild, das mit dem Kaiser in Beziehung gebracht wird, entstammt aber einer späteren Zeit. Zur Stadt Regensburg unterhielt der Kaiser nach seiner Thronbesteigung keine näheren Beziehungen mehr.

IV. Recht und Verfassung.

Zur Rechts- und Verfassungsgeschichte des Hochstifts Bamberg sind drei Arbeiten zu verzeichnen. Die Dissertation von Adam Reichert ( 539) geht der Frage nach, wie aus den ursprünglich unzusammenhängenden, über weite Teile Süddeutschlands (Franken, Bayern, Steiermark, Kärnten) zerstreuten Besitzungen der Bamberger Kirche allmählich ein geschlossenes Territorium entstand. Die Grundlage bildete der Grundbesitz in Franken, den die Bischöfe dank reicher Schenkungen sowie durch Kauf und Tausch abzurunden verstanden. Dazu kamen die in den Grafschaften (Saalegau,


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Grabfeldgau, Volkfeld und Radentzgau) und über die Eigenkirchen ausgeübten Hoheitsrechte. -- Die Stadt Bamberg ist aus ursprünglich vollständig getrennten Bezirken, dem castrum und dem forum, entstanden. Die frühere Siedlung, das castrum, geht auf Heinrich II. zurück. Hier lag der Dom und die bischöfliche Residenz. Dieser Stadtteil, dessen Bewohner fast keine politischen Rechte besaßen, führte später auch den Namen immunitas. Das forum Bamberg (auch civitas genannt) wird erstmals 1062 erwähnt. Hier siedelte sich eine handeltreibende Bevölkerung an, die ihre Freiheiten zu wahren wußte, auch nachdem das Gebiet im 12. Jahrhundert in den Besitz des Bischofs übergegangen war. W. Neukam ( 1592), der diese Verhältnisse klarlegt, weist nach, daß in Bamberg ein Zusammenhang zwischen dem in der Stadt geltenden Recht (ius civile) und dem ius forense (dem Recht, Handel zu treiben) sich nicht nachweisen läßt, und daß daher die von Sohm vertretene Ansicht, daß das Stadtrecht aus dem Marktrecht entstanden sei, für Bamberg nicht zutrifft. -- Mit einer eigenartigen verfassungsrechtlichen Institution, die im Hochstift Bamberg bis zum Ausgang des alten Reichs bestand, befaßt sich die Arbeit von  F. Grünbeck ( 1593). Dort hatten die vier weltlichen Kurfürsten die obersten Stiftsämter inne. Verfasser gibt einen Überblick über die historische und rechtsgeschichtliche Literatur, die sich in früheren Jahrhunderten viel mit dieser merkwürdigen Einrichtung befaßte, und kommt dann auf Grund eines reichen Urkundenmaterials zu dem Ergebnis, daß sich die Frage nach der Entstehung der obersten Bamberger Erbämter nicht lösen läßt, daß aber jedenfalls eine Einsetzung durch Kaiser Heinrich II. nicht in Frage kommt. Die Ämter haben sich wahrscheinlich nach und nach herausgebildet. Dem obersten Truchseßamt, das zu Beginn des 13. Jahrhunderts entstand, folgte im 14. Jahrhundert das Marschall- und Kämmereramt, im 15. Jahrhundert das oberste Schenkenamt. Die Frage nach den zu den einzelnen Ämtern gehörigen Lehenstücken kann auf Grund des vorliegenden Quellenmaterials nicht restlos gelöst werden.

V. Kirchengeschichte.

Die im Jahre 1291 geschriebene, unter dem Einfluß der Lorcher Fälschungen stehende Vita Sti. Maximiliani kann nicht als zuverlässig angesehen werden. Auf Grund einer eingehenden, aber im einzelnen sehr anfechtbaren Kritik der Quellen zum Leben des heiligen Maximilian kommt  F. Poxrucker ( 786) zu dem Ergebnis, daß der heilige Maximilian in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts in Norikum als Glaubensbote wirkte, der Gründer der Lorcher Kirche wurde und am 12. Oktober (284?) in seiner Vaterstadt Celeia den Märtyrertod starb. -- Im Anschluß an das Datum des Augsburger Kirchweihfestes (28. Sept.) bietet A. Schroeder ( 2154) Beiträge zur ältesten Kirchen- und Stadtgeschichte Augsburgs. Die Kirche hat bekanntlich ihre Feste vielfach an Stelle älterer heidnischer Feste eingeführt. Auf Grund dieser Tatsache und unter vorsichtiger kritischer Verwertung des bekannten »Excerptum ex gallica historia« weist Verfasser nach, daß das Augsburger Kirchweihfest (28. Sept.) einen Vorläufer in einem alemannischen Feste hatte, das an diesem Tage gefeiert wurde. Als echte Überlieferung, die im Excerptum einen Niederschlag gefunden hat, darf ferner gelten, daß an Stelle des jetzigen Galluskirchleins sich ehemals eine heidnische Kultstätte befand. Dagegen hat es eine Göttin Cisa nicht gegeben,


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und auch der Name Cisaris für Augsburg ist unhaltbar. Im zweiten Teil seines Aufsatzes untersucht Verfasser die Entstehung der Patrozinien und Altäre der Augsburger Domkirche.

I. Allgemeine Quellenkunde.

Hier kommen fast nur biographische Beiträge in Betracht. Eine erwünschte Bereicherung bedeutet in dieser Hinsicht der in diesem Berichtsjahre erschienene 2. Band der »Neuen Österreichischen Biographie« ( 47). Er enthält Lebensbilder von Johann Gregor Mendel (R. Wettstein), vom Kronprinzen Rudolf (O. Mitis), von J. v. Hann ( F. M. Exner), Emil Steinbach (A. Spitzmüller), Eug. v. Böhm- Bawerk (J. Schumpeter), Friedr. Jodl (K. Siegel), Engelbert Pernerstorfer (Rob. Arthaber), Ludw. Boltzmann (G. Jäger), Hermann Baron Kövess v. Kövesshaza (Ed. Steinitz), Gust. Marchet (H. Haan), Johann Strauß (E. Decsey), Ernest Plener (W. Medinger), Karl Frhr. v. Vogelsang (H. Rizzi), Jul. v. Payer (Ed. Brückner). -- Hierzu kommt als erwünschte Ergänzung zu dem Gesamtwerk eine bibliographische Zusammenstellung ( 48) von biographischen Sammelwerken. Einzelbiographien sind hierbei grundsätzlich nicht berücksichtigt. Dieser ursprünglich nur für den internen Gebrauch der Mitarbeiter bestimmten Bibliographie geht ein Aufsatz von Ant. Bettelheim voraus über »Aufgaben und Ziele der Neueren Österreichischen Biographie«, der uns auch über den Werdegang und das Schaffen Wurzbachs unterrichtet. (B.)

III. Geschichtliche Landeskunde.

Die steirische Landesgeschichte hat in H. Pirchegger einen ebenso vielseitigen Forscher wie gewandten Darsteller gefunden. In Tilles Deutschen Landesgeschichten hat er sie 1920 bis 1283 geführt, 1924 einen knappen Überblick bis zur Gegenwart folgen lassen, dem er nunmehr ( 224) in


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wesentlich reicherer Ausstattung und in verdoppeltem Umfang einen neuen Abriß anreiht. Den Abschnitten über Vor- und Römerzeit, die politische und kulturelle Geschichte des Mittelalters und der Neuzeit, über Geschichtsquellen, Geschichtsschreibung und Landeskunde sind wertvolle Literaturübersichten beigegeben, die durch zahlreiche Kartenskizzen und eine große mehrfarbige Entwicklungskarte der Steiermark von 955 bis 1500 samt erläuternden Bemerkungen trefflich ergänzt werden. -- Das schön ausgestattete Gedenkbuch für Südsteiermark ( 225) enthält eine Reihe von geschichtlichen (A. A. Klein, »Türkennot«, Fritz Popelka, »Franz Táhy, ein Schloßherr auf Stattenberg im 16. Jahrhundert«), literaturgeschichtlichen (M. Rüpschl, »Untersteirisches aus dem Mittelalter«,  F. Pock, »Von der deutschen Presse in Untersteiermark«), kunstgeschichtlichen (H. Egger, W. Suida) und geistesgeschichtlichen (A. Gubo, »Beiträge zur Schulgeschichte«) Beiträgen, die alle, wie es nicht anders möglich ist, den deutschen Charakter des südsteirischen Kulturlebens dartun. (B.)

IV. Quellen und Darstellungen in der Reihenfolge der Ereignisse.

Hier überwiegt deutlich die Geschichte der neueren Jahrhunderte, die ja durch die Fülle der noch unerschlossenen Quellen und in Anbetracht der großen politischen Rolle, die in ihnen der Habsburgerstaat gespielt hat, notwendig die Aufmerksamkeit der Forscher auf sich zieht. Der frühesten Zeit gehört die Untersuchung von R. Holtzmann (Zeitschr.  f. slav. Philologie 2, 372 ff.) an, die die älteste, seit 1921 aus den von E. Klebel aufgefundenen Salzburger Annalen bekannte Namensform für Preßburg Brezalauspurc behandelt. H. hält sie für eine Ableitung aus dem tschechischen (oder slowakischen) Personennamen jenes Břetislav, der Preßburg als Donaufestung des großmährischen Reiches gegründet haben mag.

IV. Quellen und Darstellungen in der Reihenfolge der Ereignisse.

Die Geschichte Maria Theresias hat in diesem Berichtsjahre erfreulicherweise mannigfache Förderung erfahren. Zunächst durch eine Gesamtdarstellung ihres Lebens und Wirkens, die Kretschmayr ( 1016) mit der ihm eigenen Kunst zu schildern in lebensvollen Bildern der Nation vor Augen führt. Der genaue Kenner österreichischer Verwaltungsgeschichte konnte der Regententätigkeit dieser Kaiserin natürlich ganz besonders gerecht werden und bietet in dieser Hinsicht auch mehr, als einer volkstümlichen Lebensbeschreibung zuzukommen brauchte. Durch K.s zwingende Linienführung wird vielen erst so recht klar geworden sein, welchen Schatz an geistiger Ursprünglichkeit, an Frauenwürde und bewußter Deutschheit unsere Vergangenheit in dieser Herrscherin besitzt. Dankbar wird man es anerkennen müssen, daß sich der Verfasser allenthalben bemüht, zum Vorteile einer echthistorischen Auffassung das Gleichgewicht zwischen der preußischen und der habsburgischen Legende herzustellen. Gutausgewählte Bilder und ein Anhang, der Proben aus Niederschriften, Resolutionen und Briefen der Kaiserin bringt, unterstützen in wirkungsvollster Weise den darstellenden Teil dieses Buches. (B.) -- Die Vorzüge des Kretschmayrschen Werkes beruhen zum Teil auf der Teilnahme, die sein Verfasser an den Forschungen von Winkler-Kallbrunner ( 1670) genommen hat. Diese haben einen überaus wichtigen Beitrag zur inneren Geschichte Österreichs unter Maria Theresia beigesteuert. Ihre Aktenveröffentlichung, die leider bisweilen in den Erläuterungen ein greuliches Amtsdeutsch mitschleppt, rückt nicht bloß den Grafen  F. W. Haugwitz in das helle Licht des Tages -- das hat Kallbrunner bereits in »Österreich« 1 (1917), S. 115 ff., getan --, sie stellt auch eine ganze Reihe bisheriger Anschauungen richtig. Haugwitz, ein gebürtiger Sachse, der frühzeitig zum Katholizismus übergetreten war, hatte als Präsident des königlichen Amtes in (dem bei


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Österreich gebliebenen) Schlesien aus der Verwaltungsorganisation Preußens Anregungen gewonnen, die er nun dem erschöpften und aller Barmittel entblößten Habsburgerstaate zugute kommen lassen wollte. Während sein Gegenspieler, Graf Friedrich Harrach, die Geldbeschaffung in die Hände der Stände zu legen wünschte, blieb Haugwitz Zentralist. Von der Kaiserin aufs kräftigste unterstützt, konnte er 1749 die große Neuordnung durchsetzen, in der von den drei großen Ländergruppen die österreichische und böhmische für die Zentralverwaltung zusammengelegt wurden, Ungarn hingegen bloß zum Teil (in der Hofkammer und im Hofkriegsrat) einbezogen wurde. Als ein Mittel zur Stärkung dieser Vereinheitlichung der Staatsgewalt in der Person des Landesfürsten hatte Haugwitz ferner die Vereinigung der Finanzverwaltung mit der politischen Verwaltung durchgeführt. Für die dadurch freigewordene Rechtspflege hatte man in aller Eile die »oberste Justizstelle« ins Leben gerufen. Was man bisher vielfach als Ausdruck grundsätzlicher Auffassung, die Trennung der Justiz von der Verwaltung, angesehen hatte, war in Wirklichkeit nur ein Verlegenheitsausweg. (B.) -- Die Geschichte Maria Theresias wurde aber noch durch eine weitere Quellenveröffentlichung gefördert. Mit unermüdetem Fleiße hat Schlitter ( 1017) einen neuen, die Jahre 1770--1773 umfassenden Band seiner Ausgabe von Khevenhüllers Tagebuch angefügt. Wie bei den vorhergehenden Bänden treten auch diesmal die Eintragungen des kaiserlichen Obersthofmeisters an Bedeutung gegenüber den Anmerkungen, die der Herausgeber beigesteuert hat, (nicht bloß dem äußeren Umfang nach) wesentlich zurück. Kein Geschichtsschreiber dieser Zeit kann an diesem Anmerkungswerk (so wenig man es auch an dieser Stelle suchen mag) achtlos vorübergehen. (B.)

IV. Quellen und Darstellungen in der Reihenfolge der Ereignisse.

Mit großer geistiger Schärfe und getragen von einem nationalen Ethos, das mit Bewußtsein das »Sine ira et studio« des Tacitus von sich abweist, hat Fester ( 1434) die politischen Vorgänge während des Weltkrieges seit dem Friedensangebot der Mittelmächte vom 12. Dezember 1916 unter die kritische Lupe genommen. Hierbei rückt Österreich-Ungarn in den Vordergrund. Seiner Überzeugung nach hing der Bestand der Habsburgermonarchie davon ab, daß sie sich mit Hintansetzung aller Sonderbestrebungen in die Politik des Deutschen Reiches restlos einfügte. Freilich könnte man dieser Behauptung voll zustimmen und doch die Versuche Kaiser Karls, seiner Gattin und seines Ministers, dem Kriege ein Ende zu bereiten, geschichtlich verstehen, ohne hinter diesen Versuchen Intrigen und sittliche Verwerflichkeit zu sehen. Wie der Ausgang des Weltkrieges gezeigt hat, stand für Österreich-Ungarn auf jeden Fall mehr auf dem Spiele als für Deutschland. In solcher Lage hätte eine stärkere Persönlichkeit, als es der letzte Habsburger war, Entschlüsse nach der einen oder anderen Richtung gefaßt, die ihr den Ruhm fleckenlosester Bündnistreue oder das Schicksal eines heroischen »Verräters« gesichert hätten. Da sich Karl zu keinem von beiden Schritten entschließen konnte, hat  F. in gewissem Sinne Recht, wenn er Karls Handlungsweise nach bürgerlichen Moralbegriffen wertet. Historisch-technisch gesehen, bietet er in der Darstellung der Sixtusbriefe und auch sonst wahre Meisterstücke kritischer Zergliederung. Man nimmt es darum gern in Kauf, wenn er, wie manche Kritiker, den kritisierten Gegner bisweilen, ohne es zu wollen und zu merken, zu einem Range erhebt, der ihm gar nicht zukommt. (B.) -- In gewissem Sinne stellt das Buch von B. Auerbach ( 1423) den Gegenpol zu Festers Werk dar. Wissenschaftlich darf freilich die französische Leistung nicht in einem Atem mit der des deutschen Gelehrten genannt werden. Darin steht sie zu weit hinter jener Festers zurück. Immerhin hat man Gelegenheit, die reichliche Benützung publizistischer Literatur zu bewundern. A.s stark auf Zeitungs- und Memoirenlektüre aufgebaute Darstellung der Geschichte Österreich-Ungarns während des Weltkrieges ist gesättigt mit allen Voreingenommenheiten Frankreichs gegen die Deutschen. Durch die nicht immer kritische Bewertung der verschiedenen Zeitungsstimmen läßt er sich zuweilen zu ganz falschen Vorstellungen von den Verhältnissen in der Habsburgermonarchie verleiten. So sieht er überall »Unterdrückung« der nichtdeutschen Nationalitäten durch Deutsche und Madjaren und zieht daraus Folgerungen, die völlig ungeschichtlichen Charakter tragen. Das hindert nicht, daß er manche Dinge sehr richtig und treffend beurteilt, z. B. die eigensüchtige Wirtschaftspolitik der Ungarn, die Verhältnisse in der italienischen Armee usw. Im übrigen sind viele seiner Urteile nur ex eventu richtig und besitzen höchstens politischen, aber


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nicht wissenschaftlichen Wert. Je mehr sich der Verfasser gehen läßt, um so deutlicher wird die aktuelle politische Absicht, die für die meisten seiner Behauptungen den Hintergrund abgibt. Freilich mag man bezweifeln, ob eine solche Zweckschrift, die erst über die »arrogance« der Deutschen im alten Österreich spricht, die Deutschen des neuen Österreichs für sich zu gewinnen vermag, zu gewinnen für eine Politik gegen das Deutsche Reich. (B.)

b) Bis 1620.

Belebt wie die böhmische Geschichte wird auch das Forschungsfeld, von Königen und Kärrnern gleich liebevoll bebaut, sobald die Zeit der Hussiten in Sicht kommt. Ist sie auch in erster Linie das glanzvolle Zeitalter der tschechischen Nation, so doch ein ebenso wichtiger Abschitt spätmittelalterlicher deutscher Geschichte. Gab 1915 das Hus-Jubiläum den äußeren Anlaß zu einer Reihe gewichtiger Arbeiten über das gesamte Zeitalter, so 1924 die Wiederkehr des 500jährigen Todestages Žižkas, um dessen Gestalt in diesem und dem folgenden Jahre eine ganze Literatur, zum großen Teil panegyrischen Charakters, anwuchs. Dabei ist manches Neue zutage gefördert worden. Bartoš ( 2770), ein erfolgreicher Erforscher des ganzen Abschnittes, hat in der Form scharf geschnittener Skizzen und Essays seine Grundanschauungen über die Hussitenzeit an Hand der Hauptträger zusammengefaßt und weiteren Kreisen zugänglich gemacht. Angefangen von Wenzel IV., für den er eine gerechtere und mildere Beurteilung verlangt, ziehen in bunter Folge die Lebenswerke und Gesichte des Hieronymus von Prag, Hus', der Gegner Husens in Konstanz, Žižkas, des Engländers Peter Payne, dann einer Reihe hussitischer Jünger und Märtyrer, Johann Rokycanas und Georgs von Podiebrad


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vorüber, wobei Bartoš voll und ganz auf hussitischem Boden steht und das Füllhorn des Lobes freigebig neigt. -- Es ist erfreulich, daß auch Loserths ( 2032) bereits 1884 erschienenes Werk, das seither für die deutsche Wissenschaft die Grundlage gewesen ist, eine zweite Auflage erlebt hat, in der Loserth vor allem seine inzwischen gemachten eigenen Untersuchungen verwertet hat, weniger die immer höher anschwellende tschechische Husforschung, in der besonders das Problem Hus--Wiclif in letzter Zeit erfolgreich behandelt worden ist (vgl. dazu Wostry, Mitt. d. Ver.  f. Gesch. d. Deutsch. in Böhmen 63 [1925], 117 ff.). -- Die wichtigste Arbeit über Žižka floß zweifellos aus der Feder des Führers der tschechischen Geschichtswissenschaft, Pekař ( 2790). Nicht gleich hat eine Arbeit so viel Staub aufgewirbelt wie diese, in der Pekař unerschrocken und ohne Rücksicht auf die durch Alter geheiligte Volks- und Wissenschaftsmeinung an ein Hauptidol tschechischer mittelalterlicher Geschichte greift. Dabei bedient er sich jener Methode, die zuletzt A. Kraus in dem dreibändigen, 1924 abgeschlossenen Werk: Husitství v literatuře, zejména německé (Das Hussitentum in der Literatur, besonders in der deutschen) angewandt hat: ein Ereignis, eine Epoche, eine Persönlichkeit in der Beurteilung der Zeitgenossen und der folgenden Zeit zu studieren, wobei dann nicht nur aufschlußreiche Einblicke in den kulturellen Bau der verschiedenen Zeitalter, sondern auch das Aufkommen und Vererben von Lehren, zumal falscher, zu erkennen möglich ist. Pekař hat es unternommen, die Mit- und Nachwelt über Žižka und sein Werk abzuhören. Bei Eneas Sylvius beginnt das Kreuzverhör. Zunächst stellt Pekař fest, daß die böhmische Geschichte des Eneas Sylvius seit Palacký als ungenaues und tschechenfeindliches Werk fast einmütig verdammt worden sei bis auf Bezold, der gleich Pekař, Voigt und Joachimsen diesem Werke nicht Fälscherabsichten unterschiebt. Was war Sylvius für Žižka? Pekař erklärt: »Den Žižka als große Gestalt der europäischen Geschichte schuf vor allem das Werk des Sylvius, des Kardinals und späteren Papstes der römischen Kirche.« Eneas Sylvius reizte der Kontrast. Neben viel Schlechtigkeit weiß er auch viel Rühmliches zu berichten, und beides in überschwenglichen Worten. Grauen und Bewunderung paaren sich bei ihm innig, so daß die aus dieser Verquickung gegensätzlicher Elemente entstandene Gestalt die Phantasie der weitesten Volksschichten erregen mußte. Wie hier der größte Feind der Hussiten, der römische Kardinal, Žižka in die Weltgeschichte und ins Volk eingeführt hat, so war es ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß im 19. Jahrhundert ein deutschböhmischer Dichter, Alfred Meißner, ein Angehöriger jenes Volkes also, das Žižka am liebsten ausgerottet hätte, Žižka beim tschechischen Volke erst wieder beliebt und sozusagen modern gemacht hat.

b) Bis 1620.

Zu seinem engeren Gegenstande kommt er in dem Unterabschnitt: Das Programm der päpstlichen Politik und die Prager Nuntiatur am Ende des 16. Jahrhunderts. Klemens VIII. knüpfte unmittelbar an die Politik Gregors XIII. an, der die Richtlinien für längere Zeit vorgezeichnet hatte. Felsenfest hatte man dabei an der Kurie auf den in Prag residierenden katholischen Rudolf gerechnet, was sich in der Folge als unrichtig erwies, als sich der Kaiser immer


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mehr mit Ketzern (Protestanten, Utraquisten) zu umgeben begann. Der katholischen Sache wurde dadurch nicht nur im Reiche, sondern vornehmlich in den habsburgischen Ländern viel Boden abgegraben. Manche Schuld daran scheint der in den Jahren 1592--1598 in Prag tätige päpstliche Legat Speziani gehabt zu haben, dem die Natur nicht die Gaben für einen Diplomaten auf so gefährdetem Posten in die Wiege gelegt hatte -- »den man alhie in der gemain für ein ochsen helt«, schreibt drastisch 1595 ein österreichischer Hofrat an den Kaiser. Der nach ihm ernannte Farnese trat den Posten erst gar nicht an. Dafür erschien mit dem Neapolitaner Spinelli ( 1598) ein Mann auf dem Plan, welcher der päpstlichen Politik am Kaiserhofe ein ganz anderes Gesicht gab. Denn er übte trotz seiner 35 Jahre auf den allzu leicht beeinflußbaren Kaiser einen geradezu dämonischen Einfluß aus. Dabei erfreute sich Spinelli des rückhaltlosen Vertrauens des mit dem Prager Posten wohlvertrauten allmächtigen Ratgebers und Kardinalstaatssekretärs am päpstlichen Hofe, Aldobrandini. Spinellis Schicksal schien sich etwas zu verdüstern, als der Rivale Aldobrandinis, San Giorgio, ins Staatssekretariat zurückkehrte. Aber der geschmeidige, überaus arbeitsame und stets nach Rom berichtende Spinelli wußte sich zu helfen, da er eine doppelte Korrespondenz führte, eine amtliche, kühle, sachliche an San Giorgio und eine mehr persönliche, geheime an Aldobrandini. Spinellis Geld- und Geschenksucht scheint Stloukal etwas zu streng beurteilt zu haben. In der Instruktion bekam Spinelli nichts mehr und nichts weniger mit als die Aufgabe, die jetzige kaiserliche Regierung, die ketzerischen Minister, zu beseitigen zugunsten katholischer Männer. Die zweite Aufgabe war, päpstliche Kandidaten auf die schon länger streitigen und erledigten Bischofsitze Breslau und Olmütz zu bringen. Bei der Darstellung dieser Streitigkeiten, die den zweiten Hauptteil des Buches einnehmen, konnte sich Stloukal auf die tüchtigen Monographien von Jungnitz (Z.  f. Gesch. Schles. 34 [1900]) für Breslau und auf Tenora: František kardinal z Dietrichštejna, Hlídka ( 1906) für Olmütz stützen. Der Legat begab sich auf seiner Reise nach Prag nach den Haltepunkten Salzburg, Passau, Linz und Wien, wo er überall zugunsten der päpstlichen Sache verhandelte, unmittelbar nach Olmütz, um hier den jungen Dietrichstein als Bischof durchzusetzen. In Breslau kam durch ein Kompromiß der kaiserliche Kandidat Johann Sitsch -- warum ihn Stloukal Jan Sič schreibt, bleibt unerfindlich -- auf den Bischofsstuhl.

VII. Kirchengeschichte.

1676 wurden für die Erzdiözese Prag von den einzelnen Pfarrern Verzeichnisse eingefordert, welche über die wichtigsten Fragen der Kirchenverwaltung und -verfassung sowie über den Zustand der einzelnen Sprengel Auskunft zu geben hatten. Ein gleiches geschah 1700. Dadurch wurden Quellen für die neuzeitliche Kirchengeschichte geschaffen, die den Visitationsberichten in nichts nachstehen und auch für historisch geographische Fragen eine treffliche Unterlage bieten. Schlenz hat für das Reichenberg-Friedländer Vikariat (Mitteil.  f. d. Jeschken-Isergau 1925) diese Quellen ausgeschöpft.

II. Historische Landeskunde.

S. Heuberger tritt aus den von ihm (Taschenb. d. hist. Ges. d. Kts. Aargau 1925, S. 59--72) eingehend dargelegten geschichtlichen, geographischen und sprachlichen Gründen entschieden dafür ein, daß der von Tacitus erwähnte mons Vocetius der Bötzberg ist. Seine


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zweite Abhandlung (Zur Gesch. d. Straße Zurzach-Brugg in d. Zt. schweiz. G. 5, 325--345) ist keine Baugeschichte, sondern soll nur einige Tatsachen der Geschichte der Straße und einige an ihr liegende Denkmäler aus ihrem geschichtlichen Zusammenhange heraus erklären. V. H. Bourgeois, La voie romaine des Gorges de Covatannaz (Revue hist. Vaudoise 33, 65--79, 108--117), weist ein Stück einer römischen Straße, deren Vorhandensein bisher bezweifelt wurde, an aufgedeckten Spuren nach und hält es für richtiger, das römische Abiolica mit Ste. Croix als mit Pontarlier zu identifizieren. -- M. Reymond, Sur deux monuments romains de Vidy (ebenda 33, 48--62), befaßt sich mit den nur noch aus schriftlicher Überlieferung erkennbaren Überresten des römischen Lausanne. --  F. Stähelin und K. Stehlin, Das Römerdenkmal in Basel (Basler Zt.  f. G. u. Alt. 23, 155--166), versuchen eine Rekonstruktion des als Grabmonument erklärten Denkmals und eine Deutung der auf ihm angebrachten Figuren. --Türler ( 242) weist in der historischen Einleitung seiner Abhandlung über das Schloß Laupen, in der er sich sonst vornehmlich mit der Baugeschichte des Schlosses beschäftigt, dessen Erbauung, die bisherige Ansicht berichtigend, dem König Rudolf III. von Burgund ums Jahr 1000 zu und bemerkt, daß das Städtlein Laupen nie freie Reichsstadt war. -- Der Aufsatz von Schaltenegger über den Turm zu Steckborn ( 242a) bietet viel mehr, als die kurze Überschrift erkennen läßt. Die Tatsache, daß der Erbauer des nach 1320 errichteten Turms der Abt Diethelm von Reichenau, mithin das Stift Besitzer von Steckborn war, für das er von Kaiser Heinrich VII. 1313 auch einen Marktrechtsbrief erbat und erhielt, bewog den Verfasser, auf diese Verhältnisse näher einzugehen und auch die Zeit vor dem Bau des Turms in die Darstellung einzubeziehen, in der nur die angebliche Schenkungsurkunde Karl Martells von 724 als eine »plumpe Fälschung« hätte wegbleiben sollen. Die Geschichte des Turms wird bis 1922 erzählt. -- Das Ergebnis der ungemein gründlichen Untersuchung von Geßler, die Harschhörner der Innerschweizer, (Anz.  f. schweiz. Alt.kde., N.  F. 27, 27--40, 83--94, 168--181, 228--240), kann dahin zusammengefaßt werden, daß das Vorhandensein von Harschhörnern für die Waldstätte außer Schwyz durch einige erhaltene Stücke, mit denen die Schilderungen und Abbildungen in den schriftlichen Quellen und auf Glasgemälden übereinstimmen, sichergestellt ist. Außerhalb dieses Bezirkes sind Harschhörner unbekannt. Bemerkenswert sind auch die Mitteilungen über literarische Beziehungen zur Rolandssage (S. 36, 83 ff.) und die kritischen Bemerkungen über die Verdeutschung der Wörter tuba und bucina in den Geschichtsschreibern der deutschen Vorzeit (S. 177). --Brackmann ( 884) lehnt in überzeugender Beweisführung den Versuch ab, die bisher geltende Auffassung vom Ursprung der Eidgenossenschaft wieder auf den alten Standpunkt vor Kopp zurückzubringen.

VI. Kirchengeschichte.

M. Besson, Le premier fondateur de Romainmotier (Zt. schweiz. Kirchengesch. 19, 60--62), widerlegt die Ansicht, daß dieses Kloster nicht vom hl. Romanus um 450, sondern erst um 630 durch den Herzog Chramelenus gegründet worden sei. --Martin ( 2159) rückt, ausgehend von einer kritischen Prüfung der erst vor kurzem entdeckten Passio Placidi und mit Verwertung anderer hagiographischer Quellen, die Frage der Gründung von Disentis, deren gewöhnlichen Ansatz 614 er ablehnt, in den Vordergrund, ohne, wie er selbst bemerkt, dabei zu abschließenden Ergebnissen zu kommen. -- Schüle ( 2071) gibt einen Überblick über die Lokalisierung der Verenalegende und die Geschichte der seit 881 nachweisbaren, 1279 in ein Chorherrenstift verwandelten Abtei Zurzach bis zur Aufhebung des Stifts 1876. Sulzberger ( 2070) berichtet über die 1921 geglückte Auffindung der seit 1753 verschollenen Gräber der Stifter des Klosters Allerheiligen. --Lütolf erörtert in der einen Untersuchung ( 2067) an Hand einer fast erdrückenden Menge von Urkundenauszügen die grundherrlichen Verhältnisse des Stifts Beromünster, in der zweiten ( 2066) die Verordnungen über gottesdienstliche Verrichtungen, Führung der Jahrzeitbücher und Urbarien, Wahl des Propstes, der Chorherren und Kapläne, das Vogtgericht, die Stellung der Leibeigenen u. a. m. --Schnyder ( 543) kommt in seiner, besonders in methodologischer Hinsicht beachtenswerten Arbeit über die Bevölkerung der Stadt und Landschaft Zürich, in der ein sehr umfangreiches gedrucktes und ungedrucktes Material verwertet ist, im dritten Abschnitt, der die Ergebnisse für die Stadt, deren Vororte und die Landschaft enthält, zu Zahlen, die in hohem Grade zuverlässig und glaubwürdig erscheinen. Der Abhandlung, die man einfacher und ohne die allzu vielen Fremdwörter geschrieben


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haben möchte, sind einige Tabellen und eine die Bevölkerungsdichte von 1467 gut veranschaulichende Karte beigegeben. -- Die von Müller ( 2065) geschilderten Beziehungen gewinnen eine mehr als örtliche Bedeutung dadurch, daß die Stadt Zug bis tief ins 14. Jahrhundert den Habsburgern gehörte und Mitglieder des dieser Dynastie anhängenden Adels Gründer und Gönner des Klosters Kappel waren. -- Der von dem 6. Bande des großen Quellenwerkes über das Basler Konzil ( 2033) vorliegende 1. Halbband schließt mit den Protokollen vom Dezember 1436 bis Dezember 1439 an den 4. Band an. -- E. A. Stückelberg, Die Totenschilde der Kartäuserkirche in Basel (Basler Zt.  f. G. u. Alt.kde. 23, 281--297), gibt mit Verweisen auf die ältere Literatur kurze Beschreibungen zu den Abbildungen der Schilder, von denen die meisten (10 von 16) sich auf die während des Konzils verstorbenen fremden Prälaten beziehen. Über einen von ihnen, Sueder Culenborg, Bischof von Utrecht, macht G. Wyss (ebenda, S. 296, 297) einige Mitteilungen in bezug auf seine Wahl und seine Stellung zum Konzil.

V. Siebenbürgen.

Der erste Band von Bischof G. D. Teutschs ( 2647) Sachsengeschichte, dem vierbändigen Geschichtswerk der Siebenbürger Sachsen, liegt, lange durch den Krieg und seine Folgen verzögert, in 4. Auflage vor, von seinem Herausgeber, Bischof Friedrich Teutsch, überall den neuen Ergebnissen der Forschung gemäß ergänzt und verbessert. --Reimesch (S. 677) arbeitet in einer Schriftenreihe, die in weiten Kreisen Deutschlands Eingang finden möchte, an einigen markanten Persönlichkeiten die deutschen Triebkräfte der siebenbürgischen Geschichte sehr geschickt heraus. -- In seiner siedlungsgeschichtlichen Studie kommt Jaeger (S. 675) an manchen Punkten zu von Uhlig abweichenden Ergebnissen. -- Bischof Karácsonyi (S. 676) erweist auf Grund nochmaliger Quellenvergleiche in Revision seiner früheren Anschauungen die ostgermanischen Gepiden als Vorfahren der siebenbürgischen Szekler. --Müller ( 2648) bietet eine Fortsetzung seiner Studien über die Entstehung der Stühle, des Königsrichter- und Stuhlrichter-Amtes in der Hermannstädter Provinz (Korr.bl. V. siebenb. Ldes.kde. 28, 49--63), ferner über die Grafen des Mediascher Provinzialverbandes (Arch. ebd. Ver. Bd. 34, 71--85) und bringt, von der herrschenden Meinung abweichend, beachtliche Argumente bei, daß die Gebietsüberschreitungen des Ordens nur strategisch-politisch wichtige Paßgebiete betrafen, ferner, im Gegensatz zu E. Casper, daß der päpstliche Schutz des Ordens eine weltliche Oberhoheit des Papstes erstrebte. -- Friedrich Teutsch (S. 677) zeichnet in großen Strichen die Bedeutung und den Wirkungskreis der politischen Vertretung des Sachsenlandes, der Nationsuniversität, ihr Eingreifen in die Volks- und Landesgeschichte und ihre Entwicklung, die die Geschichte der sächsischen Nation im kleinen ist. -- Brandsch ( 2649) macht ohne strengere systematische Gliederung und wissenschaftlichen Ballast zahlreiches schwerzugängliches Quellenmaterial zur Geschichte des siebenbürgischen Erziehungswesens weiteren Kreisen zugänglich, die lateinischen Stücke in deutscher Übersetzung. -- Von den verschiedenen


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Aufsätzen, die der Klingsor über die Geschichte des siebenbürgisch-sächsischen Geistesleben bringt, ist beachtenswert Orends Versuch (S. 676), die urkundlich überlieferten Formen der Personennamen zur Erkenntnis der ältesten sozialen Geistesgeschichte und zur Bestimmung der Urheimat der einzelnen Siedler zu verwenden. --Sigerus (S. 677) gibt eine nahezu lückenlose Liste aller in den letzten 150 Jahren in Siebenbürgen erschienenen deutschen Zeitschriften und Zeitungen (156 Nummern), die die Beachtung des Forschers verdient. --Kleins (S. 676) Analyse der neueren deutschen Dichtung Siebenbürgens bietet nicht nur ein reiches, fast vollständiges Quellenmaterial für das siebenbürgisch-sächsische Schrifttum der letzten Jahrzehnte, sondern ist, von Nadlerschen Ideen befruchtet, »der erste methodische Wegweiser, wie auslanddeutsche Literaturgeschichte geschrieben werden muß (Csaki, R., Korr.bl. d. Ver.  f. siebenb. Ldes.kde. S. 117)«. -- G. D. Teutschs ( 2650) Generalkirchenvisitationsberichte sind eine historische Quelle erster Ordnung für die äußere und innere Geschichte der siebenbürgisch-sächsischen Kirche, zugleich ein wichtiger Beitrag zur Geschichte fast jeder Gemeinde. Einzelne Berichte weiten sich, mit statistischen Angaben unterbaut, geradezu zu Monographien über die Siedlungs- und Kulturgeschichte des betreffenden Bezirks aus. Überall wird eine kritische Übersicht über die vorhandenen Bauten und Kunstdenkmäler (Glocken, Altäre, Kelche usw.) gegeben. --Zimmermanns ( 2652) Aktenstücke und Briefe aus dem Ministerium Thun geben Einblick in des Grafen Thun aufrichtige, von Schmerling abgebogene Bemühungen, Österreichs Protestanten volle religiöse Gleichberechtigung zu verschaffen. --Schuller ( 2653) stellt, aus Kirchen- und Stadtarchiven und der verschiedensprachigen Literatur gleich tief schöpfend, gegenüber magyarischen Verdrehungen die deutsche Gründung und rein deutschen Anfänge Klausenburgs außer Zweifel. Der Schwerpunkt seiner Betrachtungen liegt in der Darstellung von Reformation und Kirche. --Csallner (S. 675) stellt auf Grund eingehender Befragung durch Fragebogen im Bistritzer sächsischen Gewerbestand in den letzten sechs Jahrhunderten eine volkspolitisch höchst bedenkliche Abwanderung der Handwerkersöhne in andere, meist akademische Berufe fest und infolgedessen eine ständig wachsende Unterwanderung durch magyarische, rumänische und jüdische Kaufleute und Handwerker. Da typisch für ganz Siebenbürgen, haben seine durch genaue Statistiken belegten Aufstellungen grundsätzliche Bedeutung. --Reimesch (S. 676) teilt die Kirchenburgen bautechnisch-architektonisch in die großen, von mehreren Ringmauern und Wassergräben umgebenen, das Gotteshaus aber nicht zur Verteidigung ausbauenden Anlagen des Burzenlandes und die zahlreichere Gruppe derjenigen Burgen, die auch das Gotteshaus oder den Chor zur Festung gestalten. --Wenigers (S. 677) Geschichte der um 1790 durch Süddeutsche besiedelten, den Freiherren Wesseleny hörig bleibenden Minderheitsgemeinde Hadad im Komitat Scilagy zeigt trefflich die volkstumserhaltende Kraft lebendiger Religiosität. -- Beachtung beanspruchen in Lehrers (S. 676) Auszügen aus der Matrikel der Mediascher Kirche die Flurnamen enthaltenden Grundstücksverzeichnisse des 17. Jahrhunderts und die Listen ausgestorbener Personennamen.

§ 73. Arbeiten zur deutschen Geschichte in südslawischen Sprachen.

Weiter zeigt H., daß die Kroaten der russischen Annalen nicht ein neuer kroatischer Stamm in Ostgalizien waren, wie Rački angenommen hat, sondern daß es sich auch hier um die Weißkroaten des Krakauer Gebietes handelte. Durch diese Feststellung gewinnt er eine Bestätigung dafür, daß die Rugi der Raffelstetter Zollfestsetzung aus den ersten Jahren des 10. Jahrhunderts keine Reste germanischer Rugier waren -- was übrigens auch Ungarische Bibliothek I, 8, 1923, S. 18  f., zurückgewiesen wurde --, sondern Russen, die somit bereits um 900 in Westgalizien erobernd aufgetreten seien.

§ 74. Arbeiten zur deutschen Geschichte in rumänischer Sprache.

Eine neue Darstellung des Feldzuges, den im Jahre 1595 die Bundesgenossen Kaiser Rudolfs II., Michael der Tapfere von der Walachei und Sigismund Bathory von Siebenbürgen, gegen die Türken unternahmen, gibt A. Vereß ( 2860) auf Grund archivalischen Materials, besonders aus dem Archiv der Medici in Florenz. An diesem Feldzug nahm ein schlesisches Kavallerieregiment und eine kleine italienische Hilfstruppe des Großherzogs Ferdinand von Toscana unter Führung des Silvio Piccolomini teil, in dessen Begleitung sich der besonders im Festungswesen erfahrene Historiker M.  F. Pigafetta aus Vicenza befand. Die Berichte dieser beiden Männer und anderer Italiener, die auch interessante landeskundliche Angaben über die Walachei und die Siebenbürger Sachsen enthalten, werden z. T. im Anhang des Buches im Wortlaut publiziert. Die Bedeutung des Feldzuges liegt vor allem darin, daß die christlichen Erfolge in der Walachei die Türken so sehr schwächten, daß die Rückwirkungen davon auch auf dem Hauptkriegsschauplatz in Ungarn zu spüren waren.


1925 | 1926 | 1927 | 1928 | 1929 | 1930 | 1931 | 1932 | 1933-34 | 1935 | 1936 | 1937 | 1938 |

1926

I. Allgemeines.

Ein sehr wertvolles Hilfsmittel zur Orientierung in der weit zerstreuten jüngsten Literatur über das deutsche Archivwesen bietet eine Literaturübersicht von L. Groß ( 43) über die Fülle der seit dem Jahre 1907 erschienenen einschlägigen Publikationen. Sie behandelt in wohlabgewogener, kritischer Darstellung die allgemeine deutsche Archivliteratur sowie das Schrifttum der einzelnen deutschen Territorien einschließlich Österreichs. -- Auf die Frage: Was ist Archiv --, was Bibliotheksgut? hat J. Striedinger ( 44) mit begrifflicher Schärfe und mit starker Überzeugungskraft für den Archivar geantwortet, gegen seine Ausführungen ist freilich aus den Kreisen der Bibliothekare heraus Widerspruch laut geworden (vgl. Zentralbl.  f. Bibliothekswesen, 1928, S. 321). Uns scheint es ersprießlicher, statt des Trennenden das Gemeinsame zu betonen und über allen Ressortpartikularismus hinaus den Möglichkeiten wechselseitiger Anregung und gemeinsamer Arbeitsziele nachzugehen, wie ja auch das Ausland grade in seinen größten Instituten, etwa den Londoner und Pariser Zentralstellen, die bei uns vorherrschende scharfe Scheidung zwischen Archiv und Bibliothek nicht kennt. Ein dankbares Objekt für die Zusammenarbeit von Archiven und Bibliotheken wäre z. B. ein gemeinsam aufzustellendes und regelmäßig fortzuführendes Verzeichnis der Nachlässe aller Art, die sich durch das Spiel des Zufalls bald hier bald dort finden: für personal- und wissenschaftsgeschichtliche Studien würde damit ein wertvoller Dienst geleistet werden. Eine nützliche Vorarbeit hierfür ist vor einigen Jahren durch ein Verzeichnis der in den deutschen Staatsarchiven sich findenden politischen Nachlässe geliefert worden, das im Berichtsjahre durch eine Liste der in den österreichischen staatlichen Archiven beruhenden politischen Nachlässe ergänzt worden ist ( 58). Ein durch Archive und Bibliotheken gemeinsam herzustellendes Nachlaßverzeichnis hätte freilich genauere Angaben über den Inhalt und damit eine besondere Art von Inventaren zu bieten, die auch Müsebeck in einer anregenden Studie über die Publikation von Inventaren des Aktenmaterials zur neuesten Geschichte als erwünscht bezeichnet ( 1356). M. äußert darüber hinaus noch den Wunsch, es möchten durch Zusammenarbeit der deutschen Archive für einheitliche, wichtige Forschungskomplexe Sachinventare aus den verschiedenen Registraturen hergestellt werden, da die Masse des unaufhörlich in die Archive einströmenden Materials Führer durch dieses notwendig mache, die in kritischer und zuverlässiger Form nur mit der Zielrichtung auf bestimmte wissenschaftliche Probleme


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geboten werden könnten. -- Die Diskussion über die Beziehungen zwischen Staats- und Stadtarchiven, die, im wesentlichen an die preußischen Verhältnisse anknüpfend, im Berichtsjahre gepflogen worden ist ( 45 u. 45 a), zeigt erneut, wie sehr es des seit langem erstrebten Archivgesetzes bedarf, um Anschauungen und Forderungen der Vertreter von Staats- und von Stadtarchiven auf gemeinsamer Rechtsbasis in Einklang zu bringen.

II. Geschichte der Bibliotheken.

»Einen knappen geschichtlichen Gesamtüberblick der wichtigsten bayerischen Bibliotheken für weitere Kreise« will das mit reichem Bildmaterial ausgestattete Buch des Münchener Staatsoberbibliothekars Sensburg geben ( 87). Ein kurzer Abriß der bayerischen Bibliotheksgeschichte leitet es ein, in dem die vom Standpunkt der öffentlichen Bibliotheken nicht hoch genug zu bewertende Säkularisation zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit erstaunlicher Einseitigkeit für eine angebliche »geistige Verarmung des Volkes« verantwortlich gemacht wird. Für 44 alphabetisch geordnete Bibliotheken gibt der Verfasser eine Schilderung ihres Werdeganges, ihres heutigen Bestandes und ihrer Organisation. Literaturangaben sind jedem Artikel beigefügt. Wenn die Kritik (vgl. Zbl.  f. Bibl.wes. 43 S. 82 ff.) dem Buch Lückenhaftigkeit und Ungenauigkeit nicht ohne Grund vorwirft, so kann es doch dem Historiker für mancherlei sonst schwer erreichbare Nachweisungen von Nutzen sein.

I. Allgemeines.

Welche Bedeutung nun der Einwirkung der Romantik auf die Geschichtschreibung des 19. Jahrhunderts zukomme, darüber haben die letzten Jahre lebhafte Erörterungen gebracht, nicht zum wenigsten durch die temperamentvollen Aufsätze und Bemerkungen, die der inzwischen uns entrissene Georg von Below diesem Problem gewidmet hat. Immer wieder tritt er den Bestrebungen auf Einengung des Begriffs der Romantik -- als Element wissenschaftlicher Anschauung und Gestaltung -- den Versuchen, die Werteinschätzung der Romantik überhaupt und speziell ihrer Bedeutung für Geschichtswissenschaft und Geschichtschreibung zu bekämpfen, entgegen. Daher steht er auch (»Zum Streit um die Deutung der Romantik« [109]) den Ausführungen von Carl Schmitt-Dorotič (Politische Romantik, 2. A. 1925) sehr viel ablehnender gegenüber,


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als etwa das Urteil von Rohden (Jahresberichte 1925, S. 473  f.) gelautet hatte. Natürlich, daß er (wie auch schon Rohden) sich gegen Schmitts Wertung der Romantik als »subjektiven Occasionalismus« und haltlosen Subjektivismus, wie gegen dessen Ansicht, daß die Romantik etwas mit dem wahren Katholizismus Unverträgliches sei, mit größter Entschiedenheit wendet. Dabei verkennt Below doch vielleicht, daß Schmitt in seiner Charakterisierung der Romantik nicht vom Denkinhalt, sondern vom Denkprozeß ausgeht. Für Below leistet die romantische Gedankenwelt ausgezeichnete Dienste im Kampfe, »den wir gegen Positivismus und Naturalismus zu führen haben.«

II. Geschichtschreibung in zeitlicher Reihenfolge.

In einer Frankfurter Dissertation bietet Adolf Wirth »Beiträge zur Geschichte der deutschen Historiographie von 1770--1805 vom Standpunkte der Volkserziehung aus« ( 106). Die -- vom Standpunkt der Historiographie doch willkürliche -- zeitliche Begrenzung wird damit begründet, daß sie die zweite klassische Blüte der deutschen Nationalliteratur umfaßte, weil in ihr zuerst die deutsche Bildung und die deutsche Literatur einen für die nationale Kultur grundlegenden Bund geschlossen hätten. W. will die Frage beantworten, inwieweit in diesem Menschenalter die deutsche Geschichtschreibung pädagogische Ziele verfolgt habe oder in dieser Richtung zu wirken geeignet gewesen sei. Es handelt sich um die »Popularisierung der Geschichte«: »in edelstem Sinne aufgefaßte Popularisierung der Geschichte ist eben eine Geschichtschreibung im Geiste der Volkserziehung«. »Mit dieser Arbeit soll der Anfang gemacht werden zu einer geschichtlichen Betrachtung der Geschichtschreibungskunst für die ganze Nation.« Unter diesem Gesichtspunkt untersucht W. die Werke einer Reihe von Männern von Schlözer und Gatterer bis auf Woltmann und K.  F. Becker, wie weit sie für die Bildung und Erziehung der Erwachsenen der ganzen Nation geeignet gewesen, wie weit ihre Wirkung in dieser Beziehung gegangen sei. An Hegewisch rühmt er das Ziel: die Förderung des


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wahren Patriotismus, der Kenntnis von Tugenden und Fehlern der Nation. Der eigentliche Wendepunkt beginnt mit Joh. v. Müller: innere Anteilnahme und Beseelung des Stoffs dringen in die deutsche Geschichtschreibung ein. Als gewaltiger Anreger und Wegweiser für die Popularisierung der Geschichte wird er gepriesen. In der Erziehung zur Humanität sind schon Herders Ideen ein Meisterwerk für die Popularisierung. An Schiller rühmt W. das Streben nach Überführung wissenschaftlicher Erkenntnis in weitere Kreise. -- Die historische Publizistik ist gar nicht berücksichtigt, Zeitschriften sind nur ausnahmsweise erwähnt und mehr gestreift als verwertet. Die Auswahl, die einerseits auf Literatur-, Kirchen- und Kunstgeschichte eingeht, ist auf der andern Seite nicht ohne Willkür: u. a. sind Gentz-Burke nicht berücksichtigt, und ebenfalls nicht Heeren. -- Mit Recht betont W. Lütge in einer Studie über Heeren ( 123), daß Heeren gerade für ein breiteres gebildetes Publikum geschrieben habe. Und ebenso mit Recht tritt Lütge der Stellung entgegen, die Fueter ihm unter Einreihung in die Schulen Montesquieus im Kreis der Historiographie der Aufklärung angewiesen hatte. Seine »Ideen über die Politik, den Verkehr und den Handel der vornehmsten Völker der alten Welt« bedeuten den Versuch, im Geiste Herders (besser wohl: in Anknüpfung an Herder) Geschichte zu schreiben. Zwischen Heerens und Niebuhrs Kritik erblickt L. nur einen graduellen, nicht einen fundamentalen Unterschied; sein Schüler ist Pertz (in seiner Art doch auch) ein Wegebereiter zu moderner Quellenkritik. Heeren darf, so urteilt L., keiner der beiden sich damals ablösenden Richtungen der Geschichtswissenschaft zugezählt werden, die Stellung der Aufklärung zur Kritik hat er jedenfalls in den wesentlichsten (sic!) Punkten überwunden.

II. Geschichtschreibung in zeitlicher Reihenfolge.

Im übrigen sind es namentlich Nekrologe und Gedenkfeiern, die den Anlaß geben, über den Lebensgang und die Lebensarbeit namhafter und erfolgreicher Fachgenossen zu berichten. In der Entwicklung der Historiographie sind es dann aus einer großen Zahl zumeist wenige, die hier neue Bahnen gewiesen, neue Gebiete erschlossen haben. Mit Recht hat W. Hoppe an K.  F. Kloeden ( 124), dessen sympathische Gestalt uns aus seinen schlichten und inhaltreichen Lebenserinnerungen entgegentritt, gerühmt, wie er auf eigenen Wegen es verstanden hat, Natur und Geschichte in dem einen starken Klange seiner (märkischen) Heimat zusammenzufassen. Wir werden daran erinnert, welche Bedeutung der stillen Lebensarbeit Felix Liebermanns ( 143, 142) für die Erschließung angelsächsischer Quellen und englischen Rechtslebens zukommt; in den Nachrufen auf Eberhard Gothein ( 138) und Georg Friedr. Knapp ( 141) tritt uns der Wert der Verbindung von Nationalökonomie und Historie vor Augen, eine Verbindung, die ein Historiker bei Knapp wohl noch schärfer und eindrucksvoller betont haben würde; noch einmal (s. Jahrg. 1925, 158) wird die auf der so anziehenden Persönlichkeit und ihrem inneren Reichtum beruhende Stellung, die Alfred Dove ( 133) zukommt, gegenwärtig; wir werden an die Bedeutung erinnert, die Karl Holl ( 140) durch die Gestaltung des Lutherbilds aus dem zentralen Punkt der Rechtfertigungslehre für das Verständnis der Reformation zukommt; durch ihn erst sei eine Auseinandersetzung mit dem Katholizismus ermöglicht, wie sie bisher nicht denkbar gewesen. Aus dem Bereiche spezifisch katholischer Geschichtsauffassung hat die gewaltige Arbeitsleistung Ludwig von Pastors der Historie nicht nur eine ungeheure Bereicherung unserer Kenntnisse auf dem Gebiete der Papstgeschichte gebracht; ihm bleibt das Verdienst, hier -- mag auch das Bild und Urteil, das ein Akatholikus gewinnt, vielfach andere Farbentöne tragen -- viele, nicht alle Schranken konfessioneller Bindung beseitigt zu haben. Der »Denkschrift« ( 152), die ihm Freunde zum 70. Geburtstag gewidmet, muß man ihren Jubiläumscharakter zugute halten. Pastor selbst hat im eigenen Lebensabriß seiner Arbeit und seiner Stellung in dem früh erwählten Beruf seinen Platz anzuweisen gewußt ( 113). -- Über Dietrich Schäfers köstliches Selbstzeugnis ( 151) ist bereits Jahrgang 1925, S. 159 berichtet worden. -- In seiner temperamentvollen Weise hat K. J. Beloch den Platz bezeichnet, den er in der modernen Forschung und Darstellung griechischer und römischer Geschichte in Anspruch nimmt ( 113). Auch Felix Rachfahl hat in der schlichten Weise, die dem ganzen Wesen dieser kraftvollen und arbeitsfreudigen Gestalt eigen war, von seinem Eingreifen in die Entwicklung der Historie berichtet ( 113). Mannigfache Nachrufe legen Zeugnis ab von der Anerkennung, die er gefunden. Doch tritt weder hier noch in seiner eigenen Niederschrift genügend zutage, daß eine besondere und dauernde Bedeutung seinem frühzeitigen und bestimmten Eingreifen in die durch Lamprecht hervorgerufenen methodologischen


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Streitigkeiten zukommt. -- Der Überblick endlich, den Harry Breßlau ( 113) kurz vor dem Abschluß seines bis ins hohe Alter, ja bis zur letzten Stunde mit voller Arbeitsfrische bedachten, erntereichen Lebens selbst gegeben hat, gewährt den Überblick über weite Gebiete mittelalterlicher Studien seit mehr als einem halben Jahrhundert. Quellenkritik und -edition und Urkundenlehre zeugen von dem Meister, dessen autoritative Stellung manchem erst nach seinem Scheiden zum Bewußtsein gekommen ist. Zugleich aber weist diese Lebensarbeit in Ausgangspunkt und Entfaltung auf führende Gestalten seiner Lehrjahre zurück: auf Waitz, Droysen, Ranke.

V. Zeitrechnungslehre.

Einige Grundbegriffe der Zeitrechnungslehre behandelt, mit besonderer Rücksicht auf italienische Verhältnisse Lodolini ( 377). Die wichtigste Neuerscheinung auf dem hier in Rede stehenden Gebiet (hierzu auch 408b) dürfte der zweite Band von Schroeters großem Haandbog


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i kronologi ( 408 a) sein. Aufmerksam gemacht sei auf die zweite, von E. Mahler bearbeitete, mit einem Anhang »das türkische Sonnenjahr« versehene Auflage von  F. Wüstenfelds und E. Mahlers Vergleichungstabellen der mohammedanischen und christlichen Zeitrechnung (41 S.). Grotefend legt -- gewissermaßen als Ergänzung zu seinem Taschenbuch der Zeitrechnung -- in alphabetischer Folge 85 rätselhaft scheinende Datierungen vor, deren wahre Bedeutung sich meist durch Annahme leicht erklärbarer Lesefehler ermitteln läßt ( 409). Die bei den englischen Bauern des nordwestlichen Midlands noch im 16.--18. Jahrhundert gebräuchlichen clogs almanacs, immerwährende Holzkalender, die Sonntagsbuchstaben, goldene Zahlen und stehende Feste angeben, das Jahr entgegen dem sonstigen Brauch mit dem 1. Januar beginnen und im Gegensatz zu den entsprechenden Stücken Skandinaviens, Deutschlands und Frankreichs die Form vierkantiger, eingekerbter Klötze besitzen, beschreibt und erläutert Schnippel unter Beigabe mehrerer Abbildungen und eines Verzeichnisses der bekanntgewordenen deutschen Holzkalender ( 413). Collijn behandelt das älteste, aus der Mitte des 15. Jahrhunderts stammende schwedische Birgitinerkalendarium, das dem von Birgit Sigfustochter im Kloster Munkaliv bei Bergen geschriebenen Psalterium eingefügt ist ( 414). Santifaller veröffentlicht das in drei Abschriften überlieferte, vom Brixner Dompropst Winther in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts geschriebene, mit einem Totenbuch und zwei Urbaren verbundene Kalendar mit reichlichen Erläuterungen ( 411, 1729; vgl. auch 1730). Marot zeigt, daß -- entgegen der Annahme Girys -- in Toul seit der Mitte des 13. Jahrhunderts nicht der Oster-, sondern der auch im übrigen Lothringen übliche Annunziationsstil verwendet wurde, der erst 1581 dem Zirkumzisionsstil wich ( 410; zur niederländisch-flamischen Zeitrechnung 399, 412; für Cluny 411 a). Endlich gibt Krusch, auch auf sachliche Fragen eingehend, einen vor allem mit Hilfe der chronologisch wichtigen, aus dem 9. Jahrhundert stammenden Handschrift Digby 63 (hierzu 3 Tafeln) verbesserten Text der auf Darlegungen des Dionysius Exiguus beruhenden, im Jahr 526 an Papst Johannes I. gerichteten suggestio des Primicerius notariorum Bonifatius in Sachen der Osterfeier ( 1889; über die florentinischen Johannisfeste, 2063 a).

I. Allgemeines und Sammelwerke.

Für das Berichtsjahr 1926 hat  F. Wekken im Rahmen der »Mitteilungen der Zentralstelle für Deutsche Personen- und Familiengeschichte« (Heft 38, Leipzig 1928) die Jahresbibliographie bearbeitet, deren Nachweisung von 1696 bibliographischen Einheiten in eindrucksvoller Weise das Aufblühen der deutschen genealogischen Forschungsarbeit kennzeichnet. Freilich ist auch viel Spreu unter dem Weizen, vor allem muß das Bestehen von nicht weniger als 25 selbständigen genealogischen Zeitschriften, von denen mindestens 15 geradezu als genealogische Inflationsgründungen bezeichnet werden müssen, als eine bedauerliche Zersplitterung und Vergeudung von Kräften bezeichnet werden. Das Schriftleiter-spielen-wollen von Dilettanten ist nicht selten das Hauptmotiv zu solchen Gründungen. -- Im Berichtsjahre selbst ist im Rahmen der »Familiengeschichtlichen Bibliographie«


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das Doppeljahrheft 1923/24, gleichfalls von Wecken bearbeitet ( 418), erschienen. Daneben hat Wecken begonnen, ein Verzeichnis familiengeschichtlicher Quellen in Karteiform ( 419) herauszugeben, dessen erste Lieferungen noch kein ausreichend klares Bild über den Plan des Ganzen geben -- vorläufig scheint der Zufall persönlicher Einzelkenntnisse für die Auswahl eine zu große Rolle zu spielen. Das Verzeichnis enthält sowohl archivalische wie bibliographische Nachweisungen, geordnet teils nach ständischen teils nach geographischen Gesichtspunkten. -- Wertvoll für den Benutzer ist das vom Verlag Perthes herausgegebene Gesamtverzeichnis zu den Gothaer Taschenbüchern ( 421), das mühselige Sucharbeit erspart.

I. Allgemeines und Sammelwerke.

Von Bernhard Koerners »Deutschem Geschlechterbuch« sind 5 Oktavbände erschienen, von denen erfreulicherweise vier nur Geschlechter aus geschlossenen Territorien enthalten und daher auch für die landesgeschichtliche Forschung wertvolles Material beibringen. In dem Niedersächsischen Bande (Band 46 des Geschlechterbuches) ( 440) nimmt die vom Herausgeber W. Weidler bearbeitete Stammreihe Kröner (aus Ibbenbüren in Westfalen) einen breiten Raum ein. Das hessische Geschlechterbuch (Bd. 47) ( 433) hat in Pfarrer H. Knodt seinen berufenen Bearbeiter gefunden. Den 48. Band bildet das Deutsch-Schweizerische Geschlechterbuch, Bd. 2, das  F. Arnberger bearbeitet hat ( 426). Er wird zum 3. Teil von der Stammreihe des Geschlechtes Spinner aus Aeugst ausgefüllt. Im nassauischen Geschlechterbuch (Bd. 49) ( 434) füllt den breitesten Raum die Stammfolge des Geschlechtes Beckel (Böckel) aus Dauernheim (Wetterau). Der 50. Band (XLIV, 576 S.) ist ein allgemeiner, von B. Koerner allein herausgegeben. -- Zahlreiches familiengeschichtliches Material enthalten die biographischen Sammelwerke, die jetzt wieder in größerer Zahl auch für einzelne Stammesgebiete erscheinen. Von Bettelheims Neuerösterreichischer Biographie (vgl. Jahresberr. 1925, S. 626) ist bereits ein 3. Band ( 425), von den Schlesischen Lebensbildern ein 2. Band ( 448) herausgekommen. In ähnlicher Weise hat die Historische Kommission für (die Provinz) Sachsen und Anhalt eine Sammlung Mitteldeutscher Lebensbilder ( 442) ins Leben gerufen. In allen diesen Lebensabrissen geht freilich der familiengeschichtliche Unterbau


S.193

selten einmal tiefer als drei Generationen. Die Bearbeiter haben sich zumeist begnügt, aus der bekannten Literatur ein kurzes Bild von der Herkunft des Dargestellten zu geben. Es würde wohl im allgemeinen den Rahmen dieser Lebensabrisse sprengen, wenn ausführliche genealogische Untersuchungen vorausgeschickt würden. Aber im ganzen darf doch auch in solchen Sammelwerken eine dem heutigen Stand der Genealogie entsprechende Berücksichtigung der Familiengeschichte, zumindest eine übersichtliche Analyse der Ahnen- und der Stammtafel der Probanden erwartet werden.

IV. Historische Landschaftskunde; historisch-politische Geographie.

Der Erkenntnis des Landschaftsbildes vergangener Zeiten und seiner Wandlungen dient eine treffliche Studie  F. Magers ( 569), die in methodischer Hinsicht höchst beachtenswert ist; sie gilt den Landstrichen Nordschleswigs und behandelt in gründlicher Verwertung der historischen Quellen (Karten, Landesbeschreibungen, Akten der Archive) das Problem des ursprünglicheren Charakters der Landschaft in dem bis in kleinste Räume hinein genau untersuchten Gebiet. Deutlich ergibt sich, wie hier die Kulturformen (Heide, Moor, Wald, Kratt, Acker, Wiese, Weide) in keinem festen Verhältnis zueinander stehen, vielmehr, sogar in noch ganz junger Zeit, stark gewechselt haben. Die einstige Verbreitung großer Geestwälder, meist mit Eichenbeständen, wird nachgewiesen, sodann die Devastierung der Waldungen und der Übergang zur Heide in Verbindung mit Auspowerung des Bodens durch raubbauartigen Wirtschaftsbetrieb, größtenteils infolge des »kommunistischen Wirtschaftssystems«, wie der Verfasser sagt, bis die seit dem 18. Jahrhundert ausgebreitete Eigentumswirtschaft mit ihrer Bodenpflege (Aufforstung, Trockenlegung der Moore, Umwandlung in Ackerland) ihren Einfluß auszuüben vermocht hat. -- Dem Walde in vorgeschichtlicher germanischer Zeit, zumal im Sudetenraum, gilt ein fesselnder Aufsatz, den der Germanist Rud. Much geschrieben hat ( 623).


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V. Siedlungsgeschichte.

In der Provinz Sachsen hat bei der siedlungsgeschichtlichen Arbeit von jeher die Wüstungsforschung im Vordergrund gestanden. So ist nunmehr eben von diesem Gesichtspunkt aus eine zusammenfassende Darstellung siedlungsgeschichtlicher Art erfolgt. Dem verdienstvollen Bearbeiter der wüstungsgeschichtlichen Werke G. Reischel ( 581  f.) wird sie verdankt, zugleich mit einer neuen quellenkritischen Veröffentlichung zur Wüstungskunde, etwa in der bisher innegehaltenen Art, für die Kreise Bitterfeld und Delitzsch (nebst Kartenbeilage 1:200 000). Die darstellende Arbeit zieht gleichsam die Summe der langjährigen Erfahrungen ihres Verfassers: germanische und sorbische Besiedlung,


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die ostdeutsche Kolonisation, die Verödung und ihre mancherlei Ursachen, Vorgänge des Wiederaufbaus, der Einfluß der Wüstungen und ihrer Nutzung auf die Gestalt der Dorf- und Stadtfluren, die wüsten Kirchen werden in lehrreichem Überblick besprochen; auch die Bevölkerungszahl wird in Einzelbeispielen berücksichtigt.

V. Siedlungsgeschichte.

Wie schon bei den zuletzt genannten Arbeiten, so spielt erst recht für das eigentliche Nordostdeutschland das Problem der slawischen Siedlungs- und Kulturzustände im Vergleich zu den deutschen eine Rolle. Eine Überschau nach dem derzeitigen Stande des Wissens bietet eine Sammlung von Aufsätzen, die W. Volz ( 228) herausgegeben hat: »Der ostdeutsche Volksboden«; Historiker und Philologen haben dazu Beiträge für einschlägige Fragen geliefert (der Verfasser dieses Berichts, A. Dopsch, R. Holtzmann, R. Much, M. Vasmer, E. Gierach, H. Witte, C. Krollmann, E. Keyser, Fr. Lorentz, Br. Ehrlich, H. Gollub, K. J. Kaufmann, M. Laubert), G. Aubin behandelte in großem Überblick die Entwicklung der ostdeutschen Agrarverfassung. (Vgl. auch S. 519) Dazu liegen nicht wenige Sonderveröffentlichungen vor. Beachtlich ist eine Untersuchung H. Krabbos ( 584), worin die 1108 gebotene Schilderung der wilden Grausamkeit slawischer Völkerschaften im Elbgebiet an der Hand der Quellenzeugnisse nachgeprüft wird, mit dem Ergebnis, daß es in dem langen harten Grenzkampf an solchem Verhalten auf beiden Seiten nicht gefehlt hat. O. Ed. Schmidt, der bekannte Verfasser der Kursächsischen Streifzüge, hat den Wenden der Ober- und Niederlausitz ein Buch gewidmet ( 609), das gute Kenntnis, ruhiges und sachliches Urteil sowie anschauliche Erzählung und Schilderung aufweist; es ist verdienstlich, daß voreingenommenen Ausstreuungen über das Wendentum damit entgegengetreten wird. Einer eingehenderen siedlungsgeschichtlichen Untersuchung von den vorgeschichtlichen Zeiten bis zur deutschen Kolonisation ist freilich noch manche Aufhellung vorzubehalten. Eine fleißige Einzelstudie zur Siedlungskunde der Mittelmark hat W. Gley vorgelegt ( 586). Ausgehend von den physisch-geographischen Verhältnissen, berücksichtigt er vornehmlich die Ortsformen und Ortsnamen, zieht auch erfreulicherweise Flurkarten, zumal ältere, zu seinen Studien heran und hat überdies ein weitschichtiges Material an historischen Quellen, bis ins 17. Jahrhundert hinein, verwendet. Im wesentlichen gelungen erscheint das Endergebnis, der Nachweis der einstigen Verbreitung der Slawen, wofür die natürliche Beschaffenheit der von ihnen eingenommenen Räume nahe den Wasseradern die Erklärung bietet; eine gefällige Karte bringt dies ansprechend zum Ausdruck. Auch die Schätzung der Volkszahl der Slawen (um 1150: etwa 25 000) und der geringen Bevölkerungsdichte vorkolonialer Zeit verdient Beachtung. Das Bemühen Gl.s um agrargeschichtliches Verstehen ist anerkennenswert; es liegen auch brauchbare Beobachtungen dazu vor (über die Art der Hufen, Wendenfelder), jedoch kann die gegensätzliche Schilderung des slawischen und deutschen Agrarwesens nicht als einwandfrei gelten. Mit Recht hervorgehoben wird der Einfluß der Straßen auf den Gang der Kolonisation wie auch auf die Siedlungsformen. Für die Oberlausitz hat W. Heinrich ( 607) die Verbreitung der »fränkischen Hufe« mit Hilfe von Messungen der Fluren nach Länge und Breite (Hufengröße 42 sächs. Acker = 23,10 ha) nachzuweisen unternommen; ihm folgt Joh. Langer ( 608) mit noch umfassenderen Studien, zugleich in fleißiger, glücklicher Auswertung von Flurnamen. Die bedeutendste


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Leistung zur Siedlungsgeschichte Schlesiens bringt ein Buch Jos. Pfitzners ( 614), vornehmlich für das Breslauer Bistumsland; kenntnisreich und umsichtig geschrieben, ausgezeichnet durch eine höchst vielseitige Problembehandlung fördert es an seinem Teil auch siedlungsgeschichtliche Fragen. Es bringt neue Beweise für die deutsche Einwanderung nach Schlesien zur Kolonisationszeit (aus den Papsturkunden), beleuchtet das Verhalten der Deutschen im Neulande (Zehntentrichtung, Fastenbrauch) und bringt Aufschlüsse zur Siedlungspolitik der schlesischen Fürsten und der Breslauer Bischöfe, so daß die Darstellung weit über die rein verfassungsgeschichtliche Ermittlung hinausgelangt. Flurstudien haben bei dem Gebotenen noch nicht nutzbar gemacht werden können. Kleinere Studien liegen für einzelne Kreise vor ( 612  f.). In einer Untersuchung sucht Jungandreas ( 610) die Herkunft der »Siedlerstämme« zu ermitteln. Rheinische Einwanderung (auch aus Hessen) ist schon früh festzustellen; am stärksten vertreten sind Obersachsen, nächstdem der bayrische Einfluß, während alemannischer nicht mehr zu erkennen ist, der niederdeutsche jedenfalls bedeutungslos blieb. Die Beschäftigung mit der Landschaftsgliederung und Bevölkerungsverteilung des unteren Weichsellandes hat W. Geisler ( 595) darauf geführt, auch eine Kennzeichnung der ländlichen Siedlungsformen dieses geographisch wie volksgeschichtlich so merkwürdigen Gebiets vorzunehmen. Eine gleiche Mannigfaltigkeit stellt sich dabei heraus, wie anderwärts. Altertümlich erscheinen die Weiler, die, darin den Gutssiedlungen ähnlich, in natürlicher Schutzlage angelegt sind; die Dörfer mit der Besitzform der Haken haben fast ausnahmslos die Weilerform, die Bevölkerung der »Weilerdörfer« ist kaschubisch. War schon bisher in der Weichselniederung die Schaffung der Kulturlandschaft als deutsche Leistung erkannt, so erweisen sich nun die Straßen- und Angerdörfer auf den Weichselhöhen gleichfalls als Werk der deutschen Siedlung. Ebenso gilt dies für die reihenförmig angelegten »Deichhufendörfer«. Diese Dorfformen des Weichsellandes stehen am Schluß der Entwicklung ostdeutscher ländlicher Siedelung. -- Eine Breslauer Dissertation K. Heidrichs über die mittelalterliche deutsche Kolonisation in Polen ( 628) ist bisher nicht im Druck erschienen. -- Für die Kaschubei bietet ein gründlicher Kenner dortiger Sprache und Geschichte, Fr. Lorentz ( 601), eine quellenmäßig begründete Untersuchung der Siedlung und des Volkstums zur Ordenszeit. Das Kaschubische ist ein pomeranischer Dialekt; erst später gerät es zumal in den Grenzgegenden unter den Einfluß des Polnischen. Als die ersten Deutschen kamen Missionare nach Ostpommern; seit 1178 entstanden klösterliche Niederlassungen, deutsche Kaufleute stellten sich ein (1260 Gründung von Dirschau), seit der Mitte des 13. Jahrhunderts siedelten sich nun auch deutsche Landleute an, deutsche Güter und Dörfer breiteten sich aus. Unter der Herrschaft des deutschen Ordens (seit 1309) nahm die deutsche Besiedlung stark zu, um kolonisierende Klöster sowie die Städte: die Ordenszeit galt den Bauern als das goldene Zeitalter.

I. Allgemeines. Sprache.

Im vorigen Jahresbericht konnte ich betonen, daß das Interesse für das Mittellatein in starkem Aufschwunge begriffen sei. Ebenso hebt  F. Ermini ( 631) einleitend hervor, daß die Zeit vorüber sei, wo man dieser Literatur nur gelegentlich, wenn der Zufall einen Gelehrten darauf führte, einige Aufmerksamkeit widmete, und man begonnen habe, auch hier ein wissenschaftliches Studium nach philologischer und historischer Methode zu fordern. Er gibt einen kurzen Überblick über die Entwicklung des mittellateinischen Schrifttums und schlägt folgende Periodisierung vor: 1. Età delle origini, 337--476 (von Constantin bis zum Falle des römischen Reiches), wo im Kampfe mit den heidnischen Autoren eine Literatur sich entwickelte, die die Schönheit der klassischen Zeit mit christlichem Inhalt erfüllte. 2. E. della letteratura barbarica 476--799. 3. E. del risorgimento 788--888. 4. E. della letteratura feudale 888--1000 (Pontificat Silvesters II.). 5. E. della letteratura scolastica, 11. bis 12. Jahrhundert. 6. E. della letteratura erudita, Vordringen


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der Nationalsprachen. Der Verfasser entwickelt seine Gedanken in anregender Weise, doch ist es selbstverständlich, daß der Versuch, eine Literatur, an der viele Nationen beteiligt sind, in ein solches Schema zu zwängen, immer sein Mißliches hat. -- Im zweiten Teil will der Verfasser zeigen, daß dies Mittellatein eine lebende Sprache war, und bringt aus den fränkischen Heiligenleben und den Leges barbarorum zahlreiche Beweise dafür, daß man diesen Ausdruck für die frühere Zeit mit Recht anwenden kann. Wenn er die Sprache des 11. und der folgenden Jahrhunderte ähnlich betrachtet wissen will, so wird man ihm doch nur mit Vorbehalt zustimmen können, denn der Einfluß, den die Schule ausübte, war außerordentlich groß und kann wohl kaum überschätzt werden. Mit dem gesprochenen Latein beschäftigt sich auch I. W. Thompson ( 644), der die Behauptung aufstellt, der Glaube, wir hätten in den Straßburger Eiden das älteste französische Sprachdenkmal, sei eine Chimäre. Die Eide seien in deutscher und lateinischer Sprache abgefaßt gewesen, die altfranzösische habe noch gar nicht existiert, sondern sei erst im 10. Jahrh. entstanden, während im 9. Jahrhundert auch im größten Teil von Frankreich und Belgien Deutsch die Volkssprache war (vgl. dazu auch Edw. Schröder, Zs.  f. d. A. 63, 48). Nithard habe den deutschen und lateinischen Text vor sich gehabt und getreu wiedergegeben, im 10. Jahrhundert, zur Zeit Karls des Einfältigen, sei der lateinische Text aus politischen Gründen in das damals entstehende Altfranzösisch übersetzt worden. Der Verfasser hat allerlei interessantes Beweismaterial beigebracht, und man darf gespannt sein, welche Stellung die Romanisten, die den Aufsatz bisher übersehen zu haben scheinen, dazu einnehmen werden; A. Wallensköld, Les serments de Strasbourg, le plus ancien texte français conservé. Philologische Studien aus d. roman.-german. Kulturkreise Karl Voretsch dargebracht 1927, 87 ff., erwähnt ihn nicht. Entschieden abgelehnt wird er von Lawrence F.H. Lowe und Bateman Edwards im Speculum II 1927, 310 ff. Natürlich mit vollem Recht. Die Bedenken liegen ja auf der Hand. Waren denn die Eide wie heute so auch damals nur aus Nithards Werk bekannt? Man sollte doch annehmen, daß sie sorgfältig in den Archiven aufbewahrt wurden. Konnte Nithards Werk, das heute nur aus einer Handschrift bekannt ist, solchen Einfluß ausüben, wie eine derartige Interpolation voraussetzen würde? Sehr störend ist, daß der Verfasser mit dem Begriffe Vulgärlatein operiert, ohne ihn zu erklären. Wenn Adalhards Biograph Radbertus von diesem sagt quem si vulgo audisses, ... si vero idem barbara, quam Teutiscam dicunt, lingua loqueretur, ... quod si Latine, ... oder an der vom Verfasser übersehenen Stelle in Radberts Ecloga, Poetae 3, 45, 7  f. Rustica concelebret Romana Latinaque lingua, Saxo quibus (so L. Traube, quin Diez, quo und qui die Handschriften) pariter plangens pro carmine dicat, so möchte man doch gern wissen, wie der Verfasser sich das Verhältnis von der rustica lingua Romana und der Latina denkt.

I. Allgemeines. Sprache.

Zur Glossographie sei vor allem auf die Glossarienausgabe der britischen Akademie hingewiesen ( 632 a). Einem wirklichen Bedürfnisse entspricht die Ausgabe des Riesenlexikons, das man gewöhnlich Liber glossarum zu nennen pflegt, während hier nach französischem Gebrauch der Name Ansileubus eingesetzt ist. Um Raum zu sparen und den teuren Druck zu ermöglichen, haben die Herausgeber, an deren Spitze W. M. Lindsay steht, ein wohldurchdachtes


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System von Abkürzungen und Verweisungen ersonnen, so daß man zuerst eine Logarithmentafel in die Hand zu nehmen glaubt, und man muß sich vor dem Gebrauch sorgfältig mit den befolgten Prinzipien vertraut machen, wie sie in der knappen Vorrede dargelegt werden. Ferner wird dort kurz gehandelt de glossarii fontibus, de vitiis archetypi, de ordine glossarum, de patria glossarii (die meist geltende Annahme, daß das Glossar seine Heimat in Spanien hat, ist kaum zu beweisen, die ältesten Hss. stammen aus Corbie), de glossarii utilitate, de glossariorum aliorum testimonio. Als willkommene Ergänzung gibt Lindsay im dritten Bande das Abolitaglossar und mit H. S. Thomson zusammen das Abstrusaglossar mit kurzer Einführung, worin er über die Entstehung dieser Glossare handelt und zu den Ansichten der 'Ritscheliani' Stellung nimmt. Der zweite Band bringt Armafragment von R. G. Austin und W. M. Lindsay, Abavusglossar von J.  F. Mountford und Philoxenos von M. Laistner. Sehr ungeschickt ist, daß im zweiten Bande, anders als im ersten und dritten, am Kopf der Seite immer nur Glossaria latina steht. Über die ganze Ausgabe vergleiche man auch die Selbstanzeige Lindsays im Archivum latinitatis medii aevi 3, 1927, 95 ff. -- Sehr nützlich und belehrend ist die kleine Arbeit von Ch. H. Beeson ( 642). Er geht von der Beobachtung aus, daß Uneingeweihte sich leicht eine übertriebene Vorstellung von dem Beitrag machen, den das Mittelalter zum mittellateinischen Sprachschatz geliefert habe, und vergleicht die Annales Fuldenses mit Du Cange und Forcellini-de Vit, mit dem Ergebnis, daß neue Wörter in den Annalen eigentlich gar nicht vorhanden sind, sie finden sich alle im Du Cange, fast alle im Forcellini. Auch neue Formen kommen fast gar nicht vor. Dagegen haben viele natürlich eine neue Bedeutung entwickelt, und es ist sehr fesselnd, an der Hand des gelehrten Führers diese Liste durchzugehen, immer den Blick darauf gerichtet, wie weit diese neuen Bedeutungen bei Du Cange und Forcellini verzeichnet sind. Zum Schluß werden einige syntaktische Bemerkungen angefügt. -- In frühere Zeit führt uns Schwester M.  F. Barry ( 641). Sie stellt den Wortschatz der moralasketischen Werke des hl. Ambrosius nach dem Schema zusammen a) anteclassical, b) lateclassical, c) postclassical, d) ecclesiastical, e) poetical,  f) rare words. Zum Schluß ist noch ein Verzeichnis beigegeben, das den Leser in den Stand setzt, sich über jedes Wort zu unterrichten. Hingewiesen sei auf das interessante achte Kapitel, das die große Abhängigkeit des Ambrosius von Cicero deutlich macht. Für das Mittellatein hat das Buch nicht wesentliche Bedeutung. Mehr Nutzen wird man aus der Arbeit von I. Lhevinne ( 651) ziehen, obwohl sie vor allem für Romanisten schreibt. Nicht zugänglich war uns leider die Dissertation von P. Taylor ( 650). Ausdrücklich hingewiesen sei auf A. Sleumers Kirchenlateinisches Wörterbuch ( 633). Wer weiß, wie sehr das Mittellatein unter dem Einfluß des Kirchenlateins steht, wird den Nutzen dieses Buches erkennen, wenn er den vollen Titel hört »Ausführliches Wörterverzeichnis zum römischen Missale, Breviarium, Rituale, Graduale, Pontificale, Caeremoniale, Martyrologien sowie zur Vulgata und zum Codex iuris canonici, desgleichen zu den Proprien der Bistümer Deutschlands, Österreichs, Ungarns, Luxemburgs, der Schweiz und zahlreicher kirchlicher Orden und Kongregationen.« Dieser erste Versuch, den Wortschatz der kirchlichen Schriften zu erfassen, bietet natürlich ein gewaltiges Material, so konnte auf das einzelne Wort

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nicht viel Platz kommen, und manches mutet etwas elementar an. Weshalb am Anfang auf fast 40 Seiten über die richtige Aussprache des Lateins gehandelt werden mußte, wird nicht klar.

II. Ausgaben.

Das Berichtsjahr hat uns mehrere Erstausgaben beschert. Ganz besonders ist es zu begrüßen, daß Phyllis Abrahams ( 652) die teils zerstreuten teils noch unbekannten Dichtungen des sympathischen Baldericus Burguliensis in ihrem Buche zum erstenmal zusammenstellt. Leider ist sie, die sich selbst als »un novice« bezeichnet, dieser Aufgabe in keiner Weise gewachsen gewesen, und wie es scheint, würde sie sich nicht daran gewagt haben, wenn E. Faral sie nicht gedrängt hätte, der ja, wie seine Ausgabe der Poetria nova zeigt, an die Edition von Versen keine besonders strengen Anforderungen stellt; wie das auch sein mag, die Ausgabe muß als völlig ungenügend bezeichnet werden, sie wimmelt von Druck-, Lese-, Interpunktionsfehlern. Nun kann man ja die meisten Anstöße ohne weiteres fortschaffen, -- eine Seite sieht nach der Lektüre zuweilen aus wie eine korrigierte Fahne, -- aber man muß doch feststellen können, was an Fehlern auf Rechnung des Dichters, was auf die des Editors kommt, und schließlich ist es nicht die Aufgabe des Lesers, den Text herzustellen. Die Herausgeberin benutzt eine Photographie der einzigen Handschrift (Anfang des 12. Jahrhunderts) und daneben eine früher genommene Abschrift A. Salmons, man sollte meinen, unter solchen Umständen müßte sich ein korrekter Text schaffen lassen, aber in unzähligen Fällen bleibt man ohne Auskunft. Hat die Hs. wirklich valit für valet, hebit für hebet, anteferanda uaa? Einen tiefen Einblick tut man, wenn man die von P. Lehmann fast gleichzeitig (Pseudoantike Literatur des MA. 1927, 65 ff.) gedruckten Stücke vergleicht: die Herausgeberin hat einfach nicht lesen können, quam wird gesetzt für quoniam, genuini für gemini, dum für dii. Gern würde ich durch Mitteilung meiner Notizen das Buch benutzbarer machen, dann würde ich aber den ganzen mir zur Verfügung stehenden Raum verbrauchen, doch hoffe ich dies an anderer Stelle nachholen zu können. Man könnte über das Machwerk ohne weiteres den Stab brechen, wenn nicht andererseits ein zu Tränen rührender Fleiß darauf verwandt wäre, leider in falscher Richtung. Es lag doch nahe, die einzige Handschrift einfach abzudrucken, statt dessen wird die in klassischen Texten übliche Orthographie gewählt »qui facilite la lecture«, und in der Vorrede werden die Fälle aufgezählt, wo e, ę statt ae, ci statt ti, i statt y steht usw. Und wenn nur wenigstens die übliche Orthographie angewendet wäre! Man reibt sich die Augen, wenn man immer wieder proesens, madidoe, Groeci, usw. findet. In den Ausführungen über den Stil werden sämtliche Fälle der Repetitio, Annominatio uaa. aufgeführt, in der Metrik sämtliche hexametri caudati, leonini uaa., ich schätze 6--8000 Stellen. Dagegen für das, was wissenswert ist, fehlt völlig der Blick. Ein furchtbares Buch! -- Um so erfreulicher das von H. Liebeschütz ( 640), der Fulgentius metaforalis des englischen Franziskaners Johannes Ridovalensis, gegen Mitte des 14. Jahrhunderts, ein typisches Beispiel dafür, wie man im späteren Mittelalter die Moralisation der heidnischen Götter in den Dienst der Predigt stellte. Um das Verständnis dieser Literatur zu erleichtern, weist die gelehrte Einleitung die Linien auf, die von der spätantiken Allegorese zu der des hohen Mittelalters führen. Das Buch ist mit vortrefflichen Wiedergaben von Illustrationen


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des Vat. Palatinus 1066 und Vat. Reg. lat. 1290 ausgestattet. -- Literarhistorisch und historisch nicht ohne Interesse ist das lange Schmähgedicht des Michael von Cornwall gegen Heinrich von Avranches, den Erzpoeten König Heinrichs III. aus den Jahren 1250--1260, das A. Hilka ( 660) bekannt macht. Es ist vor allem bemerkenswert wegen der fabelhaften Wortspielerei und Künstelei im Versbau. Natürlich erschließt sich ein solches Gedicht nicht überall leicht dem Verständnis, und der Herausgeber hat recht, wenn er bedauert, daß ihm kein Raum für erläuternde Anmerkungen blieb. Fünf Handschriften sind herangezogen, aber leider ist der Text nur nach einer gegeben, vielleicht wäre hier und da aus den andern doch etwas zu gewinnen gewesen. An Änderungsvorschlägen notierte ich bei der Lektüre: 19 sum 20 at es 33 pari, lis 101 duce vovi (?). 189 sine: l. sive 235 semper: l. sepe 384 wohl moriaris 424 nomini kaum möglich, l. homini 493 l. minaci, 593 nec: l. hec 644 l. servus 681 l. multiplice 876 l. quia pravus 902 l. pravi cum 924 clausa ohne Punkt. 945 l. iurisque 1127 l. in ere. -- Zwei hübsche Gedichtchen macht K. Strecker ( 635) aus Cod. Digby 166 s. XIII bekannt, Nos per mundi climata ferimur vagantes und Tria sunt officia, quibus laus honoris, von denen namentlich das erste als ein echtes Vagantenlied Aufmerksamkeit verdient; (2, 4 ist natürlich hinter non ein Komma zu setzen). Besonders interessant wird es dadurch, daß der Dichter, wie Strecker Zs.  f. d. Phil. 52, 396 zeigt, offenbar ein entlaufener Mönch war, denn er kennt die Benediktinerregel gut und parodiert sie in frecher Weise. Zu dem Gedicht gibt  F. Schwarz, Zs.  f. d. Phil. 51, 476 einige Bemerkungen, die nicht sehr überzeugen. Dagegen hat E. Herkenrath in seiner Auswahl für die höheren Schulen »Scholaren, Das Treiben mittelalterlicher Schüler, Studenten, Vaganten in ihrer Dichtung«, Leipzig (o. J.) S. 35 durch die Änderung huius beneficio redimatur sonus, »dessen Stimme soll man durch Wohltaten erkaufen«, es wesentlich gefördert. Das erwähnte Büchlein ist für die Schule bestimmt, aber der Verfasser zeigt, daß er den Stoff beherrscht. Er hat lesbare Texte hergestellt, die vorgenommenen Änderungen sind vielfach sehr kühn und bedenklich, aber man wird sich mit ihnen auseinandersetzen müssen. -- Der pauper Henricus, den man bisher nur in alten Drucken benutzen konnte, ist jetzt in einer Separatausgabe zugänglich gemacht worden: Henrici Septimellensis elegia sive de miseria. Recensuit, praefatus est, glossarium et indices adiecit Aristides Marigo Patavii 1926. Das Gedicht ist ja in zahllosen Hss. verbreitet, und es hat sich bisher noch niemand an die Aufgabe herangewagt, nach ihnen eine Rezension zu veranstalten. Marigo hat kurz entschlossen den Knoten zerhauen und eine Ausgabe geschaffen, die nur auf italienischen Hss. beruht; er glaubt mit diesen auskommen zu können, da das Gedicht in Italien entstanden und dort zuerst verbreitet worden sei, so werde sich dort auch der beste Text erhalten haben. Man muß ihm dankbar sein, daß er diese Arbeit geleistet hat; ob die Begründung seiner Beschränkung ganz zutrifft, ist freilich nicht sicher, die ältesten italienischen Hss. sind 100 Jahre nach der Entstehung des Gedichtes geschrieben, und es ist doch nicht undenkbar, daß schon früher ein guter Text über die Alpen kam und dort verbreitet wurde. Wünschenswert ist es sicherlich, daß allmählich auch die andern Hss. untersucht werden, was man gern schon in dieser Ausgabe gehabt

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hätte. Die zugrunde gelegten Hss. teilt der Herausgeber in drei Klassen, von denen vor allem die erste in Betracht kommt. Es versteht sich von selbst, daß der so fundierte Text die früheren Ausgaben bedeutend überragt, und man liest ihn mit Vergnügen. Freilich will ich nicht verschweigen, daß ich nicht überall einverstanden bin, gelegentlich erschweren auch Druckfehler (v. 156 lupis) und zweifelhafte Interpunktion das Verständnis. Die Orthographie ist verständigerweise der Zeit angepaßt, doch geht dies zuweilen wohl zu weit und wirkt schrullenhaft, z. B. 623 yrtus Licaon = hircus, sotius, tyrampnus. Sehr angenehm ist es, daß vier Indices beigegeben sind: 1. Glossarium locutionum et verborum, in dem Hugutio, Papias, Johannes de Janua herangezogen sind. 2. I. grammaticus et metricus. 3. I. nominum et rerum. 4. I. auctorum, an dem freilich mancherlei auszusetzen ist, wie ich im einzelnen an anderer Stelle zeigen werde. Ein empfindlicher Mangel ist es z. B., daß der Verfasser nur an klassische Autoren denkt und die zeitgenössischen gar nicht berücksichtigt. Hoffentlich wird dies in der geplanten größeren Ausgabe nachgeholt. Das wird dann freilich nach langer Entbehrung ein reicher Segen werden, zumal gleichzeitig, wie ich einer Anmerkung entnehme, zugleich ein Buch Arrigo da Settimello, Cremona 1926 von I. Spagnolo erschienen ist. Zu V. 982 Longepres vgl. jetzt Studi medievali 1928 S. 157 ff. -- Derselbe Marigo handelt, wie ich nachtragen möchte, Giorn. storico della Letteratura Italiana LXXXVI, 1925, 299, über den kritischen Text von Dantes De vulgari eloquentia und tritt für die Bedeutung des Codex Berolinensis als Textzeugen ein. -- Im Archivum latinitatis medii aevi 1926, 76 druckt V. Ussani ein Breviarium historiae Judaicae, das ein Schreiber des 12. Jhd. in Gembloux nach einer älteren Vorlage in den jetzigen Codex Bruxellensis 5540 eingetragen hat. -- H. Walther ( 636) gibt eine genaue Übersicht über den reichen Inhalt von Amplonianus Q 12 und Q 345 an mittellateinischen Dichtungen. Für die einzelnen Stücke notiert er meist nur die Initien und gibt aus seinen reichen Sammlungen weitere Fundorte an. Dieser, allerdings weitaussehende, Weg wird weiter verfolgt werden müssen, wenn wir allmählich eine Vorstellung von der außerordentlichen Fülle an lateinischer Dichtung des späteren Mittelalters gewinnen wollen. Aus der ersten Hs. werden einige Stücke ganz abgedruckt, Nos sumus hic sedentes, Grecorum gens induere v. J. 1453, Bifurcate littere. -- Sehr zu begrüßen ist auch die sorgfältige Beschreibung einer Reihe von Handschriften grammatischen Inhalts aus der Bibliothek von Brügge von A. de Porter ( 637), die nicht nur für die Grammatikerüberlieferung sehr aufschlußreich ist, sondern auch auf andere Werke der späteren m.-lateinischen Literatur Licht wirft. Es sei vor allem auf Cod. 546 hingewiesen, der Aufklärung gibt über die immer noch ziemlich dunkle Produktion des Johannes de Garlandia. Sehr hübsch ist in den mitgeteilten Versen die Polemik gegen das Doctrinale und den Graecismus. Wertvoll ist auch die Beschreibung von Handschriften des Priscian, Donat, Graecismus, Hugutiso, Ad mare ne videor uaa. Die reichhaltige Handschrift 548 bietet auch literarische Texte, Omne punctum, Phagifacetus, Pamphilus, Palpanista. Überall werden die nötigen Literaturnachweise gegeben, beim Pamphilus fällt auf, daß die, allerdings recht schlechte, Ausgabe von Baudouin nicht genannt ist. -- Die schon vor 100 Jahren von Pertz geplante Ausgabe der sogenannten Cambridger Lieder ist jetzt von K. Strecker ( 645)

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auf Grund des Facsimiles in Breuls Ausgabe geliefert worden, und man hat zum erstenmal die Möglichkeit, einen Überblick über die Anlage dieser wichtigen Sammlung zu gewinnen. Für jedes Stück ist die ganze Überlieferung, soweit sie bekannt ist, herangezogen worden. Da die Texte nicht überall leicht zu verstehen sind, mußte vielfach ein ausführlicher Kommentar gegeben werden; die Form der Sequenzen ist durch ein Schema erläutert. In der Vorrede nimmt der Herausgeber Stellung zu der allgemeinen Annahme, daß die Sammlung am Rhein entstanden sei. Man müsse mehrere Teile unterscheiden: 1. eine Sequenzensammlung, 2--15. 30. 30 a, die in Deutschland entstand, deren Heimat aber nicht näher feststeht, 2. eine in Frankreich entstandene Liedersammlung, 35--47. Zwischen beiden steht eine Reihe mannigfaltiger Gedichte, 16--34, darunter hintereinander drei, die nach Köln, Mainz, Trier führen, 24--26. Auf diese könne man sich berufen, wenn man daran festhalten wolle, daß die ganze Sammlung am Rhein zusammengestellt wurde. Ebenso bezweifelt der Herausgeber die Richtigkeit der Behauptung, daß das Ganze ein Vagantenliederbuch sei, es handle sich vielmehr um eine einfache Anthologie. Im Anhang ist eine köstliche Parodie des Nachtigallenliedes beigefügt, das Gedicht Admensam philosophiae ganz abgedruckt und schließlich eine Übersicht gegeben über die vielen Deutungen, die De Henrico erfahren hat. -- Auf Walahfrid Strabo ist durch das 1925 erschienene Prachtwerk »Die Kultur der Abtei Reichenau« die Aufmerksamkeit von neuem gelenkt worden, so wird auch die Wiedergabe des ersten Druckes des Hortulus ( 649), den Joachim von Watt (Vadianus) 1510 in Wien veranstaltete, willkommen sein, und gern wird das Auge des Liebhabers auf dieser vortrefflichen Nachbildung des feinen Antiquadruckes ruhen. Walahfrid als literarische Persönlichkeit wird hübsch geschildert von K. Sudhoff, die botanische Erläuterung hat K. Marzell übernommen und einen kurzen Exkurs über den Drucker Hieronymus Philovallis E. Weil beigesteuert. Hingewiesen sei noch auf die Wiedergabe der Vorrede des Vadianus. -- Die Anthologie von C. Beck ( 630) sollte ein kleines Bändchen sein, dadurch ist die Auswahl sehr beschränkt. Der Stoff ist in fünf Abschnitte geteilt: 1. Aus der Zeit der Karolinger, 2. Sequenzen des Notker Balbulus, 3. Aus den Cambridger Liedern, 4. Lieder der fahrenden Kleriker, 5. Hymnen. Man sieht sofort, daß die Zusammenstellung etwas einseitig ist. Was geboten wird, ist mit gutem Urteil ausgewählt, man möchte kaum etwas missen (vielleicht etwa 1, 7, das die Leser meist doch nicht verstehen werden), aber vieles fehlt, was man bei dem Titel, den die Sammlung erhalten hat, ungern entbehrt. Vom Epos erhalten wir nur ein Stück aus dem allerdings sehr reizvollen De Carolo rege et Leone papa, das man aber nicht immer wieder dem Angilbert zuschreiben sollte, von Einhart ganz zu schweigen, vom Drama gar nichts, und doch gehört beides auch zur Dichtung. Wenn dieser Titel gewählt werden sollte, so wäre ein zweites Bändchen nötig gewesen, das diese Lücke ausfüllte. Die einzelnen Abschnitte sind mit Einleitungen versehen, die zeigen, daß der Verfasser die Literatur sorgfältig verfolgt und ausgenutzt hat. Wer als Benutzer gedacht ist, wird nicht ganz klar. Leser, denen man dirus, ditare, dogma usw. übersetzen muß, werden schwerlich den rechten Genuß an diesen Texten haben, und wenn sie in der Schule verwertet werden soll, so meine ich, man sollte die Schüler daran gewöhnen, ein Lexikon zu gebrauchen. Und gar nicht gefällt mir, daß solche Anmerkungen auch unter dem Text stehen. Ich würde mich freuen, wenn in einer Neubearbeitung, die ich erhoffe, diese Anmerkungen

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auf ein etwas höheres Niveau gehoben würden, wo dann auch einige üble Versehen verschwinden könnten. -- Auf die Figurengedichte des Optatianus Porfyrius ( 640a) wurde schon im Bericht des Jahres 1925 S. 190 hingewiesen.

III. Epos.

Die Frage nach dem Verfasser des Waltharius ist von R. Reeh ( 648) von neuem aufgerollt worden. Er will nachweisen, daß die seit I. Grimm übliche Zuweisung des Epos an Ekkehard I. unrichtig sei, vielmehr Geraldus, der Verfasser des Prologs, auch das Gedicht gemacht habe und mit einem in Straßburg auftretenden, schon von Althof nachgewiesenen G. identisch sei. Der Verfasser ist recht siegesgewiß und operiert stark mit Vokabeln wie »Voreingenommenheit«, »Befangenheit« usw., ich kann aber nicht erkennen, daß die Sache auch nur im geringsten gefördert worden ist. Man habe den Prolog bisher »nach Kräften mißverstanden«, W. Meyer habe verschiedene ganz willkürliche Konjekturen dazu gemacht und ich sie unverständlicherweise in den Text aufgenommen. Zu meinem Bedauern wird aber die richtige Erklärung nicht mitgeteilt, und ich muß bekennen, daß ich V. 19. 20 in der überlieferten Form auch jetzt nicht verstehe; wie ich fürchte, soll stringit in nach Althofs Vorgange aufgefaßt werden. Althofs Verdienste um den W. in allen Ehren, aber Latein verstand er wirklich nicht viel, und solche Einfälle wie gladium stringere in wollen wir doch lieber auf sich beruhen lassen. Der Verfasser will feststellen, daß der Prolog gar nicht so unbeholfen sei, wie man gewöhnlich behaupte; wenn schließlich ein Unterschied da sei, so werde dies seinen Grund darin haben, daß der Autor »in der eigentlichen Dichtung ein ahd. Lied mehr oder weniger getreu übersetzte«, eine Äußerung, die denn doch stark überrascht. Noch überraschender ist es dann aber, wenn durch Stilvergleichung die Identität der beiden Dichter nachgewiesen wird; was der Verfasser hier vorbringt, zeigt, daß ihm die nötige Kenntnis für eine solche Arbeit fehlt. Was soll man dazu sagen, daß praesul ein höchst seltenes Wort sein soll, tiro »junger Recke«, resonare »widerhallen« als nicht alltägliche Ausdrücke bezeichnet werden! Von ähnlicher Beweiskraft sind die anderen angeführten Wörter wie sine fine, loquela, salvare, virtutis (artis) amator. Ich sehe mit Bedauern, daß meine Hoffnung, man lernte allmählich, daß für diese Dinge auch gewisse Vorkenntnisse nötig sind, irrig war. Das einzige Verdienst, das ich der Arbeit zuschreiben kann, ist, daß noch einmal die zahlreichen Gründe zusammengestellt werden, die es tatsächlich schwer machen, die herrschende Ansicht über die Entstehung des Gedichtes für richtig zu halten; freilich ist der Verfasser dabei doch recht einseitig, denn wenn er sagt, ihm sei es nicht zweifelhaft, daß die Arbeit Ekkehards I. mitsamt der Korrektur Ekkehards IV. verlorengegangen ist und wir auch nicht viel daran verloren haben, so muß man doch fragen, warum denn 100 Jahre später der Erzbischof von Mainz sich so für diesen wertlosen Schulaufsatz interessierte. Es sei hier schon erwähnt, daß Ed. Sievers, Beitr. z. Gesch. dt. Sprach. u. Lit. 51, 1927, 222 ff. mit Hilfe der Personalkurve beweist, daß Geraldus und Walthariusdichter nicht identisch sind, wohl aber Walthariusdichter und Dichter der Paulussequenz, während Geraldus nicht in diesen Kreis gehöre. -- Die Lesart Waltharius resectus des Geraldusprologs V. 18 statt Waltharii -- resecti belegt K. Strecker ( 634) aus anderen Autoren. Bei dieser Gelegenheit sei ein Versehen der Ausgabe von Strecker richtiggestellt, es hätte zu V. 20 des Prologs gesagt werden müssen, daß die dort angeführte


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Erklärung von Preisendanz stammt. -- Zum Ruodlieb weist K. Strecker in der Festschrift für P. Kehr ( 211) darauf hin, daß man sich das Verständnis der Stelle Ruodlieb 5, 1 ff., die Örtlichkeit der Königsbegnung, dadurch verbaut hat, daß man mit 5, 1 ein neues Kapitel beginnen läßt und bei der Erklärung immer von Schmellers unglücklicher Konjektur congregium ausgeht. Die Schilderung wird ohne weiteres klar, wenn man annimmt, daß jedem der beiden Könige auf seinem eigenen Gebiete ein Zeltlager aufgeschlagen ist und die Zusammenkunft auf der Brücke stattfindet, die über den beide Länder trennenden Fluß führt. Ob die Schilderung wirklich historische Ereignisse widerspiegelt, läßt sich kaum ausmachen, das ist Glaubenssache. -- Es ist erfreulich, daß einmal die Aufmerksamkeit auf Petrus Riga gelenkt wird. Seine Aurora, so beliebt sie im Mittelalter war, ist ja uns leider noch zumeist unbekannt, weil bisher das Riesenwerk mit seinen vielen Hss. noch keinen Bearbeiter gefunden hat; die edierten Bruckstücke geben doch ein falsches Bild. H. Oppermann ( 646) hat die Wolfenbütteler Hss. für die Genesis verglichen und seine Vermutung bestätigt gefunden, daß Petrus R. von der Historia ecclesiastica des Petrus Comestor abhängig ist. Zuweilen hat er sich sehr eng an ihn angeschlossen, in andern Partien ist er freier. -- Hier mag auch auf die Würzburger Dissertation von Stephan Zwierlein, Venantius Fortunatus in seiner Abhängigkeit von Vergil, hingewiesen werden, die durch sorgfältige Vergleichung des Sprachschatzes nachweist, daß Fortunatus in weiterem Maße dem Einflusse Vergils unterliegt, als man bisher angenommen habe. Daß  F. den Vergil viel benutzt hat, ist nicht gerade neu, das hat natürlich auch W. Meyer gewußt, denn ihm waren die Zusammenstellungen von Manitius doch auch zugänglich, und Zwierleins Polemik gegen den Göttinger Gelehrten ist etwas oberflächlich, es wäre wertvoller gewesen, wenn er auf W. Meyers These genauer eingegangen wäre. Zu S. 29 sei auch an Cato I, 27 fistula dulce canit erinnert. --

IV. Lyrik.

In Italien interessiert man sich sehr für die Herleitung des Wortes »Goliarde«, und auch 1926 ist wieder ein umfassender Artikel von V. Crescini dazugekommen. Er hatte in seinen Appunti su l'etimologia di goliardo, Atti Istit. Veneto LXXIX, 1919--1920, 1079 in ausführlicher Darstellung und mit vielen Belegen den Gedanken entwickelt, daß das Wort gula (gulosus, gulae deditus) das Primäre sei; durch Anhängung des Suffixes -hart sei golart daraus geworden; wohl in Anlehnung an den gefräßigen Riesen Goliath, Golias habe sich goliart daraus entwickelt. Während W. Meyer- Lübke, Germ.-Roman. Monatsschr. 14, 1926, 76 sich ihm anschließt, verfocht  F. Ermini, La Cultura A. I Nr. 4, S. 169 die These, daß Golias den Anspruch auf Priorität habe. Gegen ihn verteidigt Crescini, Postille goliardiche, Atti Ist. Veneto LXXXV, 1925--1926, 1065 ff. noch einmal unter Anführung neuer Beweise seine Ansicht und bringt zum Schluß eine hübsche Parallele, den Gorgias ingurgitantium abbas, der ganz entsprechend aus gurges, vulgär gurga entstanden sei. Dagegen hält J. H. Hanford ( 656) an der vielfach akzeptierten Deutung von Golias = diabolus fest. Um dem schwankenden Begriff Bischof Golias Inhalt zu geben, prüft er die bei Wright, Mapes unter dem Namen des Golias gedruckten Gedichte und sucht die gemeinsamen Züge herauszufinden -- ein nicht ganz unbedenkliches Verfahren, denn Wrights Zusammenstellung ist doch bis zu einem gewissen


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Grade ein Produkt des Zufalls. Die Tradition der ioculatores sei zweifellos alt, vielleicht ein Erbteil der Antike, neue Gestalt habe sie gewonnen im Primas Hugo von Orleans, der mit seinem Dives eram bei Wright vertreten ist, weitere Züge kamen dazu durch den Erzpoeten, dessen Beichte ebenfalls dort steht; weiteres bieten dann die übrigen Goliaslieder. Sehr hübsch liest sich die Schilderung des Primas und Erzpoeten, und der Zusammenhang zwischen den beiden ist ja wohl zweifellos, im ganzen möchte man doch manches Fragezeichen setzen. -- Zum ersten Gedicht des Erzpoeten (bei Manitius trägt es die Nr. II) Lingua balbus hebes ingenio sind neben der Göttinger Hs. zwei weitere heranzuziehen, clm 14343 und Breslau I Q 102, deren Abweichungen von K. Fiehn ( 658) verzeichnet und beurteilt werden. Sie bringen manche beachtenswerte Lesart, vor allem ist hervorzuheben, daß die zweite Strophe mit ihrer Hilfe richtig hergestellt werden kann. Im zweiten Gedicht (Manitius Nr. VIII) des Erzpoeten, in dem er in persona Ionae prophetae auftritt, hat die Wendung V. 56 vatem decalvatum Erklärungen gefunden, die nicht befriedigen. K. Strecker ( 659) erinnert daran, daß Jonas in der Kunst und auch in der Literatur (Cena Cypriani des Johannes Hymmonides) als Kahlkopf auftritt, in der erwähnten Ausdrucksweise mithin weiter nichts zu sehen ist als eine Variation für Jonam. Auch die Frage, warum der Dichter dies eigenartige Pseudonym gewählt hat, beantwortet der Verfasser in Fortsetzung des eingeschlagenen Weges: Jonas war nach den bildlichen Darstellungen nicht nur kahl, sondern auch nackt, als er vom Walfisch ausgespien wurde. Wenn also der Dichter als Jonas auftrat, so wollte er damit die Vorstellung erwecken, daß er, wenn der Walfisch -- die Verbannung vom Hofe -- ihn freigäbe, gebessert und ebenso rein sein wolle wie ein neugeborenes Kind, quasimodogenitus, wie es in der bekannten Beichte des Dichters heißt. Unser Gedicht ist also als Gegenstück zu jener Beichte zu betrachten. Anhangsweise wird darauf hingewiesen, daß wir die Vagantenzeile neben Abaelard auch schon beim Primas antreffen. -- Die deutschen Strophen der Carmina Burana, die schon oft, namentlich von den Germanisten, zum Gegenstand der Untersuchung gemacht worden sind, ohne daß eine Einigung über ihren Wert, über ihr Verhältnis zu den lateinischen Liedern, denen sie angehängt sind, speziell über die Frage, ob die deutschen Strophen Nachbildungen der lateinischen sind oder umgekehrt, erzielt worden wäre, hat O. Schumann ( 655) von neuem sorgfältig geprüft. Zuletzt hat H. Naumann, Reallex. d. deutschen Literatur, Carmina Burana, die Meinung vertreten, die deutschen Strophen seien den lateinischen Gedichten zur Angabe der Melodie angehängt worden. Demgegenüber kommt der Verfasser in überzeugender Untersuchung zu dem Ergebnis, daß in irgendeinem gelehrten deutschen Freundeskreis eine Anzahl lateinischer Lieder, meist Frühlings- und Liebeslieder, gedichtet wurde, natürlich nach den Regeln der lateinischen Rhythmik, wobei nicht ausgeschlossen ist, daß gelegentlich auch deutsche Strophen nachgebildet wurden. Diese Lieder wurden in ein Buch zusammengeschrieben, und dabei vielleicht auch einige ältere fremde Stücke wie Nr. 112. 138 mit aufgenommen. Der Sammler kam auf den Gedanken, zu den lateinischen Liedern formale Parallelen in der deutschen Lyrik aufzusuchen und anzufügen, vielleicht als Singmuster. Einige Parallelen stimmten, bei andern begnügte er sich mit allgemeiner Ähnlichkeit; wo auch die fehlte, dichtete

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er (oder mehrere Genossen) selbst neue, was vor allem für die Strophen gelten dürfte, wo die deutsche Strophe der lateinischen entspricht, in der deutschen Lyrik aber keine Entsprechung hat, besonders die Vagantenstrophe. So oder ähnlich muß man sich diese deutschen Zusätze erklären. Wenn das stimmt, muß man natürlich aufhören, in diesen deutschen Strophen etwas besonderes Wertvolles zu sehen und womöglich bei der Frage nach dem Ursprung des deutschen Minnesanges auf sie zurückzugehen. Noch wichtiger ist ein anderes Ergebnis, das für die Beurteilung der ganzen Hs. in Betracht kommt. Die deutschen Strophen sind mit wenigen Ausnahmen alles andere als altertümlich und volkstümlich, ziemlich dürftige Reimereien und Zusammenstoppelungen üblicher Motive und Phrasen, und einzelnes ist unverkennbar Entlehnung aus Minnesängern, deren Zeit ungefähr feststeht. Danach werden wir für die deutschen Strophen in den Ausgang des 13. Jahrhunderts geführt, müssen also den Codex Buranus etwa 50 Jahre später setzen, als man bisher anzunehmen pflegte. Und auch für die Lokalisierung ist aus den deutschen Texten ein Schluß zu ziehen: Die von W. Meyer aufgebrachte Meinung, die Sammlung stamme von der Mosel, ist nicht zu halten, der Dialekt weist nach Bayern. Diese Ergebnisse werden der von dem Verfasser zusammen mit A. Hilka vorbereiteten Ausgabe zugrunde gelegt werden. Sie beruhen auf einer erneuten minutiösen Prüfung der Hs. Gewissermaßen programmatisch für die zu erwartende Ausgabe ist ein Aufsatz des Verfassers ( 657), in dem er zwei besonders wertvolle Gedichte, das schöne und ergreifende Nr. 88 Hucusque me miseram, in dem er ein reales Erlebnis sieht (vgl. dagegen  F. Baethgen, Deutsche Vierteljahrsschr. 5, 56) und das darauffolgende ebenfalls sehr fesselnde Deus pater adiuva eingehend analysiert und Stellung nimmt zu den Methoden, nach denen man sie bisher behandelt hat. -- Auf die ziemlich unbeachtet gebliebene Hs. Fulda C 11 fol. s. XV, die eine Anzahl Gedichte enthält, die freilich auch sonst bekannt sind, weist Strecker ( 634) hin. Ebenda vergleicht er die Metamorphosis Goliae mit Martianus Capella und zeigt, daß letzterer für das Verständnis und die Verbesserung des Gedichtes von ziemlichem Werte ist. -- Von den Tegernseer Liebesbriefen, die M. Haupt im kritischen Apparat von Minnesangs Frühling abdruckt, endet der zweite mit einer Reihe abrupter Satzanfänge, und man erkennt ohne weiteres, daß es Hexameteranfänge sind. R. Ganszyniec ( 647) hat sich das Vergnügen gemacht, diese zu ergänzen, wobei er von der möglichen, aber doch ganz unsicheren Annahme ausgeht, daß es leoninische Hexameter waren. Wertvoller sind die angehängten Beispiele dafür, daß chimera in Klerikerkreisen als Spitzname für Dirne gebraucht wurde. --

IV. Lyrik.

Die von J. Werner NA. 32, 602  f. bekanntgemachte Notiz der Basler Hs. D IV. 4, daß der Conflictus ovis et lini von Winricus stammt, wird bestätigt durch eine Angabe des Katalogs von St. Eucharius-Matthias in Trier, die J. Montebaur, Vinricus episcopus Placentinus, scholasticus Trevirensis, Degeringfestschr. S. 187 abdruckt ( 208). -- In seinem Aufsatz »Die Testamentsidee als dichterisches Formmotiv« ( 737) behandelt H. Tardel auch das Testamentum porcelli und druckt das Testamentum asini, wofür die sämtlichen bekannten Hss. angegeben werden, nach der Lübecker ab und diskutiert die Abweichungen der einzelnen Fassungen voneinander.

V. Drama.

J. Klapper hat Zeitschrift  f. d. Phil. 50, 1923, 46 ff. auf Grund eines Textes in einer Breslauer Hs. des 15. Jahrhunderts behauptet, daß die allgemeine Annahme, die Visitatio sepulchri sei etwa um 900 im Westen entstanden, irrtümlich sei, daß sie vielmehr aus den Caerimonien der Grabeskirche zu Jerusalem stamme, wo sie schon seit etwa dem 6. Jahrhundert in Übung gewesen sei; die Kreuzfahrer hätten sie ins Abendland gebracht. K. Young, The home of the Easter Play (Speculum 1, 71 ff.) weist demgegenüber unwiderleglich nach, daß dies unhaltbar sei, die Visitatio vielmehr aus dem Westen nach Jerusalem gekommen sei. -- Die Dramen der Hrotsvit sind jetzt durch S. Dolens ( 654) auch ins Italienische übersetzt worden, doch war uns das Buch nicht zugänglich.

II. Mundartforschung.

Weitere dialektgeographische Beiträge der Marburger Schule bringt der Jg. II (1925/26) des »Teuthonista, Zs.  f. deutsche Dialektforsch. u. Sprachgesch.«; ich nenne davon: S. 1--18 Th. Frings und E. Tille, »Kulturmorphologie«, ein wertvoller Beitrag zur Verteilung der Gesindetermine im Rhein- und Moselland, mit fünf Karten; S. 46--55 und 107--133 H. Jacobs, »Dialektgeographie Südmecklenburgs«; S. 91--106 W. Kuck, »Die nordöstliche Sprachgrenze des Ermlandes« (Ostpreußen): Die ermländischen Mundartgrenzen stimmen im großen und ganzen mit den Grenzen der vordeutschen Landschaften überein.

III. Ältere Sprachgeschichte.

Ag. Laschs Ausführungen über das Mittelniederdeutsche ( 666) beruhen auf einem in der Festsitzung des Vereins  f. niederd. Sprachforsch. am 6. Oktober 1924 gehaltenen Vortrag. Die Verfasserin betont vor allem den Unterschied zwischen Mittelhochdeutsch (Literatursprache, Blütezeit um 1200) und Mittelniederdeutsch (Schrift-, Rechts-, Verwaltungssprache, Blüte im 15. Jahrhundert), bespricht sodann die vorhandenen Quellen und zeigt die verschiedenen in jener Zeit auf niederdeutschem Boden schriftsprachlich wirkenden Strömungen auf (Südostfalen, Westfalen, Lübeck). Es siegt die ostniedersächsische Hansestadt Lübeck; sie zwingt allem Land bis über Halle hinaus, bis Danzig und Groningen ihre Sprachform auf. Sogar die ältesten Stadtrechte von Wisby und Nowgorod sind niederdeutsch. Wichtig wäre es, die Lücke, die zwischen dem Mittelniederdeutschen des 16. Jahrhunderts und den heutigen Mundarten klafft, durch Untersuchung der Sprache des 17. und 18. Jahrhunderts auszufüllen.

V. Ortsnamen.

Die umfangreichste in das Gebiet der Ortsnamenforschung fallende Veröffentlichung des Jahres 1926 ist Eberls in zwei Teilen erschienene Arbeit über die bayerischen Ortsnamen ( 687), deren zweiter Teil mit seiner unanschaulichen, für den Fachmann wertlosen, den Laien eher irreführenden Aufzählung der von E. in den bayerischen Ortsnamen als Grund- und Bestimmungswörter festgestellten Ausdrücke m. E. ungeschrieben hätte bleiben können. Der erste Teil, eine trotz manchen Mängeln ganz ansehnliche Leistung, behandelt in einem mehr allgemein gehaltenen Abschnitt die Bedeutung und Bildung der Ortsnamen und dann die einzelnen Namenschichten nach der Zeit ihrer Entstehung. Zu berichtigen ist besonders Eberls Ansicht über die in siedlungsgeschichtlicher Beziehung eine Rolle spielenden Wimpassing-Orte nach J. Schnetzs überzeugender Untersuchung in der Zeitschrift für Ortsnamenforschung III, 108 ff. Eine ausführliche Besprechung von Eberls Schrift findet man in derselben Zeitschrift III, 69 ff. -- Über bayerische Namen handelt auch noch ein Aufsatz von J. Scheidl ( 673), der auf die Schwierigkeit der Identifizierung urkundlicher Namensformen aufmerksam machen will, indem er unter Beigabe kleiner Ortspläne zeigt, wie mancher Name durch einen andern völlig verdrängt worden ist (Doppelnamigkeit!) oder wie ältere Teilnamen ausgedehnterer


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oder zerstreuter Siedlungen allmählich verklungen sind. -- R. Vollmann ( 681) sucht das Rätsel der Ortsnamen des Typus »Neufahrn, Neufra, Niefern« (urkundlich: Niwivara, Niuuifarom) zu lösen, indem er von einem althochdeutschen schwachen Masculinum niwifaro in der Bedeutung »Neuankömmling« ausgeht. Die urkundlichen Belege weisen jedoch auf ein starkes Femininum, althochdeutsch niwifara, in der Bedeutung »neue Siedlung, neuer Hof«. --  F. K. v. Guttenbergs Aufsatz ( 688) ist in sprachgeschichtlicher Beziehung gänzlich verfehlt. Und auch den mythologischen und siedlungsgeschichtlichen Schlußfolgerungen, die G. aus seinen unhaltbaren Etymologien zieht, kann man nicht folgen. Was der Verfasser über die Besitzverhältnisse in Kulmbach vom 11.--13. Jahrhundert sagt, muß ich dem Historiker zur Beurteilung überlassen. -- Sehr beachtenswert ist die in derselben Zeitschrift enthaltene Studie über »Die Wassernamen des Ammersees« von Br. Schweizer ( 688 a), die schon deshalb gelesen zu werden verdient, weil sie m. W. den ersten Versuch ihrer Art darstellt und übrigens auch die einstigen Siedlungsmöglichkeiten in der Umgebung des Sees beleuchtet.

V. Ortsnamen.

Eine Ergänzung zu M. Försters Abhandlung über den Namen der Donau (Zeitschrift  f. slawische Philosophie I) ist Gamillschegs Beitrag ( 709), der die Ansicht vertritt, die rumänische Namensform Dunarea beruhe auf einer thrak. Lautung Dónaris, die neben der von Förster aus der lateinischen und germanischen Form erschlossenen keltischen Grundlage vorhanden gewesen sei und dieselbe Bedeutung gehabt habe wie diese, nämlich »Fluß«. Dem widerspricht aber doch wohl die Tatsache, daß die Donau im Thrak. »Istros« geheißen hat.

VII. Personennamen.

Was die Elwertsche Verlagsbuchhandlung in Marburg i. H. veranlaßt hat, Vilmars »Deutsches Namenbüchlein« ( 712) neuerdings unverändert herauszugeben, ist eigentlich nicht recht einzusehen. Denn auch der, dem es bloß um »belehrende Unterhaltung« zu tun ist, wünscht heute schließlich doch mehr, als Vilmar im Jahre 1865 zu bieten vermochte. Freilich wäre das Übel noch größer gewesen, wenn der Verlag den Herausgeber dieser Auflage mit einer Neubearbeitung betraut hätte; denn die von R. Homburg in eckiger Klammer beigefügten Zusätze sind mit wenigen Ausnahmen verfehlt, ja geradezu lächerlich, so wenn H. in »Dollfuß« (d. i. »Klumpfuß«) das Adj. »toll« sucht oder »Bornscheuer« (d. i. »Brunnenhäuschen«) durch »Bauernscherer«


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übersetzt und noch hinzufügt: »Vgl. Bauernschreck«. Berichtigend sei festgestellt, daß Kurzformen, die durch Weglassung der ersten Silbe entstehen, durchaus nicht aufs Niederdeutsche beschränkt sind, wie ja die oberdeutschen Rufnamen Hias, Toni, Brosi u. a. m. beweisen; und auch die Namen »Wagner« und »Binder« können ebensogut österreichischer wie niederdeutscher Herkunft sein. Zum Namen »Schelhorn« vgl. R. Much in der »Sudeta« [Zs.  f. Vor- u. Frühgesch.] II, 67 und bzgl. »Wiethase« verweise ich auf die daleminzischen Vićazi, urk. vithasii (vgl. E. Schwarz, Zs.  f. slav. Phil. II, 104ff.).

VII. Personennamen.

Neben ingävonischen Spuren in den nordhannoverschen Ortsnamen glaubt Zahrenhusen ( 719, vgl. o.) solche auch in den Personennamen seiner Heimat zu finden, und zwar in dem t und i der Namen »Tietke, Tiedemann, Tibbe« (zu altsächs. thiod »Volk«), in dem t von »Tamme, Tamke, Tante« und in dem e von »Ehlers, Elvericus« neben »Ahlers, Albericus« usw. -- Der kleine Beitrag von Buchner ( 716) enthält zwar fast keine urkundlichen Belege und nur schlagwortartige Namendeutungen, daneben aber immerhin manche für Kultur- und Wirtschaftsgeschichte wertvolle Hinweise; ich nenne z. B.: Himmelstoß, Windstoßer, Wadler (drei alte Bezeichnungen für »Landstreicher«) oder Koster, Kurer (= amtlicher Lebensmittelprüfer). Ein zweiter Teil dazu ist in den Bll. d. bayer. Landesvereins  f. Familienkunde [München 1926] H. 1/3 erschienen. --Wentscher ( 722) gibt einen kurzen Auszug aus einer Untersuchung über die 620 Rufnamen der in den Jahren 1552--1600 von der Görlitzer Buchmacherinnung aufgenommenen Lehrlinge. Die Beschränkung auf den kurzen Zeitraum und auf Namen von ungefähr gleichaltrigen Knaben war Absicht; der Verfasser gewann aus ihnen ein ziemlich einheitliches Kulturbild, das den Übergang von der alten katholischen Überlieferung zur evangelischen Bibelgläubigkeit erkennen läßt.

VII. Personennamen.

Much ( 694) lehnt die von Edw. Schröder (Zs.  f. deutsch. Altert. LXI, 59  f) vorgeschlagene Verknüpfung des Namens der inschriftlich bezeugten Göttin Harimella mit dem in der Umgebung von Lüttich zweimal vorkommenden Ortsnamen »Hermalle« (779 Harimalla) ab, weil sich der Göttinnenname von dem niederrheinischen Frauennamen Fledimella nicht gut trennen läßt, während Harimalla ebenso wie Theotmalli (= Detmold) mit malla < germ. madla »Versammlungsplatz, Gerichtsstätte« zusammengesetzt ist, vgl. angelsächs. heremeðel »Volks-, Heeresversammlung« < germ. harimaþla. Die Entstehung des Ortsnamens ist erst für die fränkische Zeit vorauszusetzen und nicht für die ältere, tungrische.

VIII. Volksnamen.

Den Ausführungen Knokes über »Die Herkunft des Namens Germanen« ( 713) kann man, was seine Ansicht über die Entstehung des Volksnamens anbelangt, im allgemeinen zustimmen. Im großen und ganzen handelt es sich um eine philologische Interpretation der bekannten Stelle des Tacitus, Germania, cap. 2, allerdings mit steter Berücksichtigung der ganzen Sachlage. Daß der Name von germanischen Stämmen ausgegangen ist und daher nur aus dem Germanischen erklärt werden kann, ist sicher richtig. Anstoß nehmen wird man aber an Knokes sinnwidriger Übersetzung der Wendung »ob metum« durch »um Furcht zu erregen«. Und ob ga-erman soviel bedeutet wie »das Volk der Erhabenen«, bleibe dahingestellt. Vgl. dazu R. Muchs eingehende, in den Wiener Sitz.-Ber. 195. Bd., 2. Abh. [1920], erschienene Untersuchung »Der Name Germanen«, die Kn. sonderbarerweise gar nicht nennt, und dessen zwei vor kurzem in der Wiener prähistor. Zs. XV und in der Zs.  f. dt. Altert. LXV, 1--50, veröffentlichte ablehnende Erwiderungen auf Sigm. Feists ganz verfehlte Schrift »Germanen und Kelten« (Halle a. S. 1927).

IV. Volkskunde der Einzellandschaften.

Rieglers Werkchen über die Hexenprozesse ( 749) ist aus Vorträgen hervorgegangen, die sich an Byloff »Das Verbrechen der Zauberei« anschließen. Wertvoll sind die Protokolle zu dem Feldbacher Prozesse (1673--1675) und dem Trautmannsdorfer (1688--1690), wo 70 und 38 Personen angeklagt waren. Sämtliche Prozesse von 1581 an werden verzeichnet. Das Land Steiermark steht hinsichtlich der Häufigkeit dieser Prozesse an der Spitze der österreichischen Lande. --Reicke ( 750) untersucht das Nürnberger Volkstum nach seinen historischen Grundlagen. Römer haben dort nie gesessen, wohl aber Markomannen, die nach Böhmen wanderten, um den Hermunduren=Thüringern Platz zu machen. Um das 6. Jahrhundert oder erst zur Zeit Karls des Großen kommen die Baiwaren. Slawischer Einschlag in der Nürnberger Gegend ist trotz gegenteiliger Behauptung nicht erweisbar. Doch werden von den Agilolfingern dort fränkische Beamte angesiedelt. So entsteht die Mischung schwerfälligen oberpfälzischen Temperaments mit leichterem, fränkischem Blute. Die Nürnberger sind arbeitsam, besonnen, aber lebenslustig und aufgeweckt; maßhaltend, intelligent, praktisch, technisch gewandt, erfinderisch. -- Auf den volkskundlichen Quellenwert spätmittelalterlicher Predigthandschriften weist J. Werner ( 751) hin, indem er den Exempelbestand einer Rheinauer Predigtsammlung (Zürich, Stadtbibl. C 102) veröffentlicht. -- Nationaler Chauvinismus in völkerpsychologischem Gewande ist das Buch von Dumon ( 752), L'intelligence en face de la race; l'expérience de l'Alsace. Theorien volkskundlicher Natur werden nach Bedarf herangezogen, um eine


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politische These zu erweisen. Danach wird das Elsaß von einer neolithischen Bauernrasse bewohnt, die durch die darüberflutenden Völkerwellen nur in Einzelzügen und in der Sprache beeinflußt ist. Seelische Grundtatsachen einer Rasse gibt es nicht. Die heutigen Eigenschaften der Elsässer (Zug der Organisation bei freiheitlicher Grundhaltung) sind Ergebnisse junger politischer und sozialer Einflüsse. Die nationale Tendenz ist gerichtet auf Frankreich als Kulturträger und Schutzstaat. Das Selbstbestimmungsrecht ruht nicht auf dem Gegenwartswillen der Masse, sondern auf vernünftiger Ausdeutung der Tradition, ist also für die heutigen Autonomisten abzulehnen, schon deswegen, weil das Elsaß der Schlüssel Europas ist und daher im Interesse des Friedens französisch bleiben muß. »Le principe des nationalités: il n'est pas l'expression plus ou moins confuse de l'idée de race; il n'est pas non plus la manifestation d'un décret momentané d'une volonté collective absolument autonome; il est, au contraire, la synthèse complète et vivante de la vie propre d'une nation en accord avec les lois immuables de l'intelligence.« Ein in seiner Verworrenheit und wissenschaftlichen Prinzipienlosigkeit gefährliches Buch! Man lese ihm gegenüber, was Wentzcke ( 753) über die Kultur in Elsaß und Lothringen sagt, sowie die Schrift von G. Wolfram ( 754) über die kulturellen Wechselbeziehungen zwischen Elsaß und Baden. Einen historischen Beitrag zu dieser Frage liefert O. Lauffer ( 755), der die Gestalt Geilers von Kaisersberg als Ausdruck des Deutschtums im Elsaß zur Zeit des ausgehenden Mittelalters zeichnet. -- Wie die deutsche Kaisersage mit dem Rheine verknüpft ward, zeigt Becker ( 756) an einer Speirer Sage vom Jahre 1530, nach der gespenstige Mönche, die zum Augsburger Reichstage wollen, über den Rhein setzen. Diese Sage steht in Verbindung mit der Überlieferung vom bergentrückten Kaiser, die wohl zuerst 1426 vom Chronisten Engelhus von Einbeck in den Kyffhäuser lokalisiert worden ist. -- Als Quelle zur deutschen Kulturgeschichte wertet Wilken ( 757) die niederdeutschen evangelischen Kirchenordnungen des 16. Jahrhunderts aus. Er benutzt die Sammlungen von Richter und Sehling. Aus ihnen ergibt sich, daß auch die Gebildeten in dieser Zeit die niederdeutsche Umgangssprache pflegen. Reich ist die Ausbeute für Volkshumor, Sprichwörter, für die Erkenntnis des Bildungsgrades der Geistlichen, der Kirchenzucht und Sitte, des Armen- und Krankenwesens, der Volksmoral und des Aberglaubens. Der Mangel an Geistlichen eröffnete auch geistig und moralisch Minderwertigen den Weg ins Amt; die Besoldung war unzureichend. Die Predigt ward zum wirksamen Mittel der Kirchenzucht; kleiner Bann und feierliche Exkommunikation unterstützten die Autorität; auch die öffentliche Kirchenbuße und weltliche Strafen helfen mit. Marien- und Heiligenfeste bleiben noch teilweise bestehen, ebenso lateinische Gesänge, Zeremonien, Sakramentsspendung und Begräbnisse nach katholischem Brauche. Armen- und Krankenfürsorge nehmen stark zu. Stellenweise bleibt auch die Beschwörung Besessener zugelassen. -- Eine quellenmäßige Darstellung der Gesundheitspflege Braunschweigs im 16. Jahrhunderte gibt Fuhse ( 758). Schmutz und verseuchtes Wasser, Trunksucht der Bürger begünstigten Epidemien. In der Pestzeit wurden Pflegehäuser, Stadtphysici und Heilmittel bereitgestellt. Als Wundärzte arbeiteten auch Scherer (Barbiere); seit 1564 stehen die Quacksalber unter Ratsaufsicht. Gefährliche Irre werden an Ketten in die Torenkisten (Holzverschläge) gesperrt; 1556 beschwört der Superintendent erfolgreich ein besessenes

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Mädchen. -- Der ersten Reihe volkskundlicher Aufsätze über Ost- und Westpreußen, die 1921 erschien, läßt Schnippel ( 759) eine zweite ebenso sorgfältige Sammlung folgen, in der er den Bauernkalender, Hochzeits- und Totenbräuche, Weihnachtssitten, Beschreibungen alten Hausgeräts, volkstümlicher Spiele und Orakel sowie eine Studie über die Hausgewerbe des Spinnens und des Webens vereinigt. -- Von schlesischen Scharfrichterfamilien berichtet Olbrich ( 760); im 17. und 18. Jahrhunderte waren die Thiele die am meisten verzweigte Familie; seit 1570 bis Ende des 18. Jahrhunderts ist die mit ihr eng verwandte Familie Kühn nachweisbar. Auch in der Kirche galten sie als unehrlich. Noch 1808 wurde dem Breslauer Scharfrichter das bürgerliche Stimmrecht vorenthalten. --Klapper ( 761) berichtet über das Predigtwerk des Augustiner-Chorherrn Bernhard Fabri, der zwischen 1437 und 1463 in Grünberg 16 starke Quartbände mit Predigten füllte, die mit ihrem umfänglichen kulturgeschichtlichen Materiale einen Einblick in das bürgerliche Leben einer spätmittelalterlichen Stadt des deutschen Ostens gewähren: Tracht, Sitte der Frauen, Kopftuch, Schleier, Strohhut, Filzhut der Mädchen; Häuslichkeit, ehelicher Zwist; Männersitte; Trunk; Jahresbräuche; Todaustreiben; Bräuche im Lebenslaufe; Grünberger Wein; Kindbettsitten; Aberglauben; Sprichwort; deutsches Kirchenlied; Malerei; Erzählungsmotive; mythische Vorstellungen; Frau Holle. --Peuckert ( 762) sucht die Schriften schlesischer Mystiker volkskundlich zu verwerten. Er reiht aus J. Böhmes Schriften Stellen aneinander, in denen sich der Glaube an Spukerscheinungen äußert und die auf Theophrastus Paracelsus zurückführen. Böhme strebt danach, aus Volksglauben und christlicher Lehre eine neue Religion abzuleiten. --Schoppe ( 763) setzt seine Veröffentlichungen aus schlesischen Malefizbüchern des 16. Jahrhunderts fort (vgl. Mitt. d. Schles. Ges.  f. Volksk. XXV): Rotwelsch, Wanderburschensitten, Spiele, Verlöbnis, Ehe, Kindesraub, Kindesmord, Teufelsglaube, Kinderherzessen, Zauber, Krankheiten. Emil Lehmann ( 764) gibt in seiner feinsinnigen Sudetendeutschen Volkskunde eine Deutung des Wesens der dreieinhalb Millionen Deutschen, die in der Tschechoslowakei das alte böhmische Gebiet bewohnen; wie ihr Gemüt zwischen Abgeschlossenheit und Aufgeschlossenheit schwebt, was aus der Lage der Dörfer, die vom engen Gebirgstale in die Weite der Ebene streben, aus dem burgartigen Gehöfte und der Gemeinsamkeit der Dorfangelegenheiten, aus der Mischung des Blutes zu deuten ist. Die vorangestellte Siedlungsgeschichte ist eine gedrängte Darstellung der Geschichte der Sudetendeutschen überhaupt geworden. Das fremdartige Wesen der Tschechen mit ihren Runddörfern (S. 24) ist gut gekennzeichnet. -- Der gründlichste Kenner der böhmischen Kunstüberlieferung, J. Neuwirth ( 765) gibt einen knappen Überblick über die sudetendeutsche Kunstgeschichte; er beginnt mit den vorgeschichtlichen Funden, verweilt bei der Blüte der Ordenskultur und des Prager Hofes Karls IV., beleuchtet die Nachblüte der nachhussitischen Zeit und behandelt mit besonderer Liebe die Kunstschöpfungen der Barockzeit. Ein bedeutsamer Abschnitt ist der vielgestaltigen Betätigung des Kunstgewerbes gewidmet. Böhmen, Mähren und Schlesien kommen gleichmäßig zur Darstellung. -- Im wesentlichen auf Nordmähren beschränkt sich R. Hadwich ( 766) in seiner reichhaltigen Sammlung von 258 Totenliedern, 449 Grabsprüchen und 46 Grabreden; die Texte sind zwischen 1750 und 1850 entstanden, meist von Schulmeistern auf Bestellung gefertigt, im Sterbehause oder am Grabe vorgetragen

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worden, gehen aber in ihren Elementen auf die Lieddichtung des 16. Jahrhunderts zurück und stellen sich in der Überlieferungsgeschichte in den großen Kreis der germanischen Totenlieder. Sie enthalten Betrachtungen über die Vergänglichkeit und den Tod, über Diesseits und Jenseits, die in den älteren Stücken dem Toten selbst in den Mund gelegt werden. Anlehnungen an das evangelische und katholische Kirchenlied, an literarische Vorbilder wie Gryphius, Gellert, Matthisson, Klopstock, Hölty, Schubart sind häufig. -- Eine historisch begründete Volkskunde der Siebenbürger Sachsen bietet Schullerus ( 767) in Grundzügen. Er schreitet von dem äußeren Bilde der Landschaft bis zum geistigen Leben vor: Dorf- und Feldmark (Freitum als gemeinsamer Dorfbesitz; Sondereigen; Edelerde der Grafengeschlechter); Wirtschaft; Zigeunerhilfe; Feldhüter; Früchte und Vieh; Weinbau; das Straßendorf mit der Kirchenburg; die Stadt als Schutzstätte; Haus und Wohnstube; Hof und Garten; Rückschlüsse auf die Stammheimat aus Trachtenresten und Sprache.

I. Hilfsmittel und Arbeiten allgemeinen Inhalts.

Beachtung verdient ein Versuch von Schulz, Staat und Gesellschaft der germanischen Vorzeit archäologisch zu greifen ( 777). Er schließt sich eng an die Darstellung der germanischen Familie durch denselben Verfasser an, und so gilt hinsichtlich der Art der Anlage dieser neuen Studie dasselbe, was über jene ältere Schrift in »Jahresberr.« I. S. 215  f. gesagt worden ist. Immerhin ist diese Arbeit ebenso wie die genannten Beiträge zur Erkenntnis vorgeschichtlicher Wirtschaft ein erfreuliches Zeichen organischer Weiterentwicklung der vorgeschichtlichen Forschung, und zwar sowohl hinsichtlich ihrer Gesichtspunkte wie auch der Methoden ihrer Bearbeitung. Immer dringender verlangt


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der archäologische Stoff danach, über die typologisch-chronologische Betrachtung hinaus gewertet zu werden; jede der historisch eingestellten Wissenschaften hat ein Interesse an den Ergebnissen einer eigentlich geschichtlichen Würdigung der Vorzeit, und darüber hinaus kann nur auf dem Boden der letzteren die Vorgeschichtsforschung ihr wahres Wesen offenbaren. -- Eine Schrift von Naumann ( 778) gibt beredt zu erkennen, wie frühgermanische Dichtung und Kunstgewerbe der Völkerwanderungszeit zusammengehören, daß die Kenntnis des einen das Verständnis des anderen fördert. Die ihr beigegebenen Abbildungen kunstgewerblicher Erzeugnisse des 4. bis 10. nachchristlichen Jahrhunderts sind wesentlich mehr als nur ein Schmuck des Buches; dieser archäologische Stoff ist uns ein wichtiges Stück des Lebens jener Zeit und gibt uns Einblicke in Gebiete, über welche die anderen Quellengruppen schweigen. Auch hier ist die Typologie der Gegenstände nicht Selbstzweck, sondern nur eine Voraussetzung tieferer, und zwar eigentlich geschichtlicher Würdigung. Genau dasselbe gilt für die Studie von Steinbach ( 779), welche neben Ortsnamen und geschichtlicher Überlieferung, sowie den Formen von Haus und Hof auch archäologische Quellen sprechen läßt. Benötigt Naumann ( 778) sie, um das üppige Leben der gehobenen Schichten zu erläutern, so bedient sich Steinbach ihrer bei seinen Untersuchungen zur Geschichte des ländlichen Volkes und der Stämme in Westdeutschland.

§ 14. Die Epoche der Völkerwanderung.

Zu diesen beiden Forschungen über die Geschichte der Franken kommen schließlich noch die Studien von N. Åberg ( 785) und von  F. v. Bezold ( 782), die allerdings die eigentlich politische Geschichte in der Epoche der Völkerwanderung nur indirekt angehen. Åberg versucht -- ohne den Anspruch zu erheben, die in Frage kommende Literatur oder das verwertbare Material der Museen zu erschöpfen -- die angelsächsischen Bodenfunde aus der Zeit der Wanderungen chronologisch zu sichten und regional zu gruppieren, und benutzt dazu außer einschlägiger Literatur Fundstücke der Museen in Berlin, Groningen, Leeuwarden, Leiden, Brüssel, St. Germain en Laye und zahlreicher englischer Städte.  F. v. Bezold dagegen verfolgt in einem geistesgeschichtlichen Beitrag die mittelalterliche Sagenbildung, die an den Ausgang der Regierung Theoderichs des Großen angeknüpft hat, des vornehmsten und interessantesten der germanischen Staatengründer auf römischem Boden, der als Arianer, wie die Theoderichlegende zeigt, dem unversöhnlichen Fluch der Kirche verfiel.

I. Quellen.

Beide Quellen bedürfen bekanntlich in weitem Umfang der Ergänzung besonders


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aus Heiligenleben. Der Vita Amandi, deren erste kritische Ausgabe ebenfalls Krusch besorgt hat, widmet E. de Moreau eine Untersuchung ( 849) als Vorarbeit zu seiner 1927 erschienenen Biographie des eigenartigen Missionars und Klostergründers. Im wesentlichen mit Krusch übereinstimmend, weicht er doch in manchen Einzelfragen von ihm ab und schätzt den Wert und die Glaubwürdigkeit der Vita im ganzen trotz ihrer Schwächen höher ein, obwohl auch seine Darlegungen bei dem Stande der Quellen vielfach nicht mehr als Vermutungen sein können. Kühner und überraschender sind bei aller Breite die Arbeiten seines Landsmannes D. A. Stracke über die Lebensbeschreibungen dreier belgischer Heiligen der Merowingerzeit. Die literarisch beachtenswerte Vita Trudonis, des Heiligen von Saint-Trond in Limburg, ist mehr als ein Jahrhundert nach dessen Tode gegen 790 mit großem Wortschwall und reichen Ausschmückungen von Donatus verfaßt, aber nicht nur nach mündlichen Überlieferungen, vielmehr schloß ich aus Anklängen an Eigentümlichkeiten der Urkundensprache, daß der Kern der Vita auf einer Urkunde beruht, und wenn ich dem Verfasser eine Tendenz zuschrieb, so doch nur eine den Tatsachen entsprechende. Stracke, der 1925 zu den Handschriften der Vita kleine Bruchstücke des späteren 12. Jahrhunderts aus Averbode hinzugefügt hat (Een merkwaardig groot handschrift uit de Nederlanden, in der Zeitschrift: Het Boek XIV, 303 bis 309) -- sie gehören zu der Handschriftenklasse 4 nach meiner Zählung (SS. rer. Merov. VI, 268  f.) -- tritt für eine noch größere Glaubwürdigkeit der Vita ein ( 852), obwohl das Werk des Donatus nach seiner Meinung nur in einer stilistischen Überarbeitung des 9. Jahrhunderts von einem Abt Guikardus vorliegt. Dieser ist lediglich durch eine kurze Erwähnung des späteren Trudo- Biographen Theoderich um 1090 bekannt: »ut... Trudonem, quem longe ante Donatus diaconus et postea Guikardus abbas, utriusque linguae usque ad interpretem uterque periti, Latinitati tradiderunt, mea quoque opera et stilo librariis tradam«; nicht einmal seine Zeit steht fest, und nur auf ganz unzureichende Gründe hin hat Stracke angenommen, daß das erhaltene Werk des Donatus von ihm überarbeitet sei. Jene Worte über beider Zweisprachigkeit, d. h. doch ihre Kenntnis des Deutschen und Lateinischen, haben ihn ferner zu der Annahme geführt, daß Donatus eine im 8. Jahrhundert in fränkischer Sprache niedergeschriebene Vita ins Lateinische übersetzt habe. Es wäre für diese Zeit ein einzig dastehendes Denkmal der deutschen Sprache; aber es bedarf kaum der Erwähnung, daß die Annahme jeder ernsthaften Grundlage ermangelt. Stracke freilich glaubt noch eine zweite Aufzeichnung ähnlicher Art gefunden zu haben: seine Untersuchung der Quellen über den zu Dronghen (Tronchiennes) bei Gent verehrten h. Gerulf ( 851) endet mit dem überraschenden und durchaus unbewiesenen Ergebnis, daß der um 950 verfaßten ältesten erhaltenen Passio Gerulfi ebenfalls eine Quelle des 8. Jahrhunderts in fränkischer Sprache zugrunde liegt. Eher ist es denkbar, daß der Passio der h. Dimphna oder Dympna von Gheel in der Provinz Antwerpen, einem erst um 1240 geschriebenen Heiligenroman, eine etwas ältere Aufzeichnung in niederländischer Prosa vorhergegangen ist ( 850); aber wirklich bewiesen hat Stracke auch diese Annahme nicht, und jedenfalls jene vermeintlichen Entdeckungen aus dem frühen Mittelalter kann die Forschung auf sich beruhen lassen.

I. Quellen.

Als eine der wenigen fast gleichzeitigen Quellen über die Erhebung König Pippins und vor allem über seine Salbung durch Papst Stephan II. zu St. Denis stand namentlich seit den Ausgaben von Krusch und Waitz die Nota oder Clausula de unctione Pippini in hoher Geltung, eine kurze Aufzeichnung aus dem Jahre 767, die einst am Schluß einer Handschrift von St. Denis eingetragen war und durch eine Abschrift des 10. Jahrhunderts in einer Brüsseler Handschrift erhalten ist. Demgegenüber hat M. Buchner ( 857) sie als eine Fälschung zu erweisen versucht, die mehr als ein Jahrhundert nach 767 angefertigt worden sei mit Benutzung eines von Abt Hildvin um 835 verfaßten ebenfalls unechten Stückes, das man bisher umgekehrt als eine Ableitung der Clausula ansah. Buchner hält diese für ein Machwerk des Abtes Gauzlin von St. Denis aus dem Jahre 880, hergestellt, um den von einer Partei nach Westfranken gerufenen ostfränkischen König Ludwig III. und seine Gattin zu veranlassen, die Königsweihe in St. Denis und nicht anderswo zu empfangen. Nun ist Ludwig überhaupt nicht in die Lage gekommen, sich zum westfränkischen König weihen zu lassen; wer den Wortlaut der Clausula unbefangen liest, wird auch schwerlich einsehen, was eine solche Fälschung über eine päpstliche Salbung zu St. Denis unter den damaligen Umständen bezwecken sollte, zumal man Ludwig ja andere darüber vorhandene Aufzeichnungen vorlegen konnte. Die Annahmen von Buchner sind auch durchaus unbewiesen und unhaltbar, und gleich E. Schulz ( 858) sind unterdessen 1927 auch Krusch (Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte 47, Kanon. Abt. 16, S. 542--556), Levillain (Bibliothèque de l'Ecole des chartes 88, S. 20--42), Baudot (Moyen Age 37, 2e série 28, S. 170--181), Coens (Analecta Bollandiana 45, S. 182--184) und Zatschek (Mitteilungen des österreichischen Instituts für Geschichtsforschung 42, S. 311  f.) von verschiedenen Seiten her mit Recht für die Echtheit der Clausula eingetreten. Da aber auch eine Erwiderung von Buchner zu erwarten ist, wird später noch darauf zurückzukommen sein.

I. Quellen.

Auf die Übersicht von K. Esselborn über Einhards Leben und Werke ( 854), die seiner Übersetzung von dessen Translation Marcellini und Petri als Einleitung dienen soll, ist bereits im vorigen Jahresbericht S. 226  f. hingewiesen worden. Einhards berühmtere Schrift, seine Vita Karoli, enthält bekanntlich


S.258

die einzige zeitgenössische Erwähnung des später von der Sage so gefeierten Roland (c. 9); doch fehlen die fünf Worte in einem Teil der Handschriften (B in der Ausgabe von Waitz und Holder-Egger), und es fragt sich, ob sie ursprünglich oder ein späterer Zusatz sind. J. W. Thompson ( 855) will nachweisen, daß die Stelle von Einhard selbst zugefügt worden sei, als eine fränkische Abteilung 824 wie im Jahre 778 in den Pyrenäen eine Niederlage erlitten hatte, und er hält ebenso Einhards Prolog für später zugesetzt (der keineswegs, wie es hier scheint, nur in A 2 und C 1 steht, sondern auch in A 3 und A 5). Aber diese Ergebnisse beruhen auf einer Reihe von willkürlichen Annahmen und Betrachtungen; sie fassen zu wenig Handschriften ins Auge und vernachlässigen bewußt, doch mit Unrecht deren Stammbaum, wie ihn Holder-Egger (Neues Archiv 37, 1912, S. 393 ff., besonders 406 ff.) begründet hat. Es wird übersehen, wie oft gerade der Prolog in mittelalterlichen Lebensbeschreibungen nachträglich weggelassen worden ist. Alles scheint mir für seine und der Roland-Stelle Ursprünglichkeit zu sprechen. Von jener Translatio Marcellini et Petri bespricht  F. L. Ganshof ( 859) zwei Stellen (vgl. schon den vorigen Jahrgang S. 226) in einem kleinen Aufsatz, der auch ein Wort der Miracula S. Bertini c. l (SS. XV, 509) verbessert und die Bedeutung von »ministerium« in Folcvins Gesta abbatum Sithiensium c. 63 und 88 (eb. XIII, 619. 622) erörtert. Die Besonderheiten des Wortschatzes der Annales Fuldenses von 838--887 stellt Ch. H. Beeson ( 642) kurz zusammen.

I. Quellen.

Als 7. Band der Classiques de l'histoire de France hat Ph. Lauer eine neue Ausgabe der Historien von Nithard gegeben ( 861) und mit einer französischen Übersetzung versehen; der auf der einzigen alten Handschrift beruhende Text und die warmherzige Einleitung kommen natürlich nur vereinzelt über die letzte Ausgabe von E. Müller hinaus (III, 2 nimmt Lauer eine geringere Interpolation an als dieser). Beigegeben ist eine Nachbildung der Straßburger Eide, die bekanntlich nur durch Nithard überliefert sind. J. W. Thompson ( 644) sucht zu beweisen, daß deren altfranzösischer Text erst gegen 920 von einem Abschreiber hergestellt worden sei, dagegen Nithard selbst neben dem deutschen Text einen lateinischen gegeben und nur einen solchen mit »Romana lingua« bezeichnet habe; der Beweis ist aber in keiner Weise geglückt, und mit Recht haben L.  F. H. Lowe und B. Edwards diese Annahmen abgelehnt (The language of the Strassburg oaths, Speculum II, 1927, S. 310--317); man wird auch fernerhin den von Nithard überlieferten Text zu den ältesten Denkmälern der französischen Sprache rechnen dürfen.

II. Darstellungen.

Das wertvolle Buch von  F. Dvornik ( 866) über die Slawen, Byzanz und Rom im 9. Jahrhundert (Travaux publiés par l'Institut d'études slaves IV) fällt großenteils aus dem Bereich der deutschen Geschichte; im Mittelpunkt steht die Balkanhalbinsel, wenn etwa der Anteil von Byzanz an der Bekehrung der Slawen, besonders der Bulgaren und die Wirksamkeit des Photios zur Darstellung kommen. Aber das Buch berührt doch auch die deutsche Geschichte, indem natürlich auch der Aufenthalt von Konstantin (Kyrillos) und Methodios bei den Mährern, die Bestellung des letzteren zum Erzbischof von Pannonien durch Hadrian II., der Kampf der bayrischen Bischöfe um dieses Missionsgebiet und die zwischen fränkischem und byzantinischem Einfluß stehenden Slawen Dalmatiens darin angemessene Berücksichtigung finden, mag das Werk auch mit seinen Vorzügen manche Schwächen verbinden (vgl. die Besprechung von P. E. Schramm, Deutsche Literaturzeitung 1928, Sp. 139 ff.).

An erster Stelle ist ein neuer Faszikel der Monumenta Germaniae historica zu nennen, mit dem sich die alte Lücke am Ende der Folioreihe der Scriptores zu schließen beginnt. Von der allein noch fehlenden 2. Hälfte des XXX. Bandes ist, noch unter Leitung des inzwischen heimgegangenen H. Breßlau, ein 1. Teil erschienen ( 166), der Nachträge zu den früheren Bänden von der karolingischen bis zur salischen Zeit einschließlich Lothars von Supplinburg bringt. Bei der Zurüstung des in seinen ersten vorbereitenden Anfängen rund 3 Jahrzehnte und weiter zurückreichenden Bandes waren neben dem Leiter besonders A. Hofmeister, bei der Drucklegung auch  F. Baethgen, an der Bearbeitung im einzelnen auch andere ältere Monumentisten, wie O. Holder-Egger und J. R. Dieterich, und gelegentliche Mitarbeiter beteiligt. Naturgemäß sind es meist kleinere, wenn auch teilweise inhaltlich recht wichtige Quellen, die hier in rund zwei Dutzend Nummern gebracht werden. Wenn auch die meisten Texte schon anderwärts gedruckt sind, so ist doch die Zusammenfassung dieser zerstreut schwer benutzbaren und leicht übersehenen Stücke in modernen kritischen Texten für die Forschung sehr angenehm. Aus dem Inhalt, der zum größern Teil die sächsische und salische Zeit betrifft, sind hier die freilich weiter zurückgreifenden, aber gerade für das frühere 10. Jahrhundert besonders wichtigen Reste der Salzburger Annalistik zu nennen, die E. Klebel in Admont aufgefunden und H. Breßlau als Ann.


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Iuvavenses maximi zusammen mit andern früher bekannten Ableitungen der gleichen Urquelle (von ihm Ann. Iuvav. antiqui genannt) herausgegeben hat. Breßlau hat ferner seine Oktavausgabe der echten Vita Bennonis II. episcopi Osnabrugensis von Nortbert von Iburg aus der Zeit des Investiturstreits mit wenigen Änderungen wiederholt und die Vita des Propstes Lambert († 1144) von Neuwerk bei Halle und die Translatio s. Alexandri ebendorthin bearbeitet. Von J. R. Dieterich rühren des Metzers Hecelin Translatio et Miracula s. Clementis (um 1100), von Belang wesentlich für die Bildungsgeschichte, und Sigebotos Vita Paulinae, der Gründerin von Paulinzella in Thüringen († 1107), her, von A. Hofmeister u. a. Rodulfs Vita des Bischofs Lietbert von Kamrik († 1076), an der z. B. die ausgiebige Benutzung von Ciceros Cato maior bemerkenswert ist, und die Fundatio ecclesiae Hildesheimensis, in der die Stiftung des Bistums und die Baugeschichte des Doms bis 1079 erzählt wird. Recht erwünscht wird auch die von H. Breßlau als Ergänzung zu Holder-Eggers Arbeit in SS. XV veranlaßte Sammlung von Kirche und Altarweihen sein, in deren Bearbeitung sich besonders Hofmeister und Baethgen geteilt haben. Allerdings ist Vollständigkeit hier nicht leicht zu erreichen. Breßlau hat aus praktischen Rücksichten die Sammlung bewußt auf die in irgendeiner Form handschriftlich überlieferten und auch hier auf die ohne eigene zeitraubende Nachforschungen erreichbaren Stücke beschränkt und die nur als eigentliche Inschriften auf Stein oder ähnlichem Material erhaltenen Stücke ausgeschlossen. Man wird gelegentlich daran denken mögen, wie man auch diese irgendwo zusammenbringen kann. Dieser 1. Teil der 2. Hälfte von SS. XXX enthält die deutschen und französischen Quellen, die Fortsetzung, deren Druck schon weit vorgeschritten ist, wird die italienischen Nachträge bringen.

Justus Hashagen ( 105) würdigt die elsässische Geschichtschreibung der


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Stauferzeit, den Ligurinus, der freilich nicht sicher gerade dem Elsaß zugewiesen werden kann, Gunther von Pairis als Verfasser der Geschichte des 4. Kreuzzugs, den er mit Sturm von dem Ligurinus unterscheidet, und die Marbacher Annalen, als eines der stärksten »unter den vielen und festen Banden, die das Elsaß unter den Staufern mit der deutschen Zentralgewalt verknüpfen«. Allen gemeinsam ist, bei aller sonstigen Verschiedenheit, entsprechend der starken, geistigen Abhängigkeit von Otto von Freising und entsprechend den Verhältnissen, in die sie gestellt waren, eine doppelseitige vermittelnde und darum in sich nicht widerspruchslose Haltung; sie hängen »durchweg mit aufrichtiger, ja warmer und begeisterter Verehrung« an ihrem Herrscherhause, sind zugleich aber auch fromme und ergebene Söhne der Einen römischen Kirche. »Die eigentliche Problematik der Geschichtschreibung im staufischen Elsaß war«, so sagt H. mit Recht, »nicht nationalpolitischer, sondern kirchenpolitischer Art«, mit Recht, denn »die französische Frage« war damals für das Elsaß noch keine Frage (die Stelle des Lig. VI 390, die auf G. Frid. III 12 zurückgeht, gehört doch nicht in diesen Zusammenhang). -- Die Beziehungen zwischen den Quellen des 3. Kreuzzuges beschäftigen wieder die Forschung. Nachdem H. Steinacker ( 881) die durch M. Kaufmann auf Veranlassung von A. Chroust (s. N. A. 46, 1925, S. 292  f.) neu belebte Erörterung weiter geführt hat, hat auch K. Zimmert ( 880) noch einmal dazu Stellung genommen. Beide stimmen der (von Steinacker auch schon selbständig vermuteten) Annahme zu, daß T (der unter Tagenos Namen von Aventin gedruckte Bericht) erst von Aventin im wesentlichen auf Grund der Chronik des Magnus von Reichersberg angefertigt ist, weichen aber sonst im einzelnen mehr oder weniger voneinander und von früheren Aufstellungen ab. Steinacker möchte auch, was doch nicht erwiesen erscheint, die Historia Peregrinorum statt um 1194 erst 1213/15 ansetzen. Die im Erscheinen begriffene neue Ausgabe aller dieser Stücke in den MG. von Chroust, wird hier voraussichtlich weitere Klärung bringen. -- Hier mag auch die astrologische Weissagung auf das Jahr 1186 (zuerst bei Rigord von St. Denis) erwähnt werden, in der Fritz Baer ( 910), der dabei auch andere Stücke ähnlicher Art bespricht, eine alte Apokalypse aus der Zeit der letzten Kämpfe zwischen Byzanz und den Persern oder der ersten Kämpfe mit dem Islam erkennt und an deren Zurichtung auch nach ihm der Jude Johann von Toledo beteiligt ist.

II. b) Urkunden. Briefe. Rechtsquellen.

Zu den Kaiserurkunden des 10.--12. Jahrhunderts liegen eine Reihe von Einzeluntersuchungen vor, die teils an die Monumenta-Ausgabe anknüpfen, teils mittelbar oder unmittelbar als Vorarbeit für sie dienen. Zum Ottonianum von 962 ist auch hier auf die an anderer Stelle (S. 185 u. 424) gewürdigte Untersuchung von E. E. Stengel ( 1894) über die Entwicklung des Kaiserprivilegs für die römische Kirche hinzuweisen. -- Eine verlorene echte Urkunde Heinrichs IV. von 1058 möchte K. Helleiner ( 392) aus einem der gefälschten österreichischen Freiheitsbriefe erschließen. -- A. Brackmann ( 397) zeigt, wie das umstrittene Diplom Heinrichs IV. für Hirsau von 1075 zwischen 1080 und 1090 verfälscht wurde, nachdem Abt Wilhelm 1079, nicht schon 1075, sein Kloster an Cluni angeschlossen und reformiert hatte; er weist dabei darauf hin, wie die deutschen Reformer und insbesondere Wilhelm nicht von Anfang an, sondern erst allmählich politische oder kirchenpolitische Folgerungen aus ihren Bestrebungen gezogen haben und wie selbst Gregor VII., »nicht von vorneherein als 'Revolutionär' fertig, sondern durch die Tradition gebunden«, 5 Jahre, bis 1080, gebraucht habe, um seine praktische Politik in Einklang mit seinem 1075 proklamierten System zu bringen. -- Die Fälschung Lothars III. für Kloster Hillersleben aus der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts, der aber eine echte Urkunde desselben Kaisers von 1135 zugrunde liegt, wird von E. von Ottenthal ( 403) zusammen mit den andern, zum Teil ebenfalls verunechteten Hillersleber Stücken von 1096--1221, meist Halberstädter Bischofsurkunden, behandelt. -- Hans Hirsch ( 390) ermittelt Ort und Zeit der Entstehung mittelalterlicher Fälschungen (14./15. Jahrhundert bzw. 1329/41) auf den Namen Ottos III., Lothars III. und Konrads III. für zwei Adelsfamilien von Piacenza. In einer zweiten Arbeit ( 391) erweist er von zwei angezweifelten Urkunden Konrads III. für S. Ambrogio in Mailand von 1129 wenigstens die eine, von ihm erstmalig gedruckte als echt; mit Recht deutet er auf die Möglichkeit, man möchte sagen Notwendigkeit einer politisch gerechteren Beurteilung des italienischen Unternehmens des Gegenkönigs hin. Auf Konrad und die durch ihn veranlaßten Unruhen in der Lombardei 1129 ff. deutet D. Germain Morin auch den Schluß einer Mailänder Synodalrede eines Abtes Ubert (von St. Simplician?), die er in den Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens N.  F. 12 (g. R. 43), 1925 (München 1926), S. 1--13 veröffentlicht hat. -- Fedor Schneider ( 174) druckt aus ehemals Veroneser Überlieferung, die sonst z. B. Aufschluß über die Familie des Gegenpapstes Cadalus gibt, 8 teilweise auch anderweitig bekannte Stücke von 1018--1184, darunter Urkunden Heinrichs IV. und Friedrichs I. sowie eine Urkunde des Welfen Heinrichs (des Schwarzen) von 1100 aus Este und 3 bei Hübner noch nicht verzeichnete Placita von 1018, 1034 und 1077. -- H. Zatschek ( 393) zeigt die Verwendung von »Formularbehelfen« in der Kanzlei Konrads III., die auch schon den Codex Udalrici kannte, und Friedrichs I. und verfolgt dabei das Eindringen des »päpstlichen Formulars« in die deutsche Königsurkunde. -- Die Urkunden der Kaiserin Constanze, der normannischen Gemahlin Heinrichs


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VI., hat R. Ries ( 178), dessen Heidelberger Dissertation über Constanze leider ungedruckt geblieben ist, in 127 Nummern von 1191--1198 verzeichnet und mit sorgsamen kritischen Ausführungen begleitet. W. Holtzmann hat dazu ein paar Stücke beigesteuert und eins davon, für S. Maria del Patir bei Rossano an andrer Stelle ( 175) gedruckt.

II. c) Gedichte.

Die erste kritische Gesamtausgabe der geschichtlich und literargeschichtlich gleich wichtigen Sammlung der sogenannten Cambridger Lieder mit den bekannten Gedichten auf die Ottonen, Heinrich II., Konrad II., Heinrich III. usw. darf auch hier nicht unerwähnt bleiben. Karl Strecker ( 645) hat sie für die MG. in einem eigenen Oktavbande besorgt. Er äußert sich dabei nicht nur in der Einleitung ausführlich über ihre Zusammensetzung und Entstehung (zum großen Teil zweifellos deutsch, wenn auch die gewöhnlich angenommene Herkunft vom Mittel- oder Niederrhein für die ganze Sammlung nicht bestimmt bewiesen werden kann), sondern bemüht sich auch bei jedem einzelnen Stück eingehend um die sprachlich-metrische wie um die sachlich-historische Erklärung. Für das berühmte Mischgedicht De Heinrico ist eine Übersicht der trotz ihrer Zahl voll noch immer nicht befriedigenden Deutungen beigegeben. -- Eine Beziehung des Ruodlieb auf wirklich historische Ereignisse bei der Zusammenkunft zwischen Heinrich II. und Robert von Frankreich an der Maas 1023 möchte Karl Strecker ( 899) ganz ablehnen. -- Im übrigen verweisen wir für die poetischen Quellen, auch für den Archipoeta ( 658, 659) und für das Nibelungenlied ( 912, 913) auf das, was an anderer Stelle darüber gesagt wird (vgl. S. 215), und nennen nur noch die Arbeiten über die Gedichte Kaiser Friedrichs II. und seines Sohnes Enzio. H. H. Thornton hat die je 4 »Kaiser« oder »König Friedrich« und König Enzio zugeschriebenen Gedichte neu herausgegeben ( 661  f. und »Speculum« 1927) und auf die Verfasser hin untersucht. Während ihm für Enzio nur in einem Fall gewisse Zweifel bleiben, wagt er keine Entscheidung zwischen Friedrich II. und Friedrich


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von Antiochien, wenn auch zwei Stücke vielleicht eher auf den letzteren zu passen scheinen.

a) Allgemeines.

Der 5. Band der Cambridge Medieval History ( 890 und 1893) mit dem Untertitel »Der Kampf zwischen Kaisertum und Papsttum« schließt sich unmittelbar an den 4 Jahre früher erschienenen 3. Band »Deutschland und das abendländische Kaisertum« an. Er zeugt, wie seine Vorgänger, von dem tatkräftigen Eifer der Herausgeber, die im Laufe der Jahre mehrmals gewechselt haben, und gibt ein gutes Bild von dem, was die englische Geschichtswissenschaft für das Mittelalter heute zu leisten vermag. Denn als ihr Werk stellt sich das Unternehmen und besonders der vorliegende Band im wesentlichen jetzt dar, an dem unter 17 Mitarbeitern neben 14 Engländern mit 19 von 23 Kapiteln nur noch 2 Franzosen und ein Italiener mit zusammen 4 Kapiteln beteiligt sind. Die Schilderung führt im allgemeinen von der Mitte des 11. bis gegen Ende des 12. Jahrhunderts, in den geistesgeschichtlichen Abschnitten noch etwa 100 Jahre weiter, und greift in diesen wie in dem Eingangskapitel über die Kirchenreform und bei der Entstehung der italienischen Städte auch weiter, zum Teil erheblich weiter, zurück; die Darstellung des Mönchtums und des Römischen und Kanonischen Rechts ist sogar bis zum Ausgang des Mittelalters erstreckt. Die Anordnung, deren Schwierigkeiten auf der Hand liegen und bei einem solchen Sammelwerke nie ganz befriedigend zu überwinden sein werden, gibt hier weniger Anstoß als bei früheren Bänden. Zweckentsprechend folgen sich die Abschnitte Kirchenreform (von J. P. Whitney), Investiturstreit bis zum Wormser Konkordat, Deutschland unter Heinrich IV. und Heinrich V., die Normannen in Unteritalien (von dem verstorbenen  F. Chalandon) und dann, etwas störend abgetrennt durch die beachtlichen Kapitel über die städtische Entwicklung in Italien bis 1200 (von C. W. Previté-Orton) und über den Islam in Syrien und Ägypten von 750--1100 (von W. B. Stevenson), die Kreuzzüge, die von der anderen Seite her auch schon in dem 4., byzantinischen Bande, behandelt waren, und ihre Wirkungen auf das Abendland (von 3 verschiedenen Verfassern, sehr ausführlich der 1. Kreuzzug von W. B. Stevenson) und in 4 Abschnitten die deutsche und die italienische Geschichte von 1125--1197. Dann wird in 3 Abschnitten die englische Geschichte von Wilhelm dem Eroberer bis 1189 (mit den Hauptergebnissen der Domesday-Forschungen des inzwischen verstorbenen W. J. Corbett) und, nur für die Zeit von 1108--1180, die französische Geschichte nachgeholt. Spanien und die nordischen Länder, aber auch Ungarn, Polen und sogar Böhmen sollen erst in dem folgenden Band behandelt werden, so daß die vorliegende Schilderung nach einer gerade für uns sehr wichtigen Seite hin noch kein abgeschlossenes Bild gibt. Die Darstellung der deutschen und der von ihr nicht zu trennenden italienischen Geschichte, die uns hier besonders angeht, leidet einigermaßen an der Zerlegung in 2 parallele Reihen, die dann wieder, so geschickt es anging, abschnittweise ineinandergefügt sind. Das wird weniger für die Zeit vor 1125 fühlbar, wo beide Teile in einer Hand, von Z. N. Brooke, lagen und die vielen Wiederholungen aufeinander abgestimmt sind, als nachher, wo Austin Lane Poole die Vorgänge in Deutschland unter Lothar, Konrad III., Friedrich Barbarossa, aber der verstorbene Ugo Balzani die italienischen Dinge der gleichen Zeit behandelt hat, während für Heinrich VI. A. L. Pooles beides umspannende Darstellung sich mit dem Schluß von Chalandons Normannenkapitel


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berührt. Besonders leidet darunter, was natürlich die Bearbeiter selber mehr oder weniger empfunden haben, die Darstellung Friedrich Barbarossas, wo wir zuerst seine ganze deutsche Regierung bis zu seinem Kreuzzuge und Tode erhalten und dann erst zu der Kaiserkrönung, Roncaglia und dem Schisma kommen. Es ist klar, daß eine solche Abgrenzung auch bei einem grundsätzlich auf Arbeitsteilung aufgebauten Werke hätte vermieden werden müssen -- und auch können. Aber das ist nur ein besonders krasses Beispiel. Nicht an der Aufteilung des Stoffes unter eine Mehrzahl von Bearbeitern an sich, sondern an der grundsätzlich zu äußerlichen Art, in der diese Aufteilung vorgenommen ist, liegt es ja, daß diese zur Zeit ausführlichste Behandlung des gesamten Mittelalters im Grunde doch nur ein Nebeneinander von Einzeldarstellungen, keine wirkliche Gesamtgeschichte geworden ist. Ein sehr gelehrtes und zu tatsächlicher Belehrung nützliches Werk bleibt sie darum doch. Auch für die genannten Abschnitte ist die Gelehrsamkeit der Verfasser über jeden Zweifel erhaben, wenn sie schließlich auch kaum mehr als eine achtbare Zusammenfassung nach dem damaligen Stande des Wissens, freilich nicht immer ganz bis zu den letzten Forschungen hin (z. B. für den Prozeß Heinrichs des Löwen) und nicht ganz ohne Irrtümer, geboten haben und vielleicht auch nicht mehr haben bieten wollen. Auch die umfangreichen Schlußkapitel über die Kommune- Bewegung besonders in Frankreich, über das Mönchtum, über das Römische und das Kanonische Recht im Mittelalter und über Unterrichtswesen und Philosophie sind wesentlich große Vorratskammern voller Tatsachen, Namen und Daten, die gewiß ihre Benutzer finden werden. Auch nach der stofflichen Seite hin zu kurz gekommen ist wenigstens in dem vorliegenden Bande die Wirtschaftsgeschichte. Von den Karten ist nicht gerade viel Aufhebens zu machen. Sie sind eines solchen Werkes, mit wenigen Ausnahmen, nicht würdig. Man sollte, wenn sie nicht nach Form und Inhalt ganz anders ausgestaltet werden können, auf sie lieber verzichten, da genügend bessere in leicht zugänglichen Atlanten zur Verfügung stehen. Erwünscht wären dagegen mehr genealogische Übersichten. Erwähnt sei das umfangreiche Literaturverzeichnis. -- Anschließend seien die kurzen Bemerkungen von L. Halphen ( 903) vor allem über die wirtschaftlichen und sozialen Umwälzungen genannt, die sich aus der Wiedergewinnung des Mittelmeers und seiner Randländer für die europäische Schiffahrt und den europäischen Handel infolge der Kreuzzugsbewegung (im weitesten Sinne, auch Spanien und Sizilien mitbegreifend) ergaben.

a) Allgemeines.

 F. Landogna ( 914) will darlegen, wie sich seit Julius Nepos und Odovakar ein von dem Imperium unterschiedenes regnum Italicum bildete und wie dieses administrativ und politisch von seinem Mittelpunkt in Pavia aus von den Langobarden bis ins 11. Jahrhundert in zusammenhängender, auch bei der fränkischen oder der deutschen Eroberung nicht unterbrochenen Entwicklung seine Wesenheit entfaltete, wobei ihm allerdings neben treffenden Bemerkungen bei der näheren Ausführung gar manche anfechtbare Behauptung oder reichlich gewagte Konstruktion mit unterläuft. Diese Selbständigkeit des italischen Staates rechnet Landogna nur bis zu Konrad II. und Heinrich III. Von da an geht nach ihm der Begriff des regnum Italicum im Imperium auf, und Friedrich I. und Friedrich II. stützen sich bei ihrem Versuch, die zentrale Organisation wiederherzustellen, nicht mehr auf das königliche, sondern auf das kaiserliche Recht -- was mindestens für Friedrich I. nicht zutrifft. Nach Legnano und dem Frieden von Konstanz wird das regnum Italicum dann ganz zu einem leeren Namen ohne Inhalt. In dem allmählichen, widerstandslosen Verschwinden dieser dem Lande von außen, von fremden Eroberern auferlegten Einheit sieht Landogna ein Glück für die nationale Zukunft Italiens, die dadurch hätte verzögert oder abgelenkt werden können. Die Auffassung Italiens als eines Lehens (feudo) des deutschen Imperiums, sofern sie früher geäußert ist, kann jedesfalls seit langem nicht mehr als die deutsche Meinung gelten, die sich vielmehr grundsätzlich hier kaum sehr von Landogna unterscheidet. -- Nicht vorbeizugehen ist hier auch, obwohl nur wenige Seiten die deutsche Kaiserzeit betreffen, an den Betrachtungen, in denen Karl Hampe ( 234) eine »Kulturbilanz« der »durch nahezu zwei Jahrtausende« »dauernd auf das engste verflochtenen Beziehungen der beiden Länder Italien und Deutschland« zu ziehen versucht. -- Zeitlich viel weiter gespannt ist auch der geschickte Überblick über die Geschichte Friauls, d. h. für unsere Zeit im wesentlichen des Patriarchenstaats Aquileja, in dem A. Hessel ( 518) zeigt, wie auch für dieses, im 12. und 13. Jahrhundert zumal in der Oberschicht seiner Bevölkerung stark deutsch durchsetzte Grenzland allzeit nicht die lokalen, sondern die allgemeinen europäischen


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Verhältnisse das Schicksal entschieden. -- Die inhaltreiche, leider noch nicht abgeschlossene Studie von Margarete Merores (»Der venezianische Adel. 1. Teil: Die Geschlechter«. In: Vierteljahrschr.  f. Sozial- u. Wirtschaftsgesch., XIX, 1926, S. 193--237), die im wesentlichen bis gegen 1200 führt, ist hier schon deshalb wenigstens zu erwähnen, weil sie entschieden gegen die außerordentlich scharfe Kritik auftritt, die neuerdings von italienischen Forschern an dem Chronicon Altinate geübt ist. Hoffentlich wird sie darauf noch näher zurückkommen können.

b) Sachsen.

Für die inneren Verhältnisse Deutschlands um die Wende des 10. und 11. Jahrhunderts wertvoll ist die Sammlung und Erläuterung der zahlreichen von Burgen und Städten im deutschen Reiche handelnden Stellen der Chronik Thietmars von Merseburg in der Berliner Dissertation von  F. Geppert ( 898), die inzwischen in der Thüringisch-Sächsischen Zeitschrift XVI (1928), 162 bis 244 auch im Druck erschienen ist. Thietmar unterscheidet danach deutlich zwischen unbefestigten oder nur leicht geschützten Dörfern (villa, oppidum) und Siedlungen, in denen sich eine Befestigung befindet (urbs, civitas, worunter ganz allgemein Städte, Burgen, die im besonderen auch bei ihm castellum heißen, befestigte Klöster u. dgl. fallen), wobei allerdings »keiner Ortschaft die Bezeichnung 'Stadt' im Sinne des ummauerten, von Laien bewohnten Ortes zuerteilt werden« kann außer den Römerstädten und Würzburg und Magdeburg.

I. Quellen und Untersuchungen zur Quellenkunde.

Entsprechend der bekannten Tatsache, daß Geschichtsquellen, deren Verfasser weite historische Räume mit großem Blick überschauen, im spätmittelalterlichen Deutschland fast ganz fehlen, bieten die im Berichtsjahr erschienenen Quellenausgaben überwiegend landschaftlich Wichtiges. Leidinger ( 931) veröffentlicht den deutschen Text eines doppelseitig beschriebenen Pergamentblattes mit Nachrichten für die Zeit von 1126 bis 1308. Sie entstammen bekannten lateinischen Quellen aus Erfurt. -- Die Ausgabe der Genuesischen Annalen in den Fonti per la storia d'Italia ( 889) ist bis 1279 weitergeführt, die mit 1280 beginnende Darstellung des Jacopo d'Oria ist für einen weiteren Band aufgespart. Der Herausgeber, Cesare Imperiale di Sant Angelo, liefert dazu eine breitangelegte Einleitung: 112 S. zu 187 S. Text. Die Erläuterungen in den Fußnoten schöpfen z. T. aus Ungedrucktem, so erhalten wir z. B. S. 115--122 den Text des Vertrages Karls von Anjou mit Genua vom 12. Aug. 1269. Für die deutsche Geschichte haben besonders die Nachrichten über Manfred und Konradin Bedeutung. -- In die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts führen zwei Regestenwerke. Neu begonnen haben die von  F. Martin bearbeiteten Regesten der Erzbischöfe von Salzburg ( 184). Sie schließen sich an das Salzburger U. B. an und erreichen mit der ersten Lieferung das Jahr 1270. Fortgeführt wurden die Regesten der Straßburger Bischöfe von A. Hessel und M. Krebs bis zum Jahr 1299 ( 187). Krabbos Regesten der Markgrafen von Brandenburg ( 198) haben eine die Jahre 1308--1314 umfassende Fortsetzung erhalten. Für die Reichsgeschichte ist sie zu beachten wegen der Königswahlen in den beiden Grenzjahren. --Aloys Schmidts ( 928) Untersuchungen über das Carmen satiricum occulti Erfordensis beschäftigen sich mit einer Quelle, die das 1279 vom Mainzer Erzbischof über die Stadt verhängte Interdikt zum Gegenstande hat. Sie ist zwar schon zweimal gedruckt, aber damals konnte die beste, in Hamburg liegende Handschrift noch nicht herangezogen werden, die man erst nachträglich auffand. Varianten aus dieser werden nun mitgeteilt. Der Hauptreiz des Gedichts ist die farbige Schilderung des städtischen Lebens. Heinrich von Kirchberg, der Erfurter Stadtschreiber, wird darin sehr unsanft mitgenommen. Abweichend von Grauert vermutet Schmidt, daß Conradus de Githene (= Geithain) die Satire gegen den Stadtschreiber, ein Nicolaus de Bibera die anderen Teile, vielleicht von Mitarbeitern unterstützt, verfaßt habe. -- Für die Jahre 1346--1348 liegt nun der achte Band der Constitutiones ( 204) vor, dessen Schlußlieferung, die von R. Salomon und W. Finsterwalder angefertigten Register enthaltend, im Berichtsjahre erschien. Er wird der letzte seiner Art sein, denn die folgenden werden vielfach gekürzte Texte und dazu Erläuterungen in deutscher Sprache bringen.

I. Quellen und Untersuchungen zur Quellenkunde.

Bihl, ein Ordensbruder des Johann von Capistrano, druckt aus einer Handschrift des Salzburger Petersklosters zwei Briefe dieses Heiligen ab ( 936). Der erste, an Ladislaus Postumus gerichtet, drückt den Wunsch des Absenders, in Prag zu wirken, aus. Der zweite schildert den Sieg über die Türken bei Belgrad vom 22. Juli 1456 und wendet sich an Kalixt III. -- Das Urkundenbuch der Grafschaft Oldenburg ( 194) -- Kirchen und Klöster sind einem besonderen Bande vorbehalten -- enthält 1044 Nummern, von denen fast die Hälfte auf das 15. Jahrhundert entfällt. Viele werden nur im Regest mitgeteilt, wobei man bloß bedauern möchte, daß bei einigen wenigen Stücken die Urkundensprache nicht zweifelsfrei erkennbar ist. -- Zum Schluß sei zweier Quellen gedacht, die weniger durch ihre sachlichen Mitteilungen denn als Ausdruck geistiger Strömungen oder einer bemerkenswerten Persönlichkeit uns fesseln. Des elsässischen Humanisten Gebwiler Straßburger Chronik hat Karl Stenzel aus Fragmenten verschiedener Herkunft zusammengestellt ( 937 = 114 a). Diese Ausgabe samt der den Stoff vollkommen beherrschenden, klaren und feinen Einleitung verdienen als Vorbild für ähnliche Arbeiten hervorgehoben zu werden. -- Von Aventins Bairischer Chronik veranstaltete Leidinger eine verkürzte Ausgabe ( 938) mit guten Bildbeigaben, die diesen als festgeprägte Persönlichkeit über die sonstigen Geschichte schreibenden Humanisten emporragenden Mann eindrucksvoll zu Worte kommen läßt, zumal mit seiner Darstellung Ludwigs des Baiern, die er nach seinen eigenen Worten »aus den alten Briefen und Schriften ... nit ohne große Mühe und Arbeit herausgeklaubt« hat. -- Eine deutsch geschriebene, bisher ungedruckte Schilderung vom festlichen Einzug des Matthäus Lang in Rom im November 1512 veröffentlicht  F. Martin ( 966).

IV. Deutsche Fürsten.

Die Bedenken gegen Kalkoffs Hypothese vom Kaisertum Friedrichs des Weisen sind von Wolf ( 996) erneut zusammengestellt worden, unter Anerkennung der Einzelaufklärungen, die Kalkoffs Buch gebracht hat. Wesentlich gefördert wurden unsere Kenntnisse in bezug auf die religiöse Stellung Friedrichs des Weisen. Nachdem Annie Koch ( 995) den Versuch gemacht hatte, die Auffassung Kalkoffs hierüber gegen die Arbeit E. Wagners (Zeitschr.  f. Kirchengesch. 1923) unter einigen Abweichungen in Einzelheiten zu verteidigen, hat Kirn ( 994) endlich einmal die Frage unter Benutzung des reichen Materials, das vor allem das Ernestinische Gesamtarchiv in Weimar bietet, einer ganz gründlichen Untersuchung unterzogen. Mit Recht hat er sich dabei nicht auf die Zeit nach dem Auftreten Luthers beschränkt, sondern auch die ganze frühere Regierungszeit des Kurfürsten herangezogen. Im einzelnen behandelt er Friedrichs Stellung zu den sächsischen Landesbischöfen, seinen Kampf gegen den Mißbrauch der geistlichen Gerichtsbarkeit, sein Verhältnis zu den Klöstern, seinen Einfluß auf die Landpfarren und seine Ablaßpolitik. Erst das 7. Kapitel des Werkes ist dem Verhältnis des Kurfürsten zur Reformation gewidmet. Es gibt in großen Zügen eine Übersicht über seine Politik in der Lutherfrage von 1517 bis 1525. Im 8. Kapitel handelt der Verfasser zusammenfassend von der religiösen Überzeugung Friedrichs. Das Ergebnis ist, daß seine Kirchenpolitik vor der Reformation nicht wesentlich verschieden war von der späteren, daß er nicht bewußt das landesherrliche Kirchenregiment gefördert hat, sondern nur eingriff, wo er sich durch sein Gewissen dazu verpflichtet fühlte. Seinem Gewissen folgte er auch in seinem Verhalten Luther gegenüber. Er verhielt sich neutral nicht nur aus Politik, sondern weil er auch in seiner Gesinnung neutral war und nicht dulden wollte, daß etwas unterdrückt wurde, was wahr sein konnte. Allmählich vollzog sich dabei in ihm eine Annäherung an die neue Lehre, zu der er sich dann kurz vor seinem Tode auch offen bekannte. Daß dieser Übergang aber nicht so früh erfolgt ist, wie Kalkoff annahm, wird besonders auf dem Gebiete der Reliquienverehrung gezeigt.

III. Von 1700--1740.

In die an Intrigen und überraschenden Wendungen reichen Jahre unmittelbar nach dem Abschluß des Spanischen Erbfolgekrieges fällt die vielfach auch nach Deutschland hinüberspielende politische Wirksamkeit eines englischen Staatsmannes, dessen Leben  F. L. Edwards in einem auf wissenschaftlichen Apparat verzichtenden Büchlein an uns vorüberziehen läßt ( 1072). James Stanhopes Laufbahn begann als Soldat: seit 1706 führte er die zur Unterstützung des Habsburgers Karl III. nach Spanien entsandten Truppen, nicht ohne Geschick,


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wenn auch schließlich ohne Erfolg. Seit der Thronbesteigung des Hannoveraners Georg I. übte er dann maßgebenden Einfluß auf die englische Außenpolitik aus. Ihm vor allem, der gute Beziehungen sowohl zum Kaiser wie auch zum Regenten von Frankreich unterhielt, der zugleich mit dem König und seiner hannoverschen Umgebung auszukommen wußte, war der Abschluß der Quadrupelallianz von 1718, welche die Seemächte mit Österreich und Frankreich gegen das Spanien Alberonis verband, zu verdanken. Im Jahre 1721 starb »Don«, wie ihn seine Freunde nannten, erst 48 Jahre alt.

§ 20. Deutsche Geschichte von 1740--1815.

In der neueren Literatur über den Freiherrn vom Stein, die Stern ( 1134) bespricht, steht weniger das Reformwerk als die Persönlichkeit im Vordergrund (Ricarda Huch). Steins geschichtliche Werke werden als wertvolle Quelle für seine Staatsauffassung und sein Staatsideal ausgebeutet (Bresslau, Gradenwitz, Botzenhard). Strittig ist noch immer Steins Stellung zum deutschen Nationalgedanken; gegen die Auffassung, daß sein Nationalgefühl eingebettet sei in


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einen europäischen Universalismus (Meinecke), wendet sich die neuere Meinung, die, den Einfluß kosmopolitischer Tendenzen ablehnend, Steins »Europäertum« aus realpolitischen Erwägungen erklärt und den Hauptzweck seiner Politik in der Wahrung der »Nationalität« erblickt (Ulmann, Drüner). Auch eine vergleichende Bewertung, ob Stein oder Bismarck der größere sei, ergibt kein einheitliches Resultat (Neubauer, Lenz, Huch). Einen Beitrag zu diesen »Stein- Fragen« steuert Kallen ( 1135) mit seinem Versuch bei, das Deutsche in Stein hervorzuheben. »Stein ist und bleibt ein Aristokrat, ein Ritter, kein Junker.« Aus seiner Abstammung entspringt seine Religiosität, sein Standesbewußtsein, der in ihm stetig lebendige Gedanke der deutschen Einheit. Die zu seiner Durchführung notwendigen Eigenschaften findet er allein in Preußen; deshalb schließt er sich diesem Staate an. Seine äußere Politik, Befriedigung der Forderungen der französischen Behörden, mußte scheitern. Sie wird ergänzt durch die innere Politik, die »nicht die Organisation der Verfassung, sondern die Vervollkommnung des Menschen, des Trägers der Verfassung«, erstrebt. Die Steinsche Reform steht nach Ursprung, Methode und Geist in entscheidendem Gegensatz zu den Ideen von 1789: nicht das Individuum, sondern die Gemeinschaft ist für Stein das Ausschlaggebende. Aus diesem »Gemeingeist« heraus verlangt er nicht nur den deutschen Staat, sondern auch ein europäisches Staatensystem. Bei allem Mangel an Verständnis für die soziale Frage des vierten Standes zeigt er doch den Weg zu ihrer Lösung: Befreiung durch Eigentum. Die zweite Großtat Steins, die nur seiner dämonischen Natur gelingen konnte, ist, daß er die Befreiung zu einem Freiheitskrieg von Fürst und Volk gemacht hat. Eine scharfe Kritik Meineckes (Hist. Zt. 137, 395) wirft Kallen eine in patriotischem Eifer begangene Vereinfachung des Bildes von Stein vor. -- Das auf den besten Darstellungen aufgebaute, von vaterländischem Geist getragene Buch Estorffs ( 1136) über Scharnhorst legt den Nachdruck weniger auf den großen Feldherrn als auf den edlen Menschen, der vermittels der eingestreuten Briefe lebendig als Vorbild für unsere Tage im Sinn der inneren Erneuerung hingestellt wird. -- In der verdienstvollen Ausgabe der prächtigen Briefe E. M. Arndts aus Schweden an den praktischen Arzt Weigel in Stralsund, besorgt von Gülzow ( 1152), tritt uns Arndt nicht nur als der »hervorragende kulturgeschichtliche Anempfinder« entgegen, sondern auch als der Sucher nach dem germanischen Menschenideal, als der Romantiker voll Begeisterung für das Volkstümliche und voll Liebe zur Natur, als der Staatsgelehrte, der wirtschaftlich-sozial in einem kräftigen Bauernstand (wie in Dalarne), politisch in der monarchischen Einherrschaft, im Einheitsstaat, die Zukunft Deutschlands erblickt. -- Bei der Bedeutung B. G. Niebuhrs für den preußischen Staat und die deutsche Nation stellt die Herausgabe seiner Briefe in der authentischen Form (die von seiner Freundin Dore Hensler besorgte Ausgabe ist in höchstem Grade, ja entstellend überarbeitet) ein hohes Verdienst für Anreger, Verleger und die beiden Herausgeber, Gerhard und Norvin ( 1133) dar. Der erstere gibt in der Einführung ein scharf umrissenes Bild von dem Menschen und seinem Werk. Aus den Briefen tritt uns Niebuhr in seiner Herbheit und seinem Ernste, in seiner von dem doppelten Drang zu praktischer Betätigung und zu wissenschaftlicher Leistung hin und her gerissenen Natur, tritt uns der erfahrene Finanzmann und der Monarch im Reich der Wissenschaften, der bürgerstolze Holsteiner, der an seinem Vaterland hängende

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Däne, der Freund englischen Wesens, der Gegner des Adels und der Demokratie, der Verehrer Steins, entgegen. Nur ganz langsam unter dem Einflusse Steins und unter dem überwältigendem Eindruck der Volkserhebung von 1813 wird N. zum Preußen, der die Eigenart und die Kräfte seines Staates voll erfaßt. Die Ausnutzung des Bandes, der über den Reventlowschen Kreis in Emkendorf und die preußischen Reformer manch Neues bringt, wird durch das Fehlen eines Registers stark behindert. -- In einem von Ulmann ( 1151) mitgeteilten Briefe Max v. Schenkendorfs an die Prinzessin Wilhelmine von Preußen bezeugt er von sich, daß er weder ein leichtbeweglicher Demokrat noch ein erstarrter Aristokrat sei, daß er wohl »Kampf gegen das historische Ungetüm, aber auch Unterwerfung unter Geschichte und Recht gepredigt habe«. -- Eine Ergänzung zu Meineckes »Weltbürgertum und Nationalstaat« und eine Parallele zu Brandts »Politik und Geistesleben in Schleswig-Holstein« bietet Böttiger ( 1129). Er schildert die Wendung von dem stark kommerziell gefärbten Weltbürgertum Hamburgs zur nationalen Idee zuerst an führenden Persönlichkeiten, wie Fr. Perthes,  F. Benecke, D. Chr. Mettlerkamp und K. Sieveking, dann die Haltung von Senat, Volk und Patrioten im Jahre 1813, insbesondere die Tätigkeit der letzteren in dem hanseatischen Direktorium.

I. Die Zeit der Restauration (1815--1847).

Den jungen Dahlmann hat Scheel ( 1192) als den eigentlichen nationalpolitischen Vorkämpfer des schleswig-holsteinischen Gedankens geschildert und dabei die geistige Selbständigkeit von Fritz Reventlow gegen Brandt


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(Jahresberr. I, 1046 u. S. 267) mit guten Gründen verteidigt und die nationalpolitischen Anschauungen in ihren Abwandlungen von der Erstlingsschrift ab dargestellt, freilich mit einer Neigung zu allzu festen Formulierungen, die das noch unbestimmte und von weltbürgerlichen Ideen durchsetzte Nationalgefühl Dahlmanns in manchmal etwas enge Grenzen spannt. Ref. kann hier auf seine eingehende Besprechung dieses Buches in der Zeitschr.  f. schleswig-holsteinische Gesch. 56, 523--529 verweisen. Das genannte Buch von Brandt über Politik und Geistesleben in Schleswig-Holstein hat bei der Kritik eine durchweg günstige Aufnahme gefunden, die um der mancherlei neuen Ergebnisse willen und wegen seiner hohen wissenschaftlichen Qualitäten durchaus verdient ist. (Es liegt inzwischen die 2. Auflage vor.) Brandt setzt sich nun mit den verschiedenen Einwendungen Scheels und einiger anderer Rezensenten seines Buches auseinander, welche gegen einige Hauptthesen seines Buches erhoben sind: ( 1200) er sucht darin seinen Standpunkt noch einmal zu sichern, bringt freilich über das hinaus, was er in seinem Buch gesagt hat, nicht viel Neues (hervorgehoben sei nur die kurze Skizze der Entwicklung des dänischen Nationalgefühls, die in dem Buch bisher als Folie der deutschen Entwicklung vermißt wurde). Gleichzeitig mit Brandts Schrift erschien die Arbeit von Petersen ( 1191), auf die Brandt daher noch nicht eingehen konnte. Petersen setzt in einem Exkurs die Polemik Scheels fort und vertritt überzeugend die These, daß der erste Ritterschaftskampf rein ständischen (nicht nationalpolitischen) Charakter trage und leitet die Unabhängigkeit Dahlmanns von Fritz Reventlow vor allem aus der grundlegenden Verschiedenheit ihrer Charaktere und ihres politischen Handelns ab. Es ist hier nicht der Ort, auf den ganzen Fragenkomplex noch einmal ausführlich einzugehen, die Polemik ist auf einem Punkt angelangt, wo eine weitere Förderung nur von einer Veröffentlichung der Briefe Fritz Reventlows und evtl. der Ritterschaftsprotokolle (wenigstens in ihren wichtigsten Partien) zu erwarten ist.

I. Die Zeit der Restauration (1815--1847).

Von einer anderen Seite als Scheel kommt Petersen in der oben erwähnten Arbeit ( 1191) zu einer sehr hohen Einschätzung von Dahlmanns Verdienst um die schleswig-holsteinische Frage: er zeigt den starken Einfluß, den Dahlmann -- neben Adam Moltke -- auf den rechtshistorischen Vorkämpfer der Unteilbarkeit und staatsrechtlichen Selbständigkeit Schleswig-Holsteins Nikolaus Falck ausgeübt hat. Falcks wissenschaftlicher Standpunkt war dem des Naturrechts des 18. Jahrhunderts sehr nahe; Geschichte war ihm nur Beweismaterial, eine tiefere Einstellung zu ihr hat er nicht besessen. An eine politische Trennung von Dänemark dachte er noch nicht. Wie Nation und Staat noch völlig getrennte Sphären blieben, zeigt Petersen an Falcks Behandlung der Sprachenfrage. Als reine Forschernatur bewies Falck im öffentlichen Leben, in das er durch seine staatsrechtlichen Arbeiten hineingezogen wurde, nicht immer die Charakterstärke, die leidenschaftlichere Naturen wie Dahlmann und Lornsen befähigte, alle Folgerungen aus ihrer politischen Auffassung für ihr persönliches Leben zu ziehen. Aber Falck schuf die, durch die heutige, auch die dänische Geschichtsforschung grundsätzlich bestätigte, staatsrechtlich-historische Auffassung, die den Kampf von 1863--1864 bestimmt hat. Auf die viele neue Ergebnisse bietende Untersuchung wird noch zurückzukommen sein, wenn die Arbeit im ganzen gedruckt vorliegt. (Erscheint voraussichtlich noch 1928 bei  F. Hirt in Breslau.)


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I. Die Zeit der Restauration (1815--1847).

Zu den Arbeiten über Görres ist allgemein zu bemerken, daß die von Hashagen (Westdeutsche Zeitschrift  f. Geschichte u. Kunst Bd. 32, S. 410 ff.) ausgesprochene Warnung vor Überschätzungen und Übertreibungen auch heute noch teilweise am Platze ist, wenn auch überall das Streben nach konfessioneller Unbefangenheit sichtbar wird. Es ist im Sinne Hashagens eine Überschwenglichkeit, wenn Braubach ( 1180) Görres »als einen der universalsten Menschen, die es je gegeben«, bezeichnet oder wenn Schubert es als »eine ebenso merkwürdige wie unbestreitbare Tatsache« hinstellt, »daß unsere Gebildeten -- um von weiteren Volkskreisen erst gar nicht zu reden -- von Leben, Wirken und Bedeutung eines unserer größten Geister des vorigen Jahrhunderts (von mir gesperrt) so gut wie nichts wissen«. Jeder


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Popularisierungsversuch findet an Görres' geistiger Eigenart selbst seine unübersteiglichen Schranken schon innerhalb des katholischen Volksteils, viel mehr aber, wenn er für das ganze deutsche Volk in Anspruch genommen wird, wie es Kallen will ( 1180 a). Görres aus den engen Fesseln des Konfessionalismus zu befreien, in denen er sich durch die Nachwirkung seiner letzten Lebensperiode verstrickt hat, ist ein Zug, der die Forschung bestimmt und befruchtend auf die früher viel verkannte Jugendperiode eingewirkt hat. Schon in dem jungen kirchenfeindlichen Görres läßt sich der Katholik auffinden und seine geistige Haltung zur Aufklärung und zur französischen Revolution aus der besonderen politischen und geistigen Lage erklären, in welcher sich damals der Katholizismus in Deutschland befand. Von hier aus fällt, wie Heinrich Dähnhardt ( 2452 a) zeigt, ein neues Licht auf den jungen Görres: der Zusammenbruch der geistlichen Staaten am Rhein wurde für ihn persönlichstes Schicksal, aber zugleich Schicksal seiner Heimat überhaupt. »Es wurde für Görres' politische Haltung entscheidend, daß das Leben ihn zu keiner Zeit dahin führte, über sich selbst diese Majestät des Staates als konkrete Macht anzuerkennen ... Görres wuchs heimatstreu, aber staatenlos auf« (S. 24). Dähnhardt weist die Einheit des Geistes in Görres aus der Tatsache auf, daß die Betrachtungsweise und die Problemstellung (Kirche und Staat!) in der Jugend und im Alter die gleiche ist; in der Art der Betrachtungsweise spricht sich bei Görres seine besondere Eigenart aus. »Görres war Aufklärer, zwar dem Gehalte des Gedachten, nicht aber nach der Art des Denkens.« Zu der Frage der Originalität des Görresschen Denkens kommt Dähnhardt zu ganz präzisen Feststellungen. Görres war bei aller religiösen Tiefe seines Geistes vor allem Politiker und Publizist. »Die Spontaneität seines Geistes söhnt mit der vielfach mangelnden Originalität desselben aus« (S. 39). »Wir haben kaum eine Berechtigung, Görres' Schaffen unter den Vorzeichen überlegener geistiger Gestaltung zu sehen. Es will eher unter den Vorzeichen seiner eigenen Entstehung, d. h. im Lichte eines geistigen Durchbruchsversuches gegen umgebende Gewalten betrachtet werden« (S. 40). In diesem gleichartigen Schicksal, das Görres persönlich und die politische Gestalt seiner rheinischen Heimat trifft, liegt die Ursache für seine spätere Rückkehr zur Kirche zu einer Zeit, als er die Heimat endgültig verloren hatte. Die Linien, die den jungen Görres mit dem politischen Katholizismus verbinden, treten nicht so klar zutage wie die persönliche Entwicklungslinie. Während Dähnhardt das Unmethodische, Sprunghafte und Zufällige in Görres' geistiger Entwicklung sicher mit Recht hervorhebt, bemüht sich Reiße ( 1181 und in Nr. 209) die deutsche und französische Ideenwelt, der sich Görres als Rheinländer gleichmäßig hingibt, in ihren einzelnen Spuren, die sie in Görres' Schriften hinterlassen haben, aufzuweisen: die Aufklärung tritt Görres in Kant, Fichte und Condorcet, die irrationalen Gegenströmungen in Rousseau und vor allem in Herder entgegen. Der Einfluß Schellings ist, wie ein Aufsatz von A. Dyroff ergibt (enthalten in Nr. 209) von den bisherigen Forschern und auch noch von Reiße zu hoch eingeschätzt, doch vertieft Reiße die Kenntnis Görres' besonders durch eine eingehende Analyse der Schrift »Glauben und Wissen« und macht für seine Hinwendung zum indischen Mythus vor allem den Einfluß Herders geltend, durch dessen Führung er die wissenschaftliche Literatur über Indien kennenlernte. Reißes eindringende und über die bisherigen Arbeiten hinausführende

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Studie zeigt Görres' starke geistige Rezeptivität, die begierig nach allem greift, was sich an wissenschaftlichen Ideen in seiner Zeit regt. Der Politiker in ihm, der immer seine tiefste Anlage bleibt, wird seit 1800 verdeckt von dem Gelehrten, der in rastlosem Aufnehmen ein Weltbild zu formen sucht. Reiße und Dähnhardt ziehen Linien von der Frühzeit zu dem späteren Görres und schlagen dadurch manchen neuen Pfad durch das teilweise schwerdurchdringliche Dickicht der Görresschen Gedankenwelt. Die Einheit in Görres zu finden, ist das lebhafte Bemühen aller neueren Görres-Forscher: dies geschieht z. T. sogar auf Kosten der doch nicht zu leugnenden Widersprüche seiner Entwicklung. Alle Formeln, welche diese Einheit herstellen wollen, erweisen sich nur als Teilergebnisse, sei es daß der »Kampf gegen jegliche Tyrannei« (H. Münster) oder »Freiheit und Rhein« (Kallen) als leitende Idee von Görres' Leben dargestellt werden. So erscheint Görres' Wirken als Opposition gegen den Absolutismus in Kirche und Staat; so bleibt er zeitlebens Revolutionär: diese formale Haltung wird eigentlich immer von außen her mit positiven Inhalten gefüllt; eine Geistesströmung hat, wie Kallen (a. a. O. S. 5) meint, seine Entwicklung durch alle Wandlungen hindurch begleitet und bestimmt, ihr gewissermaßen die Richtung gegeben: das ist die Philosophie der idealistischen Epoche. Während für die Frühzeit die Beziehungen schon hinreichend festgestellt sind, bedürfen sie für die letzte Periode noch eines genaueren Nachweises, als ihn Kallen in seiner Festrede geben kann: es wird sich dann wohl zeigen, daß auch dieser Wegweiser durch Görres' Leben nicht zuverlässig genug ist, um sich ihm allein anzuvertrauen. Im Gegensatz zu Kallen rückt Wohlers Görres wieder näher an die Romantik: »Das Suchen des Einzelmenschen nach seinem Platz im Weltall -- das ist das Grundgesetz der Romantik, es ist das Grundgesetz von Görres' Leben« (Görres und das Rheinproblem in Nr. 209).

VII. Außenpolitik 1871--1890.

Der Aufsatz von Langer ( 1301) schildert unter Benutzung der reichen gedruckten Literatur die Stellung, die die europäischen Mächte zur französischen Okkupation von Tunis einnahmen. Er hebt dabei vor allem hervor, daß Bismarck dieses Unternehmen Frankreichs nachdrücklich unterstützte, um seinen Blick von Elsaß-Lothringen abzuwenden. -- Der erste Teil der Arbeit von Holborn ( 1297) ist mit dem Zeitschriftenaufsatz identisch, über den im vorigen Jahrgang berichtet wurde (S. 294  f., 1260). Das in dem jetzt vorgelegten Buch neu veröffentlichte zweite Kapitel behandelt unter Benutzung unveröffentlichter


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Akten des Berliner Auswärtigen Amtes die Stellung, die Bismarcks Politik zu den Anfängen des Bagdadbahnbaues einnahm. Einleitende Ausführungen erörtern umsichtig Bismarcks politische Haltung in der Meerengenfrage und sind überhaupt für die allgemein politische Einstellung des Kanzlers im Jahre 1887, sowie für die Vorgeschichte des Mittelmeerabkommens wichtig. Im einzelnen wird dann die Vorgeschichte des Bagdadbahnbaues untersucht. Holborn betont dabei scharf, daß die Bismarcksche Politik zwar bereit war, die finanzielle und wirtschaftliche Betätigung deutscher Kaufleute in der Türkei zu unterstützen, das sie aber keinesfalls gewillt war, die amtliche Politik für privatwirtschaftliche Unternehmen einzusetzen, geschweige denn die allgemeine Linie der deutschen Außenpolitik dadurch stören zu lassen. Der Verfasser hebt mit Recht hervor, daß hier ein großer Unterschied zu der Behandlung dieser Dinge in der nachbismarckschen Zeit vorliegt.

§ 23. Deutsche Geschichte 1890--1914.

Zur Geschichte der englischen Bündnisverhandlungen um die Jahrhundertwende veröffentlichte Hans Rothfels ( 1324) seinen auf dem Breslauer Historikertag gehaltenen Vortrag, der in bedeutsamer Weise versuchte, schon vor dem jetzt erfolgten Erscheinen der englischen Dokumente das Urteil über die englische Politik dieser Phase von der ausschließlichen Abhängigkeit von deutschem Material zu befreien. Indem er nach der Life and Letters-Literatur die englischen Voraussetzungen festzustellen suchte, kam er bereits zu weitgehender Kritik an der von der Berichterstattung Hatzfeldts und Eckardtsteins abhängigen Urteilsweise. Die Zurückhaltung Salisburys erhielt als das Negativ des Bismarckbildes starken historischen Hintergrund, die Gefahr der ersten Chamberlainschen Anerbietungen wurde klargestellt. Wenn er das Angebot von 1901 kritisch, aber unter Voraussetzung seiner Tatsächlichkeit als Einkreisung des Kontinentes zu verstehen suchte, so machte hierbei die 1926 unentrinnbare Abhängigkeit von der deutschen Aktenpublikation ihre Rechte geltend. Der Wert der Grundlinien dieses Aufsatzes ist jedoch gerade durch das Erscheinen der englischen Dokumente erst ganz klargestellt worden. -- Über den Zusammenhang von deutschem Flottenbau und englischer Politik handelte der Ref. ( 1330) in einem Aufsatze, der die Notwendigkeit der Flottenerweiterung von 1900 auch schon für die Stellung Deutschlands Frankreich und Rußland gegenüber und die Unabhängigkeit der Entscheidung Englands für die Entente von diesem Flottengesetze darzulegen suchte. Eine wirklich kritische Belastung der deutsch-englischen Beziehungen ist die Tirpitzflotte erst mit dem Beginn des Dreadnoughtbaues geworden. Schon in den Jahren 1908--1909 scheitern jedoch alle Verhandlungen über Einschränkung oder Verlangsamung ihres Baues an der Unmöglichkeit, von England den Traum der deutschen Diplomatie, die korrespondierende Lockerung der Entente, zu erlangen. -- In engem Zusammenhang mit der Entwicklung der deutsch-englischen Beziehungen steht die Geschichte unseres Verhältnisses zu Nordamerika, das Hashagen ( 1328) in knapper Skizze nach den deutschen Akten für das Jahrzehnt von 1897--1907 untersucht hat. Er sieht in der Konferenz von Algesiras den Wendepunkt dieser Beziehungen, den Zeitpunkt, von dem an Amerika dem deutschfeindlichen Einfluß der englischen Diplomatie und Propaganda erlegen sei. Seine Skizze ist neuerdings durch eine eingehende Studie Hasenclevers (Archiv  f. Politik und Geschichte 1928 S. 184--245) überholt, die durch umfassende Heranziehung amerikanischen Materials zu sehr viel schärferer Erfassung der Rooseveltschen Politik gelangen konnte.

c. Allgemeine und diplomatische Gesamtgeschichte des Krieges.

Die Entwicklung Amerikas seit 1918 hat den Kampf um die Beurteilung der


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Wilsonschen Politik zu immer größerer Schärfe anschwellen lassen und allmählich historiographische Folgeerscheinungen gezeitigt, die an Umfang und Intensität den historischen Verantwortlichkeitsdebatten der europäischen Länder kaum mehr nachstehen. Ein interessantes Quellenmaterial für die literarische, wissenschaftliche und politische Entwicklung des Präsidenten vereinigt der zweite Band seiner Public Papers ( 1422), der in bunter Fülle Aufsätze und Reden seit den Anfängen seiner Gelehrtentätigkeit vereinigt und bis zur ersten Präsidentenwahl im Jahre 1913 führt. Er beginnt mit einer sehr amerikanischen Bismarckstudie aus dem Jahre 1877 und zeigt an breitem Material, bei dem aber nur bisher nicht gesammelte Schriften aufgenommen sind, das allmähliche Anschwellen des politischen Interesses, dem sich das Erzieherische und Religiöse mehr und mehr unterordnet, ohne daß jedoch der Politiker den professoralen Charakter des Doktrinären jemals abzustreifen vermag. -- Die Biographie von W. A. White ( 1421), für die Kriegszeit unbedeutend, ist ebenfalls wertvoll durch breite, auf vielfach neuer Information beruhender Analyse von Werdegang und persönlichem Wesen dieser merkwürdig aus schottischem Puritanertum und sehr viel schwächerem Irenblut gemischten Persönlichkeit, die ein Büchermensch durch und durch vor der Präsidentenwahl ernsthafte Kämpfe nicht zu bestehen hatte und, den Realitäten im Grunde fremd, auch als Führer von Gesetzgebung und Volk isoliert, »an exalted schoolmaster« geblieben sei. Als psychologische Charakterstudie verdient diese fesselnde Biographie jedenfalls ernste Beachtung. -- Der Staatssekretär für Landwirtschaft in Wilsons Kabinett, D.  F. Houston ( 1423) hat in einem zweibändigen Werk eine Auswahl seiner Notizen über die Kabinettssitzungen gegeben, in der das Interesse für landwirtschaftliche Fragen überwiegt. Obwohl nicht ohne gelegentlich wertvolle Einzelnotizen, bestätigt das Buch durchaus die Uneingeweihtheit des Kabinettes in die Außenpolitik des Präsidenten, dessen warmer Anhänger der Verfasser war, ohne darum Näheres von seinen Absichten und Handlungen zu erfahren. Sehr interessant sind die eingehenden Aufzeichnungen über die Beratungen vom 22. Oktober 1918, die der dritten Wilsonnote vorhergingen. Unter den von Deutschland zu fordernden Verfassungsreformen ist eine Abdankung Wilhelms II. nicht erwähnt. Houston selbst äußert bereits das Bedenken, der Sieg könne zu stark für die Zügelung der Alliierten werden; die Frage stellt sich, ob das amerikanische Volk noch bereit sein werde, für allzu hoch gespannte Bedingungen weiter zu fechten. Eine Gesamtcharakteristik Wilsons von dem Verfasser betont seine ausschließliche Intellektualität, seine Eigenart als »single-track mind« und seine menschlich-persönliche Isoliertheit, die zu überraschend plötzlicher Abstoßung alter Mitarbeiter geführt habe. -- Bestätigung und breiteste dokumentarische Belegung hat schließlich alle diese Kritik in dem grundlegenden Quellenwerk zur Erkenntnis der Wilsonschen Kriegspolitik, den für Amerika sensationell erschütternden Papieren des Obersten House ( 1424) gefunden, die zuerst von Rich. Fester in einem gedrängten, überreichen Aufsatz ausgewertet sind ( 1424a). Dilettantismus, naiver Hegemoniedrang und unbedingte Abhängigkeit und Leitbarkeit durch die überlegene englische Diplomatie sind danach schon Kennzeichen der Amateurpolitik Houses bei seiner ersten Europareise im Frühjahr 1914. Die Mission der Jahreswende 1915--1916 ist bereits getragen von dem Wunsche des Obersten und des Präsidenten, durch ihre Vermittlung das militärisch noch überlegene

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Deutschland zu einem Frieden der Niederlage zu zwingen oder an der Seite der Entente in den Krieg einzutreten. Die Verabredung vom 22. Februar mit Grey enthält bereits das Programm der Vierzehn Punkte mit der Verstümmelung der deutschen West- und Ostgrenze in sich und beleuchtet vordeutend auch den Sinn der Wilsonschen Vermittlung vom Ende des Jahres 1916. Die Geschichte des amerikanischen Kriegseintrittes wird nach den Materialien dieses an Bedeutung die Page-Erinnerungen noch weit überragenden Buches in Zukunft ganz neu zu orientieren sein in dem Sinne, wie ihn Fester, aber auch schon der kritische Amerikaner Barnes formuliert hat, daß der U-Boot-Krieg jedenfalls nicht die Bedeutung gehabt hat, die Vereinigten Staaten zum Kriege zu zwingen, sondern dem seit lange feststehendem Wunsche des Präsidenten lediglich das Stichwort und den Propagandastoff geliefert hat.

§ 25. Ältere Rechts- und Verfassungsgeschichte (bis 911).

Neben dieses Buch von Ernst möchte ich um ihrer Bedeutung willen die entwicklungsgeschichtlichen Untersuchungen von E.  F. Bruck über »Totenteil und Seelgerät im griechischen Recht« ( 1507 a) rücken, da sie auch für die germanische Rechtsgeschichte von hervorragender Bedeutung sind, und zwar unmittelbar, weil der Verfasser im Verfolg seines Themas durchgängig auf Analogien und Gegensätze aus dem germanischen Rechtsleben geachtet hat. Neben dieser vorzüglichen Leistung, die Rechts- und Geistesgeschichte in ihrer Verschränkung verfolgt, ist noch zu nennen, was C. Borchling ( 1498) in Anlehnung an Grimm und v. Amira zu einer vergleichenden Rechtssymbolik bei Germanen und Römern vorträgt, indem er u. a. den fustis delibratus bei Festus mit dem gaelischen cranntàir und die salische chrênecruda mit der herba pura bei Livius zusammenstellt. Freilich hat Borchling im Rahmen eines bloßen Vortrages die dankbare Materie bei weitem nicht auszuschöpfen vermocht, die an sich geeignet gewesen wäre, uraltes idg. Erbgut germanischer Rechtsanschauungen in seiner ursprünglichen Bildkraft erahnen zu lassen, wie das z. B. v. Schwerin in seiner Studie über »Formen der Haussuchung in idg. Rechten« (Rechtsgesch. Stud., H. 1, 1924) mit vorbildlicher Umsicht und Behutsamkeit dargetan hat.

§ 26. Rechts- und Verfassungsgeschichte des Hochmittelalters.

Der Bericht über das Jahr 1926 bietet im Gegensatz zu dem für das vorausgehende Jahr dem Verfasser Gelegenheit, darauf hinzuweisen, daß all die großen Probleme, die die Rechtsgeschichte derzeit kennt und um deren Gestaltung sie sich bemüht, durch kleinere und größere Arbeiten gefördert worden sind. Auch das, was in den Übersichten der kommenden Jahre noch deutlicher in Erscheinung treten wird, kann schon an einzelnen Arbeiten der folgenden Besprechung hervorgehoben werden: Daß die rechtsgeschichtliche Forschung alle Belange erfaßt, die eine wissenschaftliche Arbeit überhaupt darbietet, und daher jetzt von jenem Zustand nicht die Rede sein kann, den Freiherr von Dungern einmal im Ton der Klage sich »auf sich selbst« zurückziehen genannt hat. Schon bei der ersten hier vorzuführenden Arbeit ist z. B. der Zusammenhang mit Fragen, die auch in unserer Gegenwart eine Rolle spielen, unverkennbar. Es sind immer wichtige Angelegenheiten der Rechtsgeschichte, in denen V. Ernst ( 1529) das Wort ergreift. Merkwürdig ist auch, daß es so häufig die besondere Vertrautheit mit der Geschichte des schwäbischen Rechtsgebietes ist, die zur Grundlage wird, von der Probleme von allgemeiner Bedeutung gesehen und erörtert werden. Diesmal hat Ernst der Entstehung des deutschen Grundeigentums eine Schrift gewidmet, deren Ergebnisse in den Sätzen gipfeln: »Das deutsche Grundeigentum ist aufgebaut auf der Zwing- und Bannherrschaft der Sippe. Nur von dieser Grundlage aus ist seine Verteilung und mannigfaltige Bedingtheit verständlich.« »Das deutsche Grundeigentum ... trägt ... alle Spuren einer sekundären und abgeleiteten Einrichtung an sich, bis ihm aus einem fremden Recht Inhalt und Kraft zufließt.« Nun haben sowohl der von der Lehre E. Mayers stark beeinflußte Hauptsatz als auch andere Ausführungen des Verfassers, namentlich das erste »Römerzeit« überschriebene Kapitel, in dem er bis auf Caesar und Tacitus zurückgeht und damit in ein Wespennest strittiger Fragen vorstößt, Widerspruch gefunden (vgl. Dopsch, Mitt. d. österr. Instituts  f. Geschichtsforschung, 41, 425 ff. u. Eckhardt, Zeitschr. d. Sav.-Stift.  f. Rg. germ. Abt., 46, 420 ff.). »Das Fehlen privaten Grundeigentums« wird man kaum als »Ertrag, den die römischen Quellen für die Entstehungsgeschichte des deutschen Grundeigentums liefern«, bezeichnen dürfen. Abgesehen von der Markgemeinde hat ein solches jedenfalls in sehr früher Zeit schon bestanden. Doch hat gerade Eckhardt in der schon erwähnten, höchst beachtenswerten Besprechung auch die guten Seiten der neuesten Leistung des schwäbischen Forschers anerkannt und dem Leser wirkungsvoll vorgeführt. »Die Zwing- und Banngewalt wurzelt nicht in der Grundherrschaft, sondern in der Gemeinde der freien Markgenossenschaft.« Damit hat die grundherrliche Theorie wieder eine ihrer Stützen verloren. Aus der Zwing- und Banngewalt wird auch die Entstehung der Grundabgaben abgeleitet, deren Nutznießer der niedere Adel ist, der hohe aber dort, wo er die Rechte des niederen aufgesogen hat. Der kirchliche Grundbesitz


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»ist ein sekundäres Gebilde, das seine Entstehung den grundbesitzenden Laien verdankt«. »Träger der Zwing- und Banngewalt« ist der Herrenhof im Dorfe, in dem der Salhof der früheren Zeit fortlebt. Unabhängig von den Eigentumsverhältnissen müssen nicht bloß die Zinsbauern, »sondern sämtliche Ortsbewohner die innerhalb Bannes sitzen« für die Bestellung des Sallandes Dienste leisten. Gegen diese Verbindung des Salgutes mit Zwing und Bann hat Eckhardt a. a. O. 425 Einsprache erhoben, dafür zwischen der Gerichtsbarkeit, deren Inhaber im Salhof saß, und Zwing und Bann Beziehungen angenommen und jedenfalls damit den Weg gewiesen, den die künftige Forschung wird betreten müssen, wenn sie die bereits von Wyß und Stutz erarbeiteten Ergebnisse mit dem, was Ernst gefunden hat, vereinigen will. Vielleicht wird dann auch die Standeszugehörigkeit des adeligen Salhof-Inhabers als Rechts- und Einflußquelle erkannt werden. Auch dem abschätzigen Urteil des Verfassers über den Begriff der Grundherrschaft (»Die deutsche Geschichte bedarf seiner nicht«) tritt Eckhardt nicht bei. Aber es ist bezeichnend, daß Ernst aus anderer Einstellung heraus zu dieser Auffassung gelangt ist wie seinerzeit G. v. Below und Seeliger, als sie den Sturm auf die grundherrliche Theorie eröffneten. Ernst mag im einzelnen und in wichtigen Fragen in die Irre gegangen sein, zweifellos hat er auf Probleme hingewiesen, die nicht so bald von der Tagesordnung der rechtsgeschichtlichen Forscherarbeit verschwinden werden. -- Die Ausgabe eines Heftes des historischen Atlas der Niederlande, enthaltend die Marken von Drente, Groningen, Overijsel und Gelderland und die wertvollen Erläuterungen hierzu, die namentlich über die Bezirks- und Gemeindeverfassung von Overijsel neues Licht verbreiten, nimmt E. Mayer ( 1530) zum Anlaß, um auf Grund einer besonders wichtigen Urkunde von 1133 darzutun, »daß die Zahl der vollberechtigten Höfe eines Schultheißenbezirks ungefähr hundert beträgt«, was er als eine Bestätigung der von ihm in früheren Arbeiten vorgetragenen Auffassung von der Bedeutung der Hundertschaft als eines zahlenmäßigen Verbandes ansieht. Diese wie die weiteren Ausführungen, in denen Zusammenhänge zwischen Kriminalgerichtsbarkeit und Hundertschaft, zwischen Amtsbezirk des Schultheißen und Kirchspiel dargelegt werden, dürfen, da es sich um Fragen handelt, auf welche die mit der Herstellung historischer Atlanten beauftragten Rechtshistoriker immer wieder stoßen, das Interesse der Forschung im besonderen Ausmaß beanspruchen.

§ 26. Rechts- und Verfassungsgeschichte des Hochmittelalters.

Den standesgeschichtlichen Forschungen ist im Berichtsjahr eine hervorragende Förderung zuteil geworden. E. E. Stengel ( 1532) hat die verschiedenen Lehren über den Ursprung der Ministerialität überprüft und gegenüber der territorialen Betrachtungsweise, die in den letzten Arbeiten dieser Art vorherrschend war, die Aufmerksamkeit der Forschung auf die Grundprobleme zurückgelenkt. Dabei werden jene Zeugnisse, die vor dem 11. Jahrhundert liegen, auf ihre Aussagen hin untersucht und nicht die des 11. und 12. Jahrhundert, die in den bisherigen Beiträgen im Vordergrund gestanden hatten. Man wird diesen methodischen Vorgang lebhaft begrüßen dürfen. Auf dem von Stengel beschrittenen Wege konnte die Lehre Hecks, nach der die Ministerialität »aus einer ungebrochenen kontinuierlichen ständischen Entwicklungslinie hervorgegangen ist« als verfehlt bezeichnet werden. Die Ministerialität »ist nicht die gerade Fortsetzung eines alten Volksstandes, sondern... ein Ergebnis des sozialen Umbildungsprozesses, der die Entwicklung der Grundherrschaft begleitet hat«.


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Den nämlichen Werdegang haben die Wachszinsigen im Anfang durchgemacht, bis der Gegensatz zwischen ritterlicher und bäuerlicher Lebensweise zwischen ihnen und den Ministerialen eine Kluft aufgetan hatte, die als Standesgegensatz empfunden werden mußte. Das Dienstverhältnis in den verschiedenen Formen »der Bereitschaft zum Dienst sowohl im Heer als bei Hofe und in der Herrschaft« hat »den Inbegriff des aufblühenden Dienstmannentums recht eigentlich« ausgemacht, mochten die Angehörigen dieser Klasse teilweise auch freier Herkunft sein. -- Diese Ausführungen Stengels hat Ganshof ( 1533), ein Schüler Pirennes, in seiner Geschichte der Ministerialität in Flandern und Lothringen leider nicht mehr benutzen können, aber auch sonst ist von der Kritik (vgl. Stutz, Dte. Lit.-Ztg., 47, 905 ff., Dopsch, Mitt. d. österr. Instituts  f. Geschichtsforschung, 42, 93 ff., Molitor, Zs. d. Sav.-Stift.  f. Rg. germ. Abt., 47, 809 ff.) die Nichtberücksichtigung der deutschen Literatur angemerkt worden. Im übrigen haben die genannten Forscher das Buch als einen wertvollen Beitrag zur Verfassungsgeschichte des westlichen Deutschlands namentlich im 11. und 12. Jahrhundert anerkannt. Die Verhältnisse liegen in Flandern und Lothringen verschieden, hier prägt sich in dem Aufkommen der Ministerialität mehr das deutsche, dort mehr das französische Vorbild aus. Der Unterschied besteht darin, daß die französische Ministerialität, deren Bestand Ganshof mit Pirenne bejaht, sich unter dem Einfluß des Feudalismus rascher entwickelt hat als in Deutschland. In Frankreich und ebenso in Flandern ist nach den ersten Jahren des 12. Jahrhunderts von Ministerialen nicht mehr die Rede, sie sind im Adel aufgegangen. In Deutschland dagegen hat sich die Entwicklung langsamer vollzogen, freier Adel und Ministerialität stehen dort im 12. Jahrhundert einander gegenüber. Ähnlich ist der Werdegang in Lothringen, ohne die nämliche Rolle zu spielen wie im Reich haben die Ministerialen von Brabant, Lüttich, Namur und des Hennegau im 12. und in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts eine beachtenswerte Stellung inne. Im 13. Jahrhundert macht sich französischer Einfluß geltend, aber die Ministerialität ist in Lothringen doch noch im 14. Jahrhundert nachweisbar und hält sich im Osten und Südosten des Landes bis ins 15. Jahrhundert hinein. Das Aufgehen des unfreien Adels im freien vollzieht sich unter französischer Einwirkung zuerst im Hennegau und in Namur in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, in der Mitte dieses Jahrhunderts in Brabant, später noch in den Gegenden an der Mosel. In den Städten (Brüssel, Lüttich, Cambrai und Utrecht) erfolgt eine Angleichung der mit dem Handel beschäftigten Ministerialen an das Bürgertum. Alle diese Ausführungen dürfen das besondere Interesse auch der deutschen Forschung in Anspruch nehmen, deren Vertreter auf die Verschiedenartigkeit der Entwicklung in Deutschland und in Frankreich auch bereits aufmerksam geworden sind. So hatte schon Forst-Bataglia in seiner Schrift »Vom Herrenstande« beobachtet, daß die Vermischung der Hochadeligen mit den Dienstmannengeschlechtern seit dem 12. Jahrhundert vom Westen her sich vollzieht und nach und nach erst den deutschen Osten erreicht. Ebendeshalb wäre aber eine Heranziehung der in Gefolgschaft des Buches von Schulte »Der Adel und die deutsche Kirche« entstandenen standesgeschichtlichen Arbeiten deutscher Gelehrter sehr erwünscht gewesen. -- Auf die sehr wichtigen Nachweisungen des Verfassers über die einzelnen Ministerialenfamilien in den genannten Gebieten und ebenso über die weltlichen und geistlichen Großen, in deren Bereich Ministerialität nachweisbar ist, sei eigens

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hingewiesen, hier ist ein Material zusammengetragen, das jedem, der sich mit der Verfassungsgeschichte dieser Gebiete beschäftigt, wichtige Aufschlüsse bieten wird. -- Die vom 8.--13. Jahrhundert im altbairischen Gebiet nachweisbaren Barschalken (= zinsgebende Knechte), deren rechtliche Stellung Anna Janda ( 1534) untersucht, entstammen wahrscheinlich der romanischen Bevölkerung, die nach dem Abzug der Römer am Ausgang des 5. und zu Beginn des 6. Jahrhunderts in den Gegenden zurückgeblieben ist, von denen im 6. Jahrhundert die Baiern Besitz ergriffen haben. Die rechtliche, soziale und wirtschaftliche Stellung der Barschalken ist zwar keine einheitliche, doch gibt es gemeinsame Züge dieser Standesklasse: »sie sind minderfreie Hintersassen, an die Scholle gebunden und dem Grundherrn mit Zins und Dienst verpflichtet, dabei aber persönlich frei.«

§ 26. Rechts- und Verfassungsgeschichte des Hochmittelalters.

Ansehnlich ist auch der Gewinn, der sich aus den literarischen Beiträgen zur Geschichte des Städtewesens für die Verfassungsgeschichte des hohen Mittelalters ergibt. Die Arbeiten von Köhne ( 1539),  F. Beyerle ( 1541) und Eckhardt ( 1538) seien hier bloß erwähnt, da sie in Koebners gleich folgendem Bericht eingehender gewürdigt werden. -- In der Streitfrage nach dem Ursprung der Stadtverfassung in Flandern, zu der Monier auf Seite Vanderkinderes den letzten größeren Beitrag geliefert hatte (Les institutions judiciaires des villes de Flandre Lille 1924) ergreift nun Ganshof ( 1542) als Anhänger der Auffassung Pirennes ( 1572; siehe unten S. 379) das Wort und verwirft die Meinung Moniers, derzufolge das ius mercatorum in der Ausbildung städtischer Gerechtsame keine Bedeutung gehabt habe. Das Zusammenleben der aus Unfreien, Flüchtigen und Hörigen benachbarter Herrschaften bestehenden städtischen Bevölkerung mit den Kaufleuten, die frei waren oder als frei galten, hat dazu geführt, daß eine Rechtsangleichung erfolgte, die auch aus den Bedürfnissen des Handels erklärbar wird. Gegen das Ende des 11. und den Beginn des 12. Jahrhunderts vollzieht sich die Scheidung zwischen der Gerichtsbarkeit des platten Landes und der Städte. Als Tribunal für letztere erscheinen Schöffen, die vom Grafen ernannt unter einem gräflichen Beamten stehen; ihnen treten nach Monier die »iurati« gegenüber, die aus der Bürgerschaft hervorgegangen die Verwaltungsangelegenheiten zu besorgen hatten, während nach Ganshof und Pirenne die Schöffen mit der Ausbildung der Stadtverfassung in Flandern als Richter und Verwalter, als gräfliche Amtsträger und als Vertreter der Gemeinde nachweisbar sind.

§ 26. Rechts- und Verfassungsgeschichte des Hochmittelalters.

Die Arbeiten an den großen Rechtsdenkmälern der germanisch-fränkischen Frühzeit ebenso wie des hohen Mittelalters nehmen einen erfreulichen Fortgang; freilich ist es mehrfach die Frucht jahrzehntelanger Tätigkeit, die vorgelegt wird und eine Vorstellung bietet von den mannigfaltigen Mühsalen, die bei solch großen Forschungszielen zu überwinden sind. Nach 25 jähriger Beschäftigung, deren Nebenfrüchte fast ebenso bedeutend sind wie das Hauptstück der geleisteten Arbeit, hat der Altmeister der germanischen Rechtsgeschichte, v. Amira ( 1535), zwei Bände Erläuterungen zur Dresdener Bilderhandschrift des Sachsenspiegels herausgegeben und damit das umfassende Werk zum Abschluß gebracht. Rechtshistoriker und Kunstgelehrte können nun, wie Stutz Zeitschr. d. Sav.-Stift.  f. Rg. germ. Abt., 47, 685 ff. im einzelnen ausgeführt hat, das in so reichlichem Maße Dargebotene für ihre Zwecke benutzen. Freilich war es auch dem Meister der Rechtsgeschichte nicht immer möglich,


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eine restlos sichere Bilderklärung zu bieten; der Zweck dieser Bilderhandschriften war auch nicht der, ein Rechtsbilderbuch im eigentlichen Sinne zu geben. Es kam den Künstlern vor allem darauf an, das von Eike Gesagte bildlich darzustellen, nicht die Rechtsymbole zu erläutern. Ab und zu sind sie allerdings in der Darstellung der Wirklichkeit weitergegangen als durch den Text Eikes geboten war. Dies alles im einzelnen gezeigt und der Benutzung damit die Wege gewiesen zu haben, ist das große Verdienst v. Amiras; auch hat er die Entstehungsverhältnisse der einzelnen Handschriften und Handschriftenklassen, ihre Beziehungen zueinander und zur verlorenen Urhandschrift mit Umsicht und Sorgfalt aufgehellt. -- Eine Anzeige der Ausgabe des Landrechtes von Eikes Werk durch Borchling ( 1536) sei hier vermerkt, weil deren Verfasser, K. A. Eckhardt, die Wünsche der Rechtshistoriker dieser Leistung eines Germanisten gegenüber deutlich zum Ausdruck bringt. So sehr die Mitarbeit der Philologen begrüßt wird, durch die im vorliegenden Falle ein Hilfsmittel »für das Studium des Nordniedersächsischen, für das des Mittelniederdeutschen überhaupt« geschaffen worden ist, bleibt doch nach den Ausführungen des Kritikers zu beklagen, daß nur die Lücken und gröbsten Entstellungen der Bremer Hs. aus Homeyers Text berichtigt worden sind. Doch bietet der Abdruck unbekannter Bruchstücke einer bisher verschollenen Sachsenspiegel-Hs. aus Braunschweig erhebliches Interesse in methodischer Hinsicht, weil sich zeigt, »daß die Abschreiber von Rechtsbücher-Hss. sich keineswegs immer auf eine Vorlage beschränkt haben.«

§ 26. Rechts- und Verfassungsgeschichte des Hochmittelalters.

Arbeiten über den Umfang der königlichen Rechte sind im besonderen Maße geeignet, die engen Beziehungen zwischen politischer und Verfassungsgeschichte hervortreten zu lassen. A. Schmitt ( 1522) gibt einen Überblick


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über die Güterpolitik der deutschen Könige des Mittelalters, und zwar im Anschluß an die Arbeiten von Waitz, Ficker, Dopsch, namentlich aber von Stimming. Das Ergebnis ist, daß »die mittelalterlichen Könige bis auf Rudolf von Habsburg bei der Prüfung ihres Verhaltens gegenüber dem staatlichen Grundbesitz im ganzen durchaus nicht schlecht« abschneiden. Die auf Bildung einer Hausmacht berechnete Erwerbspolitik der letzten Salier und der Staufer steht im Mittelpunkt der Darstellung, hier wäre noch weitere Literatur zu benutzen und zur Auffassung der Freih. v. Dungern von der Staatsreform der Hohenstaufen (Zitelmann-Festschrift) Stellung zu nehmen gewesen. Auch ist die Frage nicht besonders untersucht worden, inwieweit die Güterschenkungen der Könige mit der deutschen Innen- und Außenkolonisation zusammenhängen. Vielleicht ergäbe sich bei solcher Problemstellung auch eine weitere Erklärung für die oft beobachtete Tatsache, daß die Königsschenkungen seit der Mitte des 11. Jahrhunderts an Zahl und Ausmaß immer mehr zurückgehen. -- Derselbe Verfasser ( 1524) bringt als Vorbereitung zu der erwähnten Arbeit eine Einzeldarstellung über das Königsgut in Hessen-Nassau, der Provinz Oberhessen und dem Kreise Wetzlar in der Zeit der karolingischen und sächsischen Herrscher. Eine wertvolle chronologische Übersicht über den Grundbesitz der Karolinger wird an Hand der Urkunden in Tabellenform den Ausführungen vorausgeschickt. Es folgen Kapitel über die Organisation des königlichen Grundbesitzes, seine Verwaltung und über die Güterpolitik der Karolinger. In der nämlichen Ordnung wird auch der Grundbesitz der Ottonen dem Leser vor Augen geführt. Diesen Ausführungen entnehmen wir an wichtigeren Feststellungen, daß der Sprachgebrauch der Königsurkunden bei Bezeichnung der Königsgüter nicht beherrscht ist von der Terminologie des Capitulare de villis und aus der Schenkung von Teilgütern kein Schluß auf die Streulage des gesamten königlichen Grundbesitzes gezogen werden darf. -- Dem benachbarten Rheinland gilt mit ähnlichen Zielen ein Aufsatz von Wieruszowski ( 1523), in vier Abschnitten werden Reichsbesitz und Reichsrechte von der merowingischen Zeit bis zum Ausgang des staufischen Kaisertums vorgeführt. Für das merowingische Krongut ist ein Zusammenhang mit dem römischen Fiskalbesitz und den Stätten des christlichen Kultus erweislich, die Ausdrücke castrum, castellum, fiscus und palatium werden in gleicher Bedeutung wie früher beibehalten. Mit jenen Verminderungen, die die Schenkungen an Kirchen und Klöster bedeuteten, ist das Reichsgut im Rheinland den Karolingern zugefallen, was um so bedeutungsvoller war, als dieses Geschlecht in den Rheinlanden auch beträchtliches Hausgut sein eigen nannte und dieses nun zusammen mit dem Reichsgut als »fiscus« eine »einheitliche wirtschaftliche Nutzungsquelle des Königs« wurde. Eine »großzügige Kolonisationstätigkeit« ist die unmittelbare Folge, Handel und Verkehr werden gefördert, eine straffe Organisation der Krongüter ist die Voraussetzung für die Belieferung des Hofes in Aachen, das immer mehr zu einer Zentralstelle für das ganze Reich wurde. Die Verluste, die der Hader der späteren Karolinger und die Normanneneinfälle dem Krongut gebracht haben, konnten durch die folgenden Könige und Kaiser nicht mehr eingebracht werden. Zudem ging das Interesse der Ottonen immer mehr nach dem Osten. An die Stelle einer geregelten Krongutsverwaltung tritt die Verlehnung der Güter und damit eine zunehmende Verselbständigung der Fiskalbeamten. Nach den Verschleuderungen zur Zeit der Minderjährigkeit Heinrichs IV. bedeutet der »Indiculus

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curiarum, quae ad mensam regiam pertinent« wieder eine erste aufbauende Maßnahme, die den sonst bekannten ähnlichen Bestrebungen dieses Saliers zur Seite gestellt werden darf (s. aber Hofmeister HZ. 137, 140). Unter den letzten Saliern und den Staufern werden zum Schutz und zur Bewirtschaftung der Krongüter Reichsministerialen herangezogen. Anlage von Burgen, Entstehung von Märkten, Begünstigung der Städte und alten Münzstätten lassen die Rheinlande ebenso zu einer Stütze des staufischen Herrscherhauses werden wie das Krongut in Süddeutschland. Die politischen Wirren der spätstaufischen Zeit haben völligen »Zerfall der Zentralgewalt, hemmungslose Entfaltung der Territorialherrschaften und schließlich... Verschleuderung und Verpfändung der letzten Rechte und Besitzungen des Reiches« zur Folge. So ist »die Macht des deutschen Königtums gebrochen... von dem Augenblicke an, wo die letzten Reste des staufischen Reichsgutes am Rhein dem von einheitszerstörenden Elementen getragenen Gegenkönigtum zum Opfer fielen«. --Röder ( 1525) hat eine Preisarbeit über Rudolf von Habsburg als römischer König zu einer Dissertation als rechtlichen Beitrag zu Fragen der »Reichsverfassung und Reichsverwaltung aus den Jahren 1273--1291« umgearbeitet. Durch diesen Untertitel wird erst zum Ausdruck gebracht, daß es Einzelfragen, die Begründung der Rechtsstellung des Grafen von Habsburg als König, seine Verfügungen über Reichsgut, über dessen Revindikation und Verwaltung sind, die hier zu einem Ganzen vereinigt sind. Aus den Erörterungen des ersten Teiles sei hervorgehoben, daß die Verfasserin die Meinung Zeumers, bei Rudolfs Wahl könne »weder von einer Nichtberücksichtigung der böhmischen Stimme noch von einem Ausschluß Böhmens durch einen Gewaltakt die Rede sein« nicht teilt, sondern zu einer älteren, ungefähr auch von Redlich vertretenen Anschauung zurückkehrt, derzufolge die Stimme des Böhmenkönigs nicht anerkannt wurde und »die Zulassung der bayrischen Stimme unter gleichzeitigem Ausschluß der böhmischen geschah, so daß eine Erweiterung des Kurkollegs auf acht Stimmen nicht stattfand«. Mit Stutz und anderen wird die Einführung der dem kirchlichen Recht entsprechenden electio per unum in das Jahr 1273 verlegt und die Anschauung von Rodenberg, daß in der Wendung »te regem nominamus« eine Erweiterung der päpstlichen Approbationsansprüche »eine bewußte Zweideutigkeit« gelegen sei, zurückgewiesen. Bemühungen Rudolfs um die Kaiserkrone sind nicht mit  F. Kern aus rein dynastischer Hauspolitik zu erklären. Größere Beachtung verdienen die Ausführungen der Verfasserin, in denen sie gegen Ficker den Bestand eines eigentlichen Konsensrechtes bei Verfügungen des Königs über Reichsgut vor Rudolf bestreitet und dafür hinstellt, daß seit dem Habsburger Verfügungen des Königs ohne kurfürstliche Zustimmung rechtsungültig gewesen seien. Den Schluß der Arbeit bildet eine Darstellung der Revindikation des Reichsgutes und der Reichsgutsverwaltung durch die Reichslandvogteien, die sich im deutschen Norden zu eigentlichen Statthalterschaften ausgebildet haben.

§ 26. Rechts- und Verfassungsgeschichte des Hochmittelalters.

An den Schluß des Überblickes sei die Anzeige einer Quellenausgabe gesetzt, die bereits das Studium des spätmittelalterlichen Rechtes zu fördern berufen ist, anderseits aber doch, wie die folgenden Nachrichten hinlänglich dartun, einer territorialen Einordnung widerstrebt. Die Ausgabe der Summa legum des sogenannten Doctor Raymundus von Wiener-Neustadt durch Gál ( 1537) darf als ein Zeichen dafür gewertet werden, daß die wissenschaftlichen Körperschaften, im vorliegenden Fall die Savigny-Stiftung dank der Rührigkeit ihres jetzigen Vorsitzenden Ulrich Stutz, sich allmählich von den Kriegsfolgen zu erholen und neuerdings Aufgaben größeren Stils zu ergreifen und durchzuführen beginnen. Das Werk, auf das zuerst Tomaschek, dann zuletzt Bartsch und Seckel die Aufmerksamkeit der Rechtshistoriker gelenkt hatten, liegt nun in einer Ausgabe vor, deren Vortrefflichkeit noch Landsberg in einer ausführlichen Anzeige (Zeitschr. d. Sav.-Stift.  f. Rg. germ. Abt., 47, 821 ff.) anerkannt hat. Dem lateinischen Text, zu dessen Herstellung der Herausgeber die bekannten Hss. geprüft und vier bisher unbekannte hinzugefügt hat, ist in Spaltendruck eine dem bayrisch-österreichischen Rechtsgebiet angehörende deutsche Übersetzung beigegeben, die in das Ende des 15. oder den Beginn des 16. Jahrhunderts zu setzen ist. Die Aufklärung der Entstehungsverhältnisse des Rechtsdenkmales ist schwierig. Hatte man seit Seckels glänzender Arbeit geglaubt, Wiener-Neustadt als Ursprungsort und als Verfasser einen Doctor Raymundus ansehen zu dürfen, so lehnt Gál diese Meinung ab, verlegt die Entstehung nach Polen und will auch den Namen des Verfassers, den der erste Druck angibt (Raymundus Parthenopensis alias Neapolitanus), als solchen für die Summa nicht mehr gelten lassen. Daß dieser mit dem Zivilisten Raymundus Cumanus, der um 1400 in Bologna und Padua gewirkt hat, gleichgesetzt werden könnte, muß auch als Möglichkeit ausgeschlossen werden; denn die Bezeichnung Cumanus ist meines Erachtens auf Como und nicht auf Cumae bei Neapel (Gál, S. 112) zu deuten. Aber auch sonst sind gegen die Beweisführung Gáls Einwände zu erheben, die Landsberg in sorgfältiger Darlegung vorgebracht hat. Die Frage, ob in dem frühestens aus den Jahren 1300--1320 überlieferten Stadtrecht von Wiener-Neustadt die Summa bereits benutzt ist, hat Landsberg gegen


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Gál, der das Verhältnis der beiden Quellen umkehren möchte, bejaht. Hier liegt, wie ebenso in dem Nachweis, daß die Summa in Preßburg in amtlichen Gebrauch gewesen ist, ein Anzeichen nicht nur für die Verbreitung der Rechtsquelle im deutschen Südosten -- der freilich eine solche in den mit sächsischem Recht bewidmeten Städten Polens gegenübersteht -- sondern auch dafür vor, daß in der Summa ein aus Italien stammender, von »italischer Rechts- und Staatsgelehrtheit« erfüllter Traktat mit Zusätzen deutschrechtlicher Art und Herkunft in Österreich zu einem Ganzen verarbeitet worden ist. Gewiß ist auch die Annahme Landsbergs der »Summist müsse zum österreichischen Rechtsgebiet wie zum polnischen einige Beziehungen gehabt haben«, nur eine Verlegenheitsauskunft, die aber so viel beweist, daß die verwickelten Fragen der Quellen der Summa, der Bedeutung, die sie selbst als Rechtsdenkmal erlangt hat, und endlich auch der Verfasserschaft eines Doctor Raymundus weitere Klarstellungen erfordern.

§ 27. Städtewesen des Mittelalters.

Freilich: in die älteste Entwicklung von Markt und Stadt greifen auch Gebietsrechte ein, die in der Grundherrschaft wurzeln: sie kommen in den Bannrechten der Marktherren am Markt zum Ausdruck. Mit ihnen beschäftigen sich  F. Beyerles höchst lehrreiche Untersuchungen ( 1541), die namentlich den kleinen Märkten und Städten des Bodenseegebietes gelten. Sie weisen uns auf die Unterscheidung des »angelehnten« und des »eigenwüchsigen« Marktes. Ohne daß diese Absicht im Marktprivileg hervortritt, sind doch die Märkte jener Landschaft ursprünglich fast allein im Interesse der Grundherrschaft eingerichtet; sie dienen dem Absatz ihrer Erzeugnisse; sie bleiben darum von ihren Bannrechten abhängig und werden auch in der Gerichtsverfassung nicht völlig von der Hofgemeinde gelöst. Wenn der Marktherr dann »Marktfreiheit« gibt, so will er vor allem seine Bannrechte mildern und auch das von ihm nicht abhängige Gewerbe zulassen; aber die Beschränkung der Marktfreiheit auf Markttage oder umgekehrt der Vorbehalt eines zeitweiligen herrschaftlichen Verkaufsbannes bei ständigem Markt sorgen dafür, daß das Hofrecht am Markte auch neben der Freiung noch fortbesteht, zumal die Lebensmittelgewerbe unter solchen Verhältnissen in den Händen der Bannunterworfenen verbleiben. -- Von diesen Verhältnissen kleiner »angelehnter« Märkte aus sucht B. nun auch Zustände zu begreifen, die am Anfang der Entwicklung der Bischofsstädte stehen. Wie diese Städte fast allgemein in die bischöfliche Immunität hineingezogen worden sind, so sind sie auch durch eine »Verhofrechtung« des öffentlichen Marktes und seiner Bewohnerschaft hindurchgegangen. Die Freiheitsurkunden Heinrichs V. für Speyer und Worms, die Kämpfe um den Bannwein und andrerseits die Gewerbefronden des Straßburger Bischofsrechts gehören in diesen Zusammenhang. Gegenüber allen diesen Auswirkungen des Hofrechts und seines Bannes tritt abermals die Bedeutung der Gründung von Freiburg i. B. hervor, die am Oberrhein erstmalig den »eigenwüchsigen« Markt als das Werk einer »neuen Gründergesinnung« erstehen läßt.

§ 27. Städtewesen des Mittelalters.

Die Feststellung, daß Bürger»geschworene« im Zeitalter der bürgerlichen Freiheitsbewegung nicht immer Repräsentanten einer bürgerlichen »Schwurgenossenschaft« sind, lenkt uns auf die »coniuratores fori« von Freiburg i. B. Für sie hat  F. Rörig in Anknüpfung an Vermutungen  F. Beyerles den Ursprung jenseits der bürgerlichen Freiheitsbewegung, ja eigentlich jenseits des Gemeindeverfassungsrechts gesucht. Er versteht sie als eine Verbandsbildung der Siedlungsunternehmung, die nach ihren Endabsichten eine kaufmännische Unternehmung ist und entwirft so eine Aussicht auf eine innere Verbindung der Organisation bürgerlichen Fernhandels, bürgerlicher Siedelung und bürgerlicher Gemeindeverfassung im 12. Jahrhundert. Gegen diese Auffassung ist eine der letzten Veröffentlichungen G. v. Belows ( 1563) aufgetreten. Sein Hauptargument ist die Zahl 24, in der das älteste Freiburger Stadtrecht die coniuratores fori erscheinen läßt. Die spätere Fassung, der Stadtrodel, verwandelt die coniuratores in consules und läßt die Zahl unverändert. Es handelt sich also um eine Behörde der Gemeinde von fest begrenztem Umfang. Es ist nicht möglich, diese Größenbestimmung auf die zufällige Zahl der Lokatoren, die bei der Gründung beteiligt waren, zurückzuführen; man kann sich diese auch kaum so zahlreich denken. -- Auf die Gegenargumente, mit denen Rörig in seinen »Hansischen Beiträgen« neuerdings diese Einwände beantwortet hat, sei bereits jetzt hingewiesen.

§ 28. Territorialverfassung und Ständestaat.

Das Gebiet des territorialen Gerichtswesens ist in einigen eben bereits erwähnten Schriften mehr oder weniger eingehend behandelt worden. Betrachten wir die speziellen rechtsgeschichtlichen Monographieen des Berichtsjahres, so steht die vom Landgerichtspräsidenten a. D.  F. Graner verfaßte Geschichte des Tübinger Hofgerichtes ( 1621) den verwaltungsgeschichtlichen Arbeiten des letzten Abschnittes am nächsten. Das württembergische Hofgericht ist zweifellos nicht, wie G. annimmt, in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts neu errichtet worden, sondern hat als höchstes Gericht, das der Landesherr mit Räten als Beisitzern in der Kammer abhielt, schon lange vor dem 15., vielleicht sogar seit dem 13. Jahrhundert bestanden und durch die Ordnung von 1514 (wenn nicht schon früher) nur die festere Form einer modernen Behörde erhalten. G. behandelt (leider ohne Berücksichtigung der allgemeinen Literatur) vor allem die äußere Organisation, das Richterkollegium, Hofgerichtssekretäre und -advokaten,


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Anstellungs- und Einkommensverhältnisse, den Geschäftsgang, die Rechtsmittel gegen Urteile des Hofgerichts, dagegen nur ganz kurz (S. 72 bis 74), da die Protokolle und Relationen des 1805 aufgelösten Hofgerichts bis auf geringe Reste zugrunde gegangen sind, die Rechtsprechung selbst. Das Tübinger Richterkollegium setzte sich aus drei Abteilungen zusammen: »Der adligen Bank, der gelehrten Bank, der Landschaftsbank«; die Mitwirkung der Landschaft, welche drei oder vier vom Landesherrn zu bestätigende Beisitzer des Gerichtes vorschlug, war eine Eigentümlichkeit des württembergischen Herzogtums. -- Die der höchsten richterlichen Instanz unterstehenden mittleren Gerichte, die Landgerichte des Deutschordenslandes, eine Schöpfung des Ordens selbst, der sie durch Komture bzw. Vögte oder Pfleger verwalten ließ, bilden das Thema einer gründlichen Monographie Fritz Gauses ( 1591), welche die Geschichte der Landgerichte, ihr Verhältnis zu den Ständen erörtert und im dritten Teil, einer Übersicht über die einzelnen Landgerichte, alle erreichbaren Nachrichten über Gerichte, Landrichter und Schöffen zusammenstellt. Die Landgerichte verfielen allmählich seit dem zweiten Thorner Frieden (1466), »bis sie in den letzten Jahren vor der Säkularisation wohl fast alle zu bestehen aufhörten.« --Max Pappenheim ( 1583) veröffentlicht mit Hilfe bisher unbekannter Handschriften den Text der sogenannten Siebenhardenbeliebung vom 17. Juni 1426, in der uns, wie es scheint, die älteste größere Rechtsaufzeichnung Nordfrieslands erhalten ist. Dem Text ist eine Einleitung vorausgeschickt, welche über die Entstehung, Überlieferung und den Rechtsstoff der Siebenhardenbeliebung eingehend berichtet. Die in Föhr 1426 versammelten, in ihrer Autonomie durch Herzog Heinrich von Schleswig bedrohten Friesen erhoben Anspruch auf selbständige Regelung ihrer Rechtsangelegenheiten; sie stellten in der Beliebung ihr altes Recht fest und suchten es gegen Eingriffe und Neuerungen zu sichern; und zwar haben »Strafrecht, Vermögensrecht und Erbrecht in sehr ungleichem Maße den Stoff der Beliebung geliefert«. Die wesentlichen Rechtssätze der Beliebung überdauerten bis nahe an die Gegenwart den Wechsel der Zeiten und verloren erst mit dem Inkrafttreten des bürgerlichen Gesetzbuches ihre Geltung.

1. Preußen.

Der durch seine auf breiter archivalischer Grundlage ruhenden Arbeiten zur Geschichte des brandenburgisch-preußischen Heeres bekannte Kurt Jany ( 1607) bietet eine bedeutsame Ergänzung und Vertiefung der v. Schroetterschen Darstellung durch Untersuchung der Entstehung der preußischen Kantonverfassung, wie sie durch das Reglement Friedrich Wilhelm I. vom 1. Mai 1733 geschaffen wurde, das bis 1806 die Grundlage der preußischen Heeresverfassung bildete. Es wird geschildert, wie unter Friedrich Wilhelm I. Söldnerwerbung und Rekrutenaushebung nebeneinander bestehen, wie sich vor allem das Rekrutierungssystem durch Enrollierung aus der sich allmählich entwickelnden Auffassung von der Pflicht der Untertanen zum Heeresdienst als Gewohnheitsrecht entwickelt hat, und zwar erst nach Beendigung der Kriegsaera um 1700, als das Heer in voller Stärke auch in der Friedenszeit beibehalten wurde und feste Garnisonen erhielt. Die anfängliche Form der Inlandswerbung durch Menschenraub, die massenhafte Landflucht und damit wirtschaftliche Schädigungen hervorrief, führt zu immer wiederholten Verboten der Zwangswerbung, die dennoch bei dem bestehenden System der Rekrutierung nicht zu entbehren ist. Man geht zur Enrollierung der Jugendlichen über, die aber erst durch die genaue Abgrenzung von Enrollierungskantonen (Reglement vom 1. Mai 1733) zu einer Beruhigung der Bevölkerung und der Zivilbehörden führt und der Bevölkerung den Gedanken der Dienstpflicht des größeren Teiles der wehrfähigen Bürger im stehenden Heere allmählich einimpft, so daß aus den rohen Formen der ungeregelten, vielfach gewaltsamen Inlandswerbung auf Grund einer nun entstehenden Listenführung über die Bevölkerung und die Feuerstellen, welche erst eine Zuweisung der Bezirke an die einzelnen Regimenter ermöglichte, ein geregelter Ersatz aus dem Inlande sich entwickelte. Erst gegen Ende der Regierung Friedrich Wilhelms I. hört die Willkür der werbenden Offiziere gegenüber der Zivilbevölkerung


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auf, -- wobei freilich zu bemerken ist, daß nach wie vor nichts die »langen Leute« gegen gewaltsame Einziehung schützte. Zu erwähnen ist noch, daß durch den Militärdienst der Bauernsohn zwar nicht rechtlich von der Leibeigenschaft und dem Dienstzwang der Gutsobrigkeit gelöst wurde, der er auch als Beurlaubter unterworfen blieb, daß er aber in seinen wichtigsten Lebensverhältnissen, bei Heirat und Niederlassung, nun der durch die Militärvorgesetzten gehandhabten Staatsgewalt unmittelbar unterworfen wurde. Die militärische Dienstpflicht wurde so »der erste Schritt zum Staatsbürgertum«. So entstand zwar noch keine »allgemeine Wehrpflicht«, da die Kantonpflicht noch nicht auf dem Grundsatz gleicher staatsbürgerlicher Rechte und Pflichten beruhte (gab es doch noch die zahlreichen Exemtionen), doch ist mit ihr der Grundsatz der staatlichen Wehrpflicht durch das absolute Königtum festgestellt und nun auch auf die Untertanen des Adels ausgedehnt worden. Hier liegt die erste Verwirklichung des im Kantonreglement von 1792 ausgesprochenen Satzes, daß »der Verbindlichkeit, den Staat zu verteidigen, niemand, der dessen Schutz genießt, sich entziehen kann«. -- v. Selle ( 1608) versucht, gestützt auf die Gravamina der preußischen Landstände beim Regierungsantritt Friedrichs d. Gr., eine kritische Beleuchtung der Verwaltungstätigkeit und Regierungsweise Friedrich Wilhelm I. In vielen Punkten kommt er zu negativen Resultaten und einer anderen Bewertung, als sie etwa bei Schmoller vorliegt. Auch versucht v. S. eine kritische Abwägung des ständischen und des königlichen Standpunkts. Die Darlegung ist schwach unterbaut und die Urteile bedürfen in vieler Beziehung gründlicherer Erörterung, wenn die frühere Ansicht von Schmoller und Hintze wirksam angefochten werden soll. -- Dagegen bedeutet Kochs Arbeit ( 1606) eine wesentliche Ergänzung unserer Kenntnis der verhältnismäßig wenig bearbeiteten Epoche des ersten Königs. Die Arbeit stammt schon aus der Zeit vor dem Kriege, und es ist zu begrüßen, daß sie doch noch gedruckt worden ist. (Zu wünschen wäre freilich gewesen, daß die in den 12 Jahren seit Fertigstellung der Arbeit erschienene Literatur vor dem Druck berücksichtigt worden wäre.) Sie bringt mancherlei Ergänzungen und Erweiterungen, auch Korrekturen, des Bildes, das Hintze von »Staat und Gesellschaft unter dem ersten König« gegeben hat. Sie behandelt die Jahre vom Sturze Danckelmanns bis 1710, also die sogenannte Wartenbergsche Epoche. Sie gliedert sich in zwei Teile. Der erste behandelt nach einer Schilderung der Persönlichkeit des Königs den preußischen Hof in der Zeit der Macht Wartenbergs. K. stützt sich bei seiner eingehenden Schilderung dieses Hoflebens und der in großen Zügen längst bekannten Intrigenwirtschaft überwiegend auf die Berichte des hannöverschen Gesandten. Man wird sagen können, daß der berüchtigte »Diskurs von der Gräfin Wartenberg« durch die so gewonnenen Aufschlüsse bestätigt wird, wenn auch wohl etwas mehr Kritik gegenüber diesen hannöverschen Berichten am Platz gewesen wäre, für die man unter Erwägung des Verhältnisses der Königin zu der Gräfin Wartenberg nicht ohne weiteres volle Objektivität voraussetzen darf. Die Gestalten der Spieler und Gegenspieler in dem wüsten Intrigenspiel treten scharf umrissen heraus, und die überwiegende Bedeutung Wartenbergs sowie die Art seines Verhältnisses zum Könige wird geklärt. Vor allem sieht man, wie die Gräfin Wartenberg mit ihrem unsauberen Einfluß hinter diesem verworrenen Zustande steht. Der Bewertung des Königs, wie sie der Verfasser gibt, wird man nicht

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ganz zustimmen können. Mag man auch seinen guten Willen voraussetzen, er bleibt doch ein erbarmungswürdiger Schwächling. Wenn der Verfasser S. 64 selbst feststellt, daß sich die Situation am Hofe ganz und gar mit der auswärtigen Politik verflocht und Erfolg und Mißerfolg der Günstlinge von dieser Politik abhängig war, so hätte man gewünscht, daß die Fäden der auswärtigen Politik in das Gespinst der Hofkabalen verwoben worden wären. Dies geschieht aber nicht. Ebensowenig wird die schicksalsschwere Frage des Lubenschen Erbpachtsystems hineingearbeitet. Ob man die Darstellung dieses ersten Teiles mit dem Verfasser eigentlich »psychologisch« nennen darf, scheint mir fraglich. Besonders zu begrüßen ist das S. 116 ff. behandelte, bisher unbekannte Gutachten der Geheimen Hofkammer von 1710, dessen Abdruck man gewünscht hätte, da es überaus merkwürdige und weit in die Zukunft greifende Reformvorschläge für die gesamte Staatsverwaltung enthält. In der Beurteilung dieses Aktenstückes ist der Verfasser jedoch nicht glücklich gewesen. Man kann in ihm nicht zugleich den »nun mächtig einsetzenden neuen Geist des Merkantilismus« und »einen Hauch liberaler Handels -und Gewerbepolitik« finden wollen. Den zweiten Teil der Arbeit bildet eine Darstellung der »Institutionen«, d. h. eine zusammenfassende Schilderung der Zentralverwaltung. Hauptsächlich hier gelangt der Verfasser auf Grund eingehenden Aktenstudiums zu neuen Ergebnissen über Hintzes grundlegende Abhandlung hinaus. Das Verhältnis der vom Verfasser so genannten Staatskonferenz und des Kabinettsministeriums zum König einerseits, zum Geheimen Rat andererseits ist durch diese Untersuchung geklärt worden. Dieses Kabinettsministerium ist mehr ein Kollegium der jeweiligen Günstlinge, d. h. Wartenbergs und einiger von ihm zugezogener Räte, als eine eigentliche Zentralbehörde. Dennoch wird dadurch die spätere »Regierung aus dem Kabinett« wirksam vorbereitet. Besonders hinzuweisen ist auf die Erklärung des Geheimen Rats vom 28. Mai 1701 (S. 158 f.), die wohl den letzten Versuch des Geheimen Rats bedeutet, das Zentrum der Regierung wieder in die alte Zentralbehörde zurückzuverlegen und auf diese Weise die verlorene Einheitlichkeit der Regierung wiederzugewinnen, die dann im Absolutismus Friedrichs d. Gr. durch seine Person erreicht wurde. -- Noch einmal taucht ein Bericht über die unglückliche Angelegenheit der Kabinettsjustiz im Falle des Müllers Arnold auf. Es handelt sich um einen Bericht des Regierungsrats an der Neumärkischen Regierung Bandel, den dieser während der Festungshaft niedergeschrieben hat, und der von Graner ( 1612) herausgegeben und erörtert wird. Wesentlich neue Tatsachen enthält der Bericht nicht, aber er ist überraschend durch die männlich-kräftige und sachliche Haltung des schwergetroffenen und in seinem Rechtsgefühl tief verletzten Mannes. -- Ein anderer bedeutender Beamter Friedrichs d. Gr. wird von Wutke ( 1611) in seiner Beamtenlaufbahn bis zur Ernennung zum Etatsminister geschildert. Es handelt sich um  F. G. Michaelis, den fähigsten Helfer Schlabrendorffs, eines der begabtesten und tätigsten Beamten Friedrichs d. Gr., des Ministers für Schlesien, dessen energisch durchgreifende Art wir auch aus den beiden neuesten Bänden der Acta Borussica kennengelernt haben. -- Eine höchst merkwürdige und auf den ersten Blick überraschende Denkschrift Beymes führt uns Dehio ( 1613) aus dem Nachlaß von Beymes Schwiegersohn vor. Muß es nicht Hardenbergs Urteil über B. bestätigen, er traue sich, ohne die erforderliche Welt- und Menschenkenntnis und den richtigen Takt zu besitzen, alles

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zu wenn man den Kabinetsrat sich in langen Ausführungen über Heeresorganisation, Ersatz, Taktik, Verpflegung, Ausbildung des preußischen Heeres ergehen sieht? Dehio führt die von Beyme geäußerten Ansichten auf die Anschauungen des Königs zurück, zweifellos mit Recht. Sie stehen in entschiedenem Gegensatz zu denen Knesebecks und Scharnhorsts, besonders in der Frage der Rekrutierung und der Bereitstellung von Verstärkung und Ersatz: nicht Massenaufgebote neben der Truppe, nicht Aufstellung neuer Feldformationen, sondern ein Reservoir aus gedienten Soldaten zur raschen Ergänzung der Truppe wird vorgeschlagen. Erstaunlich ist einmal die Kritik der Überalterung in den Führerstellen und dann vor allem der Vorschlag der Abschaffung der Kabinetsregierung und der Einführung eines Ministerkonseils. Der Gedanke liegt doch nahe, daß der letztere Vorschlag auf eine Kenntnis von Steins April-Denkschrift zurückgeht. Dehio glaubt ihn aber auf die Erfahrungen aus der diplomatischen Niederlage des vergangenen Winters zurückführen zu sollen. Wenn es sich aber wirklich um eine Überzeugung des Kabinetsrats handelt, so wird man doch fragen müssen, ob man bei Stein und seinen Mitarbeitern eine solche Unkenntnis der Ansichten Beymes voraussetzen darf, daß sie ihn mit allen Mitteln bekämpften, obwohl er im Grunde ähnliche Reformziele verfolgte wie sie selbst. --Berg ( 1643) bringt einen weiteren Beleg für die Bemühungen der preußischen Herrscher um eine Reorganisation der korrumpierten städtischen Verwaltungen ihres Landes.

§ 31. Verfassungsgeschichte des 19. Jahrhunderts.

F. Hartung.)

II. Einzelarbeiten.

Den Verfassungsbestrebungen des Landesausschusses für Elsaß-Lothringen von 1875 bis 1911 hat  F. Bronner ( 1626) eine eingehende Studie gewidmet, die auch ohne Benutzung ungedruckter Quellen wichtige neue Ergebnisse gebracht hat. Auch diese Schrift soll hier nur vom deutschen, nicht vom landesgeschichtlichen Standpunkt aus gewürdigt werden, obwohl es schwer ist, das Besondere und Lokale vom Allgemeinen, das Verfassungsgeschichtliche vom Politischen, ja Außenpolitischen zu trennen. Die Zusammenhänge drängen sich von der ersten Seite an auf, schon vor der deutschen Besitzergreifung, noch während der Belagerung von Straßburg, wo sich ein Teil der altstraßburger Bürgerschaft von Frankreich verlassen fühlte und mit dem Gedanken einer neutralen


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Autonomie nach reichsstädtischem Muster zu spielen anfing, bis zu dem Abschluß der Verfassung von 1911. Andererseits zeigt gerade die genauere Untersuchung mancher Vorgänge, wie unberechtigt es ist, allenthalben nach hochpolitischen Motiven zu suchen und einfache und naheliegende Erklärungen wegen ihrer Alltäglichkeit außer acht zu lassen. Besonders deutlich wird das beim Vergleich der beiden in ihrem Ergebnis weit auseinandergehenden Reichstagswahlen, der von 1887, die wegen der Niederlage aller regierungsfreundlichen Kandidaten gern als vernichtendes Urteil über die deutsche Politik ausgegeben wird, und der von 1890, bei der die 1887 siegreiche Partei eine ebenso vernichtende Niederlage erlitten hat. Bronner zeigt, wie viele Stimmungen die Wahl von 1887 beeinflußt haben, wie wenig man sie als Verdikt über die deutsche Verwaltung, als Wiederholung des Protestes von 1871 auffassen darf; und besonders lehrreich für die Erkenntnis des politischen Lebens in Elsaß-Lothringen ist die Betrachtung der Wahl von 1890, die regierungsfreundlich ausfiel mit zum Teil überraschenden Mehrheiten, weil man von guten Wahlen die Wiederaufhebung des 1887 zur Strafe verhängten Paßzwangs erhoffte.

Handelsgeschichte.

Von zwei weiteren Arbeiten aus der norddeutschen Städtegeschichte, die in der Bibliographie nach geographischen Gesichtspunkten aufgereiht werden ( 1768, 1767), aber mehr als topographische Bedeutung besitzen, sei noch die Rede. Seine bekannten lübischen Studien verwendet Rörig, um die Frage nach Groß- und Kleinhandel, zunächst für Lübecks Blütezeit im 14. Jahrhundert, aufzurollen. Hatten bereits  F. Keutgen und H. Nirrnheim für die hansische Welt sich in Rörigs Richtung, die für die Existenz eines hansischen »Großhandels« eintritt, bewegt, so gilt Rörigs Polemik dem Satze G. v. Belows (†), »daß der Großhandel vom Kleinhandel mitbesorgt sei.« So sehr ich die beiderseitigen Argumente zu schätzen weiß, so glaube ich, und zwar nicht nur, weil einer der beiden Gegner inzwischen die rastlose Feder auf immer niedergelegt hat, daß man letzten Endes um eine nochmalige Revision der ganzen Streitfrage nicht


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herumkommen wird. Einstweilen habe ich an anderer Stelle geraten, die mißverständlichen Ausdrücke Groß- und Kleinhändler durch Ganz- und Teilverkäufer zu ersetzen (Wirtsch.gesch. 1928). -- Die Marburger Dissertation von Joh. Müller ( 1767) ist ein Versuch, die älteste Verkehrsgeschichte Bremens, über die wir durch die günstige Überlieferung (Adam von Bremen!) verhältnismäßig viel wissen, monographisch zu erfassen, nachdem Deutschlands zweite Seehandelsstadt durch die Versäumnisse früherer Zeiten wirtschaftsgeschichtlich etwas ins Hintertreffen geraten war. Durch ungünstige Druckverhältnisse war freilich bisher nur ein kurzer erster Teil erschienen (Volldruck 1928 zu erwarten). Zum mindesten für das etwas rückständige nordwestdeutsche Küstengebiet wird die Arbeit nach ihrer jetzigen Vollendung wirken; um ein eigentliches Urteil hier abzugeben, steht Referent ihr zu nahe.

Handelsgeschichte.

Daß die südwestdeutschen Großkapitalisten und nicht österreichische Geldgeber die Großmachtstellung der Habsburger finanzierten, ist nur eine der zahlreichen Fragen, die  F. Engel-Janosi ( 1732) anschneidet. Auch diese Arbeit sollte nicht in der Masse landes- und stadtgeschichtlicher Literatur wegen ihres allgemein interessierenden Gehalts untergehen; wir hätten ihr daher die Aufnahme in eine auch in weiteren Kreisen verbreitete Zeitschrift gewünscht. Der Titel läßt auch nicht recht ahnen, daß wir ein sehr dokumentiertes, nur gelegentlich gesicherten Boden verlassendes Gesamtbild der Wiener Handelsentwicklung und -krisen an der Schwelle der Neuzeit vor uns haben. Nicht richtig ist die weitgehende wirtschaftliche Interpretation von Salamancas Vorgehen, Landsknechte mit Barchent auf Abschlag zu entlohnen. Hier liegt eine einfache, auch sonst nachzuweisende Maßnahme vor, um bei Geldverlegenheit dem Sold heischenden Kriegsvolk gegenüber aus der Klemme zu kommen. Im übrigen aber ist es lehrreich, dem Verfasser bei seinen oft dramatischen, an das Glück und Ende österreichischer Finanzgrößen wie Eizing, Salamanca, Pötel, Telatiner anknüpfenden Darlegungen zu folgen. Für Wien sind es Zeiten des Rückgangs, die nach Münzverschlechterung und Unruhen sich einstellen und die Stadt auch dann zurückhielten, als ihre Landesherren den großen Aufstieg begannen.

V. Gewerbegeschichte.

Die Geschichte der Textilgewerbe und des Zunftwesens wird gut beleuchtet durch das Buch von  F. Feustel ( 1843 a). Der Verfasser ist nicht Historiker, sondern war selbst Textilarbeiter, der mit zwölf Jahren als Streichjunge in der Zeugdruckerei begonnen hat. Geschichtliche Methodik fehlt zwar, dafür findet man gesunden Wirklichkeitssinn und frische Schilderung, gelegentliche sozialistische Anklänge stören kaum. Die Zunftverfassung hat sich dort im Greizer Ländchen sehr lange und von Reformen wenig berührt erhalten, noch das Leineweber-Privileg von 1826 weist viele Satzungen auf, die nach der Reichsordnung von 1731 und nach preußischer Observanz verpönt waren, so die Erschwerungen des Meisterwerdens, überhohe Gebühren, Schmäuse und Zechen, Bevorzugung der Meistersöhne und der in das Gewerbe Heiratenden, auch die alten Formeln und die Gesellengebräuche haben sich ungestört erhalten. Die Zunfttradition war so stark, daß selbst die Zeugdrucker und Formstecher, die keine Innung bildeten und vorwiegend in Fabriken arbeiteten, (seit 1793) ganz in zünftlerischer Weise organisiert waren, auch ohne geschriebene Satzungen festen Brauch und Komment wie eine Zunft hielten und erst in allerneuester Zeit in proletarische Gedankengänge und das Gewerksverbandswesen hineingezogen wurden. Im übrigen hat die Einführung des mechanischen Webstuhls seit 1862 und der Gewerbefreiheit, 1869, den Zünften ihre Daseinsgrundlage entzogen; die Gesellenbrüderschaften waren erst in den 50er Jahren aufgelöst worden. Es hätte noch deutlicher herausgearbeitet werden können, wie die dortige Industrialisierung sich mit dieser auffallend langen Zunftblüte vertrug; es scheint, daß die Fabrikanten auch die Innung gewinnen mußten. Jedenfalls wichen die dortigen Verhältnisse von den in der preußischen Gewerbepolitik seit Ende des 17. Jahrhunderts geschaffenen erheblich ab.


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§ 35. Gesamtdeutsche Wirtschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts.

Von ganz anderer Art ist das zweite der hier zu besprechenden Werke.  F. Freiherr v. Schrötter, der vortreffliche Kenner der preußischen Münzgeschichte, bringt mit den vorliegenden 3 Bänden ( 1804) seine mühevollen Untersuchungen über die preußische Münzpolitik von 1806--1873 zum Abschluß. Vorausgegangen waren gründliche Arbeiten über das Geldwesen zur Zeit des großen Kurfürsten, Friedrichs III. und Preußens Münzwesen im 18. Jahrhundert. So besitzen wir jetzt aus Schrötters Feder eine vollständige preußische Münzgeschichte von 1640--1873. Eine Leistung, auf die Schrötter mit Recht stolz sein kann, und die ihm so leicht niemand nachmachen wird.

I. Gesamtdeutsche Entwicklung der Kirchengeschichte.

In umständlicher Einzeluntersuchung geht  F. alsdann den ältesten Spuren christlicher Kirchen in den Ortschaften der drei römischen Provinzen Niedergermanien, Obergermanien, Belgien nach. -- Die von  F. aufgestellten Normen sind z. T. nicht neu, z. T. schließen die einzelnen Normen einander nicht aus, z. T. sind es Selbstverständlichkeiten, und einzelne Behauptungen bleiben unbewiesen. Auch die Ergebnisse des Verfassers kommen im allgemeinen nicht über die bisherige Forschung hinaus. Für die Anfänge des Christentums am Rhein bleibt auch fürderhin vorläufig noch maßgebend die Schrift von W. Neuß, Die Anfänge des Christentums im Rheinlande 1923; hübsche Ergänzungen dazu bietet für Köln der Aufsatz von G. Frenken, Die Patrozinien der Kölner Kirchen und ihr Alter (Jahrb. des Köln. Geschichtsvereins 1925).

I. Gesamtdeutsche Entwicklung der Kirchengeschichte.

Johannes Kapistranus ist einer der hervorragendsten italienischen Wanderprediger aus der Schule des hl. Bernardin von Siena († 1456). Er durchwanderte in den fünf Jahren seiner Tätigkeit in Deutschland fast den ganzen Süden und die Mitte, dazu Schlesien, Polen und Ungarn. Hofer gibt Aufschluß über die Predigtweise des Kapistranus ( 1943), nachdem schon früher E. Jakob,  F. Dölle und G. Buchwald Predigtentwürfe von ihm veröffentlicht hatten. Johannes predigte lateinisch, ein Dolmetsch übersetzte das Gesagte ins Deutsche. Der Homilie zog er die thematische Predigt vor und setzte sich vor allem zur Aufgabe, die Verbreitung der Verehrung seines Lehrers Bernardin zu fördern und die Rückkehr der Hussiten herbeizuführen. Er liebte Predigtreihen über ein bestimmtes Thema. Bei der steigenden Bedeutung, welche im 15. Jahrhundert die Predigt nahm, als in fast allen Städten besondere Predigtpfründen gegründet wurden, sind Untersuchungen, wie die vorliegende, besonders zu begrüßen.

IV. Ordens- und Klostergeschichte der einzelnen Territorien.

P. W. Fink, der Bibliothekar des Klosters Metten, nimmt die früheren unvollendet gebliebenen Versuche, eine Geschichte der Abtei zu schreiben, wieder auf ( 1978). Er berechnet das Werk, welches 1930 zur Hundertjahrfeier des Wiedereinzuges der Benediktiner in Metten vollständig vorliegen soll, auf vier Bände. Wirtschaftsgeschichte, Rechtsgeschichte, Ordensgeschichte, Geistesgeschichte werden gleichmäßig an den Forschungen interessiert sein. Der erste Band liegt schon jetzt vor;  F. veröffentlicht auf Grund sorgfältig gesammelter Quellen ein Profeßbuch der Abtei. Es gibt nach Möglichkeit Aufschluß über Geburts-, Profeß- und Todesdatum der einzelnen Mönche, über ihren Geburtsort, Namen und Stand der Eltern; sucht zu ermitteln, welche Schulen der einzelne Mönch besucht, welche Ämter er im Orden bekleidet hat. Auf diese Weise kommt der Verfasser den Bedürfnissen des Familienforschers, des Heimatfreundes, des Kirchen-, Ordens- und Profanhistorikers in gleicher Weise entgegen. -- Derselbe Verfasser behandelt in einer besonderen Arbeit den Besitz der Abtei Metten im Lande ob und unter der Enns ( 1979). Dieser Aufsatz bietet eine nur wenig brauchbare äußerliche Zusammenstellung von Nachrichten über den Gütererwerb des Klosters in dem genannten Gebiet. Das entwicklungsgeschichtliche Moment, welches  F. nach den Worten der Einleitung zum Profeßbuch seiner Klostergeschichte zugrunde legen will, sucht man hier vergebens. Dabei finden sich in den gegebenen Daten eine Reihe von Anhaltspunkten, wo die Forschung sehr gut hätte einsetzen können. Schon die Gleichheit vieler Namen im altbayrischen Gebiet und dem neuen Besitz läßt darauf schließen, daß es sich um eine ausgedehnte Kolonisationstätigkeit handelt und fordert zum Vergleich mit ostelbischen Verhältnissen heraus.

IV. Ordens- und Klostergeschichte der einzelnen Territorien.

H. Kissel gibt »zur Erbauung des Lesers« eine gefällige, populär gehaltene Darstellung der Schicksale des Klosters Ilbenstadt in der Wetterau bis zur Säkularisation i. J. 1803 ( 1995). Auch die Arbeit über den hl. Gottfried von Cappenberg gehört zur Erbauungsliteratur ( 2010).  F. Jansen verzeichnet die Franziskanerklöster aller Richtungen im Rheinland bis zur Gegenwart, mit Gründungsjahr und Patronen ( 1996). Th. Paas setzt die Forschungen über das Seminarium Norbertinum in Köln fort ( 2000). Nachdem er die äußere Verfassung des Kollegiums in einem ersten Teil behandelt hatte, unterreichtet er nunmehr über das religiöse Leben im Innern und die Studienordnung.

IV. Ordens- und Klostergeschichte der einzelnen Territorien.

Einen äußeren Anlaß, sich mit den Aachener Nekrologienbüchern zu beschäftigen, bot für A. Huyskens die Wiederentdeckung des ältesten, bisher bekannten Aachener Totenbuches im Jahre 1916, das seit 1830 verschollen war ( 2002). Er datiert die Hs. in die Jahre um 1200 und vergleicht die Eintragungen mit dem von Teichmann herausgegebenen Nekrologium, um zu der Feststellung zu gelangen, daß hier die Listen aus dem ältesten Totenbuch frei übertragen wurden. -- Für das zweite Totenbuch nimmt Teichmann nunmehr das Jahr 1243 als Entstehungszeit an ( 2003). -- Die Geschichte der Beziehungen zwischen der Stadt Aachen und dem Marienstift ist eine Geschichte fortwährender Streitigkeiten. Das Asylrecht des Stifts, die geistliche Gerichtsbarkeit, die Aufbewahrung und Bewachung der Heiligtümer, der Krönungsinsignien, Wassergerechtsame, Steuerfragen, Wein- und Bierakzise, alles das ist schon früh Gegenstand heftigen Streites gewesen. Auf Grund von z. T. unbekanntem archivalischen Material baut Rober seine Studie auf ( 2004). Man möchte fast sagen, daß einzelne dieser wichtigen Fragen zu summarisch behandelt wurden, und wünschen, sie teilweise erneut monographisch erforscht zu sehen. -- Die Untersuchung von Huyskens über den Anteil des Aachener Münsterstifts an der Entwicklung der Grundherrschaft Erkelenz zur Stadt ist ein willkommener Beitrag zu einem noch immer umstrittenen Problem der Verfassungsgeschichte ( 2005). Es dürfte sich aber auch hier zeigen, wie  F. Beyerle das für oberdeutsche Städte,  F. Rörig in seinen Forschungen über Lübeck, ich selbst für Gandersheim nachweisen konnte, daß in die »gewachsene« Stadt des Mittelalters im Gegensatz zur Gründerstadt noch geraume Zeit banngrundherrliche Momente hineinragen, die erst allmählich vom Marktrecht aufgesogen werden. Auch in Erkelenz erhält das Aachener Stift als Grundherr bis ins 14. Jahrhundert Abgaben vom Markt- oder Gewandhaus, bezieht es den


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»Pannhafer«, den Marktzoll. Erst im Beginn des 15. Jahrhunderts fallen diese Banngerechtigkeiten fort zugunsten der freien Bürger von Erkelenz.

IV. Ordens- und Klostergeschichte der einzelnen Territorien.

Das Bremische Jahrbuch enthält zwei außerordentlich gediegene Arbeiten über mittelalterliche kirchliche Verhältnisse in Bremen. Die eine behandelt den Güterbesitz des Wilhadi-Stephanikapitels ( 2013).  F. Prüser untersucht hier die Güterverwaltung bis ins Einzelne. Sehr hübsche Aufschlüsse gewinnt man über das Obedientiargut eines Kapitels. Eine beigegebene Kartenskizze erhöht den Wert der Arbeit. -- Der zweite Aufsatz beschäftigt sich mit den mittelalterlichen Altarpfründen der Diözese Bremen westlich der Elbe. Die einschlägige Literatur und die Quellen beherrschend, zeichnet hier Emma Katz ( 2054) ein außerordentlich lebendiges Bild von der Lage, den Aufgaben, den religiösen Interessen und den Einkünften des niederen Klerus; von seiner Stellung zur Stadt, zu den Stiftern der Pfründen, den Patronen, von der Stiftungsfreudigkeit dieser, und schließlich von der Stellung der Meßpfründner zueinander, von ihrem korporativen Zusammenschluß. Lehrreich sind die Vergleiche mit andern Diözesen.

I. Gesamtdeutsche Entwicklung.

A. Pöschl ( 2028) gibt eine Darstellung der Entstehung des geistlichen Benefiziums, das er »die elementarste Größe im Aufbau der kirchlichen Verfassung durch lange Zeiträume« nennt. Als Ziel seiner auf mehr als 20 jähriger Forscherarbeit beruhenden Untersuchung stellt er die teilweise Rückkehr zu älteren Auffassungen hin, wie sie Thomassin in seiner vetus et nova ecclesiae disciplina circa beneficia et beneficiarios schon im 18. Jahrhundert vertreten hatte. Die neue Benefizientheorie, die Pöschl »unabhängig von allen noch so feststehend scheinenden Ansichten« aus den Quellen heraus darstellt und eingehend begründet, gipfelt in dem Satze, »daß das geistliche Benefizium im später typischen Sinne -- als ständiges und ständig verliehenes kirchliches Amt oder Amtsgut -- soferne es dabei als Allgemeinerscheinung in Frage kommt, keineswegs schon ein Produkt des karolingischen Zeitalters, sondern vielmehr erst ein solches des 12. Jahrhunderts ist« ... daß es »erst der kanonisierenden Interpretationskunst der scholastischen Juristen seine Entstehung verdankt«. Das Wort beneficium hat »mehrfach seine Bedeutung gewechselt, ... noch im 11., ja selbst bis weit ins 12. Jahrhundert hinein« wird es »als Fremdkörper im Organismus des kirchlichen Rechtes und der kirchlichen Verfassung empfunden«. »Eine feste Verbindung der Benefizialgüter mit den amtlichen Stellungen« ist erst »etwa seit dem Ausgang des 11. Jahrhunderts« gegeben. Die vier Abschnitte, in die der Verfasser seine große Abhandlung gliedert »Das Benefizialwesen im allgemeinen und seine Beziehungen zur Kirche« »Kirchliche Güter und Anstalten als Benefizien« »Geistliche Ämter


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als Benefizien bis zum 12. Jahrhundert« »Die Entwicklung des kirchlichen Benefizium nach dem 12. Jahrhundert« wird jeder Vertreter des kanonischen Rechtes mit Gewinn lesen, wenn ihn auch im einzelnen manches befremden und er in der Hauptsache zu einem ablehnenden, der Gültigkeit neuerer Anschauungen entsprechenden Standpunkt gelangen sollte. Auf § 17 des 4. Abschnittes, der den höheren Kirchenämtern gewidmet ist, sei eigens hingewiesen. Pöschl wendet sich dort gegen die Auffassung Fickers, als seien die Regalien »der ganze Besitz der Kirchen an irdischen Gütern und Machtmitteln gewesen« und stellt dafür zu Beweis, daß den Reichskirchen gegenüber jener Regalienbegriff zur Anwendung gelangt sei, der als Inbegriff aller »ihrem Wesen nach in den Bereich des Staates als unverlierbarer, unveräußerlicher Bestand gehörenden Größen« im 12. Jahrhundert besonders im Kampfe Friedrichs I. mit den lombardischen Städten ausgebildet worden ist. Die Regalien der Kirchen wären also »ein viel engerer Kreis von Gütern und Rechten innerhalb ihres Gesamtbesitzstandes gewesen«. Pöschl würde m. E. der von ihm vertretenen Lehre nützen, wenn er seine Ergebnisse in einer abgerundeten Gesamtdarstellung vorlegen würde, und nicht in einzelnen Abhandlungen, in denen auf die bereits erschienenen ebenso verwiesen wird wie auf die, die noch in Aussicht stehen. -- Den eben vorgezeichneten Weg hat Lesne ( 2036), mit einem ähnlichen Thema beschäftigt, beschritten. Von seiner Geschichte des Kirchengutes in Frankreich ist im Berichtsjahr die zweite Hälfte des zweiten Bandes erschienen, die eine eingehende Darstellung der Rechte des westfränkischen Königs über Kirchen und Kirchengüter enthält. Im Vordergrunde der in zwei Abteilungen gegliederten Untersuchung stehen die Entscheidung über die rechtliche Natur dieser Kirch-Herrschaft des Königs und die Beantwortung der Frage, welchen Gebrauch die Herrscher mit diesen Rechten Bistümern und Klöstern gegenüber gemacht haben. Rechte des Gründers, des Schutzherrn und Königs haben bischöfliche Kirchen und Abteien zu königlichem Eigentum und zu königlichen Benefizien gemacht. Die Arbeit, der man sorgfältige Benutzung der Quellen nachrühmen darf, bietet eine ziemlich vollständige Darstellung der Kirchenverfassung der westfränkischen Reichshälfte im 9. Jahrhundert und soll der deutschen Forschung schon deshalb zur näheren Berücksichtigung empfohlen werden, weil sich im ostfränkischen Reichsteil während des 9. und 10. Jahrhunderts eine ähnliche Entwicklung vollzog, die die Vertreter der deutschen Verfassungsgeschichte vorwiegend unter dem Gesichtspunkt der Entfaltung des Eigenkirchenrechtes auf die höheren Stufen der kirchlichen Organisation zu sehen und darzustellen gewohnt sind. Eben deshalb aber hätte die deutsche rechtsgeschichtliche Literatur in weiterem Ausmaß, als das tatsächlich der Fall ist, herangezogen werden sollen. Von den in Gefolgschaft der Lehre von Stutz entstandenen Arbeiten erscheint nur die von Voigt über die Klosterpolitik der karolingischen Herrscher stärker benutzt, Arbeiten von Stutz werden erwähnt, aber nicht alle, die eine Anführung verdient hätten. So wäre die wichtige Feststellung auf S. 65, daß nach Hincmar von Rheims die Bistümer und Abteien beneficia seien, die sie aus der Hand des Königs empfangen, unbedingt in Beziehung zu den Ausführungen von Stutz Realencyklopädie  f. protest. Theol. u. Kirche 23, 370 zu setzen gewesen, nach denen die Denkschrift, der diese Worte entstammen, eine unbedingte Anerkennung und Verteidigung des königlichen Eigenkirchenrechtes durch den führenden Kirchenpolitiker Westfranciens

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im 9. Jahrhundert bedeutet. Der kirchliche Standpunkt des Verfassers tritt wiederholt deutlich hervor.

I. Gesamtdeutsche Entwicklung.

Im Kirchenrecht des hohen Mittelalters nehmen Investitur und kanonische Wahl ebenso einen hervorragenden Platz ein wie in dem des späteren Mittelalters Ablaßlehre und Pfründenwesen. Das Buch von Paul Schmid ( 2038) über den Begriff der kanonischen Wahl in den Anfängen des Investiturstreites hat wie die meisten auf Anregung von J. Haller entstandenen Bücher die Aufmerksamkeit der Forschung in besonderem Maße auf sich gezogen. Freilich hat der leider früh verstorbene Verfasser nicht mit allen seinen Ergebnissen Beifall gefunden. Der Hauptsatz seiner Ergebnisse, daß der alte Begriff der kanonischen Wahl unmittelbar vor dem Investiturstreit in den kirchlichen Kreisen Deutschlands allgemein aufgegeben gewesen und durch einen neuen ersetzt worden wäre, hat den Widerspruch Scharnagls (Zs. d. Sav. Stift.  f. Rg. kan. Abt. 16, 443 ff.) gefunden, der aber die »wertvollen Anregungen und Aufklärungen«, die die Schrift sonst bietet, anerkennt. -- In der Revue de l'histoire de religion 94 (1926) gibt A. Dulac einen Überblick über die Bischofswahlen in der lateinischen Kirche während des Mittelalters. In zwei Kapiteln wird die Entwicklung von Gregor dem Großen und Caesar von Arles bis auf Gregor VII. und dann von diesem bis zu den Konkordaten des 15. und 16. Jahrhunderts geführt. Ein Eingehen auf Streitfragen und eine Bezugnahme auf die Lehre von der Eigenkirche kann von einem Aufsatz, der auf 27 Seiten ein derart umfassendes Thema behandelt, nicht erwartet werden, aber auch sonst gewinnt man den Eindruck, daß die Darstellung ungleichmäßig ist; am Schluß wird der Leser auf 4 Seiten vom 12. Jahrhundert bis zum Ausgang des Mittelalters geführt. -- Die Arbeit von Ruffini Avondo Conclave laico e conclave ecclesiastico (Torino, Bocca 1926), in der auf die Vorbilder des Papstkonklaves hingewiesen wird, die in den Wahlvorgängen einzelner Kommunen (Venedig 1223, Bologna 1250, Vicenza 1264, Pistoja 1283) gegeben sind, wird im Hinblick auf die der nämlichen Sache gewidmeten Arbeiten von Wenck (vgl. n. 1908) und die Miszelle von Stutz (Zs. d. Sav. Stift.  f. Rg. kan. Abt. 17, 555 ff.) die Berichterstattung der beiden folgenden Jahre zu beschäftigen haben. -- Der Ausspruch Bonifaz' VIII. »Romanus pontifex iura omnia in scrinio pectoris sui censetur habere« bedeutet nach Gillmann ( 2025) nicht, daß der Papst mit diesem Wort das Recht der allgemeinen Gesetzgebung sich zugeschrieben und sich eine schrankenlose Allmacht übertragen habe. Unter Hinweis auf die Dekretglossatoren Petrus Hispanus, Alanus, Laurentius Hispanus, Vincentius Hispanus, die alle dieses Wort kennen, wird auseinandergesetzt, daß damit der »Umfang der päpstlichen Rechtschaffungs- und Gesetzgebungsgewalt« also eine päpstliche Allgewalt auf dem Gebiete des kirchlichen Rechtes gar nicht bezeichnet sein sollte. Der angeführte Ausspruch sei nur darauf zu beziehen, daß bei dem Papst die Kenntnis des gemeinen kirchlichen Rechts -- zum Unterschied von den kirchlichen Sonderrechten -- vorausgesetzt werden dürfe. -- 1265 hatte Clemens IV. unter dem Eindrucke des Kampfes, der damals alle seine Kräfte in Anspruch nahm, die Verfügung getroffen, daß dem Heiligen Stuhl das Verfügungsrecht über alle Würden, Pfründen und kirchlichen Benefizien zustehe. Das war ein schwerer Schlag für alle, in deren Hand die ordentliche Verleihung sich bisher befunden hatte. Seit dem Ende des 14. und dem Beginn des 15. Jahrhunderts setzen, wie Sznuro ( 2027) darlegt, Bestrebungen


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nach Wiedererlangung der verlorenen Rechte ein, die von den Fürsten und den Universitäten gefördert worden sind. 1418 wurde auf dem Konzil von Konstanz bestimmt, daß dem Papst nur die Hälfte aller freien Stellen zustehe (alternis vicibus ... unum cedat apostolico, aliud collatori). Zeigt schon das Wiener Concordat von 1448 das Fortschreiten der Ansprüche der andern Seite dem Papsttum gegenüber, so ist in der Neufassung des kanonischen Rechtes von einem Alternativrecht, abgesehen von gewissen Ausnahmen, nicht mehr die Rede, das ordentliche Verleihungsrecht für Benefizien ist in die Hände des Diözesanbischofes gelegt. --Hashagen ( 2042) bespricht die landesherrliche Ablaßpolitik vor der Reformation und legt dabei die Zusammenhänge zwischen der Verweltlichung der Kirche und der Ausbreitung des Laieneinflusses auf diese dar. Fast könnte man die Einordnung des Ablasses in die fürstliche Finanzpolitik des späteren Mittelalters seine Säkularisierung nennen, wenn man liest, wie Ablaßgelder ziemlich allgemein teilweise oder ganz von Königen und Fürsten für nichtkirchliche Zwecke verwendet worden sind. »Landesherrliche Ablaßhoheit und -kontrolle, ergänzt durch ein Ablaßmonopol« wären für die weltlichen Herren nicht in diesem Ausmaß erreichbar gewesen, wenn nicht in dem »angeblich rein kirchlichen Institute« des Ablasses »so viel Weltliches gesteckt« hätte. Das kommt nicht allein in den Mißbräuchen einzelner Ablaßprediger und Ablaßkommissäre, sondern auch in der Tätigkeit gefestigter Persönlichkeiten, wie des französischen Kardinals Peraudi († 1565) zum Ausdruck. Zwar war schon 1274 von der Kurie eine grundsätzliche Trennung von Predigt und Geldeinsammlung durchgeführt worden. Doch bleibt die Scheidung schon im 13. Jahrhundert eine Ausnahme. --Gillmann ( 2032) legt dar, wie sich Vincentius Hispanus in seinem Kommentar zu den Dekretalen Gregors IX., und zwar in seinem Apparat zur Compilatio I über den Ablaß geäußert hat. -- Die Bemerkungen von E. Stolz ( 2029) über das erste Auftreten der Bezeichnung parochus, nach denen die Facetiae Augustin Thüngers von 1486 nicht den Anspruch, die erste Erwähnung zu enthalten, erheben könnten, haben eine rasche Antwort von Stutz zur Folge gehabt, in der er auf ein anderes Zeugnis aus der nämlichen Gegend von 1493 verweist und überdies den graphischen Tatbestand parrochi aus der Handschrift der Facetiae, woran Stolz gezweifelt hatte, als sicher gegeben hinstellt (Zs. d. Sav. Stift.  f. Rg. kan. Abt. 16, 332).

II. Die einzelnen Territorien.

Unter den Arbeiten von territorialer Begrenzung stehen die Untersuchungen, die der ländlichen und städtischen Pfarrorganisation und dem mittelalterlichen Pfründen- und Oblationenwesen gewidmet sind, im Vordergrund. Führen uns die einen in die Zeit der Christianisierung und Grundlegung der Kirchenverfassung, so werden die andern, besonders wenn sie, wie im Berichtjahr, wohl gelungen sind, zu wertvollen Beiträgen für die der Reformation unmittelbar vorausgehenden Jahrhunderte. Klebel ( 2043) hat seine aufschlußreichen Erläuterungen zur Geschichte der Pfarren und Kirchen Kärntens (s. Jahresberichte 1, 644) fortgesetzt; diesmal gelten sie der kirchlichen Organisation im Patriarchat Aquileia. Der Vergleich mit den Verhältnissen in der Salzburger Erzdiözese ergibt »manche Übereinstimmung ... in der Ausdehnung des Bekehrungsgebietes, dem gleichzeitigen Auftauchen des Eigenkirchenwesens und der Idee der Zehentregelung«. Im übrigen machen sich »die weit auseinandergehenden Schicksale« beider Erzbistümer in der kirchlichen Organisation ihrer Gebiete stark bemerkbar. Auf die Untersuchung der Urpfarren des Gebietes von Aquileia und die Ausführungen über die Diözesanreform der deutschen Patriarchen des 11. und 12. Jahrhunderts sei besonders hingewiesen. »Der Vollender der Kirchenordnung von Aquileia ist Patriarch Pilgrim (1128--1161).« Von dieser Zeit sind teilweise mit allem Vorbehalt Rückschlüsse in frühere Jahrhunderte möglich, können die Neugründungen von Pfarren in der Zeit von 1067 bis 1146 ermittelt werden. Beilage I gibt eine Übersicht über die Pfarren Kärntens im aquileischen Anteil, Beilage II eine solche über Schenkungen und Einverleibungen von Pfarren und Kapellen (Vikariaten) an Klöster und Stifte. In terminologischer Hinsicht erscheinen Kloster und Stift nicht immer auseinandergehalten, was zu ähnlichen Bedenken hinzukommt, die schon v. Wretschko (Zs. d. Sav. Stift.  f. Rg. kan. Abt. 16, 441) geäußert hat. -- Die topographisch-historische Beschreibung des Generalvikariates Vorarlberg, begonnen von Rapp und fortgesetzt von Ulmer ( 2044), ist nun in einem fünften Bande, der dem Dekanat Bregenzerwald gewidmet ist, beschlossen worden. Die Forschung muß Ulmer für den letzten 1316 Seiten starken Band außerordentlich dankbar sein. Wenn man auch öfters den Eindruck gewinnt, es sei an Ausführlichkeit des Guten zuviel getan, so muß doch auch dann der Fleiß anerkannt werden, mit dem der Verfasser das gedruckte und ungedruckte Material gesammelt und übersichtlich anzuordnen verstanden hat. In den ersten drei Abschnitten werden die ehemaligen Diözesanverhältnisse in Vorarlberg, die Entwicklung der kirchlichen Verwaltung des Landes seit Anfang des vorigen Jahrhunderts und die kirchlich-kulturellen Verhältnisse des Dekanats im allgemeinen geschildert; dazu kommt noch eine topographisch-historische Einleitung zur Beschreibung des Dekanats Bregenzerwald. Vom 4. bis zum 22. Kapitel werden dann die einzelnen Pfarren vorgeführt, wobei der Inhalt nach einer immer wieder eingehaltenen Ordnung gegliedert erscheint. Vorarlberg ist Grenzland, daher hat die kirchliche Zugehörigkeit bis


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in unsere Tage herein schon manchen Wechsel durchgemacht. Mag in spätrömischer Zeit Bregenz zur Diözese Augsburg gehört haben, so ward im Mittelalter der Anteil dieses Sprengels auf ein kleines Randgebiet im Osten beschränkt, während als eigentliche Diözesaninhaber im Norden Konstanz, im Süden Chur erscheinen. Seit der Umgestaltung und Neuordnung der territorialen Verhältnisse, die durch die Kriege am Beginn des 19. Jahrhunderts bedingt sind, tritt, von Österreich begünstigt, das Bistum Brixen als Teilhaber hervor, dem vorübergehend 1808--1814, 1816 aber endgültig der Churer Teil, 1816 der Augsburger und 1819 der Konstanzer Bistumsanteil zufällt, was 1822 zu einer Neueinteilung der Dekanatsbezirke Anlaß bietet. 1818 kam es zur Errichtung eines Generalvikariats für Vorarlberg, nachdem schon Kaiser Josef II. im Sinne seiner auch sonst wirksamen Kirchenpolitik 1783 die Errichtung eines eigenen Bistums für Vorarlberg vorgesehen hatte. Die Ergebnisse des Weltkrieges haben 1921 eine neuerliche kirchenrechtliche Ordnung zur Folge gehabt. Die topographischhistorische Beschreibung des Dekanates Bregenzerwald und seiner Pfarrkirchen erstreckt sich auf alle wissenschaftlichen Belange, doch darf hervorgehoben werden, daß den Fragen der kirchlichen und weltlichen Verfassungsgeschichte die nötige Aufmerksamkeit gewidmet worden ist. Freilich kann man verschiedener Meinung sein über das Ausmaß der Verarbeitung, in dem die Nachrichten dem Benutzer eines solchen Nachschlagewerkes geboten werden sollen. Anläßlich des Erscheinens eines neuen Bandes der Geschichte der Pfarreien von Köln und Gebiet, bearbeitet von Heusgen ( 2050), hat Gescher (Zs. d. Sav.- Stift.  f. Rg. kan. Abt. 17, 584 ff.) von solchen Arbeiten eine »systematische, zusammenfassende Ausbeute aus den Einzelheiten, die für jede Pfarre zusammengetragen werden«, verlangt. Aber auch er muß »den prächtigen Fortschritt« anerkennen, den das Erscheinen eines derartigen Werkes bedeutet. In erster Linie handelt es sich dabei doch darum, Material in bestimmter Ordnung zu bringen, und dem unendlichen Fleiß gegenüber, der dazu gehört, diese unzählichen Einzelangaben zusammenzubringen, muß bei jeder Besprechung das Wort des Dankes vor dem der Kritik überwiegen. Wie Ulmer schickt auch Heusgen der historisch-topographischen Beschreibung der Dekanate Meckenheim und Rheinbach und ihrer Pfarren in einem allgemeinen Teil eine Einleitung über die Geschichte der beiden Dekanate voraus, in der die Schilderung der Kirchenspaltung, der Kriegsleiden, von Pest und Hexenbräuchen einen breiten Raum einnehmen. Man kann zugeben, daß der rechtsgeschichtliche Gesichtspunkt bei der Zusammenstellung des für jede Pfarre vorliegenden Materials in der Arbeit Heusgens stärker als in der Ulmers zur Geltung gekommen ist.

II. Die einzelnen Territorien.

Die auf Anregung von Brackmann und unter Leitung von Edm. E. Stengel entstandene Arbeit über mittelalterliche Altarpfründen der Diözese Bremen im Gebiet westlich der Elbe von Katz ( 2054) stellt sich bescheiden als Beitrag »zur Erforschung der Bedingungen, unter denen die Priester der Nebenaltäre im späten Mittelalter lebten«, dar. Was aber die Verfasserin in 8 Kapiteln von ausgebreiteter Gelehrsamkeit mit umsichtiger Benutzung der gedruckten und ungedruckten Quellen bietet -- über die Anzahl der Vikare und deren Benennung, über die Besetzung der Vikarstellen, über Permutation und Resignation, Pfründenkumulation und Residenz, Inkorporation, Messedienst und andere Seelsorgetätigkeit, Verwaltung der Pfründen, über Einkünfte aus diesen und Oblationen und Abgaben -- läßt die Arbeit weit über bremisches Gebiet hinaus als dankenswerten Beitrag zur Kirchenverfassung des späteren Mittelalters und zur Vorreformation erscheinen. In den Schlußworten werden denn auch die Ergebnisse in diesem Zusammenhang übersichtlich dargestellt. Es wird gesagt, daß es nicht richtig sei, »die Zustände während des späteren Mittelalters nur grau in grau zu sehen«, daß die große Zahl der Altargründungen ohne Zweifel von religiöser Begeisterung zeuge, der Geist der Gemeinschaft, der »die Vikare der Dom- und Stiftskirchen zu gemeinsamem Leben und zu gemeinsamer Vertretung ihrer Interessen anderen gegenüber zusammenführte ... etwas Schönes« gewesen sei, und auch Geistlichkeit und Laien des Mittelalters in Bremen nicht


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»wie zwei feindliche Gewalten einander gegenübergestellt« werden dürfen, man vielmehr »am Pulsschlag der Geistlichkeit der Stadt Bremen in der damaligen Zeit den Pulsschlag ihrer Einwohner aus weltlichem Stande« erkennen könne. Pfründenkumulation war im Bremer Sprengel nicht so verbreitet wie etwa im Wormser, erst 60--70 Jahre vor Einführung der Reformation zeigt sich auch an den Vikaren in Bremen ein Verfall des kirchlichen Lebens und ein Nachlassen der Sittenstrenge. Bei dem Einfluß, den der Rat und die höhere Geistlichkeit auf die Besetzung der Pfründen ausübten, wird verständlich, daß in dem Augenblicke, in dem diese beiden Teile evangelisch wurden, »die Benefizien der Einführung der Reformation keine hinderlichen Schranken zogen«. --Reicke ( 2046) bietet eine rechtsgeschichtliche Untersuchung über Stadtgemeinde und Stadtpfarrkirchen der Reichsstadt Nürnberg im 14. Jahrhundert. Als Pfarrkirche tritt uns die Sebalduskirche zuerst 1255 entgegen, die ehemals in Filialabhängigkeit von der Landpfarrkirche des benachbarten Koppenreuth sich befunden zu haben scheint. 1235 wird die Lorenzkirche zuerst erwähnt, für die ursprünglich ein Abhängigkeitsverhältnis von Fürth erkennbar ist. Die rechtlichen Beziehungen der beiden Kirchen im 14. Jahrhundert werden dargelegt, ebenso ihre Baugeschichte, der Einfluß der Stadtgemeinde auf die Pfarrwahl, der erst sehr spät nachweisbar ist, und die große Bedeutung der Seelgerätstiftungen, die im Nürnberg des 14. Jahrhunderts in voller Entfaltung stehen. Das 14. Jahrhundert erscheint dort auf dem Gebiete der Kirchenverfassung »als die Zeit der Grundlegung der stadtgemeindlichen Herrschaft in diesem wichtigen Bereiche des mittelalterlichen Kirchenwesens«. In dem letzten Kapitel wird die ausgedehnte Tätigkeit des Kirchenpflegers geschildert. Diesem obliegt »die Verwaltung und Wahrung der für den Kirchenbau dienenden Fonds«. Auch war ihm die Durchführung der Bauleitung übertragen, wobei er den Weisungen des Rates untergeordnet war. Außer der regelmäßigen Verwaltung des Kirchenvermögens stand dem Kirchenpfleger auch die Treuhandschaft bei den kleineren und einfacheren Formen der Seelgeräte zu. Für die Frage des Verhältnisses von Stadtgemeinde und Kirche ist fast immer »die völlige Ausschaltung der kirchlichen Amtsträger, speziell des Pfarrers«, bemerkenswert. Die Einrichtung des Pflegeramtes bedeutete »eine Kommunalisierung der kirchlichen Vermögensverwaltung, die Stadt selbst hatte die entscheidende Rolle in der Verwaltung übernommen«. Diese Ergebnisse stimmen, wie der Verfasser selbst feststellt, mit denen Alfred Schultzes (»Stadtgemeinde und Kirche«, »Stadtgemeinde und Reformation«) überein. Diese und namentlich die vorausgehende Arbeit haben bereits eine ihrer Bedeutung entsprechende Anzeige durch Frölich (Zs. d. Sav.-Stift.  f. Rg. kan. Abt. 16, 410 ff.) gefunden, in der aber Reicke gegenüber betont wird, daß infolge der Beschränkung der Untersuchung auf das 14. Jahrhundert an dem von den kirchlichen Verhältnissen Nürnbergs vorgeführten Bild einige wesentliche Züge fehlen. --Baur ( 2047) setzt seine Geschichte des kirchlichen Pfründenwesens in der Reichsstadt Buchhorn (vgl. Jahresberichte 1, 391) fort und berichtet in drei Kapiteln wesentlich unter Zugrundelegung des Materials des 15. Jahrhunderts und der Jahrhunderte der Neuzeit über die Pfründenverwaltung, über Besetzung der Buchhorner Pfründen und über die Verpflichtungen der Kapläne.

II. Die einzelnen Territorien.

In das ostdeutsche Kolonialgebiet führen uns zwei Arbeiten von ganz besonderer Bedeutung. Von der groß angelegten Abhandlung H.  F. Schmids


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( 2058) über die rechtlichen Grundlagen der Pfarrorganisation auf westslawischem Boden und ihre Entwicklung während des Mittelalters fällt der erste Teil in das Berichtsjahr 1926. Der Verfasser will zunächst ein »möglichst treues und vollständiges Bild ... der vorkolonialen Pfarrkirche des Sorbenlandes«, der Burgwardeikirche bieten, um im zweiten Abschnitt »die Grundlagen der Pfarrorganisation derjenigen Gebiete mit verwandter, westslawischer Bevölkerung zum Vergleich heranzuziehen, in denen die selbständige Entwicklung heimischer Rechtsformen und Institute nicht, wie im Sorbenland, durch das unaufhaltsame Eindringen fremder Kulturelemente verwischt worden ist«. Im Gegensatz zu Hauck, der dem sorbischen Volk eine Stellung außerhalb der Kirche zuweisen wollte, betont Schmid im ersten Kapitel, daß die Organisation der Pfarreien in den sorbenländischen Sprengeln Meißen, Merseburg und Naumburg »deutlich das Gepräge der Zeit vor dem Beginn der bäuerlichen Kolonisation« aufweise. Die Ergebnisse des zweiten Abschnittes werden in dem noch ausstehenden Schlußteil der ganzen Abhandlung voll und ganz zur Geltung kommen; hier genüge die vorläufige Nachricht, daß diese mit überragender Kenntnis der Quellen und Literatur durchgeführte Untersuchung der Pfarrorganisation Böhmens und Mährens ihren völlig grundherrlichen Charakter aufgezeigt hat. Für die Entwicklung des Pfarrsystems aber ist in älterer Zeit der Wille des Landesherrn, in späterer der des Grundherrn maßgebend gewesen. -- E. Michaels ( 2057) Buch »Das schlesische Patronat. Beiträge zur Geschichte der schlesischen Kirche und ihres Patronats« ist vergriffen. Der verdienstvolle Verfasser hat sich entschlossen, sein Werk in erweiterter Form unter dem Titel »Die Schlesische Kirche und ihr Patronat« vorzulegen. Der erste Band umfaßt die mittelalterliche Zeit, zu der die schlesische Kirche unter polnischem Recht stand. Damit ist schon das Hauptergebnis angedeutet, zu dem Michael gelangt ist: daß Schlesien vor der deutschen Einwanderung keineswegs so arm an Kirchen war, wie es die bisher von W. Schulte geführte Forschung angenommen hatte. Auf einer beigegebenen Karte wird veranschaulicht, daß schon vor der Errichtung des schlesischen Herzogtumes (1163) eine Anzahl von gut ausgestatteten Kirchen bestanden hat. Hier berührt sich Michael eng mit den oben vorgeführten Ergebnissen des Grazer Slavisten H.  F. Schmid, der auch bereits zu diesen Fragen Stellung genommen hat (Zt. d. Sav.-Stift.  f. Rg. kan. Abt. 16, 448 ff.) und den Ausdruck »unter polnischem Recht« im Hinblick auf die Oberlausitz und die Grafschaft Glatz durch das weitere »unter slawischem Recht« ersetzen möchte. Auch findet Schmid die Annahme bedenklich, daß allein schon die Nachbarschaft mit deutschem Recht ausgestatteter Siedlungen die Neugründung einer polnisch-rechtlichen Kirche unwahrscheinlich mache. Doch hebt auch er die hervorragende Bedeutung des dritten und vierten Kapitels hervor, in denen außer den schon angedeuteten Ergebnissen alle aus gedruckten und ungedruckten Quellen erreichbaren Nachrichten über Gründung von Klöstern und Kirchen in Schlesien gesammelt und kritisch gesichtet worden sind.

II. Die einzelnen Territorien.

In die früh- und hochmittelalterliche Kirchenverfassung versetzen uns einige Arbeiten, die teilweise oder ganz im Banne der vom Stutz und A. Schulte vertretenen Lehrmeinungen stehen. -- Eine theologisch-kirchenrechtliche Dissertation von Wenner ( 2049) ist den Rechtsbeziehungen der Mainzer Metropoliten zu ihren sächsischen Suffraganbistümern bis zum Tode Aribos (1031) gewidmet. Tatsächlich enthält die Arbeit aber weit mehr; schon die Vergleichsmöglichkeiten


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brachten es mit sich, daß den westfränkischen Verhältnissen des 9. Jahrhunderts, aus denen die Bedeutung der Metropolitangewalt in allen ihren Umrissen, aber auch in dem Schicksal, das ihr zuteil ward, erkennbar wird, gebührende Aufmerksamkeit gefunden hat. Überhaupt darf der Berichterstatter, der ein gut Teil seines Forscherdaseins im Dienste der Monumenta Germaniae verbracht hat, mit Befriedigung feststellen, daß in dieser an Quellen- und Literaturhinweisen überreichen Arbeit die Ausgaben der Monumenta, die der Skriptores ebenso wie die der Kapitularien und Concilia ausgiebig herangezogen sind. »Die wirkliche Mittelinstanz und das Bindeglied zwischen dem Episkopat und dem Papsttum«, die Bonifacius aus der Metropolitangewalt machen wollte, ist diese im deutschen Mittelalter niemals geworden. Aber unter Liutbert, Friedrich, Willigis und Aribo »erlangte das ius metropoliticum vorübergehende erhöhte Geltung«, wenn auch nicht die, die Hinkmar von Rheims in Westfranzien ihr allerdings auch nur für seine Person zu verschaffen wußte. Im Gandersheimer Streit und in der Ehesache des Grafen von Hammerstein, die beide ausführlich geschildert werden, zeigt sich Aribo als nicht unähnlich Hincmar von Rheims, die zahlreichen Provinzialsynoden, die er abhielt, entsprechen seiner Stellung als Metropolit, haben sich aber als Einrichtung von Dauer nicht behaupten können. Überhaupt sind pseudoisidorische Grundsätze, durch die Streitigkeiten mit den Suffraganen vermieden werden konnten, auch von den Mainzer Erzbischöfen beobachtet worden, die Verquickung geistlicher und weltlicher Gewalt brachte es mit sich, daß die Metropoliten nur selten »ihre kirchlichen Rechte wahrnehmen und ihren Amtspflichten nachkommen« konnten, zuweilen haben sie aber, wenn sie es taten, bewiesen, »daß das kirchliche Leben etwas Selbständiges war und die kirchliche Organisation etwas von der staatlichen Verschiedenes war«. Daß »die Herstellung einer bis zu einem gewissen Grade gleichmäßigen Ordnung des kirchlichen Lebens durch Beschränkung der Selbständigkeit der Bischöfe« ein Vorteil der Metropolitanverfassung gewesen sei, wird von Nottarp (Zs. d. Sav.-Stift.  f. Rg. kan. Abt. 17, 592) wohl mit Recht bestritten. -- In einer Frankfurter Dissertation untersucht O. Hermann ( 2053) Stand und Herkunft der Erzbischöfe und Bischöfe der Kirchenprovinz Hamburg- Bremen im Mittelalter, und zwar von Hamburg-Bremen, Oldenburg-Lübeck, Ratzeburg, Mecklenburg-Schwerin. Von 151 Erzbischöfen und Bischöfen gehören 54 dem hohen, 45 dem niederen Adel und 33 dem Bürgertum an. In Bremen selbst stehen 34 Erzbischöfen edelfreier Herkunft 7 aus dem unfreien Adel und ebenso viele aus der Bürgerlichkeit gegenüber. Ein anderes Bild hinsichtlich der Herkunft seiner kirchlichen Vorsteher bietet das Bistum Lübeck, dort ist in der Hälfte aller feststellbaren Fälle der kirchliche Vorsteher aus dem Kreise der Bürgerlichen hervorgegangen. Demgegenüber stammen die Bischöfe von Ratzeburg zu drei Vierteln aus dem niederen Adel. In Schwerin sind Vertreter des hohen und des niederen Adels in je einem Drittel aller Fälle nachweisbar. Die Verhältnisse des nordostdeutschen Kolonialgebietes, denen der Verfasser gebührende Aufmerksamkeit geschenkt hat, dürfen zur Erklärung der Verschiedenheiten herangezogen werden, die die Bistümer Ratzeburg und Schwerin gegenüber Hamburg-Bremen aufweisen. -- P. S. Mitter ( 2045) bespricht auf Grund der in den Traditionen des Hochstiftes Freising (hgg. von Bitterauf) enthaltenen Nachrichten die älteste Geschichte des Klosters Scharnitz, das später wohl aus wirtschaftlichen Gründen 772 nach Schlehdorf verlegt

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worden ist. Der Aufsatz wird als Beitrag zur Geschichte der frühbayrischen bischöflichen Eigenklöster bezeichnet, da die Bestrebungen des Bistums Freising auf Anbahnung eigenkirchenrechtlicher Beziehungen 783 sichtbar in Erscheinung treten; in diesem Jahre hat Abt Atto nach seiner Erhebung auf den bischöftlichen Stuhl des hl. Corbinian keinen neuen Vorsteher wählen lassen, sondern in der Person des Freisinger Archipresbyters Ellanad einen »abbas vocatus« (vgl. darüber Jahresberichte 1, 386) dorthin entsandt. Dagegen tritt in älterer Zeit das Eigenkirchenrecht der Stifterfamilie, der Housi, in Erscheinung, indem Mitglieder dieser Sippe ins Kloster eintreten. Die von dem Verfasser als »kulturgeschichtlich merkwürdig« bezeichnete jährliche Lieferung von ein Paar Stiefeln durch die Stifterfamilie an das Bistum ist in ähnlicher Form für Bayern noch einmal aus dem 12. Jahrhundert (vgl. Mitteil. d. Inst. 29, 331) bezeugt.

1. Gesamtdeutsche Entwicklung.

Die inhaltlich weitgreifendsten Erörterungen über das Deutschland des Zeitalters der katholischen Restauration brachte unser Berichtsjahr im Rahmen des vornehmlich dem eindrucksvollen Pontifikat eines Sixtus V. (1585--1590) gewidmeten zehnten Bandes von Pastors Papstgeschichte ( 1022). Gewiß hat eine Schilderung der Persönlichkeit und Regierungspraxis wie dieses ungewöhnlichen Papstes selbst, so seiner in schnellster Folge sich ablösenden Nachfolger Urban VII., Gregor XIV. und Innocenz IX. (1590--1591) von vielen Entwicklungen und Vorgängen zu sprechen, die einem nur auf deutsche Lande und Menschen eingestellten Interesse ganz entfallen -- wenn je ein Pontifikat, dann hat ja dasjenige Felice Perettis in Rom selbst und im Temporale seine Spuren hinterlassen, ist in internationale Verwicklungen vor allem mit Spanien und Frankreich verstrickt gewesen, hat mit vollem Bewußtsein kirchliche Weltpolitik getrieben. Einerseits fielen mehr oder weniger der allgemeinen Geschichte angehörige Tragödien wie die Ermordung Heinrichs III. von Frankreich, der Prozeß der Maria Stuart, der Untergang der Armada in diese kurzen Jahre, anderseits liefen Missions- und Kreuzzugspläne von großem Ausmaß in ihnen um. Von den allgemein kirchlichen Vorgängen im engeren Sinne sei hier eben noch auf die Bearbeitung der sixtinischen Septuaginta und der ihrer Mängel wegen wenigstens nicht rechtskräftig veröffentlichten Vulgata unter Sixtus hingewiesen. Namentlich die den Jesuiten gewidmeten Abschnitte unseres Bandes haben inzwischen eine nicht unbegründete Kritik herausgefordert (vgl. P. M. Baumgarten in Zeitschr.  f. Kirchengesch. 46 [1927] 232 ff.). Sie auf die von Pastor gebotene Schilderung der religiös-kirchlichen Lage im damaligen Deutschland zu übertragen, liegt deshalb kein Anlaß vor, weil diese sich im wesentlichen auf die bereits seit langem von Ehses, Hansen, Meister, Reichenberger und Schweizer veröffentlichten und eine Überprüfung leicht ermöglichenden Nuntiaturberichte aus jenen Jahren, daneben auf die von Schmidlin für das Menschenalter vor dem Dreißigjährigen Kriege vor zwei Jahrzehnten herausgegebenen Statusberichte der Bischöfe an die römische Konzilskongregation stützen kann. Außerdem läßt sie es an Ergänzungen aus der Spezialliteratur und auch an Verwertung eigener Funde im einzelnen nicht fehlen. Man wird Pastor beipflichten müssen, wenn er (S. 362, Anm. 6), die seinerzeit im Einvernehmen mit ihm unternommene Herausgabe der Diözesanberichte, so wie sie geschehen ist, heute nochmals gegen eine vornehmlich ihre Schattenseiten beleuchtende Kritik verteidigend, feststellt, »der richtige Maßstab zu wahrheitsgetreuer Beurteilung« ergebe sich »aus der vergleichenden kritischen Betrachtung anderer Quellen«. Mit letzteren sind auch die Einzelarchive der Bistümer gemeint. Die religiös-kirchlichen Verhältnisse in Deutschland im Zeitalter Sixtus' V. waren, wie unser Werk sie zusammenfassend darstellt, stark reformbedürftig: Man hatte die tridentinischen Beschlüsse, einige wenige Oberhirten


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wie Julius Echter von Würzburg ausgenommen, noch kaum durchgeführt, die Sittenlosigkeit im Klerus bestand fort, der Hof Kaiser Rudolfs II. stellte keinen sehr eifrigen Vorort katholischer Interessen dar, zeigte sich vielmehr sowohl Lutheranern als Calvinisten gegenüber von großer Schwäche. Die Neubesetzung von Diözesen konnte unter Sixtus wenigstens überwiegend im Sinne der katholischen Restauration erfolgen. Besonders hingewiesen haben möchte ich hier noch auf die prägnante Charakterisierung der sich in dem Jahrfünft rasch ablösenden Prager, Grazer, Kölner und Luzerner Nuntien bei Pastor sowie auf seine ausgiebigen Mitteilungen aus den Reformdenkschriften des römischen Diplomaten Minuccio Minucci über Deutschland.

2. Die einzelnen Territorien.

Dem, wie schon berichtet, von Rückert lebenswahr gezeichneten Bilde der Säkularisation des bayerischen Augustiner-Chorherrenstifts Polling stellt Rögele ( 2116) dasjenige des badischen Prämonstratenserklosters Allerheiligen zur Seite, über Personalstand, Besitz und Einkünfte des Klosters und ihre


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weitere Verwendung, über die Fundierung der ihm inkorporiert gewesenen Pfarreien und nicht zuletzt über die alsbaldige Verwahrlosung der als Baudenkmal bemerklichen Klosterkirche ausgiebig unterrichtend. Die Arbeit ist auf den Ton rückhaltloser Klagen über den aufgeklärten badischen Staat gestimmt. --Dorneich ( 2119) bietet einen aus Schloß Hugstetten bei Freiburg i. B. und Haus Stapel bei Münster i. W. stammenden Briefwechsel zwischen dem romantischen Germanisten Frhn. Joseph von Laßberg und dem in der kirchlich-politischen Bewegung seines badischen Heimatlandes führend hervorgetretenen Frhn. Heinrich von Andlaw dar. In seinen dem Herausgeber bekannten Teilen sich lediglich über drei Jahre hinziehend beleuchtet er im großen wie in manchen lokalen Einzelheiten die Schwierigkeiten, mit denen die katholische Bewegung in Baden und der sie verkörpernde »Katholische Verein« in ihren Anfängen zu kämpfen hatten. --Schnütgen ( 2120) führt seine Mone-Studien in längeren Abschnitten über die kirchenpolitischen Kämpfe im Baden namentlich der vierziger und fünfziger Jahre und -- hier mit Dorneich korrespondierend -- über die Vor- und Gründungsgeschichte des »Katholischen Vereins« sowie in Reflexen auf Mones außerbadische Beziehungen zu Ende. Die »wahrhaft konservative und auf organisch geschichtlichem Denken beruhende Einstellung« des Politikers Mone wird als romantisches Erbgut aufgewiesen, dagegen »sein ausdauernder, wenngleich zahmer Kampf gegen die badische Büreaukratie, sofern sie die Kirche nicht als dem Staate ebenbürtige Rechts- und Kulturgemeinschaft achten und pflegen« wollte, als die Auffassungsart einer schon durch und durch nachromantischen Generation verdeutlicht. --Schiels Hirscher-Buch ( 2121) ist ein charakteristisches und sicher in vielfacher Hinsicht sehr sympathisches Dokument der jungkatholischen Generation von heute. Einerseits wirbt es, an Gedanken Schelers und Guardinis genährt, temperamentvoll und geistreich für Ideen, anderseits schöpft es doch längst nicht alle in seinem Vorwurf beruhenden biographischen Möglichkeiten aus. Ist es nach dem in ausdrücklichen Worten festgelegten Willen des Verfassers nicht der ganze Hirscher, dem wir in dem Band begegnen, so wird er, wie er vor uns hintritt, manchmal fast mehr aus der Perspektive des Gegenwartskatholizismus heraus gesehen als aus der Bewegtheit des Zeitalters, das ihn selbst geformt und getragen hat. Freilich muß hervorgehoben werden, daß Schiel gerade der religiösen Eigenart des bedeutenden und edlen Theologen ein feinsinniger Interpret ist. Das Buch schließt mit einem wertvollen bibliographischen Apparat ab; an neuen Materialien ist in ihm -- was nicht gleich jedem Benutzer ganz deutlich werden mag -- in der Hauptsache nur der Briefwechsel zwischen Hirscher und dem Neffen seiner Wirtschafterin, dem Maler Sebastian Luz, verwertet. Vgl. meine Einzelanzeige im Histor. Jahrbuch 46, 419  f. -- Mit Hirscher beschäftigt sich auch Pfleger ( 2122) auf Grund von Briefen des Straßburger Ordinariatsarchivs, und zwar einerseits mit seiner Kandidatur für den Rottenburger Bischofsstuhl als Nachfolger Johann Bapt. v. Kellers, anderseits mit seiner bekannten Reformschrift von 1849 über »Die kirchlichen Zustände der Gegenwart«. Beidemal hat Andreas Raess von seinem Straßburger Bischofssitz aus nicht ohne ein gewisses sympathisches Wohlwollen für Hirscher, aber doch ohne volles Verständnis für seine Wesensart eingegriffen: Das eine Mal, indem er den obersten kirchlichen Stellen eine schriftliche Selbstrechtfertigung Hirschers, das zweite Mal, indem er ihnen seine Unterwerfung

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unter das Verbot der Schrift vermittelte. --Baier ( 2123) bestätigt und verdeutlicht das schon bisher über den in der badischen Kirchenpolitik während Errichtung der oberrheinischen Kirchenprovinz einflußreichen Pfarrer, Freiburger Domdekan und nachmaligen Mainzer Bischof Joseph Vitus Burg geltende Urteil, daß er ein geschmeidiger Charakter und geschäftsgewandter Politiker gewesen ist, aus Briefen Burgs an den Vertrauten des Großherzogs Ludwig, Hennenhofer. Namentlich handelt es sich um die Jahre unmittelbar vor und nach der Erhebung Erzbischofs Boll. Über das Burg, den Vertrauten Wessenbergs, betreffende hinaus ergeben sich Einblicke in das Mit- und Gegeneinander vieler maßgeblicher Persönlichkeiten der Regierung und des Klerus. Zur Ergänzung der von Baier benutzten Literatur darf vielleicht noch an meine knappe Burg-Vita in »Hessische Biographien« II, 1 (1921) erinnert sein.

I. Allgemeine Reformationsgeschichte.

Obwohl die reformationsgeschichtliche Forschung sich vielfach in anderen Bahnen als denen L. v. Rankes bewegt hat und gerade gegenwärtig auf theologischer Seite das Religiöse ungleich stärker als das in der Durchsetzung der Reformation mit ihm engst zusammenwirkende Politische betont wird, ist die Neuausgabe von Rankes »Deutscher Geschichte im Zeitalter der Reformation« ( 993) auch theologischerseits warm zu begrüßen, gerade weil sie angesichts der auch von dem Herausgeber P. Joachimsen betonten Wandlungen des historischen Interesses auf bleibende Aufgaben hinzuweisen und vor zu ausschließlich religiöser Deutung zu bewahren geeignet ist. J.s wertvolle Einleitung, die durch seinen Aufsatz über das Lutherbild Rankes ( 2155) ergänzt wird, verfolgt unter Heranziehung von lutherbiographischen Aufzeichnungen, Vorlesungsmanuskripten und anderem Ungedruckten die Entwicklung von Rankes reformationsgeschichtlicher Auffassung von 1817 (Eindruck des Reformationsjubiläums) ab, behandelt die leitenden Motive und die Gruppierungs- und Darstellungsart Rankes, schildert das Echo des Werkes in der Zeit seines Ersterscheinens, besonders auch in den Hegelianischen und in den ultramontanen Blättern, und die Wirkungen des Werks in die Gegenwart hinein. In ZKG., N.  F. 8, S. 141 hat G. Wolf mehrfach auf Ergänzungen hingewiesen. Die bisher unbekannten Tagebuchaufzeichnungen Rankes 1817 über Luther hat Elisabeth Schweitzer gefunden und in Bd. 6 der Neuausgabe von Joachimsen veröffentlicht; sie lassen das der Gegenwart zugewandte Motiv der Rankeschen Forschung, das ihm bei aller seiner Objektivität stets gebliebene erzieherische Ziel, sehr deutlich erkennen, und dieses Ziel hat ihn in seinem Jugendfragment in scharfer Abwendung von der Aufklärungspsychologie das spezifisch Religiöse in Luther viel kongenialer als später erfassen lassen. -- Wegen seiner auch von der theologischen Forschung dankbar aufgenommenen Anregungen sei hier auch der (freilich unveränderten)


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Neuauflage von K. Burdachs »Reformation, Renaissance, Humanismus« (Berlin, Paetel) gedacht, der durch Aufweis ihrer Begriffsgeschichte Renaissance und Reformation verknüpft und an die im Begriff Renaissance liegenden religiösen Elemente in eindringlicher Forschung erinnert hat. Daß bei aller Gemeinsamkeit die starke Differenziertheit beider nicht übersehen werden darf, hat W. Koehler, Theol. Lit.-Ztg. 1928, S. 84  f. mit Recht betont. Ohne sie bleibt ja der von der Forschung immer wieder mit Interesse verfolgte Streit Luther-Erasmus (vgl. 2166, 2181, 2420), der zutiefst in dem religiösen Gegensatz wurzelt, unverstanden, ebenso aber auch der Gegensatz zwischen dem wieder stärker dem Humanismus zugewandten Melanchthon und dem genuinen Luthertum. Abgrenzung gegeneinander wie Verbindung miteinander kommen bei v. Schuberts kurzer Analyse von Reformation und Humanismus ( 2403) wie auch in Joachimsens Untersuchung über die Fortwirkung des Schemas der Loci communes ( 2404) zu ihrem Recht. Von einer anderen Seite her berührt Kalkoff ( 2407) das Problem, indem er das Zusammengehen von Humanismus und Reformation in Erfurt in Personen wie Justus Jonas und Johann Lange und ihren freilich vergeblichen reformatorisch-humanistischen Kampf gegen die »bepfründeten Dozenten« und Träger des Alten schildert und damit die Reformation von dem Vorwurf, den Untergang des Humanismus in Erfurt verschuldet zu haben, entlastet.

II. Luther.

Grisars neues Buch ( 2160) faßt nur für einen weiteren Leserkreis die Ergebnisse seiner früheren Arbeiten, besonders seiner dreibändigen Lutherbiographie, zusammen. Dabei hat G. von seiner rein negativen Wertung Luthers und von dessen psychopathischer Deutung, statt der Deutung aus dem positivreligiösen Zentrum heraus, ebensowenig aufgegeben wie von seiner These, daß Luther für den heutigen Protestantismus nur noch eine historische, von ihm durch starke Distanz getrennte Größe sei; die seinen früheren Schriften zuteil gewordene Kritik hat er leider nirgends berücksichtigt. -- In das Internum Lutherscher Frömmigkeit, als das man in den letzten Jahren in steigendem Maße seine bestimmte Gottesanschauung zu erfassen gesucht hat, führt die Studie des Schweden Aulén ( 2162), die nur eine Einzelstudie aus A.s großem Werk über die Entwicklung des christlichen Gottesglaubens (Den kristna gudsbilden, Stockholm 1927; vgl. Theol. Lit.-Ztg. 1928, S. 89 ff.) ist. Luthers Erfassung des persönlichen Gottes mit seiner Gnadenbotschaft hebt sich von dem Hintergrunde des dynamistischen Gottesbegriffs und der physischnaturalistischen Deutung der Gnade ab, wobei freilich die Spannung, die zwischen dem persönlichen, gnädigen Gott und dem düsteren Deus absconditus (nicht nur in Luthers Schrift De servo arbitrio) besteht, nicht übersehen werden darf. A. spricht (auch im Blick auf die weitere Entwicklung des Gottesgedankens in Orthodoxie, Aufklärung usw.) von einer »Synthese« Luthers, in der sämtliche religiöse Motive zur Geltung gebracht seien. -- Starke Beachtung findet noch immer die Frage nach Luthers Entwicklung zum Reformator. Während Merz ( 2161) hier nur Ergebnisse der Forschung für weitere Kreise zusammenfassen will, hat Stracke ( 2164) in Erweiterung seiner 1925, S. 406 angezeigten Dissertation das Problem in Nachprüfung des Selbstzeugnisses Luthers (in Vorrede zu Bd. I seiner Opera latina in der Wittenberger Ausgabe seiner Werke 1545) erneut in gewissen Hauptpunkten angepackt mit dem Ergebnis, daß Luthers Darstellung trotz ihres apologetischen Willens und mancher Irrtümer in Zeitangaben u. a. doch eine gute Geschichtsquelle sei, die man übrigens ihrer apologetischen Grundtendenz nach, wie O. Clemen, ZKG., N.  F. 8, S. 618 betont, mit Luthers Vorrede zum Catalogus 1533 (W. A. 38, S. 133  f.) und mit dem Abschnitt »Anfang des Lutherischen Lärmens« in seiner Schrift »Wider Hans Worst« 1541 (W. A. 51, S. 538 ff.) zusammenstellen muß. Diese apologetische Tendenz hat freilich ein Hervortreten der konservativen und ein Zurücktreten der reformatorischen Linie in dieser autobiographischen Rückschau mit sich gebracht. Betreffs der Datierung seines Erlebnisses an Römerbrief 1,17, über das in jener Vorrede ein authentischer Bericht vorliegt, deutet Str. Luthers Worte (captus fueram, Plusquamperfektum, dessen Betonung


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freilich O. Clemen, ZKG., N.  F. 8, S. 619 widerspricht) dahin, daß Luther es nicht irrigerweise erst auf 1518/19, sondern auf die Zeit vor der ersten Psalmenvorlesung 1513 datiert habe (G. Krüger, Theol. Lit.-Ztg. 1927, S. 15  f. deutet die Angabe auf die Zeit der Vorbereitung zur Römerbriefvorlesung 1515). Die Datierungsfrage ist unter dem Gesichtspunkt der Lutherbiographie deshalb von Wichtigkeit, weil von ihr die Beantwortung der Frage abhängt, ob für die Gestaltung der lutherischen Gottesanschauung tatsächlich überhaupt Röm. 1, 17 oder das schon 1513 evangelisch interpretierte Psalmwort Ps. 31, 2 (iustitia tua libera me) von primärer Bedeutung gewesen ist. -- Mit einer Einzelfrage, der Bedeutung seines Ordensoberen Johann v. Staupitz für Luthers Werden, beschäftigt sich die Publikation von A. Jeremias ( 2199), die freilich nicht nur in Textauswahl und Textbehandlung zu mancher Kritik Anlaß gibt, sondern auch hinsichtlich der evangelischen, reformatorischen Haltung St.s irrt (vgl. E. Wolf, Theol. Lit.-Ztg. 1927, S. 300 ff.; ders., Staupitz und Luther, Leipzig 1927). St. gehört nur zur Reihe der mystisch-quietistischdeterministisch gerichteten »Vorreformatoren«, die die kath. Linie doch grundsätzlich nicht verlassen haben. Unbestreitbar dürfte freilich sein, daß er Luther bei der Überwindung seiner Prädestinationsangst geholfen hat, indem er seine Anfechtungen zu der Übung der conformitas Christi rechnete und geradezu als Zeichen des Erwähltseins deuten lehrte. -- Jeremias hat sogar (S. 74, 80  f.) das Verhältnis Friedrichs des Weisen zu Luther aus der Staupitz mit dem Kurfürsten verbindenden Jugendfreundschaft abgeleitet. Jene viel umstrittene Frage nach der Stellung des Kurfürsten zu Luther und zur Reformation, die letzthin in der Diskussion zwischen El. Wagner (ZKG., N.  F. 5, S. 331 ff.) einerseits, Kalkoff (ebda., N.  F. 6, S. 180 ff.) und Anni Koch ( 995) anderseits erörtert worden war, versucht Kirn ( 994) in breiterem Rahmen und auf solidem archivalischen Fundament der endgültigen Lösung entgegenzuführen, indem er ein Bild von dem vor wie nach 1517 stets durch Zurückhaltung, Bedächtigkeit, Respektierung wohlerworbener Rechte, Gewissenhaftigkeit gekennzeichneten Landesherrn entwirft, der auch nach 1517 seinen Reliquieneifer betätigt, aber auch längst vor 1517 gegen Mißbrauch der geistlichen Gerichtsbarkeit ankämpft, für Ordensreform eintritt, die kirchliche Vermögensverwaltung wie die kirchliche Stellenbesetzung beeinflußt, entsprechend der auch anderswo zu beobachtenden Vorstufe des späteren evangelischen landesherrlichen Kirchenregiments. Gegen Kalkoffs Urteile hat Kirn dabei vielerlei stichhaltige Bedenken geäußert; es wird hinfort unmöglich sein, die kirchenpolitischen Maßnahmen Friedrichs in seinen acht letzten Jahren isoliert zu betrachten und seine Politik als zielbewußten, wenn auch vorsichtigen Kampf eines »Lutheraners« zu deuten. -- Der lutherischen Gottesdienstreform geht nicht nur Flemming ( 2171) in seiner ausschließlich praktisch orientierten, künftigen Reformen dienenden Arbeit nach, sondern historisch detaillierter und speziell auf Luthers Liturgik eingestellt ist Adolf Allwohn, »Gottesdienst und Rechtfertigungsglaube, Luthers Grundlegung evang. Liturgik bis 1523« (Göttingen, Vandenhoek & Ruprecht, IV, 103 S.). A. verfolgt Luthers Stellung zum Gottesdienst in der bisher nur wenig durchforschten älteren Zeit (bis 1517 grundsätzliche Kritik der kath. Auffassung von Kultus, Sakrament, verdienstlicher Leistung; 1517 bis 1519 Loslösung von der Kultusreligion; 1521--1523 Vorbereitung der Reform) in Zusammenhang mit seinem Rechtfertigungsglauben und unter starker

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Betonung der von Luther empfundenen Spannung zwischen Gottesdienst im Geist und Kultus, -- einer Spannung, die der Spannung im Menschen (gerecht und doch imperfectus) und der Spannung zwischen Ewigkeit und Zeit entspreche (zur Kritik vgl. Joh. Meyer, Theol. Lit.-Ztg. 1928, S. 284 ff.). --Holsteins Vortrag ( 2169) gehört in das Kapitel: politische Wirkung Luthers hinein und bejaht diese Wirkung, indem er Luthers »Patriarchalismus« als nur zeitbedingte äußere Form ablöst und als das Neue an Luthers Staatsauffassung die Wertung der natürlichen Ordnungen als gottgewollter, daher nicht minderwertiger Ordnungen, die christliche Pflicht zur Einordnung in diese Ordnungen und die Aufgabe, das Gegebene mit sittlichem Geist zu durchdringen, herausarbeitet. Dieser Staatsgedanke ist nicht nur im Konfessionsstaat des 16. und 17. Jahrhunderts wirksam, sondern wirkt sich auch in der idealistischen Auffassung des Staats als sittlichen Organismus und im Gegensatz gegen die aufklärerische Vertragsidee aus. Der von H. gegebene typologische Vergleich der idealistischen mit der lutherischen Staatsidee müßte durch den Nachweis der tatsächlichen Wirkung Luthers auf die einzelnen idealistischen Denker, wie ihn Blanke, ZKG., N.  F. 1927, S. 616 für Hamann gibt, im einzelnen unterbaut werden. Zur Debatte über Luthers Staatsauffassung sei noch auf G. Ritters Auseinandersetzung mit Pauls ( 2170) und auf das allgemeine Bild, das G. Lagarde ( 991) zeichnet, hingewiesen.

III. Andere reformatorische Personen.

Für Melanchthon liegt, von O. Clemen, z. T. mit Benutzung des Nachlasses von Nikolaus Müller, herausgegeben, der erste Briefband vor ( 2182). Entsprechend dem Plan der Supplementa Melanchthoniana, deren 6. Abteilung dieser Briefwechsel M.s bildet, wird dabei das im Corpus Reformatorum vorhandene Material vorausgesetzt; außer den zu jenem hinzugekommenen neuen Brieffunden oder der das Original heranziehenden besseren Textgestaltung bringt der Ergänzungsband als wesentliche Bereicherung die Kommentierung und die Datierung der Briefe Melanchthons, wobei der Herausgeber seine schon oft gezeigte eingehende biographische und bibliographische Kenntnis der Gelehrtenwelt jener Jahrzehnte erneut hat bewähren können. In späteren Bänden werden die kleinen Funde 2183 und 2187 verwertet werden müssen. Der von Gußmann publizierte Fund ( 2185) betrifft vier Schriften, die Löffler in der Stuttgarter Landesbibliothek gefunden hat, und die mit den protestantischen Beratungen für das Mantuaner Konzil 1537 in Zusammenhang stehen. Alle vier Stücke, sowohl die beiden kurfürstlichen Bedenken über die Beschickung des Konzils (S. 276--283 = Corpus Ref. III, S. 136 ff., 258 ff.) wie die beiden von Melanchthons Hand geschriebenen Stücke (S. 274  f. = C. R. II, S. 377  f.; und S. 283--286 = C. R. III, S. 134 ff.) waren bisher nur nach schlechten Kopien abgedruckt. Das erste Melanchthonstück: Articuli de quibus non convenit nobis cum adversariis, stammt vom Augsburger Reichstag 1530; seine Einstellung in die Mantuaner Akten zeigt, daß man die Verhandlungen da hat aufnehmen wollen, wo sie in Augsburg abgebrochen worden waren. -- Die meisten anderen reformatorischen Personen, für die in der Forschung dieses Jahres Arbeiten oder Quellenfunde vorliegen, gehören mehr der Territorialgeschichte an. Hinzuweisen ist aber auf die Rolle, die Kalkoff ( 2407) den Justus Jonas in Erfurt spielen läßt; ihm schreibt er auch den als Intimatio Erphurdiana pro M. Luthero bekannten, bisher als eine amtliche Erklärung der Universität aufgefaßten


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Aufruf gegen die Bannbulle zu, der die energische Ablehnung Ecks und der Bulle seitens Erfurts zur Folge gehabt hat. -- Auch das Verhör Matthäus Albers vor dem Reichsregiment in Eßlingen über 52 ihm vorgelegte Fragen, 1525, das Volk ( 2241) behandelt, ist für die Art des Vorgehens gegen evangelische Prediger allgemein interessant; Volk druckt das Protokoll des Verhörs ab. -- Für die innere Verbindung, die zwischen den Reformatoren einerseits und humanistisch, reformerisch, irenisch eingestellten Gliedern der alten Kirche anderseits vorhanden war, und die gleichwohl vorhandene innere und äußere Distanz ist die Gestalt des Wittenberger Pädagogen Veit Amerbach, über den L. Fischer ( 2200) geschrieben hat, typisch; wenn  F., wie schon Döllinger, ihn als Konvertiten bezeichnet, so kann demgegenüber gesagt werden, daß A. doch wohl nie an einen Bruch mit der alten Kirche gedacht hat. -- Für den starken melanchthonischen Einschlag im deutschen »Calvinismus« ist die Studie von Burkhardt: Zacharias Ursinus (einer der beiden Verfasser des Heidelberger Katechismus, 1563) in seinem Abhängigkeitsverhältnis von Melanchthon (Neue kirchl. Ztschr. 37, S. 669--700), zu beachten. Auch der genannte Katechismus sucht ja ohne Widerspruch gegen Calvin, aber auch ohne Bekämpfung der lutherischen Abendmahlsauffassung und ohne calvinische Prädestinationslehre den Zusammenhang mit der deutschen Reformation (Typus Melanchthon) zu bewahren. -- Die Zwingliforschung hat außer dem Fortgang der kritischen Zwingliausgabe ( 2188) zunächst W. Koehlers Edition der Randglossen Zwinglis zu seinen Büchern zu verzeichnen. Hatte er in ZKG., N.  F. III, 1921, S. 41 ff.; V, 1923, S. 49 ff. die Randglossen zu Aristoteles, Theodor v. Gaza, Athanasius und Augustin behandelt, so kommt er in diesem Jahrgang ( 2191) zu den alttestamentlichen Randglossen in Zwinglis »Hausbibel«, die für die Erkenntnis des Exegeten Zwingli von Wichtigkeit sind. Das auch von W. Koehler dargebotene Zwinglibuch ( 2189) übermittelt durch seine 277 Quellenstücke (die schweizerdeutschen im kommentierten Original, die lateinischen in Übersetzung) ein sehr anschauliches Bild von Zwinglis Wesen und Werk, wobei das eigentlich Theologische gegenüber seiner Kirchenreform, Bundespolitik, Sozialarbeit freilich etwas stark zurücktritt. Die Bullingersche Reformationschronik gibt den Faden zur Aufreihung der einzelnen Quellenstücke her. Koehlers Aufsatz über die Abendmahlsauffassung Zwinglis ( 2190) verteidigt seine Darstellung in seinem großen Buch »Luther und Zwingli« (1924) gegen Einwendungen Karl Bauers in Theol. Blätter 1926, S. 217--226; er hält diesem gegenüber daran fest, daß Zwingli erst um 1524 die rein symbolische Auffassung gewonnen und vorher die leibliche Realpräsenz Christi im Abendmahl in erasmianischer Art vertreten habe (Fortsetzung der Diskussion beider in ZKG., N.  F. 9, 1927, S. 97 ff.; 10, 1928, S. 47 ff.).

IV. Radikale Reformation.

Über die letztjährigen Forschungen auf dem Gebiete des Spiritualismus und der Mystik der Reformationszeit gibt Hnr. Bornkamm in seinem Vortrag über: Mystik, Spiritualismus und die Anfänge des Pietismus im Luthertum (Gießen, Töpelmann, 27 S.) einen instruktiven Forschungsbericht, der den typologischen und entwicklungsgeschichtlichen Fragen hinsichtlich der einzelnen Träger jener Bewegungen wie ihres Verhältnisses zueinander nachgeht und vielfach auch auf die noch vorhandenen Lücken der Forschung den Finger legt. Trotz der Münzerliteratur der letzten Jahre, aus der die diesjährige Studie Schiffs ( 1011) nur eine kurze Episode 1522--1523 (Verschwörung gegen Kardinal Albrecht) behandelt, trotz Fortschreitens der Schwenckfeldausgabe ( 2197), trotz der angewachsenen Böhmeliteratur, über die  F. Voigt ( 2209) kritisch referiert, trotz Meiers neuer Arbeit über Valentin Weigel ( 2208), in dem wie in Jakob Boehme die altprotestantische Mystik sich zu philosophischer Höhe erhoben hat, bleibt auf diesem Gebiet noch unendlich viel zu tun. Bei Weigel z. B. erfordern noch immer die literarischen Beziehungen seiner Schriften untereinander eine alles Weitere erst sichernde Untersuchung (vgl. die Anzeige Bornkamms, Theol. Lit.-Ztg. 1926, S. 613 ff.). Vor allem aber ist die geistesgeschichtliche Stellung der Einzelnen, die Bornkamm für J. Boehme (s. 1925, S. 409) eingehend untersucht hat, noch weithin eine offene Frage. Es handelt sich dabei sowohl um die Frage nach den Einflüssen der deutschen mittelalterlichen Mystik und der aus der mittelalterlichen Tradition herauswirkenden neuplatonischen Ideen, als auch um die Einwirkung humanistischrationaler Religiosität und endlich um die schon von Hegler und Holl betonte Tatsache, daß auch in Mystik und Spiritualismus die religiöse Kraft Luthers nachwirkt. Bornkamm geht in seinem Forschungsbericht diesen geistesgeschichtlichen Fragen nach und sucht vor allem auch hinsichtlich der Stellung der einzelnen Denker zur Gemeinschaft und zur eigentlichen Mystik den Typus in seine verschiedenen Einzelgestalten aufzulösen: neben dem allerdings gemeinschaftsfremden Individualisten Sebastian Franck stehen die gemeinschaftsbildenden Tendenzen Münzers, Karlstadts, Schwenckfelds u. a. und neben ausgesprochenen Mystikern so unmystische Gestalten wie Schwenckfeld und Paracelsus, die zwischen Mystik und bloßem Spiritualismus schärfer zu unterscheiden nötigen.

VI. Innerprotestantische Gegensätze. Orthodoxie.

In das Zentrum protestantischer Theologie führt Barnikols Studie über den freien Willen ( 2193), die außer Calvin vor allem Luther, Melanchthon, Bucer heranzieht und deren verschiedene Lehrbildung untersucht. Dem metaphysischen Determinismus Luthers stellt er nicht nur Melanchthon gegenüber, der trotz religiöser Wertung der Erbsünde doch mehr und mehr zum Indeterminismus neigt, sondern auch Calvin, der Augustin und Luther verbindet, im sittlich-religiösen Sinne Determinist, im psychologischen durch Anerkennung der Spontaneität des menschlichen Handelns Indeterminist sei und beides in der Formel necessitas voluntaria verbindet. In die spätere Phase der Erbsündendebatte, die Loy ( 2232) in Beschränkung auf den Regensburger Streit 1572 ff. schildert, hat Barnikol nicht mehr hineingeleuchtet. In dieser Phase, die durch den Traktat des Matthias Flacius, des Ultralutheraners, 1567 veranlaßt war, beschäftigte die Frage die weiteste Öffentlichkeit, so daß auch die Obrigkeit verschiedentlich eingriff. Loys Darstellung ist eine plastische Charakteristik des streitbaren Theologengeschlechts aus dem Zeitalter der Konkordienformel. -- Der wissenschaftlich förderndste Beitrag zur Geschichte der Orthodoxie des 16. und 17. Jahrhunderts ist Otto Ritschls 3. Band seiner Dogmengeschichte des Protestantismus ( 2148), der die reformierte Theologie dieser Zeit behandelt (das die lutherische Theologieentwicklung behandelnde Gegenstück, Bd. 4, ist inzwischen 1927 auch erschienen), mit einer gewaltigen Fülle von Einzelgestalten, die R. zu einem Gesamtbild zusammenfaßt. Während er das Problem Biblizismus und Traditionalismus schon im 1. Bande erledigt hatte, nimmt er hier die Prädestinationsidee als Zentrum, bringt Zwinglis und danach Bucers Bedeutung als Urheber des reformierten Protestantismus sehr stark zur Geltung, während er ebendamit Calvin in die zweite Linie rückt und die nur beschränkte Nachwirkung seiner spezifischen Eigenart widerholt betont (vgl. das oben III über


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Ursinus Gesagte). In der Entwicklungsgeschichte werden dann der Arminianismus (dabei auch Hugo Grotius) und die Bundestheologie (von Zwingli und Bullinger an bis zu Coccejus und seiner Schule) besonders eingehend behandelt, beidemale auch die Bedeutung dieser neuen Theologien, des die Prädestinationsidee erweichenden Universalismus einerseits, der biblizistischen Idee des alten und neuen Bundes anderseits, für die nachorthodoxe, aufklärerische Entwicklung herausgearbeitet (zur Kritik vgl. L. Zscharnack, ZKG., N.  F. 8, 1926, S. 626 ff.;  F. Kattenbusch, Theol. Lit.-Ztg. 1927, S. 202 ff.). -- Bei Ritschl kommt natürlich auch die durch Melanchthons Irenik und durch Bucers Vermittlungstheologie schon im 16. Jahrhundert vorbereitete protestantische Irenik und Unionsstimmung zur Darstellung, die nicht bloß in der Theologie der Folgezeit um sich greift, sondern auch kirchenpolitisch in bewußten Unionsversuchen (vgl. 2214, 2247) sich auswirkt, um freilich zu wirklicher Union von Reformierten und Lutheranern erst sehr spät, nach weiterer Erweichung des Konfessionalismus durch den religiösen Pietismus und die rationale Aufklärung, zu führen. Das Nebeneinander von oft rabiater Streittheologie und beginnender Toleranz in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts hat Fritz ( 2242) im Blick auf die württembergischen Verhältnisse gut gezeichnet. Den Widerstand noch der Orthodoxie des beginnenden 18. Jahrhunderts gegen die u. a. vom Württemberger Chr. Matth. Pfaff vertretene Unionsstimmung illustriert die Studie Wotschkes ( 2213). Diesem verdanken wir wieder wie schon seit Jahren (s. 1925, S. 412) eine ganze Reihe von Briefpublikationen aus der Zeit der Spätorthodoxie (bes. 2275, 2280, 2289). Besonderer Wert dürfte den Studien 2282 und 2273 zukommen, weil Wotschke damit beginnt, die Frage der Mitarbeiter so wichtiger Quellenwerke für die Zeit des 18. Jahrhunderts wie der »Unschuldigen Nachrichten« Löschers (seit 1701) und der Weimarer »Acta historicoecclesiastica« (seit 1734) zu klären, was zum Zweck der Abschätzung des Wertes der in jenen Zeitschriften gebotenen Mitteilungen aus allen Kirchengebieten ein dringendes Erfordernis ist.

VII. Pietismus, Aufklärung, Idealismus.

Für die theologisch noch immer heiß umstrittene Zeit des deutschen Idealismus (vgl. 1925, S. 415  f.) liegt als historische Studie nur die von Bornhausen ( 2219) vor, in ihrem Tiefsten ein Bekenntnis dessen, was er an Dichtung, Philosophie, Musik jener Jahrzehnte persönlich erlebt hat und immer wieder erlebt, im schärfsten Gegensatz zu denen, die der aus alledem herausklingenden deutschen Frömmigkeit gegenüber taub sind. Die beiden Teile behandeln das klassische Lebensgefühl der Religion (auf Goethe konzentriert: Chronos, Pneuma, Eros) und das romantische Lebensgefühl der Religion (an Clemens Brentano verdeutlicht).

§ 42. Scholastik und Mystik des Mittelalters (1926 bis 1928).

(Die in Klammern gesetzten Nummern beziehen sich auf die Bibliographie S. 489  f.)

I. Scholastik.

Eine Reihe von größeren und kleineren Arbeiten befassen sich mit einzelnen Persönlichkeiten der mittelalterlichen Scholastik. Ich kann nur die wichtigsten, welche einen Fortschritt der Forschung bedeuten, herausgreifen. Aus dem 12. Jahrhundert hat Et. Gilson ( 5) der Kosmogonie des Bernard Sivestris, in der die Gedanken des Platonischen Timäus sich mit dem Schöpfungsbericht der Genesis, philosophische Spekulation und hummanistische Formgebung sich verbinden, eine seiner tiefgründigen Untersuchungen gewidmet. -- Die Christologie des Robert von Melun hat durch  F. Andres ( 6) eine dogmengeschichtlich ertragreiche Bearbeitung gefunden. Eine Edition der ungedruckten


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Sentenzen dieses Scholastikers, die vielleicht das tiefste theologische Werk des 12. Jahrhunderts sind, wird von R. M. Martin, dem wir eine Fülle von Unternehmungen hierüber verdanken, für das Spicilegium Lovaniense vorbereitet. -- Einer der einflußreichsten Theologen aus dem Ende des 12. und Beginn des 13. Jahrhunderts, Magister Praepositinus, Cancellarius der Universität Paris, der auch noch auf Thomas von Aquin Einfluß ausgeübt hat, ist von G. Lacombe zum Gegenstand eingehender biographischer und literarhistorischer Untersuchung gemacht worden ( 7). Die schriftstellerische Tätigkeit dieses Scholastikers ist eine sehr umfassende gewesen. Außer einer handschriftlich sehr verbreiteten Summa theologiae und scholastischen Quaestiones schrieb er eine Summa de poenitentia, einen Tractatus de officiis, eine Summa contra haereticos, eine Psalmenerklärung und Sermones. Lacombe bereitet eine Gesamtausgabe dieser Werke, die alle ungedruckt sind, für die Sammlung Bibliothèque Thomiste vor.

I. Scholastik.

Für die Geschichte der Pariser Artistenfakultät, besonders für unsere Kenntnis der grammatikalischen Studien ist überaus lehrreich die Edition, welche L. J. Paetow von dem Morale scolarium des Johannes von Garlandia, einem auch kulturhistorisch interessanten satirischen Werke gemacht hat. Eine ausführliche Einleitung macht uns mit Leben und Schriften dieses merkwürdigen Pariser Professors aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts aufs beste bekannt ( 8). Auch über die führenden Scholastiker des 13. Jahrhunderts sind eine Reihe wichtiger Veröffentlichungen erschienen. Der kürzlich ausgegebene zweite Band der monumentalen Ausgabe der theologischen Summa des Begründers der älteren Franziskanerschule des Alexander von Halls ( 9), die von dem Franziskanerkolleg zu Quaracchi veranstaltet wird, hat die im vorjährigen Bericht gerühmten Vorzüge des ersten Bandes, sowohl was die Prolegomena wie auch was die Herstellung des Textes und die Zitatennachweise betrifft, im vollen Maße an sich. P. Ephrem Longpré hat in die Prolegomena ideengeschichtlich überaus instruktive Darlegungen über den philosophischen und theologischen Lehrstandpunkt des Doctor irrefragabilis eingefügt. In das Zentrum der theologischen Gedankenwelt und zugleich des Innenlebens des hl. Bonaventura führt uns die ausgezeichnete Studie von J. Kaup O.  F. M. über die theologische Tugend der Liebe nach der Lehre des hl. Bonaventura ein ( 10). Über den Einfluß Alberts des Großen auf das mittelalterliche Geistesleben, ein Einfluß, der sich besonders auch in der deutschen Mystik geltend macht, habe ich zusammenfassende Untersuchungen veröffentlicht ( 11). -- Die Trinitätslehre Ulrichs von Straßburg, des Lieblingsschülers Alberts des Großen, hat durch A. Stohr eine den neuplatonischen Grundzug der von Albert inspirierten deutschen Scholastik scharf herausarbeitende dogmengeschichtliche Untersuchung erfahren ( 12). -- Für die Thomasforschung bedeutet das Erscheinen des zweiten Bandes der kritischen, auf das Autograph aufgebauten prachtvollen Ausgabe der Summa contra Gentiles, deren Bedeutung wir im vorjährigen Bericht hervorgehoben haben, eine große Bereicherung ( 13). Für die Editionstechnik scholastischer Werke ist die Abhandlung des P. Cl. Suermondt, des Herausgebers der Summa contra Gentiles De principiis recensionis operum S., Thomae Aquinatis überaus instruktiv ( 14). -- Ein umfangreiches, aus tiefen Studien hervorquellendes zusammenfassendes Werk über Thomas von Aquin schrieb der Genter Professor E. de Bruyne


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( 15). Die Persönlichkeit des Aquinaten tritt lebendig aus dem geistigen Hintergrund seiner Zeit in scharfen Umrissen uns entgegen, ein eindrucksvolles Bild seiner philosophisch-theologischen Weltanschauung wirkt auf uns. Seine geschichtliche Auffassung von Thomas von Aquin faßt E. de Bruyne in die Worte zusammen: Il a en lui l'âme immortelle du génie grec et de la perfection chrétienne (S. 100). Bei aller Begeisterung für den größten der Scholastiker ist der Verfasser keineswegs blind gegenüber den Mängeln des thomistischen Systems, die er in einem eigenen Kapitel: Taches solaires behandelt. -- Für die so viel umstrittene Abgrenzung der echten Schriften des hl. Thomas ist P. Synaves kritische Untersuchung über den offiziellen Katalog der Werke des Aquinaten ein höchstbedeutsamer Beitrag ( 16). -- Die für die Staatstheorie des hl. Thomas wichtige Schrift De regimine principum, welche nach dem Zeugnisse der handschriftlichen Überlieferung bis ins vierte Kapitel des zweiten Buches echt ist, während das Übrige von Tolomeo von Lucca stammt, wird neuestens von E. Flori ( 17) aus meines Erachtens nicht stichhaltigen inneren Gründen dem Aquinaten abgesprochen. -- Die geschichtliche Stellung und Bedeutung der Summa theologiae, des Hauptwerkes des hl. Thomas, will meine Einführung in die Summa theologiae, die in einer Neubearbeitung erschienen ist, darstellen und zugleich die Wege zu einer historischen Thomasinterpretation zeigen ( 18). Für das geschichtliche Verständnis der Eigenlehren des hl. Thomas und des Gegensatzes der Franziskanerschule zu denselben werden durch die von P. Glorieux in Angriff genommene Edition der Verteidigungsschriften, welche die Dominikaner gegen das Correctorium des Franziskaners Wilhelm de La Mare unter dem Titel Correctorium corruptorii verfaßt haben, wichtige Quellen erschlossen. In einem stattlichen Band liegt eine kritische Ausgabe des wohl ältesten und einzigen früher gedruckten dieser Correctoria vor, das ehemals dem Aegidius von Rom zugeschrieben wurde, das aber Glorieux mit Recht dem Dominikaner Richard Clapwell zuteilt ( 19). Die Schwierigkeiten der Skotusforschung könnten nicht schärfer und drastischer uns gezeigt werden als dies durch die große geschichtlich-kritische Untersuchung des dalmatinischen Franziskaners Balić über die Kommentare des Johannes Duns Skotus zu den vier Büchern der Sentenzen des Petrus Lombardus geschieht. Das tiefgelehrte, aus mühsamster Handschriftenforschung geborene Werk, das an den Leser wahrlich keine leichten Anforderungen stellt, ist (ohne den Namen des Verfassers) als erstes Beiheft der Revue d'Histoire ecclésiastique erschienen. Eine Fülle von Redaktionen der einzelnen Bücher der Sentenzenerklärung des Skotus hat der Verfasser aus den Handschriften herausgegraben und dadurch die künftige so notwendige kritische Skotusausgabe, für die E. Longpré auf breitester Grundlage die Vorbereitungen macht, vor verwickelte Aufgaben gestellt. Die Ergebnisse und Thesen von P. Balić stoßen auf ernsten Widerspruch auch bei seinen Ordensgenossen im Kolleg zu Quaracchi. Es wird Aufgabe der Spezialforschung sein, sich mit dem jedenfalls sehr bedeutenden Buch von Balić auseinanderzusetzen und Licht und Schatten gerecht zu verteilen. Für die Geschichte der Theologie der Augustinerschule und zugleich für die Kenntnis der kirchenpolitischen Theorien zu Beginn des 14. Jahrhunderts ist U. Marianis ( 21) Darstellung der politischen Schriftsteller des Augustinerordens (Aegidius von Rom, Jakob von Viterbo und Augustinus Triumphus) eine recht lehrreiche Zusammenfassung.

II. Mystik.

Neuaufgefundene lateinische Pariser Quästionen Meister Eckharts habe ich ediert, philosophie- und theologiegeschichtlich analysiert, in das Milieu der geistigen Bewegungen an der Pariser Universität zu Beginn des 14. Jahrhunderts hineingestellt und in ihrer Bedeutung für den geistigen Entwicklungsgang des großen Mystikers gewertet ( 27). Cod. 1071 zu Avignon enthält zwei lateinische Quästionen Eckharts und eine gegen ihn gerichtete Quästion des späteren Franziskanergenerals Gonsalvus de Vallebona Texte, die aus der ersten Pariser Lehrtätigkeit Eckharts, aus dem Jahre 1302 stammen, während Cod. Vat. lat. 1086 zwei sicher echte (und fünf zweifelhafte) Quästionen aus seiner zweiten Pariser Lehrtätigkeit (1311--1314) darbieten. Ideengeschichtlich sind besonders die Quästionen von Avignon sehr beachtenswert, da sie das Denken vor das Sein stellen, in Gott absolutes Denken, aber kein Sein setzen, die Ungeschöpflichkeit des Intellekts lehren und auch dem menschlichen geistigen Erkenntnisakt und Erkenntnisbild Seinslosigkeit zuteilen. Ich konnte mit großer Wahrscheinlichkeit Zusammenhänge dieser Gedanken mit neuplatonischen und averroistischen Strömungen an der Pariser Universität nachweisen. Gleichzeitig und unabhängig voneinander hatte auch P. Ephrem Longpré, O.  F. M. die Quästionen von Avignon aufgefunden und ediert ( 28). Die Textverfassung der Avignoneser Handschrift brachte eine Verschiedenheit der beiden Editionen an zahlreichen Stellen mit sich.

II. Mystik.

Viel Aufsehen haben namentlich in Deutschland die zahlreichen Veröffentlichungen über Meister Eckhart von O. Karrer gemacht ( 29), der mit glänzender Formgebung in einer Menge von Schriften das katholische mystische Gut aus allen Jahrhunderten zu popularisieren versteht. Zuerst hat er in der literarischen Zeitschrift Hochland Meister Eckhart als Mensch und Wissenschaftlicher gewürdigt und die sensationell wirkende These vertreten, daß Meister Eckhart unschuldig verurteilt worden ist. Fast gleichzeitig erschien das Eckhartbuch Karrers, das in einem farbenprächtigen Mosaik ausgewählter Texte das System der religiösen Lehr- und Lebensweisheit des Mystikers vorlegt und in gelehrten Einleitungen und Anmerkungen die These von der einwandfreien Orthodoxie, von dem wesentlich thomistischen metaphysischen Standpunkt und von der zu Unrecht erfolgten Verurteilung Meister Eckharts vertritt. Der Kölner Eckhartprozeß, auf den die Verurteilungsbulle Johannes XXII. sich stützt, ist nach O. Karrer auf einer sinnentstellenden Zurechtrichtung ganz anders gemeinter Eckharttexte aufgebaut. Freilich ist zu dem Eckhartbuch Karrers zu bemerken, daß eine notwendigerweise immer mehr oder minder subjektiv gefärbte Blütenlese von Texten für die Behandlung und Verbescheidung solch schwieriger wissenschaftlicher Fragen keine ausreichende Grundlage bildet. Die verdienstvollste Arbeit Karrers auf diesem Gebiete ist seine mit Einleitung und Anmerkungen versehene Übersetzung von Meister Eckharts Rechtfertigungsschrift. Diesem Buche hat Frl. H. Piesch, die Verfasserin einer in die Gedankenwelt


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des Mystikers tiefeinführenden Abhandlung über Meister Eckharts Lehre vom Gerechten ( 30) eine sehr fesselnde Einleitung zum inneren Charakter der »Rechtfertigungsschrift« eingefügt. Karrers Eckhartarbeiten haben teils zustimmende, teils ablehnende Beurteilung erfahren, welch letztere sich immer mehr zu verstärken scheint. Namentlich die Vertreter streng wissenschaftlicher Methode und Kenner der scholastischen Gedankenwelt können O. Karrers Meinung, daß Eckhart ein getreuer Schüler des hl. Thomas sei und daß die gegen ihn erhobenen Anklagesätze keine Stütze in seinen Schriften hätten, nicht teilen, wenn man auch den Kölner Richtern nicht den Vorwurf von Ungenauigkeiten und Unrichtigkeiten ersparen kann ( 31). Das große Verdienst O. Karrers, daß er die von Denifle entdeckten lateinischen Schriften im weiten Umfang kennt und benutzt, wird durch die Tatsache, daß er im Lesen und in der Interpretation der nicht schwierigen Cueser Handschrift nicht selten es an paläographischer Sicherheit und Zuverlässigkeit mangeln läßt, erheblich geschmälert. J. Koch, der gegen diese Mängel an Karrers Eckhartarbeiten besonders nachdrücklich Stellung genommen hat, hat auf sehr bemerkenswerte Beziehungen zwischen Meister Eckhart und Moses Maimonides hingewiesen ( 32). Eine Reihe von Arbeiten sind der Untersuchung der Gedankenwelt des großen deutschen Mystikers gewidmet. Ich erwähne  F. Meerpohles zutreffende Darstellung von Meister Eckharts Lehre vom Seelenfünklein ( 33), die Untersuchung von S. Hampe über den Begriff der Person bei Meister Eckhart ( 34) und vor allem R. Ottos zusammenschauende Studie über Meister Eckharts Mystik im Unterschied von östlicher Mystik ( 35).

I. Allgemeines. Staat und Kirche.

Eine zusammenfassende Behandlung hat die preußische Geschichte im Berichtsjahre 1926 nur nach der negativen Seite hin erfahren. R.  F. Kaindls »Österreich, Preußen und Deutschland« ( 235) sieht im Entstehen und Erstarken Preußens und in der Verwirklichung des kleindeutschen Reichsgedankens die verhängnisvolle Wendung der deutschen Geschichte, die das Ende der »großdeutsch-mitteleuropäischen (!) Bestrebungen« und damit die Katastrophe von 1918 herbeiführt. Um diese These zu erweisen, werden Preußens Leistungen mit einer Geflissentlichkeit herabgesetzt, die die längst korrigierten Übertreibungen der kleindeutschen Geschichtsschreibung weit hinter sich läßt. Eine Auseinandersetzung mit K. ist hier im einzelnen nicht möglich. Wenn sein Buch freilich nicht nur »der geschichtlichen Wahrheit« zum Siege verhelfen, sondern auch »die Kluft zwischen den Volksgenossen hüben und drüben« überbrücken will, so dürfte die von K. gewählte Methode kaum die richtige sein (vgl. auch S. 645).

II. Die Begründung des brandenburgisch-preußischen Gesamtstaates 1609 bis 1740.

Die Publikation der »Urkunden und Aktenstücke« ist von M. Hein ( 1055) mit einem 22. Bande fortgesetzt worden, der über die Beziehungen Brandenburgs zu Polen, Dänemark, Schweden, Braunschweig-Lüneburg und Ostfriesland während der letzten Lebensjahre des Großen Kurfürsten Aufschluß gibt. Obgleich Vorarbeiten  F. Hirschs dem Herausgeber zur Verfügung standen, hat H. um der Einheitlichkeit des Ganzen willen durchweg unmittelbar aus den Akten geschöpft, wobei dem reichen Material die entscheidenden Stücke mit Geschick und Sachkenntnis entnommen worden sind. Als bedeutender Gesichtspunkt der kurfürstlichen Politik zeigt sich das Bestreben, die Selbständigkeit Hamburgs entgegen den Wünschen Dänemarks und Schwedens aufrechtzuerhalten. Den Abschnitt »Ostfriesland« erfüllt das Unternehmen gegen Greetsiel, mit dem die Festsetzung Brandenburg-Preußens an der Nordsee beginnt. -- Das Bedürfnis nach einer knappen, wissenschaftlich fundierten Biographie des Großen Kurfürsten bestand schon seit langem. Hatte doch die Sammlung der »Urkunden und Aktenstücke« den Quellenstoff zur Geschichte der äußeren und für wichtige Teile der inneren Politik Friedrich Wilhelms bereitgestellt, eine umfangreiche Spezialliteratur die wesentlichsten Probleme dieses denkwürdigen Herrscherlebens erörtert. H. v. Petersdorff hat die Aufgabe, die hier einer durchdringenden und zusammenfassenden Bearbeitung harrte, in glücklicher Weise gelöst ( 1053). Gründliche Benutzung des gedruckten Materials, ungekünstelte und sympathisch einfache Darstellung, sorgfältige gewahrte Distanz zu dem Helden, die Schwächen nicht übersieht, das wahrhaft Große aber ungescheut hervorhebt, das sind die Vorzüge dieser neuen Lebensbeschreibung Friedrich Wilhelms. Das Prinzip seiner Politik gegenüber Kaiser und Reich glaubt v. P. in jenem Wort zu finden, das der englische


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Gesandte Southwell im Jahre 1680 als Äußerung des Großen Kurfürsten aufgezeichnet hat :»Ich bin ein wahrer Deutscher und will es immerdar bleiben, und zwar ein solcher, als einem Kurfürsten von Brandenburg geziemt.« -- Hof und Regierungsverfassung Friedrichs I. hat W. Koch behandelt ( 1606), freilich mit Einschränkung auf die Ära Wartenberg, neben der die Periode des Danckelmanschen Einflusses und die Zeit nach dem Zusammenbruch des Günstlingsregiments nur in kurzem Überblick skizziert werden. Der an Umfang bedeutendere Abschnitt über den Hof erschließt die hannöverschen und sächsischen Gesandschaftsberichte als Quelle und vermittelt ein lebendiges Bild von der so unpreußischen Persönlichkeit Friedrichs I. und seiner an unheilvollen Männern reichen Umgebung. In der Darstellung der Verwaltungsinstitutionen gelangt K. zu Ergebnissen, die z. T. über O. Hintzes Aufsatz »Staat und Gesellschaft unter dem ersten König« (Aufsätze 1, 42--178) hinausführen. Dankenswert ist namentlich die schärfere Erfassung der zwischen Herrscher und Geh. Rat sich einschiebenden engeren Konferenz und die gründliche Behandlung des nach auswärtigem Vorbild geschaffenen Instituts des »Maître des Requêtes«. Das Lubensche Erbpachtprojekt wird nur kurz gestreift, was im Rahmen der gestellten Aufgabe gewiß berechtigt ist; es bedürfte endlich einer aktenmäßigen Untersuchung, wie sie bisher nur für Ostpreußen vorliegt. -- G. Wentz ( 465) verfolgt in einer Studie, die weitläufiges archivalisches Material zusammenträgt und geschickt verwertet, den rapiden Aufstieg und das schnelle Versinken der Familie Krautt unter den drei ersten Königen. Für die preußische Staats- und Verwaltungsgeschichte ist die interessanteste unter den lebendig geschilderten Persönlichkeiten Joh. Andreas Krautt, der es vom Kaufmannslehrling zum Generalempfänger der kurfürstlichen Truppen, zum Geh. Rat und schließlich zum dirigierenden Minister gebracht hat. Halb Finanzmann und kapitalistischer Unternehmer, halb Beamter, verstand er es, bei »Einnahme und Ausgabe« der öffentlichen Gelder »als ein kluger Wechsler und Negotiante« ein ungeheueres Vermögen anzuhäufen, der Typus eines profitsüchtigen, aber geschickten Geschäftsmannes, wie ihn das damalige Staatswesen bei der Unsicherheit seiner Einkünfte nicht entbehren konnte. --

III. Der Staat Friedrichs des Großen 1740--1786.

Die Serie »Behördenorganisation« der Acta Borussica hat mit dem im Berichtsjahre erschienenen XII. Bande das Ende des siebenjährigen Krieges erreicht ( 1609). Die Zentralbehörden in Berlin sind auch weiter in ihrer Wirksamkeit fast völlig gelähmt, die Provinzen, soweit nicht dauernd in Feindeshand, oft auf selbständiges Handeln angewiesen. Schwer leiden die westlichen Gebiete des Staates unter dem Druck der französischen und österreichischen Besatzung, der in Ostfriesland zu einem, freilich rasch zusammenbrechenden Bauernaufstand führt. Cleve, Mark, Mörs und Geldern schließen 1759 eine Konvention mit den Franzosen, durch die die bisher ungeregelten Kontributionen an Geld und Naturalien fixiert werden, müssen sich jedoch in den folgenden Jahren starke Erhöhungen der ursprünglichen Sätze gefallen lassen. Zu den preußischen Provinzen zählt de facto das Kurfürstentum Sachsen. Mit seiner Verwaltung ist das General-Feldkriegsdirektorium betraut, dessen Chef, der Minister v. Borcke, zu Ende des Jahres 1759 unter Bezeugung der königlichen Ungnade nach Berlin zurückgeschickt wird. Das Feldkriegsdirektorium wird nunmehr unter dem Geh. Rat Zinnow mit dem Feldkriegskommissariat vereinigt, ist aber noch mehr wie bisher nur ausführendes Organ des Königs. Die letzten Teile des Bandes berichten bereits von den Anfängen des Retablissements in Pommern und in der Neumark und von der Wiedereinfügung Ostpreußens in den Staatsverband. -- Eine letzte Ergänzung der deutschen Ausgabe der »Werke Friedrichs des Großen« bildet die von G. B. Volz herausgegebene Publikation über Friedrich im Spiegel seiner Zeit ( 1086), deren erster Band die Zeit bis zum Ausbruch des siebenjährigen Krieges umfaßt. Gestützt auf gründliche Kenntnis des gesamten Quellenstoffes hat V. die wesentlichsten Zeugnisse, die den Eindruck des großen Königs auf seine Mitwelt wiedergeben, zusammengestellt. Neben bereits bekanntem Material wird mancherlei bisher nicht Veröffentlichtes geboten, darunter der wichtige Briefwechsel Hilles und Woldens mit dem General v. Grumbkow aus der Küstriner Zeit und die aufschlußreichen Berichte französischer Diplomaten, in denen der König, sein Hof und sein Staat zusammenfassend charakterisiert werden. Die von M. Kutschmann sorgfältig ausgewählten Textbilder sollen den schriftlichen Äußerungen ergänzend zur Seite treten. -- Auch die lang entbehrte Ikonographie Friedrichs d. Gr. hat uns G. B. Volz geschenkt ( 1085). Sie vereinigt auf 40 Tafeln die wichtigsten bildlichen und plastischen Darstellungen, die über das Äußere des Königs Aufschluß geben. Eine Überschau über das uns vorliegende Material zeigt, daß wir uns kein völlig sicheres und verläßliches Bild


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von der Erscheinung Friedrichs machen können. Festen Anhalt bietet nur die Schilderung, die Karl August 1786 von der Gesichtsbildung des Königs entwarf, und seine, von Waldeyer so schön beschriebene Totenmaske, die auf den beiden letzten Tafeln des Werkes wiedergegeben ist. -- Die von G. B. Volz besorgte deutsche Ausgabe des Briefwechsels zwischen Friedrich und seiner Schwester Wilhelmine ( 1087) wird durch einen zweiten Band abgeschlossen, der die Briefe der Jahre 1740--1758 enthält. Der Gewinn, den wir ihm verdanken, ist wiederum beträchtlich. Wir sind jetzt in der Lage, die Entwicklung des Verhältnisses zwischen dem Könige und der Markgräfin genau zu verfolgen und dadurch endgültig festzustellen, daß der Konflikt des Geschwisterpaares im wesentlichen durch Wilhelmine verschuldet worden ist, deren eigene Darstellung in den Memoiren sich als durchaus irreführend erweist. Sehr hübsch sind die zum ersten Male abgedruckten Reisebriefe Wilhelmines, ein liebenswürdiger Beitrag zur Geschichte der deutschen Italienfahrten. -- Großes Aufsehen erregten die von J. Richter herausgegebenen Briefe Friedrichs d. Gr. an seinen vormaligen Kammerdiener (besser: Geh. Kämmerer) Fredersdorf ( 1088), von denen bisher nur 40 Stücke bekannt geworden waren. Wir besitzen damit endlich den umfangreichsten Briefwechsel des Königs in deutscher Sprache und zugleich die Dokumente eines durch 25 Jahre bewährten Vertrauensverhältnisses. Fredersdorf verwaltete die königliche Privatschatulle, war der Mittelsmann in künstlerischen Dingen und wurde gelegentlich auch herangezogen, wo die hohe Politik die Dienste eines zuverlässigen Mannes aus niederer Sphäre erforderlich scheinen ließ. Er war, wie Voltaire sagte, »le grand factotum du roi Frédéric«, der an dem persönlichen Ergehen des kränklichen und hypochondrischen Fredersdorf ein rührendes Interesse nahm. So eröffnen die Briefe den Zugang zu bisher fast ganz verschlossenen Gebieten des Innenlebens des großen Königs. Daß die Richtersche Ausgabe für wissenschaftliche Zwecke nicht gedacht ist und ihnen auch keineswegs genügt, kann nicht verschwiegen werden. Die von dem Herausgeber gewählte Methode einer Vermischung von Briefabdruck und erklärenden Expektorationen, welch letztere überwiegen, ist wenig glücklich. Zu beachten ist die Besprechung von G. B. Volz (Forsch. z. brand.-preuß. Gesch., Bd. 39, 163 ff.), die auch wesentliche Richtigstellungen zur chronologischen Einreihung der oft undatierten Briefe des Königs bringt. -- Eine der wichtigsten Quellen zur Altersgeschichte Friedrichs, das Tagebuch des Marchese Lucchesini, liegt nun endlich in wissenschaftlich brauchbarer Ausgabe vor ( 1091), die  F. v. Oppeln-Bronikowski nach dem Manuskript des Geh. Staatsarchivs besorgt und G. B. Volz mit einer gut orientierenden Einleitung und reichhaltigen Anmerkungen versehen hat. Wer die schwer lesbare Handschrift Lucchesinis kennt, wird die Leistung der Herausgeber anerkennen und eine Reihe entstellender Lese- (oder Druck-?) Fehler in Kauf nehmen. Der wichtigste Vorzug der neuen Ausgabe besteht darin, daß das zeitlich früheste Heft der Aufzeichnungen, das im Manuskript versehentlich zu hinterst eingeheftet und demgemäß bisher dem Jahre 1783 zugewiesen worden war, nunmehr chronologisch richtig an erster Stelle steht. Über den Quellenwert des Tagebuchs kann kein Zweifel sein. Lucchesini pflegte, war er an der Tafel oder in vertrautem Gespräch gehört hatte, noch am gleichen Abend in knapp und nüchtern referierender Weise aufzuzeichnen, oft bezaubert durch die geistreiche und vielseitige Art des Königs, oft aber auch von Kritik erfüllt,

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wenn die Unterhaltung sich naturwissenschaftlichen oder ökonomischen Dingen zugewandt hatte, ein kühler und unvoreingenommener Beobachter. -- Bei dem ausgesprochenen Mangel an bedeutenden Memoiren zur preußischen Geschichte ist es besonders zu begrüßen, daß K. E. Schmidt-Lötzen seine Bearbeitung der Tagebücher des Grafen Lehndorff fortgeführt hat ( 1100). Die neu vorliegenden Teile umfassen die beiden Jahre 1786 und 1787, die Lehndorff teils in Ostpreußen, teils am Hofe verlebt hat, und enthalten zahlreiche wichtige Mitteilungen für die Zeit des Regierungswechsel. Lehndorff sah ihn voller Spannung herannahen, im Glauben, es werde sich ihm eine neue Laufbahn eröffnen, wenn der Sohn des geliebten August Wilhelm den Thron bestiegen habe, fand sich aber völlig enttäuscht.

III. Der Staat Friedrichs des Großen 1740--1786.

An Lebensbeschreibungen König Friedrichs ist aus dem Berichtsjahre nur W.  F. Reddaways »Frederic the great« zu erwähnen ( 1083), das in neuer, nur unwesentlich veränderter Fassung vorliegt. Es ist ein gut lesbares Buch, das in der Einschätzung des Königs etwa die Mitte zwischen Carlyle und Macaulay hält. Das Tatsachenmaterial ist im wesentlichen von Koser bezogen. Die Darstellung verweilt eingehend bei den diplomatischen Verhandlungen und den kriegerischen Vorgängen, deren Stätten der Verfasser selbst bereist hat, während die innere Politik nur höchst dürftig behandelt ist. -- Rühmend darf R. Witschis Buch über Friedrich d. Gr. und Bern genannt werden ( 109 a), gleich ausgezeichnet durch gründliche Verarbeitung des gedruckten und archivalischen Materials und durch Weite des Gesichtsfeldes. Ein eng begrenztes Thema ist hier aufs glücklichste im gesamteuropäischen Zusammenhange erfaßt worden. Grundtatsache aller Beziehungen zwischen Friedrich und der Schweizer Republik war die Nachbarschaft Neuenburgs und Berns. Darüber hinaus mußte sich letzten Endes das Auftreten eines neuen Machtfaktors im Zentrum Europas für Bern und die ganze Eidgenossenschaft als segenbringend erweisen, indem es eine Entlastung ihrer schwierigen Situation zwischen Österreich und Frankreich herbeiführte. -- Der Fall Trenck, der die Handhabe zu mannigfachen Anklagen gegen Friedrich d. Gr. geboten hat, erscheint durch die Publikation der auf ihn bezüglichen Aktenstücke und durch die eingehende Untersuchung von G. B. Volz ( 1096  f.) in durchaus neuem Lichte. Die einzige Quelle für den berühmten Liebesroman mit der Prinzessin Amalie ist Trencks eigene Erzählung seiner Lebensschicksale. V. weist nun nach, daß sie von Entstellungen, falschen Behauptungen und Selbstverherrlichungen wimmelt und daß Trencks Bericht über seine Beziehungen zur Schwester Friedrichs nicht mehr Glaubwürdigkeit beanspruchen kann, als etwa seine Darstellung der Schlacht bei Soor, die er im unmittelbaren Gefolge des Königs mitgemacht haben will, tatsächlich aber hinter den Festungsmauern von Glatz erlebt hat. Folgt man Trencks Angaben über seinen Eintritt ins Heer und über seine erste Bekanntschaft mit der Prinzessin Amalie, so bleibt für die ganze Liebesgeschichte überhaupt nur eine Zeitspanne von wenigen Wochen zur Verfügung! Solange also nicht irgendein objektives Zeugnis zugunsten Trencks spricht, wird man auf dieses pikante Zwischenspiel der hohenzollernschen Familiengeschichte wohl oder übel verzichten müssen. -- Die lockende Aufgabe einer Untersuchung über die Einstellung der sächsischen Regimenter in die preußische Armee hat G. Höhne nicht ganz glücklich gelöst ( 1103). Denn während die Vorgeschichte bis zur Kapitulation der sächsischen Armee breit, fast langatmig


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beschrieben ist, wird die Einstellung selbst allzu knapp behandelt, und über die fernere Geschichte der Regimenter erfährt man nur wenig. Verdienstlich und lehrreich ist ein abschließendes Kapitel über die Beurteilung, die das Verfahren Friedrichs in der zeitgenössischen Publizistik gefunden hat. Daß der Verfasser eine Anzahl wichtiger Quellen übersehen hat, zeigt C. Jany in seiner Besprechung des Buches (Forsch. z. brand.-preuß. Gesch., Bd. 39, 154). -- Der Sinn des siebenjährigen Krieges und die Frage, wie König Friedrich seinen Staat und sich in den Krisen dieses Existenzkampfes aufrecht erhielt, ist selten schöner und tiefer erfaßt worden als von H. Rothfels ( 1098). Er findet, daß nicht zufällige Umstände, wie der Tod der russischen Kaiserin, Preußen gerettet haben, sondern »die passive Kraft, die nie in der Passivität sich erschöpft, die Fähigkeit, unerschüttert fest zu bleiben durch Jahre gehäuften Unheils, diese von der Geschichte recht eigentlich dem deutschen Volke verhängte Aufgabe.«

III. Der Staat Friedrichs des Großen 1740--1786.

Einen äußerlich unscheinbaren, aber gehaltvollen Beitrag zur inneren Geschichte Preußens unter Friedrich II. bildet K. Wutkes Studie ( 1611) über die Dienstlaufbahn des späteren Ministers Fr. Gottl. Michaelis. Zahlreiche monographische Arbeiten dieser Art wären erforderlich, wenn wir unser


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Wissen von der Herausbildung des preußischen Beamtentums vermehrt sehen wollen. Das Verdienst, Michaelis entdeckt zu haben, gebührt dem schlesischen Provinzialminister v. Schlabrendorff, der den tüchtigen Mann nur ungern als Kammerdirektor nach der Kurmark abgab. -- Die »Geschichte des Arnoldschen Prozesses«, die  F. Graner ( 1612) nach einer bisher unbekannten Niederschrift des neumärkischen Regierungsrats Bandel publiziert, steht an Genauigkeit und Schärfe der Auffassung hinter den Aufzeichnungen des damaligen Präsidenten der Neumärkischen Regierung, des Grafen v. Finckenstein, zurück. So bringt sie für die Beurteilung der Vorgänge selbst nicht gerade Neues, berichtet aber anschaulich über die Schicksale der vom Könige so hart behandelten Räte. Dem Abdruck der Niederschrift geht ein Abriß des ferneren Lebensgangs Bandels voraus, der, 1786 reaktiviert, später Regierungsdirektor in Ansbach wurde und 1806 in bayrische Dienste überging. -- Mirabeaus »Monarchie Prussienne«, die bedeutendste Auseinandersetzung mit dem inneren System Preußens, hat H. Reißner ( 1108) einer sorgfältigen und eindringenden Kritik unterzogen. Er weist erneut nach, daß ihr wissenschaftliche Objektivität so gut wie ganz abgeht und daß der Wert dieser Streitschrift nur in der gründlichen Reaktion gegen Staat und Wirtschaft der friderizianischen Epoche beruht. Über diese Feststellungen hinaus, die sich mit den Ergebnissen von Hintze, Koser und Schmoller decken, gelingt es R., den Anteil der beiden Verfasser Mirabeau und Mauvillon schärfer zu scheiden und dadurch zu erkennen, daß der erstere, keineswegs auf die physiokratischen Lehren eingeschworen, die dahin zielenden Teile des Werkes nur mit seinem Namen gedeckt hat. Mirabeaus viel allgemeinere Forderung lautete nach R. lediglich: »Freiheit der Dinge und der Menschen!« --

I. Quellenkunde.

Wie im Vorjahre bietet die »Altpreußische Bibliographie«, die Ernst Wermke für die »Historische Kommission für ost- und westpreußische Landesforschung« bearbeitet hat, eine erschöpfende Übersicht über die Fülle der Einzelschriften und Abhandlungen, die im Jahre 1926 zur Landeskunde des alten Ordenslandes erschienen sind ( 38). Außer den Werken, die der »Geschichte« gewidmet sind, wurden auch naturwissenschaftliche Werke zur Meteorologie, Hydrographie, Geologie, Botanik und Zoologie berücksichtigt, soweit sie zur Kenntnis des Landes wesentliches beitragen. Nicht weniger ausführlich ist jene Abteilung der Übersicht gehalten, die einzelnen Personen und Familien gewidmet ist. Sie umfaßt auch Biographien und Ausführungen über gebürtige Ost- und Westpreußen, wie Corinth, Halbe, Herder, E. Th. A. Hoffmann, Kant, Schopenhauer, selbst wenn der Inhalt jener Arbeiten über den engeren Bereich der Landesgeschichte hinausgeht. Ob diese Maßnahme zweckmäßig ist, wird wohl erst die Zukunft erweisen. Dagegen dürfte es sich empfehlen, schon jetzt die Gliederung der Bibliographie in »Landeskunde«, »Geschichte«, »Wirtschaftliches und Geistiges Leben« zu verlassen, da diese Gebiete sich mehrfach überschneiden. Sie wäre zu ersetzen durch die Gruppen: »Landschaft« (= »Natur«), »Bevölkerungsgeschichte«, zu der auch die Geschichte


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einzelner Personen und Familien zu rechnen ist, »Politische Geschichte«, »Wirtschaftsgeschichte« und »Geschichte der geistigen Kultur«. Die Literatur zur Quellenkunde wäre unmittelbar nach der Erwähnung der Zeitschriften usw. zu behandeln. Einen sehr brauchbaren Überblick über die handschriftlichen Chroniken zur preußischen Geschichte bis zum Ausgang des 17. Jahrhunderts im Besitz der Danziger Stadtbibliothek gewährt  F. Schwarz in einem Hefte der »Kleinen Führer der Stadtbibliothek Danzig« ( 163). Seine knappen Angaben bieten wertvolle Anhaltspunkte auch den Forschern, denen der ältere, mehrbändige Katalog der Stadtbibliothek von Bertling und Günther zur Verfügung steht. Eine der wertvollsten Chroniken dieser Art »Das Handbüchlein Danziger Geschichte«, das 1594 durch Jacob Rhode in Danzig gedruckt wurde, ist durch Schwarz gleichzeitig herausgegeben ( 326). Sie geht auf eine ältere Vorlage zurück, deren erster, bisher bekannter Druck aus dem Jahre 1577 stammt und enthält wichtige Angaben, vornehmlich zur Baugeschichte Danzigs.

IV. Geschichte einzelner Landesteile und Ortschaften.

Als eine der anregendsten Arbeiten des Jahres 1926 ist die Untersuchung von  F. Schilling über die Entstehung von Frankfurt a. O. zu bezeichnen ( 589). Sie müht sich mit Hilfe philologisch-historisch genauester Interpretation des Materials, übrigens gestützt auf wesentliche (in einem Falle ungedruckte) Arbeiten von Vorgängern das oft angegriffene Problem zu lösen. Etwas gesuchte Gelehrsamkeit, Manieriertheit des Stils muß man der Forscherseligkeit des anscheinend noch jungen Verfassers zugute halten. Aber wenn es auch eingehender Nachprüfung manches Punktes (z. B. hinsichtlich der Mühlen, des Schulzenhofes [vor der Stadt?!]) bedarf, die mutige Art, in der Sch. die Untersuchung anpackt, ist doch erfreulich und sie rückt vor allem die Gründung in den großen Zusammenhang der ostdeutschen Geschichte. Und das hat er vor allem richtig erkannt und gefördert (wenn es auch nichts so ganz Neues ist), daß in jener Gegend bereits in den zwanziger Jahren des 13. Jahrhunderts von Schlesien her deutsches Wesen gefördert ist. Daß er ein vorbrandenburgisches, d. h. schlesisches Frankfurt in diesem Bilde stärker hervorhebt, das bedeutet doch einen wesentlichen Fortschritt.

IV. Geschichte einzelner Landesteile und Ortschaften.

Der Neumark ist abgesehen von den üblichen periodischen Veröffentlichungen des dortigen Geschichtsvereins vor allem für die Neuzeit Förderung erwachsen: in einer nüchternen, aber inhaltreichen Schilderung der allgemeinen Entwicklung Küstrins und seiner Kirchen- und Schulverhältnisse in den ersten Jahrzehnten des jetzigen Jahrhunderts (Festschrift anläßl. d. 25 jähr. Bestehens d. Vereins  f. d. Geschichte Küstrins hersg. von Thoma, Küstrin-Neustadt, K. Adler 165 S.) und in den Aufzeichnungen eines noch lebenden Fabrikanten, M. Bahr, der den Aufstieg von Landsberg an der Warthe in den letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts und um die Jahrhundertwende mit heraufführen half ( 1865). Ein nicht unwichtiges Erbregister des Amtes Reetz von 1590, das bisher auf dem Landratsamte in Arnswalde schlummerte, hat K. Berg, leider ohne Erläuterungen, herausgegeben ( 1862 a).

V. Wirtschaftsgeschichte.

Als Material zur Wirtschaftsgeschichte, kaum als mehr, muß eine größere Arbeit von E. Bahrfeldt gelten, die die Brakteten der Niederlausitz im 13. Jahrhundert aufzuzeichnen und zu ordnen unternimmt ( 1781). Ein reiches Münzwesen hat da bestanden, das durch das Zusammenstoßen meißnischer, magdeburgischer und brandenburgischer Interessen um so lebendiger wird. -- Ist die oben genannte Arbeit von Schilling über die Entstehung der Siedlung Frankfurt in erster Linie für die politische Geschichte von Bedeutung, so eignet einer anderen siedlungsgeschichtlichen Untersuchung vor allem die wirtschaftsgeschichtliche Note. W. Gley hat die Besiedelung der Mittelmark von der slawischen Einwanderung bis 1624 aufzuhellen unternommen ( 586). Der Vergleich mit der Schillingschen Arbeit drängt sich auf. Hier wie dort ein jugendfrischer Impuls, hier wie dort ein bedeutsames Stück märkischer Geschichte, hier wie dort eine tüchtige Leistung. Aber Gleys Rüstzeug ist doch zu schwach, um den Kampf mit solchem Thema zu bestehen. Der Anwendung der siedlungsgeographischen Methode hätte eine gleich starke Heranziehung der historischen Quellen und der historischen Literatur entsprechen


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müssen. Das, was jetzt geschaffen ist, bedarf fast in allen Punkten der Nachprüfung, wie es eine ausgezeichnete Besprechung durch den kundigen Heinrich Felix Schmid (Zeitschr. d. Savigny-Stiftg.  f. Rechtsgesch., 48, German. Abt., 1928, S. 619--626) mit Recht für ein paar Einzelheiten nachweist. -- Ein Stück moderner Kolonialgeschichte, die von Friedrich d. Gr. geschaffenen Siedlungen des mittleren Oderbruchs, ist von M. Lohmann bearbeitet worden ( 1861), doch hat die nur maschinenschriftlich erschienene Darstellung dem Referenten nicht vorgelegen. Die Besiedlung jenes Gebietes war dem Herrscher nur möglich gewesen infolge der Einnahmen, die aus anderen märkischen Landesteilen flossen. Wie zielsicher Friedrichs Vorgänger bei ihrer Feststellung vorging, zeigt uns eine erfreuliche Veröffentlichung von P. Schwartz ( 1860). Von 1718 bis 1719 hat Friedrich Wilhelm I. für die Neumark sehr eingehende, in höchst mühseliger Kleinarbeit gefertigte Verzeichnisse, sog. Klassifikationsregister herstellen lassen, die endlich einmal in die Hufenveranlagungen Ordnung bringen sollten. Diese in 14 Folianten niedergelegten Protokolle ganz zu veröffentlichen, ist unmöglich. Schwartz hat sich mit Recht darauf beschränkt, ihren Inhalt dorfweise (zunächst für die Kreise Landsberg und Friedeberg) in peinlich gearbeiteten Auszügen vorzulegen. Eine brauchbare Einleitung führt gut in die nicht leicht zu verstehenden Agrarverhältnisse jener Zeit und Gegend ein. Für die Agrargeschichte der Mark ist hier ein Material bereitgestellt worden, das dringend der Bearbeitung harrt. In zwei weiteren Bänden wird es abgeschlossen werden.

VI. Kirchengeschichte.

Den bisher nur baugeschichtlich behandelten Dominikanerniederlassungen der Mark hat  F. Bünger eine auf solidester Arbeit beruhende Schrift gewidmet, die zum erstenmal auf die Geschichte dieses Ordens Licht wirft ( 2020). Sie zerfällt in zwei Teile. Der erste befaßt sich mit Wichmann von Arnstein, jenem Urenkel Albrechts d. Bären, der der Gründer des ältesten Konventes der Mark, Neu-Ruppin, ist. Die Untersuchung einiger seiner Traktate und ihr Abdruck zeigen uns, daß auch auf brandenburgischem Boden die Mystik im 13. Jahrhundert Wurzel geschlagen hatte. Wichtiger aber ist der zweite Teil, eine unter stärkster Heranziehung der ungedruckten Urkunden und Handschriften, und das will sagen der inneren Ordensgeschichte, gewonnene Materialsammlung für die einzelnen märkischen Klöster. Das erscheint zunächst vielleicht wenig, aber es werden sich fortan kaum noch wesentliche Ergänzungen finden, und so ist dank dem Bienenfleiß Büngers, der wichtige Anmerkungen anfügt, der Grund für einen bedeutenden Teil der märkischen Kirchengeschichte gelegt. -- Der bereits in dem Bericht für 1925 (S. 511) angeführten Untersuchung über die Kirchenvisitation der Jahre 1540--1545 läßt V. Herold einen zweiten Teil folgen ( 2301). Abschließendes läßt sich noch nicht sagen, da wiederum nur ein Teilabschnitt gedruckt ist. Er stellt den Verlauf der Visitation von 1540 dar. Einleitend ist eine dankenswerte Tabelle der Visitationsakten nach Ort, Handschrift, Archiv und Druckort gegeben. Die kirchliche Oberbehörde, die damals bereits im Entstehen war, das Konsistorium, hat als Spruchkollegium eine weite Wirksamkeit entfaltet. Die Protokolle der Entscheidungen sind nicht mehr erhalten, aber der Zufall hat eine um 1700 durch den Konsistorialrat Lütkens angefertigte Sammlung von Entscheidungen für den Zeitraum von 1541 bis 1704 ans Licht gebracht. B. v. Bonin hat sie nach Ortschaften (also entsprechend dem Bereich jenes Konsistoriums für die Inspektionen


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der Alt- und Kurmark einschl. Beeskow-Storkow) veröffentlicht ( 2300). Das Material, das hier für die kirchliche Rechts- und für die Lokalgeschichte der Mark bereitgestellt wird, ist trotz vieler interessanter Einzelnachrichten naturgemäß sehr lückenhaft, und das wird noch verstärkt durch den vom Evangelischen Konsistorium der Mark Brandenburg veranlaßten Mangel einer Erläuterung. Auch hier macht sich wieder die Sünde gegen das Gebot historischer Forschung bemerkbar: Editionen über Editionen, aber keine wirkliche Durcharbeitung. -- Dem regsamen Herausgeber des Jahrbuchs für brandenburgische Kirchengeschichte, W. Wendland, verdanken wir einen lebendigen Einblick in das kirchliche Berlin um 1700 ( 2305). Anschaulich sind die verschiedenen Strömungen der lutherischen Orthodoxie, der Reformierten, des Pietismus in ihren Führern dargestellt. Die Kirchlichkeit des Hofes wird durchaus richtig gewertet, Armenwesen und Elementarschulwesen, die ja von dem kirchlichen Leben jener Zeit nicht zu trennen sind, werden in knappen Zügen dargestellt. Es bleibt zu wünschen, daß diese Studien sich erweitern, wie es für die französische Kirche Berlins bereits zu erwarten ist, und daß sie sich dann zu einem Gesamtbilde der neueren Kirchengeschichte Berlins abrunden. -- Mehr soziologisch als kirchengeschichtlich beachtenswert erscheint mir eine Zusammenstellung märkischer Pfarrergeschlechter, die in vier Generationen Pfarrer gestellt haben, von O. Fischer ( 444).

VII. Kultur- und Bildungsgeschichte.

G. Abb geht den Spuren nach, die die Bibliothek des Zisterzienserklosters Lehnin hinterlassen hat ( 95). So dürftig sie sind, der rege Wille des Ordens, an seinem Teile die geistige Kultur zu fördern, ist unverkennbar. Mit geringeren Mitteln hat später die Schule das geistige Niveau zu heben gesucht. Drei märkische Weihnachtsspiele aus dem 16. Jahrhundert sind dafür Zeuge, die J. Bolte erneut zum Abdruck bringt ( 2467 a). Ist die literarische Bedeutung auch nicht allzu groß, so werden wir uns doch des Wertes erfreuen, den die anspruchslosen Spiele als Zeitdokumente haben. Das erste der Spiele -- es stammt von 1541 -- ist eines der ältesten Erzeugnisse des Berliner Buchdrucks. Bei dem ersten Berliner Vertreter der schwarzen Kunst, dem ehemaligen Wittenberger Johann Weiß, setzt A. Potthast ein in seiner schicksalsreichen Geschichte der Buchdruckerkunst in Berlin ( 94), der Einleitung zu einer um 1865 abgefaßten Geschichte des Deckerschen Verlages, deren Druck nie beendigt worden ist.  F. Crous hat jene Einleitung nunmehr herausgegeben. Trotz ihrer Beschränkung auf die Zeit von 1540 bis 1864 und trotzdem die seitherige Forschung unberücksichtigt bleiben mußte, ist das Buch doch die beste Zusammenfassung. Der Herausgeber hat wenigstens in der Einleitung hier nachzuhelfen gesucht. Auch dem Berliner Buchhandel ist jetzt ein Geschichtsschreiber erwachsen. A. Georgi ( 2566) führt sie wenigstens bis 1825, d. h. dem Zeitpunkt, wo durch den Börsenverein der Buchhandel auf eine neue organisatorische Grundlage gestellt wird. Es wird deutlich, wie langsam sich der Berliner Buchhandel entwickelte. Erst nach dem Dreißigjährigen Kriege beginnt ein Aufstieg. Etwa von 1750 an, im wesentlichen durch die Handlungen von Haude und Spener, Nikolai und Voß, hat Berlin alle übrigen Buchhändlerstädte, abgesehen von Leipzig, überflügelt.

§ 51. Niedersachsen.

F. Busch.)

III. Die historische Landeskunde

Besonders zahlreich sind auch in diesem Berichtsjahre die Veröffentlichungen auf dem Gebiete der historischen Geographie. Von der Lichtdruckwiedergabe der »Topographischen Landesaufnahme des Kurfürstentums Hannover« aus den Jahren 1764--1786 ist die zweite Lieferung von 21 Blatt erschienen, welche die Fürstentümer Göttingen und Grubenhagen nebst der Grafschaft Hohnstein umfaßt ( 557). -- A. Herbst ( 558) behandelt in guter Verbindung historischer und geographischer Methode das Verkehrswesen der Landschaft zwischen dem Harz und dem Bergland der Oberweser, die von jeher eines der wichtigsten Durchgangsgebiete Mitteleuropas gebildet hat. Er legt zunächst bewußt das Schwergewicht auf die jüngere Zeit, für die eine reiche urkundliche Überlieferung vorhanden ist, und sucht dann auf Grund älteren Materials, zeitlich zurückschreitend, zu zeigen, daß oder inwieweit jene Verkehrswege auch schon im Mittelalter bestanden. Die Darstellung ist von eingehendem Quellenstudium und gründlicher Sachkenntnis getragen. Eine übersichtliche Karte erläutert die gefällige Darstellung. -- E. von Lehe ( 559) gibt eine Beschreibung der historisch-geographischen Entwicklung und der Verwaltungsgeschichte des ehemaligen Erzstiftes Bremen vom 13. bis zum 18. Jahrhundert, doch nicht des gesamten Gebietes, sondern nur von drei Verwaltungsbezirken, nämlich des Amtes Vörde, des Landes Wursten und des Gogerichtes Achim. Maßgebend waren für diese Auswahl die verschiedenartigen geographischen Grundlagen, die einen starken Einfluß auf die historische Entwicklung, besonders durch den Gegensatz zwischen Marschund


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Geestbezirken, ausüben, und die politischen Verhältnisse. Die sorgfältige und mühsame Veröffentlichung ist eine Vorarbeit zum »Historischen Atlas von Niedersachsen«. Ihr Wert wird durch drei vorzügliche Karten, ein Quellen- und Literaturverzeichnis und vor allem ein Register der Verwaltungsbezirke und Siedlungen noch erhöht. -- R. Martiny ( 560) erörtert die Kausalbeziehungen, die bei der Entstehung Osnabrücks gewaltet haben, wenigstens einige von ihnen, die sich in Lage und Gestaltung äußern. Da die Lage- und Gestaltungsverhältnisse Osnabrücks sich gleicherweise mit den Wandlungen der Ortsqualität auch gewandelt haben, behandelt er alle diese Verhältnisse gesondert von der ältesten bis zur neuesten Zeit, in der die Entstehung von Industrie in Osnabrück selber den alten, heimatlich beschränkten Rahmen gesprengt hat. Für die ältere Zeit hat der Verfasser eigene siedlungskundliche Forschungen getrieben. -- Eine auf eingehenden orts- und familiengeschichtlichen Studien beruhende Abhandlung  F. Buschs ( 563) beschäftigt sich mit der Vergangenheit des kleinen Dorfes Gretenberg bei Sehnde, das zu den 14 Dörfern des sogenannten »Großen Freien«, der vormaligen Amtsvogtei Ilten, gehörte. Auf eine allgemeine Ortsgeschichte folgt die Geschichte der einzelnen Höfe und ihrer Besitzer, sowie der Schule des Dörfchens, das jetzt zum Kreise Burgdorf gehört. Die Beziehungen der einzelnen Höfe zueinander veranschaulicht eine »Verschwägerungstafel«. -- Mit der Burg auf dem »Harlingeberg bei Vienenburg« beschäftigen sich zwei kleinere Abhandlungen. L. Schaar ( 566) setzt eine vorgeschichtliche Wallanlage aus lose aufeinander geworfenen Steinen voraus und erklärt daraus das Vorhandensein des erforderlichen Baustoffes für die schnelle Aufführung der Burg im Winter 1203--1204. Auf diese hier im Vordergrunde stehende Frage geht W. Lüders ( 565) nicht ein. Er liefert eine Monographie über die von Otto IV. im genannten Jahre als Reichsburg erbaute und unter seinem Nachfolger zur welfischen Territorialfeste gewordenen Burg. Die Geschichte von 1252--1291, dem Jahre der Zerstörung, wird in einem dritten und vierten Teile folgen. Alles in allem ein wertvoller Beitrag zur Entstehung der welfischen Landesherrschaft.

IV. Die allgemeine Geschichte in chronologischer Darstellung

wird durch zwei Schriftstücke eingeleitet, die H. Reimers ( 1030) aus dem Staatsarchiv Wiesbaden veröffentlicht. Sie beziehen sich auf Emder Ereignisse, die in ihren Folgen für das ganze Land von Bedeutung geworden sind und deren einheimische Überlieferung eine Ergänzung durch auswärtige Quellen willkommen erscheinen läßt. Beide sind wichtige Zeugnisse zur Vorgeschichte und Geschichte der Emder Revolution von 1595 und vermutlich von Geldenhauer verfaßt. -- H. Schmidt ( 1051) liefert die Fortsetzung des im Jahre 1895 in der »Zeitschrift des historischen Vereins für Niedersachsen« erschienenen ersten Teiles, welcher die Anfangszeit des Krieges in den Jahren 1625--1626 behandelte. Den Schluß bilden 15 Aktenstücke als Beilagen. -- P. Sattler ( 1194) berichtet »aus dem Nachlaß eines politischen Gefangenen«, des Göttinger Revolutionärs Georg Seidensticker (1797--1862), der wegen seiner Teilnahme an dem Aufruhr im Januar 1831 zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt und 1845 zur Verbannung nach Amerika begnadigt wurde. --  F. Sievers' ( 1202) Arbeit, die sich überwiegend auf ungedrucktes, im Staatsarchiv zu Hannover liegendes Material stützt, behandelt einleitend die hannoversche Politik in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und die Vorgeschichte der schleswig-holsteinischen Frage. Dann folgen der Beginn des Krieges, die militärischen Maßnahmen zu Lande und zu Wasser, die Stellungnahme Hannovers und die Ratifikation des Waffenstillstandes. In besonderen Kapiteln sind die Jahre 1848 bis 1849 und 1849--1851 behandelt. -- M. Warschauer ( 1224) bietet einen Ausschnitt aus der Biographie Johann Hermann Detmolds, des bekannten Vorkämpfers der Opposition im hannoverschen Verfassungskampfe der Jahre 1838 bis 1848. Von dieser politischen Tätigkeit, nicht von seiner Eigenschaft als Abgeordneter zur deutschen Nationalversammlung im Jahre 1848, berichtet der Verfasser und baut seine Arbeit auf dem bisher unveröffentlichten und zum größten Teil unverwerteten Briefwechsel Detmolds mit Stüve der Jahre 1838 bis 1847 auf. -- B. Krusch ( 1225) gibt eine Skizze von dem Leben des Königs Ernst August von Hannover aus dessen Briefen an den Viscount Strangford, seinen intimen Freund, die einen so frischen und unmittelbaren Einblick in die Gedankenwelt dieses regen Geistes bieten, und würdigt ihre Bedeutung für das Verständnis der hannoverschen Politik. -- W. Mommsen ( 1226) schildert -- vor allem auf Grund der Göttinger Zeitungen -- die Wirkungen der revolutionären Bewegung auf die vor- und nachher so unpolitische Universitätsstadt. Diese Skizze sollte ursprünglich im Rahmen der Biographie Miquels, der von 1848--1865 in Göttingen lebte, veröffentlicht werden, gewissermaßen als Schilderung des Milieus, in dem sich Miquels Göttinger Leben abspielte. -- Th. v. d. Deckens ( 1248 d) Buch zeugt von treuer Liebe zum angestammten Herrscherhause, der auf der anderen Seite eine scharfe Verurteilung der preußischen Politik entspricht. Diese Einstellung hat aus dem Buche etwas anderes gemacht als der Titel erwarten läßt. Die persönlichen Erlebnisse treten vielfach vor politischen Exkursen in den Hintergrund.


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So besitzen die Erinnerungen nur zum Teil einen gewissen historischen Wert.

VII. Kirchengeschichte.

Zur evangelischen Kirchengeschichte der Neuzeit sind mehrere Beiträge zu verzeichnen. Nach Briefen in der Hamburger Staatsbibliothek stellt Th. Wotschke ( 2282) einige »Niedersächsische Mitarbeiter an den 'Unschuldigen Nachrichten'« zusammen: Pfarrer Bertram in Gifhorn, der seit 1716 in Braunschweig wirkte, der früh verstorbene Pfarrer Jansson in Oldenburg und vor allem Johann Anton Strubberg in Osnabrück, der später in Minden an der Marienkirche predigte. -- Das aus dem Mittelalter herrührende Patronat ist in den zum Lande Hannover vereinigten Gebieten auch bei der Einführung der Reformation beibehalten worden, soweit die Inhaber der Kollatur- und Patronatrechte sich dazu verstanden, von diesem Rechte im Sinne des Evangeliums Gebrauch zu machen, und besteht auch heute noch zu Recht. Über dieses Kirchenpatronat in Hannover handelt G. Arndt ( 2283). -- Zum 100. Geburtstage des ersten Vorsitzenden und Mitbegründers der »Gesellschaft für niedersächsische Kirchengeschichte« bringt der Herausgeber ihrer »Zeitschrift«  F. Cohrs ( 2284) zwei kleine Schriften aus Gerhard Uhlhorns Schulzeit und abgeschlossener Werdezeit in Erinnerung. -- Die kirchlichen Verhältnisse Ostfrieslands behandeln zwei Arbeiten.  F. Ritter ( 2285) teilt aus dem Staatsarchiv zu Aurich ein Gutachten der Emder Prediger an die fürsorgliche Gräfin Anna vom Jahre 1554 mit, das den einflußreichen Prediger Gellius Faber zum Verfasser hat. Es ist ein wichtiger Beitrag zu den ostfriesischen Konfessionsstreitigkeiten in diesem Jahrhundert und gewährt einen Einblick in die damaligen verworrenen seelsorgerischen Verhältnisse auf dem Lande. -- K. Weiske ( 2286) veröffentlicht mit einer umfangreichen Einleitung einen bisher ungedruckten Bericht über die ostfriesische Weihnachtsflut vom Jahre 1717 aus der Waisenhausbibliothek zu Halle, der kulturgeschichtlich von Wert und zugleich ein Denkmal


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für die Geschichte des Pietismus in Ostfriesland ist. Im Anhange folgt ein Verzeichnis der Ostfriesen und Oldenburger, die in Halle 1692--1744 studiert haben. -- O Hahne ( 2287) schildert die »Gründung und Einweihung des Klosters zur Ehre Gottes in Salzdahlum«. Es wurde im Jahre 1701 durch den Nachahmungstrieb eines auf Entfaltung äußeren Glanzes bedachten Fürsten, des Herzogs Anton Ulrich, der später zum Katholizismus übertrat, und den frommen Glaubenseifer seiner religiös empfindenden Gemahlin gestiftet.

II. Quellen und Darstellungen nach der Reihe der Ereignisse.

P. Richters knappe Darstellung der Entwicklung des Kieler Staatsarchivs ( 69) belehrt darüber, daß dessen Bestände, anfangs einheimische Archivalien aus den Amtsbezirken und Landschaften, erst durch die Abgaben aus dem dänischen Geheimarchiv in Kopenhagen (in den siebziger Jahren) sowie durch die Übernahme des bei der Preußischen Regierung in Schleswig entstandenen Archivs den heutigen Umfang erlangt haben. Entsprechend dem Gange der Landesgeschichte umfaßt die erste Hauptabteilung (A) Archive und Behörden, die sich auf das ganze Land oder größere Landesteile bis etwa 1866 beziehen, während die drei folgenden Hauptabteilungen (B--D) die territorialen und lokalen Archive und Behörden je eines der drei Herzogtümer, Holsteins, Schleswigs und Lauenburgs, ebenfalls vor der preußischen Zeit, enthalten. Die Archive der neubegründeten Behörden der preußischen Verwaltung und auch bestimmte Sonderarchive und Sammlungen sind als letzte Hauptabteilungen (E und  F) aufgeführt.

II. Quellen und Darstellungen nach der Reihe der Ereignisse.

In eindringender Untersuchung räumt H. Hofmeister ( 570) mit »allem romantischem Gestrüpp« auf, das die Erforschung der Anlage des sog. Limes Saxoniae bisher erschwert hat. Er weist überzeugend nach, daß die Nachrichten Adams von Bremen über diese Befestigung auf Urkunden mehrerer Kaiser beruhen, daß Schuchhardts Annahme nicht Recht behält, wonach es sich um ein Werk nicht fränkischer, sondern ottonischer Zeit handle. Vielmehr kommt er zu dem philologisch-historisch wie archäologisch wohlbegründeten Resultat, daß der Plan zur Errichtung des Limes im Jahre 818 vorhanden war, und daß der Limes


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selbst im Jahre 822 bereits bestanden hat. Demnach ist Ludwig der Fromme als der Schöpfer dieser Wallanlage anzusprechen. -- Die Erkenntnis der Vorgeschichte der schleswig-holsteinischen Erhebung sucht O. Brandt ( 1200) insofern zu vertiefen, als er die geistigen Strömungen, Romantik und Liberalismus, klarlegt, die sowohl auf dänischer wie auf deutscher Seite die politischen Gegensätze seit dem Ende des 18. Jahrhunderts beherrschten. Unter Abwehr der Polemik, die gegen sein Buch »Geistesleben und Politik in Schleswig-Holstein«, namentlich von O. Scheel, eröffnet wurde, wird von ihm der Nachweis erstrebt, daß nicht nur ein kulturelles, sondern auch schon ein politisches deutsches Nationalgefühl in dem Kampf der von Fritz Reventlow geführten schleswig-holsteinischen Ritterschaft für die Sonderstellung der Herzogtümer um die Wende des 18. Jahrhunderts zutage tritt und während der napoleonischen Zeit in dem Reventlowschen Kreise auf Emkendorf sich nur noch stärker erhob. Auch wird die Auffassung, erst Dahlmann sei der »Schöpfer« und »Vater« des »schleswig-holsteinischen Gedankens« und erst mit ihm beginne die Vorgeschichte der schleswig-holsteinischen Erhebung, auf Grund erneuter Behandlung von dessen Anfängen in Kiel nachdrücklich widerlegt. -- H. Hagenah ( 1247) ist vor allem der Errichtung der Zweiggruppe des deutschen Nationalvereins in Schleswig-Holstein im Jahre 1863 nachgegangen, die nach dem Tode ihres Begründers Theodor Lehmann von Graf Ludwig Reventlow, August Römer, Christoph Tiedemann geleitet wurde, und deren anfängliches Ziel schon die Einverleibung in Preußen war. Ihr gegenüber stand die konservative Gruppe der Ritterschaft, geführt von Carl Scheel-Plessen, die an dem Gedanken eines Gesamtstaates konservativen Charakters festhielt, der jedoch dem deutschen Element eine angemessene Stellung sichern sollte. Der Gegensatz zwischen beiden Gruppen kam in der Session der holsteinischen Stände 1863 scharf zum Vorschein, bis dann das Königl. Reskript vom 30. März 1863, das den engen Anschluß Schleswigs an Dänemark und damit die Zerreißung der Einheit der Herzogtümer verkündigte, den Anhängern des Nationalvereins die Oberhand gab. H. erweist eindringlicher als bisher, wie wenig die augustenburgische Bewegung ursprünglich Boden hatte, wie kaum je ein Prätendent seinem Lande fremder war als Herzog Friedrich VIII., wie erst die Abneigung gegen Bismarcks undurchsichtige Politik die Stimmung für den Augustenburger umschlagen ließ, und zwar eigentlich erst nach dem Tode Friedrichs VII. von Dänemark, wie aber selbst der Anwalt der Augustenburger, Karl Samwer, gegen die schleswig-holsteinischen »Aktionspolitiker« sich wandte, zu derselben Zeit, da auch von einem antiaugustenburgischen Standpunkte aus Scheel-Plessen immer noch in der Hoffnung auf ein Einlenken Dänemarks eine Kampfstellung vermieden sehen wollte. H.s gehaltvolle Arbeit bringt auch eine erwünschte kritische Übersicht über die wichtigsten Quellen und Darstellungen der augustenburgischen Bewegung. -- Die Angaben, die P. Lauridsen in seinem bekannten Werke über das Erwachen des dänischen Nationalgefühls im Herzogtum Schleswig mit Bezug auf Flensburgs nationalpolitische Stellung in den Jahren 1830 bis 1848 macht, werden von Chr. Voigt ( 1193) mit scharfer Kritik berichtigt oder ergänzt. V. zeigt an verschiedenen Beispielen, daß von L. nicht alle Quellen herangezogen wurden, die er hätte benutzen können, und daß er die ihm vorliegenden nicht gründlich genug ausgeschöpft, vielmehr einseitigen Berichten zu sehr Glauben geschenkt hat, weshalb er auch zu einer schiefen Einschätzung

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von Personen und Tatsachen gekommen ist. Das Lager der schleswig-holsteinisch gesinnten Flensburger war nach V.s Feststellungen ganz erheblich größer, als L. zugeben will, ja ein nationales Dänentum gab es kaum in den ansässigen Bürgerkreisen. Von der Erweckung eines überwiegenden nationalen Dänentums in Flensburg kann demnach für die damalige Zeit nicht die Rede sein. -- Von A. O. Meyer ( 2140) ist in einer Miszelle, die zugleich in gewisser Hinsicht Bismarcks politische Haltung charakterisiert, ein Brief Windthorsts an den Präsidialgesandten des Deutschen Bundes Grafen Rechberg vom 27. August 1857 ans Tageslicht gezogen worden, in dem Windthorst den Versuch macht, Holstein das Recht auf eine lutherische Landeskirche abzusprechen, da der Begriff der »herrschenden Landeskirche«, wie der Gießener Jurist Linde hatte nachweisen wollen, mit dem geltenden Staatsrecht des Deutschen Bundes unvereinbar sei. Da jedoch ohnehin die dänische Regierung 1858 die ersten Paragraphen des holsteinischen Verfassungsgesetzes vom 15. August 1857 aufhob, war Windthorsts Mahnung erledigt. -- K. Alnor ( 1402) hat in dem bis jetzt erschienenen 2. Bande seines »Handbuches zur schleswigschen Frage« eine brauchbare Zusammenstellung interessanten Materials für die Zeit unmittelbar vor dem Weltkrieg und während dessen Verlaufs geliefert. Angesichts der großen Fülle von Zeugnissen, die hier zu Worte kommen, dabei freilich nicht immer in ihrem Wert genügend kritisch abgestuft werden, macht sich, wie der Verfasser selbst einräumt, ein »Mangel an synthetischer Kraft« bemerkbar. Doch ist das Werk in erster Linie als ein Buch für politische Orientierung und als Waffe im Grenzkampf gedacht und erscheint für diesen politischen Zweck geeignet. Am fesselndsten ist die Untersuchung über die dänische Neutralitätspolitik vor dem Weltkrieg. Die Verhandlungen zwischen dem dänischen Hauptmann Lütken und dem deutschen Generalstabschef v. Moltke 1906, anderseits die Erklärungen Eduards VII. in Kopenhagen 1908, mit denen sich A. besonders auseinandersetzt, verschafften Dänemark die willkommene Feststellung, daß beide Großmächte, Deutschland wie England, im Falle eines europäischen Krieges seine Neutralität wünschten, während Dänemark selbst bei jenen Erörterungen keinerlei Bindung eingegangen war. Der Zusammenhang zwischen der deutsch-dänischen Annäherung und der Nordschleswigschen Frage (Optantenvertrag 1907) wird durch A.s Darlegungen besonders klar. -- In dem von H. M. Johannsen herausgegebenen Sammelwerk ( 568) schildert K. Alnor, wie sehr der »Skandinavismus«, die Solidarität Schweden-Norwegens mit Dänemark, im 19. Jahrhundert auf die deutsch-dänische Frage Einfluß ausübte, bis diese Bewegung abflaute, als die dänische Forderung eines bewaffneten Eingreifens zu seinen Gunsten sich für Schweden als unerfüllbar erwies. --  F. Hähnsens ebendort erschienener überaus sachlicher Überblick über die Entwicklung der Nordschleswigschen Frage von 1864 bis 1918 und die Anwendung des Selbstbestimmungsrechts auf Nordschleswig nach Deutschlands Zusammenbruch zählt zu den besten Arbeiten, die über diesen Problemenkreis erschienen sind. -- Ebenda findet sich auch ein lehrreicher Bericht E. Schröders über das gegenwärtige dänische Vereins- und Zeitungswesen im Herzogtum Schleswig.

IV. Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Heimatkunde.

N. Haases ( 1835) gründliche, auf einem umfangreichen ungedruckten und gedruckten Material beruhende Arbeit erregt insofern allgemeines wirtschaftsgeschichtliches Interesse, als die verschiedenen Faktoren, die zur Entwicklung des gewerblichen Großbetriebs in Schleswig-Holstein geführt haben, auseinandergesetzt und gekennzeichnet werden. H. erklärt diese Entwicklung zum großen Teil sowohl aus der Tatsache, daß es sich hier um ein engbegrenztes Wirtschaftsgebiet handelt, das dennoch Durchgangsland war, wie aus der politischen Verknüpfung


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der Herzogtümer mit dem Norden und ihrer volklichen Verbindung mit dem Süden. Namentlich wird von H. klar herausgestellt, wie der den merkantilistischen Methoden sich ergebende Staat schon im 16., besonders aber im 17. und 18. Jahrhundert als Träger, Anreger oder Förderer weitverzweigter Unternehmungen statt der bisher diese Rolle inne habenden Städte sich betätigte. Die einzelnen Gruppen von »Gründern« fremder und einheimischer Herkunft, die Ursachen der Entstehung des Großbetriebs (Luxus, Bedarf, soziale Gründe, Staats- und Erwerbsinteressen) und die Arten desselben sowie die Betriebsformen werden sorgfältigst erforscht, auch der Übergang vom staatlichen Protektionssystem zum Freihandel nach 1770. Mit dem Jahre 1844/45, das die Neuregelung des Verkehrswesens in Schleswig-Holstein durch Aufkommen der Eisenbahnen brachte, schließt das gehaltvolle Buch ab. -- Auch G. Helmers zweibändiges Werk ( 1837), in dem ein geradezu überwältigendes Aktenmaterial verarbeitet ist, geht weit über eine bloße lokalhistorische Bedeutung hinaus und bildet einen der entscheidendsten Beiträge zur Geschichte der Feuerversicherung in Deutschland. Denn soweit sich bis jetzt übersehen läßt, liegt in Schleswig-Holstein, wie der Verfasser dartut, »die älteste in ununterbrochener Fortsetzung bis zur Gegenwart dauernde Entwicklung der Feuerversicherung« vor. Ja, noch mehr, H. weist im Gegensatz zu W. Schäfer nach, daß Schleswig- Holsteins Feuerversicherung von unmittelbarem Einfluß auf Deutschland gewesen ist, und zwar auf dem Wege über Hamburg. Den Anfang des Feuerversicherungswesens erblickt H. mit Recht in den Brandgenossenschaften oder »Brandgilden«. Ihre aus der Tiefe des Volkes geborene entscheidende Macht als ein das gesellschaftliche Leben der Bevölkerung beherrschendes Element, ihre bahnbrechende Wirkung auf die Umgestaltung der ländlichen Einigungsbestrebungen hat H. überzeugend ermittelt. So legte auch H. besonderes Gewicht auf die Erforschung der schriftlichen Satzungen sowie der Urkunden (Brandgilderollen) der Brandgenossenschaften. Die Frage, ob die altdänischen Schutzgilden auf das Entstehen der holsteinischen Brandgenossenschaften Einfluß gehabt haben, wird von dem Verfasser mit durchschlagenden Argumenten verneint. Dagegen muß es, wie M. Pappenheim (Zeitschr. d. Gesellsch.  f. schlesw.-holst. Gesch. 56) im Anschluß an H.s Forschungen ausgesprochen hat, unsicher bleiben, ob daraus, daß Satzungen von Brandgilden erst bald nach der Reformation in größerer Zahl in Schleswig-Holstein auftauchen, von H. der Schluß gezogen werden darf, daß hier nicht schon vor der Reformation auch Brandgilden entstanden seien. Durch H.s Buch ist zugleich die unentbehrliche Grundlage zu Studien über die öffentliche Feuerversicherung und damit über die Feuerversicherungspolitik geschaffen worden. -- H. M. Johannsens »Studien zur Wirtschaftsgeschichte Rendsburgs« ( 1838), die in der Hauptsache auf den Schätzen des dortigen Stadtarchivs aufgebaut sind, schildern zunächst die lebhaften Bemühungen der Rendsburger, für die Eiderschiffahrt und den gesamten Holzhandel des Amtsbezirks das Monopol zu erlangen, ein Streben, das im Anschluß an die Geschichte der 1424 entstandenen Schifferzunft vom 16.--18. Jahrhundert veranschaulicht wird. Es folgt ein kulturhistorisch ansprechendes Bild des Brau- und Schankgewerbes, das der Rat der Stadt vergebens zu monopolisieren suchte. --  F. Techen ( 697) kommt bei seinen Nachforschungen über die Straßennamen norddeutscher Städte zu dem Ergebnis, daß sie nicht dem Geheiß der Obrigkeit, sondern dem Volksmunde entsprungen

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sind, wobei folgende Ursachen bestimmend wirkten: hervorragende oder wichtige Bauten und Örtlichkeiten, Kaufgelegenheiten, die Anwohner nach Gewerbe, Stand, Heimat, Namen sonstiger Personen und Familien, charakteristische Zielpunkte, Eigenschaften und Gestalt der Straßen, Tiere, Sträucher, Blumen, oft in euphemistischem Sinne gebraucht, scherzhafte Anspielungen. -- Von B. E. Siebs ( 495) werden die anderwärts als Hausmarken auftretenden Eigentumsmarken, die älter und einfacher als Wappen sind, nach der Seite ihrer praktischen Verwendung auf der Insel Helgoland beleuchtet. Merkwürdigerweise dienten sie hier nicht an Häusern, aber um so mehr auf Grabsteinen, Fischerfahrzeugen (Schaluppen) und dem Schiffsgerät (namentlich Bojen) als Willens- und Eigentumszeichen. -- Was die Beiträge in A. Gloys Sammelwerke zur Geschichte der Stadt Kiel ( 297) anbetrifft, so sind sie an Wert ungleich. Fraglos stehen die feinsinnigen und grundlegenden Studien von C. Rodenberg über das Kieler Leben im 14. und 15. Jahrhundert sowie über die Stiftung der Universität wissenschaftlich am höchsten. -- H. Ehlers' Schrift über Altonas Vergangenheit ( 300) ist vor allem in den Abschnitten über das 17. und 18. Jahrhundert (Struensee und das Altonaer Zahlen-Lotto, Altonas Postwesen, fremde Einwanderer usw.) reich an neuen Aufschlüssen. -- Der 2. Band von R. Stöpels schönem Sylter Heimatbuch ( 299) bringt für den Erforscher der Volkskunde volle Ausbeute: dies gilt in besonderem Maße von den Kapiteln über Sitten und Gebräuche, die Sylter Tracht, über Fischfang, Schiffahrt und Handel, Gewerbe und Verkehr. -- Von hoher geistiger Warte aus, zugleich mit starker dichterischer Intuition ist Chr. Tränckners bedeutsamer Beitrag über Nordschleswigs Land und Volk in H. M. Johannsens Sammelband ( 568) geschrieben: es ist vielleicht die beste Einführung in das Kulturleben dieses heißumstrittenen deutsch-dänischen Grenzlandes.

V. Kirchengeschichte. Geistesgeschichte.

Th. Voss ( 2276) fördert die Kultus- und Kulturgeschichte Kiels durch die fast ausschließlich aus archivalischen Studien hervorgegangene Monographie des vermutlich aus Pommern stammenden Kieler Kantors Wockenfuß, der nicht nur den Einzelgesang, sondern vor allem den Brauch der Kantaten hochzuhalten verstand und überhaupt unter unsagbar schwierigen Umständen während der Kriegsjahre zu Beginn des 18. Jahrhunderts als Dichter und Komponist Bibelwort und Kirchenlied in Kiel wieder gehoben hat. -- Das ursprünglich annalistisch angelegte, dann nach alphabetischen Stichworten umgeschriebene, von dem Genealogen Moller in der alten Fassung wiederhergestellte Tagebuch des Flensburger Organisten Johannes Reinhusen, von  F. Gundlach umsichtig ediert ( 439 a), ist nicht bloß kirchengeschichtlich von Belang, sondern ermöglicht auch wichtige Schlüsse auf die Entstehung von Familiennamen: Berufsarten und Ahnen erweisen sich hier als besonders maßgebend.

I. Gesamtdarstellungen.

Die Siebenhundertjahrfeier der Reichsfreiheit war für Lübeck der Anlaß zu einer reicheren Publikationstätigkeit. Hier sei an erster Stelle die vom Senat veranlaßte »Geschichte der Stadt Lübeck« genannt ( 303). Darin arbeitet Fritz Rörig die großen Linien der mittelalterlichen


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Entwicklung heraus: das Vorwalten handelspolitischer Gesichtspunkte und den Anteil des Bürgertums bei der Gründung, die bedeutungsvolle Vorzugsstellung des Rates und die Auswirkungen seiner abwägenden Politik; sodann das Abgleiten von der Machtstellung des Stralsunder Friedens, die Bedeutung der Sundfrage, die Unvereinbarkeit hansischer Privilegienpolitik mit geschlossener Stadtwirtschaft und das Zutagetreten der Unhaltbarkeit europäischer Ansprüche in der Ära Wullenwever. Von hier ab, mit einer gerechten Würdigung Wullenwevers beginnend, nimmt Johs. Kretzschmar das Wort und führt durch die Jahrhunderte äußerer Liquidationen und Umstellungen, neuer Ansätze und ihrer Erschwerung durch innere Unruhen und Verfassungskämpfe. Dem Verfassungsmäßigen wird besonderes Interesse gewidmet. Den Ausklang der Arbeit bildet eine Betonung von Lübecks Selbständigkeit als Aktivposten der Nation. Besondere Aufsätze behandeln Lübecks bildende Kunst (K. Schäfer), die Musikgeschichte ( F. Jung), Lübeck als Pionier der Buchdruckerkunst (W. Pieth) und die Landschaft (K. Hinrichs). -- Das vom Denkmalrat besorgte, vorzüglich ausgestattete Lübecker Heimatbuch ( 303 a) gibt Einblicke in alle Lebensgebiete der Stadt und vermittelt durch reiche Literaturangaben die Möglichkeit tieferen Eindringens. Zu bedauern ist nur der Mangel eines Ebenmaßes in der Behandlung der einzelnen Teilgebiete. -- Für Bremen gibt Wilh. Hardeg die erstmalig 1855 erschienenen »Bilder« von Johann Krüger ( 306), in Einzelheiten nach der neusten Forschung berichtigt und durch weitere Abschnitte bis zur Gegenwart fortgeführt, neu heraus. Dazu veranlaßte ihn der charakteristische Ausdruck hanseatischen Geistes, den er in dem Buch fand. Die einzelnen »Bilder« von Personen, Ereignissen und Zuständen, durch geschickte Verbindungen aneinandergereiht, lassen die Geschichte Bremens in anschaulicher Form lebendig werden. Vielfach sind bedeutungsvolle Urkunden -- lateinische in Übersetzung -- und andere zeitgenössische Äußerungen in den Text eingestreut und anschließend erläutert. Das Werk wendet sich an einen breiteren Leserkreis, wird aber in Einzelheiten auch dem Historiker von Nutzen sein.

II. Zeitgeschichte.

Die nachstehend genannten Arbeiten gelten zum Teil größeren Zeitabschnitten, sämtlich aber der Neuzeit. In einem Vortrag ( 305) entwirft Hermann Entholt in ansprechender Schilderung drei Bilder der Kultur, wie der politischen und wirtschaftlichen Lage Bremens gegen Ende des 16., des 17. und des 18. Jahrhunderts. -- Das Jubiläumsbuch der »Lübeckischen Anzeigen« »Lübeck seit Mitte des 18. Jahrhunderts« ( 304) bietet eine Sammlung kultureller Zeitungsaufsätze aus verschiedenen Gebieten. -- Im Rahmen eines Lebensbildes des Senators und späteren Oberappellationsrates J.  F. Hach gibt Johs. Kretzschmar ( 1164 a) nach Briefen und Aufzeichnungen ein Stück lebendiger Zeitgeschichte. Die schlichte, klare, starke und liebenswürdige Persönlichkeit dieses Senators von altem Schrot und Korn vertritt die Geschicke der Vaterstadt vor den französischen Gewalthabern der Okkupationszeit in Lübeck, Hamburg und Paris, wie auf dem Parkett der Diplomaten zu Regensburg, im Hauptquartier der Alliierten, auf dem Wiener Kongreß, beim Bundestag und bei der Ministerkonferenz von 1819 und darf schließlich mit edlem Selbstgefühl von sich behaupten, »mit Bescheidenheit, verbunden mit Ernst und Festigkeit, die Achtung für die Städte und den Glauben an ihre Nützlichkeit im Bunde aufs neue gegründet zu haben«. Die sympathieverwandte


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Einfühlung des Bearbeiters verleiht den Schilderungen besonderen Reiz. -- Viel breiter angelegt ist das Lebensbild eines Hamburger Zeitgenossen, Karl Sieveking, dessen 1923 erschienenem ersten Teil H. Sieveking, der Enkel, nunmehr den zweiten folgen läßt ( 1164). Zu der Breite der Darstellung veranlaßte den Bearbeiter nicht sowohl die Liebe zur eigenen Familiengeschichte, von der bereits das früher herausgegebene Lebensbild Gg. Heinr. Sievekings Zeugnis ablegte, als vielmehr die reizvolle Möglichkeit, im Rahmen dieser auf zeitgenössischen Quellenäußerungen aufgebauten Arbeit ein Bild des Sichdurchringens einer neuen Zeit zu entwerfen. Ein Romantiker, der sich schmerzvoll mit allen Regungen jener Epoche auseinandersetzt, mit dem eigenen Gedankenreichtum kennzeichnend für das Drängen ihrer jüngeren Generation, politisch der überzeugteste Vertreter des deutschen Einheitsgedankens gegenüber dem alten Hamburg, läßt Karl Sieveking im Briefwechsel die Besten seiner Zeit in sein Inneres blicken, am tiefsten die eigene Mutter. Mehr noch mit Wort und Schrift als mit der Tat begleitet er mitgestaltend das religiöse, politische und wirtschaftliche Werden. Der vorliegende Band läßt noch ausgedehnter als der erste den Briefwechsel in wörtlichen Auszügen reden. Darüber treten allerdings die Linien der Person etwas zurück. Der Band bildet noch nicht den Abschluß des gesamten Werks, sondern führt erst bis zu der 1820 erfolgten Berufung Sievekings zum hamburgischen Syndikus. -- Es mutet fast an, als wollte die reich erschienene Hamburger neuere Geschichtsliteratur gegen Baaschs Tadel, Hamburg mangele der vaterstädtische Sinn, Verwahrung einlegen. Böttiger stellt in einer Sonderuntersuchung den Wandel vom Kosmopolitismus zum Nationalbewußtsein an den Charakteristiken der Patrioten Friedrich Perthes, Ferd. Benecke, David Christian Mettlerkamp und Karl Sieveking dar ( 1129). Am eingehendsten behandelt er Benecke, weil er allein bisher noch keinen Biographen gefunden hat; nur kurz umreißt er das Bild Sievekings mit Rücksicht auf die oben besprochene Arbeit. Die einleitende Schilderung der Geistesverfassung Hamburgs um die Jahrhundertwende zeigt ebenso klare Linien, wie die Charakterschilderung der einzelnen Persönlichkeiten. Die abschließende Betrachtung der Wirksamkeit der Patrioten bei der Befreiung Hamburgs und im Hanseatischen Direktorium läßt nicht darüber im Zweifel, daß die gleiche patriotische Gesinnung immerhin nicht Gemeingut der gesamten Bevölkerung wurde. Eingehende Quellennachweise erhöhen den Wert der Arbeit, die mit Recht als ein auf kleinere Verhältnisse umgestelltes Seitenstück zu Meineckes »Weltbürgertum und Nationalstaat« auftritt. -- Als Teil einer Reihe städtegeschichtlicher Publikationen erscheint die neue Bearbeitung des Hamburger 19. Jahrhunderts von V. Dirksen ( 301). Mangels eines Besprechungsexemplars kann hier nur nach einer Äußerung von anderer Seite wiedergegeben werden, daß es sich dabei um eine illustrierte Zusammenstellung von Lebensbeschreibungen und Aufsätzen verschiedener Autoren handelt.

IV. Verkehr und Wirtschaft.

Von Hoheitsverhältnissen zum Verkehrswesen bilden einige Arbeiten über Flaggen- und Münzgeschichte die Überleitung. Die Entwicklung der lübschen Flagge verfolgt G. Fink ( 496) nach Schiffssiegeln, bildhaften Darstellungen und redenden Quellen mit dem Ergebnis, daß das von Weiß und Rot geteilte Tuch immer den Grundtyp dargestellt hat, besondere Anforderungen daneben nur Spielarten entstehen ließen -- so namentlich die Staatsflagge mit dem Adler. In systematischer Folge werden alle


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charakteristischen wehenden Zeichen betrachtet, von dem frühesten Flögel bis zu den jüngsten Dienstflaggen und Fahnen. -- Eine Hamburger Untersuchung von H. Reincke ( 497) geht auf Flagge und Wappen ein. In beiden kehrt das Rot-Weiß der alten Reichsfarben wieder (vgl. J. Kretzschmar in Lüb. Forschungen 1921). In einzelnen Fällen nur wich man vom roten Fahnentuch oder von dem Bilde der Burg ab. Beachtlich sind zwei Feststellungen Reinckes: daß der besonders gestaltete Mittelturm der Burg einen Kirchenturm als Symbol des erzbischöflichen Stadtherrn darstellt, und daß das ursprünglich der Farbe des Backsteins entsprechende Rot der Wappenburg später in Weiß verkehrt wurde, um sich ohne umgebenden Schild vom roten Flaggentuch abzuheben. Nebenher gibt die Arbeit originelle Mitteilungen über die Flaggenausrüstung hamburgischer Schiffe und erörtert -- auf Egmont Zechlin gestützt -- Hamburgs Anteil an der schwarz-weiß-roten Reichsflagge. -- Ein Aufsatz von Wilh. Jesse ( 1765) vertritt das späte 12. Jahrhundert als Ausgangstermin der hamburgischen Münzgeschichte. Auch abgesehen von den Münzverträgen mit Lübeck, Lüneburg und den anderen wendischen Städten greift die Arbeit vielfach über das Hamburgische hinaus und bietet mancherlei zur niedersächsischen Numismatik überhaupt. Die Entwicklung wird bis zur Talerprägung und zu dem münzpolitischen Eingreifen des Kreises verfolgt. -- Mit einer handelsgeschichtlichen Studie führt H. Nirrnheim ( 1766) die neuen Hamburgischen Geschichts- und Heimatsblätter ein. Er setzt darin kurz auseinander, wie Amsterdam als Haupterbin von Utrecht durch Einbeziehung in das hansische Verkehrsnetz groß wurde, wie in der Amsterdamer örtlichen Hanse das hamburgische Element überwog und der Niedergang des Hamburger Bierhandels der Bedeutung Amsterdams entscheidenden Abbruch tat. -- Die Dissertation von Johanna Müller über Bremens Handel und Verkehr im Mittelalter ( 1767) ist ein Zeugnis dessen, was die reiche hansische Geschichtsliteratur für die Behandlung von Einzelgebieten hergibt. Bis jetzt liegt der erste Teil -- bis zur Aufnahme Bremens in die Hanse, im Jahre 1358 -- vor. Bei der reichlich akademischen Gliederung dieses »chronologischen Teils« wäre ein einstweiliger Überblick über das, was folgen soll, erwünscht gewesen. -- Völlig neues bietet eine erstmalig als Vortrag bekanntgegebene Lübecker Untersuchung  F. Rörigs ( 1768). Sie widerlegt den in der Wissenschaft fortgeerbten Irrtum, dem hansischen Kaufmann sei der reine Großhandel fremd gewesen. Um die Mitte des 14. Jahrhunderts repräsentiert ein ganz neuer Typ die Oberschicht des hansischen Handels: der Kaufmann mit ausgedehntem Schriftenverkehr, mit auswärtigen Vertretungen und weitreichenden Kreditgeschäften. In ihm erblickt Rörig den Vorläufer des modernen Kaufmanns und führt auf seine überlegene Technik wesentlich den Sieg Lübecks über Gotland zurück. Die Arbeit klärt ferner die Entwicklung des Lübecker Gewandschnitts. Dabei stellt sich für die Zeit um 1370 eine Gliederung der Handelskreise in vier Schichten heraus, deren oberste als reiner Großhandel einen Umsatz hatte, dessen Ausmaße die bisherigen Annahmen weit hinter sich lassen. -- Eine Dissertation von W. Braun ( 1767 a) über den Lübecker Salzhandel bis zum Ausgang des 17. Jahrhunderts erweitert die Kenntnis der Verhältnisse nicht wesentlich. -- Aus dem oben genannten Lübecker Heimatbuch ( 303 a) verdient hier der Aufsatz von R. Keibel hervorgehoben zu werden, weil er, auf zuverlässigen Studien beruhend, den ersten umfassenden Überblick über die

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lübeckische Wirtschaftsgeschichte seit Beginn des 19. Jahrhunderts bietet. Man sieht die Stadt aus primitiver Wirtschaft mit bescheidenem Bankverkehr und einem kaum den Namen verdienenden Fabrikwesen mehr und mehr hineinwachsen in das Zeitalter der Technik, die schweren Nachwirkungen der französischen Okkupation, die verkehrspolitischen Behinderungen durch Dänemark und die aus der gesamtdeutschen Entwicklung erwachsenen ernsten Probleme aus eigner Kraft überwinden und ihre Sonderstellung im Ostseegebiet behaupten, nur vorübergehend in ihrer Entwicklung ungehemmt, bis in den zeitgemäßen Ausbau der Industrieanlagen der Weltkrieg eingriff und die Stadt neuerdings in eine schwierige Verteidigungsstellung drängte. Die Urteile sind vielfach durch statistische Angaben belegt. Der einen Persönlichkeit, deren Bedeutung Keibel besonders unterstreicht, Emil Possehl, wird von E. Curtius ( 1842 a) ein Sonderaufsatz gewidmet. Der Verfasser bietet -- ganz unsystematisch -- »Erinnerungen«, zumeist Bruchstücke aus seinem freundschaftlichen Gedankenaustausch mit Possehl. Nimmt man daraus nur den Grundgedanken der Wirtschaftsdenkschrift von 1912, die Betreibung der Fehmarnlinie und die sichere Beurteilung der Lage zu Beginn des Weltkrieges, so hat man das Bild einer Führerpersönlichkeit von großem Ausmaß, wie sie in der Tat Emil Possehl über Lübeck hinaus für die deutsche Gesamtwirtschaft dargestellt hat. -- Ein Stück Gewerbegeschichte bietet W. L. von Lütgendorff anläßlich der Fünfhundertjahrfeier der Lübecker Malerinnung ( 1842 a), wobei er in richtiger Einstellung das Handwerkliche in den Vordergrund rückt, das im alten Maleramt mit der Kunst vereinigt war. An das Maleramt knüpfte bei der Einführung der Gewerbefreiheit 1868 die freie Innung an, die wiederum 1898 in die neue Zwangsinnung überging. In flüssiger Erzählung schildert der Verfasser Personen, Zustände und Leistungen und gibt dabei viele kulturgeschichtlich interessante Einzelheiten. Ein alphabetisches Verzeichnis aller bekannten Mitglieder des Amtes und der Innung ist beigegeben.

VI. Kirchengeschichte.

Während die Bearbeitung der profanen Bauwerke für die Lübecker Bau- und Kunstdenkmäler sich immer noch in Vorbereitung befindet, brachte das Berichtsjahr einen weiteren Halbband heraus, der die Klöster (St. Johannis, St. Katharinen, Burgkloster und St. Annen) behandelt ( 2012). Erschwert, aber auch in höherem Grade wünschenswert, erwies sich die Bearbeitung dadurch, daß die besprochenen Bauwerke zum größeren Teil heute nicht mehr in der alten Form vorhanden sind. Allein die Katharinenkirche ist unverändert auf unsere Zeit gekommen. Zum erstenmal erscheint an der Seite der beiden Bearbeiter Joh. Baltzer und Fr. Bruns als dritter Hugo Rahtgens, der für die bauliche Besprechung des Burgklosters, wie des St. Annenklosters verantwortlich zeichnet. Darstellung und Ausstattung halten sich in der bewährten gediegenen Form der früheren Bände. Deren Personalangaben haben sich im Gebrauch hie und da als ergänzungsbedürftig herausgestellt. Für die neue Veröffentlichung wird erst die Benutzung in dieser Hinsicht ein Urteil zulassen. -- Ein Verdienst um die Bremer Geschichte erwirbt sich R. Cappelle durch die im Auftrag der »Männer vom Morgenstern« besorgte und seit langem erwünschte Herausgabe ( 2055) der historisch hochbedeutsamen Nachweisung aller Güter und Rechte der Bremer Kirche, wie sie Erzbischof Johann Rode (um 1500) als Rüstzeug im Kampf um die Landeshoheit -- also natürlich im schärfsten Gegensatz zur Stadt Bremen -- niederlegte. Der Herausgeber benutzte den Cop. Brem. II. 42 a des Staatsarchivs Hannover als die älteste und zuverlässigste Abschrift des verlorenen Originals. Diese Handschrift aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ist nebenher durch den Übergang vom Mittelniederdeutschen zum Hochdeutschen auch sprachlich interessant. Abweichende Lesarten anderer Niederschriften zu berücksichtigen hielt der Herausgeber nur in vereinzelten Fällen für rätlich. Ein Orts- und Personenregister findet sich am Ende, ein Sachregister stellt die Inhaltsangabe dar. -- Über die Bremer mittelalterlichen Altarpfründen legt Emma Katz eine gründliche Dissertation vor ( 2054), die sich überwiegend auf stadtbremisches Material stützt und den gesamten Fragenbezirk


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einer abwägenden Betrachtung unterzieht (Zahl der Altäre, Benennung, Stellung, Dienst, Einkünfte und Korporationswesen der Vikare, Patronate, Pfründenkumulation, Verwaltung der Pfründen u. a. m.). Vielfach werden auswärtige Zustände zum Vergleich herangezogen. Insgesamt sieht die Verfasserin die Bremer Altaristenverhältnisse in günstigerem Licht, als etwa Sauerland die der Rheinlande oder Hashagen die westfälischen. In einem Exkurs, der das Wesen der Kommende untersucht, wird die Definition von Hinschius abgelehnt. -- Auch in der Arbeit von  F. Prüser über die Güterverhältnisse des Bremer Wilhadi-Stephani-Kapitels, deren mittelalterlicher Teil hier vorliegt ( 2013), nimmt die Behandlung der Altarpfründen einen verhältnismäßig breiten Raum ein, weil diese einen reicheren urkundlichen Niederschlag gefunden haben, als die Präbenden der Chorherren. Die Ausdehnung des Güterbesitzes wird durch eine beigegebene Kartenskizze veranschaulicht. In Einzelheiten fördert die Arbeit die bremische Topographie. -- Den im Vorjahre herausgegebenen Briefen des Hamburger Pastors Erdmann Neumeister läßt Th. Wotschke eine Auswahl aus dem Briefwechsel des 1713 als Superintendent nach Lübeck berufenen J. G. Carpzow folgen ( 2280), zum größeren Teil wieder an Cyprian gerichtet, zum kleineren an den Dresdener Superintendenten Löscher. Die Briefe äußern sich vom Standpunkte der Orthodoxie aus über die kirchlichen Verhältnisse Lübecks und Schleswig-Holsteins, bieten mancherlei Charakteristiken von Persönlichkeiten und widmen der Herrnhuter-Gründung Pilgerruh bei Oldesloe ein besonderes polemisches Interesse. In seiner Auswahl bestrebt sich der Herausgeber die etwas farblose Darstellung der Pilgerruh von E. Jacobs zu ergänzen. -- In einem Beitrag zur hamburgischen Kirchengeschichte behandelt K. D. Möller ( 2279) das Ringen des positiven Christentums mit dem Rationalismus in den Jahren nach der Franzosenzeit. Die treffenden Schilderungen der religiösen Ideen und ihrer treibenden Kräfte werden vollends lebendig durch eingehende Behandlung des Charakters und der Entwicklung ihrer Träger. Zur Kennzeichnung Gurlitts und Rautenbergs benutzt der Verfasser Gurlitts Nachlaß in der Staats- und Universitätsbibliothek, zum Verständnis M. H. Hudtwalckers dessen als Manuskript gedruckte und bis heute fast unbekannt gebliebene Selbstbiographie. Dem Aufsatz sind als Anhang briefliche Äußerungen aus dem Gurlittschen Nachlaß beigegeben, aus denen die Person Rautenbergs noch deutlicher hervortritt.

I. Allgemeine Quellenkunde, Bibliographie und Genealogie.

Als Bd. V der Reihe »Vom Mittelalter zur Reformation« veröffentlicht K. Burdach ( 199) unter Mitwirkung von G. Bebermeyer »Schlesisch-böhmische Briefmuster aus der Wende des 14. Jahrhunderts« aus der Sammelhandschr. Cod. Plag. 194 des Prämonstratenserstifts Schlägl in Oberösterreich, der Handschr. II 287 der Gymnasialbibliothek zu Schneeberg in Sachsen und der von K. Wutke (Darst. u. Quell. z. Schles. Gesch. Bd. 26 [1919]) entdeckten und von E. Schieche ( 406) und darauf im Bd. 61 [1927] der Ztschr. d. Ver.  f. Gesch. Schles. (S. 312 ff.) näher beschriebenen Handschr. I, 243 des Schweidnitzer Stadtarchivs. Unter kurzen Angaben über den Gesamtinhalt und das Abhängigkeitsverhältnis


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der genannten Handschriften werden die germanistisch wichtigsten Textstellen abgedruckt und erörtert. So liegt die Hauptbedeutung dieser Akademieveröffentlichung, die die »Texte und Untersuchungen zur Geschichte der ostmitteldeutschen Schrift- und Kanzleisprache von 1300--1450« eröffnet, auf sprachgeschichtlichem Gebiet, zugleich aber ist sie von hoher Bedeutung für das Werden und Wachsen der geistigen Kultur an der Schwelle der Renaissance, die von Böhmen und Mähren aus über Schlesien und die Lausitz nach Meißen zog. Erstaunlich ist die Mannigfaltigkeit des Inhalts und die Masse des in den Quellen gebotenen Materials, das alle Gebiete des notariellen, gelehrten und gesellschaftlichen Lebens berührt. Das auf S. 163 von Burdach aus der Schweidnitzer Handschr. (S. 87--140) angeführte Formelbuch mit Stücken aus der »Summa Cancellariae« des Johann v. Neumarkt, das eine große Anzahl neuer, bisher unbekannter Formulare enthält, und von Tadra zu seiner Ausgabe (Historicky Archiv, Prag 1895) nicht benutzt wurde, ist in der genannten Arbeit von E. Schieche zum Gegenstand einer besonderen Untersuchung genommen worden und hat sich als eine vollkommen selbständige Spielart der »Summa Cancellariae« erwiesen. -- Einen gedrängten Überblick einiger Ergebnisse dieser schlesisch-böhmischen Briefmuster gibt Burdach ( 2409) im Euphorion. Der letzte Abschnitt und der Schluß des vorletzten in dieser Betrachtung sind wörtlich einem Exkurs der Einleitung zur Quellenausgabe entnommen. -- Vom Corpus Schwenckfeldianorum erschien Vol. 7 ( 2197), das unter den 52 Dokumenten der Jahre 1540/41 C. Schwenckfelds »Confession unnd Erclerung vom Erkandtnus Christi vnd seiner Gottlichen Herrlichkeit« (Dez. 1541), die über die Hälfte des umfangreichen Bandes (S. 451--884) einnimmt, enthält. Im September 1539 hatte Schwenckfeld Ulm wegen der Unduldsamkeit der Geistlichkeit verlassen müssen und Zuflucht im Bruderheim nördlich von Eßlingen und auf den Schlössern von Freunden unter den Adelsfamilien in der Gemeinschaft Ulm-Justingen-Eßlingen gefunden. Unter seinen von dort ergangenen Korrespondenzen sind auch eine Anzahl Briefe an die Führer der Schwenckfelder in Schlesien gerichtet, so an Fabian Eckel von Glatz, die Gebr. von Pannwitz aus Glatz, Caspar von Wohlau, Caspar von Kittlitz zu Malmitz, Val. Crautwald und Joh. Sigismund Werner v. Rengersdorf. Die Korrespondenz mit Herzog Friedrich II. v. Liegnitz betr. C. Schwenckfelds Rückkehr nach Schlesien führte nicht zu dem gewünschten Erfolg. -- Als Sonderdruck aus dem später (1927) erschienenen Cod. dipl. Sil. XXXII (die Inventare der nichtstaatl. Archive Schlesiens. Kreis Sagan) veröffentlicht E. Graber ( 74) zugleich als Festgabe des Herzogs Howard zu Sagan an die Versammlung deutscher Historiker zu Breslau das Verzeichnis der historisch wichtigsten Stücke des eigentlichen herzoglichen Hausarchivs zu Sagan und ein vollständiges Verzeichnis der bis dahin dort befindlichen Urkunden und Akten der Registraturen der früheren Behörden des Fürstentums (jetzt bis auf wenige Einzelstücke im Breslauer Staatsarchiv deponiert), ferner die Manuskripte der hzgl. Lehnsbibliothek, deren Grundstock der umfangreiche und ungewöhnlich bedeutende Briefwechsel der Herzogin Dorothea zu Sagan, Herzogin von Dino (geb. 1793 als Tochter des Herzogs Peter von Kurland, der 1786 das Fürstentum Sagan erwarb), wie der ihres Vaters und ihrer Mutter bildet. Namentlich der die zeitgenössischen Ereignisse berührende Schriftwechsel der Herzogin mit Politikern aller Nationen, den Mitgliedern des Kgl. Preuß. Hauses, deutscher

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und ausländischer Herrscherhäuser, mit Gelehrten, Schriftstellern, Künstlern usw. bietet dem Historiker eine Fülle wertvollsten Materials. -- Dem (1891 erschienenen) fünften Bande der Geschichtsquellen der Grafschaft Glatz ließ der Verein für Glatzer Heimatkunde das erste Heft des sechsten Bandes, der das Handschriftenmaterial in und außerhalb der Grafschaft Glatz nach Wert und Bedeutung beschreiben soll, folgen. Landesarchivar i. R. Bretholz aus Brünn ( 162 a) beschreibt im vorliegenden Heft in altbewährter Weise die Handschriften des Glatzer Ratsarchivs, die mit dem Stadtbuch (1324--1412) beginnen und mit dem Schöffenbuch beim Dorfe Altheide (angelegt zirka 1809) endigen. -- Das im »Liber fundationis ep. Vratislaviensis (Cod. dipl. Sil. XIV.) und im »Register der Einkünfte des Bistums Breslau« (Darstell. u. Quell. z. Schles. Gesch. Bd. 3) als Quelle angeführte, doch nicht mehr erhaltene »alte Register« des Breslauer Bistums ist nach  F. Stolle ( 2056) anläßlich des Zehntkampfes des Breslauer Bischofs Thomas II (1270--1292) mit den schlesischen Herzögen entstanden. Dieses »antiquum registrum«, die großzügige Besitzstandsaufnahme des Breslauer Bistums, aus der der Liber fundationis einen Auszug darstellt, ist eine der ältesten schlesischen Geschichtsquellen insbesondere zur Geschichte der Kolonisation Schlesiens, die noch bis ins 16. Jahrhundert hinein benutzt worden ist. -- (Vgl. zur Quellenkunde auch unter Kapitel 7.)

Bibliographie:

Das von W. v. Boetticher ( 9) bearbeitete, sehr sorgfältige Register zu den Bänden 86--101 (1900--1925) des Neuen Lausitzer Magazins enthält wie seine Vorgänger Sach- und Personenregister, sowie Verzeichnisse der Nekrologe und besprochenen Schriften. --  F. Voigt ( 2209) gibt einen kritischen Überblick über die neueste Böhmeliteratur. -- Die von Lena Vogt ( 449) mitgeteilte Literatur zur oberschlesischen Familiengeschichte ist eine Vorarbeit zu Abt. I, Kapitel 5 des vorzüglichen oberschlesischen Literaturnachweises »Deutsches Grenzland Oberschlesien« (hrsg. v. K. Kaisig u. H. Bellée unter Mitwirkung v. L. Vogt, Gleiwitz 1927).

Genealogie:

Eine willkommene Ergänzung zu R. Jecht, Beiträge zur Görlitzer Namenkunde (N. Laus. Mag. Bd. 68) und H. Reichert, Die dten. Familiennamen nach Breslauer Quellen des 13. und 14. Jahrhunderts (Breslau 1918) ist die Jenenser Dissertation von H. Bahlow ( 723), die nach den Liegnitzer Urkunden und Handschriften bis zum Jahre 1399 die Taufnamen und die auf sie zurückgehenden Familiennamen geschichtlich behandelt. --  F. Reiche ( 610 a) schneidet in seinem Aufsatz »Die Herkunft des Peter Wlast« eine vielumstrittene, zugleich die staatsrechtliche Stellung Schlesiens im polnischen Staatsverband streifende Frage an, zu der  F. v. Heydebrand u. d. Lassa im 61. Bande der Ztschr. d. V.  f. Gesch. Schles. (1927) eine zum Teil gegensätzliche Stellung einnimmt. -- Zu der von  F. v. Heydebrand u. d. Lasa (Ztschr. Bd. 51, 134 ff.) bereits festgestellten Abstammung der Breslauer Bischöfe Thomas I (1232--1268) aus dem Geschlecht der Rawitsch und Thomas II (1270--1292) aus dem der Cechow weist J. Pfitzner ( 1961) nach, daß Thomas II. der Sohn einer Schwester Thomas I., also dessen Neffe war. Die letztere Arbeit ist zugleich ein wertvoller Beitrag zur Geschichte des Pfründewesens, da beide Bischöfe das Netz enger verwandschaftlicher Beziehungen im dynastischen Interesse nutzten. -- Nicht so sehr der amtlichen Tätigkeit des schlesischen Kammerpräsidenten Horaz v. Forno († 1654), über die der Autor sich die notwendigen Ergänzungen aus Prager und Wiener Archiven vorbehält,


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als dem in der Mitte des 18. Jahrhunderts in Schlesien erloschenen Geschlecht v. Forno, das -- wahrscheinlich italienischen Ursprungs -- aus Böhmen oder Mähren zu Anfang des 17. Jahrhunderts nach Schlesien kam, dienen E. Boehlichs ( 455) Untersuchungen hierüber.

II. Gesamtdarstellungen.

Die bedeutendste Neuerscheinung der letzten Jahre auf dem Gebiete der schlesischen Geschichte ist das stattliche Buch von J. Pfitzner ( 614), der unter scharfer kritischer Stellungnahme zu den in Betracht kommenden wissenschaftlichen Problemen nicht nur Schlesiens, sondern des gesamten kolonialen Nordostens den Versuch unternommen hat, trotz des noch fehlenden schlesischen Urkundenbuches eine Besiedlungs-, Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte des Breslauer Bistumslandes bis zum Beginn der böhmischen Herrschaft zu schreiben. Das von der Wissenschaft auf das lebhafteste begrüßte, nach mancher Richtung hin bahnbrechende Werk hat infolge des umfangreichen darin angeschnittenen Fragenkomplexes eine eindringende Würdigung aus berufener Feder erst jetzt erfahren. Diese Besprechung durch H. v. Loesch stimmt den Darlegungen Pfitzners im allgemeinen zu, vertritt aber in einzelnen Punkten vielfach abweichende Auffassung. Gegen die Darstellung Pfitzners, die in dem Ringen der Bischöfe mit der weltlichen Gewalt Herzog Heinrich IV. als geschworenen Feind des Bistums (S. 131) und als Grundzug seiner Persönlichkeit die »Feindschaft gegen die Kirche« (S. 122) hinstellt, wendet sich im diesjährigen Band der Ztschr. d. Ver.  f. Gesch. Schles. (Bd. 62, S. 65 ff) E. Mätschke, dessen Einwendungen sich im allgemeinen nur gegen die einseitige Darstellung Pfitzners über Heinrich IV. und gegen die ohne nähere Begründung erfolgte Beiseiteschiebung der durch Mätschke im Bd. 59 dieser Zeitschrift aufgestellten Behauptungen richten. -- Ein besonders großes Verdienst hat Pfitzner sich durch die weitgehende Heranziehung der durch die deutsche Forschung bisher nicht genügend berücksichtigten slawischen Forschungsergebnisse und vor allem des tschechischen Schrifttums erworben. Die dem Werke noch nicht beigegebenen Karten beabsichtigt Pfitzner im zweiten Teil seiner Arbeit beizubringen. -- W. Jungandreas ( 610) berichtet vorweg über die Ergebnisse seiner auf Grund des Lautstandes durchgeführten (1928 erschienenen) umfangreichen Untersuchung, »Beiträge zur Erforschung der Besiedlung Schlesiens und zur Entwicklungsgeschichte der schlesischen Mundart«. -- Dem 1922 von der Historischen Kommission für Schlesien veröffentlichen ersten Bande der Schlesischen Lebensbilder, der in kurzen Lebensabrissen 76 im 19. Jahrhundert in Schlesien hervorgetretene Persönlichkeiten behandelt, ließen die Herausgeber zugleich als Ehrengabe für den Breslauer Historikertag in vorzüglicher Ausstattung den zweiten Band ( 448) folgen. Zurückgreifend bis zur preußischen Besitzergreifung Schlesiens bringt derselbe aus der Feder sorgsam ausgewählter Mitarbeiter in zum Teil sehr eingehenden Biographien Einzelbilder von 60 führenden Männern aller Stände und Berufe Schlesiens, die sich in geschickter Anordnung für die friderizianische Zeit und die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts zu einem den Geist der Zeit trefflich veranschaulichenden Bilde runden. Von Gestalten, deren Bedeutung weit über die Grenzen der Provinz hinausgehen, seien nur genannt die Gesetzgeber Carmer und Suarez, der Philosoph Christian Wolff, der Romantiker J. v. Eichendorff, der Politiker Fr. v. Gentz, aber auch die schlesischen Provinzialminister Schlabrendorff und Hoym, der Oberpräsident Theodor v. Merckel, die Reformatoren des schlesischen


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Schulwesens K. A. Freih. v. Zedlitz und der Saganer Abt Joh. Ignaz Felbiger, der Opernkomponist K. Ditters v. Dittersdorf, der Architekt K. G. Langhans, der Dichter und Historiker Joh. Casp. Manso, der Begründer des Altkatholizismus Johannes Ronge usw. dürfen mehr als ein schlesisches Interesse beanspruchen. Aus der Reihe der jüngst Verstorbenen sind die Namen des Generals und Militärschriftstellers Kraft Prinz zu Hohenlohe-Ingelfingen († 1892), des Kardinals Kopp († 1914), des Mediziners Ehrlich († 1915), der Nationalökonomen K. Jentsch († 1916) und Gothein († 1923), des Historikers Rachfahl († 1925), des Geographen Partsch († 1925) usw. weit über Schlesien hinaus bekanntgeworden. Die beigegebenen Bildnistafeln sind zum Teil nach wenig oder gar nicht bekannten Gemälden, Stichen und Photographien ausgewählt worden.

III. Historische Landeskunde und Ortsgeschichte.

Über die Form der fränkischen Hufenstreifen geben die beiden Abhandlungen von W. Heinrich ( 607) und Joh. Langer ( 608), denen Flurskizzen beigegeben sind, Aufschluß. Beide, die südliche Oberlausitz behandelnde Arbeiten enthalten die Maßbestimmungen der fränkischen Hufe, die indessen infolge der Vermessung mit zwei verschieden langen Ruten nur selten mit dem gewollten Maß übereinstimmt. Die Besiedlungsgeschichte des Kreises Jauer von G. Schönaich ( 613) ist eine kurze kritische Zusammenfassung der in den Regesten zur schlesischen Geschichte wie in der sonstigen wissenschaftlichen Literatur gewonnenen Ergebnisse, die besonders durch das Herausarbeiten größerer Gesichtspunkte einen wertvollen Baustein zur allgemeinen schlesischen Siedlungsforschung darstellt. Seit A. Markgrafs Herausgabe der »Descriptio tocius Silesie« (Script. rer. Siles. XVIII, Breslau 1902) ist unsere Kenntnis über Barth. Stein, den Verfasser dieser ältesten Heimatkunde Schlesiens, in manchen Einzelheiten gefördert worden. Vollständig aufgeklärt ist jetzt die Entstehungsgeschichte dieser Beschreibung Schlesiens durch A. Schaube ( 117), nach dessen scharfsinnigen Feststellungen Stein den Plan zu einer Schrift um 1500 in Krakau bereits faßte und ihn, angeregt durch die Beschreibung Nürnbergs von K. Celtis (1502) und die (damals nicht in Erfüllung gegangenen) Hoffnungen auf die Begründung einer Universität Breslau, im vierten Jahre seines Rektorates der Breslauer Domschule (1504 bis 1505) im wesentlichen zur Ausführung brachte. 1512 nach Schlesien zurückgekehrt, fügte er die glänzende Beschreibung Breslaus hinzu, die das Werk mit zwei einleitenden Gedichten abschloß (1513), wozu später (1514 oder 1515) noch eine kurze statistische Zusammenstellung über Breslaus Kirchen und Altäre kam. -- In seinem die politische und geschichtliche Zugehörigkeit Oberschlesiens zum deutschen Kulturkreis beleuchtenden Abriß der Geschichte Oberschlesiens weist M. Laubert ( 337) nach, daß bis 1848 von irgendwelchen Beziehungen Oberschlesiens zu Polen nicht die Rede sein kann: Ohne den mindesten Zwang gewann das Deutschtum infolge seiner kulturellen Überlegenheit beständig an Boden und die deutsche Sprachgrenze rückte unaufhaltsam nach Osten vor. Erst die infolge der Unkenntnis der Berliner Zentralstellen vorgenommene systematische Polonisierung des oberschlesischen Volksschulunterrichts nach 1848 ließ die von außen hineingetragene polnische Propaganda wirksam werden, aber der Weltkrieg hat auch nach polnischem Zeugnis gezeigt, daß die Provinz in allen ihren Bevölkerungskreisen loyal war. -- Zum vielbehandelten Thema der Stadtgründungen im kolonialen Osten teilt G. Schön-


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aich ( 611) mit, daß von den 63 im 13. Jahrhundert in Schlesien gegründeten Städten nur etwa die Hälfte nach dem sog. ostdeutschen »Normalplan« mit dem viereckigen Markt (Ring) in der Mitte angelegt worden sind. Der Dreiecksmarkt (Neiße, Leobschütz) und der Straßenmarkt (Neumarkt, Nimptsch, Goldberg, Löwenberg usw.) sind deutliche Abweichungen von diesem Normalplan. -- Zur Topographie der Stadt Neiße veröffentlicht H. Dittrich ( 615) 29 Ansichten und Pläne der Stadt Neiße nebst Erläuterungen, angefangen mit Hartmann Schedels Weltchronik (1493), dem Städtehandbuch von Braun und Hogenberg ( 1591), dem etwa gleichzeitigen Hayerschen Plan von Neiße und dem Kupferstich von Math. Merian usw. -- Der älteren und mittelalterlichen Topographie und Befestigungsgeschichte wie der allgemeinen stadtbaulichen Entwickelung von Liegnitz, das Friedrich d. Gr. nach der Besetzung durch die Österreicher i. J. 1757 endgültig entfestigen ließ, dient die Arbeit von Fr. Pfeiffer ( 618). -- Die beiden Schriften von  F. Stolle zur ältesten Glatzer Geschichte ( 619 u. 620), die sich gegen die die deutsche Kolonisation der Grafschaft Glatz verneinende »Bretholzsche Lehre« (Geschichte Böhmens u. Mährens, Bd. 1) und deren Anhänger richten, sind nicht im Tone ruhiger, rein wissenschaftlicher Sachlichkeit gehalten, sondern stellen (besonders 619) eine heftige Polemik dar. Gleichwohl wirkt gegenüber der Bretholzschen Annahme einer »deutschen Stadt Glatz« mit »Mauern, Türmen und Toren« für das Jahr 1114 der Nachweis Stolles überzeugend, daß 1114 neben der slawischen Burg Kladsko nur eine dürftige slawische Siedlung oder »Vorburg« bestand, die auch 1184 nur ein slawischer Marktflecken (forum Cladsco) mit »forensis ecclesia« war und erst in der Periode der deutschen Kolonisation z. Z. Ottokars II. (1253 bis 1278) wirklich deutsche Stadt mit deutschem Recht wurde. -- A. Brückner ( 708) stellt die für Breslau angenommene Benennung nach dem Böhmenherzog Vratislaw I ohne hinreichenden Nachweis als eine Fabel hin und wirft die Behauptung auf, daß Breslau nach einem Slowaken resp. Polen benannt wurde.

Ortsgeschichten:

Die sechste Lieferung der Neubearbeitung der Stadt Görlitz von R. Jecht ( 333) (vgl. Jahresber. I, S. 536) führt bis zum Tode des geschäftskundigen Oberstadtschreibers, Politikers und Geschichtschreibers Joh. Haß ( 1544), der ein volles Menschenalter die Geschichte von Görlitz und auch der Oberlausitz wesentlich beeinflußte. Diese Fortsetzung, die auch die Einführung der Reformation in Görlitz behandelt, schließt den ersten Halbband ab. Das alphabetische Inhaltsverzeichnis soll am Schluß des zweiten Halbbandes folgen. -- Vornehmlich auf den grundlegenden Veröffentlichungen von K. Wutke über die schlesische Salzversorgung (Ztschr.  f. Gesch. Schl. Bd. 27 u. 28) und auf Wutkes großen Quellenveröffentlichungen Cod. dipl. Sil. XVII. und XXIV fußend, unternimmt W. G. Schulz ( 335) in dem bis zum Jahre 1611 führenden ersten Teil seiner auf zwei Bände geplanten Geschichte der Stadt Neusalz (Oder) den Versuch, die Entstehung und Bedeutung des Neusalzer Siedewerkes im großen Rahmen der allgemeinen Handels- und Wirtschaftsgeschichte in lebendiger, auch für weitere Kreise lesbarer Darstellung zu schildern. Besonders interessant sind die neuen Aufschlüsse über die Baisalzschiffahrt der späthansischen Zeit. Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts unternahm es die Schmidtsche Handelsgesellschaft zu Danzig bei Saabor ein Salzsiedewerk anzulegen und den Seesalztransport nach Schlesien in Wege zu leiten. Die Absatzverhältnisse


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beim Neusalzer Siedewerk sind in ein neues Licht gerückt. Der ausgezeichnete Buchschmuck ist ein Verdienst Günther Grundmanns. -- Anläßlich der 700-Jahrfeier der Stadt Zülz veröffentlichte der (1928 verstorbene) Nestor der oberschlesischen Heimatgeschichte Joh. Chrząszcz ( 339) einen ausgezeichneten Abriß der Stadtgeschichte, in dem von besonderer Bedeutung das die Zeit der Republik (1918--1926) umfassende Kapitel ist, das eine knappe allgemeine Geschichte des deutsch-polnischen Kampfes um Oberschlesien und der oberschlesischen Entwicklung ist. Von allgemeinem Interesse ist auch die beigegebene Geschichte des Lehrerseminars und der Präparandenschule in Zülz von J. Hanke und die Geschichte der Zülzer Juden von J. Rabin ( 2334). Namentlich die letztgenannte (populäre) Darstellung verdient Beachtung, zumal die Zülzer Judengemeinde nach der Vertreibung der Juden aus Schlesien (1582) mit der von Groß-Glogau die einzigen Zufluchtsstätten waren, in denen damals sich jüdisches Leben in Schlesien hielt. -- In diesem Zusammenhang muß auch die Breslauer Dissertation von  F. Bloch ( 2333) genannt werden, die nach einer guten Einleitung über die jüdische Einwanderung nach Schlesien während des zweiten schwedisch-polnischen Krieges eine mit einem Quellenanhang versehene Geschichte der Entwicklung der Judengemeinde in Militsch seit 1655 gibt. -- Von schlesischen Dorfgeschichten müssen zwei rühmend hervorgehoben werden. Das auf sorgfältigem Quellenstudium beruhende Heimatbüchlein von K. Lorenz ( 338) behandelt in charakteristischen Bildern die 700 jährige Geschichte von Riemertsheide, Kr. Neiße. Es ist mehr als eine landläufige Ortsgeschichte und kann mit dem ihm beigegebenen Quellennachweis zur Geschichte schlesischer Dörfer jedem Bearbeiter einer knappen Dorfgeschichte als Musterbüchlein empfohlen werden. Ein Heimatbuch in vornehmster Ausstattung mit zahlreichen gut ausgewählten Bild- und Kartenbeigaben ist der von R. Gottwald ( 334) herausgegebene Prachtband »Das alte Wüstewaltersdorf«, der den bisher besten Beitrag zur Geschichte des Eulengebirges darstellt und in seinem zweiten Teil (S. 55--106) eine ausgezeichnete Abhandlung über Weberei und Handel im Eulengebirge enthält.

IV. Rechts- und Verwaltungsgeschichte.

Das von A. Müller (Ztschr. d. Ver.  f. Gesch. Schles. Bd. 54, S.96 ff.) für verloren gehaltene Original der erstmalig von K. B. Klose in den »Neuen literarischen Unterhaltungen« (Breslau) II, 472 bis 481, abgedruckten »Tabula proscriptorum provinciae Nizensis« hat Pfitzner ( 1595) im Breslauer Staatsarchiv (Rep. 135 E 99 abc) wieder entdeckt und festgestellt, daß der Klosische Abdruck im allgemeinen zuverlässig ist. Die auf vier langen, an den Schmalseiten aneinandergehefteten Pergamentblättern erfolgte Verzeichnung dieser Ächtungen verlegt Pfitzner mit Müller in das vorletzte Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts und knüpft daran eine kurze in einen allgemeinen Rahmen gestellte Abhandlung über die Achtbücher als Vorläufer der Stadtbücher. (Vgl. auch Pfitzners obengenanntes Werk [614], S. 240 und 254 ff.) -- W. Biereye ( 1590) bringt auf Grund der Schöffenlisten in Schirrmachers Urkundenbuch der Stadt Liegnitz, zu denen er Berichtigungen gibt, als Hauptergebnis den Nachweis der zweijährigen Amtsperiode der Schöffen in Liegnitz im 14. Jahrhundert. -- Inwieweit die Glatzer Visitationsrolle vom Jahr 1653 (im Prager Landesarchiv) als Grundlage für die friderizianischen Kataster der Grafschaft Glatz gedient hat, läßt A. Blaschka ( 1874) unentschieden. Die 7600 Namen dieses als historische Quelle untersuchten Ferdinandeischen


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Glatzer Katasters, die abgesehen vom »Böhmischen Winkel« durchweg deutsch sind, lassen an der Stammeszugehörigkeit der Grafschaft für die Mitte des 17. Jahrhunderts keinen Zweifel. -- Ein Bild der schlesischen Beamtenlaufbahn des späteren preußischen und einzigen bürgerlichen Ministers Friedrichs des Großen, Friedr. Gottl. Michaelis († 1781), bis zu seiner Berufung als erster Direktor an der Kurmärkischen Kammer im Jahre 1767 gibt K. Wutke ( 1611). Er war ein Bruder des Glogauer Kaufmanns Karl Friedr. M., des Stammvaters des ersten bürgerlichen Reichskanzlers Dr. Michaelis. -- V. Loewe ( 1187) skizziert die politischen Ideen der frühesten Vertreter des Verfassungsgedankens in Schlesien an den Reformvorschlägen, die (1807--1817) einzelne Persönlichkeiten des schlesischen Bürgertums und Adels (Gebel, Elsner, Staatsrat v. Rehdiger, Freiherr Fritz v. Stein u. a.) -- freilich vergeblich -- für die Einführung einer allgemeinen Repräsentation machten. -- Zu den beiden in der Ztschr. d. Ver.  f. Gesch. Schles. abgedruckten Rechenschaftsberichten des schlesischen Etatsministers Grafen Hoym über den Zustand Schlesiens aus den Jahren 1787 (Bd. I, S. 130 ff.) und 1797 (Bd. 33, S. 355 ff.) veröffentlicht K. Wutke ( 1876) den Rechenschaftsbericht des langjährigen (seit 1816) schlesischen Oberpräsidenten v. Merckel vom Jahre 1840. Im Gegensatz zu Hoyms schönfärbenden Berichten ist diese umfangreiche Denkschrift seines Amtsnachfolgers eine der gewissenhaften Natur des Oberpräsidenten entsprechende Darstellung, wenngleich natürlich eine ganz objektive Schilderung der Zustände Schlesiens darin nicht erwartet werden kann. Neben den seit 1827 vorgeschriebenen periodischen Verwaltungsberichten ist dieser eingehende Rechenschaftsbericht daher eine Geschichtsquelle von besonderer Bedeutung.

V. Wirtschaftsgeschichte.

Über das seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts vorhandene Projekt einer Donau-Oder-Verbindung, deren Anfangspunkt nach den jetzigen politischen Verhältnissen nicht mehr Wien, sondern das an der Marchmündung liegende Theben sein wird, weil dann die gesamte Kanalstrecke bis Oderberg innerhalb der tschechoslowakischen Republik zu liegen kommt, handelt H. Anders ( 1873 a) in seiner Breslauer staats- und rechtswissenschaftlichen Dissertation, die mit statistischen Beigaben die Notwendigkeit dieser Verbindung für Schlesiens Industrie, Handel und Verkehr wie für die deutsche Wirtschaft und die außerdeutschen Staaten kurz beleuchtet und den Donau- Oder-Kanal als internationalen Verkehrsweg zwischen dem Schwarzen Meere und der Ostsee betrachtet. -- Der im achten Bande der Mitteilungen des Liegnitzer Geschichts- und Altertumsvereins (S. 204 ff.) begonnene, im neunten Bande (S. 104 ff.) fortgesetzte Beitrag von P. Mylius ( 617) zur Geschichte des Wasserbaues in Niederschlesien findet mit einem Nachtrag über die Mühlen des Liegnitzer Mühlgrabens und weiteren Abhandlungen über die Liegnitzer Gewässer usw. ihren Abschluß. -- Dem im neunten Bande dieser Liegnitzer Zeitschrift vorangegangenen Aufsatz über die Geschichte der Töpferkunst in Liegnitz fügt K. Strauß ( 823) eine mit Abbildungen versehene Abhandlung über die infolge des reichen Tonvorkommens früher fast in jeder kleinen Stadt Niederschlesiens betriebene Herstellung von Topfwaren an, die aber trotz mancher bemerkenswerten Arbeiten nirgends die Blüte des Bunzlauer Tongeschirrs erreicht hat. -- Die bedeutende Kunst der handgewebten schlesischen Damastdecken im Zeitalter Friedrichs des Großen zeigen fünf Abbildungen durch A. Schellenberg ( 1875). Das Hauptzentrum der schlesischen


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Damastweberei, die die sächsische an feinster Qualität nicht erreichte, war Schmiedeberg und Hirschberg, doch wurde sie in und nach dem Siebenjährigen Kriege auch nach anderen Orten gebracht. -- Unter Berücksichtigung der allgemeinen Fragen des deutschen Innungswesens gibt G. Kersten ( 1706) eine quellenmäßige Darstellung der Brieger Bäckerinnung, die besonders durch den Abdruck der 1326 beginnenden Innungsurkunden einen brauchbaren Baustein zur deutschen Zunftgeschichte liefert. --  F. Stolle ( 616) erbringt den Nachweis, daß die in der (ca. 1300 entstandenen) Vita s. Hedwigis (Script. rer. Sil. II, 1--114) einmal als Lombardicum miliare, dreimal als Polonicum m. u. fünfmal als miliare ohne Attribut genannte gemeine schlesische Meile mit der Elle von Magdeburg nach Schlesien übertragen wurde und ein Merkmal deutschkolonialer Natur Schlesiens ist.

VI. Kirchengeschichte.

E. Michael's ( 1923 erschienenes, schnell vergriffenes) Buch »Das schlesische Patronat« erfährt eine grundlegende, weit über den Rahmen des ursprünglichen Werkes hinausgehende Neubearbeitung, von der bisher der erste Teil ( 2057) erschien. Auf die nicht glückliche Formulierung des Titels dieses Bandes (Die schlesische Kirche und ihr Patronat im Mittelalter »unter polnischem Recht«) hat H.  F. Schmid, der bei aller Anerkennung dieser Arbeit sich mit einigen Einzelheiten derselben auseinandersetzt, in der Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte XLVII. Bd., Kan. Abt. (1927), S. 448 ff., hingewiesen. Weder in dem 1815 mit Schlesien vereinigten Teil der Oberlausitz noch in der erst 1742 endgültig mit Schlesien verbundenen Grafschaft Glatz, deren vorkoloniale Kirchenentwicklung das Buch mitbehandelt, hat je »polnisches Recht« gegolten. Der von H.  F. Schmid formulierte Titel »Die schlesische Kirche in slavischer Zeit« wäre daher treffender gewesen. Abgesehen von diesem kleinen Schönheitsfehler ist der vorliegende Band, in dem die einschlägige polnische Literatur benutzt und gewertet wurde, von der Wissenschaft als ein sehr beachtenswerter Fortschritt gegenüber der bisherigen Forschung begrüßt worden. Das vorkoloniale Schlesien ist nach den Michaelschen Ergebnissen -- um nur das Wesentliche hier anzuführen -- nicht das kirchenarme Land gewesen, wie wir es bisher annahmen, vielmehr weist der Verfasser nicht weniger als 150 schlesische Kirchen, die noch dazu alle eine sehr erhebliche Landausstattung besaßen, in der slawischen Zeit nach. Ein landesherrliches Patronat hat es in der damaligen schlesischen Kirche, wie der der Kolonisationszeit, nicht gegeben. Die gegenüber den bisherigen Anschauungen völlig neuen Erkenntnisse über die kirchliche Organisation Schlesiens fußen auf einer fast erschöpfenden Quellenverwertung wie auf einer kritischen Würdigung der reichen ortsgeschichtlichen Literatur Schlesiens, so daß der vorliegende Band ein unentbehrliches Handbuch zur ältesten schlesischen Kirchengeschichte darstellt, zumal es an einer Geschichte der ältesten schlesischen Kirche bisher überhaupt fehlte. (Der zweite Teil des Michaelschen Werkes soll die schlesische Kirche unter deutschem Recht, der dritte Teil die Zeit von der Reformation bis 1740 und der vierte, jetzt in Vorbereitung befindliche Teil die Zeit von der preußischen Besitzergreifung Schlesiens bis zur Gegenwart behandeln.) -- Fr. Schubert ( 2081) gibt nach einer in der Breslauer Dombibliothek befindlichen, aus zwei Teilen (Teil I 1448, Teil II 1488) bestehenden Handschrift eine Schilderung des Breslauer Domgottesdienstes an den einzelnen Hochfesten und liturgisch hervorragenden


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Zeiten des Kirchenjahres um die Mitte des 15. Jahrhunderts, von dem mit der Veränderung der materiellen Grundlagen heute vieles verschwunden ist. -- Der St. Johannes-Ablaß (1460--1471), der der Stadt Breslau als eine Frucht ihres Widerstandes gegen Georg Podiebrad nach langwierigen Verhandlungen mit der Kurie zugestanden wurde, stellt sich nach den Untersuchungen darüber von E. Laslowski ( 2079) als eine ungemein ergiebige Einnahmequelle für Breslau dar, zumal der Zeitpunkt dieses Ablasses sehr glücklich gewählt war, da um Johanni in Breslau der große achttägige Jahrmarkt war, zu dem die Leute bis tief aus Polen und Rußland kamen. -- A. Zobel ( 2310) veröffentlicht die Fortsetzung und den Schluß seiner vorzüglichen Arbeit über die Durchführung der Reformation in Görlitz und der preußischen Oberlausitz (vgl. Jahresber. 1, S. 410 und 540). Die Reformation in Görlitz, wo alle Voraussetzungen für die Erhaltung des Alten vorhanden waren, zeigt besonders deutlich, wie wenig diese geistige Bewegung »etwas menschlich Gemachtes, sondern ... etwas geschichtlich Notwendiges« war. -- Die bisher fehlende Monographie über den Bischof Kaspar v. Logau (1562--1574) bietet die für die Entwicklung der religiösen Verhältnisse Schlesiens zu dieser Zeit grundlegende Darstellung von K. Engelbert ( 2144), die zugleich eine Fülle wertvollsten Materials zur Orts- und Personengeschichte enthält. Am Kaiserhofe erzogen, dann Lehrer des Erzherzogs Karl, Propst v. Leitmeritz (1551--1562) und Bischof von Wiener-Neustadt (1559--1562), als Günstling des Kaisers endlich durch den Einfluß der kaiserlichen Kommissäre zum Breslauer Bischof gewählt, zeigte K. v. L. anfänglich Eifer, dem Zustand der Auflösung, in dem die katholische Kirche Schlesiens sich damals befand, entgegenzuwirken. Bald aber sah er -- obwohl Oberlandeshauptmann von Schlesien -- passiv zu, wie der Protestantismus sich in seiner Diözese immer mehr entfaltete. Das Domkapitel, das zu retten suchte, was zu retten war, warf dem Bischof, der »nur darauf bedacht sei, Geld aufzuhäufen und sich um die Religion nicht kümmere« (S. 95) Nachlässigkeit und Geiz vor. Der Hauptteil des Bandes (S. 75 ff.) schildert sehr eingehend auf erschöpfender Quellenbenutzung die religiösen Zustände in den einzelnen Fürstentümern und Landesherrschaften Schlesiens durch eine mosaikartige Zusammenfügung von Einzelnachrichten. Engelbert will in seiner Arbeit nachweisen, daß die Reformation unter dem Druck der Städte und des Adels, nicht aber als Erfüllung eines allgemeinen Wunsches durchgeführt wurde. In dem noch fehlenden zweiten Teil dieser Biographie sollen die von Bischof und Domkapitel getroffenen Maßnahmen zum Schutze des Katholizismus näher behandelt werden. -- Die Geschichte der (um 1250 gegründeten) Allerheiligenkirche zu Gleiwitz von K. Kukowka ( 1962) ist ein wertvoller Beitrag zur oberschlesischen Kirchen- und Schulgeschichte. Beigegeben ist eine mit 1279 beginnende Statistik der Pfarrgeistlichen. -- Einen (etwas lückenhaften) Beitrag zur Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde wie der evangelischen Stadtschule zu Pleß (Oberschlesien), zugleich auch zur Sprachenfrage und Kolonisation in Oberschlesien liefert Schwencker ( 2310 b). -- Dem außerordentlich scharfen Urteil Matzkes (Die Generalkirchenvisitation der ev. Kirchen und Schulen im Fürstent. Liegnitz in den Jahren 1654, 1655 und 1674. Berlin 1854) über den Zustand der damaligen lutherischen Kirche und über ihre Pastoren und Lehrer in den Herzogtümern Liegnitz, Brieg und Wohlau (1648--1675) tritt Pastor Meyer ( 2310 a) auf Grund der Visitationsberichte mit der Anschauung

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entgegen, daß jene Generation ein so hartes Urteil nicht verdient. -- Als Fortsetzung seiner in den Jahrgängen X und XI der Ztschr.  f. Gesch. und Kulturgesch. Österr. Schlesiens begonnenen Arbeit »Der österreichische Anteil der Diözese Breslau nach den Visitationsberichten des 16. und 17. Jahrhunderts« bringt Morr ( 2145) den vierten Abschnitt des Teschener Kommissariats, der das Archipresbyterat Schwarzwasser behandelt. -- Der Grüssauer geistliche Historiker P. Nik. v. Lutterotti schildert den Grüssauer Abt Dominikus Geyer (1696--1726), der wie sein großer Vorgänger Abt Bernhard Rosa der Blütezeit dieses Klosters angehört, als tüchtigen Finanzmann und sorgsamen Abt, in dessen Leben indessen die großen Ereignisse fehlen ( 2145 a). -- Die religiös-politischen Spannungen und Verhandlungen, zwischen dem protestantischen aufstrebenden Preußen und dem katholichen Kaiserhaus der Habsburger, die die durch die Friedensschlüsse von Berlin, Dresden und Hubertusburg erfolgte Teilung des Breslauer Bistumssprengels in einen österreichischen und einen preußischen Anteil im Gefolge hatte, behandelt G. Pirchan ( 2146). Die leitenden kirchenpolitischen Gesichtspunkte beider Großmächte bei den vielfachen, erfolglosen Versuchen einer Lösung der Trennungsfrage durch einen gegenseitigen Austausch der fremdstaatlichen Diözösananteile sind scharf herausgearbeitet. Metternichs unverändert festgehaltener oberster politischer Leitgedanke, die Vormacht Österreichs unter allen Umständen zu wahren und darum das aufstrebende Preußen »jederzeit behutsam und fast unmerklich, aber doch nachhaltig beeinflussen zu können«, bedeutete schließlich die grundsätzliche Ablehnung der Erörterung der Frage einer reinlichen Scheidung der Diözesen nach Staatsgrenzen. -- Die Grundlinien des evangelischen Kirchenbaues in Schlesien skizziert A. Wiesenhütter ( 2310 c), der durch die Fülle des beigegebenen Bildmaterials dem Kirchenhistoriker, Kunsthistoriker und Architekten eine Fundgrube für Theorie und Praxis bietet.

2. Historische Landeskunde, einschließlich Ortsgeschichte.

O. E. Schmidt ( 609) bietet mehr volkstümlich als wissenschaftlich einen Überblick über das Wendentum in der Lausitz, hauptsächlich der sächsischen. Für weite Kreise sind offenbar auch die geschichtlichen Abschnitte bestimmt; wissenschaftlich enthalten sie kaum etwas Neues, aber sie sind gefällig geschrieben und erfüllen darum den Zweck der allgemeinen Aufklärung über die Einordnung der Wenden in das deutsche Volks- und Staatsgefüge. Denn sie sind nur der Rahmen für die Erörterung der Zeitfragen nach dem Woher und Wohin der Wenden gegenüber den radikalen Ansprüchen der Tschechen auf diese angebliche slawische Minderheit. Besonders scharf, aber mit Recht kehrt sich Schmidt gegen das einseitige und flache Machwerk von Vierset: Un peuple martyr ( 1923), dem er wiederholt dreiste Lügen oder Entstellungen nachweist. Dankenswert ist die Übersicht über die Literatur am Schlusse, während die Karte über die Verteilung von Wenden und Deutschen -- bei aller Anerkennung der Schwierigkeit dieser Aufgabe -- mit ihrer Anlage doch nicht klar genug das Zahlenverhältnis wiedergibt. Sehr hübsch sind die farbigen Trachtenbeigaben. -- In weiterem Zusammenhang mit dem gesamten geschichtlichen und kulturellen Leben der Lausitz behandelt O. E. Schmidt das Wendentum umfangreicher als früher in seinem zweiten Band der »Kursächsischen Streifzüge«, deren dritte erweiterte Auflage im Berichtsjahre erschien. Sonst enthält diese Neuauflage noch manche Verbesserungen, über die Schmidt im Vorwort berichtet. Vgl. auch die gut orientierende Besprechung von H. Beschorner im Neuen Archiv  f. Sächs. Geschichte 1926, S. 167. --

5. Kirchengeschichte.

Anni Koch ( 995) wendet sich scharf gegen Elisabeth Wagner (Luther und Friedrich der Weise auf dem Wormser Reichstag von 1521 in Ztsch.  f. Kirch. Gesch. (1923, S. 331--390) und im Hintergrunde gegen Max Lehmann. Diese sehen den ernestinischen Kurfürsten durchaus nicht als innerlich überzeugten Anhänger und klugen Schützer von Luthers Wort und Werk an, sondern erblicken in ihm eigentlich nur (wie schon früher Kolde) den Verteidiger von Luthers Person, weil Luther der berühmte Lehrer an der Universität Wittenberg, der Lieblingsschöpfung des Kurfürsten, war. A. Koch tritt dagegen ganz in die Fußstapfen Kalkoffs und sucht in der Hauptsache nach dessen einschlägigen Schriften klipp und klar zu erweisen, daß Friedrich der


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Weise in überlegener Diplomatie die Reformation gefördert und geschirmt hat, weil er unter Luthers Einfluß in Leben und Sterben eine echt evangelische Gesinnung erworben und bezeugt hat. Alle Forscher, die etwas gegen diese Auffassung vorzubringen haben, werden mehr oder weniger abgefertigt -- in der gleichen Art, wie etwa Kalkoff gegen alle Zweifler an seinem Huttenbilde kämpfte. Dabei bleibt doch auch bei so manchen Beweisstellen A. Kochs ungewiß, ob diese wirklich so auszulegen sind, wie sie (oder Kalkoff) es will. Es sind auch nicht immer nur »morsche Stützen in Nebenfragen der Beweisführung«, die zusammenbrechen können, ohne das ganze Gebäude zu gefährden (S. 236, A. 4), sondern mir scheint doch, daß die verbissen fleißige »Arbeit am Mikroskop« (S. 216) der Verfasserin (wie auch Kalkoff selbst) den Blick ins Weite getrübt hat.

III. Historische Landeskunde.

Die Historische Kommission für die Provinz Sachsen und für Anhalt, die älteste der Kommissionen Deutschlands, konnte 1926 ihre Fünfzigjahrfeier begehen. Aus diesem Anlaß würdigt W. Möllenberg in einem Rückblick die von der Kommission in den ersten fünfzig Jahren ihres Bestehens geleistete wissenschaftliche Tätigkeit und die Verdienste ihrer Begründer, Förderer und Mitarbeiter ( 7). -- Die Provinz Sachsen, ursprünglich eine künstliche Schöpfung, ist in mehr als hundert Jahren allmählich zu einem politisch, wirtschaftlich und auch kulturell einheitlichen Gebilde


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geworden. Wie dieser Prozeß verlaufen ist, zeigt die von H. Giesau im amtlichen Auftrage verfaßte Geschichte des Provinzialverbandes von Sachsen ( 1642). Lehrreich ist es, die Entwicklung und Bedeutung der einzelnen Zweige und den immer vielseitiger werdenden Aufgabenkreis der Provinzialverwaltung zu verfolgen. -- Ein historisch-statistisches Handbuch für den Regierungsbezirk Magdeburg war seit langem ein dringendes Bedürfnis, da das letzte derartige Handbuch (von Hermes und Weigelt) bereits aus dem Jahre 1842/43 stammt. Von dem neuen, auf die Initiative des Magdeburger Regierungspräsidenten Pohlmann hin in Angriff genommenen Handbuch liegt der erste, geschichtliche Teil vor ( 312). Der Verfasser, Hellmut Kretzschmar, gibt nach einer geographischen Einleitung und einem vor- und frühgeschichtlichen Überblick einen Abriß der Siedlungskunde und eine Übersicht über die Geschichte der seit 1816 zum Magdeburger Bezirk vereinigten Territorien. In zwei großen Kapiteln wird sodann die Geschichte des Regierungsbezirks selber bis auf die Gegenwart und endlich die Behördenorganisation behandelt. -- Als Ergänzung zu seiner Wüstungskunde der Kreise Bitterfeld und Delitzsch ( 581) legt G. Reischel, der Altmeister der Wüstungsforschung der Provinz Sachsen, die in jahrzehntelangen Studien gesammelten wüstungskundlichen Erfahrungen in einem groß angelegten und für die Wüstungskunde überhaupt grundlegenden Aufsatz nieder ( 582). Er behandelt vor allem die Verödung und ihre Ursachen, den Wiederaufbau der Wüstungen zu Dörfern oder Einzelgütern, die Lage der Siedlungen, die Entwicklung der Städte und Dörfer durch Aufnahme von Wüstungen und Zusammenschluß, die Größe der Dorffluren und die Zahl der Bewohner in früherer Zeit. -- Um 1250 hat sich in Anhalt unter Heinrich I. die Landesverwaltung zur Landesherrschaft ausgebildet. Die Entwicklung im einzelnen von den ältesten Zeiten an bis zu diesem Zeitpunkt wird von Arthur Schröder durch Zusammenstellung der urkundlichen Nachrichten nachgewiesen (